Epilog
Der Ring

Als der Bote in Imladris eintrifft, weiß ich, dass seine Kunde eine wichtige sein muss. Er hat sein Pferd bis zur Erschöpfung gehetzt. Mit zitternden Flanken steht das Tier im Innenhof der größten Behausung meines Heims, und der Mann selbst vermag sich kaum aufrecht zu halten. Dennoch wehrt er die helfenden Hände ab, die man ihm entgegenstreckt und gleitet unter Mühen aus dem Sattel.
Mein Stallmeister führt das Pferd fort und zwei Diener wollen den Mann in die kleine Halle geleiten, die Reisenden Erholung bietet.
Von meinem Standort in einem überdachten Säulengang aus kann ich nicht hören, was der Bote sagt, aber an seinen Gesten erkenne ich, dass er sich dem sanften Drängen der Diener nicht fügen will.

Ich löse mich aus den Schatten und trete langsam auf den Hof. Die beiden Bediensteten neigen die Köpfe und ich gebe ihnen stumm zu verstehen, dass sie sich zurückziehen können.
Der Mensch sieht mich an. Sein blasses Gesicht ist eingefallen und seine langen, grauen Haare hat der aufreibende Ritt zerzaust, seine Gewänder sind beschmutzt, aber ich sehe, dass sie aus wertvollen Stoffen gewebt sind. Vor mir steht kein einfacher Bote.
"Ich heiße Euch in Imladris willkommen, Herr", sage ich zu ihm, während ich eine Verbeugung andeute.
Ein wenig atemlos sinkt der Mann auf ein Knie nieder und bringt hervor: "Ich bin Hatholdir, Hauptmann Valandils aus Arnor ... ich ... ich habe Nachricht über Isildur!"

Ich nicke, während ich seine wenigen Worte bedenke. Nachricht über Isildur, nicht von ihm ...
"Erhebt Euch und kommt mit mir. Seid mein Gast und stärkt Euch bei einem Glas Wein. Was immer Ihr mir zu berichten habt, kann warten – wenigstens für diesen Augenblick."
Ein Widerspruch liegt auf den Lippen des Boten, aber er besinnt sich. Jetzt, wo er sein Ziel erreicht hat, muss er seine Erschöpfung umso schwerer auf den Gliedern lasten spüren.
Schweigend folgt er mir in die lichtdurchflutete Halle, in der ich meine Gäste empfange. Obwohl sie groß ist, wirkt sie nicht bedrückend, sondern einladend, denn ihre Seitenwände gewähren durch hohe Fensterbögen einen Blick nach draußen und lassen den Duft des Herbstes ein. Der lange Tisch in ihrer Mitte ist mit Blumen und einer fein bestickten Decke geschmückt und die hochlehnigen Stühle sind weich gepolstert. Dieser Ort strahlt Würde und zugleich Wärme aus. Er soll Augen und Herz erfreuen.
Dankbar lässt sich der Bote nieder.
Ich selbst schenke ihm von dem Wein ein, der in einer kristallenen Karaffe auf einem Tablett steht. Vorsichtig nimmt der Mann einen kleinen Schluck. Er will das leichte Zittern seiner Hände verbergen. Nach und nach fällt die Anspannung von dem Menschen ab und er leert sein Glas. Ich fülle es wieder mit Wein und warte.

"Ihr seid sehr freundlich zu einem, der schlechte Kunde bringt."
Hatholdirs Stimme erklingt unvermittelt, sie ist leise, und er blickt mich nicht an.
"Sollte ich denn wissen, dass Ihr ein Bote des Unglücks seid?" entgegne ich sanft.
Ein schwaches Lächeln umspielt die Lippen des Mannes aus Arnor. "Man sagt, vor Euch ließe sich kaum etwas verbergen, Herr Elrond. Und vorhin auf dem Hof, da habt Ihr mich angesehen wie einer, dem böse Ahnungen das Herz schwer machen."
"Auch Ihr seid ein Mann mit scharfen Augen", entgegne ich ein wenig überrascht.
Nur wenigen Menschen ist vergönnt, diesem Teil meines Wesens zu begegnen, dem Teil, der sich fürchtet und zugleich von unbestimmter Hoffnung erfüllt ist ...
"Nun denn, Hauptmann Hatholdir. Auch schlechte Nachrichten wollen gehört sein." Mit diesen Worten setze ich mich an das Ende der Tafel und bitte den Mann mit einer Geste, zu erzählen.
Seine Schultern straffen sich, und jetzt suchen seine Augen die meinen.

"Ich komme im Namen meines Herrn Valandil zu Euch, der mich hieß, Euch über das Schicksal seines geliebten Vaters zu unterrichten, denn Ihr habt an der Seite Isildurs gekämpft und mein Herr wuchs an dieser Stätte auf, die ihm eine geschätzte Heimat in der Jugend war ...
Vor über einem Monat verließ König Isildur Minas Arnor, um in das Nördliche Königreich zu gehen, über das er, gleich seinem Vater, herrschen wollte. In Gondor blieb sein Neffe Meneldil als Verwalter des Thrones zurück, nachdem Isildur ihn in der Regentschaft unterwiesen hatte. Ich gehörte zum Gefolge des Königs. Wir gelangten an die Schwertelfelder und das Verhängnis kam über uns ..."

Hatholdirs Stimme verliert sich fast, als er mit seiner Schilderung der Ereignisse fortfährt. Er ist aufgewühlt und bald erhebt er sich, um auf und ab zu gehen. Ich sehe das vor mir, was er mit lebhaften Worten schildert, kann den ersten Schrecken über den Orkangriff empfinden, höre das Klirren der Schwerter, die Schreie der Menschen und Orks und fühle mich auf ein Schlachtfeld zurückversetzt, auf dem die Geister der Erschlagenen wandeln.
Vergangenheit, doch so erschreckend lebendig ...

"... und dann verschwand der König vor unseren Augen", höre ich den Mann aus Arnor sagen. "In einem Moment stand er noch da, nahe am Ufer des Anduin, und kämpfte und im anderen war es, als hätte er sich niemals unter uns befunden!"
Hatholdir hält atemlos inne, aber als ich kein Befremden zeige, nimmt er seine Erzählung wieder auf. "Dann plötzlich sah ich den König im Anduin schwimmend wieder. Doch wehe, auch der Feind hatte ihn entdeckt und die Orks schickten Isildur schwarze Pfeile nach. Er wurde getroffen und sein Körper trieb kurz darauf leblos im Wasser. Der Hieb eines Schwertes streckte mich nieder und raubte mir das Bewusstsein. Als ich erwachte, waren die Orks fort. Alle bis auf zwei meiner Gefährten, die sie als todwund hatten liegenlassen, waren von ihnen vernichtet worden. Doch das Schicksal zeigte sich gnädig. Wir waren verletzt, aber keiner schwer. Ich lief an den Fluss, aber vergeblich. Schließlich entdeckte Isildurs Schildknappe ein verschnürtes Bündel, verborgen im hohen Gras am Ufer des Anduin, und wir erinnerten uns, dass der König es bei sich gehabt hatte. Es war Narsil, das zerborstene Schwert! "

Wieder verstummt der Mann, sucht seinen Platz auf, um einen Schluck Wein zu sich zu nehmen, und ich kann meine Gedanken ordnen, in denen sich ein zunehmend klarer werdendes Bild formt. Isildur hat ein Geheimnis des Ringes entdeckt und es in der Gefahr für sich zu nutzen gedacht.
Der Ring schenkt seinem Träger die Fähigkeit, in der Welt der Schatten zu wandeln! Doch mir scheint, dass dieses Geschenk ein zweifelhaftes war ...
Ehrlicher Kummer ist in Hatholdirs Gesicht geschrieben und er kämpft mit den Tränen, als er erneut zum Sprechen ansetzt. "Einer Ahnung folgend begaben wir uns ein Stück flussabwärts. Dort waren einige alte Bäume ins Wasser gestürzt und in ihnen hatte sich ein Umhang verfangen. Er war von Pfeilen durchbohrt worden ... und er gehörte Isildur, aber der Leichnam des Königs war fort.
Es war ein wahrlich düsterer Tag für die Menschen, Herr Elrond. Nach Anárion und Elendil fand auch Isildur den Tod und wir wurden dreier hoher Fürsten beraubt. Und mein Herz beschwert noch mehr, dass wir unserem König die letzte Ehre nicht zu erweisen vermögen. Sein Leib muss von den Fluten des Anduin verschlungen worden sein. Möge Isildur in seinem nassen Grab Ruhe finden."

"Ja, möge er dies", kann ich aufrichtig antworten.
Es ist keine Bitterkeit in meinem Herzen; schon lange nicht mehr. Und nun weiß es von der schrecklichen Gerechtigkeit der Erhabenen. Der Verrat des Menschen wurde durch einen Verrat gesühnt, als ihm der Ring vom Finger glitt und ihn seinen Feinden preisgab.
Mitleid ist es, was ich nun fühle. Mitleid mit dem stolzen und edlen Mann, dem man nicht zum Vorwurf machen kann, einer Macht erlegen zu sein, vor der die Weisesten erzittern und der sie nicht widerstehen könnten ...
Mitleid und Traurigkeit, denn Isildur wäre ein anderes Schicksal vergönnt gewesen, wenn es den Ring nicht gegeben hätte. Aber es ist müßig, das Geschehene zu bedenken, weil es sich nicht ungeschehen machen lässt.

Also ist der Eine denn verloren.
Seinen falschen Geist hat er ein letztes Mal gezeigt, indem er Isildur betrog. Ich hoffe, dass der Fluss ihn ins Meer getragen hat, damit die Wellen Osses ihn verschlingen konnten, und sein schlichtes Gold niemals mehr Begehren unter den Lebenden weckt.
Doch der Ring ist tückisch.
Vielleicht findet er einen Weg, auf diese Welt zurückzukehren? Ist es nicht so unabwendbar, wie das Wissen, dass Sauron einst wiedererstarken wird? Er ist geschlagen, doch nicht vernichtet, gleich seinem kostbaren Kleinod, in welches er große Macht und Tücke gelegt hat.
Mit einem Male flüstert der Wind mir Worte zu und ich sehe das zerborstene Schwert in neuem Glanz erstrahlen; aber ein Schatten liegt auf der Klinge, wie eine ferne Drohung und in diesem Schatten blitzt es golden auf. Schwert und Ring sind schicksalhaft verwoben worden an jenem Tag des größten Triumphes und der größten Niederlage. Ob es mir gefällt oder nicht, die Bedeutung der Vision erschließt sich mir mühelos – und ich weiß, was zu tun ist.

"Ich habe eine Bitte an Euch, Hatholdir", wende ich mich an den Menschen. "Seid mein Bote für Valandil und sagt ihm dies: Dereinst wird der Tag kommen, an dem der Schatten sich wieder erhebt, und dann ist es an der Zeit zusammenzufügen, was getrennt wurde.
Lasst Euch die Bruchstücke Narsils geben und bringt sie nach Imladris. Hier werden wir sie aufbewahren und in Ehren halten und der Träger des Schwertes gedenken, die große Könige waren."
Der Mann nickt.
Er fragt nicht nach dem Recht für mein Begehr oder der tieferen Bedeutung meiner Worte, obwohl er es könnte und ich ihm die Antwort geben würde. Er nimmt meinen Wunsch als gegeben hin, so wie auch Valandil es tun wird, denn die Menschen zweifeln nicht an der Weisheit der Elben. Möge ihr Vertrauen Früchte tragen.

"Wenn Ihr erlaubt, dann ziehe ich mich zurück, Herr Elrond."
Ich lächle den Menschen an und verlasse meinen Platz am Ende der Tafel. "Natürlich. Ich heiße Euch noch einmal als Gast willkommen. Bleibt, bis Ihr Euch für die Reise bereit fühlt. Auch wenn Eure Kunde mein Herz nicht erfreuen konnte, so war sie wichtig, und den Boten trifft keine Schuld am Wesen seiner Nachrichten. Ihr seid ein ehrbarer Mann, Hatholdir."
"Ich danke Euch und gerne werde ich Euer Bote für König Valandil sein", erwidert der Mann, während er sich gleichfalls erhebt.
Schweigend geleite ich den Menschen an die Tür der Halle und hinaus bis an die Stufen, die zum Hof hinabgehen. Die beiden Diener warten bereits und auf ein Nicken von mir führen sie Hatholdir ins Gästehaus.

Langsam sehe ich mich um, lausche auf das Rauschen der Blätter und ihr leises Rascheln, wenn sie über den Boden gleiten, vom Herbstwind von ihren Zweigen gerissen – vergänglich und doch in einem ewigen Kreislauf gebunden.
In Bruchtal herrscht Frieden und auch die Welt jenseits dieser alten Zuflucht ist zur Ruhe gekommen.
Ein Gedanke drängt sich mir auf, verlockend wie ein schöner Traum.
Sollte nicht auch ich die Ruhe suchen? Ich bin müde geworden und sehne mich nach den fernen Gestaden, die zu erreichen mir keine Mühe bereiten würde. Aber ich weiß, dass ich nicht gehen werde; noch nicht. Meine Aufgabe hier hat erst ihren Anfang genommen und ihre unleugbare Klarheit in dem Moment gewonnen, in dem Gil-galad mir Vilya anvertraut hat.
Es gilt die Müdigkeit der Welt zu lindern, nach all den Schrecken, die sie gesehen hat und sie zu stärken für all das, was ihr noch bevorsteht.

Das Böse hat sich nur verborgen und wartet, bis seine Zeit gekommen ist. Der Ring wird zurückkehren – und mit ihm das Schwert.
Wenn dies geschieht, dann werde ich bereit sein und meine Kraft und Weisheit denen geben, die dazu ausersehen sind, den Kampf weiterzuführen, den ihre Vorväter begonnen haben ...

Heru im Oktober 2005

Nachdem mich diese Geschichte über zwei Jahre von der ersten Skizzierung bis zum letzten Satz begleitet hat, bin ich fast ein wenig traurig, dass sie nun doch beendet ist. Danke an alle, die sie gelesen haben und an die, die mich in der Form eines Reviews zum Weiterschreiben ermunterten.
Es tut mir Leid, dass ich euch so lange habe warten lassen; aber man sollte auch eine Fanfiction nicht übers Knie brechen. Und sicherlich werde ich die Geschichte irgendwann noch überarbeiten; denn richtig zufrieden bin ich nie.

Hugo Weaving gewidmet (auch wenn er es nicht erfährt g). Ganz gleich welche Rolle der Mann spielt, er gefällt mir einfach.