Kapitel 4:

Lilly hatte keine Ahnung wie lange sie schon auf dem kalten und vor allem feuchten Boden lag. Waren es ein paar Minuten, oder auch ein paar Stunden? Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Was hier unten auch nicht allzu schwer sein dürfte. Und das dumpfe Pochen in ihrem Kopf verriet ihr, dass sie wohl saubere Kopfschmerzen bekommen würde.

Doch von einem Augenblick zum nächsten fiel ihr wieder ein was passiert war. So schnell sie konnte stand sie auf und drehte sich um. Vor ihr war der Spalt im Mauerwerk. Doch da war nichts außergewöhnliches. Weder sah er sonderbar aus, noch gab er irgendwelche Geräusche von sich. Hatte sie sich doch alles nur eingebildet?

Meine Güte, ich glaube jetzt wird ich endgültig verrückt. Wie komme ich nur darauf mir einzubilden das die Steine da irgendwelche Geräusche von sich geben. Und schreien tun sie schon dreimal nicht.

Plötzlich fiel ihr ein das ja Dani draußen auf sie wartet. Sie würde wohl ungeduldig vor der Tür stehen. Sie sah schnell auf ihre Uhr wie lange sie jetzt schon hier unten war. Doch schon der erste Blick zeigte ihr das sie höchstens für ein paar Minuten das Bewusstsein verloren hatte. Wenigstens etwas dachte sie sich.

Als sie sich dann doch auf den Rückweg machen wollte, sah sie das ihr Handy aus der Tasche gefallen war. Sie Bückte sich hinunter um es aufzuheben. Beim Hochnehmen sah sie eine ungelesene SMS auf dem Display. Dani hatte sie ihr geschickt. WO BLEIBST DU? Stand da zu lesen. Doch als sie zurückschreiben wollte, merkte sie das sie hier unten keinen Netzempfang hatte. Musste Dani halt so warten.

Also drehte sie sich um und machte sich wieder auf den Weg nach oben. Zum Glück gab es das Seil an der Mauer. Sonst gäbe es aus diesem Labyrinth wohl wirklich kein entkommen mehr. Doch als sie das Seil sah, kam es ihr auf einmal anders vor. War es ihr nicht gerade alt und abgenutzt vorgekommen? Den Strick den sie nun vor sich hatte, war weder abgenutzt oder abgegriffen. Es sah aus wie neu gespannt. Merkwürdig dachte sie sich dabei nur. Aber vielleicht hatte sie sich einfach nur getäuscht. Bei dem schlechten Licht hier währe es kein Wunder.

Endlich kam sie an die letzte Treppe, die zu der Tür in den Garderobenraum führte. Mit schnellen schritten hatte Lilly die letzten Treppen hinter sich gebracht. Oben angekommen wollte sie noch schnell den Lichtschalter wieder ausmachen. Doch als die rechte Seite der Mauer nach dem Schalter abtastete, fand sie ihn nicht. Irritiert wand sie nun den Blick in die Richtung. Doch da war nichts. Kein Schalter, keine Stromleitung, einfach nichts.

Das gibt's doch nicht! Da muss doch ein Schalter sein!

Doch so genau sie auch hinsah, der Schalter war nicht mehr da. Als sie sich umsah, war das Bild aber das selbe wie zuvor. Die selben Lampen, die sie beim betreten des Kellers angeschaltet hatte.

Hatten die nicht gerade noch heller gebrannt?

Schoss es ihr unvermittelt durch den Kopf. Es wurde Zeit das sie aus diesem Keller verschwinden sollte. Das ging doch nicht mit rechten Dingen zu. Fehlt nur noch das ihr jetzt wirklich noch ein Phantom über den Weg läuft. Doch der Gedanke war nun zu absurd. Fehle ja nur noch das die Tür jetzt auch noch zugeschlossen ist. Doch sie lies sich genauso leicht öffnen wie gerade eben.

Auch in der Garderobe gab es nichts ungewöhnliches zu entdecken. Alles so wie gerade eben. Also hatte sie sich den Rest wohl doch nur eingebildet. Länger darüber Nachdenken würde immer nur zum selben Ergebnis führen. Nämlich zu gar nichts. Also schnell auf den Rückweg machen. Sonst würde Dani die nächsten Tage sauer auf sie sein. Mit schnellen Schritten war sie bei der Türe.

Schon beim öffnen bemerkte Lilly das der Gang dahinter nach wie vor Menschenleer war.

Na wenigstens etwas! Währ ja oberpeinlich wenn mir jetzt noch einer über den Weg laufen würde. Hab ich mich halt verlaufen! Einfach so durch die Absperrung durch. Oder noch besser, ich hab sie einfach übersehen. Des nimmt mir eh keiner ab. Die halten mich dann nur für komplett durchgeknallt!

Um nicht noch weiter unnötig Zeit zu verlieren, ging sie ohne weitere Umwege Richtung Ausgang. Fehlte ja nur noch das Dani sauer auf sie war und den restlichen Urlaub nicht mehr mit ihr reden würde. Also lieber nicht warten lassen.

Doch kaum hatte Lilly die ersten Meter hinter sich gebracht, hörte sie plötzlich Stimmen, die sich aufgeregt miteinander unterhielten.

Oh Mist, muss da ausgerechnet jetzt jemand auftauchen?

Fuhr es ihr sofort durch den Kopf. Sie sah sich noch im selben Moment nach einem Versteck um. Denn man musste ja schließlich nicht gleich den ersten Leuten die durch den Gang kamen in die Hände laufen. Doch weit und breit war keine Ecke oder sonst etwas, wohinter man sich verstecken konnte. Lilly überlegte fieberhaft was sie jetzt machen sollte, um ein aufeinandertreffen mit diesen Personen zu verhindern. Den sie hatte keine Lust wirklich jemanden erklären zu müssen was sie hier zu suchen hatte. Doch ihr wollte keine Lösung einfallen. Also entschloss sie sich kurzerhand wieder in die Garderobe zurückzulaufen.

Wenige Augenblicke später machte sie die Türe erleichtert hinter sich zu. Oder besser gesagt, einen Spalt weit lies sie die Türe offen. Schließlich wollte sie ja wieder hier raus sobald die Luft wieder rein war.

Wenig später bemerkte sie, dass die Stimmen nun nicht mehr weit entfernt sein konnten. Den sie verstand immer deutlicher was sie miteinander sprachen.

Oh Jammes, du dumme Gans! – Habt ihr es gesehen ?

So wie ich sie sehe!

Lilly hörte nun ganz deutlich das sich zwei Frauen aufgeregt unterhielten. Aber gleich darauf antworteten gleich mehrere Stimmen wie im Chor:

Oh ja!

Und wenn es das Phantom war, ist es unheimlich hässlich!

Man könnte meinen es ist einfach so aus der Wand getreten.

Joseph Buquet hat es auch gesehen! Er hat es sogar verfolgt. Und er war sogar nüchtern!

Ja und der Feuerwehrmann Papin erst! Beim inspiziren der Versenkungen, ist er plötzlich wieder bleich, entsetzt und zitternd auf der Bühne erschienen. Er war einer Ohnmacht nahe.

Und warum?

Weil er in Kopfhöhe, aber ohne Körper, ein Flammengesicht auf sich hat zukommen sehen! Und ein Feuerwehrmann fürchtet sich normalerweise nicht vor Feuer!

Aber der Maschienenmeister hat es doch ganz anders beschrieben.

Alle redeten durcheinander. Es wurde immer schwieriger etwas genaues zu verstehen. Und auch die Tatsache das Lilly nicht perfekt Französisch sprach erledigte den Rest. Sie beherrschte die Sprache sehr gut, keine Frage, aber da sich wie gesagt alle durcheinander unterhielten, und auch noch sehr schnell sprachen, war es doch sehr schwer für sie alles zu verstehen.

Ach

Hörte sie eine von ihnen sagen, die im Gegensatz zu den anderen nicht so aufgeregt klang! –

Überall seht ihr ein Phantom! Und jetzt ab in die Garderobe mit euch!

Mit einem gehörigen Schreck bemerkte Lilly, dass sich die Gruppe Frauen genau der Garderobe näherten, in der sie sich gerade aufhielt. So schnell wie sie konnte, rannte sie wieder zu der Türe hinten im Zimmer. Da ihr nichts besseres einfiel, schloss sie die Türe erneut auf, und blieb auf der Treppe dahinter stehen. Gerade noch rechzeitig. Denn kaum hatte sie die Türe hinter sich geschlossen, ging auch schon auf der anderen Seite des Zimmers die Türe auf, und die Gruppe trat ein.

Na toll!

Ging es ihr durch den Kopf.

Das fehlte ja gerade noch. Ein ganzer Haufen Ballettratten in der Garderobe! Da komme ich ja heute wohl nicht mehr raus.

Sie angelte nach ihrem Handy in der Tasche, um eine SMS an Dani zu schicken. Dabei überlegte sie auch schon ob sie ihr gleich sagen sollte wo sie steckte. War wohl besser, dann würde sie sich zwar aufregen aber immerhin keine Vermisstenanzeige aufgeben. Als sie ihr Handy gefunden hatte, fing sie an die Nachricht zu tippen.

So, fertig! Nur noch schnell senden und dann kann ja nix mehr schief gehen!

Aber auch diesmal machte ihr die Technik einen Strich durch die Rechnung. Kein Netz!

Übertragungsfehler? Oh man scheiß Technik. Funktionier nie wenn sie soll.

Nach ein paar vergeblichen Versuchen die Nachricht zu verschicken, gab sie es schließlich auf. Ein weiterer Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es nun schon 21.35 Uhr war. Nur gut das die Vorstellungen im Sommer immer zwei Stunden früher anfingen. Da wurde es wenigstens nicht all zu spät bis man wieder ins Hotel kam. Und bis dahin, musste sie sich eben irgendwie die Zeit totschlagen.

Aber auch von plötzlicher Neugier gepackt, drehte sich Lilly um, um durch das Schlüsselloch – oder besser gesagt durch ein Loch über dem eigentlichen Schlüsselloch, dass Rost und das Alter hinterlassen hatten – zu sehen. Sie sah in der Garderobe sieben junge Mädchen, die sich miteinander unterhielten. Gekleidet in das übliche Trainingskostüm einer Tänzerin. Und erst jetzt fiel ihr ein Satz auf, der gerade eben auf dem Gang vor der Garderobe gefallen war.

Überall seht ihr ein Phantom!

Diese Geschichte scheint lebendiger zu sein, als ich bisher angenommen hatte. Aber wie in allen Gebäuden dieser Art, scheint auch die Opera de Garnier ihre Hauseigene Gruselgeschichte am Leben zu erhalten. Das Phantom der Oper hier in diesem Haus, dass einfach so hinter dir auftauchen konnte um dich zu Tode zu erschrecken. Coole Vorstellung!

Aber leider auch so gut wie unmöglich. Den wenn die Geschichte stimmen sollte, dann ereigneten sich das alles um 1881 rum. Und wir hatten das Jahr 2005. Also eine lächerliche Vorstellung. Aber die Mädels behaupten doch felsenfest es gesehen zu haben! Was es nicht alles gibt!

Darauf hin fiel ihr ein Absatz in ihrem Roman ein, in dem Joseph Buquet das Phantom der Oper beschrieb:

Es ist ungeheuer dürr. Sein Frack schlottert um ein Gerippe. Seine Augen liegen so tief, dass man die starren Pupillen kaum erkennen kann. Eigentlich sieht man nur zwei große schwarze Löcher wie in Totenschädeln. Seine Haut, die sich wie ein Trommelfell über das Knochengerüst spannt, ist nicht weiß, sondern schmutziggelb; die Andeutung seiner Nase ist im Profil unsichtbar, ja die Abwesenheit der Nase bietet einen fürchterlichen Anblick. Drei bis vier lange braune Strähnen auf der Stirn und hinter den Ohren stellen den ganzen Haarwuchs dar.

Noch während Lilly weiter ihren Gedanken nachhing, öffnete sich die Türe zur Garderobe erneut. Eine Frau mittleren Alters, mit langen dunklen Haaren, die zu einem Zopf geflochten waren, trat ein. Sofort wurde es still im Raum. So wie es aussah, war sie wohl eine der Tanzlehrerinnen. Worauf auch ihre strengen Gesichtszüge hindeuteten.

Was trödelt ihr denn noch hier herum? Solltet ihr nicht schon längst in euren Betten liegen? Also los etwas zügiger bitte!

Jawohl Madame!

Sofort wurde es still im Raum. Nur hier und da hörte man noch ein leises flüstern. Und nach und nach hatten sich alle umgezogen. Da unter dem Blick der Lehrerin keiner zu trödeln wagte, ging es doch noch recht schnell. Was Lilly ganz recht kam. Schließlich wollte sie so schnell wie möglich hier wieder raus.

Nach ein paar Minuten sah es dann auch so aus, als ob alle fertig wahren. Schnell wurde noch hier und da ein Schuh eingesteckt, oder eine Spange aufgehoben, aber danach machten sich alle wieder auf den Weg nach draußen.

In ihrem Versteck hinter der Türe atmete Lilly erleichtert auf. Wurde ja auch Zeit. Nun konnte sie endlich von hier verschwinden. Dachte sie zumindestens. Den kaum verschwanden die letzten Mädchen durch die Türe, wandte sich die Frau zu einer ihrer Schülerinnen um. Sie konnte nach Lillys Schätzung nicht älter als elf Jahre alt sein.

Oh Meg? Komm doch kurz her bitte!

Ja? Was ist den Maman?

Kannst du mir bitte sagen was das soll? Fangt ihr schon wieder an irgendwelche Gerüchte in die Welt zu setzten? Habe ich dir nicht gesagt das ihr das lassen sollt?

Aber Maman, ich kann nichts dafür! Jammes hat damit angefangen. Und die anderen haben damit weitergemacht. Aber ich habe nichts gesagt. Ehrlich nicht!

Na schön. Du weißt ja was ich dir gesagt habe ja? Halt dich bitte aus derlei Gerede heraus. Es ist besser wenn man nicht alles weitererzählt was man hört. Na komm schon, geh zu den andren und ab ins Bett mit euch. Ich will keinen Mucks mehr hören!

Ist gut. Gute Nacht!

Ok! Langsam wird es unheimlich!

Dachte sich Lilly.

Meg? Wie die Meg Giry aus dem Musical? Und ihre Mutter als Tanzlehrerin hier? Ich glaub ich bin immer noch ohnmächtig und träum das alles nur! Da gibt's nur noch eines. So schnell wie möglich raus hier.

Sie wollte noch ein paar Minuten warten, bis alle verschwunden waren, und dann so schnell wie möglich von hier abhauen.

Gesagt getan. Leise, um sich nicht durch ein zu lautes Geräusch zu verraten, öffnete Lilly die Türe. Und so schnell sie konnte, ging sie zum Ausgang. Doch weit kam sie nicht. Jemand hatte die Türe von zugeschlossen.

Das Gespräch der Ballettmädchen stammt aus Gaston Leroux Orginalroman Phantom der Oper!

Die Beschreibung auch! (Ist es das Phantom?)