Kapitel 8: Fragen über Fragen!
Sie traute ihren Augen nicht. Und doch stand er ihr nur wenige Schritte entfernt gegenüber. Schon auf dem Weg in den Keller hinunter hatte sie sich ausgemalt was währe wenn sie wirklich einem Phantom hier unten begegnen würde? Doch alle Fragen die sie stellen wollte, waren auf einmal wie weggeblasen. Doch um die schon beinahe etwas peinliche Stille zu brechen, sagte sie das erstbeste, dass ihr einfiel.
Wer zum Teufel sind sie? Und wie komme ich hier her? Wo sind wir eigentlich?
Gut zugegeben, dass waren gleich drei Fragen auf einmal, doch die Wörter sprudelten nur so aus ihr heraus. Ihr gegenüber regte sich dabei keinen Millimeter. Aber schließlich kam er ein paar Schritte näher, und musterte sie von oben bis unten.
Nun, dass selbe könnte ich sie wohl fragen Mademoiselle – Mademoiselle ist doch richtig oder?
Bei diesen Worten nickte sie nur leicht mit dem Kopf, bevor er weitersprach.
Es ist recht ungewöhnlich, dass sich ein Mensch hier her verirrt. Und noch dazu in solch einem Aufzug! Aber möchten sie sich lieber setzten? Sie sehen etwas blass aus!
Damit hatte er völlig recht. Lillys Knie standen gefährlich nah davor nachzugeben. Also lies sie sich auf einen der beiden Sessel fallen, während sie sich wiederum überlegte, was sie nun sagen wollte. Sie konnte ja schließlich schlecht sagen, dass sie eine Zeitreisende aus dem 21 Jahrhundert ist, und nur mal so eben rausfinden wollte, wie viel Wahrheit hinter der Geschichte des Phantoms steckte.
Verstohlen sah sie zu ihm hinüber, als er die Katze kurz auf den Arm nahm und ihr durch das blasse kurze Fell strich. Er setzte sie auf den Boden, und nachdem er Hut und Umhang beiseite gelegt hatte, setzte er sich ebenfalls.
Sie war überrascht. Auf den ersten Blick hatte er nicht viel mit den unzähligen Figuren aus Büchern und Filmen gemeinsam. Er war groß, um ehrlich zu sein, er konnte einen schon durch sein bloßes auftreten einschüchtern. Ein dunkler Engel eben. Diese Beschreibung passte haargenau! Ein wenig blass, aber wenn er die ganze Zeit über hier unten lebte, war dies wohl kein Wunder. Allerdings konnte sie nicht sehen was er unter seiner Maske verbarg. Und die Absicht gleich danach zu fragen, schien ihr für diesen Moment nicht gerade ratsam. Sie war ja schon froh überhaupt noch zu leben!
Nun das sie anscheinend ihr Stimme verloren haben,
Täuschte sie sich oder fand er die Tatsache dass sie nicht weiterwusste amüsant?
Ist es wohl an mir, ihre Fragen zu beantworten. Mein Name ist Erik. Und sie befinden sich hier einige Stockwerke unter der Erde, in meinem bescheidenen Heim. Da ich sie schlecht dort oben an der Treppe liegen lassen konnte, habe ich sie hier her gebracht. Und nun währe es sehr interessant zu hören, wer sie sind, und was um alles in der Welt sie dazu veranlasst hat hier herunterzukommen. Ganz allein und ohne Fackel? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie hatten vor sich hier zu verlaufen?
Nun kam sie nicht mehr drum herum, den Mund aufzumachen. Doch entschied sie sich so weit es ging bei der Wahrheit zu bleiben. was auch immer dies in diesem fall wohl heißen mag. Zum Glück, hatte sie vor dem Urlaub ihre Französischkenntnisse aufpoliert. Sonst hätte sie wohl nicht einmal verstanden was er überhaupt wissen wollte.
Nein, Ich habe mich nicht verlaufen.
Sagte sie tonlos.
Ich heiße Lilly – Lillyana! Und ich war mit meiner besten Freundin oben in der Opera´ um eine Vorstellung zusehen. Und – Was fällt ihnen eigentlich ein? In DIESEM AUFZUG? Was soll das denn bitte heißen? Das Kleid ist aus der aktuellen Saison!
Erst jetzt, waren ihr die Worte bewusst geworden, die Erik eben ganz nebenbei gesagt hatte. Und schnell vergewisserte sie sich, dass mit ihrem Kleid alles in Ordnung war. Gut, sie hatte keine Schuhe an aber das ist doch nicht die Welt um gleich irgendwelche Bemerkungen zu rechtfertigen.
Er sah sie leicht verwundert an. Anscheinend, hatte er noch nie so ein Abendkleid gesehen. Doch ihr fiel gar nicht ein auch nur daran zu denken, dass die Abendgarderobe dieses Jahrhunderts wohl etwas anders aussah, als in ihrer Zeit.
Ich wollte auf keinen Fall unhöflich sein, aber ich habe die aktuelle Damengarderobe wohl doch noch nicht so genau gemustert. Aber seien sie sicher, das ich ein Kleid dieser Art bei keiner der Damen aus gehobeneren Kreisen gesehen habe. Um ehrlich zu sein, scheint mir ihre komplette Garderobe sehr modern zu sein. Aber wenn sie es sagen! Sie sagen, sie wollten eine Oper sehen? Welche denn?
Wir wollten nicht nur, wir haben uns auch eine Aufführung angesehen, Faust wenn sie es unbedingt wissen wollen.
Ah ja, Faust. Hat ihnen die Aufführung gefallen?
Fragte er leicht spöttisch!
Ich muss doch sehr bitten! Ich gebe zu, das die Inszenierung nicht übel war, muss aber bemerken, dass ich schon bessere gesehen habe.
Doch plötzlich fing er an zu lachen. Und auf Lillys frage hin, warum er es tat, Musste er sich zuerst einmal überlegen, was er sagen sollte. So kam es ihr zumindestens vor. Denn er lies sich Zeit ihr zu antworten.
Nun um genau zu sein klingt ihre Geschichte was den heutigen Abend angeht nicht sehr glaubwürdig.
Ach und warum bitte?
Das will ich ihnen gerne sagen! Weil ich ihnen das nicht glaube.
Was glauben sie mir nicht?
Das sie heute Abend eine Inszenierung von Faust gesehen haben!
Und wie kommen sie bitte darauf?
Ganz einfach! Die Opera´ gibt im Moment gar keine Faust Inszenierung. Weil es im Moment gar keine Aufführungen gibt! Es ist Saisonende. Die letzten Aufführungen waren Anfang der vorletzten Woche zu sehn!
So ein Mist!
Dachte sie sich gleich darauf. Soviel zum Thema Wahrheit. So etwas hatte sie sich doch schon fast gedacht. Wie war sie eigentlich auf die bescheuerte Idee zu kommen sich auf eigene faust in der Oper umzusehen? Man sieht ja was dabei rauskommen kann.
Also! Wenn es ihnen nichts ausmacht, würde ich dann doch erfahren was sie bewegt hat hier in mein reich zu kommen. Und sparen sie sich bitte solche Sachen wie angebliche Opernaufführungen.
Schlagartig war er wieder todernst geworden. Und Lilly überlegte sich im geheimen, dass er ihr evl. den wahren Grund abnehmen würde, weshalb sie hier runtergekommen war. Nämlich um nach dem Phantom zu suchen. Welches sie ja auch gefunden hatte. Und da Geschichten über einen Geist der hier sein Unwesen treibt sowieso in aller Munde sind, war die Idee vielleicht gar nicht so verkehrt.
Sie wollen wissen weshalb ich hier unten bin? Das will ich ihnen gerne sagen Monsieur. Haben sie schon einmal die Gerüchte gehört, die an der Oper in aller Munde sind? Über einen Geist? Oder ein Phantom?
Oh natürlich! Zufälligerweise kenne ich diesen Geist sehr gut! Aber bitte lassen sie sich nicht unterbrechen!
Oh danke! Nun nach all diesen Gerüchten bin ich einfach nur neugierig geworden – Und mal so eben ein paar Jährchen in die Vergangenheit gereist! –
Fügte sie in Gedanken noch dazu!
Und wollte einfach herausfinden, ob diese Gerüchte nun der Wahrheit entsprechen, oder ob alles nur dummes Geplapper von irgendwelchen kleinen Ballettmädchen ist.
Und? Haben sie herausgefunden was sie wissen wollten?
Bei diesen Worten, wurde sie schlagartig rot, wie eine Tomate. Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie hatte herausgefunden was sie wissen wollte. Um ehrlich zu sein, für ihren Geschmack schon fast zu viel. Doch wollte sie sich dies auf gar keinen Fall anmerken lassen. Nicht auszudenken, was er tun würde wenn er auf dumme Gedanken kommt.
Sie haben Gerüchte über einen Geist gehört sagen sie? Würde es ihnen etwas ausmachen, mir den neuesten Klatsch und Tratsch zu erzählen?
Anscheinend war ihm die dunkelrote Farbe auf Lillys Gesicht Antwort genug gewesen. Als er sie aber erneut ansprach, musste sie sich erst erneut überlegen was sie antworten sollte. Es war einfach nur noch kompliziert. Diese ganze Vergangenheitsgeschichte, nahm immer mehr die Form eines misserablen Films an, den man nicht einfach wegschalten konnte.
Zu groß war die Gefahr, sich noch weiter in irgendwelchen Wiedersprüchen zu verstricken. Und das war etwas, was Lilly eigentlich vermeiden wollte. Sie hatte schon viel zu viele Ungereimtheiten von sich gegeben.
Aber nun dachte sie daran, dass es vielleicht von Vorteil sein konnte, die beiden Romane so oft gelesen zu haben. Womöglich, konnte sie sich damit weiterhelfen. Waren doch darin genügend „Untaten" des Operngeistes beschrieben. Und wie sie schon gerade eben erwähnt hatte, waren es ja nur Gerüchte! Einen Versuch war es jedenfalls wert.
Null Problemo! Wenn sie mir auch sagen wie viel davon wahr ist und wie viel nicht?
Auf ein Nicken seinerseits, fing sie also an einige der Gegebenheiten aufzuzählen, die ihr gerade einfielen. Wie z.B. der Garderobenboden voller Blut, Körperlose Flammengesichter, verschwundene Puderquasten usw.. Wobei er bei der Erwähnung der Puderquasten wieder in Gelächter ausbrach und meinte, er habe bestimmt keine Verwendung für solcherlei Dinge. Was sie ihm auch ohne groß darüber nachzudenken glaubte.
Doch als sie bei den Erpresserbriefen an die Operndirektion angelangt war, wurde er plötzlich wieder ernst. Und als sie ihn nach dem grund für diese Briefe fragte, war er es, der schwieg. Dann, nach einigen Herzschlägen des Schweigens, setzte er doch zu einer Antwort an.
Mademoiselle, sie sind neugieriger, als es ihnen vielleicht gut tut. Es ist doch immer das selbe mit euch Frauen. Stets stecken sie ihre Nase in Angelegenheiten die sie eigentlich nichts angehen. Aber wenn sie es unbedingt wissen wollen?
Sie nickte, und er fuhr gleich darauf fort. Doch irgendwie ahnte sie schon was nun kommen sollte. Und sie hatte sich nicht getäuscht.
Das größte Problem an der Opera´ ist die Tatsache, dass die gegenwärtige Direktion keinerlei Ahnung von ihrem Geschäft hat. Ohne gewissen – nun nennen wir es einmal künstlerischen Rat, würden die Aufführungen allesamt in einem Fiasko enden. Beginnend von der Rollenverteilung bis hin zum Orchester. Und um dies zu vermeiden, helfe ich ihnen ein wenig auf die Sprünge. Dieses Haus hat immerhin einen exzellenten Ruf zu verlieren.
Aber da ich ihnen nun Rede und Antwort gestanden habe, erlauben sie mir noch eine Frage? Sie sagten, sie währen mit einer Freundin unterwegs? Irre ich mich, oder sind sie nicht alleine hier heruntergekommen? Nun? Sie wird sich in der Zwischenzeit doch bestimmt Gedanken machen wo sie abgeblieben sein könnten!
Äh, sie weis gar nicht das ich noch hier bin! Sie ist gleich nach der Aufführung ins Hotel zurückgefahren!
Mademoiselle! Wie lange wollen sie eigentlich noch behaupten an diesem Abend eine Vorstellung gesehen zu haben? Ich habe ihnen doch schon erklärt, dass es im Moment keine Vorstellungen gibt!
Natürlich haben wir das! Und wenn sie darauf bestehen, zeige ich ihnen sogar die Eintrittskarte! Das heißt, oh weh, wo habe ich den meine Handtasche hin?
Wenn sie die kleine schwarze meinen? Ich habe mir erlaubt sie auf die Truhe in ihrem Zimmer zu legen.
Oh! Ja nun – natürlich!
Murmelte sie vor sich hin. Und schon stand sie auf, und ging Richtung Türe. Als sie diese hinter sich geschlossen hatte, kochte sie beinahe vor Wut. Wie konnte er ihr nur unterstellen zu lügen? Das wird ja immer schöner! In ihrem Zimmer angekommen, sah sie sich kurz um. Und Tatsächlich lag die Tasche auf der kleinen Truhe. Sie machte sie auf, und zog die Karte heraus. Und auf dem Weg zurück, stellte sie sich schon vor welch ein Gesicht er wohl machen würde wenn sie ihm die Karte zeigen würde. Es standen ja alle wichtigen Sachen drauf. Sowohl wo die Vorstellung stattfand, als auch wann und welche. Sie war sich ganz sicher einen trumpf im Ärmel zu haben.
Nur an ein klitzekleines, völlig unwichtiges Detail dachte sie im Moment überhaupt nicht: Auf der Karte stand der 14. September 2005!
