Kapitel XXVI – Unterhalb der Welt
Als die schwere Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, zuckte Harry unwillentlich zusammen. Auch Snape sah dabei nicht gerade glücklich aus. Stumm folgte er dem Auror – wahrscheinlich innerlich seinen eigenen Gedanken nachhängend, denn es hatte in seinem Leben sicherlich nur wenig gefehlt, damit er auch dort unten gelandet wäre...
Sie gingen einen trostlosen Gang entlang, bis auf Hüfthöhe gekachelt, darüber hinaus mit Ölfarbe gestrichen – eine Farbe, von der man alles abwaschen konnte. Die Luft war ungesund, das Licht unbarmherzig. Harry blickte den Auror vor ihm an und dann seine eigenen Hände: Jede noch so gesunde Hautfarbe verwandelte sich in diesem Licht in ein fahles hellgelb, als hätte der Inhaber Gelbsucht oder eine ähnliche Krankheit.
Links und rechts von diesem schier endlosen Gang gingen nun einzelne Zellen ab. Türen, die aussahen, als wären sie aus irgendeinem undurchdringlichen und unzerstörbaren Metall. Harry erwartete komplizierte Schlösserkombinationen imposanter Art, ähnlich wie die an den Türen von Gringotts, aber an jeder der Türen befand sich statt eines Schlosses eine kleine Fläche, die dort angebracht war, wo das Schloss hätte sein müssen und die auf Harry wirkte, als habe sie keine eigene Farbe. Vielmehr schien sie wie eine Kaugummimasse zu sein, die jedes Licht verschluckte. An jeder dieser Türen stand ein Name und eine kurze Mitteilung, wann er eingeliefert wurde und wann er diesen Ort wieder verlassen sollte. An einigen Türen war diese Zeile einfach leergelassen. Über den Gang patrouillierten Auroren in dunkelroten Roben, jeder von ihnen mit einem kleinen Schlüsselbund um die Hüfte. Allesamt schauen sie ernst, und alle musterten Harry, Snape und ihren Führer kritisch. Die meisten schauten erstaunt, wenn sie mit ihrer Kopf-bis-Fuß-Musterung bei Harrys Kopf angekommen waren und die Narbe darauf erkannten. Danach wanderten ihre Blicke in der Regel zu Snape und ihre Minen verfinsterten sich wieder. Snape selbst ignorierte diese Blicke und wanderte mit eingefrorener Mine hinterher. „Wahrscheinlich ist er schon daran gewöhnt angestarrt zu werden... irgendwann habe ja auch ich mich daran gewöhnt", dachte Harry. Schön war es aber bestimmt nicht. Ihm gefiel es ja auch nicht, auch wenn er aus anderen Gründen angestarrt wurde als Snape. Er war der „Gute", Snape das „Böse in personifizierter Gestalt". Wahrscheinlich war es leichter, „gut" zu sein..
Bevor Harry sich aber tiefer mit diesem Gedanken beschäftigen konnte, kamen sie an einer Tür zum Halt. Der Auror, der sie begeleitet hatte, fingerte einen Schlüssel vom Schlüsselbund, tippte mehrfach mit seinem Zauberstab dagegen und schob ihn zielsicher in das kleine schwarze Viereck. Die Masse nahm den Schlüssel auf, als hätte man ihn in etwas gel-artiges gesteckt. Nach einem kurzen Augenblick erklang ein Geräusch, als würde jemand eine dicke Flüssigkeit durch einen Strohhalm absaugen, und die Tür sprang auf. Der Auror hielt sie fest, öffnete sie und gestikulierte ihnen einzutreten.
Zögerlich folgte Harry seiner „Einladung". Mit einem mulmigen Gefühl im Magen betrat er die düstere Zelle. Der von unten bis oben gekachelte Raum enthielt nicht mehr als eine Pritsche... und auf der saßen Ron und Hermine, beide auf die Tür und ihn starrend.
„Harry!" Hermine sprang auf, flog ihm um den Hals und vergrub ihren Lockenkopf in seiner Schulter. „Harry... es tut uns so leid... kannst du uns verzeihen?"
Wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er gedacht, seine älteste Freundin würde weinen. „Hey, ist ja gut.. Es war ja nicht eure Schuld. Niemand kann sich dem Imperius widersetzen."
Auch Ron war aufgestanden, und er blickte mehr als schuldbewusst.
Bevor er jedoch etwas sagen konnte, räusperte Snape sich im Hintergrund. „Wenn dieses Wiedersehen vielleicht später gefeiert werden könnte?"
Eilig verließen Ron, Harry und Hermine die kleine Zelle und folgten Snape und dem Auror nach oben. Mit jedem Schritt, den sie gen Ausgang gingen, schien sich ein schweres Gewicht von ihren Schultern zu heben. Immer beschwingter wurden ihre Schritte und als sie wieder in der Ministeriumshalle standen, mit den vielen Kaminen links und rechts, lächelten Hermine und Ron schon fast wieder.
Snape scheuchte sie zu einem Kamin, holte einen kleinen Beutel hervor und ließ jeden hineingreifen.
Hermine ging zuerst in den Kamin, rief laut und erleichtert „Hogwarts!" und verschwand. Dann trat Ron in die Flammen und auch sein „Hogwarts!" klang erleichtert. Bevor Harry hineintrat, blickte er Snape noch mal an, der den Beutel bereits wieder in seiner Robe verstaut hatte.
„Sir..?"
Wie aus Trance erwachend sah Snape ihn an.
„Gehen Sie vor. Ich habe hier noch etwas... zu erledigen."
Harry trat in den Kamin, rief „Hogwarts!" und raste durchs Kaminsystem. Verstehen würde er es nie – warum konnte man nicht einfach fliegen…
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12/9/2005
Ich glaube, dass war das erste Kapitel, dass ich 2005 geschrieben habe.. herrje.
Danke an alle treuen Leser sowie an Brirdy, die sich das ganze auch noch mal angetan hat.. das nächste Kapitel existiert schon teilweise, also dürft Ihr weiterhin hoffen. Über Reviews freue ich mich wie immer und verbleibe -
S/Fayet
