Kapitel 6: Der 14. September 1872

So schnell es ging, lief Lilly dem Lichtschein entgegen. Sie war sich sicher einen Ausweg aus ihrer Misere gefunden zu haben. Der Schein wurde immer heller. Das konnte nur eines heißen: Endlich eine Türe die offen steht. Oder zumindestens ein Gang, in dem sich ein paar Lampen an der Wand befanden. Und das würde ja allenfalls bedeuten, dass sie ganz nah an einem weiteren Eingang zu diesem Labyrinth war.

Es waren nur noch wenige Stufen die sie nehmen musste. Doch sie fand nicht nur einen Gang der nun endlich wieder beleuchtet war.

Im hellen Licht blinzelnd, wande sie den Blick erst einmal nach links, dann nach rechts. Auf der einen Seite fand sie einen Gang. Doch irgendetwas störte sie an dem Anblick.

Auf der anderen Seite konnte sie in eine weitere Garderobe sehen. Durch eine Glaswand wie es ihr schien.

Der improvisierte Handlauf endete auch unmittelbar neben diesem Fenster.

Na das ist ja ganz toll! Jetzt komme ich wirklich nicht mehr weiter!

Dachte Lilly sich als sie das auch noch bemerkte. Und mit einem Schlag, registrierte sie nun auch, was ihr an dem neu entdecktem Gang so seltsam vorkam.

Es waren gar keine Lampen, die den Gang erhellten, sondern lauter große Fackeln. Deren Flammen brannten unruhig in einem leichtem Luftzug, der aus dem Gewölbe heraufwehte.

Was nun?

Sie konnte nun entweder zurückgehen, den Gang mit den Fackeln folgen, oder einfach nur die Glaswand einschlagen und einen Ausweg aus der Garderobe suchen. Auch wen das eine etwas brutalere Methode war.

Und bevor sie auch nur einen weiteren Gedanken fassen konnte, sah sie sich auch schon eine der Fackeln aus der Halterung nehmen und mit schnellen Schritten zurück zu der Glaswand gehen. Wozu sollte man hier ein Fenster brauchen? Da durch sieht man je eh nur in den Gang hinein?

Schon hatte sie das Glas erreicht, als sie erst einmal die Fackel sinken ließ um durch die Wand vor ihr zu sehen. Die Garderobe dort, war ein wenig kleiner als die der Mädchen, in der sie gerade eben gewesen war. Aber auch viel hübscher eingerichtet. Soweit sie es in dem schwachen Licht erkennen konnte, musste es sich wohl um eine Garderobe einer Solistin oder etwas vergleichbarem handeln. Sie sah von ihrem momentanen Standpunkt aus nur einen Schminktisch und einen großen Schrank. Der Rest verschwand in der Dunkelheit.

Nun was solls? Versuchen wir es halt mal. Wird schon schief gehen.

Sie trat einen Schritt zurück, um besser mit der erloschenen Fackel ausholen zu können. Lies sie jedoch augenblicklich wieder sinken. Denn auf der einen Seite, entdeckte sie eine Schiene im Boden. Die Glasscheibe schien darin montiert worden zu sein.

Als sie genauer hinsah, entdeckte sie auch das die Scheibe wohl erst vor kurzem bewegt worden war. Da waren frische Schleifspuren in der schiene. Der Rest des Rahmens war über und über mit Staub bedeckt.

Na sie mal an! Was haben wir den da?

Lilly folgte nun ihren Gedankenblitzen, die sie gerade überkamen. Schnell machte sie einen Schritt nach links, und untersuchte die Scheibe weiter. Es waren keine Griffe oder derartiges angebracht. Auch keine Schlösser wie es schien.

Also streckte sie ihre Hand aus, und versuchte die Scheibe etwas zur Seite zu schieben. Sie rührte sich nicht! Also versuchte sie es noch mal mit etwas mehr Kraft. Langsam aber sicher bewegte sich der Rahmen nun in der Schiene. Und dann auf einmal, gab es einen Ruck, und der Durchgang war offen.

Fast wäre sie in einem Jubelschrei ausgebrochen. Besann sich aber eines besseren. Man musste ja schließlich nicht alle Aufmerksamkeit auf sich lenken. Leise trat sie durch den Durchgang in die Garderobe.

Als sie sich umsah, erschrak sie heftig.

Sie war keineswegs durch ein Fenster getreten. Im leichten Schein der Fackeln, die hinten im Gang brannten, starrte sie auf den mit Gold verzierten Rahmen eines großen Wandspiegels.

Ihre Gedanken überschlugen sich sofort wieder. Sie kam sich immer mehr vor wie als ob man sie in ihr Lieblingsmusical versetzt hätte. Das alles konnten doch keine Zufälle mehr sein. Wahrscheinlich geht in jedem Moment die Türe auf und Christine Daee´ kommt höchstpersönlich herein!

Doch zwang sie ihre Panik erneut in erträgliche Maße zurück. Den das war doch unmöglich. Zeitreisen oder so was gab es doch nicht. Und warum sollte so etwas ausgerechnet ihr passieren?

Langsam, auf jedes Geräusch das von draußen kam achtend, sah sie sich um. Die Garderobe war wie sie schon gerade eben gesehen hatte, etwas kleiner, als der Raum in dem sie gerade eben war. Aber war diese hier fast schon verschwenderisch üppig dekoriert.

Auf den vielen kleinen Tischchen, die herumstanden, fand sich ein Blumenbouquet nach dem anderen. Rosen, Lilien, Veilchen und was noch alles. Der Teppich war sicherlich teuer. Und die Möbel sahen auch nicht gerade so aus, als kämen sie gerade eben vom Möbeldiscounter um die Ecke. Zu ihrer Verwunderung aber, entdeckte sie auch hier kein Zeichen von elektrischem Strom. Statt dessen, standen auch hier an beinahe jedem Eckchen, an dem keine Blumen standen ein Kerzenleuchter.

Auf dem Schminktisch, stand eine Anzahl Parfümflakons ordentlich aufgereiht nebeneinander. Eine Perücke auf der linken Seite, ordentlich auf einen Holzkopf gesetzt, und mehrere Schminkutensilien lagen etwas durcheinander in einem kleinen Körbchen auf der rechten. Eine Haarbürste und ein paar Haarklammern vervollständigten das Bild.

Lilly konnte ihre Neugierde nicht unter Kontrolle halten. Sie zog die kleinen Schubladen des Tisches auf. Ein paar Taschentücher, und noch mehr Schminkutensilien waren darin. In der nächsten eine kleine verschlossenen Schachtel, vermutlich eine Schmuckschatulle.

Doch die nächste, hielt eine Überraschung bereit, der Lilly nicht wiederstehen konnte.

In der Schublade, lag ein kleines, in blaue Seide eingeschlagenes Buch. Auf dem Umschlag waren wunderschöne weiße Blüten aufgestickt. Sie schlug es auf und überflog ein paar Seiten. Sie hielt eine Art Tagebuch in der Hand.

Sie hatte wohl doch nicht so falsch gelegen. Bei der Besitzerin handelte es sich offensichtlich um die Diva des Hauses. Aufzeichnungen über den neuesten Klatsch und Tratsch an der Oper, über etwaige Konkurrenz die ihr natürlich nicht das Wasser reichen konnten. Die Abläufe der Proben oder auch die neuesten Verehrer aus dem Publikum und die Geschenke mit denen sie von letzteren ständig überhäuft wurde. Doch mit dem Namen war sie falsch gelegen. Unterzeichnet waren die Seiten immer mit Cordey De Geond´.

Sie blätterte weiter bis zu den letzten beschriebenen Seiten. Aber das Datum lies sie fast erneut an ihren Sinnen zweifeln. Der letzte Eintrag war auf den 14. September 1872 datiert. 1872? Das konnte doch nicht war sein. Entweder hielt sie ein Buch in der Hand, dass schon seit gut 133 Jahren in der Schublade verstaubte, oder sie war gegen alle Vorstellungskraft wirklich durch die Zeit gereist.

Doch die jüngsten Ereignisse würden allesamt in diese Richtung deuten. Der verschwundene Lichtschalter, die Fackeln an den Wänden oder aber auch das komplette fehlen von Lampen in der Garderobe. Was war nur passiert als sie vor der Wand zusammengebrochen war?

Wage erinnerte sie sich an das seltsame Gefühl von dem sie erfasst wurde. Wie ein helles Licht, das einen aber unweigerlich in eine Richtung zwang. Ein Strudel, aus dem es kein entrinnen mehr gab. Und doch war sie bei vollem Bewusstsein gewesen. Spürte alles was mit ihr geschah. War es doch ein Gefühl, als würde ihr Körper in alle Richtungen zerrissen, nur um kurz darauf mit solcher Wucht auf kalten Stein geschleudert zu werden. Und doch, war dort im Sog der Zeit eine Ruhe gewesen. Ruhe, wie sie sie noch nie zuvor gekannt hatte.

Und das alles nur um jetzt hier festzusitzen? Was war wohl „zuhause" gerade los? Würde man sie suchen? Was war mit ihrer Freundin, die vor der Oper auf sie warten wollte? Oder warten würde?

Doch noch wollte sie es nicht wahrhaben.

Wie um sich abzulenken, griff sie automatisch wieder zu dem blauen Büchlein. Beim überfliegen der einzelnen Seiten, blieb ihr Blick am Eintrag des 03. Mai hängen:

Wieder einmal habe ich heute die neuesten Gerüchte über den angeblichen Operngeist gehört. Es ist als hätte sich dieses „Gespenst" regelrecht in die Köpfe der kleinen Rotznasen, die sich Ballettmädchen nennen festgesetzt. Doch diesmal, so trug es mir Mademoiselle Sorelli zu, gäbe es wohl keinen Zweifel mehr an der Glaubwürdigkeit dieses seltsamen Operngeistes. Ich für meinen Teil halte dies schlicht und einfach für faulen Hokus Pokus, der dazu dient kleinere Angestellte zu erschrecken. Briefe an die Direktion (kleine Anmerkung zu dieser: Monsieur Poligny und Monsieur Debienne halte ich persönlich für etwas sagen wir es einmal mit den Worten des einfachen Volkes: reif für die Irrenanstalt!) mit Anweisungen zur Führung des Hauses! Fehlt ja nur noch, dass sich dieses Gespenst in die Besetzungen einmischt. Doch auch andere Zwischenfälle, die bei mir selbst eher zur Belustigung beitragen als zum erschrecken. Wie sollte man es sonst verstehen, wenn Monsieur Bagallet unserem Tenor eine ganze Lawine Papierschnipsel als Lawine auf den Kopf fällt? Immerhin hätte es Schnee sein sollen. Und nun geistern auch noch Beschreibungen über unseren Hausgeist durch die Runden. Und die ewigen Gerüchte. Phantom hier, Phantom da, Phantom der Oper überall. Es ist neuerdings auch schon schuld, wenn irgendwo eine Puderquaste oder eine Haarspange verschwindet. Nun, wir werden es ja sehen, wo dies noch alles enden wird.

03. Mai 1872 Corde De Gend´

Anscheinend ist diese Geschichte wohl mehr als lebendig hier. Ich glaube, ich würde vor Schreck zusammenklappen wenn plötzlich das Phantom der Oper persönlich neben mir auftauchen würde.

Mit einem leichten Grinsen, legte Lilly das Buch endgültig zur Seite. Man sollte es nicht für möglich halten, was manche Leute so alles aufschreiben. Wen interessiert schon, was einer zum anderen gesagt hat? Über das Tagebuch, hatte sie fast vergessen, warum sie eigentlich hier in der Garderobe war.

Wieder nach einem Ausgang suchend, ging sie nun mit schnellen Schritten auf die Türe zu. Sie streckte die Hand nach der Klinke aus, und drückte sie vorsichtig nach unten. Die Türe war nicht verschlossen. Der Flur dahinter, jedoch dunkel. Aber zum Glück nicht so Dunkel wie im Keller des Gebäudes.

Leise, um kein verräterisches Geräusch zu machen, schlich sie den Flur entlang. Dabei stellte sie fest, das anscheinend nicht nur der Keller des Hauses ein Labyrinth ist. Oder vielleicht kam es ihr so vor, weil einfach nicht genug Licht vorhanden war, um alles deutlich erkennen zu können.

Das ganze Haus schien in tiefem Schlummer zu liegen. Nicht ein Geräusch war zu hören, als sie endlich fand wonach sie suchte. An der großen Treppe angekommen, fand sie wonach sie suchte, oder besser gesagt, sie fand es eben nicht. Es gab nirgendwo mehr eine einzige Baustelle in dem Gebäude. Alle Gerüste waren verschwunden. Und auch kein Absperrband war mehr zu sehen.

Und wie um noch eine weitere Bestätigung zu erhalten, ging sie durch den großen Saal in die Richtung eines Foryes um dort aus einem der großen Fenster zu sehen. Auf dem weg dorthin, kam sie an einer wuchtigen Standuhr vorbei. Die Zeiger standen auf dreiviertel zwölf. Und der Blick aus dem Fenster bestätigte ihre größte Befürchtung: Kein einziges Auto war auf der Straße zu sehen, auch keine Fußgänger. In den meisten Häusern der Umgebung waren sämtliche Lichter gelöscht worden. Und auch die Straßenbeleuchtung war nicht überall in Betrieb. Wo doch um diese Uhrzeit in Paris normalerweise das Nachtleben erst so richtig anfing. Und zu guter letzt funktioniert ja auch ihr Handy nicht mehr.

Wohl oder übel musste sie sich eingestehen, was sie bis dahin für unmöglich gehalten hatte:

Sie war durch die Zeit gereist. Um 133 Jahre.