6. Summer Love
Eine Woche bei den Weasleys hat die Sehnsucht nicht mildern können, sondern sie im Gegenteil nur noch verstärkt. Denn die Liebe dieser Familie zueinander hat mir meinen Verlust um so deutlicher vor Augen geführt.
Ron hat sofort gemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt, aber er hat nicht gefragt. Er hat alles getan um mich aufzumuntern und abzulenken und trotz meines Liebeskummers hatten wir eine Menge Spaß – wie immer, wenn wir zusammen sind. Hermine hat ihren Besuch für diese Woche angekündigt und ich freue mich schon riesig sie wiederzusehen, umso mehr, da sie die einzige Person ist, mit der ich über Draco reden kann, denn Ginny, die einzig andere Eingeweihte ist bei einer Freundin und kommt erst in ein paar Tagen zurück.
Dann landet beim Mittagessen eine Eule von Sirius in meinem Salat, mit der Bitte dringend heimzukommen. Der Brief ist kurz und knapp, ohne Erklärung, ohne Hinweis auf den Grund. Einen Augeblick überkommt mich Panik. Was ist passiert? Zu viele Verluste in letzter Zeit haben mich übersensibel gemacht. Mrs. Weasley versucht mich zu beruhigen mit dem Hinweis, dass Sirius sicher etwas angedeutet hätte, wäre etwas Schlimmes passiert.
Als ich zwei Stunden später das Cottage erreiche sitzt Sirius auf der Veranda. Er scheint erfreut mich zu sehen, aber von Sorge sehe ich in seinem Gesicht keine Spur.
„Harry, da bist du ja. So schnell hatte ich gar nicht mit dir gerechnet."
„Was ist passiert, Sirius? Ist etwas mit Remus? Oder mit Hagrid? In der Schule?"
Er unterbricht mich lachend:
„Langsam, langsam, Harry. Keine Panik! Es ist nichts Schlimmes passiert! Nichts, weswegen du dich sorgen musst."
Ich spüre eine Mischung aus Wut und Erleichterung.
„Sirius Black! Du hast mir eine Todesangst eingejagt! Ich hab schon mit allem möglichen gerechnet! Ich dachte du bist krank oder so!"
„Nein, mir geht es gut. Remus und Hagrid geht es ebenfalls ausgezeichnet und Hogwarts steht auch noch, soweit ich weiß. Kein Grund zur Panik. Warum bringst du nicht dein Zeug nach oben, dann essen wir was, dabei erzähl ich dir was los ist. Und ich schick Hedwig zum Fuchsbau, damit die Weasleys nicht sonst was denken."
Irgendetwas stimmt hier nicht! Er sieht mich so seltsam an. Ich kenne Sirius gut genug um zu wissen, dass er mir etwas verheimlicht. Trotzdem gehe ich ins Haus und hoch in mein Zimmer.
Ich liebe dieses Zimmer. Es ist nicht viel größer als das bei den Dursleys, aber es liebevoll eingerichtet und ich fühle mich dort zuhause. Alle Dinge in diesem Zimmer gehören mir, sind nicht von Dudley geliehen oder widerwillig vererbt. Die Tür steht einen Spalt offen, was wahrscheinlich bedeutet, dass die Katze wieder in meinem Bett liegt. Dummes Tier. Ich stoße die Tür ganz auf, betrete den Raum und bleibe wie erstarrt stehen. Ich fühle, wie meine Beine unter mir nachzugeben drohen. Ohne einen Laut drehe ich mich auf dem Absatz um, renne die Treppe hinunter. Sirius sitzt noch immer draußen. Als er mein geschocktes, sprachloses Gesicht sieht, grinst er breit.
„Na, alles in Ordnung?"
Als ob er das nicht wüsste! Ich deute in die vage Richtung meines Zimmers, ringe fassungslos nach Worten.
„Was...? Warum...?" Ich weiß nicht was ich sagen soll. Er versteht mich trotzdem.
„Als ich vorgestern in Hogwarts war, habe ich mich lange mit ihm unterhalten und dann hab ich ihn eingeladen mit herzukommen. Ich dachte mir, dass man euch ja anscheinend zu eurem Glück zwingen muss! Er rechnete allerdings erst nächste Woche mit dir."
Mein Herz schlägt wie verrückt. Ich umarme ihn, drück ihm einen Kuss auf die Wange. Er lacht:
„Das geht jetzt aber an die falsche Adresse. Verschwende deine Küsse nicht an mich. Na los, er vermisst dich genauso wie du ihn!"
„Danke!"
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Ich werde wach, weil ich das Gefühl habe, dass jemand mein Gesicht streichelt. Einen Moment denke ich dass ich träume, dann öffne ich die Augen – und falle, falle in die unergründlichen Tiefen seiner Smaragdaugen. Die Welt steht still. Ich weiß nicht warum er schon hier ist, aber es spielt keine Rolle. Er sieht mich an, mit einer Mischung aus Zärtlichkeit, Sehnsucht und Bedauern, bittet mich stumm um Vergebung, dann, ohne ein Wort zu sagen, beugt er sich über mich und küsst mich. Unendlich sanft. Ich schlinge meine Arme um ihn, klammere mich an ihn wie ein Ertrinkender. Wie sehr hab ich mich nach seiner Berührung gesehnt! Seine Lippen streichen über mein Gesicht, berühren meine Lider, die Wangen, die Stirn; dann senkt er den Kopf, vergräbt sein Gesicht an meinem Hals, murmelt etwas Unverständliches. Es dauert einen Moment bis ich ihn verstehe:
„Verzeih mir! Bitte verzeih mir, ich war so dumm! Verzeih..."
„Sshht! Hör auf, ich weiß..."
Er befreit sich sanft aus meiner Umarmung.
„Nein. Bitte hör mir zu! Ich war so stur und dumm. Ich war so dumm zu glauben, dass ich ohne dich leben kann..." er bricht ab, schluckt hart. Ich sehe Tränen in seinen wunderschönen, grünen Augen. Wie sehr habe ich diese Augen vermisst. Wie sehr habe ich ihn vermisst! Er hält meine Hände in seinen, unsere Finger sind fest miteinander verflochten.
„Draco...ich liebe dich so sehr! Ich habe noch niemals einen Menschen so sehr geliebt wie dich! Kannst du mir verzeihen, dass ich sagte ich will dich nicht wieder sehen? Denn das war gelogen. Ich will keinen Tag mehr erleben, an dem ich dich nicht sehen darf! Bitte, sag mir, dass du mir meine Dummheit verzeihst..." Seine Stimme ist leise, flehend, er sieht mich an, als hinge sein Leben von meiner Antwort ab. Mein Herz schlägt so schnell, dass es fast wehtut. Ich nehme sein Gesicht in meine Hände, sehe ihm tief in die Augen.
„Du hast mir so gefehlt!" Dann küsse ich ihn; sanft und zärtlich erst und dann, als er den Kuss erwidert hungrig und voller Verlangen.
Mir kommt der Gedanken, dass ich ihn vor weit über einem Jahr zuletzt geküsst habe. Damals an meinem 18. Geburtstag, als der Stein angestoßen wurde der unser aller Leben überrollt hat. Dann sprechen und denken wir lange Zeit überhaupt nicht mehr.
Ich lasse meine Hände unter sein T-Shirt gleiten und er keucht leise auf, als meine kühlen Finger seine brennende Haut berühren. Dann ziehe ich im das Shirt über den Kopf, lasse meine Lippen über seinen Hals, seine Schultern, seine Brust wandern. Es ist wundervoll seinen Körper zu spüren, jeden Millimeter seiner seidigen Haut neu zu entdecken. Er hat die Augen geschlossen, den Kopf zurückgelegt, seine Hände sind in meinem Haar. Ich ziehe ihn zu mir aufs Bett, drücke ihn sanft in die Laken, seine Hose folgt dem Hemd, und mein Mund nimmt seine Wanderung wieder auf. Als meine Lippen sich schließlich sacht um das Zentrum seines Verlangen schließen, höre ich wie er heftig nach Luft schnappt, ein Geräusch, dass mir warme Schauer durch den Körper jagt. Wie sehr habe ich es vermisst auf diese Art mit ihm zu verschmelzen, ihn dazu zu bringen jeden Widerstand aufzugeben, sich mir vollkommen hinzugeben; mich ihm auf die gleiche Weise hinzugeben, bis alle Grenzen aufgehoben sind, wir nicht mehr wissen, was zu wem gehört. Die einzigen Geräusche sind das Meer, dass unter dem Fenster gegen die Felsen brandet und die leisen, sehnsüchtigen Seufzer, von denen ich nicht sagen kann, ob sie von ihm oder mir stammen...
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Sehr viel später liegen wir eng umschlungen da, ein Knäuel ineinander verworrener Gliedmaßen, als wären wir nie getrennt gewesen. Unsere Herzen schlagen wieder im selben Takt und zum ersten Mal seit anderthalb Jahren fühle ich mich wieder vollständig, fühle ich wieder diese tiefe Zufriedenheit, die seine Nähe in mir auslöst. Ich spüre seine Lippen, die meine Stirn streifen, und mir fällt ein, dass ich ihm noch eine Antwort schuldig bin.
Ich drehe mich um, stütze den Kopf in die linke Hand, streichle mit der rechte über seinen Bauch und sehe ihn an.
„Ja."
Er runzelt die Stirn, sieht mich verwirrt an.
„Was ja?"
„Ja, ich verzeihe dir! Versprich mir nur, dass du mich nie wieder allein läßt! Ich will dich nie wieder verlieren!"
Ich spüre einen Kloß im Hals, gleich werde ich wieder weinen!
„Nur das du's weißt: Du wirst mich niemals mehr los, Potter!"
Er grinst mich breit an, aber ich sehe das auch in seinen Augen Tränen glitzern.
„Ist das eine Drohung oder ein Versprechen, Malfoy?"
Ich lasse meine Fingerspitzen sacht über seine Wange gleiten, fange eine Träne auf und lecke den silbernen Tropfen von meinem Finger, dann beuge ich mich über ihn um die übrigen Tränen von seinem Gesicht zu küssen.
„Ich liebe dich, Harry Potter!"
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Die ersten Strahlen der Morgensonne scheinen durch einen Spalt in den Vorhängen, tanzen über die Bettdecke, fangen sich in silberblondem Haar, lassen es leuchten als wären die seidigen Strähnen selbst aus Licht gewoben.
Seltsam romantische Vorstellung die da durch meine Gedanken geistern. Beinahe albern. Wieder neben dem Menschen aufzuwachen, den ich von allen am meisten liebe und seinen Schlaf zu beobachten, zu wissen dass er mir verziehen hat und mich noch immer liebt, zu wissen, dass ich mich niemals mehr von ihm trennen muß, lässt mich einfach ein bisschen sentimental werden.
Er ist so atemberaubend schön, dass sein Anblick mir die Kehle zuschnürt.
Die blassen Wangen sind vom Schlaf mit einem zarten Rosa überhaucht, die dunklen Wimpern zwei perfekte Halbmonde auf den hohen Wangeknochen. Seltsam, trotz seiner hellen Haare sind seine Wimpern fast schwarz. Die Lippen sind leicht geöffnet und noch immer sanft gerötet von den Küssen der letzten Nacht. Sein Arm liegt quer über meiner Brust, seine Beine sind mit meinen verschlungen. Er seufzt im Schlaf leise auf und kuschelt sich enger an mich. Jetzt kann ich seinen Herzschlag spüren, fühle seinen Atem auf meiner Wange, seine Wärme an meinem ganzen Körper. Eine Welle reinen Glücks überrollt mich, ich habe, das Gefühl das mein Herz zerspringt. Ich liebe ihn so wahnsinnig, dass es mir fast Angst macht. Wie konnte ich nur jemals so dumm sein zu denken, dass ich etwas anderes für ihn empfinde als reine, tiefe Liebe.
Mir kommt der Gedanken, dass ich noch vor 24 Stunden glaubte, dass ich ihm nie wieder nah sein würde.
Ich kann noch immer nicht fassen, dass er jetzt hier bei mir ist. Die letzte Nacht erscheint mir wie ein wunderschöner Traum. Dabei kann ich noch immer seinen Mund spüren, der langsam über meine Haut streicht, die atemberaubenden Dinge, die er mir mit Lippen, Zunge und Zähnen angetan hat. Ich schmecke ihn noch immer auf meiner eigenen Zunge, meine eigenen Lippen sind übersensibel. Wir haben uns letzte Nacht auf jede nur erdenkliche Weise geliebt, fast als wollten wir anderthalb Jahre in nur einer Nacht nachholen und dennoch spüre ich bei der Erinnerung an die vergangenen Stunden, wie mein Verlangen nach ihm wieder erwacht. Ich kann nicht warten, bis er von allein wach wird.
Ich beuge mich über ihn und küsse ihn sanft auf den Mund. Er regt sich, murmelt einen unverständlichen Protest gegen meine Lippen, dann schlägt er die Augen auf. Wie immer wenn ich ihm so nah bin, verschlägt sein Blick mir den Atem, habe ich das Gefühl in den silbergrauen Tiefen zu ertrinken. Ich kann sein verschlafenes Lächeln spüren, bevor er meinen Kuss sanft erwidert. In meinem Magen breitet sich wohlige Wärme aus. Ich liebe es ihn zu küssen. Ich lasse meine Hände durch sein seidenweiches Haar gleiten. Dann schlinge ich die Arme um ihn und ziehe ihn enger an mich. Seine Hände wandern über meinen nackten Rücken, seine Zunge gleitet in meinen Mund und mir wird schwindlig vor Verlangen.
Oh Merlin, wir werden dieses Bett niemals mehr verlassen, wenn das so weiter geht.
Einige Zeit später, ich bin in seinen Armen fast wieder eingeschlafen, klopft es zaghaft an der Tür.
„Ähm, entschuldigt, ich will euch nicht stören, aber es ist gleich zwölf, was haltet ihr von Frühstück?"
Draco lächelt mich schläfrig an.
„Um ehrlich zu sein, ich hab ziemlichen Hunger. Du schmeckst zwar so gut wie nichts anders was ich kenne, aber ich hab seit dem Frühstück in Hogwarts gestern morgen nichts mehr gegessen."
Mir wird plötzlich klar, dass seit meinem unterbrochenen Essen bei den Weasleys auch schon eine Weile vergangen ist.
„Wir kommen gleich!" Wir! Wie wundervoll das klingt.
Wir ziehen uns an, was nicht ganz einfach ist, weil keiner von uns seine Hände bei sich behalten kann. Küssen mit dem Mund voller Zahncreme ist da schon einfacher. Während ich in Sirius Badezimmerschrank nach eine Bürste fahnde, fährt Draco sich mit beiden Händen bloß ein paarmal durch die Haare um sie zu ordnen. Fast muss ich lachen. Ich könnte mir stundenlang durch die Haare fahren, und sie wären hinterher nur noch unordentlicher. Bei ihm funktioniert es. Jede der glatten Strähnen scheint ihren Platz zu kennen.
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Wir frühstücken auf der Veranda. Sirius hat sich verabschiedet, er ist noch mit Remus verabredet. Mir ist das Recht, denn ich glaube kaum, dass ich seine Gegenwart im Moment ohne ständig rot zu werden überleben würde.
Wie oft hab ich mir in Hogwarts gewünscht Draco immer so nah zu sein, anstatt ihn nur am anderen Ende der Halle über die Köpfe unserer Mitschüler hinweg zu sehen, seine Stimme zu hören, ohne zu wissen, wovon er spricht.
Jetzt sitzt er mir gegenüber und ich kann meine Augen nicht von ihm lassen, auch nicht, als ich versuche Honig auf meinem Toast zu verstreichen. Ein Versuch der kläglich scheitert. Seine Augen wandern von meinem Gesicht zu meinem Teller und wieder zurück, dann nimmt er meine Hand und beginnt damit den Honig von meinen Fingern zu lecken. Ich schließe die Augen, gebe mich ganz diesem unbeschreiblichen Gefühl hin. Ich höre wie jemand leise aufstöhnt und mir wird bewußt dass ich das bin. Er umkreist meine Fingerspitze sanft mit seiner Zunge, saugt leicht daran, als wolle er jeden noch so kleinen Partikel Süße in sich aufnehmen. Ein warmes Kribbeln breitet sich in meinem Magen aus, überschwemmt meinen ganzen Körper.
„Atmen, Harry."
Seine Stimme ist warm und sanft, ich kann das Lachen darin hören. Ich schlage die Augen auf und sehe dass er mich zärtlich und leicht amüsiert anschaut.
„Merlin! Was machst du auch mit mir!"
Er lacht übermütig auf. Ein Geräusch, dass mein Herz schneller schlagen läßt.
„Du bekommst nur was du verdienst, Potter!"
Mir fällt keine spontane Antwort ein, also begnüge ich mich damit ihm die Zunge herauszustrecken.
Er lacht wieder, seine Augen strahlen wie Sterne. Ich liebe es ihn so zu sehen. Fröhlich, entspannt, mit sich und der Welt im Einklang. Es ist langer her. Nein, eigentlich habe ich ihn noch nie so gesehen. Wir sind heute zum ersten Mal vollkommen ungestört, müssen keine Angst haben, dass man uns entdeckt.
„Ich liebe dich." Meine Stimme ist leise, trotzdem hört er auf zu lachen, nur ein zärtliches Lächeln bleibt zurück.
„Ich weiß. Und ich liebe dich." Dann steht er auf, kommt um den Tisch herum und nimmt mich in den Arm.
Lange Zeit stehen wir so da.
Vollkommen still.
Verloren in dem Gefühl einander nah zu sein.
The End
