Narn Gil Galad
von Earonn
Kapitel XIX – Der dritte Sippenmord
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Danksagung: an Ute, meinen Oster-Beta-Balrog, und an Vorondis für ihren stets guten Rat!
Widmung: für Erik, der mir so viel Kraft gegeben hat, als ich sie dringend brauchte, für alle von euch, die mir Daumen gedrückt haben, und für das freundliche Hotel "Zum Lamm" (jaja, das ist ein junges Schaf und in Neuseeland werden viele Schafe gehalten und...ach, hört bloß auf zu kichern!) in Pfungstadt.
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A/N
Jojo: wiederhole dich ruhig! Du weißt doch, daß wir Autorinnen uns von reviews ernähren. Ziemlich gut sogar, wenn ich so an mir herunterschaue. :)
Ithiliell: danke für die Ermunterung. Ich hoffe, die Länge dieses Kapitels macht die lange Wartezeit wett.
An alle meine LeserInnen: vielen Dank für eure Geduld. Ihr mußtet lange auf dieses Kapitel warten, während ich mich schamlos mit meinem Abitur vergnügt habe und, wie es ein gewisser Jemand ausdrückte, "Pfun in Pfungstadt" hatte. Tatsächlich wurden diese A/N in Pfungstadt geschrieben, an einem freien Tag zwischen den Klausuren in Latein und Deutsch. Oh schaut mal, es schneit! **** :)
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XIX – Der dritte Sippenmord
Nichts von den schrecklichen Vorgängen in Arvernien ahnend, lag der Hafen von Balar in Frieden und Stille. Eine Hebamme sang auf ihrem Weg entlang des Kais ein Lied von Willkommen und Freude, während einige Elben gemeinsam mit einem der Edain auf der Mole saßen und ihre Fischernetze beim Schein einer Lampe flickten. In leisem und beinahe singendem Tonfall erzählte einer von ihnen alte Geschichten. Die Flut hatte ihren Höchststand erreicht, die Wellen des Belegaer schwappten sacht gegen die hölzernen Pfähle der Laufstege und die algenbedeckten Steine.
Plötzlich wurden sie auf ein Schiff aufmerksam, das auf einer weißen Schaumkrone gefährlich schnell heranjagte. In dem Augenblick als das Boot wendete und mit der Seite so heftig gegen die Kaimauer krachte, daß die hölzernen Planken splitterten, kamen große Möwen vom offenen Meer herangeflogen und ihre schrillen Schreie klangen weit über den ganzen Hafen.
Einer der Fischerleute verstand. Er sprang auf und rannte zu dem Gestell, das die Große Glocke von Balar hielt. Einen Moment lang kämpften seine Finger mit dem schweren, dicken Seil bis es endlich frei herunterhing, und er zog mit seinem ganzen Gewicht daran. Ein, zwei, drei mal schwang die Glocke hin und her, dann gab sie ihren ersten Ruf von sich, laut und volltönend, die ganze Stadt herbeirufend.
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Gerade am Tag zuvor hatte Gil Galad einen Brief von Elwing über Maedhros' Nachricht und ihre eigene Antwort erhalten. Lange war darüber beraten worden, wie nun gehandelt werden solle, und noch immer hatten sie keine Entscheidung getroffen. Gil Galad zog es vor, noch keine Krieger zu senden, in der Befürchtung, dadurch den Streit noch weiter anzuheizen. Er hoffte, sobald Earendil erst einmal zurückgekehrt sei, könne eine gütliche Einigung erreicht werden. Damit wies er Celebrimbors Rat zurück. Der Meisterschmied hatte dringend empfohlen, wenigstens einen kleinen Trupp zu senden, er wußte nur zu genau, daß die Söhne Feanors den Silmaril niemals aufgeben würden. Doch selbst er unterschätzte die Macht des Eides, den seine Onkel einst geschworen hatten.
Während er den atemlosen Bericht der Elbenfrau anhörte, erkannte der Hohe König die Schwere seines Irrtums. Mit jedem ihrer Worte wurde sein Zorn deutlicher, spürbarer, wie heiße, stickige Luft, die den Raum erfüllte.
"Elben!", keuchte Círdan, "Ein dritter Sippenmord!"
Unwillkürlich schauderte Gil Galad angesichts dieses Wortes, dem Fluch seiner Familie.
"Wie viele?", fragte er.
"Ich weiß es nicht, Herr", antwortete die Elbenfrau, noch immer schwer atmend, "einige Dutzend auf dem Kai, doch der Rauch war zu dicht, um zu erkennen, wie viele bereits die Stadt erreicht hatten. Aber weiter oben in der Siedlung brannten Feuer."
Gil Galad wandte sich zu Argon um, der unbeweglich, aber angespannt dicht hinter ihm stand. "Schicke alle Krieger, die wir aufbringen können, sofort zu den Schiffen! Der Rest kann folgen."
"Dadurch wären wir womöglich zahlenmäßig unterlegen", wandte der Anführer der Wache ein.
"Ich bin mir dessen bewußt, doch dieses Risiko müssen wir eingehen. Es dauert Stunden, die Küste zu erreichen, wir können es uns nicht leisten, noch mehr Zeit zu verlieren."
Círdan legte eine Hand auf den Oberarm des Königs. "Sei vorsichtig. Sie werden kein Erbarmen haben, weder mit dem Hohen König noch mit ihrem Neffen."
"Und weder ihr Neffe noch der Hohe König wird ihnen Erbarmen schenken", warf der jüngere Elb über die Schulter zurück, während er bereits auf dem Weg aus dem Saal war, um seine Waffen zu holen.
Die Sterne standen nur wenig höher, als sich die ersten Krieger Balars an den Schiffen versammelten. Selbstverständlich war die Leibwache des Hohen Königs anwesend und auch die Krieger, welche Gil Galad für gewöhnlich zur Verteidigung des Binnenlandes aussandte. Einige von ihnen waren während kürzlicher Patrouillen verletzt worden und noch nicht völlig geheilt, doch wollten sie das Volk der Arvernier nicht im stich lassen. Desgleichen waren viele Bewohner des Hafens gekommen, schlanke Teleri mit langen Messern, Noldor mit schimmernden Schwertern und dunkelhaarige Sindar, ihre Äxte in kaltem Feuer leuchtend.(1)
Auch eine Gruppe Edain wartete. Einige Drúedain befanden sich unter ihnen, hauptsächlich Frauen, wie es bei ihnen Brauch war. Nur wenige des Volkes von Haleth lebten auf Balar, sie bevorzugten das Festland. All ihre gewohnte Fröhlichkeit – denn sie liebten es, zu lachen – war verschwunden und stattdessen glomm roter Zorn in ihren Augen.(2)
Zwischen den Noldor stand Celebrimbor, bewaffnet wie jeder andere, doch Gil Galad konnte die Gefühle seines Freundes in dessen Augen lesen.
"Nein, Celebrimbor, du bleibst hier", sagte er. "Du wärest in doppelter Gefahr und sollst nicht deiner eigenen Familie entgegentreten müssen."
Der Schmied richtete sich auf. "Sie würden ebenso gegen dich kämpfen."
"Und ich will dich nicht das gleiche Verbrechen begehen lassen. Noch, daß dich einer der Arvernier tötet, weil er nicht weiß, auf welcher Seite du stehst. Bitte, Celebrimbor, bleibe. Tu es für einen Freund – oder gehorche dem Befehl deines Königs."
Curufins Sohn starrte seinen Vetter an, und einen langen Moment später trat er zurück. Sein Gesicht verriet nichts von der Erleichterung, die er empfand – ebenso wenig wie von seinem tiefen Gefühl der Schuld.
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Nur in allerhöchster Not griffen elbische Heiler zu den Waffen, denn die Erstgeborenen glaubten, dies würde ihre Fähigkeiten mindern. Und doch, in Sirion kämpften sie, kämpften verbittert, obgleich sie um ihre Chancenlosigkeit wußten. Und mitten unter ihnen war Elwing, ein Schwert in ihrer linken Hand und ein kleines, einfaches Kästchen in der anderen. Durch all den Aufruhr hindurch erreichte sie schließlich den Kai.
Jetzt verstand sie ihren Traum. Sie konnte ihre Söhne nicht mehr retten, denn als sie mit dem Silmaril zurückgekehrte, waren diese bereits von Maedhros' Kriegern fortgebracht worden. Doch die Rettung ihres Geliebten war noch möglich. Beinahe übersah sie das Ende des Piers und konnte gerade noch an dessen Rand innehalten.
Elwing, Tochter von Dior, Herrin von Arvernien, blickte über die schwarzen Wellen.
"Ulmo, Herr der Wasser, höre meinen Ruf. Ich verstehe nun, und ich gehorche."
Ihren Blick noch einmal dorthin wendend, wo sie Elros und Elrond zum letzten male gesehen hatte, fügte sie leise hinzu, "Bitte beschütze meine Söhne."
Sie machte einen einzigen Schritt nach vorn und das Wasser des Großen Ozeans umfing sie in seiner Umarmung.
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Es waren genügend gekommen, drei große Schiffe zu bemannen. Círdans Seeleute nutzten all ihr Können, um sie so schnell wie möglich auf die offene See hinauszubringen.
Nach einer Weile warf Gil Galad dem Schiffsbauer neben ihm einen seltsamen Blick zu.
"Spürst du es?"
Verwirrt von der Frage blickte der Seefahrer sich um. "Nichts ungewöhnliches. Was meinst du?"
"Genau das. Nichts. Die See ist ruhig. Zum ersten male seit dem Aufgang von Sonne und Mond trägt das Meer die Noldor bereitwillig."
Die Schiffe wandten sich nach Norden. Als sie nach einer Weile Balars nördliches Kap umrundeten, sahen die Elben und Menschen einen roten Schimmer am Horizont. Gil Galad wirbelte herum, und mit drei großen Schritten erreichte er Círdan, der den Platz am Ruder eingenommen hatte.
"Geh!", rief er. "Es heißt, du seiest Freund mit Osse und Ulmo, also geh jetzt und flehe um ihre Hilfe oder alles ist verloren!"
In diesem Moment sprang das Schiff vorwärts, ein starker Wind kam auf und füllte die Segel, bis der Mast unter ihrem Druck stöhnte. Schneller als je ein Schiff zuvor glitten sie über das Wasser. Schiffsbauer und Hoher König sahen einander an.
"Es scheint, als habe Osse dir schließlich vergeben."
"Für dieses mal."
Einige hundert Schritte vom Ufer entfernt sahen sie die aufgeregt schreienden Seevögel. Gil Galad stand am Bug des Schiffes, und wie gewöhnlich vor einem Kampf erfüllte Entschlossenheit sein Herz, während er bereits darüber nachdachte, wo sie landen und wie er seine geringen Truppen aufteilen solle. In diese Gedanken vertieft bemerkte er nicht den Ruf der einzelnen Möwe über ihm, und der große, weiße Vogel wandte sich nach Westen.
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Als die Schiffe in den Hafen einliefen, kam der Angriff zum Stehen und die Krieger aus Thargelion zogen sich zurück. Sie waren zahlenmäßig unterlegen und zudem scheuten sie sich, gegen ihren Hohen König zu kämpfen. Mochte Gil Galad auch nur geringen Respekt bei ihren Herren genießen, so war er dennoch ein Mitglied jener Familie, der sie einst die Treue geschworen hatten. Und viele, die sich selbst darum nicht scherten, schreckten vor dem heißen Zorn in Gil Galads Augen zurück, der nur allzu deutlich machte, daß er niemandem Gnade erweisen würde. Jeder von ihnen hatte die Geschichten gehört und sie wußten, was das kalte, weiße Feuer an Aeglos' Spitze bedeutete(3).
Círdan hielt inne und blickte sich um. Ungewollt kam ihm der Gedanke, daß es in Alqualonde genauso gewesen sein mußte. So viele tote Körper, Männer und Frauen und Kinder, oh, selbst Kinder, so viele Brände – wie hätte sie eine solch vollkommene Zerstörung überleben können?
"Nein!", schrie er, und diesmal übertraf die Wut des Schiffsbauers selbst die Gil Galads.
Nur wenige wagten es, sich ihnen entgegenzustellen und von jenen, die ihr Schwert gegen Círdan erhoben, überlebte nicht ein einziger – unter ihnen auch Amras, einer der Zwillingssöhne Feanors. Círdan wußte, eines Tages würde er hierfür zur Rechenschaft gezogen werden, doch es kümmerte ihn nicht. Er kämpfte nicht nur zur Verteidigung der Arvernier. Er kämpfte zur Verteidigung jener, die er liebte, so unmöglich es auch war.
Bei Morgendämmerung erreichten Círdan, Gil Galad und ihre Begleiter den großen Platz vor der Haupthalle. Der Hohe König entsann sich, wie oft er hier gewesen war, als Gast und als Freund, in Zeiten des Friedens und des Glücks. Jetzt war das Pflaster schlüpfrig von Blut und zahllose Körper – tot oder, noch schlimmer, sich langsam in Agonie windend - kündeten davon, wie hier der Eid Feanors erneut gewütet hatte.
Die beiden Elbenherren hielten ihre Waffen bereit, als sie die offene Fläche überquerten. Die Luft war heiß von den Feuern ringsum. Am gegenüberliegenden Ende hielten sie abrupt inne, überrascht angesichts dessen, was sich ihren erstaunten Blicken darbot.
Eine Gruppe von Kriegern aus dem Osten bedrängte den Eingang zu Earendils Halle. Und ihnen standen auf seinen Stufen achtzehn Elben entgegen, verbissen die Tore verteidigend. Elben, die selbst die Abzeichen von Feanors Söhnen trugen!
Die Angreifer zogen sich eilig in die schmalen Gassen nahebei zurück, als sie die neue Gefahr bemerkten. Argon sandte einen Teil seiner Krieger zu ihrer Verfolgung, er wollte nicht einen einzigen von ihnen aus der Stadt entkommen lassen.
Die Verteidiger der Halle erwarteten sie mit unsicherer Miene, die Schwerter nur halb gesenkt, offenbar nicht sicher, ob ihnen ein neuerlicher Angriff drohte. Drei von ihnen ließen sich an der Wand niedersinken, zu schwer verwundet, um noch weiterkämpfen zu können.
Schließlich trat eine Elbenfrau vor. Ganz in schwarz war sie gekleidet, ihre Wangen mit Schmutz und Blut bedeckt, und dunkles Haar hing ihr zerzaust über die Schultern. Ein heftiger Regenschauer setzte ein und sie blinzelte gegen die Tropfen, die ihr ins Gesicht geweht wurden. Schließlich stützte sie die Spitze ihres schlanken, herrlichen Schwertes auf den Boden.
"Es ist genug", sagte sie. Die Elben neben ihr entspannten sich, deutlich erleichtert und froh, ihrer Erschöpfung nachgeben zu dürfen.
"Wir wollen nicht gegen Euch kämpfen", fügte sie in Gil Galads Richtung hinzu.
"Dann legt eure Waffen nieder und ergebt euch, Gefolgsleute Feanors!", antwortete er mit kaum verhohlener Verachtung.(4) Die Begleiter der Elbenfrau murmelten unwillig und hoben ihre Waffen wieder an.
In diesem Augenblick wurde die Tür der Halle geöffnet und eine der Frauen aus Elwings Haushalt kam hervor. Ihre Augen weiteten sich schockiert angesichts des Anblicks von Tod und Zerstörung. Die Hände Einhalt gebietend ausgestreckt eilte sie auf Gil Galad zu.
"Herr, tut diesen nichts zuleide! Sie haben uns gegen ihre eigenen Leute beschützt, ich sah, wie jene", sie wies auf die dunkelhaarige Elbenfrau, "mit Maglor selbst gekämpft hat."
Der Hohe König senkte nun seine eigene Waffe, und Círdan, Argon und die anderen taten es ihm gleich. "Wieso habt ihr euch gegen eure eigenen Anführer gewandt?", fragte er die Frau schließlich mit einem neugierigen Blick.
Sie warf in einer heftigen, stolzen Bewegung ihr nasses Haar zurück. Doch dies konnte ihre Erschöpfung nicht verbergen, und der anhaltende Regen wusch Blut von ihr ab, das über den weißen Stein der Stufen rann.
"Selbstverständlich weil es ein Unrecht war, diese Leute anzugreifen." Ihre Stimme trug weit und klar, selbst über den Lärm von Tod und Zerstörung ringsum hinweg. Gleich darauf sank sie ein wenig in sich zusammen. "Aber ich glaubte, es sei schon ausreichend, uns gegen den Befehl zu stellen. Niemals hätte ich erwartet, daß sie ihre Waffen gegen uns erheben. Und nun sind so viele von uns tot..." Sie sah sich zu ihren gefallenen Waffengefährten um.
Gil Galad war diese Art Kummer nur zu bekannt – die schmerzhafte Verantwortung des Anführers und die Reue über den Tod von Freunden und Gefolgsleuten.
"Durch euer Eingreifen wurden viele gerettet, die sonst getötet worden wären", sagte er mit verhaltenem Mitgefühl.
Die Elbenfrau richtete sich wieder auf und maß ihn mit einem feindseligen Blick. "Glaubt Ihr, ich wolle Euer Mitleid? Mir liegt nichts daran!" Sie winkte ihre Begleiter herbei.
"Gehen wir, ein weiter Rückweg liegt vor uns!"
Ihre Feindseligkeit, die für aufgebrachte Unruhe bei seinen Begleitern sorgte, verwirrte Gil Galad eher.
"Wollt ihr tatsächlich zurückkehren?", fragte er, wobei er sich bemühte, seiner Stimme einen ruhigen Klang zu geben, ungeachtet seines Zorns und seiner Sorge um Elwing und ihre Kinder. "Ihr habt euch soeben gegen eure Herrscher gewandt, sie werden gewiß nicht sonderlich entzückt von eurem Anblick sein."
Sorgfältig wischte sie die Klinge ihres Schwertes ab und schob es mit einem energischen Ruck zurück in seine Scheide. "Was wir getan haben taten wir aus freier Entscheidung und wir werden die Folgen auf uns nehmen."
Er wies auf die drei Elben, die neben den Türen saßen. "Einige deiner Leute sind schwer verletzt, sie würden die Reise zurück nach Thargelion nicht überstehen. Bleibt wenigstens so lange bis ihre Wunden verheilt sind."
Sie sah über ihre Schulter, Stolz und Fürsorge fochten miteinander auf ihrem schmalen Gesicht. Schließlich nickte sie steif. "Ihr habt recht. Bis unsere Freunde uns begleiten können werden wir hierbleiben."
Gil Galad wandte sich wieder Elwings Bediensteter zu. Er hatte schon genug Zeit mit dieser Bande Feanorianer verschwendet, es gab anderes zu tun. Die Kampfgeräusche waren abgeebbt, nur leise Schreie und Stöhnen und das Prasseln von Flammen waren noch zu hören. Irgendwo in der Nähe zischte Wasser, als es auf loderndes Feuer gegossen wurde.
"Was ist mit Elwing, ist sie auch bei euch?" Sie war es nicht und er wußte es. Elwing wäre selbst herausgekommen statt einen anderen zu schicken.
Die Elbenfrau brach in Tränen aus. "Unsere Herrin wollte auf keinen Fall den Angreifern in die Hände fallen. Sie hat sich Ulmos Hilfe anvertraut."
Mit einem schmerzhaft festen Griff umfaßte Gil Galad ihren Arm. "Was meinst du damit?"
Sie senkte den Kopf. Oh, warum nur mutete man ihr zu, dem Hohen König, der so eng mit Elwing befreundet gewesen war, diese Nachricht zu überbringen?
"Sie nahm den Silmaril mit sich und ging zum Meer. Sie wolle dorthin, wo unser Herr Eärendil jetzt ist, sagte sie. Und dann...dann sprang sie einfach hinein. Wir wußten nicht was sie plante, sonst hätten wir irgendetwas unternommen um sie zurückzuhalten."
"Willst du damit sagen, Elwing ist tot?"
"Ich bin mir nicht sicher. Einige behaupten, sie hätten eine große, weiße Möwe gesehen, die aus den Wellen aufgestiegen sei, und ein weißer Stern habe auf ihrer Brust geleuchtet. Vielleicht erbarmten die Valar sich ihrer."
"Doch was auch immer geschehen sein mag, sie ist für uns verloren."
Langsam und bedächtig löste er seinen Griff. Er wußte, er war ohne weiteres in der Lage den Arm der Elbenfrau zu brechen – so, wie gerade etwas in ihm zerbrochen war. Elwing zu verlieren, das hieß, noch einmal eine kleine Schwester zu verlieren und für einen Moment gab es nichts außer weißglühendem Zorn und Haß auf jene, die ihm dies angetan hatten, und vollkommene Verzweiflung.
"Und was ist mit Elrond und Elros?", fragte er schließlich. In seiner Stimme klang die Anstrengung wider, die es ihn kostete, die Fassung zu bewahren.
"Sie wurden von den Söhnen Feanors weggebracht."
"Wohin?"
"Wir wissen auch dies nicht, Herr." Jetzt wünschte sich die junge Elbe nichts sehnlicher, als so weit entfernt wie nur irgend möglich zu sein von dem König, dessen Leid so deutlich war. "Sie erschlugen die Wächter des Hauses und nahmen die Kinder als Geiseln."
"Laßt uns hoffen sie zu finden ehe-" begann Gil Galad und sein Blick traf den Círdans. Sie wußten beide, was mit den Onkeln der beiden Jungen geschehen war.(5)
Er sah sich zu den Ställen um. Hätte er ein Pferd gefunden, wäre er ohne zu zögern Maedhros und Maglor gefolgt – wahrscheinlich seinem eigenen Tod entgegen. Doch die niedrigen, hölzernen Gebäude bestanden nur noch aus rauchenden Ruinen. Entweder waren die Pferde bereits geflohen oder...nicht länger zu gebrauchen.
Mit einem schweren Seufzen wandte er sich ab. Es gab andere, die seine Hilfe benötigten und nichts, was er in diesem Augenblick für Elrond und Elros hätte tun können.
"Argon, laß sie bewachen", er wies auf die fremden Elben, "und schicke einige zu Maedhros' Verfolgung – aber vorsichtig! Ich will das Leben der Kinder nicht riskieren. Der Rest kommt mit mir. Wir haben noch immer viel zu tun."
Zumindest hoffte er das. Er wollte jetzt keine Zeit zum Nachdenken haben.
Stundenlang arbeiteten sie in der Ansiedlung, halfen beim Löschen der Feuer, versorgten die Verwundeten, begruben die Toten. Kinder mußten gesucht, getröstet und in erfreulicheren Fällen ihren Eltern zurückgegeben werden. Die am Kai vertäuten Schiffe der Arvernier brannten, viele von ihnen waren gesunken. Es würde noch viel Mühe bereiten, den Hafen und das Hafenbecken von den Trümmern zu räumen. Die große Werft war ein einziges gigantisches Feuer jenseits aller Aussicht auf Rettung.
Gildor meldete sich freiwillig, behelfsmäßige Unterkünfte für die Überlebenden zu errichten. Niemand widersprach, denn es war schmerzhaft deutlich, wie viel besser es für ihn war, sich von allen fernzuhalten. Gildor hatte schon viele Kämpfe gesehen, er kannte die Schrecken des Schlachtfeldes ebenso gut wieder jeder andere hier. Und dennoch, der Anblick von abgeschlachteten Kindern, getötet nicht von Orks, sondern von Elben, die schiere Vorstellung dessen, was hier geschehen sein mußte, war zu viel für ihn und nur mühsam konnte er die aufsteigende Übelkeit unterdrücken. Seine Hände zitterten und leichenblaß war sein Gesicht. Es sollte viele Jahrhunderte und einen noch größeren Schrecken benötigen, ehe die Bilder von der Zerstörung Sirions aufhörten, seine Träume heimzusuchen.
Gil Galad und Círdan hingegen machten weiter. Abwechselnd heilten und trösteten sie, oder räumten die Trümmer beiseite. Immer wieder erkundigte sich der Hohe König nach Neuigkeiten, insbesondere über Erestor. Doch erst am späten Abend traf er Elben, die ihn gesehen hatten.
"Erestor lebt", antwortete einer von ihnen auf seine Frage, "er hat sich das Bein gebrochen."
"Wo ist er?"
Der Elb brachte sie zu einem der provisorischen Lazarette. Erestor lag zusammen mit einigen anderen Leichtverwundeten etwas abseits. Die Tränen auf seinen Wangen hatten jedoch nichts mit dem Schmerz in seinem geschienten und auf einem hölzernen Block liegenden rechten Bein zu tun.
Gil Galad kniete sich neben ihn und berührte seine Schulter, strich beruhigend eine Haarsträhne aus dem blassen Gesicht.
"Es tut gut, dich am Leben zu finden."
Erestor schüttelte den Kopf. "Ich habe sie im stich gelassen. Elwing, die Kleinen... Ich habe die Familie Diors erneut im stich gelassen."
"Gib die Hoffnung noch nicht auf, Erestor, sie sind vielleicht noch immer am Leben."
"Ich habe es versucht, Hoheit, ich habe es wirklich versucht, doch wir mußten die Heiler verteidigen und noch ehe ich sie erreichen konnte, wurde ich verletzt." Er rieb seine geröteten Augen. "Wahrscheinlich sollte ich noch dankbar dafür sein, daß diese verfluchten Elben mich nur eine Laderampe herunterwarfen und sich nicht die Mühe machten, mich zu töten. Was für ein schrecklicher Tag! Earendil vermißt, Elwing tot, die Jungen verschwunden – und was, frage ich Euch, könnte sie davon abhalten, Elrond und Elros ebenso zu töten, wie sie ihre Onkel umgebracht haben? Unsere Heimat ist zerstört, was bleibt noch für die Elben Arverniens? Wie können wir hier leben, wo jeder Tag uns an unsere Verluste erinnert?"
Während er eine von Erestors Händen faßte erwiderte Gil Galad, "Ihr braucht nicht hier bleiben. Ihr dürft es nicht. Die Gefahr wächst schnell. Und geschwächt von diesem Angriff wie ihr seid, ohne auch nur ein Dach über dem Kopf – es wäre das Beste für euch, mit uns zu kommen."
Der jüngere Elb zerrte am Saum seines blutbefleckten Hemdes. "Wieso muß immer ich solche Entscheidungen treffen?"
"Weil du weise und ein guter Anführer bist", erwiderte Gil Galad lächelnd.
Als die Dämmerung hereinbrach und die letzten Feuer erstarben, wurde das ganze Ausmaß der Zerstörung deutlich. Nichts als Asche und verkohlte Balken war von den einst so freundlichen und heimeligen Häusern übrig geblieben, mehr als die Hälfte der Einwohner war tot oder schwer verletzt. Das Weinen von Kindern lag in der Luft, ein Geräusch, das Gil Galad nie wieder hören zu müssen gehofft hatte.
Er beobachtete, wie ein weiteres Schiff aus Balar eintraf, beladen mit Zelten und Decken und – am wichtigsten – Heilern. Gedankenverloren kraulte er dabei die Nüstern eines Apfelschimmels, den irgend jemand ihm gebracht hatte, er konnte sich nicht erinnern wer oder wann oder warum. Vielleicht weil er, wie jedermann wußte, ausschließlich Pferde dieser Farbe ritt. ‚Silbern wie die Sterne seines Zeichens', sagten die Leute, und nur sehr wenigen war bekannt, daß er dies in Wahrheit als ein merkwürdiges Andenken an Nargothrond tat. Dies war die Farbe des letzten Pferdes, das er geritten hatte, als seine alte Heimat noch stand.
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Zwei kleine Kinder saßen dicht bei einem Lagerfeuer. Einander fest bei der Hand haltend sahen sie sich mit einer Mischung aus Neugierde und Furcht um.
Sie konnten nicht begreifen, was hier vor sich ging. Schreie hatten sie aus dem Schlaf gerissen, und aus dem Fenster sahen sie die Stadt brennen. Mutter war gekommen, hatte sie geküßt und ihnen befohlen, in ihrem Zimmer zu bleiben, und sie hatten gehorsam auf ihre Rückkehr gewartet.
Stattdessen war der Elb mit der schönen Stimme gekommen, blutbefleckt und mit einem großen Schwert bewaffnet. Er hatte ihnen versprochen, sie zu beschützen und sie dann mit sich genommen, ungeachtet ihrer flehentlichen Bitten, zu ihrer Mutter gebracht zu werden.
Überall auf den Straßen hatten Elben gekämpft, doch irgendetwas war falsch daran. Orks töteten Elben, die Jungen wußten dies, sie hatten die Geschichten gehört und es war ihnen von frühester Kindheit an beigebracht worden. Dies war der Grund, weshalb so viele zu den Häfen des Sirion kamen. Doch waren da keine Orks gewesen, nur Elben. Aber wie konnten Elben gegen Elben kämpfen?
Dann waren sie auf große Pferde gesetzt worden und das war in gewisser Weise tröstlich gewesen, denn die Tiere waren warm und ihre Reiter freundlich. Sie hatten ihnen gesagt, sie würden in Sicherheit gebracht werden und sollten sich nicht sorgen oder weinen. Und die Kinder taten wie ihnen geheißen, denn niemals zuvor waren sie unfreundlichen Elben begegnet.
Inzwischen waren sie weit von der Stadt entfernt, und noch immer hatten sie nichts von irgend jemandem, den sie kannten, gehört oder gesehen, weder von ihrer Mutter oder ihrem Vater, noch von Onkel Finellach oder sogar nur Círdan, Síliel oder Celebrimbor. Tief in ihren Herzen begannen die Zwillinge zu ahnen, daß sie sie niemals wiedersehen würden.
Maglor beobachtete Elwings und Earendils Kinder. Ununterscheidbare kleine Jungen, ihre großen Augen voller Verwirrung. Der Anblick brach sein Herz.
"Erinnerst du dich daran, wie es gewesen ist als Ambarussa so jung waren?", fragte er unvermittelt Maedhros, der gerade sein Pferd absattelte.
"Ja", kam die leise Antwort, "das tue ich." Er folgte Maglors Blick. "Eine armselige Entschädigung für den Silmaril."
"Vielleicht...vielleicht ist es ein Zeichen."
"Ein Zeichen?" Maedhros hob eine Braue.
"Wir haben Amras verloren, den letzten der Zwillinge. Und hier sind zwei Kinder, ebenfalls Zwillinge..."
"Was hast du im Sinn?"
Maglor kratze eine kleine, blutverkrustete Wunde an seiner Hand. "Wir...ich würde sie mir gern als Ersatz für die Zwillingsbrüder vorstellen, die wir verloren haben."
"Brüder? Maglor, dies sind keine heimatlose Elbenkinder, um die du dich kümmern könntest. Sie sind alles, was zwischen uns und Gil Galad steht, Geiseln, sonst nichts."
"Und wie lange werden wir sie festhalten müssen? Glaubst du etwa, unser Vetter wird jemals von seiner Rache für das heutige Geschehen ablassen? Nein, solange wir leben – oder er – müssen wir die Jungen bei uns behalten, oder er wird uns sofort verfolgen. Und wie willst du sie dazu bringen, bei uns zu bleiben? Sollen sie für die nächsten Hunderte oder Tausende von Jahren Gefangene sein? In Ketten? Sie sind Elben, sie sind unsere Verwandten, sie sind Kinder, Bruder. Was wirst du tun?"
"Ich weiß es nicht", mußte der ältere Elb eingestehen.
Maglor stand auf und ging zu den Jungen. Sie rückten etwas dichter zusammen, erschienen jedoch nicht verängstigt.
Der Elb setzte sich neben sie und hüllte sie vorsichtig in eine angenehm warme Decke.
"Ihr müßt müde sein."
Elrond wagte zu nicken.
"Wie sind eure Namen?"
Als älterer antwortete Elros auf die Frage.
Ihr Retter lächelte. "Prächtige Namen für prächtige Jungen. Ich werde Maglor genannt und dies", er wies auf einen recht beunruhigenden Elben, schön von Angesicht doch mit nur einer Hand, "ist mein Bruder Maedhros."
"Unsere Vettern aus dem Osten!", rief Elrond.
Maglor zog die Brauen zusammen. "Du hast von uns gehört?"
"Ja, Onkel Finellach hat mir von euch erzählt."
Das Stirnrunzeln verstärkte sich. "*Onkel* Finellach...hast du das gehört, Maedhros?"
Feanors ältester Sohn kam zu ihnen und kniete sich neben Elros nieder. Beinahe ohne es zu merken strich er tröstlich über das dunkle Haar des Jungen.
"Unser junger Vetter scheint die Familienverhältnisse ein wenig durcheinander zu bringen."
"Das tue ich *nicht*!", erwiderte Elrond in etwas hitziger Verteidigung seines Wissens. "Ich weiß, daß wir nicht seine richtigen Neffen sind. Wir nennen einander nur so."
Maedhros lächelte leicht. Er mochte diese Jungen. "Ich verstehe. Und was genau hat euer Onkel Finellach euch von uns erzählt?"
"Ihr stammt aus Onkel Feanors Sippe. Und ihr seid mit Celebrimbor verwandt."
"Sonst nichts?"
Elrond mußte nachdenken und erinnerte sich stirnrunzelnd daran, wie ungewöhnlich zurückhaltend Gil Galad auf seine Fragen geantwortet hatte. "Nein."
Die erwachsenen Elben tauschten vielsagende Blicke. Dann zuckte Maedhros die Achseln. Was war schließlich vom Sohn des stets übermäßig korrekten Orodreth zu erwarten?
Maglor wickelte die Decke enger um die Zwillinge.
"Als ich in eurem Alter war, mußte ich um diese Zeit schon schlafen."
Ein zweifaches schwaches Nicken.
"Einst hatte ich Brüder, Zwillinge genau wie ihr. Ich brachte sie zu Bett und sang für sie bis sie einschliefen." Sanft drückte er die Kinder nieder, bis sie gemeinsam auf dem trockenen Boden lagen.
"Schlaft, meine Kleinen", sagte er, und dann begann er zu singen.
Niemals zuvor hatten sie so wunderschönen Gesang gehört. Sie lauschten fasziniert, achteten nicht auf die Worte, nur auf die Melodie und den Klang von Maglors Stimme. Es dauerte nicht lange, ehe sie eingeschlafen waren.
Mit einem traurigen Lächeln strich Maglor über ihre Wangen.
"Schlaft gut, kleine Brüder."(6)
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Die achtzehn feanorischen Elben wurden auf Círdans Schiff gebracht. Nicht nur wegen der kühlen Brise drängten sie sich schaudernd im Bug aneinander. Die Teleri um sie herum strahlten Haß und Zorn aus, selbst die Wellen zischten wütend und peitschten sie mit ihrem Schaum, zumindest erschien es ihnen so. Es war eine sehr ungemütliche Überfahrt zur Insel.
Auf Balar wurden sie zur Halle des Königs gebracht. Ihre Anführerin ging am Ende des Trupps und versuchte, jeden ihrer Freunde im Auge zu behalten.
‚Keine Kämpfe, kein Blutvergießen mehr, oh Elbereth, bitte hilf mir, mit dem Hohen König Frieden zu halten', dachte sie, während sie durch enge Straßen gingen. Gleich darauf lachte sie in bitterer Ironie. Wie konnte sie Elbereth oder einen der anderen Aratar um Hilfe bitten? Warum sollten sie auf das Flehen eines Sippenmörders hören?(7)
Man gab ihnen Essen, Kleidung und versorgte ihre Wunden. Die meisten von ihnen beruhigten sich daraufhin ein wenig, doch ihre Anführerin blieb angespannt. Sie wußte, der Hohe König würde sich nicht mit dem zufrieden geben, was sie ihm bisher gesagt hatte.
Später am Abend kam ein Krieger zu ihnen. Er trug das Blau und Silber der Wache des Hohen Königs, und an seiner Seite hing ein Langschwert in einer abgenutzten Scheide. Dennoch schien er ihnen freundlich gesinnt. Die Brosche, die seinen Umhang zusammenhielt, war wie eine Harfe geformt. Also stammte er aus Nargothrond, wie der Hohe König selbst. Sie wußte nicht, ob dies ein gutes Zeichen war.
Der Elb sah sich um, bis er die Anführerin der Gruppe erblickte.
"Mein König möchte mit Euch reden, bitte, folgt mir."
Es entging ihr nicht, wie er Gil Galad nannte: ‚mein König'. Nicht ‚der Hohe König'. Für ihn war Gil Galad zunächst immer noch sein König, der König von Nargothrond.
‚Als ob er sein Eigentum oder ein Haustier wäre', dachte sie etwas verächtlich.
Als sie auf die Tür zuging, hielt er sie zurück. "Euer Schwert werdet Ihr hier nicht brauchen."
‚Und du willst bestimmt keine Feanorianerin mit einem Schwert in der Hand zu dicht an ‚deinen König' heranlassen, nicht wahr?'
Mit einem vielsagenden Blick löste sie ihren Schwertgurt.
"Wie ist Euer Name, Herrin?"
"Mein...oh, ich bin keine Herrin. Ael. Mein Name ist Ael."
Ihr Führer sagte nichts mehr, während er sie zum König brachte. Sie schritten durch Hallen und Flure, angefüllt mit Elben und Menschen und sogar einen Zwerg bemerkte sie. Die meisten von ihnen waren eindeutig Arvernier, ihre Wunden, Bündel und Tränen zeugten davon.
Ael erkannte nicht einmal, als der Elb sie durch eine weitere einfache Tür führte, daß sie ihr Ziel erreicht hatten - bis sie den Hohen König sah, der sie erwartete. Gil Galad war nun in schlichtes Dunkelblau gekleidet und allein die schlanke Silberkrone deutete darauf hin, daß er kein gewöhnlicher Elb war. Der Verband an seinem rechten Handgelenk war allerdings gewöhnlich genug.
Er stand vor einem Fenster, offenbar hatte er in den Regen hinausgesehen, der leise gegen die Scheibe klopfte.
"Mein König, ich bringe Euch Ael, die Anführerin der Elben aus Thargelion."
Wäre sie nicht so besorgt gewesen, hätte sie über diese euphemistische Bezeichnung gelacht. Und da war es wieder – ‚mein König'. Mit einer Freude und Anhänglichkeit ausgesprochen, als könne es nichts Schöneres in Arda geben, als Gil Galads Anweisungen zu befolgen. Im Geiste schüttelte sie den Kopf. Maedhros' und Maglors Leute standen treu zu ihren Anführern – meistens - dennoch waren sie weit entfernt davon, diese mit ebensolcher Zuneigung zu behandeln.
Gil Galad nickte freundlich. "Ich danke dir."
Der andere Elb lächelte, verneigte sich und ging.
Ihr Gastgeber wandte sich nun vollends zu ihr um, und nun sah sie einen langen Kratzer auf seiner Wange. Sie fragte sich, welcher ihrer Kameraden so dreist gewesen sein mochte, sein Schwert gegen den Hohen König der Noldor zu erheben. Sie konnte nichts von einer über den Kai huschenden Ratte wissen, von einem nervösen Pferd, das vor dieser neuen Gefahr scheute, von der Schnalle an einem ledernen Zügel, der den Händen des Königs entglitt.
"Sei willkommen, Ael von Thargelion." Gil Galad trat einen Schritt vor und neigte leicht den Kopf, wie es bei den Königen der Elben Brauch war.
Auch sie verneigte sich. Dies war immerhin der Hohe König der Noldor, auch der ihre.
"Ich grüße Euch, Hoheit."
Er führte sie zu einem niedrigen Tisch in der Nähe eines Kamins und sie folgte ihm, während sie sich gleichzeitig im Zimmer umsah. Offensichtlich diente es für Beratungen, denn es war groß und ein Tisch mit mehreren Stühlen darum stand in seiner Mitte. An der dem Fenster entgegengesetzten Wand, hingen zwei große, wunderbar detaillierte Karten. Eine stellte Balar dar, die andere Beleriand von der Küste des Belegaer bis zu den Ered Luin und von Thangorodrim bis zum Taur-im-Duinath.
Sie nahmen einander gegenüber Platz und sahen sich einen kurzen Moment unverwandt an. Ael gab sich ihrer Neugierde hin. Noch niemals zuvor war sie einem Mitglied der Familie Finwes so nahe gewesen, abgesehen von jenem Tag, an dem sie Maedhros die Treue schwur. Doch da war kein Unterschied zwischen diesem Elben und allen anderen, die sie bisher getroffen hatte.
Gleichermaßen suchte Gil Galad vergeblich nach irgendetwas, das ihr außergewöhnliches Verhalten hätte erklären können. Und nur mit Mühe konnte er seine Hände davon abhalten, sich zu Fäusten zu ballen.
‚Diese Frau kann nichts dafür. Laß nicht deinen Zorn und deine Trauer an ihr aus. Ohne sie und die anderen hätte es noch viel schlimmer kommen können.'
"Ich hoffe, es mangelt dir und deinen Leuten an nichts?"
‚Noch schlimmer? Wie sollte es noch schlimmer kommen können? Elwing verschwunden, wahrscheinlich tot. Elros und Elrond, oh meine kleinen, hilflosen Neffen, gefangen und möglicherweise ebenfalls tot. Wie könnte es schlimmer sein?'
Mit Gewalt zwang er sich zur Ruhe, so zerbrechlich diese auch sein mochte.
Ael, die nichts von dem inneren Aufruhr ihres Gegenübers spürte, verneinte. "Im Gegenteil, wir sind überaus zuvorkommend versorgt worden – wenn man bedenkt, wer wir sind", schloß sie nicht ohne Ironie.
"Ihr seid vor allem diejenigen, die sich gegen ihre Herren gestellt haben, um die
Arvernier zu schützen. Viele von uns wissen das zu schätzen."
‚Allein aus diesem Grund bist du noch am Leben, Gefolgsfrau eines Fëanorssohnes.'
Um seine rastlosen Hände zu beschäftigen, füllte er sein Glas aus einer kristallenen Karaffe. "Ich frage mich allerdings, warum ihr uns nicht einfach eine Warnung geschickt habt?"
Ael folgte seinem Beispiel – aus ähnlichen Gründen - und nahm einen vorsichtigen Schluck der goldenen Flüssigkeit. Apfelsaft. Es war schlichter Apfelsaft.
"Wir kannten weder unser Ziel noch den Grund der Reise, ehe wir die Wälder nördlich von Arvernien erreichten. Es heißt, Maedhros habe Doriath nicht angreifen wollen, bis Celegorm seine Brüder zum Kampf gegen Dior aufstachelte. Also nahm ich an, Maedhros würde unsere Gegenwehr als einen Vorwand nutzen, den Angriff abzubrechen."
Der Hohe König lehnte sich stirnrunzelnd vor. "Du meinst, Celegorm ist der eigentliche Verantwortliche für den Angriff auf Doriath?"
"Ja mein König, so wurde es mir gesagt."
Erinnerungen an Nargothrond stiegen auf, an die Zeit nach Finrod Felagunds Abschied.
‚Verflucht sei der Tag deiner Geburt, Celegorm, du hast nur Leid über unser Volk gebracht.'
"Also habt ihr eure kleine Verschwörung begonnen. Weshalb? Maedhros folgten etwa fünfhundert Elben, wieso ihr?"
Ael zuckte betont gleichmütig die Achseln. "Ich bin zum Teil Noldo. Wir neigen zur Rebellion, das ist bekannt."
‚Nicht übermäßig höflich gegenüber dem Hohen König, Ael, und auch nicht übermäßig weise, ihn zu provozieren.', schalt sie sich selbst.
"Nein, da ist noch mehr", erwiderte er. "Es gibt dich. Du hast das ganze begonnen, und ich würde gerne wissen, warum gerade du so viel Anteil am Volk von Arvernien nimmst. Es ist ein ernsthaftes Vergehen, sich gegen seinen Herrn zu stellen."
Die Elbe sah aus dem Fenster, gegen das noch immer sacht die Regentropfen trommelten.
"Ich...empfinde so etwas wie Verantwortung gegenüber dem Volk von Arvernien."
Dem Hohen König war die Verwirrung deutlich anzusehen. "Ich verstehe nicht. Welche Verantwortung solltest du, ein Elb aus Thargelion, gegenüber den Arverniern haben?"
"Dann laßt es mich neu formulieren, Herr: ich habe eine Schuld abzutragen."
Gil Galad sah sie halb aufmunternd, halb drängend an. Sie seufzte schwer. Schlußendlich hatte die Vergangenheit sie eingeholt. Dann richtete sie sich auf und ihre Stimme war voll Stolz.
"Ich werde Ael genannt, doch das ist natürlich nur eine Kurzform meines Namens. Ich bin Hithaelin aus Gondolin und ich gehöre zum Hause Maeglins, dem Hause des Maulwurfs."
Es war vollbracht. Laut ausgesprochen, nach all den Jahren in denen es nur gedacht oder gleichgültigen Bächen, Pferden oder Bäumen zugeflüstert worden war.
Als Gil Galad nach langem Schweigen sprach, geschah es mit bemühter Selbstbeherrschung.
"Ich wußte nicht, daß sich heutzutage noch jemand zu einem der Häuser Gondolins bekennt – ganz zu schweigen zu jenem des Maulwurfs."
"Inzwischen gehört meine Loyalität Maedhros. Aber die Vergangenheit kann nicht einfach ausgelöscht werden."
"Und wie bist du dazu gekommen, ihm die Treue zu schwören?"
"Ist das so schwer zu verstehen?", fragte sie unwillig. "Hätte ich vielleicht bei den anderen bleiben sollen? Was glaubt Ihr, wäre passiert wenn sie es herausgefunden hätten? Bestenfalls wäre ich verbannt worden, wahrscheinlicher jedoch hätte ich den Tag nicht überlebt. Wißt Ihr, was in Gondolin geschehen ist?"
Er nickte. "Einiges. Idril und Tuor haben es mir erzählt. Sie berichteten auch, ein paar von Maeglins Leuten hätten seinen Befehlen nicht gehorcht." Er schenkte ihr einen weiteren fragenden Blick.
Ael senkte die Augen. "Als wir begriffen, was geschehen und daß er es gewesen war, der...ich verstand plötzlich, ich konnte ihm nicht länger folgen. Ich war wütend auf ihn."
"Verständlicherweise."
"Aber Zorn rechtfertigt wohl kaum Verrat."
Gil Galad lächelte schwach. "Ich würde deine Handlungen nicht als Verrat bezeichnen, Hithaelin. Du hast Integrität und Vernunft bewiesen und bei zwei Gelegenheit über blinden Gehorsam gestellt. Daran ist nichts Falsches."
Sie sah in ihr Glas. "Dennoch fühle ich mich, als sei ich treulos." Sie zwang sich aufzusehen. "Ich ging in den Osten, wo niemand sich um die Vergangenheit eines anderen kümmert. Eine Sinda mehr oder weniger, wen sollte es bei den Feanorianern kümmern? Sie sind ein Zufluchtsort für all jene geworden, die kein anderes Heim mehr haben. Niemand wußte von meiner Herkunft, niemand fragte, niemand interessierte sich dafür. Jeder von ihnen will sein früheres Dasein verschleiern oder vergessen. Es ist ein gutes Leben, wenn man die Schatten seiner Vergangenheit bannen will."
"Und dennoch hast du es aufs Spiel gesetzt."
"Um etwas von dem wieder gut zu machen, was mein Herr seinem Volk in Gondolin angetan hat."
Gil Galad stand auf und legte sacht eine Hand auf die Schulter der Elbenfrau. Ael versteifte sich unter der Berührung, so sanft sie auch war. Sie mochte es nicht, berührt zu werden, genaugenommen mochte sie es generell nicht, anderen Elben auch nur nahe zu sein.
"Du solltest sein Schicksal nicht zu dem deinigen machen, Hithaelin. Was Maeglin tat, geschah aus seiner eigenen Entscheidung heraus und liegt auch in seiner Verantwortung. Du kannst nicht für die Taten eines anderen sühnen."
"Ich hätte angenommen, angesichts der Umstände wäret Ihr glücklich über unser Handeln."
‚Verschwinde, Hoher König!', schrie sie innerlich. ‚Verschwinde und laß mich in Ruhe! Bestrafe mich, wenn du es wünschst, doch bemitleide mich nicht!'
Ob er nun ihre Unwilligkeit spürte oder ihm die Berührung selbst unangenehm war, Gil Galad zog seine Hand zurück und setzte sich wieder.
"Du siehst nicht wie eine Erzschürferin oder Schmiedin aus. Was hast du im Hause des Maulwurfs für Aufgaben wahrgenommen?"
"Ich zeichnete. Ich habe Entwürfe für die Schmiede und Pläne der Stollen angefertigt."
Sie warf dem Hohen König einen abschätzigen Blick zu. "Ihr fragt Euch, wieso ich Maeglin gefolgt bin, der für Euch nur ein Verräter ist. Warum ich mich an ihn gebunden habe. Ihr könnt das nicht verstehen, ich sehe es in Euren Augen."
"Ich habe meinen Vetter nicht gekannt. Aber ja, ich frage es mich. Du verstehst es, in den Herzen anderer zu lesen. Genau wie man es von ihm sagte."
"Es ist nicht schwer, das zu erkennen. Jeder denkt dasselbe. Ob sie es nun aussprechen oder nicht, keiner begreift, was wir in ihm sahen, was er für uns bedeutete."
"Und was war das?"
"Vertrauen. Sicherheit. Er ist gedankenverloren und voller Schmerz gewesen, aber er kümmerte sich bis zum Ende um uns. In allem was er tat war Maeglin gut, auch in der Fürsorge für seine Leute. Und es war schwer, sich nicht zu ihm hingezogen zu fühlen."
"Ja, ich habe gehört, daß er sehr...überzeugend sein konnte."
Ael konnte ein verächtliches Schnauben nicht unterdrücken. "Da ist es wieder und, oh, wie ich es hasse! Das wird von ihm in Erinnerung bleiben, und Ihr versteht gar nicht, wie sehr Ihr mich und die Meinen damit beleidigt, nicht wahr? Sicher, er war sehr wortgewandt, ich habe ihm gerne zugehört. Doch so etwas zu sagen....das läßt uns als Einfaltspinsel dastehen, die auf ein paar schöne Reden hereingefallen sind. Haltet Ihr uns für so dumm? Wir schenkten ihm unsere Treue, weil wir von seinem Wert überzeugt waren, und weil er uns diesen Wert bewiesen hat, nicht weil er uns durch bloße Worte eingelullt hätte!" Ihr Zorn schwand so schnell wie er gekommen war. "Verzeiht Hoheit, ich wollte Euch nicht beleidigen. Es ist nur...."
"Es schmerzt dich, daß nun nichts als sein Verrat von ihm bekannt und das ganze Haus des Maulwurfs für immer nur im Lichte dieses Verrates betrachtet werden wird."
Sie nickte stumm.
Eine Weile saßen sie schweigend am Feuer und hingen ihren eigenen Gedanken nach.
"Es tut mir leid, daß wir Elwing nicht retten konnten", sagte Ael unvermittelt.
Sofort erwiderte der König scharf, "Sprich nicht davon, Hithaelin. Ich mache dich für das Geschehene nicht verantwortlich, laß es damit genug sein." Er seufzte. "Der Tag war lang und ich denke, wir brauchen etwas Ruhe. Wenn ihr eure verwundeten Freunde besuchen wollt, wird jemand euch den Weg zu den Hallen der Heiler zeigen. Dir und deinen Leuten ist es gestattet, euch frei auf Balar zu bewegen. Doch ich rate dir, seid vorsichtig und verlaßt die Halle nicht unbegleitet. Es ist viel Zorn in den Herzen des Volkes, vielleicht zuviel, um allein durch Vernunft gebändigt zu werden." Er erhob sich und sie folgte seinem Beispiel.
"Wir werden daran denken. Ich danke Euch, Hoheit."
Er geleitete sie zur Tür. "Die Valar mögen heute Nacht über deinen Schlaf wachen, Hithaelin aus Gondolin."
"Und über den Euren, mein König." Sei verneigte sich und ging.
Der Flur wirkte still und verloren, nachdem sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte. Während Ael in ihr Quartier zurückkehrte, dachte sie über ihre Begegnung mit dem Hohen König der Noldor nach.
Er war nicht, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Nicht so erhaben wie Turgon. Nicht so stolz wie Maedhros. Nicht so beeindruckend wie Maglor. Nicht wie die beiden Brüder erfüllt von einer Leidenschaft, die ihre eigene Großartigkeit in sich barg. Keine so überwältigende Persönlichkeit wie Maeglin. Übrigens auch nicht so gutaussehend, aber wer war das schon? Ael lächelte bei der Erinnerung an lang vergangene, glücklichere Tage in Gondolin.
Nachdem er die Tür hinter seinem Gast geschlossen hatte, lehnte Gil Galad sich dagegen.
Endlich durfte er seinen Gefühlen freien Lauf lassen.
Seine Eltern. Finduilas. Elwing und Elros und Elrond. So viele von denen, die er liebte, verloren.
"Oh Elwing", flüsterte er, "wenn es nur wahr ist, was sie von deiner Rettung erzählen. Wenigstens einer der überlebt hätte. Elrond, Elros, die armen Kleinen..."
Und der Hohe König der Noldor vergrub das Gesicht in seinen Händen und weinte.
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Die Elben Arverniens waren erschüttert von dem grausamen Angriff und der beinahe vollkommenen Zerstörung ihrer Heimat. Der Verlust ihrer Herrin, deren Söhnen und des Silmarils entmutigte sie nur noch mehr. Daher folgten sie willig Erestors Rat, verließen die Häfen und zogen nach Balar. Und mit sich brachten sie die Erbstücke des Hauses von Earendil, die in der Großen Halle gefunden worden waren, von den Eindringlingen entdeckt, jedoch als unwichtig zurückgelassen: Aranrúth, das Schwert König Thingols von Doriath, den Ring von Barahir, den Beren getragen hatte, und Dramborleg, Tuors Axt. Gil Galad nahm sie in Verwahrung, obwohl er nicht glaubte, sie jemals ihren rechtmäßigen Erben zurückgeben zu können.
Da nun so viele auf Balar lebten, wurde die Lage auf der Insel schwierig, denn es gab nicht annähernd genug Raum für alle. Überdies wußten Gil Galad und Círdan genau, es war nur eine Frage der Zeit, bis Morgoth seine Armeen schicken würde. Jeder Seemann, den Círdan entbehren konnte, und jeder erfahrene Kapitän segelte südwärts entlang der Küste, um neue Siedlungen zu finden und vorzubereiten. Dies konnte aber das Unausweichliche nur hinauszögern. Niemals würde Morgoth aufgeben, sie zu jagen.
Es gab keine Hoffnung mehr für die Eldar in Mittelerde.
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An einem stillen, nebligen Morgen etwa drei Wochen nach der Zerstörung der Häfen, suchte Círdan Gil Galad auf, der wie so oft in diesen Zeiten des Schmerzes und des Verlustes Zuflucht an dem kleinen See der Schwäne gesucht hatte, den er so sehr liebte. Die großen, weißen Vögel umringten den Sohn Orodreths, der sie liebevoll berührte.
Der Anblick mißfiel dem Herrn der Teleri. Wenn der jüngere Elb doch nur bei seinen Freunden Trost suchte, anstatt sich an bloße Tiere zu wenden! Doch seit dem Angriff auf den Sirion und dem Verlust von Elwing und ihren Söhnen hatte der Hohe König sich von ihnen zurückgezogen. Dies nur noch mehr, nachdem in der Woche zuvor die Elben, die Maedhros' Truppen verfolgt hatten, ohne Nachricht von Elrond oder Elros zurückgekehrt waren. Selbst Gildor war es nicht länger gestattet, den Wunsch des Königs nach Abgeschiedenheit zu ignorieren.
Als Círdan sich Gil Galad näherte, scheuchte dieser sanft einige der Schwäne fort, um Platz für den Schiffsbauer zu schaffen. "Geht, meine Schönen. Hier kommt jemand mit dem Recht, euch zu stören."
Círdan verneigte sich, eine ungewöhnliche Geste zwischen ihnen.
"Guten Morgen, Herr."
Gil Galad sah über die Schulter. "Ich bin nicht dein ‚Herr'. Nicht im mindesten."
"Ihr seid es. Die Sindar werden Euch als Führer anerkennen."
"Sie haben keinen Grund dazu. Um so weniger, als ich ein Verwandter der Sippenmörder bin. Und wer könnte dies für das gesamte Volk der Sindar entscheiden?"
Círdan trat neben seinen Freund. Vorsichtig streckte er die Hand nach dem zunächst stehenden Schwan aus und schließlich erlaubte ihm der Vogel, die weißen Federn seines Nackens zu streicheln.
"Sie haben einen Grund. Ihr seid der letzte der Elbenkönige Beleriands."
"Nein, ich bin kein König. Ich habe nur seine Rolle übernommen und versuche, seine Pflichten zu erfüllen. Die Feanorianer haben Recht, weißt du. Es ist ein schlechter Scherz, daß der Sohn von Orodreth Hoher König der Noldor wurde während Maedhros, der Sohn Feanors, in den Wäldern leben muß wie ein Avari. Um König zu sein muß man König sein *wollen*. Ich mag mich wie einer verhalten, doch wäre ich absolut damit zufrieden gewesen, für immer auf Tol Sirion zu bleiben und Anteil an den Studien meines Vaters zu haben."
"Wenn der Wunsch, König zu sein den König ausmacht, dann habt Ihr recht. Doch dann wäre jeder Thronräuber rechtmäßiger König. Maeglin – und selbst Morgoth."
"Und wenn die Taten den König ausmachen, laß mich einem Zwergenkind beibringen was es zu tun hat und zusehen, wie die gesamte Nation der Elben sich vor ihm als seinem König verneigt!", antwortete Gil Galad scharf. "Was hätte ich den Sindar zu bieten?"
Círdan runzelte die Stirn. "Ihr seid mit Thingol verwandt, Erbe eines ihrer Herren durch Eure Mutter und des größten Reiches Beleriands durch Euren Vater. Und was am meisten zählt: Ihr habt Euch ihrer angenommen. Für uns bedeutet das mehr als nur das Blut." Er trat näher. "Gil Galad, du verstehst es. Die Sindar Beleriands brauchen jemanden, an den sie sich wenden können. Und sie haben niemanden sonst."
Ein Moment der Stille und der Schiffsbauer fühlte, wie die inneren Verteidigungswälle seines Freundes zusammenbrachen. Ein schwaches Lächeln erschien auf dem Gesicht des jüngeren Elben.
"Du meinst, ich soll sie adoptieren?"
Círdan lachte. "Wenn du es so nennen willst, ja."
Gil Galad kauerte sich nieder und begann einen Schwan ausgiebig an Brust und Bauch und unter den halb erhobenen Flügeln zu kraulen. Der große Vogel schnatterte leise.
"Wenn sie mich als ihren König anerkennen wollen, werde ich nicht widersprechen. Doch laß sie es selbst entscheiden. Ich meine jeden von ihnen, Círdan. Wenn ein Sinda sich dazu entschließt, mag er mich seinen König nennen. Und wenn er das nicht tut, so soll er frei jeder Verpflichtung bleiben. Die Avari leben seit den Tagen des Erwachens ohne Könige, und es scheint ihnen an nichts zu mangeln. Ist das ausreichend?"
"Das ist es, Finellach."
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Die achtzehn feanorischen Elben wahrten Abstand zu allen anderen und wurden selten in der Öffentlichkeit gesehen. Ael erinnerte sich an die Warnung Gil Galads, außerdem fühlte sie sich an seinem Hofe unwohl.
Ehe sie nach Arvernien gekommen war, hatte sie sich niemals große Gedanken um den gegenwärtigen Hohen König der Noldor gemacht. Gil Galads Königtum war kein Gesprächsthema im Gefolge von Maedhros, und beschäftigt mit ihrem eigenen Kummer hatte Ael sich nicht sonderlich bemüßigt gefühlt, die Meinung ihres Herrn über seinen entfernten Neffen in Frage zu stellen. Sie wußte nur, daß Gil Galad auf Tol Sirion und später in Nargothrond gelebt hatte, bis es zerstört worden war. Über Celegorms und Curufins Taten, die zu ihrer Verbannung aus der Festung am Narog geführt hatten, wurde noch weniger gesprochen als über den Hohen König selbst.
Jetzt aber, da sie in Gil Galads Halle lebte und nichts weiter zu tun hatte als auf die Genesung ihrer Kameraden zu warten und sich Gedanken über das Schicksal zu machen, das ihr daheim zuteil werden würde – Gedanken von solcher Unerfreulichkeit, daß sie es vorzog, sie zu vermeiden – wandte sie ihre Aufmerksamkeit ihrem Gastgeber zu. Und sie beneidete ihn: dafür, aus einem Haus zu stammen, das schuldlos geblieben war und dafür, selbst schuldlos zu sein. Ohne jeden Zweifel trug er seine eigene Bürde, doch er würde niemals wissen, was es bedeutete, nicht stolz auf sein Haus sein zu können, oder sich sogar selbst für seine Taten zu verachten.
Es war ein schwerer Schlag für die Elbenfrau gewesen, als ihr Plan, den Angriff auf die Häfen des Sirion aufzuhalten, so vollkommen fehlschlug. Nur durch ihre Schuld hatten die Feanorianer gegen ihre eigenen Kameraden und Freunde gekämpft.
Als Ael sich plötzlich Maglor gegenübersah, einem der Herren, denen ihre Treue galt, hätte sie sich auf seinen Befehl hin sofort ergeben. Doch Maglor bedachte sie nur mit bitteren Worten und plötzlich hatte sie ihr eigenes Leben gegen einen der größten der Noldor verteidigen müssen. Und man erzählte Gil Galad, sie habe geweint, als sie ihr Schwert gegen Maglor erhob.
Der Hohe König hätte Aels Last gern erleichtert. Doch bei ihren wenigen Begegnungen hüllte sie sich stets in distanzierte Höflichkeit, hörend doch nicht verstehend, was er ihr zu sagen versuchte.
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Nachdem zwei Monate vergangen waren, brachen die feanorianischen Elben zur Heimreise nach Thargelion auf, was Ael überaus erleichterte. Wenn sie dort auch Maedhros' und Maglors Zorn erwartete, es war immer noch besser als hierzubleiben und die Blicke all jener ertragen zu müssen, die überlebt hatten.
Sie verließen die Halle früh an einem nebligen Morgen. Nach dem kurzen Abschied von jenen, die sich um sie gekümmert hatten, gingen sie zum Hafen hinab. Zu ihrer Überraschung erwartete Gil Galad sie am Schiff.
"Ihr wollt uns wirklich verlassen?", fragte er Ael.
"Natürlich, Herr. Habt Ihr etwas anderes erwartet?"
Er lächelte und schüttelte den Kopf. "Nicht wirklich. Ihr habt immer treu zu euren Herren gestanden. Doch ich fürchte, ihr werdet ein unfreundliches Willkommen erhalten."
"Das mag sein, mein König, ich kann es nicht ändern." Ihr Stimme zitterte leicht angesichts der Aussicht auf die Art des ‚Willkommens', das sie wahrscheinlich erhalten würden. "Wir werden ertragen, was immer uns erwarten mag", fügte sie in einem Versuch, Mut zu zeigen, hinzu, der jämmerlich mißlang.
"Ich bin davon überzeugt. Bitte überbringe Maedhros meine Bitte, uns Elwings Söhne zurückzugeben. Er ist jetzt weit genug entfernt, er muß wissen, daß er nichts mehr zu fürchten hat, selbst ohne sie. Wenn sie..." Er zögerte und sie wußte, in diesem einen Zögern lag der Tod von Elwings Brüdern, der Mord an zwei kleinen Kindern. "Falls sie noch bei ihm sind."
Ael erkannte seine Absicht, sie zu unterstützen, indem er ihr den Status einer Botin verlieh. Errötend antwortete sie, "Ich werde tun, worum Ihr mich bittet, Herr."
"Dann möge Manwe euren Weg behüten."
Nickend wandte sie sich ab und betrat das wartende Schiff. Sie wollte ihn ihre Tränen nicht sehen lassen, die ihrer Angst und einem merkwürdigen Gefühl der Dankbarkeit entsprangen.
Nach einigen Wochen Reisezeit erreichten die achtzehn Elben Maedhros' Festung. Die Grenzwachen empfingen sie unfreundlich, und man führte sie vor ihren Herrn, als seien sie Gefangene.
Mit wild klopfendem Herzen ging Ael langsam durch Maedhros' Halle. Viele seines Volkes waren versammelt und sie spürte ihre feindseligen Blicke auf sich ruhen. In diesem Moment bedauerte sie, nicht auf Balar geblieben zu sein.
Maedhros betrachtete die Zurückgekehrten finster und entgegen der Gebräuche der Eldar erhob er sich nicht, um sie zu empfangen.
Sie verneigten sich. "Ich grüße Euch, Herr", sagte Ael.
"Ich kann nicht behaupten, daß ich einen von euch grüßen möchte. Mir erscheint es eher unverschämt von euch, überhaupt hierher zu kommen. Ihr mußtet wissen, was euch hier erwartet also warum seid ihr zurückgekehrt?"
Ael trat einen zögerlichen Schritt nach vorn. "Herr, dies ist unsere Heimat und unser Volk. Wir wollten beides nicht aufgeben, noch unsere Loyalität Euch gegenüber."
"Eure Heimat? Euer Volk? Ihr habt euch ziemlich deutlich von beidem abgewandt. Oder hat euch die Gastfreundschaft des Hohen Königs so wenig behagt?"
"Wir haben sie nicht freiwillig angenommen. Wir wären sofort zurückgekehrt, wenn nicht um jener willen, die den Weg nicht hätten unternehmen können." Sie schluckte, kalter Schweiß bedeckte ihre Stirn. Dies war ein ausgezeichneter Moment um die Unterstützung in Anspruch zu nehmen, die der Hohe König ihr gewährt hatte.
"Gil Galad hat mir eine Botschaft für Euch aufgetragen, mein König."
"Nenne mich nicht so! Diese Entscheidung werde ich noch treffen. Was für eine Botschaft?"
"Er bittet Euch, Elwings Söhne zurückzusenden, falls-" Sie zögerte. "Falls sie noch am Leben sind."
Maedhros' Augen verdunkelten sich angesichts des unausgesprochenen Vorwurfs. Einem Vorwurf um so schmerzlicher, als er völlig berechtigt war. Und die Erinnerungen an drei qualvolle Wochen einer letztenendes vergeblichen Suche enthielt.
"Tut er das? Nun, sie leben bei Maglor und es geht ihnen gut." Plötzlich klang seine Stimme erschöpft. "Warum habt ihr euch gegen euer Volk und eure Herrscher gestellt – gegen eure Waffenbrüder?"
Die Elben traten unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. "Weil wir es für falsch hielten, Arvernien anzugreifen und unvorbereitete, hilflose Elben zu töten", antwortete Ael leise. "Und weil wir-....weil ich glaubte, es verhindern zu können, indem wir uns zwischen sie und Euch stellten. Ich ahnte nicht, daß dies alles nur noch schlimmer machen würde."
Feanors Erstgeborener sah auf die Elbenfrau herab und er dachte an all das Leid, das der Eid über sie gebracht hatte. Auch auf ihm lastete das Wissen um Tod und Schrecken, sein fëa war erschöpft von der Last, die er zu tragen hatte. Schon lange sehnte er sich nach Ruhe und beinahe beneidete er Ael. Sie hatte die Stärke besessen, einen Schwur aufzugeben, als ihr dies rechtmäßig erschien. Er seufzte leise und sprach sein Urteil.
"Ihr habt bewußt den Eid gegenüber eurem Herrn gebrochen. Zur Sühne für euren Ungehorsam werdet ihr alle euch den Grenzwachen anschließen, um eure Treue und euren Willen, wieder Teil unseres Volkes zu sein, unter Beweis zu stellen. Doch von nun an sollt ihr aus meinem Reich verbannt sein, bis ich es anders verfüge. Nur zum Zwecke der Verteidigung ist es euch erlaubt, die Grenze zu überschreiten. Dies ist mein Wille."
Er sah seinen Bruder an, der an seiner Seite saß. "Du hast gehört, worum Gil Galad bittet."
Zögernd wandte Ael sich Maglor zu. Ihm gegenüberzutreten war sogar noch furchterregender als Maedhros' Zorn zu ertragen. Sie hatte das Feuer des Hasses in seinen Augen während ihres Kampfes auf den Stufen zu Earendils Halle nicht vergessen.
Der zweite Sohn Fëanors wandte unwillkürlich seinen Blick seitwärts, zu dem Teil des Hauses in dem weit entfernt, unbehelligt von dieser unerfreulichen Angelegenheit, Elrond und Elros ihren kindlichen Spielen nachgingen. Sie waren ihm teuer, die kleinen Halbelben, gerade so wie es Amrod und Amras gewesen waren. Er wollte, er konnte sich nicht mehr von ihnen trennen.
Er wandte sich zurück und betrachtete Ael sorgfältig. Oft hatte er ihres Widerstandes gedacht, manchmal im Zorn, manchmal in Bitterkeit, manchmal mit einem Gefühl der Schuld. Und er hatte die Tränen auf ihrem Gesicht nicht vergessen, als sie ihr Schwert gegen ihn erhob.
"Nun gut, ich habe deine Botschaft vernommen", sagte er schließlich. "Gibt es noch etwas?"
"Nein, Herr."
"Dann nimm Abschied von jenen, die dies schätzen mögen und geh."
Ael nickte und verließ gemeinsam mit ihren Freunden den Saal, gebeugt und mit langsamen Schritten.
Einige Wochen nach Aels Abreise sandte Maglor Boten, die dem Hohen König Nachricht vom Elros' und Elronds Aufenthaltsort brachten – und seine Weigerung, sie zurückzusenden. Die Söhne Feanors hatten nicht die Absicht, solch wertvolle Geiseln aufzugeben, da sie noch immer Gil Galads Rache für die Zerstörung der Sirion-Mündungen fürchteten.
Und in vielen Stunden während derer er Elrond und Elros beim Schlafen betrachtete oder von irgendwoher ihr Lachen hörte; wenn sie zu ihm kamen, so vertrauensvoll und unschuldig, zwei kleine Brüder, wie er zuvor schon so viele gehabt hatte, konnte Maglor sich eingestehen, daß die Sicherheit seines Volkes und der offizielle Status der Jungen als Geiseln nichts mit seiner Entscheidung, die beiden Halbelben in seiner Pflege zu behalten, zu tun hatte.
Weder Maedhros noch Maglor konnten wissen, daß der Hohe König nicht annähernd die nötigen Mittel für einen Gegenangriff besaß. Von Herzen gern hätte er all seine Macht aufgeboten um die Kinder Elwings zurückzubringen, zu ihrem Wohl ebenso wie zu dem seinen. Es erschien nur angemessen, sie auf Balar aufzuziehen und zu unterrichten, inmitten ihres Volkes und ihrer Familie, und er vermißte sie.
Doch selbst wenn genügend Soldaten vorhanden gewesen wären, niemals hätte Gil Galad einen Krieg gegen andere Eldar begonnen oder die Bucht von Balar ungeschützt gelassen, nicht einmal um die Söhne seiner kleinen Schwester Elwing zu retten. Genug Blut war vergossen worden und nur zu Morgoths Vorteil. Wie Celegorm und Curufin seinen Vater um dessen rechtmäßigen Platz in Nargothrond betrogen hatten, so hatten Maedhros und Maglor ihn um seine beiden Neffen gebracht. Nun denn, so groß Orodreths Zorn und Haß zu jener Zeit auch gewesen sei mußten – und nicht einmal sein eigener Sohn hatte je erfahren, *wie* groß sie gewesen waren – er war dem Pfad der Weisheit gefolgt, um nicht noch mehr böses Blut zwischen die Häuser der Söhne Finwes zu bringen. Also würde Gil Galad seinem Beispiel folgen.
Und so sehr es ihn auch schmerzte, er mußte zugeben, daß die Jungen in den tiefen Wäldern bei den beiden letzten Söhnen Feanors sehr viel sicherer waren als auf Balar, Morgoths vorrangigem Ziel in Mittelerde. In den Wäldern mochten sie vielleicht vor dem Feind verborgen bleiben und seinen Ork-Armeen entkommen. Sie konnten sich in den Wäldern der Ered Luin verstecken oder die Berge sogar überqueren, wie es Galadriel zuvor getan hatte. So traf Gil Galad seine Entscheidung, doch er sandte keinen Boten.
Denn womöglich zum letzten mal wollte er noch einmal die Söhne seiner kleinen Schwester sehen.
Fußnoten:
(1) der Gebrauch von Äxten unter den Sindar: eigentlich ist die Axt als Waffe der Naugrim bekannt. Im Silmarillion wird jedoch mehrfach ihr Gebrauch durch Elben erwähnt.
(2) Drúedain: ein anderer Name für das Volk von Haleth. Haleth, die Tochter Haldads, war eine sowohl an Körper als auch an Geist außergewöhnlich starke Frau. Nach dem Tod ihres Vaters und ihres Zwillingsbruders Haldar führte sie ihr Volk nach Westen, wo sie sich schließlich im Wald von Brethil niederließen. Es waren die Männer von Brethil gewesen, die versuchten, die Gefangenen aus Nargothrond zu befreien, nachdem die Festung gefallen war. Daher nehme ich an, Gil Galad wird ihnen besondere Dankbarkeit entgegengebracht haben. Um mehr über diese sehr interessante Gruppe der Atani zu erfahren lest am besten im Silmarillion ‚Von den Menschen' und in den ‚Nachrichten aus Mittelerde' das Kapitel über die Drúedain.
(3) Aeglos' weißes Feuer: ich mag den Gedanken, es könne sich dabei um Elmsfeuer gehandelt haben.
(4) Gefolgsleute Feanors: obwohl Feanor schon tot ist, bestehen Maedhros' und Maglors Truppen sicherlich größtenteils aus Elben, die ihrem Vater von Anfang an gefolgt waren.
(5) Das Schicksal von Elronds und Elros' Onkeln: Elwings Brüder Eluréd und Elurín wurden nach der Zerstörung Doriaths in den umgebenden Wäldern ausgesetzt. Maedhros bedauerte dies und suchte lange nach ihnen, jedoch erfolglos. Siehe Silmarillion, Kapitel 22 ‚Vom Untergang Doriaths'
(6) Elrond und Elros als Brüder Maglors: im Silmarillion wird nur ausgesagt, er habe sie aufgezogen, nicht, daß er sie als Pflegesöhne betrachtet hätte. Und da einer – oder beide, es kommt auf die Version der Geschichte an, die ihr bevorzugt – seiner Zwillingsbrüder während des Angriffes auf Sirion gefallen war, schien es mir wahrscheinlich, daß er Elwings Kinder als eine Art Ersatzbrüder betrachtete.
(7) Die Aratar: Die acht machtvollsten der Valar: Manwe, Varda, Ulmo, Yavanna, Aule, Mandos, Nienna und Orome. Ursprünglich war ihre Anzahl neun und Melkor wurde hinzugerechnet, doch sein Name wurde aus ihrer Liste gestrichen.
(8) Hithaelin: eine Zusammensetzung aus ‚híth' = ‚Nebel' (‚Hithlum', ‚Hithaeglir') und ‚aelin' = ‚See' in der Bedeutung von ‚Nebeln über einem See', wie er häufig morgens zu beobachten ist.
2nd AN:
Nein, Ael ist *nicht* ziemlich klein, sie mag Ratten *nicht* (tatsächlich verabscheut sie sie sogar), sie ist nicht...na, sagen wir, sie ist *nicht* etwas zu klein für ihr Gewicht und sie arbeitet *nicht* in der Inkassoabteilung irgendeiner Art von elbischer Telefon- oder Palantír-Gesellschaft. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt? ;)
Tatsächlich tauchte sie schon vor langer Zeit auf, in den ersten Entwicklungsstadien dieser Geschichte, noch lange ehe ich auch nur daran dachte, sie zu übersetzen und zu veröffentlichen. Dazu gebracht wurde, daran zu denken, sollte ich sagen. Ich behielt sie, da ich ihren Part in der Verteidigung der Häfen und insbesondere als Mitglied des Hauses des Maulwurfs (ich sehe Nemis verzweifelt aufstöhnen *ggg*) schätze, als eine der ‚gewöhnlichen' Elben, die im Verlauf des Geschehens schuldig wurden.
Und dann beanspruchte sie plötzlich einen viel größeren Anteil an dieser Geschichte, und es brauchte all meine Kraft und die Hilfe von Vorondis, um sie davon abzuhalten, noch aufdringlicher zu werden. Ihr wißt ja, wie sehr die Elfies dazu neigen, ein Eigenleben zu entwickeln. Also vergebt mir bitte, Ael nicht zu einem Mann gemacht zu haben, nur um dem Verdacht zu entgehen, eine Mary Sue zu schreiben.
Ja, ich hätte dieses Kapitel in zwei aufteilen können. Doch ich finde ihr verdient eine Menge Lesestoff nach so langer Wartezeit. Ich hoffe, es hat euch Spaß gemacht (und wenn das so ist, sei euch hiermit gestattet, es mir mitzuteilen ;) ).
