Kapitel 2:

Die Andere...

Sie hatte auch nicht vor, Ron jemals von ihren Gefühlen zu erzählen. Das würde sie schön für sich behalten. Sie wollte Ron nahe sein, und da das nur ging, wenn sie Freunde waren, dann waren sie eben Freunde und nicht mehr.

Es war ein kalter, schneebedeckter Nachmittag und Harry, Ron und Hermine saßen im Gemeinschaftsraum der Gryffindors, der dank eines prasselnden Kaminfeuers und knuddeligen Knautschsesseln, furchtbar behaglich war. Die drei hatten endlich ihr lang ersehntes Wochenende. Vor allem Ron freute dies, denn nun konnte er seine Massen von Hausaufgaben noch ein wenig aufschieben.

Auch wenn Hermine ihn wegen solcher Sachen oft tadelte, wollte sie eigentlich gar nicht, dass er sich änderte. Sie wollte, dass er ganz er selbst blieb. Doch es war einfach zur Gewohnheit geworden, ihn zu tadeln.

Und leider auch mit ihm zu streiten. Sie hasste es, wenn sie sich stritten. Ron hatte sie schon so oft zum Weinen gebracht. Aber beide waren sie zu stur, um dem anderen Recht zu geben oder sich zu entschuldigen oder ihr Unrecht zuzugeben oder, oder, oder...

Sie saßen also immer noch im gemütlichen Gemeinschaftsraum, als plötzlich ein kleiner grauer Tennisball – zumindest wirkte es wie einer – gegen die Fensterscheibe klatschte. Pigwidgeon flatterte halb erfroren, aber dennoch aufgeregt, vor dem Fenster hin und her.

Als Ron Pig sah, öffnete er schnell das Fenster und ließ ihn herein. Die Winzeule ließ sich den Brief abnehmen, den sie für Ron mitgebracht hatte und begann dann hektische Kreise um Harrys Kopf zu ziehen.

„Von wem ist der, Ron?" fragte dieser neugierig. Ron sagte nichts, wurde aber zunehmend röter, während er den Brief las. „Was denn?" fragte Harry weiter und begann dann zu grinsen „Doch nicht etwa ein Liebesbrief?" Ron sagte immer noch nichts.

Mit einem Mal schaute auch Hermine von ihrem Buch auf, das sie bis gerade noch gelesen hatte. Ron hatte einen Liebesbrief bekommen? Dieser Gedanke versetzte ihr einen kleinen Stich. Sie hatte zwar schon eingesehen, dass sie nie mit Ron zusammen sein würde, aber ihn einem anderen Mädchen zu überlassen? Nein, das ging auch nicht.

„Was ist es denn nun, Mann? Ron! Hey! Jetzt antworte mir doch mal! Oder lass mich lesen!" Harry hatte anscheinend Langeweile oder großes Interesse an Rons Brief, denn er ließ nicht locker. „Lass das, du wirst das nicht lesen." sagte Ron bestimmt, als Harry versuchte, ihm den Brief aus der Hand zu reißen. Er war tiefrot im Gesicht.

„Na gut." sagte Harry, der genau wusste, was seine folgenden Worte bewirken würden. „Eigentlich interessiert es mich auch gar nicht...". Der Satz hatte seine Wirkung. „Schon gut, Mann. Ich habe heute Abend ein Date..." nuschelte Ron und warf einen schnellen Seitenblick auf Hermine. Sie bemerkte es natürlich nicht. Harry allerdings schon...

Hermine riss die Augen auf. Sie hatte die ganze Zeit nicht reden wollen und nun konnte sie es einfach nicht mehr. So ein Mist, jetzt hatte Ron auch noch eine Freundin oder eine heimliche Verehrerin oder wie immer er sie nennen wollte. Sie schwieg weiterhin. Vielleicht konnte sie herausfinden, wer es war. Und ihr den Hals umdrehen, dachte Hermine. Nein, nein, beruhige dich. Du solltest Ron ein wenig Glück gönnen. Nun, du gönnst Ron ja sein Glück... Aber dem anderen Mädchen gönnst du es nicht... So ein Mist!

„Wow, Ron, das ist ja..." fing Harry an und warf Hermine einen besorgten Blick zu. „... großartig, hehe..." lachte er gekünstelt weiter. Hermine konnte nicht ahnen, dass Harry den leisen (eigentlich gigantischen) Verdacht hegte, dass Ron und Hermine insgeheim (offensichtlich) Hals über Kopf ineinander verschossen waren. Natürlich hatte er Recht...