Kapitel 16- Entschuldigungen und Geschenke

James setzte sich zu ihr.

„Oh nein. Was habe ich nur getan?", warf Lily sich vor. „Ich habe dich in Gefahr gebracht. Ich habe einfach nicht nachgedacht. Ich, ich..."

„Ja, das hast du allerdings.", sagte James leichthin.

„James, es tut mir so leid."

„Ich weiß, dass es dir leid tut, aber du warst sehr leichtsinnig.", er hörte sich an, wie sein Vater.

„Bitte verzeih mir.", bat Lily. „Als ich ihn gesehen habe wollte ich mich nur noch an ihm rächen."

„Lily, bitte tu so etwas nie wieder!"

„Ja.", schluchzte sie auf einmal und alle Anspannung fiel von ihr ab.

„Es tut mir so leid.", schluchzte sie immer wieder.

James nahm sie in den Arm.

„Ist doch gut!", beruhigte er Lily, als wäre sie ein kleines Kind. Behutsam streichelte James über ihren Rücken.

„Du warst aber ganz schön mutig.", sagte er nach einer Weile. „Nicht jeder brüllt Voldemort an, er sei ein Bastard."

„James, was denkt jetzt dein Vater von mir?"

„Keine Ahnung. Aber eine gute Entschuldigung bei ihm, und nicht bei mir, wird es schon richten."

„Meinst du?"

„Ja. Ich denke schon. Mein Dad war jetzt ziemlich sauer, aber er war sehr besorgt. Das musst du auch verstehen."

Lily nickte zaghaft.

„Was wird mit Courtland jetzt passieren? Askaban?", fragte sie.

James nickte.

„Er ist jetzt zur Befragung im Ministerium. Ein Heiler musste ihn vorher behandeln, denn du hattest ihm eine Rippe gebrochen.", James schmunzelte.

„Voldemort konnte aber entkommen. Leider. Derjenige, der ihn aufhält muss bestimmt erst noch geboren werden."

Eine Weile verging bis Lily das Wort ergriff.

„James?"

„Ja?"

„Du bist sehr mutig."

„Warum?"

„Weil du mich beschützen wolltest."

„Habe ich doch zum Schluss auch."

„Ja, das hast du."

Lily kuschelte sich an ihn.

„James?"

„Ja?"

„Ich bin so froh das ich bei dir bin."

„Ich bin auch froh das du bei mir bist, Liebling."

„James?"

„Ja?"

„Ich hab dich sehr lieb.", und sie küsste ihn auf die Wange.

James traute seinen Ohren nicht. Das war das erste Mal, das Lily Evans ihm sagte, dass sie ihn sehr mochte.

„Ich hab dich auch sehr lieb.", er küsste sie sanft aufs Haar.

Das Abendessen verlief sehr ruhig. Mrs Potter saß noch immer der Schock in den Knochen, dass ihr Sohn vor Voldemort gestanden hatte. Kaum jemand sagte ein Wort. Nur das klimpern des Besteckes war zuhören. Man hätte die angespannte Atmosphäre mit den bloßen Händen greifen können. Lily fühlte sich wie das schwarze Schaf der Familie, denn eigentlich war alles ihre Schuld. Sie benutzte die Stille, um sich eine passende Entschuldigung auszudenken. Doch jedes Mal, wenn sie Mr. Potter ansah verlor sie den Mut. Die Weihnachtsstimmung war den Bach hinunter gegangen. Sirius war der einzigste, der gute Laune hatte.

Bevor Lily zu Bett ging fasste sie sich ein Herz und klopfte vorsichtig an die Türe des Arbeitszimmers. Jetzt oder nie, sagte sie sich.

„Herein!", rief Mr. Potter.

Lily atmete noch einmal tief und trat ein.

James' Vater saß hinter einem gewaltigen Schreibtisch, der voller Pergament lag. An den Wänden zogen sich dunkle Regale aus Kirschholz entlang, die bis unter die Decke reichten. Vor der Feuerstelle standen zwei gemütlich aussehende Sessel und über dem Kamin hing das Familienwappen. Es war ein in Silber geprägter Hirsch, der von einem Lorbeerkranz umrandet wurde.

Der Hirsch liegt James also im Blut, dachte sie überrascht.

„Komm herein und setzt dich!", er machte eine einladende Bewegung zu den zwei Sesseln. Etwas zögerlich nahm Lily platz. Mr. Potter arrangierte sich ihr gegenüber.

„Nun?", fragte er.

„Ähm, ja.", sie atmete noch einmal tief ein.

„Ich wollte mich für mein Benehmen von heute entschuldigen. Es war sehr töricht von mir. Ich weiß, dass ich James und mich in Gefahr gebracht habe. Es tut mir sehr leid und es wird nicht wieder vorkommen."

Mr. Potter sah sie überrascht an. Das hatte er wohl nicht erwartet. James hatte ihr erklärt, dass es das Beste wäre für seine Fehler gerade zu stehen. Das würde ihn beeindrucken.

„Ich nehme deine Entschuldigung gerne an!", sagte er nach ein paar Sekunden schon etwas herzlicher.

Sämtliche Luft entwich aus Lily. Nun erkannte sie seine nette Art aus den Briefen wieder.

„Wirklich? Oh danke. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen und ich war ja so..."

Mr. Potter hob die Hand und sie verstummte.

„Ich möchte mich im Gegenzug bei dir bedanken. Ich heiße es nicht für gut, was ihr getan habt, aber wir haben heute einen Todesser gefangen der zwei Menschenleben vernichtet hat, wenn nicht sogar mehr. Das ist ein kleiner Fortschritt für meine Abteilung.", erklärte er aufrichtig.

Sie sah ihn verdutzt an. Damit hatte Lily nicht gerechnet.

„Äh, keine Ursache.", sagte sie wie betäubt. Beinahe wäre ihr noch ein "Jeder Zeit wieder.", heraus gerutscht, doch kurz davor fand sie ihre Fassung wieder.

Lily verabschiedete sich bald. Mr. Potter wünschte ihr eine gute Nacht und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch. Sie huschte über die Flure. Lily wollte jetzt nicht alleine sein.

Die große Wanduhr schlug gerade 11 als sie die Treppen zum zweiten Stock erklomm.

Was hat er gesagt? Die selbe Türe nur einen Stock höher., überlegte Lily.

Da stand sie nun und öffnete die Türe. Alles war dunkel als sie in den Raum trat. Aber sie hörte ein tiefes atmen. Na wenigstens schnarcht er nicht.

Vorsichtig tastete sie sich durch den Raum.

„Aua!", Lily war gegen eine Kante gestoßen.

Ein rascheln, von einer zurück geworfenen Bettdecke, ertönte und James sprang aus dem Bett.

„Wer ist da?", sein Zauberstab lag bereit in seiner Hand.

Lily war perplex.

"Erwartest du noch jemanden um diese Zeit in deinem Schlafzimmer?", fragte sie sarkastisch.

„Lily? Was machst du hier?"

„Na du hast mir doch gesagt, wo dein Zimmer ist und nun bin ich hier. Ist das schlimm?", sie schien verwirrt.

„Äh, nein. Ich habe nur nicht gedacht das du her kommst.", antwortete James ehrlich.

„Nun ja. Hier bin ich!", lachte Lily.

„Wo ist dein Bett? Ich sehe rein gar nichts."

„Warte einen Moment.", und augenblicklich erhellte sich der Raum.

Die Zimmer waren fast identisch eingerichtet, nur hingen Poster an den Wände und in Regalen stapelten sich Bücher und sonstige Dinge.

„Nett hast du es hier.", ihr Blick fiel auf Klamotten die auf dem Boden zerstreut lagen.

„Hä, na ja.", James kratzte sich am Hinterkopf. „Nicht wirklich."

„Kann ich heute Nacht bei dir bleiben?", platzte Lily heraus.

Ein Kribbeln machte sich in James Bauch breit.

„Äh, klar. Wenn du willst.", sagte er gelassen. Sein Mund trocknete aus.

Sie strahlte ihn an und steuerte auf das Bett zu. Lily löste den Knoten an ihrem Bademantel und warf ihn über einen Stuhl, der unter der weiteren Last bedrohlich ächzte.

Sie trug einen hellblauen Pyjama. James betrachtete Lily genau. Sie hatte es sich bereits gemütlich gemacht als sie James verwundert an sah.

„Warum stehst du noch da?"

Er schreckte hoch. „Hä? Oh ja.", und er krabbelte zurück in sein Bett.

Lily war ganz warm und James konnte den letzten Hauch ihres Parfums riechen.

Er kuschelte sich an sie und umschlang sie mit seinen Armen.

„James. Du kitzelst mich an meinem Ohr.", beschwerte sie sich nach einer Weile.

„Tut mir leid, wollte ich nicht.", aber, anstatt seinen Kopf weg zu drehen hauchte er sanft in ihr Ohr.

Lily zuckte zusammen.

„Oh, das war gemein. Du weißt ganz genau das ich davon eine Gänsehaut bekomme!", protestierte sie.

„Ach wirklich?", fragte James scheinheilig.

„Ja!", machte sie ihren Standpunkt klar und piekste ihn in die Seite.

„Oh!", fauchte er. „Das bedeutet eine Kitzelattacke!", und er stürzte sich auf sie.

Plötzlich war die schönste Rangelei im Gange. Lily musste ständig laut lachen, weil James immer einen kleinen Quicker von sich gab, wenn sie ihn durch kitzelte. Beide rollten über das Bett und auf einmal merkte Lily keinen Untergrund mehr unter sich.

„AAHHH!", und sie fielen über den Rand des Himmelbettes.

Lily sog die Luft ein. James war auf sie gefallen.

Auf einmal ging die Türe auf und Licht erhellte den Raum. James und Lily blinzelten in die Helligkeit.

„James, was zum Troll machst du...!", Sirius Stimme verstummte.

„Lily?", fragte er ungläubig.

„Hallo Sirius.", brachte Lily unter James hervor.

James' Augen hatten sich an das Licht gewöhnt. Da stand ein total überraschter Sirius dem langsam eine leichte Röte in die Wangen stieg.

„James, kannst du bitte von mir runter gehen?", ächzte Lily.

„O, na klar.", er stand auf und half ihr hoch.

Sirius starrte die beiden an.

„Äh, ich wollte euch nicht stören bei...", er suchte nach dem passenden Wort.

„Sirius!"

„Padfoot!", erklang es zur selben Zeit.

Alle drei standen sich schweigend gegenüber. Eine Uhr schlug Mitternacht.

„Es ist der 25. Dezember.", brach Lily die peinliche Stille.

„Eigentlich die Zeit für Geschenke."

„Jetzt schon?", Sirius schien Mitternacht etwas zu früh für den Weihnachtsmorgen.

„Ach kommt schon.", und Lily ging aus dem Raum.

„Habt ihr..?", murmelte Sirius James vielsagend zu.

„Padfoot!", sagte Prongs gefährlich.

„Ist ja gut.", der Bedrohte hob abwehrend die Hände und folgte seinem Freund aus dem Zimmer.

Lily saß vor der großen Tanne die im Wohnzimmer aufgestellt war. Unter dem Baum lagen viele Päckchen. Die beiden Jungs schauten umher und erkannten ihre Namen auf ein paar Geschenken. Begeistert riss Sirius ein Paket auf. Darin war ein Spiegel. Verstört sah er sich um. Lily beäugte ihn erwartungsvoll.

„Ich habe doch schon genug Spiegel.", erklärte er.

James widmete sich einem kunstvoll verpackten Geschenk und hervor kam ein Spiegel.

„Ich habe auch einen Spiegel, Sirius!" ,und als er den Namen aussprach erschien das gerufene Gesicht im Rahmen.

„James?", in Sirius Spiegel wurden die Konturen von Prongs sichtbar.

Die Beiden Freunde sahen sich verwirrt an.

„Toll, oder?", fragte Lily entzückt.

„Die sind von dir?", wollte Padfoot erstaunt wissen.

„Ja. Ich dachte mir, dass sie euch bestimmt nützlich wären.", sagte sie leichthin.

Sirius konnte seinen Augen nicht trauen. Mit einem Geschenk von Lily hatte er nicht gerechnet und er hatte auch nichts für sie. Es war ihm peinlich, dass er die letzten Tage gedacht hatte, das Lily seine Freundschaft mit James auseinander bringen wollte. Und nun hatte sie ihm ein Geschenk gemacht das genau das Gegenteil bewies.

„Vielen Dank, Lily.", stammelte Sirius.

„Danke, Liebling.", und James drückte Lily einen Kuss auf die Wange.

Lily ihrerseits hielt ein kleines Päckchen in den Händen. Ganz langsam öffnete sie die Schleife. Das machte James bald wahnsinnig, denn er pflegte alles aufzurupfen. Er war gespannt darauf was sie sagen würde.

Eine kleine samtene Schatulle lag in Lilys Hand.

Zwischen ein kleines Häufchen Watte eingepackt, lag eine silberne Kette mit einem Medaillon. Ein kleiner grüner Stein war in der Mitte eingefasst und Inschriften verzierten den Rand. Das wertvolle Metal lag kühl in ihrer Hand. Es war wundervoll.

„James, das ist einfach wunderschön.", Lily umarmte ihn fest.

Sirius wurde immer kleiner. Er fühlte sich so blamiert.

„Ich habe leider noch kein Geschenk für dich.", entschuldigte sich Sirius halblaut. Beschämt sah er zu Boden.

„Schon gut, das ist nicht schlimm.", erklärte Lily ihm freudestrahlend.

Padfoot schien etwas erleichtert.

James legte ihr die Kette mit dem Medaillon um.

„Was bedeuten die Inschriften.", fragte sie neugierig.

„Das soll ein uralter Schutzzauber sein.", berichtete Prongs in einer geheimnisvollen Stimme.

„Wer das Medaillon trägt wird von den Gewalten beschützt, weil es eine Verbindung zur Erde darstellt.", fachsimpelte James weiter.

Sirius nickte. „Also, falls dich jemand angreifen sollte wird er vom Blitz erschlagen, oder so.", grinste er.

„Vielen Dank. Es ist echt wunderschön und so praktisch.", lächelte Lily.

Ein Schlag im Hintergrund zeigte an das es 1 Uhr nachts war.

James gähnte herzhaft.

„Ich glaube es wird Zeit fürs Bett.", und er streckte sich ausladend.

Gemeinsam gingen sie nach oben. Lily verabschiedete sich von beiden im ersten Stock. Sirius hatte sich noch einmal entschuldigt, wurde aber mit einer herzlichen Umarmung zum schweigen gebracht. James erhielt noch einen Kuss und dann war sie in ihrem Zimmer verschwunden.