Narn Gil Galad

von Earonn

Kapitel XXIV – Der Krieg des Zorns V – Das Ende des Ersten Zeitalters

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Danksagung: an meine treuen Betas Fymhrisfawr und Gild-Galad, mit speziellem Gruß an Eldrond-den-Ungeduldigen. Sowie, aus aktuellem Anlaß, an Erik, Facheinkäufer für gestorbene Mainboards.

Widmung: dem Geburtstagskind Finch (da ich es leider nicht schaffte, ihr eine ordentliche Geburtstagsgeschichte zu schreiben). Herzlichen Glückwunsch!

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A/N:

Stephanie: nein, Tolkien hat uns nicht gesagt, wieso Elrond Gil Galads Herold wurde. Was das Versinken von Beleriand angeht, das sind so diese Sachen, die einem nebenbei auffallen, wenn man über lange Zeit hinweg an einer Geschichte arbeitet. Bestimmt haben da die Einwohner Mittelerdes angefangen, an den Valar zu zweifeln (sofern sie von ihnen wußten), das ist ja nicht anders, als bei heutigen Naturkatastrophen, bei denen es stets heißt "Wie konnte Gott das zulassen?".

Vitani: ja, das Sil ist (leider?) unverzichtbare Voraussetzung für die Narn. Ich hoffe, es hat dir gefallen. Ach, das Silmarillion nochmal zum ersten mal lesen... (naja, ich weiß noch, was für ein hektisches Geblättere das war - immer wieder hinten nachschauen, weil man bei den ganzen Namen durcheinanderkam). Mal schauen, ob Du mit meiner Version von Maedhros' und Maglors Ende einverstanden bist. ;)

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XXIV – Der Krieg des Zorns V – Das Ende des Ersten Zeitalters

Mitternacht war gerade vorbei, als sie den Kampfeslärm hörten.
Gil Galad sprang auf und legte eilig seine Waffen an, denn er befürchtete eine Attacke rachsüchtiger Orks. Als er jedoch nur klare Elbenstimmen hörte, erkannte er seinen Irrtum und begriff, was wirklich vor sich ging. Er hätte einen Angriff von Morgoths Armee vorgezogen.

Gefolgt von dem allzeit wachsamen Argon eilte er zu dem Zelt, in dem die Silmaril gehütet wurden. Dort fanden sie die anderen Anführer des Heeres, und wie diese erschauerten sie angesichts des schrecklichen Anblicks, der sich ihnen bot.
Die drei Vanyar-Wachen waren erschlagen, doch nicht von der Hand des Feindes: Maedhros und Maglor standen über ihnen, ihre erhobenen Schwerter troffen von Blut. Aus allen Richtungen waren Speere, Schwerter und Pfeile auf die Söhne Feanors gerichtet, die sich stolz und furchtlos ihren Gegnern stellten.
"Tötet sie!", rief jemand, und eine andere Stimme schrie "Sippenmörder!" Der Kreis um die beiden verengte sich immer mehr.
Finarfin schob seinen Enkel nach rechts, zwischen die Brüder und einige der aufgebrachtesten Elben. So tief sein Haß und seine Verachtung in diesem Augenblick auch waren, durfte er dennoch nicht zulassen, daß sein Volk einen neuerlichen Mord beging. Die Krieger würden nicht Hand an jemanden legen, der von allen drei Elbenkönigen beschützt wurde.
Während er der erbosten Menge beruhigend zusprach, sah Gil Galad sich um. Entgegen seiner Hoffnungen erblickte er in der Nähe einige Edain und Zwerge. Schon bald würden die anderen Völker vom Verrat der beiden Elben erfahren, was die Lage nur verschlimmern konnte.
Jemand stieß gegen ihn und er warf der Elbenfrau einen warnenden Blick zu. Sie murmelte eine Entschuldigung und deutete auf die von hinten nachdrängende Menge. Die Dinge waren nahe daran, außer Kontrolle zu geraten.

"Haltet ein!", ertönte Eonwes wohlklingende Stimme plötzlich aus dem Hintergrund, und sofort senkten sich die erhobenen Waffen. Der Herold Manwes trat vor, und jenen in seiner Nähe erschien er atemlos, wie nach einem schnellen, ausdauernden Lauf.
"Welch Wahnsinn treibt euch, Söhne Feanors, erneut das Blut von Elben zu vergießen - noch dazu in der Gegenwart der Gesegneten Steine?"
Maedhros wich nicht vor dem mißbilligenden Ton in Eonwes Stimme zurück. Er hatte den Aratar getrotzt und Morgoth widerstanden, er hatte Folter überlebt und den Verlust nahezu aller seiner Brüder wie auch den seiner Ehre erduldet, und er trug die Last eines unauslöschlichen Eides. Leben und Hoffnung hatte er von sich geworfen, und in dieser Stunde war in seinen Augen der selbe wilde Glanz des Todgeweihten wie einst in denen seines Vaters.
"Wir verteidigen nur, was unser ist. Der Eid gilt weiterhin: wer auch immer die Silmaril an sich nimmt und sie vor uns zurückhält, soll unserer Rache anheimfallen!"
Ein Beben durchlief die Menge angesichts der schrecklichen Worte.
"Eid?", erwiderte Gil Galad zornig, "Fluch nenne ich ihn, und er hat unser Volk lange genug gepeinigt. Gebt die Steine auf und schließt endlich Frieden!"
Maglor wandte den Kopf, und sein Blick war kalt. "Schweig, Neffe, und sprich nicht von Dingen, die sich deinem Verständnis entziehen!"
Gildor Inglorion machte eine rasche Bewegung und Celebrimbor ergriff schnell seinen Arm.
Unbeeindruckt von Maglors blankem Schwert trat Gil Galad direkt vor ihn hin.
"Dinge, die ich nicht verstehe? Wer hat die Toten gezählt und begraben, die Du und deine Brüder an den Häfen Arverniens zurückließen? Wer mußte die Trauernden trösten, ihre Wunden an Körper und Geist heilen? Von Anfang an habt ihr andere für euren Eid bezahlen lassen. Nun ist es an der Zeit, daß dies ein Ende findet." Er maß seinen Angehörigen mit einem Ausdruck äußerster Mißbilligung.
Maglor senkte sein Schwert eine Handbreit. "Ich werde nicht gegen dich kämpfen - nicht jetzt. Doch mische dich nicht ein."
Elrond stand rechts hinter Maglor und beobachtete das Geschehen mit wachsendem Entsetzen. Er verstand das ganze Ausmaß des Irrtums seiner geliebten älteren Brüder, also warum konnten Maedhros und Maglor es nicht? Der junge Halb-Elb fühlte sich hilflos zerrissen zwischen seinem Rechtsempfinden und der Treue zu seinen Pflegebrüdern.
Celebrimbor jedoch, der sich hinter Gil Galad hielt, etwas links von diesem, eine Hand an den Griff seines eigenen Schwertes gelegt, zweifelte nicht daran, daß seine beiden Onkel sich vollkommen im klaren darüber waren, was sie hier taten. Er wußte ebenso, daß Maglor ungeachtet seiner Worte absolut in der Lage war, die Waffe gegen ihren jüngeren Verwandten zu erheben. Und aus diesem Grund hielt sich Curufins Sohn bereit, seinen König und Freund zu verteidigen.
In dem Schweigen, das Maglors Worten folgte, trat Earwen in die Mitte der Versammelten. Sie trug ein schlichtes Kleid in der Farbe frischer Milch, ihr Haar war offen und weder Juwelen noch Gold oder Silber schmückte sie. Sanft berührte sie Gil Galads Schulter und lenkte ihn zwei Schritte zurück. Inmitten all der Waffen ringsum vertrat sie eine andere Art von Macht.
"Maglor, willst Du wirklich die Geheiligten Lande für immer aufgeben?", fragte sie. "Denk an all das, was du zurückgelassen hast, denke an deine Gattin! Noch eine kleine Weile, dann könntest du zu ihr zurückkehren. Empfindest du denn keine Liebe mehr für sie?" Warm war der Klang ihrer Stimme, erweckte Erinnerungen an glückliche, längst vergangene Zeiten. "Du hast so viel aufgegeben, sicherlich willst du nicht auch noch deine Liebe verlieren?"
Seine Tante war klug, so viel mußte Maedhros ihr zugestehen. Er wußte, und sie tat es offenbar ebenfalls, wie sehr sein jüngerer Bruder seine Frau vermißte. Hoffte Maglor noch immer darauf, eines Tages wieder mit ihr vereint zu werden? Es mochte der Grund für sein Widerstreben sein, dem Eid zu folgen. Warum, so fragte sich Maedhros, war es keinem seiner Brüder gelungen, seine Gattin dazu zu überreden, ihn in die Verbannung zu begleiten, während sowohl Eldalote als auch Elenwe ihren Ehegatten ohne Zögern gefolgt waren?
Maglor betrachtete seine Tante eingehend, ohne erkennbare Gefühlsregung. Und gerade als die anderen zu hoffen begangen, da lächelte der größte Sänger der Noldor, traurig und herablassend zugleich.
"Hohe Königin Earwen, gerade die Liebe zu meiner Frau ist es, die mich bleiben heißt. Wie könnte ich von ihr erwarten, meine Schande zu teilen? Wie könnte sie Zuneigung für einen Sippenmörder empfinden? Ich liebe sie, ja, und als Zeichen meiner Liebe werde ich ihr dies ersparen. Laßt unsere Frauen um uns trauern, das ist weitaus besser als sie zu zwingen, unser Schicksal zu teilen." (1)
Und als sie die Bedeutung von Maglors Worten erkannte, verbarg Earwen, die Schwanenjungfrau von Alqualonde, Hohe Königin der Noldor, das Gesicht in ihren Händen, und sie weinte.
Finarfin sah ihren Ehering im Licht eines nahen Feuers glitzern. Wäre er selbst jemals in der Lage, ihre Liebe so einfach aufzugeben? Die Kehle wurde ihm eng. Er berührte seinen eigenen Ring, ein schlichtes, goldenes Band mit einem Segensspruch in feinen, eleganten Schriftzeichen. Dieser Ring und sein Gegenstück an Earwens Finger waren das Hochzeitsgeschenk seines Bruders Feanor gewesen; eines der wenigen Geschenke, die er je von seinem Halbbruder bekommen hatte, doch damals mit einem Lächeln voll geschwisterlicher Zuneigung überreicht.
‚Oh Feanor, geliebter Bruder, wie sehr ich dich vermisse! Ich wünschte, ich könnte deine Söhne retten.'

Eonwe maß die beiden Brüder mit einem strengen Blick.
"Welchen Anspruch ihr auch auf die Silmaril besessen haben mögt, er ist verwirkt um all der üblen Taten willen, die ihr in der Verfolgung eures Eides begangen habt. All die Toten, die noch immer leben könnten, sprechen dagegen. Nur auf Weisung der Valar sollen euch die Juwelen zurückgegeben werden."
"Und welches Recht haben sie, uns das Werk unseres Vaters vorzuenthalten oder zu gewähren?", erwiderte Maedhros. "Einer der Geheiligten Steine befindet sich bereits in ihrem Besitz, und bis jetzt habe ich noch nicht gehört, daß sie willens wären, ihn uns auszuliefern."
Eonwe deutete zum dunklen Nachthimmel hinauf. "Mißgönnst du der Welt etwa das Licht des Sterns der Dämmerungen? Es sind noch immer zwei für euch übrig." (2)
"Und was ist mit ihm?" Maglor wies auf Celebrimbor. "Unser Neffe mag den falschen Weg eingeschlagen haben, dennoch bleibt er seines Vaters Sohn. Drei Erben Feanors sind hier, doch nur zwei Steine."
Celebrimbor machte einen schnellen, erschrockenen Schritt zurück. Er hob abwehrend die Hände.
"Ich erhebe keinen Anspruch auf einen der Silmaril."
Maedhros schüttelte ärgerlich den Kopf. "Du brauchst ihn nicht zu erheben, er ist bereits dein durch das Recht deiner Herkunft."
"Dann weise ich dieses Recht zurück. Verstehst du denn nicht, Onkel? Allein durch die Macht des Silmaril konnte Earendil die Gesegneten Lande erreichen. Es war unerläßlich für das Wohl ganz Mittelerdes, daß der Stein unsere Familie verläßt. Diesen Preis mußten wir zahlen. Und ich zahle ihn gern."
In jenem Augenblick meinte Celebrimbor, was er sagte. Doch später wünschte er sich oft insgeheim, er hätte noch einmal eines der herrlichsten Werke seines Großvaters sehen und berühren können.
"Wenn das dein Wunsch ist, Celebrimbor, dann magst du tun wie es dir beliebt. Aber wir werden verteidigen, was unser ist. Auch wir stehen nicht allein." Maedhros blickte sich über die Schulter zu Elros und Elrond um.
"Wage es nicht, die Jungen in deine Kriege hineinzuziehen!", rief Gil Galad aus. Plötzlich schien nichts wichtiger, als die jungen Halb-Elben zu beschützen und ihm war, als halte er etwas unglaublich Zartes und Kostbares in Händen – in der Tat, etwas viel Kostbareres als jeder Silmaril.
‚Dies darf nicht geschehen', dachte er verzweifelt, ‚Elwing, ich konnte deine Söhne damals nicht beschützen, doch ich werde nicht zusehen, wie sie dem Eid geopfert werden oder gar selbst zu Sippenmördern werden.' Eher würde er Maedhros mit eigener Hand töten. Oder, weit eher, bei dem Versuch umkommen.
Die Zwillinge tauschten einen langen Blick, dann nickten sie in wortlosem Einverständnis.
"Nein", sagte Elros schlicht. "Wir werden uns daran nicht beteiligen." Sie traten von ihren Pflegebrüdern fort - dichter an Gil Galad heran. Erst sehr viel später entsann sich Elrond, daß ihm dies in jenem Moment der einzig sichere Ort zu sein schien, sicherer noch als hinter Eonwe selbst.
Der Hohe König der Noldor-im-Exil atmete erleichtert auf. Sie hatten ihre eigene Entscheidung getroffen, gegen den Eid.
Maglor hingegen war außer sich. "So vergeltet ihr unsere Liebe und Pflege - durch Verrat?", rief er zornig - verletzt nicht allein durch den Verlust seiner Schützlinge, sondern vor allem weil diese ausgerechnet Gil Galad ihm vorzogen.
‚So hast du schließlich doch noch gewonnen, Finellach', dachte er voll Bitterkeit. Und in diesem Moment entsagte er jeglichem Gedanken an Aufgabe, den er noch in seinem Herzen getragen haben mochte.
"Sie verraten euch nicht, Maglor", bemerkte Círdan ruhig. "Sie versuchen vielmehr, euch zu retten. Wie oft hast du uns erzählt, du hättest aus Liebe für sie gesorgt? Ist es für dich so schwer zu verstehen, daß sie nun ebenfalls aus Liebe handeln?"
Einst war der Schiffsbauer willens gewesen, beide Söhne Feanors mit eigener Hand zu töten. Doch hier und jetzt empfand er lediglich Mitleid für sie. Wußte er doch nur zu gut, was es bedeutete, an der Liebe eines anderen zweifeln zu müssen.
Maedhros legte eine Hand auf Maglors Schulter, um ihn in seinem Kummer zu trösten. "Eine seltsame Art von Liebe, die zum Treuebruch führt. Doch handelt wie es euch beliebt, Söhne Elwings! Ihr habt euren Weg gewählt und wir den unseren." Er wandte sich um und wollte das Zelt hinter sich betreten, wo die Steine aufbewahrt wurden.
"Halt!", rief Finarfin, und die Waffen wurden wieder gehoben. Maedhros zögerte, das Gesicht halb zum Hohen König umgewandt. Einen Moment lang waren alle still und niemand rührte sich.
Dann trat Eonwe zwischen die Brüder und die anderen Elben. Er hob die Rechte.
"Laßt sie gehen. Dies ist der Wille Manwes: die Söhne Feanors sollen die Silmaril bekommen und freies Geleit erhalten. Niemand soll sie antasten, niemand sie hindern."
Maedhros, kaum weniger erstaunt als alle anderen, ging in das Zelt und kehrte mit einer kleinen Schatulle zurück. Er zeigte sie Maglor, der sie vorsichtig, beinahe ehrfürchtig, berührte.
Elros machte einen Schritt auf Feanors zweitältesten Sohn zu, der für ihn noch immer der geliebte Verwandte war. "Bruder...Makalaure...bitte..."
Maglor stieß ihn beiseite. "Du hast deine Entscheidung getroffen, nun steh auch dazu!" Seine klare, kraftvolle Stimme war verzerrt von Schmerz und Zorn.
Die Leute ringsum machten zögernd Platz und die Brüder verließen das Lager. Erst lange nachdem sie die Tore passiert hatten, öffneten sie das Kästchen um endlich die Juwelen in Händen zu halten, die ihr Vater einst gefertigt hatte, sein größtes Werk.
Doch wie berichtet wird, verbrannten die Silmaril ihr Fleisch und sie mußten erkennen, daß sie in der Tat das Recht eingebüßt hatten, die Geheiligten Steine zu berühren. Maedhros konnte den Schmerz, der seine verbliebene Hand verzehrte, nicht ertragen, und so seines einen Ziels im Leben beraubt, warf er sich selbst in einen feurigen Abgrund. Ob er am Schicksal verzweifelte oder sich nach dem Frieden in den Hallen des Wartens sehnte, vermag niemand zu sagen.
Maglor beobachtete mit Schrecken den Sturz seines Bruders. Dann wandte er sich um und trieb sein Pferd nach Osten, auf die näher rückende Küste zu.
Ihre Verwandten blieben schweigend zurück, die Köpfe gesenkt. Und was selbst der Bann der Valar nicht vermocht hatte, wurde durch den Verlust ihrer letzten beiden Vettern erreicht: silberne Tränen benetzten Galadriels weiße Wangen. Abscheu war ihre einzige Empfindung für die Sippenmörder gewesen, aber verloren hatte sie auch Maitimo und Makalaure, die Freunde und Begleiter ihrer Jugend. Wie viele Verluste würde sie noch zu ertragen haben?
Sie konnte nicht wissen, und dies war eine Gnade, daß ihr größter Schmerz sie noch erwartete, weit entfernt in der Zukunft.
Elros stand noch immer, wo Maglor ihn verlassen hatte, seine Augen weit und mit ungeweinten Tränen gefüllt. Schließlich legte Gil Galad einen Arm um die Schulter des jungen Halb-Elben.
"Komm, in dieser Nacht können du und dein Bruder bei uns bleiben."
Er hatte solch einen verlorenen Blick schon einmal gesehen, an jenem Tag, da Celegorm und Curufin aus Nargothrond verbannt worden waren und Curufin aller Bande zu seinem Sohn entsagte. Vielleicht konnte Celebrimbor den jungen Söhnen Elwings helfen, ihren Verlust zu verwinden.
Für den Moment jedoch war der Meisterschmied verschwunden und Gil Galad wußte, wo er ihn finden würde: in einer der Schmieden, vertieft in irgendein Werk - und weinend. Wie stets bei solchen Gelegenheiten. Und wie üblich würde er später zu ihm gehen und an Celebrimbors Seite bleiben.
Gleich seinem älterer Zwilling verharrte auch Elrond bewegungslos, ein Ausdruck der Bestürzung auf seinem schmalen Gesicht.
"Wie konnte er nur so etwas sagen? Wie konnte das geschehen? Sie sind unsere Brüder, wie können sie sich so einfach von uns abwenden?", flüsterte er.
Galadriel umarmte ihn, plötzlich empfand sie seltsam mütterlich gegenüber Elwings Söhnen. Ihre weißen Hände streichelten sein Haar.
"Die Macht der Silmaril und des Eides von Feanor ist groß, Kind, und es gibt nur wenige, die ihrem Ruf widerstehen können. Maedhros und Maglor hatten niemals die Kraft dazu."

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Die Neuigkeiten vom Geschick der Silmaril, von Maedhros' Tod und Maglors Verschwinden machten bald die Runde im Heer. Alle betrauerten den Verlust der Silmaril und Eonwes Entscheidung war Gegenstand vieler Gespräche.
Die feanorischen Soldaten waren erschüttert, sie fühlten sich von ihren Königen im Stich gelassen. Nur wenige von ihnen hatten den Krieg überlebt. Stets hatten Maedhros und Maglor ihre Truppen an den gefährlichsten Positionen aufgestellt (und viele sagten, sie hätten dies mit Einverständnis ihrer Krieger getan, die ihres verdorbenen Lebens überdrüssig geworden seien). Niemand fühlte sich ihnen noch verpflichtet oder schätzte ihre Dienste. Schulter an Schulter kauerten sie um ihre Lagerfeuer, schweigsam, verloren in ihrer Trauer.
Ael konnte die Stille und Niedergeschlagenheit schließlich nicht mehr ertragen. Leise erhob sie sich und wanderte ziellos durch das Lager, nur das Vergessen suchend. Wenige bemerkten sie, doch wer es tat, warf der Kriegerin ausdrucksvolle Blicke zu, denn in einem letzten Aufwallen von Stolz und Trotz trug sie noch immer das Zeichen des Hauses von Feanor.

Sie versuchte, nichts von den Gesprächen ringsum wahrzunehmen. Doch hin und wieder hielt sie inne und lauschte beinahe gegen ihren eigenen Willen. Einmal verhielt sie in der Dunkelheit neben einem großen Streitroß, das friedlich und unbekümmert von elbischen Angelegenheiten graste.
Einige Schritte entfernt lachte jemand auf, bitter und sarkastisch.
"Sie haben es schon immer verstanden, erst Unruhe zu stiften und sich dann aus dem Staub zu machen, diese Söhne Feanors. Und jedesmal mußte der König sich dessen annehmen, was sie zurückließen."
In der Dunkelheit schloß Ael die Augen und tastete blindlings über den Hals der Stute, bis sich ihre Finger in der rauhen Mähne verkrampften.
"Und was haben sie diesmal hinterlassen? Zwei Halb-Elben und eine Bande von Sippenmördern."
Ael preßte ihre zitternden Lippen zusammen. ‚Sippenmörder – ist das alles, was ihr in uns seht?' Sie seufzte leise. Welchen Grund hätten sie haben sollen, anders von ihr zu denken?
"Doch es sind die Söhne von Elwing und Earendil", bemerkte eine andere Stimme. "Sie gehören zu uns."
"Woher willst du das wissen? Sie waren erst sechs oder sieben Jahre alt, als sie zu Maedhros kamen. Und er hat sie sicherlich nicht so erzogen, wie unsere Herrin es getan hätte."
"Oder der Hohe König", warf ein dritter ein.
Ael kannte weder Elros noch Elrond persönlich, doch sie hatte sie seit ihrer Ankunft genau beobachtet. Zwei ruhige, junge Elben, wohlbewandert in der Weisheit ihres Volkes und geschickte Kämpfer. Keine Schande für diejenigen, die sie erzogen hatten. Es war nicht gerecht, sie so zu behandeln!
‚Dennoch sollten wir uns besser daran gewöhnen. Das Volk von Maedhros und Maglor besitzt nicht länger einen Anspruch auf ein faires Urteil.'
Doch es tat weh, oh so weh!
"Wer wird sie anführen?", fragte der dritte Sprecher.
Abschätziges Gelächter. "Gil Galad natürlich. Er ist der letzte Elbenkönig Beleriands, nachdem Maglor es vorgezogen hat, seine Pflichten eben so leichtfertig fortzuwerfen wie Maedhros sein Leben."
"Und Celebrimbor?"
"Er hat die Königswürde zurückgewiesen. Eine sehr kluge Entscheidung."
Ael preßte ihr Gesicht fest gegen die Schulter des Pferdes, bis das Tier unbehaglich einen Schritt beiseite trat. Sie holte tief Atem um sich zu beruhigen, dann wandte sie sich ab und ging. Sie wollte nichts mehr hören.
Warum war sie nicht auf Balar geblieben? Sie waren heimgekehrt um Strafe, Verachtung und Verbannung zu ertragen, hatten sich Maedhros' Zorn und Maglors Ärger gestellt. Und wofür? Nur um schließlich doch zu Gil Galad zurückzukehren, als ein unwillkommenes Erbe, angenommen allein aus Pflichtgefühl. Sie, die einst stolz zum ältesten Haus der Kinder Finwes gehört hatten, waren nun nur mehr eine Last für den Hohen König. Und sicherlich wünschte er sich frei von dieser Last.

Hierin tat Ael dem König der Noldor von Beleriand allerdings Unrecht.
‚Geringe Freundschaft soll von heute an herrschen zwischen Nargothrond und den Söhnen Feanors!' – die Worte seines Vaters, ausgesprochen in berechtigtem Zorn. Worte, die er bis jetzt niemals in Frage gestellt hatte. Es war leicht genug gewesen, ihnen Folge zu leisten.
Jetzt jedoch hatte sich die Lage verändert. Die Söhne von Feanors waren verschwunden und ihre Gefolgsleute ohne Anführer, ohne einen, der sich um sie kümmerte. Sollte er die Herrschaft über sie annehmen, und sei es auch nur durch Celebrimbor? Was wog schwerer, der Eid seines Vaters oder die Bedürfnisse dieser Elben? Einst waren von ihnen die drei Sippenmorde begangen worden. Doch er hatte sie im Kampf erlebt. Sie hatten für ihre Untaten bezahlt, mit Blut und Schmerz. Sein Verstand und sein Herz waren zerrissen zwischen einem der wenigen Vermächtnisse, die Orodreth ihm hinterlassen hatte, und dem, was ihm recht erschien. Schließlich seufzte er tief und traf seine Entscheidung.
Er mochte nicht um die Verantwortung für das Wohl von Maedhros' Volk gebeten haben, dennoch würde er sie als seine Obliegenheit akzeptieren. So sehr er seinen Vater liebte, konnte er doch nicht alle Gefolgsleute von Maedhros nur um Orodreths Schwur willen zurückweisen, der vor langer Zeit und ohne Ahnung des Kommenden ausgesprochen worden war.
‚Ada, ich will dir gern gehorchen. Doch nicht blind, so wie Maedhros seinem Vater folgte. Vergib mir.'
Tief in seinem Inneren wußte Gil Galad jedoch, daß Orodreth verstehen würde.

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Die Entscheidung wurde nicht zu früh getroffen. Bereits am darauffolgenden Morgen bat eine von Elros und Elrond angeführte Gruppe von fünfzehn feanorischen Elben um seine Erlaubnis, auf die Suche nach Maglor zu gehen.
"Warum fragt ihr mich, ich bin nicht euer Befehlshaber?", erwiderte Gil Galad vorsichtig.
Elros' Gesicht rötete sich, der König hätte nicht sagen können, ob aus Verlegenheit oder Ärger.
"Es gibt niemanden sonst, den wir um seine Einwilligung bitten könnten, Herr. Welcher der anderen Anführer würde unseren Wunsch verstehen, nach einem...einem Sippenmörder zu suchen?"
Mit einem kleinen, wehmütigen Lächeln entsagte Gil Galad endgültig dem Schwur seines Vaters.
"Wenn ihr denn meine Herrschaft annehmt, so habt ihr meine Erlaubnis zu gehen. Möget ihr den finden, den ihr sucht."
Die Elben verneigten sich steif, darauf bedacht, ihre Erleichterung nicht zu deutlich zu zeigen. Nur Elrond schenkte ihm ein dankbares Nicken.
‚Danke, Onkel', formten seine Lippen lautlos.
Gil Galad neigte den Kopf und wollte schon gehen, als er Eonwe bemerkte, der sich ihnen näherte. Für einen Moment wurde alles verschwommen und er sah nicht mehr den Herold Manwes, sondern nur einen Ainu vorwärts schreiten, machtvoll und stark, und nichts, nichts schien in der Lage zu sein, ihn aufzuhalten. Warum er aufgehalten werden sollte wußte Gil Galad nicht, doch es mußte getan werden und es war sein Recht, seine Pflicht, seine Sühne-
Ebenso plötzlich war die Vision vorbei und der König fragte sich verwundert, was ihm gerade widerfahren sein mochte. Er blinzelte und als er erneut hinsah war dort natürlich nur Eonwe, wie er ihn schon so oft zuvor gesehen hatte: von schlichtem Äußeren ähnlich einem der Eldar, während sein Geist durch die körperliche Hülle hindurchschimmerte wie Sonnenlicht durch das grüne Dach der Bäume.
Der Herold achtete nicht auf den verwirrten Elbenkönig, wiewohl er dessen kurzen Einblick in die Musik der Ainur bemerkt hatte. Er näherte sich Elros und Elrond und hob eine Hand.
"Die Valar haben über euch Rat gehalten, Kinder Elwings und Earendils. Da ihr sowohl das Blut der Elben als auch der Menschen in euch tragt, ist euer Schicksal nicht festgelegt und könnt ihr weder nach den einen noch nach den anderen geurteilt werden. Somit ist euch diese Gunst gewährt worden: selbst zu entscheiden, ob ihr zu den Eldar oder den Atani gezählt werden und ihr Los teilen wollt."
Die Brüder tauschten einen verwunderten Blick. Keiner von ihnen sprach und die Luft lastete schwer.
Gil Galad betrachtete die beiden überraschten Halb-Elben. Er machte fast instinktiv einen Schritt nach vorn, zwischen die jungen Brüder und den Herold.
"Es ist eine bedeutsame und schwere Entscheidung, die Ihr von ihnen verlangt, mein Herr", sagte er mit einem leichten Stirnrunzeln. "Wie viel Zeit ist ihnen gegeben, ihre Antwort zu bedenken?"
Eonwe bemerkte wohl das beschützerische Gebaren des Königs, die Entschlossenheit, für das Wohlergehen der Söhne seiner selbsterwählten Schwester selbst einem der Ainur zu trotzen. Und er war froh angesichts dieses Zeichens von Liebe in einer Welt, die so viel Haß zu ertragen gehabt hatte.
"Ich werde warten, bis sie von ihrer Suche zurückkehren", antwortete er.

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Silíel stand am Bug des Schiffes und sie erschauerte, als ihr Blick über das dunkle, drohend aufragende Bergmassiv im Nordwesten wanderte. Thangorodrim, die Festung und das Reich des Schwarzen Feindes. Sie hüllte sich fester in ihren braunen Umhang.
‚Und dies ist nur eine zerstörte Ruine. Wie muß es ausgesehen haben, als Morgoths Stärke noch ungebrochen war?'
Eine warme Hand glitt in die ihre. Als sie sich umwandte, fand ihr Blick den von Ergaladh. Die junge Elbenfrau lächelte beruhigend. (3)
"Es ist vorbei, Silíel. Er hat keine Macht mehr. Du hast gehört, was der Herold sagte." Ein sanfter Händedruck. "Deine Familie wird in Frieden leben können." Sie wies auf Silíels andere Hand. Die ältere Elbenfrau ließ das Sonnenlicht auf dem schmalen Goldring glitzern. Er fühlte sich noch immer fremd an, denn erst seit drei Tagen trug sie ihn. Beide Frauen sahen gleichzeitig über ihre Schultern, zu dem Seemann am Steuerruder, dessen silberlockiges Haar vom Wind gezaust wurde. Er fing ihre Blicke auf und erwiderte ihr Lächeln.
Ergaladh überließ die Liebenden ihrem wortlosen Austausch und betrachtete die ruhelosen Wellen. Rundum war die See mit den großen, weißen, wunderschönen Schiffen der Teleri aus Aman bedeckt. Zwischen ihnen befanden sich alle möglichen Arten von Gefährten: Fischerboote, Lastkähne, sogar einfache Ruderboote, die an großen Segelschiffen festgemacht waren. Sie alle wurden von einem stetigen Wind nach Osten getrieben und folgten dem Vorrücken der Küste. In zehn Tagen, so hatte man ihnen gesagt, würden sie auf das Heer treffen.
Weiter hinten auf einem weißen Schiff aus Aman saß eine andere Elbenfrau, die geistesabwesend ein Seil flocht. Auch sie betrachtete das vor ihnen liegende Land, achtete jedoch wenig auf die Berge und die Bedrohung, die diese einst bedeuteten hatten. Ihre Gedanken waren anderswo.
‚Er wird dort sein - sie haben gesagt, er habe den Krieg überlebt. Was mag er denken, wie mag er empfinden nach so vielen Jahren?'
Ihre Hände bewegten sich flink und sie lauschte dem Gesang des Windes in den Segeln und dem Klatschen der Wellen gegen die Bordwand. Diese vertrauten Geräusche wirkten beruhigend. Das Land mochte anders aussehen, anders riechen als daheim, doch wenigstens die See war hier dieselbe wie zu Hause.
‚Und was soll aus uns nach diesem Krieg werden? Schon jetzt haben einige Elben von Balar die Erlaubnis zur Rückkehr in den Westen zurückgewiesen. Was, wenn Círdan ebenso entscheidet? Oh, Geliebter! Schiffsbauer nennen sie dich, und Schiffe werden an diesen neuen Küsten gebraucht werden. Ein hehres Schicksal ist dir bestimmt, ich kann es fühlen. Doch ob dieses Schicksal auch mich umfaßt, bleibt mir verborgen.'
Ihre Hände hielten inne.
‚Würde ich eine weitere Ewigkeit ohne dich ertragen können, mein Liebster?'
Eine Möwe schrie, einsam und verlassen.

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Das Belegaer drang schneller vorwärts, nachdem es die Ebene von Anfauglith erreichte. In weniger als zehn Tagen hatten sie die zurückweichende Armee des Westens eingeholt.

Gil Galad ging am Strand entlang, die Augen nach Westen gerichtet. Dort unter den zahllosen weißen Schiffen lag Beleriand, das Land seiner Geburt. Verloren für immer. Im Süden konnte er eine Insel erkennen: die windigen Hochlande von Taur-Nu-Fuin wo einst sein Vater und sein Großvater gelebt hatten. Zweifellos waren die Winde nun abgeflaut, jetzt, da es nicht länger ein Hochland war.
‚Alle Orte, an denen ich gelebt habe, sind vergangen', dachte er bekümmert. ‚Tol Sirions Ruinen liegen auf dem Meeresgrund und Wasser füllt die Hallen von Nargothrond. Ich wünschte, ich hätte die Bucht von Balar noch einmal bei Sonnenaufgang sehen können, und die Insel im Sternenlicht. Dies ist das dritte Zuhause, das ich verloren habe. Wann wird es je enden?'
Eine Welle schwappte gegen seinen Stiefel und der König trat beiseite. Seine Miene verfinsterte sich, derweil eine weitere Sorge sich seiner Gedanken bemächtigte: es war nicht leicht, gleichzeitig mit den Truppen vorzurücken und sie die Schiffe besteigen zu lassen. Sie waren nicht nur eine Armee, wohlgeordnet und diszipliniert, sondern bei ihnen befanden sich ebenso die Sklaven, die sie aus den Kerkern von Angband befreit hatten, und Hunderte oder sogar Tausende von Flüchtlingen; Elben, Menschen und Zwerge. Im Moment war es seine dringendste Aufgabe, Wasser und Lebensmittel für alle zu bekommen.
‚Onkel Fingolfin, du hast unser Volk über die Helcaraxe gebracht. Jetzt könnte ich etwas von deinem Organisationstalent wirklich gut gebrauchen.'
"Mein König!", unterbrach eine wohlklingende, erfreute Stimme hinter ihm sein Grübeln. "Mein König, oh, ich habe Euch gefunden!"
Das Lächeln war schon auf seinen Zügen noch ehe er sich umgewandt hatte. So wie früher erwartete er mit weit geöffneten Armen die Elbenfrau, die durch die Brandung auf ihn zugelaufen kam. Wäre ihr Körper nicht so schlank und leicht gewesen, hätte der Aufprall ihn womöglich umgeworfen.
"Filhuilen, mein Kleines", flüsterte er in das dunkle, weiche Haar. "Ich fürchtete dich in der Flut verloren."
Ergaladh trat zurück und nahm seine Hände. "Wie hätten wir im Meer ertrinken können, umgeben von Círdans Seeleuten? Ihr solltet nicht solche Dinge über die Falathrim sagen, sie wären überaus gekränkt."
Er erwiderte den Druck ihrer Finger. "Dann laß es ein Geheimnis zwischen dir und mir bleiben. Wie ist es dir in all den Jahren ergangen? Wir haben viel zu wenig von Zuhause gehört. Erzähl mir alles, was sich in meiner Abwesenheit zugetragen hat!"
Seite an Seite wanderten sie den grasbedeckten Strand entlang. (4)

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Elros und Elrond saßen auf einer steinigen Anhöhe, einige Meter oberhalb des Wasserspiegels und beobachteten die kabbeligen Wellen. Sie waren nicht allein hier oben, dreizehn weitere Elben saßen in der Nähe, allerdings weit genug entfernt, um den Brüdern etwas Abgeschiedenheit zu gestatten. Wenn sie sprachen, klangen ihre Stimmen flach und leise. Seit ihrem Abschied von der Armee des Lichts war der Mond erst zu einer schmalen Sichel geworden und hatte sich erneut gerundet. In dieser Zeitspanne hatten sie gefunden, wen sie suchten - und ihn wieder verloren.

"Und was werden wir nun machen?", fragte Elrond. "Was wollen wir den anderen nach unserer Rückkehr sagen?"
Elros wußte, daß die Bemerkung seines Bruders sich nicht auf ihre Suche bezog.
"Ich habe meine Lektion gelernt. Von nun an soll mein Leben allein in meinen eigenen Händen liegen. Und ich werde mein Schicksal an nichts - und niemanden - mehr binden." Er blickte in das von Erschöpfung gezeichnete Gesicht seines Zwillings. "Nicht einmal an dich, Elrond."
"Ich verstehe", antworte dieser und schluckte. Die Worte schmerzten, doch ja, er verstand wirklich. Geistesabwesend zeichnete er mit einem Finger auf der staubigen Oberfläche des Steins. Elros lehnte sich vor, um einen Blick darauf zu erhaschen. Es war ein Stern, gefolgt vom Buchstaben E. Die Bedeutung dieses Bildes vermochte er nicht zu erfassen.
"Und was wirst du tun?", fragte er endlich.
Elrond hielt inne und betrachtete seine Zeichnung, als ob er sie zum ersten mal sähe.
"Ich denke, ich werde hierbleiben, bei Onkel Finellach."
"Du glaubst nicht, daß er nach Aman gehen wird?"
Elrond glättete den Staub und verwischte die Zeichen. "Nein, das tue ich nicht."
"Also willst du bleiben und einer von ihnen werden?"
"Einer von wem?"
"Den Eldar, natürlich. Es wäre ziemlich sinnlos, für bloße hundert Jahre beim König zu bleiben."
"Einer von ihnen...Elros, du...weißt du, was du da sagst?" Elrond spürte, wie kalte, gnadenlose Angst sein Herz umklammerte, stärker als je zuvor in seinem Leben. Seines Bruders Worte deuteten eine Trennung an, die er nicht ertragen zu können glaubte.
Elros setzte sich neben ihn.
"Seitdem man uns erzählte, wie Vater und Mutter sich entscheiden mußten, habe ich mich oft gefragt, welchen Pfad ich wohl gewählt hätte. Elrond, ich will nicht wie unsere Brüder werden, für immer von den Fehlern und Irrtümern der Vergangenheit heimgesucht. Ich will nicht gezwungen sein, so lange am Leben zu bleiben, bis ich das Ende von Arda selbst mitansehen muß. Und ganz gewiß will ich nicht jenen ins Angesicht sehen müssen, die unser Volk getötet haben, was unweigerlich geschähe. Ich könnte ihnen nicht vergeben, niemals."
"Stattdessen willst du verschwinden und für immer verloren sein, außer in der Erinnerung anderer?"
Lachend strich Elros ihm über das Haar.
"Es wird deine Erinnerung sein, kleiner Bruder, und die unserer Eltern, das ist genug für mich. Und wer weiß? Niemand kann sagen, welches Geschick die Zweitgeborenen erwartet. Vielleicht wird es ein neues Leben für mich geben, jenseits der Schleier dieser Welt."
Elrond runzelte die Stirn. "Welcher Unterschied bestünde zwischen dem Leben der Eldar und einem zweiten Dasein, wo auch immer Eru Illúvatar es dir gewähren würde?"
"Bestimmt ist es anders als das, was die Elben zu ertragen haben. Vertrauen, Elrond. Das ist es, was dir fehlt. Du solltest wirklich mehr Vertrauen in die Schöpfung des Einen haben. Ich bin mir sicher, daß er sich gut um alle seine Kinder kümmert." Er schenkte seinem Bruder einen fragenden Blick. "Du hast einmal gesagt, du würdest nie von meiner Seite weichen."
"Und ich habe meine Worte nicht vergessen. Sie haben mich seither verfolgt. Elros, vor langer Zeit hatte ich eine Vision, die mich und den Hohen König - Gil Galad - betraf. Irgendwie sind unser beider Schicksale miteinander verwoben. Ich meinte, was ich dir einst versprach. Mein Herz sehnt sich danach, dir zu folgen wohin auch immer du gehst. Und doch sagt es mir zur gleichen Zeit, daß dies die falschen Entscheidung sein würde."
"Dann solltest du seinem Rat folgen, Elrond. Du hattest schon immer ein tiefes Gespür für die Musik, wende dich nicht gegen sie." Er lehnte sich vor und küßte Elronds Stirn. "Haben wir nicht gelernt, wie ein Eid nicht nur das Leben desjenigen, der ihn ausspricht, zerstören kann sondern auch das aller anderen um ihn herum? Ich entlasse dich aus diesem Eid, mein Bruder, und mit Freuden. Schließlich sollte wenigstens einer von uns bei unserer Familie bleiben."
Eine Pause entstand, bevor Elrond erneut sprach.
"Es wird ihnen viel Schmerz bereiten, das weißt du. Unseren Angehörigen, unseren Freunden. Nana und Ada."
"Ja, ich weiß", erwiderte Elros mühsam. "Glaubst du, sie werden es verstehen? Verstehst du es?"
"Nein, das tue ich nicht." Elrond legte einen Arm um seines Bruders Schulter und zog ihn fest an sich. "Aber ich liebe dich und vertraue deinem Urteil. Wenn dies dein Wille ist, kann ich es akzeptieren. Ich werde dich im Gedächtnis behalten, solange Arda existiert. Und hoffen, daß Eru eines Tages allen seinen Kindern erlaubt, miteinander vereint zu werden."
Elros drängte sich enger in die Umarmung, und so verharrten sie für eine lange Weile, nahe genug beieinander, um des anderen Herzschlag spüren zu können.

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Zur selben Zeit führte fern im Osten Finarfin eine ganz ähnliche Unterhaltung mit seinem Urenkel.
"Bist du dir sicher, daß du hierbleiben willst?", fragte der Hohe König der Noldor ebenso erstaunt wie kummervoll. "Du hast dich würdig erwiesen, im Reich der Valar zu leben."
Gil Galad blickte nach Westen und seine grauen Augen waren mit unbeschreiblicher Sehnsucht erfüllt. Die Unsterblichen Lande! Kein Tod mehr, keine Zerstörung, nur Frieden und ein Ende all seiner Sorgen. Und darüber hinaus...
Finarfin erkannte das Verlangen im Antlitz seines Urenkels und verstand. Er vermochte tief in den Herzen anderer zu lesen, und auch dieses mal irrte er nicht. "Deine Familie auf der anderen Seite des Belegaer freut sich darauf, dich kennenzulernen. Überdies werden deine Eltern und deine Schwester sicherlich bald aus den Hallen des Wartens zurückkehren."
Der jüngere Elb schluckte hart. Ada und Nana, und Finduilas, oh, Finduilas, sein kleines Blatt!
Er zwang sich, seinen Blick über das Lager der Elben hinter ihnen wandern zu lassen. Er konnte die Feuer sehen und schöne Stimme Lieder auf Sindarin singen hören.
"Ja, ich vermisse sie", sagte er heiser, "doch dies ist mein Volk und ich kann es nicht im stich lassen. Es hat mich als seinen Herrn angenommen und das bindet uns aneinander."
"Die Elben haben endlich Frieden, Artanáro, sie brauchen dich nicht länger", widersprach Finarfin. "Viele von ihnen werden nach Westen gehen, und der Rest wird lernen ohne dich zu leben. Und Beleriand ist nicht länger."
"Gerade weil so viele ihr Heim verloren haben, brauchen sie jemanden, der sie führt und ihnen hilft, neue Heime und neue Gemeinschaften aufzubauen", erwiderte Gil Galad. "Eines der Dinge, in denen ich viel Erfahrung besitze." Er seufzte. "Ich mußte schon einmal zwischen meiner Familie und meinem Volk entscheiden, Großvater, und meine Entscheidung war die richtige. Ich kann später in den Westen gehen, wenn meine Aufgabe in den Hinnenlanden beendet und mein Schicksal erfüllt ist."
"Wenn du hierbleibst, Sohn", sagte Finarfin leise, "werden weitere Mühen, Sorgen und Schmerz dich erwarten. Ich kann es sehen."
"So sei es denn. Keiner der Abkömmlinge Finwes hat je sein Volk verlassen, mit Ausnahme eines einzigen, und ich bin nicht wie er."
"Also geht es dir darum, Turgons Fehler nicht zu wiederholen? Ein besserer König als er zu sein?"
"Nein. Es geht nicht darum, ‚ein' König zu sein. Es geht darum, der König zu sein, den sie verdienen."
"Und du bist dieser König?"
Gil Galad hob die Schultern. "Wer kann das sagen? Aber ich werde es versuchen."
‚Er hat sich verändert', erkannte Finarfin plötzlich. ‚Er ist nicht länger König allein dem Titel nach, nur weil er alle anderen überlebte. In den vergangenen Jahren hat er Selbstvertrauen erworben, und er ist sich bewußt, was er erreicht hat. In der Tat, Artanáro, du hast mehr erreicht als jeder andere von uns, mit Ausnahme von Vater und vielleicht Nolofinwe.'
Mit einem warmen Lächeln umarmte er Gil Galad. "Ja, das wirst du...'Ellach." Seine Stimme stockte, als er zum ersten mal den familiären Epesse seines Urenkels aussprach. "Und du wirst erfolgreich sein, als ein wahrer Erbe Finwes."

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Zwei Monate nachdem sie zur Suche nach ihrem Pflegebruder aufgebrochen waren, kehrten Elrond und Elros zur Armee des Westens zurück. Der erste Anblick von einem Hügel aus entlockte ihnen Rufe des Erstaunens, so vieles hatte sich verändert. Das Heer, das sie zurückgelassen hatten, ähnelte jetzt einem ganzen Volk und vor der Küste segelten zahllose Schiffe.

Die feanorischen Elben trauerten tief, als sie vom Schicksal ihres Herrn hörten. Allein zurückzubleiben, in Kummer und Verzweiflung, erschien ihnen schlimmer als gleich Maedhros zu sterben, der wenigstens Trost in der Gesellschaft und Fürsorge Mandos' finden würde. Und einige von Maglors Gefolgsleuten beschlossen in Mittelerde zu verweilen anstatt nach Aman zu segeln, obwohl Maglor verboten hatte, ihm zu folgen. Sie blieben ihm dennoch treu und sagten, sie wollten nicht die Lande verlassen, in denen ihr Herr noch immer lebte. Und hierin waren sie nicht weniger loyal als es die Falathrim in der Alten Zeit gewesen waren, die der Großen Reise entsagten aus Liebe zu Elwe Singollo, während er in den Wäldern von Nan Elmoth umherirrte.
Doch der größte Teil der Elben betrauerte den Verlust des letzten Sippenmörders nur wenig. In ihren Augen war sein Schicksal eine gerechte Strafe für all das Leid, das er über andere gebracht hatte.

Celebrimbor wäre gern mit Elros und Elrond gegangen, war dann aber doch bei Gil Galad geblieben, da er nur zu gut um die Schwierigkeiten wußte, die es für ihn bedeuten würde, mit Feanorianern zu reisen. Daß sie Maglor gefunden, es aber nicht vermocht hatten, ihn zu einer Heimkehr zu bewegen, war in seinen Augen ein schändliches Versagen.
"Warum ist es mir niemals gestattet, von meinen Verwandten Abschied zu nehmen oder wenigstens in Frieden von ihnen zu scheiden?", fragte er, in einer erloschenen Schmiede sitzend, die Arme auf den Amboß gelegt und das Kinn auf die Unterarme gestützt. Seine Augen waren rot und geschwollen. "Vater und Celegorm verließen mich im Zorn, Amros und Amrad mußte ich sogar bekämpfen, und nun Maedhros und Maglor...warum, 'Ellach?" Er wandte den Kopf ein wenig in Richtung des Königs, der an seiner Seite saß und sacht das Haar des Schmieds streichelte.
"Du weißt, daß es keinen anderen Grund gibt als das Schicksal selbst", erwiderte Gil Galad. "Sie alle wählten ihren eigenen Weg. So tat es dein Vater und so tat es auch Maglor."
"Wenn ich nur bei ihnen gewesen wäre! Ich hätte ihn davon überzeugt, mit uns zurückzukehren. Ich hätte nicht versagt!"
"Celebrimbor..."
"Ich hätte ihn nicht alleingelassen, verlassen und ohne Hoffnung an einer Küste, die niemand kennt."
"Du hast gehört, was sie uns erzählten. Er bat sie inständig, zu gehen."
"Ich hätte seine Meinung ändern können."
"Er ist nicht für immer verloren, Celebrimbor. Er kann zurückkehren, wann immer es ihn danach verlangt. Gib ihm etwas Zeit und Ruhe, um mit seinem Schmerz fertig zu werden."
Doch sie kannten beide die Wahrheit. Niemand würde jemals wieder die Stimme des größten Sängers der Noldor hören.

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Schon bald nach ihrer Rückkehr wurden Elros und Elrond zu Gil Galads Zelt gerufen, und hier erwartete sie Eonwe.
"Die Zeit ist gekommen, Söhne von Elwing. Nun trefft eure Wahl: entweder zu den Eldar gezählt zu werden, oder zu den Atani. Und dies soll euer Schicksal sein in den Kreisen dieser Welt."
Die Stille, die den Worten des Maia folgte, lastete schwer auf Elrond. Er versuchte zu sprechen, doch die Stimme versagte ihm.
Schließlich schenkte Elros seinem Bruder ein trauriges, entschuldigendes Lächeln.
"Ich wähle das Leben eines Sterblichen."
Da. Es war getan. Die Entscheidung war getroffen und entgegen seinen Erwartungen, fühlte sich Elwings älterer Sohn erleichtert. Endlich ganz.
Eonwe blickte in eine Ferne, die nur er allein sehen konnte und lauschte einer Stimme, die nur er allein hörte. Er nickte. "Dein Wunsch ist gewährt, Elros, Sohn von Earendil."
Seine strahlenden Augen wanderten zu Elronds blassem Gesicht.
‚Dies ist die letzte Gelegenheit, meine Meinung zu ändern. Bei Elros zu bleiben und die Sorgen meines Daseins eines Tages hinter mir zu lassen', dachte der Halb-Elb beinahe gegen seinen Willen. Die Versuchung war groß. Er liebte seinen Bruder und der Ewigkeit ohne den einen an seiner Seite entgegenzutreten, der sein Begleiter gewesen war noch bevor er geboren wurde, schien mehr als er ertragen konnte. Ganz besonders nach dem kürzlichen Verlust seiner älteren Brüder.
Vielleicht hätte er wirklich seinen Sinn geändert, wenn er nicht gerade in diesem Augenblick Gil Galad angesehen hätte. Plötzlich entsann er sich des seltsamen Gefühls in der Stunde seiner Ankunft im Lager einige Jahre zuvor. Bliebe er bei Elros, würde dies die Muster stören, die in das Lied verflochten waren, welches die Welt formte. Er hatte seinen Platz einzunehmen, und der war nicht an seines Bruders Seite.
"Ich...ich wähle das Leben der Eldar."
"Es ist gewährt."
Konnte es so leicht sein? Beide Brüder fühlten in sich hinein, doch nicht schien sich verändert zu haben. ‚Gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen den Fear der Erstgeborenen und den Seelen der Zweitgeborenen?', fragte Elros sich.
Eonwe trat vor und legte seine schmale Hand auf Elros' Haupt.
"Elros, Sohn von Earendil aus dem Haus von Finwe, und von Elwing aus dem Haus von Elwe und Melian der Maia, dies ist der Wille des Einen und er kann nicht geändert werden: du wirst ein großer Führer der Menschen werden, Stammvater einer Linie von Königen. Deine Kinder sollen gesegnet sein und die Erinnerung an dich wird für viele Zeitalter der Welt nicht verblassen."
Er ging zu Elrond und wiederholte die Geste.
"Elrond, Sohn von Earendil aus dem Haus von Finwe, und von Elwing aus dem Haus von Elwe und Melian der Maia, dies ist der Wille des Einen und er kann nicht geändert werden: du wirst ein Weiser unter den Eldar werden. Niemals sollst du König genannt werden, doch werden Könige deinem Rat folgen und du sollst tieferen Einblick in die Wege Ardas haben als irgend jemand sonst."
Elrond erschauerte. Dies war sein ureigenes Schicksal, unwandelbar wie die Sterne.
Eonwe beobachtete den beinahe verträumten Ausdruck auf den Gesichtern der Halbelben. Dann wandte er sich zu Gil Galad um. Der König strahlte: ein glückliches und stolzes Lächeln, erfüllt von der Liebe eines Lehrers für seinen Meisterschüler. Erneut überkam eine Vorahnung den Herold, der Ruf seines Herrn. Er ging zu Gil Galad, doch berührte er den König, sondern stattdessen die schlanke Klinge von Aeglos, der an der Wand des Zeltes dicht neben ihm lehnte.
"Artanáro Finellach Gil Galad, Sohn von Orodreth aus dem Haus von Finwe, dies ist der Wille des Einen und er kann nicht geändert werden: eines Tages wirst du einem Feind gegenüberstehen, den du nicht besiegen kannst. Doch in deiner finstersten Stunde wird der Segen der Valar mit dir sein."
Weißes Licht flackerte entlang des Metalls und war einen Augenblick später verschwunden. Ohne ein weiteres Wort verließ Eonwe das Zelt.

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Über Monate hinweg wanderte und segelte die Armee des Lichts entlang der neuen Küstenlinie, die sich allmählich entlang der Ausläufer der Ered Luin festigte. Sie durchquerten nun das Land, das einstmals Ossiriand genannt worden war. Doch die sieben Flüssen hatten ihren Lauf verändert oder waren völlig verschwunden, daher nannten die Elben es nun Lindon, nach jenen Bergen, die es vor dem vorrückenden Wasser geschützt hatten. (5)

Die Zwerge wollten besonders eilig vorankommen, denn für sie gab es noch immer ein Zuhause in das sie zurückkehren konnten: Nogrod im nördlichen Teil der Bergkette und Belegost etwas südlich davon. Als sie jedoch nach zwei Wochen auf Zwergenwachen trafen berichteten diese, daß der Teil der Berge, der Nogrod beheimatet hatte, im Aufruhr des Landes eingebrochen war, gesunken und überschwemmt, und viele sahen darin eine Strafe für die Missetaten seiner Bewohner. Auch Belegost war schwer beschädigt: viele Tunnel waren eingebrochen, darunter drei der fünf wichtigsten, und hunderte seiner Bewohner waren entweder schwer verletzt oder sogar tot. Sein König bot jedem Zwerg, der darum ersuchte, eine neue Heimat an, ungeachtet der Herkunft und vergangener Taten. Trotzdem beschlossen viele der Kinder Aules, beim Heer zu bleiben. Einige wollten nicht in übervölkerten Hallen leben, andere zog es weiter nach Khazad Dûm weit im Osten, einige wanderten einfach gerne umher und sahen keinen Grund, ihre bisherige Lebensweise zu ändern.

Als sie den Ort erreichten, wo einst der Fluß Ascar kaltes, klares Wasser von den Bergen heruntergebracht hatte, fanden sie stattdessen einen breiten Meeresarm vor. Er führte beinahe genau nach Osten, geradewegs durch eine gigantische Kluft in der Bergkette.
Gil Galad ließ den Blick über die monumentalen Bergflanken der Ered Lindon gleiten. Es war ein seltsamer und verwirrender Gedanke, daß diese Mauern aus Fels noch vor weniger als einem Jahr in ewiger Nacht vergraben gelegen haben sollten. Die Knochen der Erde selbst schienen entblößt und es verlangte ihn, das wunde Land zu heilen.
Ein breiter Felsvorsprung wand sich entlang der nördlichen Klippen in Richtung des Gebirges. Eonwe riet ihnen, seinem Weg zu folgen. "Die Wasser dieses Stroms werden euch zu eurem neuen Zuhause führen."
Voller Erstaunen angesichts des unglaublichen Anblicks wanderten sie entlang der Küste des Meeresarms nach Osten. Erst jetzt vermochten sie das volle Ausmaß der Zerstörung, die Arda erlitten hatte, zu begreifen. Mancher wunderte sich im stillen über den Gründen für diese Verwüstungen, ob die Valar eine zu große Macht gegen Morgoth ins Feld geführt hatten, oder ob das Land zu sehr vom Schwarzen Feind verunreinigt worden war, um noch Heilung zu finden.
Auf ihrem Weg entlang der Klippen passierten sie ein tiefes, weites Tal, dessen Wände mehrere hundert Mannshöhen zum Wasser hinabreichten. Aus dem Landesinneren durchschnitt ein Fluß den Talboden. Seine Wasser sangen, während sie über glattgeschliffene Steine tanzten, ehe sie etwa zwanzig Schritt tief in das Wasser des Ozeans stürzten. Die östlichen Abhänge verliefen weniger steil und waren mit Gras bedeckt.
Jemand mußte einst hier gelebt haben, sie fanden Obstgehölze und sogar einige junge Apfelbäume. Vielleicht war dies das Heim einiger Menschen, Elben oder sogar der Hüter der Bäume gewesen, von deren Frauen gesagt wurde, sie bauten Gärten wo immer sie auch wanderten. Es war ein herzzerreißend vertrauter und friedlicher Anblick.

Während das Heer eine wohlverdiente Rast einlegte, saß Gil Galad auf einem sandigen Abhang, von dem aus er das Tal überblicken konnte. Geistesabwesend zeichnete er den Grundriß für Gebäude und Straßen in den Sand.
Gildor beugte sich über die zarten Linien und fügte einige Ställe hinzu.
"Du magst diesen Ort", stellte er fest.
"Ja, das tue ich. Es ähnelt Tol Sirion." Der König deutete auf die kleinen Apfelbäume, die noch Jahre brauchen würden, ehe sie zum ersten mal Früchte trugen. "Und wenn es irgend eine Einladung geben könnte, dann doch wohl dies."
"Es wäre schwer zu verteidigen. Dieser Fluß ist nicht wie Vater Sirion."
"Der Krieg ist vorbei, Gildor. Wir werden keinen Grund mehr haben, uns zu verteidigen." Gil Galad stand auf. "Ich werde über diesen Ort nachdenken. Er ruft mich, mein Freund, als habe er nur darauf gewartet, daß ich hier ein neues Zuhause errichte."

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Als sie den Paß erreichten, wo die Bergspitzen zur Linken und zur Rechten am höchsten waren, erinnerte der König sich an seine frühere Vorahnung, daß er eines Tages diese Berge überqueren würde. Nun war der Tag gekommen.
Es hatte den ganzen Morgen geregnet und viele Wasserfälle stürzten die steilen Wände hinab, bis sie die salzigen Fluten des Golfs erreichten. Sein Blick folgte einem von ihnen und hoch am Himmel erblickte er den Umriß eines riesigen Adlers, der über ihnen kreiste.
"Es ist der Herr der Adler", hörte er Eonwes Stimme hinter ihm.
Thorondor betrachtete die Streitmacht aus Elben, Menschen und Zwergen, während er ohne sichtbare Bewegung seiner Flügel über die steilen Berghänge hinwegglitt. Ein allerletztes mal wachten seine scharfen Augen über jene, die so lange unter seiner Hut gestanden hatten.
"Lebt wohl", rief er mit lauter Stimme, "Könige der Elben, Herren der Menschen und Anführer der Zwerge! Lebt wohl, Kinder des Einen!"
Denn endlich war es auch ihm gestattet worden, die Wasser der Trennenden See zu überqueren und in den Landen der Valar zu leben, von wo sein Geist einst gekommen war, um aus Liebe zu den starken Winden und von Manwe gesandten Stürmen die Gestalt eines riesigen Vogels anzunehmen.
Gil Galad blinzelte gegen den hellen Himmel. Braun-golden schimmernde Federn warfen das Licht der untergehenden Sonne zurück.
‚Noch ein Teil meiner Vergangenheit, der hier endet', dachte er.
So lange er sich entsinnen konnte, waren ihm Geschichten über die großen Adler erzählt worden, Boten und Wächter gleichermaßen, die in den Crissaegrim lebten. Er seufzte.
"Sei nicht betrübt, Sohn von Orodreth", sagte eine Maia in Gestalt einer schlanken, braunhaarigen Frau neben ihm warm. "Lange hat der Herr der Adler auf diesen Tag gewartet. Viele seines Volkes werden bleiben und Gwaihir, der machtvollste seiner Abkömmlinge, führt sie an. Die Kinder werden nicht unbehütet bleiben."
Gil Galad nickte. "Ich danke Euch, Herrin."
Der Adler kreiste noch drei mal über ihnen und dann, mit einem lauten Schrei des Triumphs, schlug Thorondor mit seinen riesigen Flügeln, kippte nach Westen ab und flog in Richtung der untergehenden Sonne. (6)

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Die Armee wanderte weiter entlang des Sunds, den sie bis jetzt einfach nur ‚den Golf' nannten. Hinter der Schlucht, wo einst das Volk von Nogrod die Luft mit dem Geräusch von Hämmern und rauhen Zwergenstimmen erfüllt hatte, wurde die Küste steiler und steiler, bis das Wasser weit unter ihnen unablässig gegen die Klippen schlug. Von nun an mußten sie viele Wasserläufe überqueren, die flink von hängenden Tälern über steinige Flußbetten hinabsprangen.
Und schließlich erreichten sie die Mündung des Flusses Lhûn. Einst war es ein schiffbarer aber recht kleiner Strom gewesen, nun war er breit und machtvoll. Während das Land in Aufruhr gewesen war, hatte ein Vulkanausbruch neben seiner Mündung einen riesigen Krater hinterlassen. Seine westliche Flanke war eingebrochen, Meerwasser hatte das so entstandene Becken gefüllt und dadurch einen natürlichen Hafen gebildet. Grau und leblos erschien es, doch die Falathrim erkannten sofort die Möglichkeiten dieses Ortes, um einen sicheren Hafen für viele Schiffe zu errichten. Nördlich und südlich des Flusses war das Land bedeckt von großen Wäldern, die sie mit dem nötigen Bauholz versorgen könnten.
"Es sei denn, einer der Baumhirten lebt in diesen Hainen", bemerkte Gil Galad gegenüber Círdan, der nicht nur von der Fülle, sondern auch der Güte des Holzes begeistert war.
"Sei unbesorgt, ich habe zuvor schon mit Ents gesprochen und sie verstehen die Bedürfnisse der Falathrim sehr gut. Ehe wir beginnen unsere Schiffe zu bauen, werde ich hinausgehen und sehen, ob einer von ihnen hier lebt, und ihn um seine Erlaubnis bitten." (7)
"Das wird nicht einfach sein, fürchte ich", sagte Gil Galad und deutete auf die lange Schlange von Flüchtlingen vor ihnen. "Die Krieger aus dem Westen haben natürlich ihre eigenen Schiffe, doch viele Elben aus Beleriand sind ebenfalls willens, dem Ruf der Valar zu folgen, nicht nur die Sklaven aus Thangorodrim. Was für eine Aufgabe, sie alle über das Meer zu bringen! Du wirst eine Menge Holz benötigen."

Und tatsächlich wurden sie am Hafen von Eonwe selbst begrüßt.
"Heil Círdan, Schiffsbauer! Endlich hast du den Ort deiner wahren Berufung erreicht. Denn hier sollst du die Boote anfertigen, die dein Volk nach Aman bringen werden, von nun an bis zu dem Tag, an dem das letzte Schiff seine Leinen löst."
Der alte Seemann sah sich um, hinauf zu den steilen Felswänden, dem friedlichen Wasser und den Möwen, die hoch über ihnen kreisten. Und ein Licht war in seinen Augen, das Gil Galad noch nie zuvor gesehen hatte.
"Ja. Ja, ich verstehe, Herr. Dies ist meine Bestimmung, auf die ich so lange gewartet habe." Er musterte die Granitwälle erneut. "So abweisend seht ihr aus, doch wir werden euch zu Häusern ausbauen und diesen Ort mit Leben und Schönheit erfüllen. Grau seid ihr und ich nenne diesen Ort Mithlond, die Graue Anfurt. In den Zeiten, die nun kommen, soll dieser Name für unser Volk gleichbedeutend mit ‚Tor nach Westen' werden." (8)
So fand Círdan der Schiffsbauer, Herr der Falathrim, schließlich sein Schicksal. Von diesem Tage an verbrachte er all seine Zeit im Hafen. Er baute Kais und Unterkünfte, Schuppen und Werften, und unter seiner Leitung entstand eine Stadt, wo zuvor nur grauer Stein gewesen war. Doch untersagte er, auch nur einen einzigen Baum zu fällen, ehe er nicht durch die Wälder gewandert war um zu sehen, ob ein Ent unter dem Blätterdach weilte.

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Eines Abends, einige Tage nach seiner Ankunft, stand er bei den Felsen an der Hafenöffnung und schaute nach Westen.
"Nowe?"
Círdan erstarrte. Dieser Name. Und diese Stimme!
"Nowe, sieh mich an. Bitte."
Er tat wie ihm geheißen, nur für die Dauer eines Herzschlags, gerade lange genug, um sie zu erkennen. Ja, sie war es, natürlich. Und sie war ebenso schön wie beim letzten mal, als sie miteinander gesprochen hatten, Tausende von Jahren zuvor.
"Ich wußte nicht, daß du hier bist", sagte er langsam und stockend. "Ich wußte nicht einmal, ob du Alqualonde...überlebt hattest." Er schloß die Augen. "Ob deine Gefühle sich geänd-"
"Nowe, sieh mich an!", wiederholte sie drängend. Und als er gehorchte, sah er geradewegs in ihre Augen und in ihnen schimmerte derselbe Ausdruck den er an jenem Tage gesehen hatte, da sie voneinander schieden. Oh, und vieles mehr, doch dessen sollte er sich erst später entsinnen. In diesem Moment sah er allein den Widerschein ihrer Gefühle und seine größte, wichtigste, quälendste Frage war beantwortet. Eine große Last, die er im Geheimen getragen hatte, seit die Teleri nach Aman gingen, war von seinem Herzen genommen. Niemand außer ihr hatte je dieses Lächeln auf seinen Zügen gesehen.
Sie kam näher und nahm seine großen Hände in die ihren. "Ich habe dich beobachtet. Seit wir ankamen habe ich von dir erzählen hören, und was die Leute sagten, machte mich glücklich. Als wir auf eure Armee trafen, da wagte ich es nicht, zu dir zu kommen. Bis heute."
"Daß du überhaupt gekommen bist, reicht bereits völlig. Und daß du jetzt hier bist."
"Und sei es nur, um zu sehen, wie sehr du dich verändert hast." Mit dem Handrücken strich sie über seinen dünnen Bart. "Es gibt Elben wie dich in Aman, nur sehr wenige, aus den ersten Generationen, die in Cuiviénen gelebt haben. Zugegebenermaßen sieht keiner von ihnen so gut aus wie du."
Er drückte seine Wange gegen ihre Finger. "Magst du ihn? Er fühlte sich anfangs ziemlich seltsam an."
"Ja, das tue ich. Es steht dir gut, Schiffsbauer."
Sie wanderten aus dem Hafen und entlang des einsamen Strandes und lauschten der Musik des Wassers. Es wurde nicht viel gesagt, denn für sie gab es keinen Grund zu sprechen. Ihre Seelen waren einander bereits so nahe, wie sich zwei ungebundene Fear nur kommen konnten. Genau wie sein Freund Elwe vor langer Zeit achtete Círdan nicht auf das Verstreichen der Zeit, noch kümmerte es ihn, und zwei Monate lang sah ihn niemand oder wußte, wo er war.
Erst als sie genügend von der Nähe des anderen gekostet hatten, hielten sie in ihrem Gang inne, und an einem steinigen Strand am Fuße der Ered Lindon sprachen sie erneut.
"Ich kann nicht bleiben", sagte sie. "Wirst du mit mir kommen?"
Eine zweite Chance. Die Schönheit Amans zu sehen, die Kais von Alqualonde, Schiffe zu bauen wie jene, die er in den vergangenen Wochen gesehen zu und lieben gelernt hatte. Das zu tun, wonach er sich seit der Ankunft Oromes so sehr sehnte...
"Du hast mich das schon einmal gefragt."
"Ja. Und du hast abgelehnt und mir beinahe das Herz gebrochen."
"Es geschah aus einem guten Grund."
"Ich weiß."
Er nahm ihr Gesicht in beide Hände. "Nun gibt es einen anderen guten Grund, der mich bleiben heißt. Doch ich könnte es nicht ertragen, dich zu verlieren. Ich werde die Verantwortung für diese Entscheidung nicht auf deine Schultern laden, sie ist die meine. Sage mir nur die Wahrheit: werde ich dein Herz brechen, werde ich deine Liebe verlieren, wenn ich erneut zurückbleibe?"
Im Mondschein waren ihre Tränen wie Diamanten auf ihrer glatten Haut.
Und dann sagte sie schlicht, "Nein."

Niemand wußte, wo er sich aufhielt, niemand wagte zu fragen. Mit ihr erkundete er die Küsten und den Fluß, gemeinsam wanderten sie durch die Wälder und suchten nach den Ents, die dort leben mochten. Schließlich fanden sie einige und Círdan sprach mit ihnen, und wiewohl sie zögerten und es sie bekümmerte, wußten sie doch, daß dies ein Teil des Großen Lieds war und gestatteten ihm das Fällen der Bäume.
Doch erfuhr niemals jemand von ihr, die den Schiffsbauer so oft begleitete.

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Eine ganze Flotte wurde erbaut. In Mithlond schuf Círdan die großen Werften von Mittelerde, und hier fertigten er und seine Gefährten zahllose Schiffe, stark und wunderschön, jene Elben über das Meer zu tragen, die willens waren, die Hinnenlande für immer zu verlassen. Die Falathrim ließen sich entlang des Golfs von Lhûn nieder und seine Ufer hallten wider von ihren seltsamen und melodischen Liedern.
Niemand hat je gezählt, wie viele Elben in dieser Zeit ihr altes Zuhause verließen. Als erste gingen die befreiten Sklaven aus Thangorodrim, da sie am dringendsten der Heilung und des Trostes bedurften. Doch von all den Tausenden, die versklavt gewesen waren, blieben sieben in Mittelerde zurück. Sie waren von den Orks in der Nähe von Balar gefangengenommen worden, doch ursprünglich stammten sie aus Nargothrond und sie hatten an der Seite Gil Galads auf Tumladen gekämpft und ihn in jenem langen, kalten Winter auf dem grausamen Weg von den Ruinen ihres Heims zu der Insel im Belegaer begleitet. Sie blieben aus Treue, stellten sich dem Schrecken der Erinnerung und selbst die Ainur waren von ihrer Ergebenheit beeindruckt.

Und dann war der Tag gekommen da Ingwion, Herr der Vanyar, und Finarfin und Earwen, Hoher König und Hohe Königin der Noldor, sich aufmachten, Mittelerde zu verlassen und in die Geheiligten Lande zu segeln. Sie gingen an einem düsteren Abend, ohne jegliches Zeremoniell, drei Elben, die in den Westen zurückkehrten.
Ingwion verabschiedete sich zuerst. "Du hast wohl gehandelt, Sohn Artahers. Du hast mich viele Dinge gelehrt, die ich nicht vergessen werde, und dafür danke ich dir. Lebe wohl, bis wir uns eines Tages im Westen wiedersehen."
Gil Galad verneigte sich. "Ich danke Euch, Herr. Es war eine Ehre, an Eurer Seite zu kämpfen. Bitte richtet Eurem Vater meine Grüße aus." Er faßte Ingwions Arm. "Alles was ich Euch lehren konnte, war die Kunst des Krieges. Wenn wir uns das nächste mal begegnen, wird Frieden herrschen und dann will ich freudig allem zuhören, das Ihr mir darüber beibringen könnt."
Dann kam Earwen, doch sie ging nicht auf Gil Galad zu, sondern umarmte zunächst Celebrimbor.
"Lebwohl, letzter Abkömmling Feanors. Du allein bist niemals dem Ruf der Silmaril verfallen. Mögen die Valar dich und deine Familie behüten." (9)
"Ich danke Euch, Tante." Der Schmied senkte den Blick für einen Moment, ehe er wieder zu ihrem blassen Gesicht aufsah. "Vor langer Zeit habe ich das Versprechen abgelegt, nie wieder Schmuck für Euch herzustellen. Daher habe ich dies gefertigt."
Und er legte ein Päckchen, in feinstes Leder eingeschlagen, in ihre Hand. Als sie es öffnete, fand sie darin eine kleine Fibel aus Silber, mit der Blume des Hauses von Finarfin und dem Stern Feanors darauf.
"Lange Zeit hat Unfrieden zwischen unseren Häusern geherrscht. Das ist nun vorbei. Von jetzt an sollen die Zeichen von Feanor und Finarfin wieder Seite an Seite stehen. Bitte nehmt dies an, Herrin, und erinnert Euch Eures Neffen."
Earwen lächelte und küßte ihn auf die Stirn. "Das werde ich, Telperinquar. Und am Tage deiner Ankunft in Aman werde ich nur dies tragen und keinen anderen Schmuck."
Dann schloß sie auch Gil Galad in die Arme. "Ich werde deinen Eltern von dir erzählen, 'Ellach, wenn sie zurückkehren. Ich bin schon sehr gespannt darauf, deine Mutter und deine Schwester kennenzulernen. Lebe auch du wohl, geliebter Sohn von Artaher. Möge der Eine alle deine Wege beschützen." Und sie küßte seine Wangen.
Er blickte sie mit seinen dunklen, grauen Augen an. "Ich danke dir, Großmutter. Dafür, daß du uns so viel Frieden in diesen Zeiten des Krieges gebracht hast." Er zog zwei gefaltete Blätter hervor. "Würdest du dies meiner Familie geben?"
Sie nickte. "Natürlich, mein Sohn."
Zu ihrer Überraschung zog er sie nochmals an sich. "Und Dank dafür, eine zweite Mutter gewesen zu sein - für mich, und für Celebrimbor, der es so sehr brauchte", flüsterte er.
Mit einem neugierigen Blick umarmte zuletzt auch Finarfin seinen Urenkel. "Ich hatte gehofft, dich in Aman zu sehen, denn du hättest es dir wahrlich verdient. Doch deine Gründe sind gut und du hast dich als ein würdiger Abkömmling Finwes erwiesen. So bleibe denn hier, Hoher König der Noldor in Mittelerde."
Beinahe gegen seinen Willen mußte Gil Galad lachen. "Ist das nicht ein etwas übertriebener Titel? Hoher König welcher anderen Königreiche?"
"Andere Reiche werden gegründet werden. Ob ihre Führer sich nun Herren oder Könige nennen, ist nicht von Belang. Sie werden deine Oberherrschaft anerkennen."
Und so gingen die Anführer der Armee des Westens an Bord ihres Schiffes und verließen Mittelerde, und keiner von ihnen sollte je zurückkehren. Und die folgenden Generationen erachteten dies als den letzten Tag des Ersten Zeitalters der Welt.

Später berichtete Gil Galad Círdan von Finarfins Worten.
"'Hoher König der Noldor von Mittelerde'! Mein Urgroßvater ist übermäßig optimistisch, fürchte ich."
Der alte Seefahrer lächelte. "Und er irrt sich."
"Wieso?"
"Er - und Ingwion - haben deine Verbindung zu den Sindar niemals wirklich verstanden. Ich habe mit vielen ihrer Anführer gesprochen. Du bist bei weitem nicht nur Hoher König der Noldor, sondern vielmehr Hoher König der Noldor und eines großen Teils der Sindar, zumindest jener, die westlich des Hithaeglir leben. Also nenne dich besser ‚Hoher König der Elben des Westens'." (10)

Fußnoten:

(1) Laßt unsere Frauen...: Maedhros war natürlich unverheiratet. Maglor spricht hier von seiner Gattin und jenen seiner Brüder Curufin und Caranthir.

(2) Stern der Dämmerungen: Vingilot war am frühen Morgen und Abend zu sehen, es soll den Planeten Venus darstellen, den Morgen- und Abendstern.

(3) Silíel & Ergaladh: da diese Geschichte so viel Zeit in Anspruch nimmt, solle ich euch vermutlich an diese OCs erinnern: Silíel ist Círdans Haushälterin und Ergaladh – über die ihr mehr in Kapitel 14 lesen könnt – ist eines jener verwaisten, namenloser Kinder, die den Fall von Nargothrond überlebten.

(4) grasbedeckter Strand: ja, grasbedeckt, nicht sandig. Wir sprechen von einer überfluteten Ebene. ;)

(5) Lindon & Ossiriand: die Ered Luin wurden auch Ered Lindon genannt, ‚Ossiriand' bedeutet ‚Land der sieben Flüsse'.

(6) Thorondors Abschied: nach dem ersten Zeitalter wird Thorondor nicht mehr erwähnt und Tolkien teilte uns nicht mit, was aus ihm geworden ist.

(7) seine Erlaubnis: nur die männlichen Ents waren an Wäldern interessiert, die Frauen kümmerten sich um ihre Gärten. Es erschien mir sehr unwahrscheinlich, daß ausgerechnet Elben Bäume fällen sollten, ohne zuerst die Ents um Erlaubnis zu fragen. Sie sind schließlich nicht wie Aldarion (keine Sorge, diesem hervorragenden Seemann werdet ihr später in der Geschichte noch begegnen)

(8) Beschreibung der Grauen Anfurten: wie ihr vielleicht bemerkt habt, ähnelt meine Darstellung sehr der Erscheinung dieses Ortes im Film. Nun, warum nicht, es ist wunderschön! ;) Übrigens: Círdan nennt den Anlegeplatz nur ‚Anfurt', nicht ‚Anfurten' wie wir es gewohnt sind, weil es zu diesem Zeitpunkt tatsächlich nur ein einziger Hafen ist.

(9) letzter Abkömmling Feanors: natürlich war da noch immer Maglor. Ich stelle mir jedoch vor, daß die Elben ihn in den alltäglichen Dingen nicht mehr mitrechneten.

(10) Hoher König der Elben des Westens: dieser Titel Gil Galads führte zu vielen Fragen, da niemals klar war, was Tolkien genau damit meinte. Ich hoffe, eine akzeptable Erklärung gefunden zu haben...das heißt, natürlich hat Círdan sie gefunden. ;)

2nd A/N:

So. Das war's. Wir haben den Krieg des Zorns hinter uns - und mit ihm das Erste Zeitalter. Ich kann es wirklich nicht glauben. Hätte mir jemand vorhergesagt, daß die Narn zweieinhalb Jahre benötigen würde, um allein diesen Punkt zu erreichen, hätte man mein Gelächter noch an den Stränden von Alqualonde hören können.
Dies ist ein guter Augenblick, um allen meinen Lesern zu danken, die Gil Galad und mich auf unserer langen Reise durch Tolkiens Welt begleitet haben. Nun laßt uns einen Blick auf das Zweite Zeitalter werfen. Gil Galad muß die Elben des Westens vereinigen, er muß sein Königreich aufbauen. Und er wird sich Sauron im Kampf stellen müssen, sogar zwei mal. Doch diese Tage liegen noch weit in der Zukunft.