Narn Gil Galad
von Earonn
Kapitel XX – Der Krieg des Zorns I – Entscheidungen
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Danksagung: den Herrinnen der Rastlosen Beta-Balrogs: Ute, Mistress of (ex-)Useless Kiwis und Fymhrisfawr-der-immer-noch-Unaussprechlichen. Und an Vorondis, weil sie den gesamten Abschnitt über den Krieg des Zorns überhaupt erst möglich gemacht hat – was ich weiter unten in den 2. A/N erläutert habe.
Widmung: jenen, die mir für das Fernabitur die Daumen gedrückt haben.
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A/N:
Liebe Lesende, verzeiht bitte die lange Unterbrechung. Aufgrund des Fernabiturs habe ich sehr viel Zeit fürs Lernen aufbringen müssen. Ich bin sehr froh, jetzt wieder mit der Narn fortfahren zu können – und sei es auch nur, weil Gilly letzthin begonnen hat, mir vors Schienbein zu treten, wann immer ich die Beine unter dem Schreibtisch ausstrecke...
Ich bin mir natürlich im klaren, daß die Elben in Aman Quenya und kein Sindarin sprechen. Um der Lesbarkeit des Textes willen habe ich aber darauf verzichtet, dies irgendwie optisch hervorzuheben. Ich habe lediglich im Erzählteil die gewohnten Sindarin-Namen und in wörtlicher Rede und Gedanken ihre Quenya-Formen verwandt. Eine Liste beider Formen findet sich in den Fußnoten.
Jojo: frau bedankt sich für dein Lob – glaube mir, es liegt mir einiges daran, es der Narn zu erhalten. Ael ist zart errötet, Du weißt ja, sie ist freundliche Aufmerksamkeit nicht sonderlich gewohnt. Und Celebrimbor hat sich auch gefreut. Gil Galad wird sich irgendwann schon einkriegen, er ist halt auch nur ein Elbenkönig wie Du und ich. Gut bemerkt, die Sache mit seiner Nostalgie. Die ist nämlich ziemlich wichtig. Was Thargelion angeht: einfach zurücklehnen und weiterschmökern. Und im übrigen erwarte ich von dir auch mal wieder was. Wenn ich schon über Aegnor schreiben muß... ;)
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XX – Der Krieg des Zorns I – Entscheidungen
Das Geräusch des gegen die Scheibe klopfenden Regens klang beruhigend in Maglors Ohren.
Er saß auf einer niedrigen Bank neben einem Fenster, in das zerknittertes Blatt Papier vertieft, das er in Händen hielt und in stiller Erheiterung lächelnd. Der Text war von einer ungeübten Hand verfaßt, die noch nach ihrem eigenen Schreibstil suchte und die Buchstaben eher malte denn schrieb. An drei Stellen war ein wenig Tinte über das Papier verschmiert. Doch das Geschriebene übertraf die kalligraphischen Fähigkeiten des Autors bei weitem.
‚So jung und doch schon so klug. Dabei weiß er kaum, wie er das ausdrücken soll, was er sagen möchte', dachte Maglor mit jenem stolzen Blick in den Augen, den er jedesmal unbewußt annahm, wenn es um seine beiden Pflegebrüder ging. Kluge und pfiffige, gute Jungs waren sie, genau wie Ambarussa es gewesen waren, lebhaft und voller Unsinn. Fleißige Schüler genauso wie auch fleißige Unruhestifter.
Elrond hatte ihm am Abend zuvor diesen Text gegeben. Der junge Halbelb war scheu und unsicher gewesen, aber gleichzeitig wild entschlossen, sein Werk von der größten Autorität prüfen zu lassen, die er anerkannte – und höchst berechtigt, denn Maglor war der gelehrteste von Feanors sieben Söhnen.
Es war eine Ballade, hervorragend formuliert und sehr ausdrucksvoll, auch wenn der junge Elrond es noch nicht einmal verstanden haben würde, wenn jemand ihm erklärte, welche sprachlichen und literarischen Figuren er verwendet hatte. Dieses Werk wäre dem Verstand eines halb erwachsenen Elben angemessen gewesen – und der Junge war gerade elf! (1)
Schnelle Schritte näherten sich außerhalb seines Arbeitszimmers. Maglor hoffte, sie würden vorübergehen und ihm seine friedvolle Stimmung belassen. Doch die Tür öffnete sich erbarmungslos und mit einem Seufzen legte er das Blatt beiseite.
Ein Elb kam herein, hochgewachsen selbst nach dem Maßstab seines Volkes, hager und ebenso schmutzig wie Elros nach einem Tag Spielens im Regen. Dieser Mann war jedoch sicherlich nicht in Pfützen gesprungen oder hatte Türme aus Matsch gebaut. Er gehörte zu den Grenzwachen und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen stand dort nicht alles zum Besten.
Er verneigte sich hastig. "Herr, der Hohe König – er kommt hierher!"
Maglor sprang auf. "Der Hohe König – hier?"
"Weniger als einen Tag vor der Grenze. Er möchte mich Euch und dem Herrn Maedhros sprechen."
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Vom äußeren Rand von Maedhros' Reich aus war es ein recht angenehmer Ritt bis zu seiner Festung, die verborgen in einem kleinen Tal nahe den letzten Ausläufern der Ered Luin lag. Gil Galad sah zu den weit entfernten Berggipfeln auf, die schneebedeckt in der Sonne glitzerten.
‚Eines Tages werde ich diese Berge überqueren', dachte er plötzlich mit beinahe beängstigender Gewißheit. Nicht, um seine Tante Galadriel zu besuchen, sondern aus einem anderen Grund, bedeutungsvoll und wichtig – doch noch verhüllt.
Gegen Mittag ballten sich dunkle Wolken über ihnen zusammen, und heftiger Regen setzte ein. Im nu waren der Höhe König und seine Begleiter – Argon mit zehn Noldor-Kriegern als seiner Leibwache und drei von Maedhros Grenzwächtern – komplett durchnäßt.
Am späten Nachmittag standen sich zum ersten mal seit mehr als einhundert Jahren Maglor und sein entfernter Neffe gegenüber.
Der Sohn Feanors studierte die Eintreffenden sorgfältig. Der junge Elb, den er einst gekannt hatte, war nun nicht länger ein unwichtiger Abkömmling des Hauses von Finarfin, sondern Hoher König der Noldor und es wurde gesagt, auch ein großer Teil der westlichen Sindar folge ihm. (2) Obwohl Maglor sich nicht vorstellen konnte, warum sie Gil Galad als ihren Anführer nehmen sollten, anstatt einen ihrer eigenen Sippe zu wählen. Insbesondere weil dieser erbarmungswürdig junge Elb, naß bis auf die Knochen und vom Schmutz einer langen Reise bedeckt, all seinen Vorgängern so wenig ähnlich schien. Und ganz gewiß war er in keinster Weise wie ihr Ahnherr Finwe.
Doch etwas hatte sich seit ihrer letzten Begegnung auf Tol Sirion geändert. Maglor konnte es fühlen, spürte es im Fea seines Besuchers selbst. Damals war noch nicht der Schmerz in den Augen seines Neffen gewesen und auch nicht das Bedauern. Doch ebensowenig die Entschlossenheit oder das in Jahren als Anführer erworbene Selbstvertrauen.
‚Die Erfahrungen haben ihn härter gemacht', dachte er. ‚Auf Tol Sirion hat er noch mehr seinem Vater geähnelt. Ist er einfach nur erwachsen geworden und hat seine natürlichen Anlagen entwickelt? Oder ist sein Charakter durch die Umstände und Anforderungen verändert worden? Wie wärest du heute, Finellach, wenn du im Frieden der Gesegneten Lande hättest leben können?'
Gil Galad wischte sich den Regen aus dem Gesicht, trat einen Schritt vor und neigte den Kopf.
"Sei gegrüßt, Maglor, Sohn von Feanor."
Sein Tonfall ließ es eher wie eine Beleidigung denn wie eine Begrüßung klingen.
"Und du desgleichen, Finellach", erwiderte Maglor gleichermaßen kühl. ‚Glaube ja nicht, daß ich dich mit dem Titel des Hohen Königs ehre', dachte er dabei.
Einige Stallburschen führten die Pferde fort und nahmen sich des Gepäcks der Besucher an, andere reichten ihnen Tücher. Nachlässig rubbelte Gil Galad sein dunkles Haar trocken. Er verstand nur zu gut, was gesagt worden war – und was nicht. Nun gut, der Feindseligkeit zwischen dem ältesten und dem jüngsten Zweig des Hauses von Finwe war Genüge getan worden.
"Wir müssen miteinander reden", erwiderte er gleichmütig. "Ist dein Bruder hier irgendwo?"
"Er ist es nicht, oder er wäre gekommen um dich zu begrüßen, wie es sich geziemt."
Eine Braue wurde spöttisch gehoben. "Woher soll ich das wissen? Vielleicht wäre ja der ‚halbe Sinda', wie einige deiner Brüder es auszudrücken pflegten, unter seiner Würde gewesen. Wann wird er zurückkommen?"
"Wir erwarten ihn in diesem Monat nicht mehr zurück", antwortete Maglor, während er die Wache musterte, die den Hohen König begleitete. Ihm wurde ein ernster Blick von Argon zuteil, der den Söhnen Feanors nicht im geringsten traute und sich am stärksten gegen diesen Besuch ausgesprochen hatte. Doch Maglor scherte sich nicht im geringsten um diesen jungen, unbekannten Krieger, er suchte nach einem vertrauten Antlitz.
"Celebrimbor ist nicht mit dir gekommen?"
"Nein. Seit Celegorms Worten in Nargothrond wußte er nicht, ob er sich noch immer als Mitglied eurer Familie bezeichnen darf. Ich denke, er fürchtete, den ganzen Weg hierher zu kommen und dann zurückgewiesen zu werden."
"Maedhros hat niemals etwas derartiges beabsichtigt." Ein Seufzen. "Wir hätten es ihm sagen sollen."
"Ja. Und Curufin davon überzeugen, wenigstens eine Nachricht zu schicken, ehe es dafür zu spät war."
"Ich weiß.", erwiderte Maglor ernst. "Es geht ihm gut?"
Angesichts des Bedauerns und der aufrichtigen Fürsorge im Tonfall des anderen wurde der Gesichtsausdruck des Hohen Königs weich.
"So gut es irgend jemandem in diesen Zeiten gehen kann. Er bat mich, euch beiden seine Grüße auszurichten, falls sie willkommen seien."
"Das sind sie. Oh ja, das sind sie." Er machte eine Geste in Richtung der Halle. "Komm herein, dies hier ist nicht der Ort, um sich zu unterhalten."
Im Arbeitszimmer wurden sie von einem angenehm prasselnden Feuer begrüßt. Der Hohe König sah sich um, dann ging er zu dem großen Arbeitstisch und ließ sich seufzend nieder. Er nahm er eines der zahllosen Notenblätter, die über die Tischplatte verstreut waren und betrachtete es für eine Weile.
"Das ist ein sehr schönes Lied."
"Danke. Hätte ich gewußt, daß du zum Komponieren gekommen bist, hätte ich ein paar Musiker eingeladen."
Gil Galad beschloß, den Sarkasmus zu ignorieren. "Du kennst den Grund", sagte er, ohne den Blick vom Blatt zu lösen. "Man könnte sogar sagen, daß ich aus familiären Gründen hier bin. Ich komme wegen der Jungen."
Mit ernstem Gesicht sah er auf.
Seine wahren Gefühle hinter einem spöttischen Lächeln verbergend schüttelte Maglor den Kopf.
"Du erwartest hoffentlich nicht wirklich, ich würde sie dir zurückgeben – nur um im nächsten Moment deine Krieger hier in Thargelion zu haben?"
"Fürchte mich nicht, Maglor. Rache zu nehmen könnte die Toten von Arvernien nicht wieder lebendig machen. Ich würde das Leben meiner Soldaten nicht für so etwas verschwenden."
Dies war keine große Überraschung für Maglor, der besser als jeder seiner Brüder den ruhigen Charakter von Orodreths Sohn verstand.
"Dennoch kann ich sie nicht nach Balar zurückschicken."
Gil Galad hob eine Braue. "Du traust mir nicht?"
"Glaube es oder nicht – ich tue es. Doch dies ist keine Frage des Vertrauens. Finellach, sie sind mir wie Brüder. Weißt du, was das heißt? Kannst du verstehen wie es sich anfühlt, neue Brüder geschenkt zu erhalten, nachdem du andere verloren hast? Ich habe fünf verloren, ich kann mich nicht mehr von Elrond und Elros trennen, sie bedeuten mir zu viel."
Erinnerungen an ein kleines Mädchen wurden wach, das unter einem weiten Mantel hervorlugte. Große, graue Augen, die zu ihm aufsahen, dünne Arme, die sich reckten und um seinen Nacken legten. Eine zweite kleine Schwester. Oh Elwing...
"Ich verstehe es sehr genau, Maglor. Ich habe Elwing wie eine Schwester geliebt. Elrond und Elros waren mir niemals etwas anderes als Neffen." Seine Stimme wurde kalt. "Und dennoch kann ich mich nicht erinnern, gefragt worden zu sein, ehe sie ihrer Heimat, ihrem Volk und allen, die sie als ihre Familie ansahen, entrissen wurden."
Es gab nichts, was sein Verwandter hierauf hätte antworten können.
Unbehagliche Stille folgte. Gil Galad nahm eine Feder auf, drehte sie rastlos in Händen und beobachtete die Reflektion des Lichtes auf ihrer silbernen Spitze. Er wollte es nicht sagen, und doch mußte es ausgesprochen werden. Schließlich gab er es auf und holte tief Luft.
"Maglor, ich will sie dir nicht nehmen. Elros und Elrond tragen das Blut der Königshäuser sowohl der Noldor als auch der Sindar in sich. Sollte ich ums Leben kommen sind sie die einzigen, die auch nur versuchen könnten, meine Nachfolge anzutreten. Oder unser Volk wird führerlos werden wie die Avari, zersplittert in Stämme und kleine Königreiche. Sie sind für unser Volk von unschätzbarem Wert, und wie du weißt, ist Balar in großer Gefahr. Ich hätte sie lieber zu Galadriel geschickt, doch jetzt befinden sie sich nun einmal hier. So lange sie sicher sind, kann ich mich damit abfinden."
Maglor konnte nicht glauben, wagte nicht zu glauben, was er gerade gehört hatte.
"Du willst sie hier bleiben lassen?"
Gil Galad nickte.
"Ich bin nur gekommen, um sie noch einmal zu sehen."
‚Dies ist also die Ironie des Schicksals – daß ich einen Grund habe, Morgoth dankbar zu sein', dachte Maglor, während er langsam nickend zur Tür ging, um einen Bediensteten zu rufen.
Wenig später wurde schüchtern angeklopft und geführt von einem ihrer Lehrer betraten Elrond und Elros den Raum. Als sie den Besucher sahen, strahlten ihre Gesichter vor Freude auf.
"Onkel Finellach!", rief Elrond und lief auf den Hohen König zu. Elros folgte ihm dichtauf und beide machten sich nicht die Mühe, ihren Lauf auch nur abzubremsen, als sie sich in die Arme ihres Verwandten warfen. Dieser lachte und drückte jeden von ihnen mit einem Arm an sich.
"Elrond, Elros", flüsterte er und vergrub sein Gesicht erst in einem dann im anderen dunklen Haarschopf.
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Und zur gleichen Zeit, da Gil Galad das Wiedersehen mit seinen Neffen feierte, trat weit im Westen Earendil vor die Valar. In Máhanaxar, dem Schicksalsring, sprach er für die beiden Geschlechter, erflehte die Vergebung der Aratar für die Noldor und Mitleid für die Edain und er bat um Hilfe in ihrer Not.
Da wurde Manwes Herz bewegt und er entschied, es solle erneut Krieg gegen Morgoth geführt werden. Und alle Valar jubelten, denn bereits seit langer Zeit rührte Mitleid sie. Nur Aule senkte sein Haupt und schloß die Augen, und eine einzelne Träne rann über sein Gesicht. Denn niemand hatte für die Zwerge gesprochen und es waren nicht seine Kinder, um derentwillen die Valar sich gegen den Schwarzen Feind wenden würden.
Doch alle waren erfreut, wenigstens einen der Silmaril wiederzusehen. Und sie waren voll des Staunens, als sie das Nauglamír erblickten, in welches der Stein eingebettet lag. Dies war eines der größten Werke der Zwerge und seine Schönheit erfüllte Aule mit Freude und Stolz.
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Schon bald verließ Gil Galad Thargelion wieder. Balar wurde von Círdan und Erestor geführt und er vertraute ihrer Weisheit, doch Pflichtgefühl und Sorge um die Sicherheit seines Volkes riefen ihn zurück. Die Zeit, die ihm noch mit Elwings Kindern vergönnt sein könnte wäre sowieso zu kurz, ganz gleich, wie viele Jahre sie andauern mochte.
Als er sich schließlich von ihnen verabschiedete, mußte er endlich eingestehen, daß er vermutlich keine Gelegenheit mehr bekommen würde, noch einmal zurückzukehren. Zu seiner Überraschung war es von beiden Brüdern Elros, der diese Nachricht weit schlechter aufnahm.
"Ich will nicht, daß du uns verläßt und nie wieder zurückkehrst, Onkel. Ich will dich wiedersehen, dich und Mutter und Vater!", rief er weinend.
"Pscht", sagte Maglor in dem vergeblichen Versuch, den Jungen zu trösten.
Auch Elrond hatte Tränen in den Augen. Doch er war nicht so verzweifelt wie sein Bruder. Denn ungeachtet dessen, was Finellach sagte, hatte er ein deutliches Vorgefühl, daß sie einander wiedersehen würden. Und selbst als Elros dies später als Wunschdenken bezeichnete, verlor Elrond niemals seinen Glauben an diese Vorahnung die ihm, darin war er sich vollkommen sicher, von dem Einen gesandt worden war.
Von der Grenze von Maedhros' Reich aus erhielten sie Führer, die sie auf sicheren Pfaden zum Wall von Andram zurückgeleiten sollten. Einer von ihnen hatte zu den achtzehn Elben gehört, die nach der Zerstörung Arverniens auf Balar zurückgeblieben waren, und er berichtete Gil Galad von ihrem Willkommen daheim und dem Urteil, das über sie gefällt worden war.
Während des Heimwegs dachte Gil Galad oft über seine Entscheidung nach. Er hatte sie um Elronds und Elros' Sicherheit willen getroffen, doch besaß er das Recht, sie bei einem von jenen leben zu lassen, die so viele ihres Volkes getötet hatten? Und zog nicht auch Maglor seinen Vorteil hieraus, der etwas gefunden hatte, was Gil Galad selbst gern wieder besessen hätte? Ein Band, beruhend nicht auf Blut oder der Verbindung zweier Fear, sondern allein auf freiem Willen und Liebe. Wieso wurde Maglor für die Untat des Dritten Sippenmordes mit der Liebe zweier Pflegebrüder belohnt, während er selbst Elwing für immer verloren hatte?
'Nein', wies Gil Galad sich zurecht. ‚Mißgönne ihm nicht die Liebe, die er bekommen kann. Seine Gattin ist in Aman geblieben, sie werden sich niemals wiedersehen, und in den Hinnenlanden wird niemand ihm je wieder Zuneigung schenken außer Maedhros und diesen Kindern. Elrond und Elros werden in Sicherheit sein und sie werden von einem der größten der Noldor lernen. (3)
Oh Elwing, ist dies richtig? Wärest du hiermit einverstanden? Was ist wichtiger: sie bei uns zu haben, die wir sie lieben, oder sie bei Maglor zu lassen, sicher aber – aber was? Er liebt sie ebenfalls, er liebt sie, wie ich dich geliebt habe, Elwing. Kannst du dieser Liebe mißtrauen?
Und doch – die Zweifel blieben. Zweimal wäre er beinahe umgekehrt um Maglor mitzuteilen, er habe seinen Sinn geändert. Und beide male hielt er sich zurück. Wahrlich, der Hohe König war kein guter Begleiter auf dieser Reise, schweigsam und jeden Abend nachdenklich ins Feuer starrend.
Selbst seine Rückkehr brachte ihm wenig Erleichterung, denn seine Entscheidung, Elrond und Elros bei Maglor zu belassen, fand beim Volk aus Avernien nur wenig Zustimmung.
"Was erwartet ihr von mir?", fragte er jene tadelnd, die sich beklagten. "Ihr habt mich gebeten, für ihre Sicherheit zu sorgen und dieser Bitte habe ich entsprochen. Soll ein Heer ausgesandt werden um zwei Kinder zurückzuholen, die ihre Heimat nicht einmal verlassen wollen? Maglor liebt sie und sie erwidern seine Gefühle. Welchen Gefallen würde ich Elrond und Elros erweisen, würde ich sie von dem trennen, den sie an Bruders statt angenommen haben? Ja, ich wünschte, ich könnte sie selbst erziehen, denn Elwings Söhne sind mir teuer. Doch nicht einmal um ihretwillen werde ich einen Krieg beginnen. Und sie werden dort in Sicherheit sein, eine Sicherheit, die ich ihnen nicht geben kann!"
Dennoch hinterließ dieser Beschluß einen Bruch zwischen dem Hohen König und den ehemaligen Bewohnern der Häfen, der über Jahre andauern sollte.
Elrond und Elros lebten glücklich bei Maglor und Maedhros in den Wäldern Thargelions. Gemeinsam mit den Söhnen Feanors zogen sie oft frei umher wie Avari, und Earendils Söhne lernten viel während dieser Wanderungen, Dinge, von denen sie viele nirgends sonst hätten lernen können. Unter jenen Eldar in Mittelerde, die das Licht der Zwei Bäume gesehen hatten, gehörten Maedhros und Maglor zu den größten, reich an Wissen und Einsicht. In diesen Jahren vollendete Maglor auch den herrlichsten Gesang der Noldor, die Noldolante, die von ihrem Fall und ihrem Verderben berichtet.
Einmal trafen sie umherziehende Nandor. Fasziniert lauschte Elrond, was sie ihm und seinem Bruder über Pflanzen erzählten, und als er einige Jahre später die Begabung eines Heilers zeigte, wurde ihm erlaubt, für eine Weile bei ihnen zu leben. In dieser Zeit lernte er viel über Kräuter und die Heilkunst, da niemand mehr darüber wußte, als die Laiquendi. (4)
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Während die Valar über die Botschaft Earendils berieten, wanderte Elwing am Ufer des Belegaer entlang, und ihre bloßen Füße versanken kaum im schimmernden Sand. Sie fühlte sich einsam ohne ihren Geliebten und voller Angst, denn sie wußte nicht, welches Schicksal sie vielleicht würden erdulden müssen.
Bei Nacht sah sie einen schwachen Schimmer über den Dünen, und diesem folgend erreichte sie schließlich den alten Hafen von Alqualonde. Die Teleri betrachteten sie mit Staunen und Ehrfurcht, und man führte sie vor König Olwe.
"Sei willkommen in Valinor, Kind der Außenlande", sagte Olwe mit einer Verneigung. Er trug ein weites, graues Gewand, das an den Ärmeln mit Ornamenten aus Seelebewesen geschmückt war. Zwei Perlmuttspangen hielten sein silbernes Haar, seine weiten, grauen Augen schienen stets in die Ferne zu blicken und, wie es unter den Teleri nicht selten war, in seiner Stimme fanden Wind und See ihren Widerhall. "Bitte nenne uns deinen Namen."
"Mein Herr, ich bin Elwing, Tochter Diors, der der Sohn Lúthiens von Doriath war, der Tochter...der Tochter Eures Bruders Elwe, den wir Thingol Graumantel nennen." (5)
Das Volk umher murmelte aufgeregt. Olwe starrte Elwing an, Erinnerung und Sehnsucht erfüllten seine Augen.
"Du bist eine Nachfahrin meines Bruders Elwe, den ich vor so langer Zeit verlor? So sei nochmals willkommen, Nichte." Er trat näher und nahm sie in die Arme, dann hielt er sie ein wenig von sich und musterte liebevoll ihr Gesicht. "Sage mir, wie geht es meinem Bruder in Mittelerde?"
"Und wie geht es unseren Kindern?" fragte Olwes Tochter Earwen aus dem Hintergrund, die zufällig gerade zu dieser Zeit gemeinsam mit ihrem Gatten Finarfin am Hof in Alqualonde verweilte.
Elwing wandte sich dem Hohen König und der Königin aller Noldor zu. Earwens Haar war von derselben Farbe wie das ihres Vaters und ihre Augen leuchteten grau. Sie trug ein blaßgoldenes Gewand, und abgesehen von einem Diadem aus dunklem Silber war ihr einziger Schmuck der goldene Ring an ihrem Finger. Sie hielt eine von Finarfins Händen in nervösem Griff, ein Ausdruck der Erwartung auf ihrem lieblichen Gesicht. Da war etwas in ihrer Körperhaltung, das Elwing wiedererkannte, die Art, wie sie ihren Kopf hielt, wißbegierig und fragend. Sie mochte sie vom ersten Moment da sie sie sah.
Hingegen fühlte sie sich etwas unbehaglich in der Gegenwart des Hohen Königs. Finarfin sah genau so aus wie auf den Bildern, die sie auf Balar gesehen hatte. Sein Haar war wie gesponnes Gold, federleicht, zurückgehalten von einem schmalen, goldenen Stirnreif, der Krone der Hohen Könige der Noldor. Seine tiefblauen Augen blickten sie freundlich und friedvoll an, beruhigend und weise, und sein Fea war stark und rein wie kein anderer, den sie jemals in den Hinnenlanden wahrgenommen hatte. Doch er war nicht wie Gil Galad, nicht im geringsten.
"Herrin, ich habe nur einen von ihnen kennengelernt, Artanáro Finellach Gil Galad, den Sohn eures Enkels Artaher. Er führt Euer Volk in Mittelerde an."
Finarfin runzelte die Stirn. Wenn ein Sohn Artahers König der Noldor war, dann konnte dies nur heißen, daß...
Als ihm die Bedeutung ihrer Worte klar wurde, erblaßte er.
"Meine Brüder....meine Söhne...?"
Und plötzlich verstand Elwing, daß die Aufgabe, die sie in den Gesegneten Landen zu erfüllen hatte, in keinster Weise leichter als die ihres Gatten war.
Sie sprach den ganzen Abend, erzählte den gefesselten Zuhörern alles, was sie von den Taten und Leiden der Elben in den Hinnenlanden wußte. Und einige verspürten Mitleid für die Eldar, und andere sagten, zumindest die Noldor hätten es nicht besser verdient, als Strafe für den Ersten Sippenmord und all die anderen schrecklichen Dinge, die sie seit ihrer Ankunft in Mittelerde begangen hatten. Viele Teleri fragten Elwing nach Neuigkeiten von ihren Freunden und Verwandten, und nach niemandem mehr als nach Círdan, den alle kannten und schätzten. Geduldig versicherte sie ihnen wieder und wieder, daß es ihm gut gegangen war, als sie ihn zum letzten male gesehen hatte.
Earwen jedoch sprach nicht mehr an diesem Abend, zu groß war ihr Kummer. All ihre Söhne, ihre wunderschönen, herrlichen Söhne, tot! Findaráto getötet von einem Werwolf, Angaráto und Aikanáro erschlagen von Orks, Artaher hingeschlachtet von einem Drachen und sie konnte sich noch nicht mal eine dieser verfluchten Kreaturen auch nur vorstellen! Eldalote im mahlenden Eis der Helcaraxe erfroren. Und Artanis verschwunden, vielleicht ebenfalls tot. Wieviel hatte sie noch zu ertragen?
Sie spürte die Berührung von Finarfins Hand auf ihrer Schulter, warm und tröstend.
"Wir haben einen Urenkel, Liebste. Dann ist wenigstens ein Gutes aus Orodreths Entscheidung erwachsen, seine Brüder zu begleiten anstatt hierzubleiben."
Denn einst hatte sein Enkel sich gegen Feanors Aufruf, Valinor zu verlassen, ausgesprochen, und nur aus Liebe zu seinem Vater und seinen Onkeln, insbesondere zu Finrod, hatte er die Gesegneten Lande verlassen.
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Lange berieten die Valar über Earendil und Elwing, die die Küsten der Gesegneten Lande betreten hatten ungeachtet des Bannes. Und einige sagten, es könne ihnen nicht gestattet werden, zurückzukehren, und andere meinten, sie dürften nicht für ihre tapfere Tat bestraft werden. Schließlich erlaubte man Elwing und Earendil, ihr Schicksal selbst zu wählen. Da bat Earendil seine Gattin für sie beide zu entscheiden. Und Elwing wünschte, zu den Erstgeborenen zu gehören. Um ihretwillen traf Earendil die selben Entschluß, obwohl er selbst sich eher den Zweitgeborenen zugeneigt fühlte.
Die drei Seeleute, die sie begleitet hatten, Falathar, Erellont und Aerandir, wurden in einem neuen Schiff nach Osten gesandt und es ist nicht verkündet, was aus ihren wurde. Aber später sagte das seefahrende Volk der Numenórer, sie hätte selbst die Wahl getroffen, niemals zurückzukehren, sondern für immer die Wellen des Belegaer zu befahren auf dem Schiff, das die Valar ihnen gegeben hatten, und sie würden den Stürmen folgen um jenen zu helfen, die in Not seien.
Dann nahm Aule das Nauglamír und löste vorsichtig den Silmaril daraus. Und er war sowohl glücklich, dieses herrlichste aller Werke seiner Kinder zu berühren, als auch traurig, ihm etwas von seiner Schönheit zu nehmen. Den Stein trug fortan Earendil auf der Stirn und Vingilot wurde in die höchsten Sphären der Himmel versetzt. Dort setzte Diors Sohn seine Reisen fort, durch die endlosen, sternschimmernden Weiten. (6)
Als er zum ersten mal den Himmel überquerte, war sein Licht für jeden in Mittelerde zu sehen. Die Elben betrachteten es als eine Botschaft der Hoffnung, von den Valar gesandt, und daher nannten sie den neuen Stern Gil-Estel, den Stern der Hohen Hoffnung, und er war meistens zur Morgen- oder Abenddämmerung zu sehen, leuchtend im Zwielicht. Doch abgesehen von Morgoth selbst gab es nur drei, die sofort den Silmaril erkannten, nämlich jene, die sein Licht selbst gesehen hatten: Maedhros, Maglor und Gil Galad, und von ihnen wußte nur der Hohe König, was es bedeutete.
Die Bitte um Erbarmen mit den beiden Stämmen hatte die Valar erreicht.
Elwing jedoch mochte Earendil nicht auf den dunklen und einsamen Wegen begleiten, die er nun einschlug. Für sie wurde ein Turm am Ufer des Scheidemeeres gebaut, wo alle Arten von Seevögeln sie besuchten. Und da sie einstmals eine von ihnen gewesen war, verstand sie ihre Sprache und sie erzählten ihr vom Schicksal all jener an den Küsten Beleriands, die sie liebte.
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Dann riefen die Valar die Elben von Valinor auf, an ihrer Seite gegen den Schwarzen Feind zu kämpfen. Finarfin führte ein großes Heer der Noldor zu den Küsten des Belegaer, und noch mehr kamen von den Vanyar, und sie folgen Ingwion, dem Sohn Ingwes. Denn Ingwe selbst, der Hohe König aller Elben, blieb in den Gesegneten Landen.
Viele Waffen wurden geschmiedet, Schilde und Schwerter und Pfeile und Speere. Es dauerte mehr als zwei Jahre, bis alles bereitet war. In dieser Zeit lehrte Elwing die Elben von Aman das Sindarin, wie es in Beleriand gesprochen wurde. Sie sang die Lieder von Doriath, rezitierte Gedichte aus Nargothrond und erzählte alle Geschichten, die sie kannte. Und wer ihr zuhörte begann selbst, das Land und seine Bewohner ein wenig zu verstehen und etwas von ihrer Liebe zu Mittelerde zu empfinden.
Als das Heer schließlich bereit war, war es herrlich und schrecklich anzusehen. Ihre Banner, von den geschickten Händen von Elbenfrauen gefertigt, schimmerten im Wind und kündeten von ungezählten edlen Familien. Silberne Trompeten wurden geblasen, als sich die Armee zum großen Krieg gegen Morgoth aufmachte.
Nur die Teleri weigerten sich, an diesem Kampf teilzuhaben. Sie konnten die Zerstörung und die Toten Alqualondes der Schönen weder vergeben noch vergessen. Da trat Elwing vor sie und flehte sie um Hilfe an und erinnerte sie an ihre Verwandten, die in den Landen ihrer Geburt zurückgeblieben waren. Ihre Worte bewegten viele und schlußendlich wurden sie anderer Gesinnung. Noch immer wollten sie nicht kämpfen, doch sie stellten ihre Schiffe zur Verfügung, um das Heer der Valar nach Mittelerde zu bringen.
Da war eine Teleri auf einem dieser Schiffe, ihr Haar von tiefem Silber und mit grünen anstatt grauen Augen, wie es bei ihrem Volk üblich war. Sie fuhr zur See, liebte das Meer, die Wellen und die Winde und ganz besonders alle Wesen in den Tiefen der Ozeane. Sie freute sich darauf, die Küsten Mittelerdes zu erblicken, wo sie geboren worden war. Doch das wahre Verlangen ihres Herzens war von einer anderen Art: sie verzehrte sich danach, Nowe wiederzusehen. (7)
Sie war jedoch nicht die einzige, die dem Ruf allein aus Liebe folgte. Entgegen dem Wunsch ihres Gatten begleitete auch Earwen das Heer.
"Glaubst du wirklich ich würde hierbleiben?", fragte sie. "Artanis und Artanáro sind alles, was mir von unseren Kindern geblieben ist. Ich sehne mich nach meiner Tochter und ich will Artahers Kind kennenlernen." Sie wandte sich Anaïre zu, der Gattin Fingolfins, die neben ihr saß. "Möchtest du nicht die Lande erblicken, wo dein Mann gelebt hat und zu deren Verteidigung er so tapfer kämpfte?"
Die wunderschöne dunkelhaarige Frau neben ihr, noch immer Tränen der Trauer in den Augen wegen der Nachrichten, die sie über ihren Gatten und ihre Kinder erhalten hatte, schüttelte den Kopf.
"Es sind die Lande, die Nolofinwe getötet haben und ich hege nicht den Wunsch, einen Fuß auf die verfluchte Erde zu setzen, die mit dem Blut dessen, den ich liebe, befleckt ist."
Earwen berührte Anaires Hand. "Er wird zu dir zurückkehren, liebe Freundin. Eines Tages wirst du dich in seinen Armen wiederfinden. Euer Band ist stark, er wird deinem Ruf zurück in die Lande der Lebenden folgen."
"Mögest du niemals erfahren was es bedeutet, das Licht deines Lebens zu verlieren", war die geflüsterte Antwort.
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Die Küste und das Binnenland nördlich des Berges Taras und Turgons ehemaliger Stadt Vinyamar lagen verlassen. Niemand lebte hier, weder Mensch noch Elb, so wurden nur Tiere Zeugen davon, wie ein weißer Schimmer am Horizont erschien.
Der Schimmer wurde bald zu den Segeln weißer Schiffe, jedes den Bug in der Form eines Schwans geformt. Die ersten von ihnen erreichten schon den Strand, doch noch immer wurden mehr und mehr von ihnen am Horizont sichtbar, bis der blaue Ozean von ihren Segeln bedeckt erschien, und Delphine schwammen zwischen ihnen.
Die Schiffe segelten in die Förde von Drengist bis zu ihrem Ende nördlich von Dor-Lómin. Zum Klang silberner Trompeten setzte das Heer der Valar den Fuß auf Mittelerde, unwissentlich ihre Ankunft ebenso verkündend, wie Fingolfin es so viele Jahre zuvor getan hatte. (8)
Sie wandten sich nach Nordosten, zogen durch Hithlum und ließen die Berge und den See von Mithrim zu ihrer Rechten liegen. Während des ganzen Marsches hielten sie Ausschau nach Elben, doch sie fanden niemanden. Finarfin begann bereits zu befürchten, sie mochten zu spät gekommen und sein ganzes Volk zugrunde gegangen sein. (9)
Eonwe beruhigte ihn. "Viele sind in den großen Kriegen getötet worden, viele wurden von Morgoths Geschöpfen umgebracht, den Orks, die ihr noch zu fürchten lernen müßt. Doch andere überlebten. Die Avari verstecken sich in den östlichen Wäldern, und im Süden leben Sindar und Teleri."
Sie überquerten die Ered Wethrin durch den Paß von Eithel Sirion. Als sie an den östlichen Flanken der Berge hinabstiegen, kamen sie schließlich zu den Quellen Sirions des Großen. In der Ferne konnten sie die weitgestreckte, verbrannte Ebene von Anfauglith sehen, doch hier war alles grün und der Fluß sang sein klingendes Lied.
Finarfin hielt inne und sah voller Staunen und Ehrfurcht auf das Land vor ihm. Er stieg von seinem Pferd und sank auf ein Knie nieder, um den Boden zu berühren, der seinen ältesten Sohn gekannt hatte.
"Nun erkenne ich die Richtigkeit der Entscheidung, hierher zu kommen", sagte er leise. "Diese Schönheit hier ist anders als in Aman, dennoch berührt sie mein Herz. Das Land ruft nach uns, fühlst du es?", fragte er seine Gattin.
Earwen war dem Beispiel ihres Mannes gefolgt, doch ihr erschien es, als ob die Erde qualvoll aufstöhne. Beim Anblick der verlassenen Lande, die sich nach Norden und Osten erstreckten begriff sie, das etwas Schreckliches geschehen sein mußte.
Manwes Herold beantwortete die unausgesprochene Frage in ihren Augen. "Ja, viele haben hier den Tod gefunden, in einem großen und schrecklichen Angriff Morgoths. Doch sie starben, um ihr Volk zu verteidigen. Großen Ruhm haben sie geerntet, und niemand mehr als Finrod, den sie den Vielgeliebten nennen. Er hat ein Band zwischen den Erstgeborenen und den Zweitgeborenen geschaffen, welches das Schicksal Ardas geändert hat und noch weiter ändern wird."
Die Hohe Königin der Noldor sah sich um, und großer Kummer war in ihrer Stimme, als sie sprach.
"Ich wünschte, ich könnte ihn sehen. Ich wünschte, ich könnte sein Lachen wieder hören, und daß er niemals seine Eltern verlassen hätte, oder jene, die ihn noch immer liebt. Ich wünschte, ich wüßte er ist glücklich."
Eonwe empfand Mitgefühl für diese Mutter, die um ihren Sohn trauerte.
"Du wirst ihn wiedersehen, Earwen, Schwanenjungfrau von Alqualonde. Wenn ihr in die Gesegneten Lande zurückkehrt, wird er dich dort erwarten."
Von diesem Gedanken getröstet fragte Finarfin, "Wann werden wir Artanis und Artanáro treffen?"
"Eure Tochter lebt weit im Osten, jenseits der Berghänge der Ered Luin, daher mag es eine Weile dauern, ehe sie hier eintrifft."
Geduldig wartete der Hohe König auf mehr. Schließlich war es Earwen, die hinzufügte,
"Und was ist mit Artanáro?"
Der Herold schüttelte den Kopf. "Der Sohn Artahers wird an diesem Krieg nicht teilhaben. Ein großes Schicksal liegt vor ihm, auch wenn wir es jetzt noch nicht klar erkennen können. Zuviel steht auf dem Spiel, um sein Leben zu riskieren."
Am folgenden Tag verließ Eonwe das Heer und überquerte die Ered Luin, um Galadriel herbeizurufen. Und er versammelte auch die Edain aus dem Norden. Manche sagen, dies sei geschehen um ihnen eine Gelegenheit zu geben, den Fall der Menschen unter den Schatten der Dunkelheit zu sühnen, der vor langer Zeit stattgefunden haben sollte, in den Dunklen Jahren ehe sie in Beleriand eintrafen. Andere glauben, es sei Eru Ilúvatars Wille gewesen, daß alle seine Kinder am Krieg gegen Morgoth teilhaben sollten.
Freudig war das Wiedersehen zwischen Galadriel und ihren Eltern. Earwen und Finarfin waren überglücklich, sie lebendig und geliebt vorzufinden. Sie sahen mit Stolz, daß ihre Tochter Artanis sich zu einer wahren Führerin ihres Volkes entwickelt hatte, denn obwohl weder sie noch Celeborn irgendeinen Titel trugen, wurden sie als Herr und Herrin der Elben von Eriador angesehen und selbst die umherwandernden Nandor akzeptierten ihre Herrschaft.
Ein Elb aus Galadriels Gefolge aus Doriath war ein talentierter Maler. Auf ihre Bitte hin fertigte er für den Hohen König Zeichnungen von seinen verlorenen oder niemals kennengelernten Verwandten an. Unter den Bildern seiner Söhne und Brüder fand Finarfin die Darstellung einer Sindarin-Elbin mit schimmerndem, dunklen Haar. Dies war Helegethir, die Gattin seines Enkels Artaher. Auf dem Bild saß sie, die Hände ordentlich im Schoß gefaltet, in einer Geste der Ruhe. Doch ihr Kopf war ein wenig nach links gewandt, als ob etwas dort ihr Interesse gefunden hätte, und ihre Augen waren hellwach und aufmerksam.
Danach kam ein Bild ihrer Urenkelin Finduilas. Der Künstler hatte sie im Tanz dargestellt, vertieft in die Vereinigung von Musik und Bewegung. Reiches, goldenes Haar ergoß sich um ihr schönes Gesicht und sie war wie Sonnenlicht, das durch junge Frühlingsblätter schien.
Schließlich war da ein junger Elb, dunkelhaarig und grauäugig, ruhig und unauffällig. Sein Kopf war leicht geneigt, als ob er ein Buch lese, doch die Augen waren zum Betrachter gerichtet. Finarfin hätte ihm nicht viel Beachtung geschenkt, wären da nicht die wenigen Worte unten auf dem Blatt gewesen:
‚Artanáro Finellach Gil Galad'.
OOO
Doch weit entfernt davon, gehorsamer als in ihren jüngeren Jahren zu sein, sprach Galadriel offen gegen Eonwes Entscheidung, Gil Galad aus dem Krieg im Norden fernzuhalten.
"Welches Recht habt Ihr, dies für ihn zu beschließen?", fragte sie ungehalten.
"Das Schicksal, das der Sohn von Artaher zu tragen hat, ist viel zu wichtig, um sein Leben jetzt zu riskieren, Tochter der Noldor", war die Antwort des Maia.
"So erzählt ihm von seinem Schicksal und dann laßt ihn selbst entscheiden!"
Celeborn legte eine Hand auf den Arm seiner Gattin. Im Herzen bewunderte er ihren Mut, einem der Ainur so offen zu widersprechen um das zu verteidigen, was sie für richtig hielt. So schön und stark war sie, wie eine hohe Birke im Sturm, selbst den heftigsten Winden Widerstand leistend.
"Er ist der letzte Hohe König der Noldor in den Hinnenlande, Liebste. Sie werden ihn brauchen."
Mehr noch als seine Hand spürte sie die Berührung von Celeborns Fea an dem ihren. Er war wie die Wurzel die den Baum stützt, verläßlich und stark. Sie wandte sich um.
"Ja mein Herz, ich weiß. Aber werden sie einen König brauchen, der nicht einmal sein eigenes Urteil fällen kann? Entweder ist Gil Galad der König, dann verdient er Vertrauen in seine Klugheit. Wenn er aber ein Kind ist, unfähig, für sich zu entscheiden, dann nutzt er seinem Volk nichts."
Eonwe musterte sie streng.
"Du bist so rebellisch wie eh und je, Tochter Finarfins."
Galadriel hob stolz den Kopf. "Artanáro hat mehr gelitten als irgend jemand sonst aus unserer Familie. Wenn Ihr meint, sein Leben dürfe nicht in diesem Krieg gefährdet werden, überzeugt ihn davon."
Und insgeheim sandte sie Botschafter nach Balar.
OOO
Elrond betrachtete Maglors Gesicht mit kaum verhohlener Neugierde, während der erwachsene Elb den Brief las. Der Junge hatte das Siegel gesehen und wußte, er kam vom Hohen König. Er fragte sich, was sein Onkel zu sagen haben mochte, dies war die erste Botschaft seit seinem Besuch vor einigen Jahren.
Schließlich ließ Maglor das Blatt Papier sinken. Sein Gesicht war gerötet, seine Augen leuchteten in einem Feuer, das Elrond noch nie zuvor gesehen hatte.
"Die Valar sind gekommen. Es wird Krieg gegen Morgoth geben!"
Fußnoten:
(1) Elronds erste literarische Gehversuche: ich habe keinen Hinweis gefunden, in welchem Alter Elbenkinder mit dem Schreiben anfangen. Tolkien hat uns nur mitgeteilt, daß sie bereits sehr früh ihre Sprache ‚meistern'. Da hier in Deutschland etwa mit sechs Jahren mit dem Schreiben begonnen wird, dachte ich, es sei nicht zu früh für einen künftigen Weisen der Eldar, sein literarisches Talent etwa fünf Jahre später zu zeigen.
(2) Gil Galad als ‚Hoher König der Noldor': Beta-Balrog Eldrond fragte, ob es nicht deutlicher gemacht werden solle, daß ein Rangunterschied zwischen Gil Galad und Finarfin, die beide den Titel des ‚Hohen Königs' tragen, besteht. Die Antwort ist: in diesem Stadium der Geschichte kann Maglor noch nicht wissen, was in Aman geschehen ist, nachdem die Noldor es verlassen hatten, und daß Finarfin jetzt als Hoher König aller Noldor angesehen wird.
(3) Maglors Frau: gemäß der HoME XII, 'The Peoples of Middle Earth' – 'Of Dwarves and Men', Anmerkung 7 – waren von Feanors Söhnen außer Curufin auch noch Caranthir und Maglor verheiratet.
Eine kurze Bemerkung zu dem Kürzel ‚HoME': dies steht für ‚History of Middle Earth', einem zwölfbändigen Werk, das Christopher Tolkien herausgegeben hat und das weitere Texte Tolkiens, Essays, alte Versionen der Geschichten aus dem Silmarillion und dem Herrn der Ringe, Bemerkungen zu den Sprachen etc. enthält. Es sei jedem wärmstens empfohlen, der etwas tiefer in Tolkiens Welt vordringen will.
(4) Die Nandor/ Laiquendi: Im Silmarillion, Kapitel III "Vom Erwachen der Elben und von Melkors Gefangenschaft" könnt ihr mehr über diesen Elbenstamm lesen.
(5) Namen in Sindarin und Quenya:
Thingol = Elwe (dies ist keine Quenya-Form, aber diejenige, die sein Bruder kannte. ‚Thingol' wurde erst später eingeführt, nachdem Elwe Singollo König der Sindar wurde)
Finarfin = Arafinwe
Fingolfin = Nolofinwe
Feanor = Feanáro
Finrod = Findaráto
Angrod = Angaráto
Tatsächlich sind der HoME XII, ‚The Peoples of Middle Earth' – ‚The Shibboleth of Feanor' - zufolge ‚Findaráto' und ‚Angaráto' Namen in der Sprache der Teleri, da Finarfin die Sprache des Volkes seiner Gattin sprach. Ihre Quenya-Formen wären ‚Artafinde' und ‚Artanga' gewesen. Und wo wir gerade bei Findaráto und Angaráto sind: es wird angenommen, daß Finarfin seine ersten beiden Söhne ‚Aráto' nannte und erst später unterscheidende Vorsilben hinzufügte.
Edhellos = Eldalote
Orodreth = Artaher
Aegnor = Aikanáro
Galadriel = Artanis
Von den oftmals zahlreichen Namen (Vater-Name, Mutter-Name, Quenya-Form, Sindarin-Form, Epesse etc.) habe ich versucht, die am weitesten verbreiteten zu benutzen. Zum Beispiel sind ‚Findaráto' und ‚Angaráto' Finrods und Angrods Vater-Namen, während ich für Aegnor seinen Mutter-Namen ‚Aikanáro' verwendet habe, den er bevorzugt haben soll – sein Vater-Name lautete ‚Ambaráto'.
Ein bösartiger Plot-Bunny hopst auf meiner Schulter herum und faselt aufgeregt etwas von einem Elbenhaushalt mit drei Kindern, die alle ‚Aráto' heißen...
(6) Earendils Stern: ‚Gil-Estel' soll die Venus darstellen (den Morgen-/ Abendstern). Ist dies nicht eine herrliche "Erklärung" für ihn?
(7) Nowe: Círdans richtiger Name (wie ihr wißt, ist ‚Círdan' einfach das Sindarin-Wort für ‚Schiffsbauer').
(8) Förde von Drengist: viele bezeichnen die Formation im Deutschen als einen Fjord. Liegt vermutlich an der Ähnlichkeit zum im Original verwandten "firth". Doch tatsächlich ist ein Fjord im Englischen ein ‚fiord' und ‚firth' ist mit ‚Meeresarm' oder ‚Förde' zu übersetzen. Eine Förde ist eine schmale Meeresbucht, die weit ins Land hineinreicht und ihren Ursprung in Gletschertätigkeiten hat. Schaut euch die Karte von Beleriand an und ihr versteht, warum ich diesen Begriff statt des einfachen ‚Meeresarms' gewählt habe.
Kleinkrämerei? Nun, ich möchte einfach so dicht wie möglich an Tolkiens Text bleiben. Er hätte Fjord schreiben können (das wäre gemäß seiner Beschreibung der Cirith Ninniath und meinem Geographielexikon meiner Ansicht nach sogar noch passender gewesen), doch er hat es nun mal nicht getan. Dieses Kapitel ist auch so schon gewagt genug (siehe die 2. A/N). ;)
(9) Der Weg des Heeres aus Aman: ich habe keine Beschreibung gefunden, auf welchem Weg die Elben und Maiar aus Aman nach Thangorodrim gezogen sind, so beruht dies auf meiner eigenen Vorstellung. Alles was wir haben ist der Hinweis im Silmarillion, Kapitel 24 ‚Von Earendils Fahrt und dem Krieg des Zorns', daß "die Berge unter ihren Schritten bebten". Es erscheint mir logisch, daß sie die kürzeste Route genommen haben und daß diese Berge die Bergzüge um Hithlum waren. In Kapitel 13 des Silmarillion "Von der Rückkehr der Noldor" wird der Paß von Eithel Sirion erwähnt.
2. A/ N
Ich sehe viele erhobene Augenbrauen – Elben aus Beleriand nehmen am Krieg des Zorns teil? Nun, ich habe das Silmarillion genauso wie ihr gelesen, und seit dem allerersten mal hat mich ihre Abwesenheit stutzig gemacht. Da findet ein riesiger Krieg statt, über Jahrzehnte hinweg, so daß die Elben von Beleriand gemerkt haben müssen, was geschah. Und doch blieben sie zuhause? Maedhros und Maglor, die erst dann in das Lager des Heeres kommen, als alles schon vorbei ist? Das paßt einfach nicht zu dem Eindruck, den ich den ganzen Rest der Geschichte hindurch von den Elben, insbesondere den Noldor, gewonnen hatte. Umso weniger, als die Edain teilgenommen haben - was bedeutet: am Krieg des Zorns sowohl teilnehmen wollten als auch durften.
Wieder einmal war es Vorondis, die mir eine mögliche Lösung aufgezeigt hat. Nämlich, daß Tolkien schrieb: "Wenig wird in allen Erzählungen davon gesagt, wie das Heer der Valar in den Norden von Mittelerde zog; denn keiner von den Elben war dabei, die in den Hinnenlanden gelebt und gelitten hatten...sie erfuhren von all dem erst viel später von ihren Brüdern in Aman." Was man auch so auslegen könnte, daß die Elben Beleriands nur nichts von dem Marsch nach Norden gewußt haben, aber nichtsdestotrotz an den Kämpfen selbst durchaus teilnahmen.
Erbsenzählerei, ich weiß. Doch hoffentlich verzeihlich. Ihr dürft mich des AU zichtigen. Doch solltet ihr nicht vergessen: wenn ich Gilly auf Balar gelassen hätte, würde das Kapitel über den Krieg des Zorns ungefähr so aussehen:
"Ein großer Krieg fand im Norden statt, doch Gil Galad nahm nicht daran teil. Ende des Kapitels."
Ich weiß, was ich bevorzuge! ;)
gibt Vorondis den Krieg-des-Zorns-Ork-Keks
