Die Prophezeiung
Ehe ich den Rand des einladenden Lichtscheins erreiche, streift mich ein wundersamer Wind. Er ist kühl, aber nicht kalt und nichts Böses liegt in ihm. Müdigkeit und Verzweiflung fallen von mir ab, ein fremder Wille heißt mich zu verharren.
Die Welt um mich herum versinkt in einem See des Schweigens und ein undurchdringlicher Nebel hüllt mich ein, entrückt mich in ein anderes Land und in eine andere Zeit.
Elrond ... Elrond ... Höre ...
Ehrfürchtig sinke ich auf die Knie nieder und neige mein Haupt. Nach so langer Zeit habe ich nicht mehr zu hoffen gewagt, die Stimmen der Erhabenen zu vernehmen. Sie schenkten mir die Weitsicht, bevor die Dunklen Jahre kamen, die mir meine Gesichte nahmen. Reglos lausche ich auf den lieblichen Klang, der mich umgibt, die Gegenwart der Ainur ist wie die wundervollste Musik, man vergisst sie nie und sehnt sich ein Leben lang nach ihr. Dann breite ich die Arme aus, um den Anhauch des Ewigen zu empfangen.
Elrond ... Höre, und bewahre diese Worte in Deinem Herzen, damit sie zur rechten Stunde über Deine Lippen kommen ...
Viele Verse legen die Valar mir dar. Ich nehme sie auf, als sei mein Körper ein Kelch für den kostbarsten Wein. Sie fließen dahin, durchdringen meine fleischliche Hülle und meine Seele. Ihr Sinn erschließt sich mir nicht – noch nicht, aber es wird geschehen und die Worte, die mich bangen und hoffen lassen, werde ich denen kundtun, für die sie bestimmt sind.
Der letzte Vers jedoch ist auch ein Zeichen für mich, denn er schenkt mir die Gewissheit, dass eine neue Zeit anbrechen wird, in der Frieden herrscht. ...
Aus Schatten geht Licht hervor;
Heil wird geborstnes Schwert,
Und König, der die Krone verlor.
Als ich in die Welt der Lebenden zurückkehre, hat sich tiefe Dunkelheit über das Land Mordor gesenkt. Noch immer treibt die schwarze Asche über die verbrannte und geschundene Erde. Doch die Nacht ist sternenklar und die schmale Sichel des zunehmenden Mondes erhebt sich im Osten. Ich grüße sie mit einem stillen Dank.
So viele Jahre musste ich den Schein des Mondes und der Sterne missen, der mir noch lieber ist als die hellen Strahlen der Sonne, die alles aufdecken, das Gute wie das Böse, das Schöne und das Hässliche. Im zarten Silberlicht jedoch verbirgt sich vieles und erscheint weicher ...
Gestärkt und befreit gehe ich in das Lager. Die zahlreichen Feuer sind beinahe heruntergebrannt und wer kann, ruht nach der gewaltigen Schlacht des vergangenen Tages. Doch viele sind verletzt an Leib und Seele, so dass der Schlaf sie flieht. Meine Ankunft bleibt nicht verborgen und sorgt für Aufruhr. Menschen und Elben bestürmen mich mit Fragen. Ich kann es ihnen nicht verdenken, aber antworten will ich ihnen nicht. Sanft, aber bestimmt, suche ich mir einen Weg aus der Masse der mich Umringenden. Es gibt nichts zu sagen, was nicht auch warten könnte, bis mein König seine letzte Ruhe gefunden hat.
Rasch sehe ich mich um.
An einem hastig aufgestellten Zelt flattert eine Fahne des Königreiches Lindon. Dorthin wende ich mich und man lässt mich unbehelligt gehen. Als ich das dämmrige Zelt betrete, stellt sich mir ein Elb in den Weg. Er ist ein wenig größer als ich, aber schlanker, seine langen Haare hat er zu einem Zopf gebunden, der ihm unordentlich über die Schultern fällt. Sein Gewand ist zerschlissen, seltsam heben sich die kostbaren, wenn auch beschädigten Arm- und Beinschienen von dem einstmals schönen Stoff ab.
Ich kann mich eines Lächelns nicht erwehren. Werden die Barden in späteren Zeiten auch von der Unansehnlichkeit eines elbischen Kriegers singen? Wir alle mögen vielleicht noch edel von Angesicht sein, aber nicht mehr von Gestalt.
Die müden Augen des Elbs sind dunkel umrandet und im ersten Augenblick erkennt er mich nicht.
"Es ist gut, dass Ihr wacht, Altarion", sage ich zu ihm, auch wenn es in dem bescheidenen Zelt nichts gibt, das des Schutzes bedürfte. Der Mann war einer der besten Hauptleute unter Gil-galad, verlässlich und mutig, und ihm unterstand die Sicherheit der Heimstatt des Königs in Lindon. Er handelt aus der Gewohnheit heraus und ich werde mich hüten ihn dafür zu tadeln.
"Fürst Elrond!"
Überraschung und ehrliche Freude klingen in diesem Ausruf mit. "Wir hielten Euch für schwer verwundet oder gar ..."
"Tot?"
Der Elb nickt.
"Dieser Kelch ist an mir vorübergegangen, Altarion. Und doch kann ich mich dessen nicht erfreuen. Lindon hat seinen Herrscher verloren und die Noldor ihren letzten Hochkönig." Meine Worte klingen gefasst, aber die Traurigkeit schleicht sich in mein Herz zurück. Und ich weiß, dass sie mich noch lange begleiten wird. Gil-galad war viel mehr für mich, als der Herr, dessen Herold und Bannerträger ich mit Freude sein durfte. In all den Jahren, in denen ich in Lindon weilte, wurde er zu einem Bruder im Geiste für mich. Und dieses Band verfestigte sich, auch als er mich mit der Regentschaft Eriadors betraute und ich mir mein eigenes, verborgenes Reich in Imladris schuf. Gil-galads Tod ist wie das Verblassen eines Lichtes in meiner Seele, denn ich weiß, dass nun viele der unseren Mittelerde verlassen werden, so wie sie es schon einmal getan haben.
Ich dränge diese bedrückenden Gedanken beiseite, später werde ich mehr als genug die Gelegenheit haben sie zu überdenken. Der Elb teilt meine Traurigkeit. Ich kann ihn kaum verstehen, als er murmelt: "Dann ist es also wahr. Ich habe es geahnt, gefühlt, und doch Hoffnung gehabt, bis zu diesem Augenblick."
"Altarion, verschließt die Trauer einstweilen in Eurem Herzen, denn ich habe einen Auftrag für Euch ...", beginne ich vorsichtig, als jemand den herabgelassenen Zelteingang heftig beiseite stößt und eintritt.
Es ist Círdan.
Er trägt die Farben Lindons, denn er kämpfte an unserer Seite, obwohl er zu den Teleri gehört, denen von den Noldor nichts Gutes widerfahren ist. Er hingegen war gütig, als er nach dem Fall Beleriands Gil-galad aufnahm und Gastfreundschaft gewährte. So ist es nur gerecht, dass er als neuer Herr über Lindon wachen wird, wie Gil-galad es vor wenigen Tagen bestimmt hat, sollte er selbst in der Schlacht fallen. Für mich bedeutete dies die Vorsicht eines umsichtigen Mannes. Aber vielleicht war es viel mehr als das – eine Ahnung des Unvermeidlichen.
Círdans Waffenrock ist dunkel von Blut und auch seine hellen Haare schimmern im Licht der wenigen Fackeln, die das Zelt nur notdürftig erhellen. Eine hässliche Wunde verunziert seine Schläfe.
Er wirft erst mir und dann dem Elb an meiner Seite einen Blick zu. Altarion verneigt sich vor mir. "Ich werde mich bereithalten, Herr Elrond", sagt er schnell. Dann verlässt er mit einer weiteren Verbeugung gegen Círdan das Zelt.
Der Meister der Schiffbauer schweigt, aber es ist ein beredtes Schweigen. Seine Augen mustern mich. Ich entbiete ihm keinen Gruß, sondern verhalte mich still. Es bedarf keiner Höflichkeit, denn sie würde nur verschleiern und sie ist dem Augenblick nicht angemessen. Eine Spannung steht zwischen uns, die sich plötzlich entlädt.
"Bei Elbereth! Was hat das zu bedeuten?" Círdans Stimme ist rau, er spricht gemessen, doch sein schmales, bärtiges Gesicht ist blass und ich habe ihn noch nie so aufgewühlt gesehen. Mit jedem Wort schwindet seine Beherrschung. "Der Mensch trägt einen goldenen Ring an einer Kette um den Hals. Und er hat sich verändert. Seine Augen scheinen in eine andere Welt zu blicken und seine Ohren lauschen einer Stimme, die nur er hören kann."
Círdan tritt auf mich zu und packt mich grob an den Schultern. Ich wehre mich nicht, warte ergeben, dass er fortfährt.
"Sauron ist in die Schatten geflohen und harrt seiner Vernichtung, Elrond! Ihr wusstet, was zu tun ist."
Wenn ich jemals einen Elb mit zornerfüllter Stimme habe sprechen hören, dann den Meister der Schiffbauer. Sanftmut und Warmherzigkeit, auch Strenge sind Círdan zu eigen, doch kein zorniges Gemüt. Ich kann ihn verstehen, aber er muss auch mich verstehen und darf mir nicht unbesehen die Schuld an dem Geschehenen zuweisen.
"Der Ring ..."
"Versucht Euer Glück, Círdan!" falle ich dem neuen Herrn von Lindon heftig ins Wort. "Möge es Euch holder sein, als mir. Nehmt Isildur den Ring ab! Aber dann solltet Ihr Euch für den nächsten Krieg bereit machen!"
Círdan sieht mich an. Sein Blick ist schwer zu deuten und die unterschiedlichsten Gefühle spiegeln sich in seinem bleichen Gesicht wider, aber plötzlich werden seine grauen Augen weich. Ein trauriges Lächeln huscht über seine schmalen Lippen und dann schüttelt er sachte den Kopf. "Es tut mir Leid. Ich wollte Euch keinen Vorwurf machen, Elrond. Ich glaube, ich verstehe."
Ich seufze.
Tut Ihr das? denke ich. Und dann deute ich hinauf, dorthin, wo der Schicksalsberg über uns aufragt, und sage: "Ich war dort. Mit Isildur. In den Sammath Naur. Er konnte den Ring nicht aufgeben und ich konnte ihn nicht dazu zwingen."
"Die Menschen sind schwach an Willenskraft, Elrond", wirft Círdan ein.
Ich weiß, er will seine vorherigen harten Worte gegen mich mildern, indem er einen vermeintlichen Makel der Zweitgeborenen nennt. Aber es wäre Unrecht und vermessen, und hieße, die eigene Verantwortung von sich zu weisen. Das eigene Scheitern nicht wahrhaben zu wollen.
"Was erhebt uns über die Menschen, Círdan? Es wäre ein Leichtes für mich gewesen, den Ring an mich zu bringen und zu vernichten. Doch ich habe es nicht getan. Aus Furcht, Círdan! Aus Furcht vor dem, was hätte geschehen können. Wir alle haben versagt, jeder auf seine Weise. Und damit werden wir leben müssen, im Guten wie im Bösen. Ich flehe die Valar an, dass das Böse uns fürderhin verschonen wird."
Mit diesen Worten wende ich mich ab. Ich bin zu aufgewühlt, und vielleicht sage ich etwas, das ich später bereue. Der Herr der Schiffbauer versteht, denn leise zieht er sich aus dem Zelt zurück. Er wird zu Isildur gehen und versuchen, da siegreich zu sein, wo ich mich geschlagen geben musste. Er wird keinen Erfolg haben, denn Isildur ist bereits in der betörenden Umarmung des Ringes gefangen, die ihm vorgaukelt, für den Verlust von Vater und Bruder zu entschädigen.
Mein einziger Trost ist Círdans Umsicht und Weisheit. Er wird keine Gewalt anwenden, sie ist nutzlos und würde eine schlimme Lage zu einer fatalen machen.
Besser ist es, abzuwarten und die Geschehnisse zu beobachten. Vielleicht gelangt Isildur zur Einsicht, dass der Ring als Zeichen für den Anbruch eines neuen Zeitalters steht, welches weise und besonnene Könige braucht, die die Wunden des Krieges mit zu heilen helfen. Vielfältige Aufgaben liegen vor Isildur und so hoffe ich, dass ihm nur wenig Zeit bleibt, sich am Besitz des Ringes zu ergötzen.
Bevor auch ich das Zelt verlasse, lege ich das Bündel mit den Bruchstücken Narsils sorgsam auf einen Haufen aufgeschichteter Decken, die ein einfaches Lager bilden und in denen der Geruch von Pferden und Menschen hängt.
Kein annehmbarer Ort für das Schwert eines Königs, mit dem große Taten vollbracht wurden und an das sich der Böse mit Schrecken erinnern wird. Man wird es in Ehren halten und Elendils Tapferkeit gedenken. Nicht nur unter den Menschen, auch unter den Elben, so wie wir unseres eigenen Königs gedenken werden.
Werden sich Sterbliche und Unsterbliche jemals wieder so nahe sein können wie in den alten Tagen? Durch Freude waren sie verbunden und mehr noch durch Leid. Fürwahr, wankelmütig war diese Verbundenheit, manchmal erstrahlte sie hell wie die Sonne und manchmal glimmte sie wie die verlöschende Glut. Aber niemals schwand sie ganz dahin. Denn zuerst war Morgoth, und dann kam Sauron ...
Ich verbanne diese Gedanken. Wer außer Eru vermag zu sagen, was die Zukunft bringt? Manchmal gewährt er den Elben einen Blick auf kommende Dinge – aber sie sind niemals ganz festgeschrieben, können sich verändern, unterliegen den Handlungen der Lebenden, die von vielfältigen Wünschen angetrieben werden. Es wäre eine trügerische Sicherheit, in der man sich wiegen würde: der Glaube, das Zukünftige zu kennen!
Es ist besser so.
Wissen kann nicht nur antreiben, sondern auch lähmen, wenn etwas Schreckliches am Ende des Weges lauert und man ihm nicht ausweichen kann.
Ein bitteres Lächeln huscht über meine Lippen, während ich in Gedanken den Weg gehe, der nun vor mir liegt; in der unmittelbaren Gegenwart.
Als ich das Zelt verlasse, wartet Altarion auf mich. Ein wenig unsicher sieht er mich an. Natürlich hat er meinen Wortwechsel mit Círdan gehört, wir waren laut genug. Aber ich gebe ihm keine weitere Gelegenheit zum Unbehagen. "Kommt Altarion!" sage ich zu ihm. "Wir haben eine Aufgabe zu erfüllen."
