Kapitel 7: Ganz nah ist das Phantom der Oper?
Lange wanderte sie durch die dunklen und verlassenen Gänge der Opera Garnier. Einfach nur gerade aus, mal nach links oder nach rechts. So vieles war ihr gerade klar geworden. Dinge, die man ihr nie glauben würde. Am Ende würde man sie nur in eine Irrenanstalt stecken und sie für verrückt halten. Nicht ganz richtig im Kopf.
Ohne irgendeinen Gedanken zu fassen, ging sie weiter und weiter durch die verlassene Oper. Bis sie schließlich wieder vor der Garderobentüre stand, aus der sie gekommen war.
Sie ging hinein, und zog die Türe hinter sich zu, bevor sie sich auf den Stuhl fallen lies, der vor dem großen Spiegel an der Wand stand. Wie sollte es nun weitergehen? Was sollte sie als nächstes tun? Im Moment war sie nicht dazu in der Lage irgend etwas zu entscheiden. Lange saß sie allein in dem von grauen Zwielicht erfüllten Raum. Sie musste gegen ihre Tränen kämpfen, die ihr in die Augen stiegen, als sie daran dachte was geschehen war.
Schließlich - wie lange sie dort ganz in Gedanken versunken gesessen hatte, wusste sie nicht einmal – stand sie auf, und trat an das kleine Fenster des Raumes. Es wurde langsam hell. Und sie hatte immer noch nicht die leiseste Ahnung was sie nun tun sollte. Wie sollte sie jemals wieder nach Hause kommen?
Aber dann, durchfuhr es sie wie ein Geistesblitz. Der Spalt in der Mauer! Dieser Spalt musste der Auslöser für das alles hier sein. War nicht all das geschehen, nachdem sie an die Wand getreten war? Als sie die Mauer berührt hatte und näher an die Spalte herangetreten war? Was wenn dieses „Ding" tatsächlich so eine Art Zeitportal war? Konnte man von dort aus vielleicht durch die Zeit hin und her wandern?
Schaudernd dachte sie noch einmal an die grausigen Geräusche, die sie dort gehört hatte. Das Schreien der Steine, das Brummen und Dröhnen in ihrem Kopf. Und doch war es vermutlich ihre einzige Chance wieder zurück zu kommen.
So schnell es ging, eilte sie auf den Spiegel zu, den Durchgang hatte sie ja nicht mehr verschlossen, und trat erneut hindurch. Im Gang dahinter, waren die Fackeln nun schon fast ganz hinuntergebrannt. Doch bevor sie sich auf den erneuten Weg durch die finsteren Gänge machte, schob sie die Spiegelscheibe wieder an ihren Platz zurück.
Der Weg fiel ihr dieses Mal schon etwas leichter. Vielleicht auch aus dem Grund einen Ausweg aus dem ganzen zu finden. Die rechte Hand zur Orientierung am Seil an der Wand, mit der linken tastete sie sich Meter für Meter vorwärts. Und siehe da, nach wenigen Minuten war sie an der ersten Treppe angelangt. Von oben war der Schein der Gasbeleuchtung zu sehen. Lilly rannte die Treppe geradezu hinauf. Lag doch an ihrem Ende der Gang, in dem sie den verhängnisvollen Spalt gefunden hatte.
Nur noch wenige Meter trennten sie von der Wand. Und ein paar Sekunden später, stand sie davor. Bedrohlich klaffte der Riss im Mauerwerk. Doch da war nichts mehr.
Lilly war sich sicher, an genau der selben Stelle zu stehen wie beim ersten mal. Doch es blieb alles ruhig. Kein Brummen, kein Lärm, kein Schwindel, nichts. Keines der furchterregenden Geräusche, die sie vor ein paar Stunden gehört hatte. Oder die sie hören würde? Irgendwann in hundert Jahren? Doch eines war sie sich jetzt sicher: Sie saß hier fest. Und das war wohl das schlimmste von allem. Doch in Gedanken schalte sie sich einen Feigling.
Immerhin muss man nur das beste aus der gegenwärtigen Situation machen. Sagen zumindestens immer alle. Oh man, die reden sich vielleicht leicht. Von den Schlaumeiern war bestimmt noch keiner in meiner Situation. Natürlich konnte dies auch ein Vorteil sein,
dachte sie grimmig.
Endlich würde sie die Chance haben herauszufinden ob es das Phantom der Oper wirklich gab. Immerhin, gab einiges nun auch Sinn. Nehmen wir z.B. Madame Giry und ihre Tochter Meg her. So weit so gut. Dann gibt es wohl auch noch einen Maschinenmeister namens Buquet. Und ich hänge wahrscheinlich irgendwo um die 1872 rum wenn das Tagebuch gerade aktuell ist. Soweit ich mich erinnern kann, spielt sowohl das Musical als auch das Buch so um die 1881 rum. Das wären zwar neun Jahre Unterschied, aber wenn auch hier schon die Gerüchte so am laufen sind, ist das ja wohl egal.
Kurzentschlossen stand sie auf, und ging ein drittes mal durch den dunklen Gang zurück. Als sie erneut vor dem Spiegel ankam, kam ihr auf einmal die Szene ins Gedächtnis, in der das Phantom der Oper Christine als Engel der Muse im Spiegel erscheint.
Unwillkürlich, stellte sie sich vor, das er Tag für Tag hier an dieser Stelle steht, und darauf wartet Christine in die Garderobe kommen zu sehen. Nur schade, dass es kein Happy End für die beiden gab. Oder geben würde? Es war nicht gerade einfach sich an die Tatsache zu gewöhnen, dass alles was sie aus der Vergangenheit wusste nun erst in ein paar Jahren geschehen würde.
Nach einem kurzen Augenblick aber wandte sie sich um, und sah in den von Fackeln gesäumten Gang hinunter.
Soll ich, oder besser nicht? Ach so ein Mist, ich stecke eh schon hier fest, also kann ich mich auch genauso gut verlaufen. Kommt eh auf das selbe raus.
Und eh sie sich versah, ging sie auch schon den Gang hinunter. Es ging eigentlich ganz einfach vorwärts. Immer gerade aus, hier und da mal eine Treppe, die noch weiter nach unten führte. Schon bald hörte sie auf zu zählen. Aber wenigstens gab es hier Licht. Wer immer auch diese Wege benutzte, er hatte an alles gedacht. Zumindestens was die Beleuchtung an ging.
Hmmmmm Phantom der Oper das noch keiner sah... hmmm - Und wendest du den Blick auch ab von mir...
Leise summte und sang sie die Melodie vor sich hin. Gibt doch nichts passenderes für ihre jetzige Situation.
Immerhin befand sie sich im Keller der Oper, auf dem Weg immer tiefer hinunter. Die Wände waren nach wie vor aus Ziegeln, aber hier und da entdeckte sie auch Wände, die anscheinend aus dem natürlichen Gestein gehauen worden sind. Während weiter oben noch ein paar Maschinen zu entdecken waren, die wohl für die Bühnentechnik von Bedeutung waren, gab es hier unten nur noch endlose Gänge.
Und wurde es auch langsam immer kälter hier unten. Auch so schien es ihr zumindestens, wurde die Luft immer stickiger und feuchter. Auch auf dem Boden waren öfter Wasserpfützen zu erkennen. Und auch die Wände wirkten irgendwie nass und glitschig. Und zum Schluss, lief ihr auch noch eine Ratte über dem Weg, was dazu führte, das Lilly einen spitzen Schrei ausstieß.
Doch sie ging unbeirrbar weiter nach unten. So tief konnte es doch nun nicht mehr gehen. Sie glaubte sich wage an die Worte der Fremdenführerin zu erinnern, die irgendetwas von 23 Stockwerken sagte. Die mussten doch schon durch sein. Und es waren ja insgesamt vom Keller bis zum Dach 23 Stockwerke.
Und dann, nach endlosen Gängen und Treppen, fand sie endlich was sie suchte. Sie stand am Rand eines großen unterirdischen Wasserlaufes. Ein wenig enttäuscht war sie schon. War doch immer die Rede von einem See gewesen. Aber der Anfang war schon mal gemacht.
Doch konnte sie auch nirgendwo ein Boot entdecken, dass irgendwo am Ufer anlegte. Was an der ganzen Szenerie komisch war, ist das hier unten zahllose Kandelaber standen, die die qualmenden Fackeln ersetzten. Das Licht unzähliger Kerzen tauchte die Umgebung und auch die Wasserfläche in ein unwirkliches sanftes Licht. Man konnte fasst vergessen, dass man sich fünf Stockwerke unter der Erde befand.
Des weiteren, entdeckte sie an den Wänden kunstvoll in die Wand gemeißelte Figuren und Gesichter, wie die von Wasserspeiern. Wer immer hier am Werk war, der hatte wahre Meisterarbeit geleistet. Die Figuren wirkten so echt, als würden sie jeden Augenblick aufwachen um sich in die Fluten stürzen.
Soweit Lilly wusste, war es mehr oder weniger ein Problem gewesen, dass der Keller der Oper immer wieder mit Wasser vollief. Egal welche Baulichen Maßnahmen man auch anwandte. Das Wasser kam immer wieder.
Da war ich also, als die Dinge begannen, eine schlimme Wendung zu nehmen.
Bei den Ausschachtungen für die cuve, den Bauteil unter der Bühne, der zwölf Meter tief reichte, stieß man auf Wasser.
Was zum Teufel ist das?
Murmelte Garnier.
Meine dringende Nachricht hatte ihn zur Baustelle eilen lassen, und n8un starrte er mit unverhüllten Entsetzen in die abrutschenden Fundamente; sein Hemd und der Kragen passten nicht zusammen, was bewies, wie schnell er sich angekleidet hatte.
Ein unterirdischer Nebenarm der Seine, dem ansehen nach.
Sagte ich düster.
Ich würde sagen, er durchzieht den ganzen Bereich. Sie können nichts tun, solange der Wasserstand nicht abgesenkt wurde.
Garnier stieß eine vielsagende Verwünschung aus, die hier wiederzugeben mir der anstand verbietet.
Haben sie eine Ahnung was das heißt? Sagte er wütend.
Ich fürchte, ich weiß genau was das heißt.
Ich zog ein Papier aus dem Ärmel und reichte es ihm. Er studierte es eine Weile und blickte dann ungläubig auf.
Sie schlagen wirklich vor, dass unter der Bühne einen künstlichen See anlegen soll?
Es bleibt ihnen kaum etwas anderes übrig. Erklärte ich geduldig.
Aus „Das Phantom" Gespräch zwischen Erik und Garnier beim Bau der Oper
Doch nun stand sie wieder am Anfang und wusste nicht wie es weiter gehen sollte. Niedergeschlagen setzte sie sich auf eine der Treppenstufen. Wieder erwarten, war es hier unten wärmer als im restlichen Keller. Sie saß einfach nur da, und hing weiter ihren Gedanken nach. Und dann mit einem mal, war ihr als würde alles um sie herum erneut in samtige Dunkelheit versinken.
Der lange Schlafmangel, hatte sich nun doch bemerkbar gemacht. Wie lange hatte sie wohl geschlafen? Doch wodurch sie geweckt worden war, konnte sie sich erklären. Bis sie die Stimme wahrnahm, die durch die wohlige Dunkelheit zu dringen schien. Diese Stimme wollte etwas von ihr. Denn sie lies nicht locker. Und als sie einigermaßen ihre Sinne zusammen hatte, verstand sie auch die Worte.
Mademosielle, was haben sie hier unten zu suchen? Sind sie von allen guten Geistern verlassen?
Hmmmmmm?
Verschlafen brummelte sie vor sich hin. Bis ihr wieder in den Sinn kam, was eigentlich passiert war. Als sie langsam die Augen aufschlug, sah sie in die Richtung, aus der die Stimme kam. Doch was sie dort sah, konnte nie und nimmer sein.
