Kapitel 11: Beweise
Beide saßen sich schweigend gegenüber. Erik lies sich nicht anmerken was er gerade dachte. Er beobachtete Lilly, die nervös einer der vielen Haarsträhnen spielte, die sich mittlerweile aus ihrer Frisur gelöst hatten. Und dann, nach einem endlos scheinenden Moment, brach Erik die Stille.
Und das soll ich ihnen also glauben? Erst erzählen sie mir dieses, dann jenes? Sie müssen doch selbst zugeben das man in solch einem Fall nur sehr schwer die Wahrheit erkennen kann oder?
Er hatte natürlich recht! Und plötzlich, bereute sie es nicht von vorne herein die Wahrheit gesagt zu haben. Doch woher hätte sie den wissen sollen, dass er diese Geschichte so einfach glauben würde. Und überhaupt! Er reagierte ja schon fast so gelassen als hätte sie ihm gerade eben mitgeteilt das es draußen Regnen würde. Seltsam! Und doch schien er so, als müsse er sich über seinen Standpunkt gegenüber ihrer Erzählung selbst noch klar werden.
Also entschied sie sich dazu erst einmal nichts mehr zu sagen. Schließlich war sie jetzt in seiner Hand. Ob es ihr nun gefiel oder nicht. Sie befand sich in seinem Reich. Tief unter der Oper. Es gab gewiss kein Entkommen ohne das er es bemerken würde. Im Moment konnte sie also nur Abwarten und die Dinge auf sich zukommen lassen.
Lilly bemerkte plötzlich, dass er sie wieder von oben bis unten hin musterte. Doch warum sagte er nichts? Und mit einem Male konnte sie einfach nicht mehr anders.
Was ist? Glauben sie mir jetzt oder nicht? Und starren sie mich bitte nicht so an!
Verzeihung! Es ist nur so, dass ich gerade versuche mir einen Reim auf ihre Geschichte zu machen. Und um ehrlich zu sein, fällt es mir im Moment doch ein wenig schwer das alles zu glauben, und –
Weiter kam er nicht, weil sie ihm blitzschnell das Wort abgeschnitten hatte:
Also glauben sie mir nicht! Nun in diesem Fall kann ich sie beruhigen Monsieur! Zufälligerweise, kann ich beweisen das ich aus der Zukunft komme!
Ach ja? Und vor allem – wenn ich fragen darf – wie wollen sie das anstellen? Da dürften sie sich nämlich ein wenig mehr einfallen lassen, als eine simple, möglicherweise gefälschte Eintrittskarte!
Jetzt war Lilly selbst es, die ihr Gegenüber anstarrte! Und sie wüsste nur zu gerne, worüber er die ganze Zeit über nachgedacht hatte, wenn er ihr nun eh nicht glaubte! Aber ob sie wollte oder nicht! Langsam aber sicher trieb er sie mit seiner verdammten Gelassenheit zur Weißglut!
Andererseits, hätte sie sich so etwas aber auch denken müssen! Schließlich kannte sie die Geschichte vom geheimnisvollem Phantom der Oper nur zu gut! Er konnte laut dieser in wahre Raserei verfallen, andererseits aber hatte er wohl bei gewissen Angelegenheiten eine fast unerschöpfliche Geduld. Und außerdem - wollte sie nicht unbedingt hier her? Aber sie hatte sich auch schon verplappert. Warum hatte sie nur gesagt das sie auf der Suche nach ihm war? Doch war Erik gar nicht weiter darauf eingegangen. Was sie leicht verunsicherte. Entweder hatte er den Satz überhört – was sehr unwahrscheinlich ist – oder er ging nur für den Moment nicht darauf ein. Und sie tippte für den Moment mit 100iger Sicherheit auf letzteres.
Nun gut!
Sie schrak heftig zusammen als er sie wieder ansprach. So sehr war sie in Gedanken versunken gewesen.
Dann bitte. Zeigen sie mir ihre Beweise. Und ich hoffe für sie das es bessere sind, als ihre Kleidung oder dergleichen.
Und kaum hatte er die letzten Worte ausgesprochen, hatte sie auch schon das Zimmer verlassen, und befand sich auf den weg zu ihrem Zimmer. Dort überlegte sie zunächst einen Augenblick, was sie ihm zeigen konnte. Entschied sich aber im selben Moment doch noch anders, und schnappte sich die ganze Tasche. Wenn schon dann richtig. Und in weniger als zwei Minuten war sie wieder im Wohnzimmer angelangt. Sie stellte die Tasche auf den Tisch, was Erik dazu veranlasste, sie erneut mit abschätzenden Blick zu betrachten.
Eine Tasche? Das kann doch wohl nicht ihr Ernst sein? Und wie sollte mir dieses Ding beweisen, dass Ihre Geschichte nun der Wahrheit entspricht?
Die Tasche beweist ja auch nichts!
Schnappte sie gleich darauf zurück!
Aber haben sie schon mal daran gedacht, dass der Inhalt es sehr wohl beweisen könnte?
Nun war Erik an der Reihe ein wenig unsicher zu wirken. Immerhin hatte sie recht.
Dann bitte! Zeigen sie mir ihre Beweise!
Darauf hatte Lilly nur gewartet. Womit sollte sie nur anfangen? Irgendwie fing die Sache an ihr Spaß zu machen. Das Handy? Oder vielleicht doch die Digicam?
Sie entschied sich für das Handy! Auch wenn es natürlich gar nicht richtig funktionierte. Aber immerhin konnte man das Menü aufrufen und gewisse andere Funktionen anwählen. Doch erst einmal begnügte sie sich damit es Erik über den Tisch zu reichen.
Er nahm es entgegen, fasste es aber so vorsichtig an, als könnte es im nächsten Augenblick explodieren oder so etwas in der Art. Er drehte es hin und her, anscheinend konnte er sich darauf keinen Reim machen. Ungläubig sah er sich das kleine schwarz glänzende Ding in seiner Hand genauer an.
Was ist denn das?
Ein Handy!
Erklärte ihm Lilly prompt selbstzufrieden. Anscheinend war es ihr doch gelungen ihn zu überrumpeln. Mit solchen Beweisen hatte er offensichtlich nicht gerechnet.
Ein bitte was?
Ein Handy! Telefon! Das habe ich doch schon gesagt!
Und was macht man mit so einem Händie? Ich meine, wozu sollte man so etwas gebrauchen?
Damit kann man über weite Entfernungen hinweg mit anderen Leuten Reden. So etwas wie ein Fernsprecher in dieser Zeit! Ich glaube, dass diese Erfindung schon vor ein paar Jahren gemacht wurde? Nun, das Handy ist eben die modernste Variante davon.
Und wie funktioniert das Ding?
Unwissend, hatte Lilly wohl Eriks Forscherdrang geweckt! Und mit leisem Seufzen, beschloss sie es ihm einfach zu erklären. Auch wenn es nicht funktionieren konnte.
Also eigentlich ganz einfach. Wenn man mit jemanden sprechen möchte, der auch ein solches Handy hat, Tippt man über die einzelnen Tasten die eine Telefonnummer ein, und dann kann man mit dem anderen reden. Nur leider kann ich das hier ja nicht machen. Ich kann ja nicht einmal eine kleine SMS schreiben und verschicken.
SM- was?
Jetzt könnte sie sich ohrfeigen. Warum passte sie nur nicht auf was sie gerade sagte.
Eine SMS! Eine kurze Nachricht an jemanden! Die kann ich mit dem Handy verschicken!
Aber ich dachte damit kann man mit jemand anderen reden?
Ja das auch, aber die Dinger können viel mehr. Ich kann z.B. einen Text eingeben, an eine Telefonnummer schicken, und dann kann die Person an die ich die Nachricht geschickt habe diese lesen. Moment, darf ich mal bitte.
Schon hatte sie sich das Handy geangelt, und fing an darauf herumzutippen. Gleich darauf hielt sie es Erik wieder unter die Nase, um ihn eine solche Nachricht zu zeigen. Darin stand nur, dass sie auf gar keinen Fall ihre Digicam vergessen sollte. Die Nachricht stammte von Dani.
Als Erik die Nachricht gelesen hatte, fragte er sie auch schon nach dieser Digicam. Lilly hatte nicht gewusst, dass er Deutsch verstand. Erst jetzt war ihr aufgefallen, dass sie sich die ganze Zeit über wie selbstverständlich auf Französisch unterhalten hatten. Aber das war im Moment ja wirklich Nebensache.
Ach, nichts wichtiges! Auch nur so ein modernes Ding!
Bemerkte sie so nebenbei, in der Hoffnung, dass er nicht weiter darauf eingehen würde. Doch sie hatte wohl nicht mit Eriks Hartnäckigkeit gerechnet, die er nun an den Tag legte. Berühmte Persönlichkeiten können einen teilweise ganz schön auf den Wecker gehen. Und dabei hatte sie es sich schön so oft vorgestellt, wie es wohl wäre das Phantom der Oper wirklich zu treffen. Doch das es so ablaufen würde? Daran hatte sie bestimmt nicht gedacht. Zumindestens nicht in sofern, dass sie sämtliche modernen Errungenschaften ihrer Zeit erklären musste.
Und was macht man mit so einem Ding? Verzeihen sie mir bitte meine Neugierde, aber so etwas bekommt man nicht alle Tage zu sehen.
Warum auch? Sie glauben mir doch nicht. Egal was ich ihnen zeige.
Nun, um ehrlich zu sein, ihre Geschichte, klingt nach wie vor einfach zu unglaublich um wahr zu sein. Aber die Tatsache, dass ich so etwas wie dieses – wie nannten sie es doch gleich – Handy oder? Noch nie in meinem ganzen leben gesehen habe, und ich bin weiß Gott schon sehr weit herumgekommen. Das ganze macht die Sache aber schon wieder in so weit glaubhaft, dass ich durchaus geneigt bin ihnen zu glauben.
Jetzt war es an Lilly, nicht zu glauben was sie da gerade gehört hatte. Er hatte doch gerade gesagt das er ihr glaubte? Einfach so und ohne weiteren aufstand? Das war doch zu schön um war zu sein! Doch es hieß immer noch abwarten. Vielleicht kam der große Aha- Moment erst am Schluss! Aber erst einmal, gab sie klein bei und holte die Kamera heraus.
Na schön! Wenn es unbedingt sein muss!
Sprach sie, und griff dabei in die Tasche um die Kamera herauszuholen. Und gleichzeitig, hatte sie wieder keinen Plan wie oder besser gesagt was sie sagen konnte, ohne das es zu kompliziert zu verstehen war. Lilly wusste ja noch nicht einmal genau, ob es so etwas wie Fotoapparate überhaupt schon gab! Sie zeigte Erik auch einige Fotos, die sie im Laufe des Urlaubs schon gemacht hatte. Angefangen bei der Stadtrundfahrt, Disneyland bis hin zur Opera´. Und nebenbei bemerkte sie, das Erik mit immer wachsender Begeisterung und vielleicht auch Neugier zu Werke ging. Hier und da musste sie ihm zwar erklären, was auf den Fotos alles abgebildet war, doch was machte das schon. Ebenso hätte man sie auch als verrückte, oder als Hexe bezeichnen können.
Aber irgendwann, legte er das Gerät beiseite, und wurde von einem Augenblick auf den nächsten wieder ernst.
Nun, ich denke, sie haben es wirklich geschafft mir zu beweisen, dass sie wohl wirklich aus der Zukunft stammen. Das würde ja dann auch ihre – verzeihen sie bitte – sonderbare Kleidung und noch so manch anderes erklären. Ihr loses Mundwerk zum Beispiel!
Fügte er leicht belustigt hinzu, als er merkte, dass Lilly bei diesen Worten rot wurde.
Aber nun muss ich sie noch einmal fragen. -(Oh je, jetzt kommt's!) Dachte Lilly schon.
Warum sind sie hier hergekommen?
Das habe ich doch schon gesagt! Weil ich auf –
Weil sie auf der suche nach mir waren! Ja, dass habe ich auch schon mitbekommen. Doch was hat sie zu dieser Suche veranlasst? Ich meine, woher wussten sie das sie mich hier finden würden? Oder noch genauer gefragt, woher wissen sie überhaupt von mir? Denn ich denke nicht, dass wir uns schon einmal getroffen haben oder?
Nein, dass nicht. Aber –
Ja? Aber?
Jetzt war es soweit. Sie wusste nicht was sie darauf erwidern sollte. Was wenn sie jetzt etwas falsches sagte? Wenn sie dadurch den Lauf der Dinge aus der Bahn werfen würde? Und was würde dann wohl anstatt der Ereignisse geschehen, die eigentlich geschehen waren. Oder besser gesagt, die erst noch geschehen werden. Wird es die Geschichte die sie kannte dann noch geben? Oder wird sie vollkommen anders laufen? Lilly sah sich in einer Zwickmühle eingeklemmt. Andererseits, was hatte sie schon zu verlieren?
Nun – (sag es! Sag es doch endlich!)! Ach was soll's! Raus damit! Also ich habe nach ihnen gesucht, um zu erfahren ob die Geschichte des Phantoms der Oper der Wahrheit entspricht. So jetzt ist es raus.
Was soll das heißen? Die Geschichte des Phantoms der Oper?
Na was es eben heißt! Um es mal genau zu sagen: Eigentlich kennen Millionen von Menschen ihre Geschichte.
Jetzt war Erik es wieder, der erstaunt dreinblickte, und anscheinend nicht so recht wusste was er darauf erwidern sollte. Aber er wollte es ja unbedingt wissen!
Das ist nicht möglich! Auf gar keinen Fall! Ich ziehe es vor mein Leben für mich zu leben. Warum sollte sich irgendjemand für mich interessieren wollen? Und vor allem, woher sollten alle von mir wissen? Ich habe auf jeden Fall gewiss nicht vor meine Memoiren irgendwo zu veröffentlichen!
Das haben sie auch nicht getan so weit ich weiß! Aber die Geschichte ist trotz allem ein Welterfolg! Na gut mal davon abgesehen, dass sich die Bücher wohl nicht so großer Beliebtheit erfreuen wie Das Musical oder der neue Kinofilm aber –
Moment mal! Bücher?
Ja! Hab ich doch gerade gesagt! Gaston Leroux Krimi ist einfach nur spannend zu lesen. Auch wenn ich mich mit seinem Schreibstil erst anfreunden musste. Aber es gibt ja noch andere!
Wie bitte?
Nun ja, und dann erst dass Musical! Die Musik ist einfach nur fantastisch!
Moment mal! Halt! Hab ich das gerade richtig verstanden? Über mich gibt es Bücher? Ein Musical? Was ist das eigentlich? Und ein Kinofilm?
Erik verstand anscheinend die Welt nicht mehr! Kein Wunder wenn man bedenkt was er gerade zu hören bekam. ( An seinem Bekanntheitsgrad gibt's halt nichts zu rütteln! Immerhin hat er seine eigene Fanfiction Rubrik! ;-$) Doch das große Genie brauchte wohl eine kurze Pause um erst einmal zu verarbeiten, was er da gerade zu hören bekommen hatte. Und so wie es aussah, war er für den ersten Moment sprachlos!
Noch mal von vorne bitte! Also wenn ich sie gerade richtig verstanden habe, sagten sie, es gibt Bücher über mich? Was steht da den bitte schon drin?
Um es mal ganz genau zu sagen, ihre komplette Lebensgeschichte teilweise! Wie viel davon allerdings der Wahrheit entspricht kann ich auch nicht sagen.
Kann ich also davon ausgehen, dass fast gar nichts stimmt oder?
Lilly zuckte nur mit den Schultern. Sie konnte ja wirklich nicht wissen was alles der Wahrheit entsprach, und was erfunden war.
Und was soll das mit dem Musical? Was soll das überhaupt sein?
Ein Musical? Das ist eine Mischung aus Theaterstück und einer Oper! Oder so in etwa.
Aha, und so was soll über mich geschrieben worden sein?
Ja! Und ganz nebenbei bemerkt, ist es eines der am meisten aufgeführten Stücke Weltweit!
Ich wusste gar nicht, dass ich so interessant bin!
Oh doch! Und wie!Und was soll das mit dem Kinofilm? Was ist das bitte?
Nun, eigentlich das selbe her wie das Musical, nur das das halt eine Aufnahme für zuhause ist.
Diese Erklärungen mussten erst einmal reichen. Und Erik sah noch immer so aus, als würde er am liebsten aufspringen, und auf irgendetwas einschlagen, damit er nicht mehr so angespannt wirkte. Doch alles in allem, schien er die Sache sehr gut aufzunehmen. Na ja, vielleicht überlegte er es sich ja noch anders.
Und kaum hatte Lilly den Gedanken zu Ende gebracht, erhob er sich tatsächlich aus dem Sessel. Er drehte sich zu ihr um, und reicht ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen.
Da ich ihnen die ganze Sache hier nun glaube, macht es ihnen doch sicherlich nichts aus, mir diesen geheimnisvollen Mauerspalt zu zeigen oder?
