Kapitel 9: Eintrittskarten und Erklärungen
Was denkt sich der Kerl eigentlich dabei? Behauptet einfach, ich währe heute Abend nicht an der Oper gewesen! Es gibt im Moment keine Vorstellungen Mademoiselle, und schon gar keine Inszenierung von Faust! Oh ich könnte ihn so was von...!
Noch immer wutentbrannt, rauschte Lilly von ihrem Zimmer zurück in Richtung Wohnzimmer. Sie hatte die Karte natürlich sofort gefunden. Nur gut, dass sie diese sowieso für ihr Fotoalbum aufheben wollte. Und Erik hatte ihre Tasche nicht weiter angesehen.
Zum Glück.
Den darin befanden sich doch gewisse Sachen, die sie in gewisse Erklärungsnöte gebracht hätten. Also ein Handy, eine Geldbörse mit Euroscheinen und –münzen darin, von der Digicam reden wir erst gar nicht einmal, geschweige den von den dazugehörigen Batterien, Speicherchip, Kaugummi, EC-Karten und natürlich von einem Stadtplan in der aktuellen Ausgabe 2005.
Doch an all dies dachte sie gar nicht. Wütend wie sie eben wahr, wollte sie Erik nur beweisen, dass sie wirklich in der Oper war. Das diese Vorstellung aber erst in ungefähr 133 Jahren stattfinden würde, kam ihr dabei ganz und gar nicht in den Sinn.
Und dann auch noch so blöde Bemerkungen loslassen. In ihrem Aufzug! Was denkt sich der eigentlich? Die Damen der oberen Gesellschaft tragen so etwas nie! Nun, wenn ich die Scheckheftchen dieser gewissen Damen hätte, würde ich so was bestimmt auch nicht tragen.
Leise vor sich hin schimpfend, ging sie den Gang entlang weiter. Als sie aber wieder am See ankam, musste sie einfach stehen bleiben und sich dieses Bild noch einmal in allen Einzelheiten ansehen. Sie sah auf die weite, dunkle Wasserfläche hinaus.
Erhellt von duzenden von Kerzen, die ein sanftes Licht verbreiteten. Ganz anders als das zumeist grelle Licht, der elektrischen Beleuchtung zuhause. Am Ufer lag ein Boot vertäut. Doch um so mehr, staunte sie über die „Höhle", in der sie sich wohl befinden musste. Die Wände wirkten so, als währen sie mit unzähligen Stalagmiten und Stalaktiten überzogen. Doch dazu reichte das Licht nicht aus um etwas genaueres erkennen zu können.
Aber nachdem sie dieses Bild ein paar Minuten genau betrachtet hatte, dachte sie wieder daran, warum sie eigentlich hier stand. Doch war nun der Grossteil ihres Zornes verflogen. Und sie beschloss etwas gesammelter wieder aufzutauchen. Wer weiß was noch alles auf sie zukommen würde.
Mit diesem Erik war offensichtlich nicht zu spaßen. Auch wenn er nicht unbedingt ein Vorzeigemodell in Sachen Heiterkeit war, so hatte sie den Eindruck, dass er durchaus auch ein wenig Spaß verstehen konnte. Ganz anders als das Phantom der Oper das sie sich immer Vorgestellt hatte. Aber man konnte ja nie wissen.
Doch nun zurück zur gegenwärtigen Situation. Sie hatte nun fast die Türe zum Wohnzimmer erreicht. Und als sie die Hand nach der Türe ausstreckte, dachte sie schon siegessicher an sein Gesicht, dass er unweigerlich machen musste, wenn sie ihm die Eintrittskarte vor die Nase hielt.
Nachdem sie eingetreten war, bemerkte sie, dass Erik sich nicht vom Fleck gerührt hatte. Sah aber in ihre Richtung, nachdem er sie bemerkt hatte. Zum Glück hatte Lilly sich wieder so weit unter Kontrolle, dass sie ruhig auf den ihn zugehen konnte. Am liebsten währe sie sofort nach vorne gestürmt, und hätte ihm einmal so richtig schön die Meinung gesagt. Traute sich dann aber doch nicht.
Ohne ein Wort zu sagen, ging sie also zu ihrem Sessel zurück, und reichte Erik die Karte, der sie sogleich in Augeschein nam. Sie setzte sich, und sah zu ihm hinüber. Und mit einem mal, wurde ihr von einer Sekunde zur anderen abwechseln Heiß und kalt.
Schei..! Die Karte, dass Datum!
Dachte sie panisch. Und schon versuchte sie sich die Karte zurückzuholen. Doch leider war der Versuch auch Erik nicht verborgen geblieben. So schnell wie der Blitz – so schien es Lilly jedenfalls, hatte er die Karte aus ihrer Rechweite gebracht. An weitere Versuche dieses verdammte Stück Papier zurückzubekommen, war also gar nicht erst zu denken.
Warum habe ich nicht schon gleich daran gedacht? Bravo altes Haus! Ganz toll gemacht! Und was machst du jetzt? Das bescheuerte Datum kann er doch gar nicht übersehen. Und schon gar keine Hologrammaufdrucke. Gibt's so was eigentlich schon? Ne ich glaub nicht! Oh Mist mist mist!
Ihre Gedanken rasten in ihrem Kopf herum wie auf einer Schnellstraße. Sie hatte sich so sehr auf dieses Beweisstück verbissen, dass sie an die bestimmten Kleinigkeiten wie z.B. Datum und diverse Sicherheitsmerkmale gar nicht erst gedacht hatte. Und jetzt saß sie wohl ganz schön in der Klemme.
Erik jedoch gab vor gar nichts von ihrer Nervosität zu bemerken. Statt dessen sah er sich das Stück Papier das sie ihm gegeben hatte genau an. Die Karte war wirklich für die Opera´ Garnier ausgestellt. Damit hatte sie wohl die Wahrheit gesagt. Auch was die Aufführung von Faust betraf. Und auch die Sitznummern waren angegeben. So weit sagte sie also doch die Wahrheit.
Doch etwas schien damit nicht zu stimmen. Erstens hatte er noch nie eine solche Eintrittskarte gesehen. Schon allein das Material. Und in den Ecken befanden sich silberne Aufdrucke, die im Licht glänzten. Dass wäre ja ganz etwas neues. Doch andererseits, änderte sich das Aussehen dieser Dinger ständig. Also nichts besonderes.
Doch als er in die untere rechte Ecke sah, stutzte er.
Nun so wie es aussieht, haben sie heute Abend tatsächlich an der Oper eine Aufführung gesehen. Die Karte scheint das ja zu beweisen.
Lillys Herz machte einen plötzlichen Satz. Hatte er die Zahl etwa nicht bemerkt? Vielleicht dachte er an einen Druckfehler. Warum sollte sie nicht auch mal ein bisschen Glück haben.
Sehen sie! Das versuche ich ihnen ja die ganze Zeit über zu sagen. Glauben sie mir jetzt endlich?
Hörbare Erleichterung schwang in ihrer Stimme mit. Er hatte es nicht bemerkt! Noch einmal sah er die Karte an, und legte sie anschließend auf den kleinen Beistelltisch neben sich.
So wie es aussieht, habe ich ihnen tatsächlich unrecht getan. Und so wie es aussieht...
Wie oft soll ich eigentlich noch –
Sagen sie mal, wollen sie mich hinters Licht führen oder was?
Aber ich-
Sagen sie für wie schlau halten sie sich eigentlich? Mir eine Karte unter die Nase zu halten, die nicht einmal echt ist. Haben sie wirklich daran geglaubt mich so einfach täuschen zu können? Ich meine, gut, ich habe schon schlechtere Fälschungen gesehen. Doch wenigstens sollte man darauf achten, welches Datum man aufdruckt, Geschweige denn, welches Papier man verwendet.
Er musterte die Karte erneut bevor er fortfuhr.
Tut mir leid, aber so einfach mache ich es ihnen nicht. Da haben andere schon besseres ausprobiert. Und selbst das hat ihnen nichts genutzt. Und vielleicht rücken sie nun endlich einmal mit der Wahrheit raus!
Er sprach nicht recht viel lauter als gerade eben. Dennoch hatte seine Stimme einen solch schneidenden und bedrohlichen Klang angenommen, dass Lilly unweigerlich zusammenzuckte. In diesem Punkt hatte die Bücher doch recht. Seine Stimme allein war schon Waffe genug.
Nun? Reden sie jetzt endlich?
Ich, ich...
Was sollte sie ihm nur sagen? Hallöchen, Ich bin eine Zeitreisende aus dem 21. Jahrhundert nett sie kennen zu lernen. Und was dann? Darauf hin würde er sie bestimmt für verrückt halten. Aber andererseits, lief sie nicht weiter Gefahr sich so in ihrem Lügengeflecht zu verwickeln, dass sie nicht mehr herauskam.
Also auf in den Kampf. Wenn er mir jetzt nicht glaubt, hilft nur noch die Radikalkur Handy-Digicam-Euro!
Dachte sie noch kurz, bevor sie tief durchatmete und ihm fest in die Augen zu sehen.
Nun gut! Also...
Begann sie zögernd.
Was die Karte angeht, die ist echt.
Mademoiselle bitte! Das Datum ist für das Jahr 2005 ausgestellt. Und zu ihrer Information, wir haben das Jahr 1872! Also sagen sie mir nicht, dieses Ding da wär echt.
Ich weis, dass hört sich verrückt an. Ich kann es ja selbst kaum glauben. Geschweige denn verstehen. Nun, machen wir es kurz und schmerzlos: Ich komme aus dem Jahr 2005.
Jetzt war Erik es, der an seinem Verstand zweifelte. Was hatte sie gerade gesagt? Sie wäre aus dem Jahr 2005? Zeitreisende? Das kann nicht sein. So was gibt's doch gar nicht! Doch beschloss er sie nicht zu unterbrechen. Denn wenn er das tun würde, verlor sie vielleicht den Faden, und dann würde er nie erfahren wo sie her kam.
Wir, also meine Freundin Dani und ich wollten eigentlich – oder besser gesagt werden! – unseren Urlaub in Paris verbringen. Dieser fing auch ganz toll an. Doch heute Abend ist alles aus den Fugen geraten. Wir waren in der Oper. Und nach der Vorstellung wollten wir eigentlich gleich ins Hotel zurück.
Aber nein, ich musste ja unbedingt meinen Hirngespinsten nachrennen. Und deswegen bin ich noch mal zurück, und neugierig wie ich nun mal bin, einen Gang hinuntergegangen. Irgendwo bin ich dann in eine der Garderoben gegangen. Und von dort aus weiter in den Keller.
Und weiter unten, war in der einen Mauer eine große Spalte. Und als ich näher rangegangen bin, wurde es plötzlich laut und irgendwann ist dann alles schwarz geworden. Und als ich wach geworden bin, war ich hier.
Zunächst wollte ich zurück zur Garderobe. Aber da ist die Türe abgeschlossen worden. Danach habe ich nach weiteren Ausgängen gesucht. Und hab den Spiegel gefunden. Und in dieser Garderobe hab ich dann auch ein Tagebuch gefunden. Und da drin habe ich zum ersten mal das Datum 1872 gelesen. Doch das konnte ja gar nicht sein. Und so bin ich durch die ganze Oper gelaufen. Bis ich dann aus dem Fenster gesehen habe, und sofort bemerkt habe, dass ich wohl wirklich durch die Zeit gereist bin. Ich weis, es hört sich völlig verrückt an. Ich selbst habe auch schon mit dem Gedanken gespielt, langsam verrückt zu werden. Aber leider scheine ich meine sieben Sachen noch recht gut zusammen zu haben. Und nun, weis ich nicht einmal wie ich wieder nach hause kommen soll.
Mittlerweile hatte sie die Verzweiflung wieder eingeholt, und sie war den tränen nahe. War die Situation für sie doch aussichtslos. Und wer weis, was als nächstes passieren würde.
Erik saß nur unbeweglich da. Er hatte sich die gesamte Geschichte angehört ohne mit der Wimper zu zucken. Doch mit dieser Erklärung gab er sich nicht ganz zufrieden. Nun wenn es stimmte, würde dies sowohl die Karte, als auch das seltsame Kleid erklären.
Nehmen wir einmal an, es stimmt so wie sie es mir eben erzählt haben. Dann möchte ich aber trotzdem wissen, wie sie hier herunterkommen. Sie sind doch nicht wirklich freiwillig hier nach unten gekommen oder?
Aber woher sollte sie eigentlich wissen das er hier unten lebte? Schließlich lagen zwischen ihnen 133 Jahre! Diese ganzen Gerüchte und Geschichten waren doch bestimmt in Vergessenheit geraten.
Um ehrlich zu sein, habe ich nach ihnen gesucht!
