Vorwort: Hier ist nun der 2. und letzte Teil dieser kleinen Story; ein großes Danke für jegliches Feedback :)
Wartezeit – Teil 2
Das Licht aus dem anliegenden Flur genügte Yamato als Beleuchtung im Badezimmer, als er dort ein Handtuch aus einem der Regale angelte und kopfüber die vom Regen vollkommen durchnässten Haare trocken rubbelte. Der tüchtige Regenfall hatte kein bisschen nachgelassen – im Gegenteil: dem Jungen war es eher noch so vorgekommen, als habe sich die Kraft der niederschmetternden Wassertropfen verstärkt auf dem Heimweg.
Bewusst den Blick in den Spiegel vermeidend tapste man nun zurück in den Flur und dann weiter in die Küche. Matt wusste um die Existenz dieses auf dem Tisch liegenden Zettels bereits, bevor er vor guten fünf Minuten nach Hause gekommen war und ihn sein erster Gang in sein eigenes Zimmer führte, um trockene Klamotten überzuwerfen. Ein Shirt mit langen, blauen Ärmeln und einer ebenso blauen 16 auf der Vorderseite hatte er kurzerhand vom Boden aufgelesen und als tragbar zu einer dunklen Jeans eingestuft. Mitsamt einen Seufzen ließ man die im langen Ärmel verborgene Handfläche übers Gesicht und allen voran die Augen streichen. Zugleich war der trotzige Beschluss den Zettel zu ignorieren gefasst worden, weswegen Yamato träge zum Kühlschrank schlich, diesen öffnete, hineinstarrte und ihn wieder schloss. Eine überflüssige Tätigkeit, da er bereits zuvor wusste, dass er nichts essen wollte. Aber irgend etwas steuerte ihn und er ergab sich dem Zwang, denn dieser war noch immer erträglicher als sich über andere Dinge den Verstand zu zermartern.
Die Uhr zeigte kurz nach neun, als erschöpft zu ihr hinübergeblinzelt wurde. Matt verstand sie nicht: all die Geschehnisse und das übergreifende Chaos an diesem Tag, was ihn nun doch dazu brachte zurück zum Tisch zu gehen und den Zettel zu betrachten.
Hallo Yamato,
tut mir leid, dass wir uns verpasst haben. Ich habe wirklich nicht mehr unsere Vereinbarung gedacht uns im Café zu treffen gegen 20 Uhr. Essen steht im Kühlschrank.
Warte nicht auf mich, wird heute wieder spät.
Papa
Erbost zerknüllte der Blonde das kleine Blatt und stieß ein frustriertes Geräusch aus, als er das Papierkügelchen mit aller Kraft gegen die Wand schmiss. Schwer atmend hob sich Matts Brust, als das so regungslos daliegende Zettelchen bloß noch wie ein totes Subjekt wirkte in der düsteren Ecke der Küche.
„Du bist so gemein..." Als habe ihm jemand einen Schubser gegeben kroch Matt bereits im nächsten Moment auf allen Vieren, um das Blatt zu entknüllen und wieder fein säuberlich glatt zu streichen. Unter den wieder austretenden Tränen war es ihm egal, seine Gedanken laut geäußert zu haben. Die Angewohnheit hatte er seit je her, da es niemanden störte, was er tat, wenn er alleine war. Die Einsamkeit hatte sich zumindest bis heute nie in irgend einer Form beschwert und würde es auch in Zukunft nicht.
An der Schulter machte sich einer der Küchenschränke bemerkbar, als Yamato sich unter leisen Schluchzern zur Seite fallen ließ und nicht einmal wusste, welche unzähligen, knotenartigen Verbindungen in seinem Inneren gerissen waren, dass es ihm ausgerechnet heute so viel ausmachte eine geplatzte Verabredung zu erleben. In erster Linie musste es damit zu tun haben, dass er sich durch Taichi hatte eingestehen müssen, dass sein Vater ihn schlicht und ergreifend vor lauter Stress vergessen hatte. Ein Punkt, den er sonst immer beiseite schob oder für seine Gedanken verschönerte, damit sie ihn nicht so überfielen und auffraßen in ihrer eiskalten Wahrheit wie jetzt.
Die eine Hand benutzte den Küchenschrank als Aufstehhilfe, sodass sich irgendwie auf die Füße gehangelt werden konnte. Weinen brachte gar nichts; keine Veränderung, keine Besserung und es würde auch nicht davor schützen beim nächsten Eintreffen einer solchen Situation weniger Schmerz zu empfinden. Yamato schniefte und putzte sich zum x-ten Male heute das Gesicht trocken, während er sich langsam in sein eigenes Zimmer aufmachte und dort angekommen einfach auf das ungemachte Bett fallen ließ. Im Flur hatte er das tragbare Telefon an sich genommen und starrte nun dessen Umrisse in der vorherrschenden Dunkelheit an.
Taichi anrufen... Die Bitte von vorhin schallte in seinem Gedächtnis wieder und wurde lediglich vom unregelmäßigen Herzschlag übertönt, dessen Lautstärke für den Liegenden wehtuend im Vordergrund pulsierte. Müde tippten die Finger eine sehr lange nicht mehr gewählte Nummer und Matt schluckte kurz, um nicht großartig verheult oder heiser zu klingen, während er geduldig wartete.
Die Mailbox sprang an und im selben Augenblick beschimpfte sich Yamato. Wie naiv war er zu glauben, sein Freund hätte bereits Feierabend? Warum raubten ihm ein paar lächerliche Tränen jeglichen Ansatz von Intelligenz? Vollends runter mit den Nerven hinterließ man seine Nachricht.
„Hi, ich bin's... wenn du das hörst und es noch nicht zu spät ist, kannst du gern noch bei mir vorbei kommen. Ähm ja... das war's eigentlich schon..."
Wenn Tai das hörte, kam er definitiv nicht vorbei. Der Blonde vergrub das Gesicht im Kissen und ließ das Telefon achtlos irgendwo neben sich liegen; das war mit Abstand das Dümmste, was er jemals irgendwem in irgend einer Form ausgerichtet hatte.
Der Nebel, welcher sich über Yamatos Gemüt gezogen hatte im Laufe der letzten Stunden, wurde von etwas zerschlagen, was er zunächst nicht einordnen konnte. Die Opale schickten verwirrte Blicke, die mit häufigem Blinzeln gespickt waren, in die Finsternis seiner Umgebung. War da ein Geräusch? Die Stirn lag in Falten, als sehr langsam die Erkenntnis durchschimmerte wohl eingeschlafen zu sein und nun ein erneutes Klopfen zu vernehmen.
Matt sprang so plötzlich auf, als habe ihn ein Tier gebissen und der Schwindel krallte sich an ihn, als er schwankend den Flur erreichte und sich von dort aus weiter zur Haustüre zwang. Wie konnte er vergessen, dass Taichi die Angewohnheit hatte abends nur einmal zu klingeln und danach lediglich noch zu klopfen für den Fall der Fälle, dass Yamato tatsächlich eingeschlafen war – so wie gerade eben.
Eilig zog der blonde Junge die Türe auf und sah, wie sich die Person vor dieser bereits abgewandt hatte und nun wieder zu ihm herum drehte.
„Du hast geschlafen." Dem Dunkelhaarigen entfuhr der Kommentar noch bevor er sich Yamatos Erscheinung genauer angesehen hatte. Aber nachdem er bereits einige Minuten mit Klopfen verbracht hatte, stand das für ihn fraglos fest und überraschte Tai auch nicht weiter. Doch auch ein kurzes Mustern genügte, um von dem blassen Gesicht die Spuren des Schlafes abzulesen. Seiner Bitte nicht zu weinen war Matt nicht nachgekommen und ehrlich gesagt wunderte es den nun Eintretenden nicht, zumal die kurze Mitteilung auf seinem Handy ihm schon zu viel verraten hatte.
„Unbeabsichtigt... Ich weiß nicht mal, wie spät es jetzt ist." Wie schon einige Stunden zuvor rieb sich Yamato mit den Händen die Augen, um die an seinen Lidern hängenden Bleigewichte zu verdrängen. An der bestehenden Geräuschkulisse erkannte er, dass Tai seinen Schirm zusammenspannte und sowohl Schuhe als auch Jacke ablegte.
„Ist auch nicht wichtig. Lass dir gesagt sein, dass meine Schicht bis 23 Uhr geht."
„Das kann ich jetzt nicht ausrechnen..." Der Verstand war schon mit dem Rest der derzeitigen Situation überfordert, weswegen er nicht noch das Erinnerungsvermögen hinzuziehen konnte, um die Dauer für die Strecke vom Café bis hierher zu der Uhrzeit hinzuzuaddieren.
„Macht nichts." Heimlich schlichen die braunen Ovale einmal durch den Rest der Wohnung als man dem anderen Jungen in dessen Zimmer folgte und dieser das Licht dort anknipste. Yamato lief barfuss und die zerzausten Haarsträhnen verdeckten nicht das sich hinten aus dem Kragen des Shirts hinaus geschmuggelte Schildchen, auf dem neben der Größe weitere Informationen über das Kleidungsstück prangten.
„Dein Vater ist nicht da?"
Auf die eher wie eine Feststellung betonte Frage hin schüttelte Matt bloß kurz verneinend den Kopf, bevor er sich auf dem Bett niederließ und versuchte ein schwaches Lächeln zu Stande zu bringen. Anstatt zu schlafen hätte er lieber ein wenig Ordnung schaffen sollen; das ihn blendende Licht offenbarte eine wahre Panoramaaussicht auf sein Arsenal an wüst durcheinander liegenden Gegenständen. Bücher und Mangas, Klamotten und benutztes Geschirr, der bis oben hin zugebaute Schreibtisch... Yamato seufzte für sich, als er bei dem Rundgang durchs Zimmer wieder bei Taichi ankam, der sich im Schneidersitz auf das Bett gesetzt hatte und sich just in diesem Moment zu einem hinüber beugte.
Die Yamato dabei aus dem Nichts überfallende Röte aufgrund der Nähe erstickte die Frage danach, was Tai vorhatte. Dafür nahm man die fremden Fingerspitzen im Nacken wahr und wie sie anscheinend irgendwas richteten.
„Das Schildchen hatte sich rausgedreht." War die kurze Erklärung, mit der sich der Braunhaarige wieder zurücklehnte und für sich den soeben tief und gierig aufgesogenen Geruch seines Freundes abspeicherte. Das gleiche Shampoo, das gleiche Deo; unweigerlich musste leicht gelächelt werden: so viel hatte sich also doch nicht verändert.
Nach wie vor vom leichten Rot gekennzeichnet bedankte sich Yamato leise und versuchte durch gedanklichen Zuspruch seine Ruhe wiederzufinden. Erfolglos, wie man spätestens dann entschied, als der Besucher den einst zusammengeknüllten Zettel neben dem Telefon ausmachte und im Affekt nach diesem griff, ihn las und dabei zwischen seinem Gastgeber und den niedergeschriebenen Worten hin und her sah. Zugleich notierte Taichi für sich nicht dafür angefahren zu werden in privaten Dingen rumzuschnüffeln, so wie es Yamato schon all zu oft gegenüber anderen Leuten getan hatte. Vielleicht waren sie beide auf einen Weg zurückgekehrt, der sie zu ihrem einstigen Urvertrauen führte.
„Du solltest es ihm doch einmal sagen..."
Seit man miterlebt hatte wie aufgelöst Matt das Weite gesucht hatte einige Stunden zuvor, war Tai unzählige Möglichkeiten durchgegangen, um endlich die ultimative Lösung für das Vaterproblem zu finden. Bedauerlicherweise gab es keine, außer die, die man soeben geäußert hatte und auf die hin der Junge neben einem lediglich den Kopf schüttelte. Yamato konnte in Bezug auf bestimmte Begebenheiten einfach nicht zum Reden bewegt werden und während Taichi über das misshandelte Blatt strich, war ihm auch vollkommen klar, dass sich Angst nicht einfach ignorieren oder überwinden ließ.
„Und wenn du wütend werden würdest?"
Wut war etwas Anderes als ein ewiges Okay, mit dem der Blonde für gewöhnlich die Tatsachen hinunterschluckte und mit Glück ein genauso aussagekräftiges Mittel wie ein direktes, besonnenes Gespräch. Jedoch sprach der ausweichende Blick der blauen Ovale schon wieder für sich und Tai bemühte sich darum keine unangenehme oder gar aufdringliche Fixierung an seinem Freund haften zu lassen.
„Lass es gut sein, Taichi..." In seinen Erinnerungen fand Yamato die Male, als er im Kindesalter wütend und trotzig geworden war, nachdem sein Vater ohnehin schon total überarbeit heim kam und ihn zuvor vergessen hatte. Elend lange Erklärungen mit angeblich mildernder Wirkung konnte man einfach nicht mehr ertragen in dieser Hinsicht. Stattdessen beauftragte das Bewusstsein das Unterbewusstsein mit der Aufnahme all dieser Ereignisse; auf dass sie auf ewig im dunklen Bereich verschollen blieben.
Es war genau das, womit Tai gerechnet hatte und dennoch blieb ihm nichts weiter übrig als diese Entscheidung zu respektierten. Den Zettel wieder neben das Telefon legend atmete er hörbar aus und lehnte sich dann genauso weit zurück wie Matt, der mit dem Rücken an der Wand lehnte und nebenbei versuchte ein Muster auf der einfarbigen Bettwäsche zu entdecken. Ab und an warfen die Opale einen verstohlenen Blick aufwärts und ließen ihren Besitzer innerlich zusammenzucken, als dieser bemerkte nach wie vor angesehen zu werden. Warum nur zwang man Taichi dazu sich dieser schlechten Stimmung auszusetzen?
An der eigenen Schulter zeichnete sich ein leichtes Gewicht ab, kaum dass der braunhaarige Junge seinen Arm über Matts Schulter gelegt hatte und dieser sich erleichtert in der Geste fallen ließ. Ein eigenwilliges Gemisch aus dem freien Duft von Regenwasser und dem salzigen Unterton von versiegten Tränen prägte den Geruch der hellen Haarpracht, der Tai deutlich näher gekommen war als er seinen Kopf gegen den sein Freundes lehnte. In Yamatos Ohren drang ein leises Summen, was seine Lider wieder schwerer werden ließ. Wie konnte man sich zugleich hundeelend fühlen und so froh sein einen Menschen bei sich zu haben? Und wie hatte man es so lange ohne Taichis Hilfe ausgehalten? Wohin war das Gefühl verschwunden Fragen ausgeliefert zu sein oder Rechtfertigungen abgeben zu müssen, so wie vor einigen Wochen noch? Was auch immer es war, was sich zwischen ihn und Tai gedrängt hatte, dieses Fremde hatte sich verflüchtigt und die nun empfundene Wärme glich den ersten Sonnenstrahlen nach einem schier endlosen Winter.
Da Matt Anstalten machte aufwärts zu schielen, um den Dunkelhaarigen angucken zu können, war dieser genötigt seine Kopfstütze aufzugeben.
„Falsches Lied?"
„Nein, nein." Das erste Mal seit langem entspannte sich Yamatos Gesichtsmuskulatur als er kurz über die Befürchtung grinste und das Grinsen in einem sanften Lächeln ausklingen ließ. Wie immens die Sehnsucht doch gewesen war nach ein bisschen Vertrauen, Nähe und Mitgefühl, für die Matt nirgends sonst eine Anlaufstelle zu finden schien, hatte er erst in den vergangenen Minuten wirklich verstanden.
Anhaltend mit dem bestehenden Gesichtsausdruck gesegnet schloss der blonde Junge wieder die Lider und lauschte den folgenden Melodien. Alte Lieder, neue Lieder, unbekannte Lieder, bekannte Lieder; und es war so gleichgültig, ob Taichi nun die Töne exakt traf oder nicht, denn wichtig war lediglich seine Anwesenheit, die Yamato wie eine Decke von seiner Umwelt zu beschützen schien.
Dass die gleiche Wirkung einer solchen miteinbegriffen war, erkannte das verklärte Hirn erst, als man aus dem Halbschlaf aufschreckte und bemerkte mitsamt einem ebenfalls eingenickten Tai zur Seite gekippt zu sein. Die mit Verwirrung gespickten, braunen Ovale boten Einblick in die Tiefen des Dösens, welches mit einem Gähnen untermalt wurde.
Seufzend streckte sich Matt – soweit dies in seiner Position machbar war, die sich vor allem durch die noch immer bestehende Nähe zum anderen Jungen auszeichnete und erlaubte jeden einzelnen Atemzug von diesem nachzuempfinden. Die übrige Stille in der Wohnung bewies wieder einmal, dass sie die einzigen Anwesenden waren zu dieser Zeit. Es war kein so deprimierender Gedanke wie sonst, stellte Yamato für sich selbst fest und ließ seine Hände soweit wandern, bis sie das ihm gegenüberliegende Gesicht erreichten.
Taichis Blick wandelte sich und ließ den Dämmerzustand hinter sich bei der ungeahnten Berührung, während ihm sein Freund langsam näher kam mit dem Gesicht und sich dessen Vorbeugen erst beim schüchternen Lippenkontakt einstellte. Jegliche Wolken des leichten Traumes waren wie weggefegt, als der Dunkelhaarige begriff Realität zu erleben und im selben Moment bereits miterleben, wie sich Yamato wieder von ihm löste und einige Zentimeter zurück rückte. Doch erst als sich die blauen Augen wieder öffneten, fühlte Tai die Folgen davon von sämtlichen Sinnen beraubt worden zu sein und gleichzeitig nur verdutzt lächeln zu können. Irgendjemand hatte ihm den Hauptgewinn einer Lotterie quasi aus der Luft in die Hände plumpsen lassen, der sich soeben eine der hellen Haarsträhnen hinters Ohr schob und über den dezenten Schimmer auf den Wangen ein „Lass uns schlafen gehen." flüsterte.
Ende
