Kapitel: Wünsche sind so eine Sache!
Schlagartig wurde sie hellwach. Oder zumindestens dachte sie das auch nur. Aber immerhin wiederstand sie der Versuchung, sich zu kneifen um festzustellen, dass sie nun wirklich wach war.
S –S –S – Sie s- s- s- sind, Sie sind, Ich glaub das einfach nicht! Oh nein, da steht niemand, ich bilde mir das alles nur ein.
Doch so sehr sie auch versuchte sich einzureden, dass da niemand war, dass sie ganz allein auf der Treppe saß, genauso strafte sie ihr Blick Lüge. Den dort am Rande des Wasserlaufes, stand ER.
Halb verborgen im Schatten eines Pfeilers, als wäre er ebenfalls ein Teil des Steins. Sie konnte eine hochgewachsene Gestalt erkennen, völlig in Schwarz gekleidet. Seine eigentliche Gestalt unter einem weiten ebenfalls schwarzen Umhang verborgen. Doch sein Gesicht war im Schatten verborgen, so dass sie nichts davon erkennen konnte.
Ich bin was? Ein Gespenst, ein Phantom, eine Spukgestalt die sich kleine verängstigte Ballettmädchen ausdenken! Suchen sie sich etwas aus, und dann verraten sie mir was sie hier zu suchen haben!
Ich habe, nun ja, ich wollte...
Ich hoffe sie wissen was sie sich dabei gedacht haben hier in mein Reich zu kommen. Und sie wissen sicher, das niemand, der mich zu Gesicht bekommen hat nicht mehr lebt! Es sei den sie könnten mir einen sehr guten Grund nennen, warum ich sie verschonen sollte.
Lilly drückt sich immer fester gegen die Wand an ihrem Rücken. Was hatte sie sich nur dabei gedacht hier her zu kommen? Warum hatte sie auch nur all ihre Bedenken beiseite geworfen und war diese vermaledeiten Gang hinuntergegangen.
Doch beantwortete sie sich diese frage zugleich selbst: Weil sie nicht daran geglaubt hatte hier unten tatsächlich jemanden anzutreffen. Und schon gar nicht diese bestimmte Person die jetzt gerade dabei war sich zu überlegen, was er mit ihr machen sollte.
Plötzlich trat er aus dem Schatten des Pfeilers hervor, so dass Lilly ihm ins Gesicht sehen konnte. Und tatsächlich, sie erblickte eine weiße Maske, die fast die komplette rechte Gesichtshälfte ihres Gegenübers verbarg. Und schon fast quälend langsam, kam er auf sie zu.
Mademoiselle, ich rate ihnen dringend davon ab meine Geduld noch weiter auf die Probe zu stellen. Ich frage sie nun zum dritten und letzten mal. Was haben sie hier zu suchen?
Immer näher kam die Gestalt mit der weißen Maske auf sie zu. Und jetzt waren alle Zweifel beiseitegewischt. Sie stand tatsächlich dem Phantom der Oper gegenüber.
Aber das ist doch nur eine Geschichte, nichts reales!
Dachte sie panisch. Sie spürte. Das ihr Herz rasend schnell schlug. Aber Schritt für Schritt kam er immer näher auf sie zu, nur noch knappe zwei Meter lagen zwischen ihnen, und auch dieser letzte Rest Abstand, schmolz sehr schnell dahin. Doch sie konnte im nicht mehr ausweichen. Sie saß in der Falle.
Und wie als wolle das Schicksal ihr einen grausamen Streich spielen, streckten die Fühler der Ohnmacht wieder ihre Fühler nach ihr aus, und alles um sie herum versank erneut in Dunkelheit.
Sie war tot. Aber andererseits hatte sie Kopfschmerzen, was nicht allzu sehr in dieses Bild passen wollte. Vielleicht befand sie sich im Fegefeuer? Und als Strafe erwarteten sie nun jahrhundertlange Kopfschmerzen! Doch wieder andererseits, lag sie bequem und es war schön warm um sie herum. Gefühle, die nur zu irdisch waren.
Eine Weile lag sie nur mit geschlossenen Augen da, und lauschte nach Geräuschen in ihrer Umgebung. Doch sie konnte nichts hören. Um sie herum herrschte Stille. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Wünschte sich aber gleichzeitig, es nicht getan zu haben.
Wo war sie nun schon wieder gelandet? Die Treppe und der Wasserlauf waren verschwunden. Statt dessen, lag sie in einem bequemen Bett, in einem kleinen aber dafür sehr schön eingerichteten Zimmer. Auf dem kleinen Tischchen neben ihrem Bett, brannten Kerzen, deren Lichtschein in einem leichten Luftzug schwankte.
Vorsichtig setzte sie sich auf, und sah sich um. Wagte es aber nicht aufzustehen. Neben dem Bett, befand sich noch ein großer Kleiderschrank und ein Kosmetiktischchen in ihrem Zimmer. Eine Holztruhe und ein großer Spiegel vervollkommnete die Einrichtung.
Und mit einem Schlag erinnerte sie sich wieder an alles. Wie lange hatte sie wohl geschlafen. Schnell lies sie die letzten Augenblicke, an die sie sich erinnerte Revue passieren. Wenn sie dort wirklich dem Phantom der Oper gegenüber gestanden hatte, hatte er sie wohl auch hier her gebracht.
Warum hatte er mich nicht gleich umgebracht? Das hätte ihm eine Menge Arbeit erspart!
Dachte sie bitter.
Und so schlussfolgerte sie, dass sie sich wohl in seiner Wohnung befinden musste. Warum musste diese verdammte Geschichte auch noch wahr sein. Doch andererseits, hatte sie nun doch die Möglichkeit herauszufinden, wie viel wahres an dieser Geschichte dran war.
Immerhin, es gab ihn wirklich. Daran hatte sie keine Zweifel mehr. Doch schon bei der Beschreibung seines Aussehens fing die ganze Sache an unstimmig zu werden. Sowohl Gaston Leroux als auch Susan Kay, deren Buch sie gerade erst gelesen hatte, beschrieben die Figur des Phantoms:
Es ist ungeheuer dürr. Sein Frack schlottert um ein Gerippe. Seine Augen liegen so tief, dass man die starren Pupillen kaum erkennen kann. Eigentlich sieht man nur zwei große schwarze Löcher wie in Totenschädeln. Seine Haut, die sich wie ein Trommelfell über das Knochengerüst spannt, ist nicht weiß, sondern schmutziggelb; die Andeutung seiner Nase ist im Profil unsichtbar, ja die Abwesenheit der Nase bietet einen fürchterlichen Anblick. Drei bis vier lange braune Strähnen auf der Stirn und hinter den Ohren stellen den ganzen Haarwuchs dar.
Ängstlich, mit zitternder Hand, teilte ich das Tuch, dass das Gesicht des Kindes bedeckte. Ich hatte schon früher Missbildungen gesehen, wer hatte das nicht? Aber nicht in dieser Art. Die ganze Schädeldecke, lag offen unter einer dünnen, durchsichtigen Membrane, die grotesk durchsetzt war von kleinen pulsierenden blauen Adern. Eingesunkene, ungleiche Augen, grob missgestaltete Lippen und ein schrecklich, gähnendes Loch, wo die Nase hätte sein sollen.
Warum sie sich wohl gerade jetzt an eben diese Sätze erinnerte? Sie wusste ja nun nicht einmal ob er wirklich der war für den sie ihn hielt. Nur weil jemand ganz in Schwarz gekleidet und mit einer Maske in den Kellergewölben der Oper rumläuft, muss dies ja noch lange nicht heißen, dass es wirklich ein Phantom der Oper gab oder? Aber soviel konnte sie jetzt schon sagen: So unglaublich dürr war er nicht. Und eine Nase hatte er auch!
Oh so ein verdammter Mist! Warum passiert so etwas eigentlich immer nur mir?
Leise fluchend lies sie sich wieder in ihr Kissen zurückfallen. Und im geheimen nahm sie sich vor, dass nächste mal sehr genau zu überlegen was sie sich gerade wünschte. Denn wie es im Moment aussieht, gehen solche Sachen manchmal sehr schnell in Erfüllung.
Doch was nun? Sicherlich würde er sie nicht einfach gehen lassen. Oder einfach mal fragen? Oder lieber auch nicht. Einfach abhauen konnte sie auch nicht. Denn mit ziemlicher Sicherheit würde sie sich in den vielen Gängen verlaufen. Denn hier unten gab es keinerlei Anhaltepunkte an denen sie sich orientieren könnte. Und wenn sie sich schon aussuchen konnte, ob sie irgendwo in einen der vielen dunklen Winkel verhungern wollte, oder aber vielleicht doch noch mit heiler Haut davonzukommen wenn sie hier blieb, fiel ihr die Wahl sehr leicht.
Irgendwann entschloss sie sich doch noch aufzustehen. Zum einen, weil sie sich ja nicht ewig bewusstlos stellen konnte, und zum anderen weil langsam aber sicher jeder ihrer Muskeln anfing zu schmerzen.
Ihre Schuhe standen neben dem Bett, doch der Boden, der nur aus blanken Stein zu bestehen schien, war mit dicken Teppichen ausgelegt. Und da sie nicht gleich auf sich aufmerksam machen wollte, weil sie das klappern ihrer Schuhe verriet, lies sie sie unbeachtet an Ort und Stelle stehen.
Und schon stand sie vor dem nächsten Rätsel. Zwei Türen. Die eine Rechts, die andere links von ihr.
Ach was solls!
Sagte sie zu sich selbst. Wird schon schief gehen!
Und schon hatte sie die Türe geöffnet. Doch noch konnte sie nichts erkennen. Es war stockdunkel ! Schnell lief sie zurück, um die Kerze zu holen, die auf dem kleinen Tischchen stand. Doch die anfängliche V0orsicht, wich rasch in einer großen Überraschung. Hinter dem Zimmer befand sich ein wunderschönes Badezimmer. Auf einem Schränkchen in der einen Ecke entdeckte Lilly einen weiteren Kerzenständer. Und nachdem sie auch die Kerzen darauf entzündet hatte, sah sie sich erst einmal in Ruhe um.
Für die Zeit, in der sie gerade feststeckte, war es durchaus modern eingerichtet. Eine schöne Badewanne, und an der Wand ein großer Wandspiegel. Eine kleine Schale mit duftenden Seifenstücken stand auf einem weiteren Tischchen. Und das allerbeste, es gab fließend Warm- und Kaltwasser so viel man wollte. Selten für diese Zeit. Und erst an solch einem Ort.
Nachdem sie ihre erste Erkundungstour heil überstanden hatte, löschte sie die Kerzen wieder, und ging zurück.
Langsam ging sie zur zweiten Tür, vor der sie aber im ersten Moment unschlüssig stehen blieb.
Die eine Hand an die Klinke gelegt, entschied sie sich doch dazu die Türe zu öffnen, und hinauszutreten. Leise schloss sie die Türe hinter sich wieder. Doch bevor sie sich auf die Suche nach ihrem „Gastgeber" machte, atmete sie erst noch einmal tief durch.
Wird schon schief gehen! Von nun an gibt es kein zurück! Na das passt ja wie die Faust aufs Auge!
Dachte sie sich und schaffte es dabei auch schon fast wieder zu einem grinsen.
Sie stand in einer Art Gang, nur mit dem unterschied, dass sich auf der einen Seite keine Wand mehr befand, sondern eine große dunkle Wasserfläche. Sie stand tatsächlich am Ufer des unterirdischen Sees. Und wieder: Überall Kerzenlicht. Ungläubig sah sie sich um. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Aber zuerst wollte sie sich weiter umsehen.
Wieder eine Türe! Wohin führte wohl diese? Sie trat hindurch, und stand wohl im eigentlichen Wohnraum. An der gegenüberliegenden Wand prasselte munter ein Feuer im Kamin. Davor standen zwei gemütlich aussehende Sessel um einen kleinen Tisch. Große Bücherregale standen an der Wand. Gefüllt mit unzähligen Büchern. Bücher aus allen Gebieten. Angefangen mit Wissenschaftlichen Bänden, bis hin zu Kunst, Geschichte, und auch einige Romane, wie sie bei näherer Betrachtung feststellte. Zu ihrem großen Erstaunen befanden sich auch einige darunter, die in für Lilly völlig unverständlichen Sprachen geschrieben waren. Und auch hier war der Boden bis auf eine freie Stelle vor den Kamin mit Teppichen ausgelegt.
Sie näherte sich nun dem Kamin. Denn trotz des Feuers war es doch recht kühl hier. Und als sie die Sessel erreicht hatte, entdeckte sie auf der Armlehne des einen, einen Schwarzen Umhang, und einen ebenso schwarzen Hut. Genau die Sachen, die er gerade eben getragen hatte, als er sie am Fuße der Treppe entdeckte. Erneut jagten kalte Schauer über ihren Rücken, als sie im Augenwinkel sah, das sich etwas im anderen Sessel bewegte.
Blitzschnell fuhr sie herum. Und dabei war sie ansonsten ganz und gar nicht schreckhaft. Doch als sie bemerkte, was sie da erschreckt hatte, atmete sie erleichtert auf. Im Sessel lag eine Siamkatze. Das erkannte sie sofort. Lilly liebte Katzen über alles. Doch was sie noch mehr erstaunte, war das Halsband, welches das Tier trug. Soweit sie es beurteilen konnte, war das bestimmt kein billiger Modeschmuck.
Und fast gleichzeitig kam ihr die Erkenntnis, wie genau sich alles hier mit den Geschichten deckte, welche sie gelesen hatte.
Wie ich sehe, sind sie wieder aufgewacht!
Als sie die Stimme hinter ihr hörte, dachte Lilly ihr Herz hätte für einen Moment die Arbeit eingestellt, so sehr war sie erschrocken. Langsam drehte sie sich in die Richtung, aus der die Worte kamen. Und im selben Moment dachte sie schon, es wäre besser gewesen es nicht zu tun. Denn dort, im Türrahmen hinter ihr, stand das Phantom der Oper höchstpersönlich.
Beschreibung nach Gaston Leroux!
Beschreibung nach Susan Kay
