Kapitel 29- Das Spiegelbild
Es war kurz nach neun Uhr als Lily und Lorrain zum Frühstück gingen. In der Großen Halle waren nicht sehr viele Schüler.
„Ich werde das Gefühl nicht los, dass etwas passiert ist.", beharrte Lorrain. „So kenne ich Alex gar nicht und ich kenne sie schon seit wir klein waren!"
„Beruhig dich! Wir warten was James sagt."
Sie hatten gerade in ihren Toast gebissen, als sich Remus und James zu ihnen setzten.
„Habt ihr sie gesehen?", fragten alle wie aus einem Mund.
„Nein.", sagten sie gleichzeitig.
Alle trugen einen besorgten Blick.
„Ihnen muss etwas passiert sein.", sagte Remus entschlossen. „Sirius wäre nicht mal so verantwortungslos..."
Mehr Schüler kamen in die Halle.
„Wartet mal kurz.", und Lily ging auf eine Gruppe zu.
„Sie wird doch nicht?", brachte James gerade so hervor.
„Severus? Kann ich mal kurz mit dir sprechen?", fragte Lily den Jungen mit den dunklen Haaren. Dieser war sehr überrascht von ihr angesprochen zu werden. Die anderen Slytherins beäugten sie misstrauisch.
Er sah sie widerwillig an.
„Hast du Sirius Black gesehen?", erkundigte sie sich.
Snape zog eine Augenbraue hoch.
„Ja, oder nein?"
„Nein."
„Hast du dich auch nicht an ihm gerächt!", bohrte sie nachdrücklicher. „Denn wenn ich das raus bekomme kannst du gleich zu Dumbledore gehen!"
„Nein!", sagte er aufgebracht.
„Gut, danke!", und sie ging zurück zu ihrem Platz.
Snape blickte ihr verdattert nach.
„Was war das?", verlangte James.
„Ich hab ihn nur gefragt ob er Sirius gesehen hat."
„Klar, das würde er dir auch sagen!", sage Prongs sarkastisch.
„Natürlich würde er das!", sagte Lily, als ob sie seinen Ton nicht bemerkt hätte. „Ich bin Schulsprecherin und wenn ich raus bekomme das er mich an lügt kann er gleich zum Schulleiter gehen. Er möchte da so schnell bestimmt nicht wieder hin!"
„Mh.."
„Ja und was hat er gesagt?", fragte Lorrain, als säße sie auf glühenden Kohlen.
„Nein, er hat ihn nicht gesehen."
„Welch Überraschung..", murmelte James.
„Mal ganz langsam alle!", sagte Remus ruhig. „Überlegen wir mal, wo sich Sirius in letzter Zeit aufgehalten hat."
Die vier dachten angestrengt nach.
„Vielleicht ist er in einem ganz bestimmten Raum?", schlug James vor und sah Moony vielsagend an.
„Er musste doch auch Strafarbeit mit Snape verrichten, oben auf dem Dachboden.", schoss es Lorrain durch den Kopf.
„OK. Lily und ich gehen dahin wo ich denke und ihr geht auf den Dachboden.", legte James fest.
Sie ließen alles stehen und liegen und eilten aus der Großen Halle. Lily bemerkte wie sie beobachtet wurde und blickte zum Slytherintisch. Snape schaute sie bedächtig an. Oder beobachtete er auch die Anderen?
Eilig stoben sie die Stufen hinauf. Im siebten Stock trennten sie sich. James zog Lily vor einen Wandbehang von Barnabas dem Bekloppten. Gegenüber war ein kahles Stück Wand.
James ging dreimal hin und her und dann erschien eine Türe.
„Was zum..?", brachte Lily heraus.
„Erklär ich später."
Sie öffneten die Türe. Sie standen in einem riesigen Raum. Er hatte eine hohe Decke, an den Wänden brannten Fackeln. Allerlei Gerümpel und Kisten standen herum. Es roch nach Dreck und Moder.
„Wo sind wir?", fragte Lily erstaunt.
„In dem Raum, wo Sirius meistens ist."
„Hier? Das sieht eher aus wie ein alter Speicher. Sieh dir das ganze Zeug an!", und sie zeigte auf ein altes Bücherregal das ganz verstaubt war.
„Speicher, Speicher.", überlegte James. „Lily, du bist ein Genie. Der Dachboden. Er ist auf dem Dachboden!"
„Remus und Lorrain sind dort. Die werden ihn schon finden."
„Dann können wir ja zurück zum Gryffindor Turm gehen."
„James, warum haben wir eigentlich nicht eure Karte benutzt?", fragte Lily plötzlich.
„Äh, ich hab es vergessen.", antwortete er zögerlich.
Lily rollte mit den Augen.
„Lass uns gehen und erkläre mir was das für ein Raum ist."
„Das ist der Raum der Wünsche.", klärte er sie auf. „Wenn du dir etwas ganz sehr wünscht, erscheint eine Tür und du wirst dahinter garantiert das finden, was du brauchst oder möchtest!"
Sie saßen schon eine Weile im Gemeinschaftsraum, als Lorrain und Remus zu ihnen kamen.
„Wir können ihn nicht finden. Der Dachboden ist einfach zu groß!", sagte Moony außer Atem.
„Er muss aber dort sein. Der Raum der Wünsche hat uns den Dachboden gezeigt.", James war perplex.
„Auf was hast du dich konzentriert?", wollte Remus nun wissen.
„Ich habe mich auf einen Ort konzentriert, den er interessant findet und ständig dort ist und da erschien der Dachboden."
„Dann schau doch auf die Karte!", flüsterte Lily und Prongs rannte wie von der Tarantel gestochen die Treppen hinauf.
Kurz darauf kam er zurück.
„Sie sind nicht drauf.", gab er geknickt zu.
„Wo sind sie nicht drauf?", fragte Lorrain erstaunt. Ihre Frage wurde ignoriert.
„Aber das kann nicht sein. Wenn der Raum es anzeigt muss er auch dort sein.", sagte Moony entschlossen.
„Wir gehen jetzt noch mal da hin und suchen sie.", beschloss Lily. „Ihr habt selbst gesagt der Dachboden ist zu groß."
Wieder eröffnete sich ihnen ein großer Raum. Es knackte im Gebälk und auf einmal wurde etwas nach ihnen geworfen. Es traf James am Kopf.
„AUA!"
Eine kleine Schachtel fiel zu Boden.
„Hier ist ein Ghoul, oder?", fragte Lorrain angewidert, weil sie dieses schleimige Geschöpf mit den vorstehenden Zähnen nicht ausstehen konnte.
„Bestimmt. Blute ich?", fragte Prongs. Lily schaute ihn an.
„Nein, aber eine Beule wirst du bekommen."
Alles war nur spärlich von Fackeln erhellt.
„Lumos.", sagten alle und ein starker Lichtschein ging von ihnen aus.
„Wir sollten uns aufteilen.", schlug Remus vor.
„Was ist wenn wir sie nicht finden?", überlegte Lily.
„Dann gehen wir zu Dumbledore.", erklärte James fest und schritt voran. „Sollte etwas sein, schicken wir rote Sterne noch oben."
Sie gingen wieder in verschiedene Richtungen. Vorbei an alten Tischen, Kartons und Kisten. Schränke in denen es unheimlich raschelte schreckten Lily und James auf.
„Ein Irrwicht?", grübelte James und hielt sich noch immer die Stirn.
„Vielleicht, aber dafür haben wir jetzt keine Zeit."
Sie konnten die Schritte des jeweilig anderen hören.
Etwas surrte durch die Luft und ganz knapp an Prongs vorbei.
„Dieses Mistvieh!", fluchte er. „Wenn ich den erwische."
„Psst.", machte Lily und ging weiter.
Der Weg von Lorrain und Remus war, von mit Tüchern behangenen Gegenständen, gesäumt.
„Das ist so unheimlich!", flüsterte Lorrain.
„Mach dir keine Sorgen, bald haben wir sie gefunden.", sagte Remus zuversichtlich und leuchtete auf den Fußboden. Dort waren Fußabdrücke in den Staub getreten die immer weiter ins Dunkel führten.
„Sieh mal!", forderte Moony Lorrain auf. Zuweilen waren auch Schleifspuren zusehen, die wohl von einem langen Umhang kommen mussten.
Vorsichtig folgten sie den Abdrücken.
„Ich fühl mich wie ein Hund auf Fährtensuche.", lachte Lorrain leise.
Plötzlich hörten die Spuren auf. Oder verschwanden sie nur hinter diesen Kisten? Lorrain leuchtete dahinter.
„Da gehen sie weiter!"
Beschwerlich quetschten sie sich durch die schmale Gasse. Es wurde noch unheimlicher. Steinerne Figuren mit Angsteinflößenden Gesichtern säumten ihren Weg und zu Lorrains Missfallen gabelte sich der Pfad.
„Du links, ich rechts.", und Moony verschwand.
Na klasse, resignierte Lorrain, aber ging weiter.
Für einen kurzen Moment erschrak sie, als sie vor einer deformierten Figur stand. Doch als sie einen Minotaurus mit einer Armbrust erkannte beruhigte sich ihr Herzschlag. Auf einmal wurde sie geblendet. Etwas warf das Licht ihres Zauberstabes zurück.
Die Anspannung war sehr groß, doch langsam schritt Lorrain darauf zu.
Reiß dich zusammen, Mädchen, dachte sie. Du bist in Gryffindor!
Der Spiegel war sehr groß, fast doppelt so hoch wie sie. Ein dunkler, kunstvoll geschnitzter Rahmen umfasste die glatte Oberfläche. Kleine Symbole, in einer Lorrain unbekannten Schrift, waren im Holz verewigt und ganz oben war ein Bild zusehen. Zwei Masken. Eine hatte ein freundliches und lustiges Gesicht, das Andere sah traurig aus und zugleich böse.
Lorrain trat näher heran und erwartete ihr Abbild zu erblicken.
Doch was sie sah ließ ihr einen Schock durch die Glieder fahren. Eine Gänsehaut jagte über ihren Rücken.
Fackeln beleuchteten den Kerker. Ein Skelett lag am Boden und in einer Ecke kauerten zwei Menschen arm in arm.
„ALEX!", rief Lorrain. „SIRIUS!"
Die Beiden hoben die Köpfe.
„Lorrain?", hörte sie dumpf und die beiden Gestalten sprangen auf.
„Remus!", brüllte Lorrain in die Dunkelheit.
„Hast du das gehört?", fragte James.
„Ja. Wir müssen sie finden!", sagte Lily in einem Anflug von Panik in der Stimme.
Remus hörte Lorrains Ruf und eilte zurück. Es dauerte etwas bis er bei ihr angelangt war.
„Geht... es dir... gut?", fragte er außer Puste.
„Ja, aber sieh dir das an.", und sie zeigte auf den Spiegel.
Moony trat vor den Spiegel. Lorrain gleich hinter ihm.
Mit einem Mal erfüllte ein Schrei den gewaltigen Raum.
Remus fuhr zusammen und drehte sich erschrocken um.
Lorrain sah ihn ängstlich an. Sie war kreidebleich.
„Was ist!", fragte er eindringlich.
Lorrain sagte nichts.
„Was war das jetzt?", Lily rannte schneller.
„Lorrain, was ist?", verlangte Remus erneut. Diese starrte ihn entsetzt an.
Hinter ihnen ertönten Geräusche. Etwas wurde umgeworfen. Schritte folgten. Lorrain war noch immer wie versteinert.
Aus dem Dunkel tauchten Lily und James auf.
„Was ist passiert?", stürmten beide auf ihre Freunde ein.
„Seht euch das an!", forderte Moony sie auf. James trat vor den Spiegel.
Ein erneuter Schrei erklang. Alle zuckten herum. Lorrain starrte auf das Spiegelbild von James. Lily tat es ihr gleich und sie verstand was los war.
„Stupor!", flüsterte sie und zeigte mit ihrem Zauberstab auf Lorrain. Diese wurde starr und fiel um.
„Tut mir leid.", sagte Lily mitleidig.
„Warum hast du das gemacht?", fauchte Remus.
„Um ihr weitere Anblicke von einem Werwolf und einem Hirsch zu ersparen."
„Was?"
„Euer Spiegelbild!", antwortete Lily erneut. „Ich sehe einen Hirsch und einen Werwolf."
Alex und Sirius standen auf der anderen Seite des Spiegels.
„Was machen die da draußen?", wollte er von Alex wissen.
„Keine Ahnung."
Padfoot pochte gegen das Glas.
„Hey! Holt uns hier raus!"
Der Spiegel erzitterte und James, Remus und Lily drehten sich zu ihm um.
„Wir holen dich gleich raus, Padfoot!", rief Moony.
„Aber wie?", flüsterten Lily und Prongs.
„Erst mal sehen was das für ein Ding hier ist.", Remus war ganz ruhig. „Leuchtet mal da hoch."
James und Lily taten wie ihnen gesagt wurde.
Moony betrachtete sich die Inschriften und die beiden Masken.
„Der Spiegel des Ianus.", sagte er plötzlich.
„Der was?", fragte Prongs.
„Der Spiegel des Ianus."
„Was ist das?"
„Ein Tor in eine andere Welt.", erklärte Remus monoton. „Wer die Schlüssel für den Kerker hat kann hinaus in eine andere Welt. Aber irgendwie sind die Schlüssel über die Jahrhunderte verloren gegangen. Dann wurde er dazu benutzt Menschen bis an ihr Lebensende darin festzuhalten, als Strafe für ein Verbrechen.", er deutete auf das Skelett in einer Ecke.
„Und warum Spiegel des Ianus?", bohrte Lily.
„Ianus war der römische Gott der Türen und Tore und der zwei Gesichter. Das lachende und weinende Gesicht.", Moony zeigt auf die Masken. „Der Spiegel hat zwei Seiten, er ist das Tor zu einer guten und einer schlechten Welt."
„Aber warum wart ihr als Tiere im Spiegelbild zusehen?", wollte sie jetzt wissen.
„Wir haben zwei Gesichter.", antwortete James plötzlich in Erleuchtung gehüllt. „Und dieser Spiegel zeigt unser anderes Ich."
„Ich hätte es nicht besser sagen können.", pflichtete Remus ihm bei.
„Seid ihr endlich fertig!", ertönte eine zornige Stimme. Sirius sah sehr wütend aus. Er hatte Alex im Arm und es schien als ob sie weinte.
„Woher weißt du das eigentlich alles?", verlangte James zu wissen.
„Professor Binns.", sagte Remus schlicht.
„Weißt du wie wir sie raus bekommen?"
„Wir müssen den Spiegel bitten, dass es sie frei gibt."
„Können wir den Spiegel nicht einfach kaputt machen?"
„Nein, können wir nicht. Ich muss überlegen wie der Spruch ging. Ianus kann sie nicht dort behalten, sie haben schließlich kein Verbrechen begangen.", grübelte Moony und setzte sich auf den Boden zum überlegen.
„Wir haben euch da gleich raus!", rief Lily den beiden Gefangenen zu.
Die Minuten vergingen. Lorrain war noch immer starr.
„Das hält ja ewig.", gab James anerkennend zu
Lily streichelte über Lorrains Gesicht.
„Sie wird fragen was das war."
„Wir werden uns schon was einfallen lassen.", versicherte Prongs. „Nichts leichter als das."
„Wenn du das sagst."
Plötzlich bewegte sich Remus.
„Ich glaube ich hab's."
„Na dann los.", forderte Prongs ihn auf.
„Ianus, Gott der zwei Gesichter,
komm herbei und sei unser Richter.
Befrei diese Gefangenen,
sie haben nichts verbrochen.
Hab unser Wort, es sei dir versprochen.
Bitte sei ihnen wohl gesonnen,
ihr Leben hat doch erst begonnen."
Im ersten Moment geschah rein gar nichts. Mit einem Mal erzitterte die Erde. Es klirrte und schepperte. Sachen fielen zu Boden und zerbrachen. Ein Lichtstrahl schoss aus dem Spiegel und schleuderte Sirius und Alex aus ihrem Gefängnis.
„Alex!", Lily lief zu ihr. „Ist alles in Ordnung?"
James und Remus halfen Sirius auf.
„Es wurde echt Zeit das ihr kommt!", beschwerte sich Padfoot.
„Tut uns leid.", entschuldigte sich James. „Aber hätten wir gewusst, dass ihr euch in eine Lebensgefährliche Lage begeben habt, hätten wir euch liebend gern früher befreit."
Sein Freund beäugt ihn erschöpft.
„Aber Remus hat euch ja befreit, der wusste wie er euch retten konnte."
„Moony, du solltest Lehrer für Verteidigung gegen die dunkeln Künste werden!", schlug Sirius vor und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter.
Lily hatte Alex im Arm.
„Ich dachte ihr würdet nie nach uns suchen.", schluchzte Alex.
„Was denkst du von uns?", sagte ihre Freundin milde. „Aber wir haben euch gefunden und befreit."
„Es wurde auch Zeit!", warf Sirius erneut ein und hockte sich neben seine Freundin. „Alles ist vorbei, Pumpkin.", und er streichelte sie sanft.
„Wie seid ihr da eigentlich rein gekommen?", fragte James neugierig. Padfoot lachte ein liebloses Lachen.
„Das war mehr ein dummer Zufall.", erklärte er.
„Als wir vor dem Spiegel standen habe ich einen riesigen Zähne fletschenden Hund gesehen", berichtete Alex. „Er sah so wirklich aus. Ich drehte mich schnell um und da muss ich auf dem Saum meines Mantels ausgerutscht sein. Er ist einfach zu lang. Da fiel ich nach hinten und durch den Spiegel. Sirius ergriff noch meine Hand, aber wir fielen hindurch.", Alex schluchzte erneut. „Und dann kamen wir nicht mehr raus. Wir dachten erst es wäre ein Scherz. Wir haben alle möglichen Zaubersprüche probiert, aber es hat nichts geholfen."
„Jetzt ist es doch vorbei.", beruhigte Lily sie.
„Ich hatte solche Angst!"
Sirius stand auf und seufzte vielsagend.
„Hast du ihr alles erzählt?", flüsterte James.
Sein Freund nickte.
„Was habt ihr überhaupt mit Lorrain gemacht?", fragte Alex verwirrt.
„Wir mussten sie ruhig stellen. Sie hat James und Remus im Spiegel gesehen.", erklärte Lily.
„Als Hirsch und W- W- Werwolf?", wollte Alex vorsichtig wissen.
Moony blickte Alex unverwandt an.
„Ja.", sagte er letztendlich.
Alex nahm seine Antwort hin. „Ich werde niemandem etwas sagen! Ich schwöre es.", brachte sie noch heraus.
„Ich hoffte du würdest das sagen.", Sirius war Ernst.
„Warum seid ihr überhaupt hier gewesen?", harkte James nach.
„Wir sind hier schon seit Ewigkeiten rum geschlichen.", klärte Padfoot auf. „Hier waren wir die letzte Zeit ständig."
„Aber warum?", für Lily machte es keinen Sinn.
„Rumbtreiber.", sagte Remus schlicht und sah sie bedeutend an.
„Ihr seid zum Spaß hier oben rum gewandert, obwohl ihr wusstet, dass es gefährlich sein könnte?", platze Lily weiter heraus.
„Wer rechnet denn mit einem Spiegel, der einen gefangen hält?", sprach Alex. „Außerdem wollte ich gestern noch einmal hier her, nachdem wir die Einhörner beobachtet hatten.", nahm sie Sirius in Schutz. „Es ist allein meine Schuld."
„Wie auch immer!", tat James es ab. „Euch geht es gut. Niemand wurde verletzt. Alles in Butter."
„Aber was ist, wenn Lorrain fragt was das war?", grübelte Remus.
„Wir sagen ihr, dass es eine optische Täuschung war, was sie gesehen hat und dann ist sie Ohnmächtig geworden. Sie muss ja nicht wissen, dass Lily sie außer Gefecht gesetzt hat.", legte James fest.
„Aber warum sagen wir ihr nicht die Wahrheit?", fragte Alex in einer piepsigen Stimme. „Ich bin sicher sie versteht alles. Ich tu es ja auch."
„Ich glaube nicht, dass das eine gute Lösung ist.", gab Lily zu bedenken. „Schon allein wie sie geschrieen hat, als sie Remus sah. Ich glaube nicht, dass sie damit leben könnte. Ihre Ansichten über Remus würden sich entscheidend ändern und Unwissenheit kann manchmal besser sein, als Wissen.", schloss sie.
Also einigten sie sich darauf, dass Lorrain etwas gesehen hatte was nicht da war. Remus nahm es gelassen, da jetzt auch Alex bescheid wusste.
„Ich konnte es ihr nicht verheimlichen.", entschuldigte sich Sirius bei ihm.
„Ich mach dir keinen Vorwurf. Der Zufall treibt manchmal ein seltsames Spiel."
Lily erweckte Lorrain.
Ihr war noch immer schwummrig.
„Was ist passiert?"
„Du bist ohnmächtig geworden.", Remus setzte sich neben sie.
„Was ist mit Alex und Sirius?"
„Die haben wir befreit.", beruhigte er sie und zeigte auf die Beiden.
„Was war das im Spiegel? Da war ein riesiger Wolf. Er sah aus als würde er dich angreifen."
„Da war nichts.", sagte Moony verwundert.
„Aber ich habe ihn doch deutlich gesehen!"
„Lorrain, da war nichts. Keiner von uns hat etwas gesehen.", beugte sich Lily nun über sie. „Vielleicht hat sich eine der Statuen gespiegelt.", sie zeigte auf die Skulpturen. „Du warst so angespannt und in Sorge, da können einen die Augen schon mal täuschen."
Lorrain lag noch immer am Boden.
„Ich weiß nicht."
„Denk nicht mehr drüber nach.", sagte Remus sanft. „Wir sollten von hier verschwinden."
Bedächtig wanderten sie den Weg zum Ausgang zurück. Sirius und Alex schritten eilig voran, man konnte es ihnen nicht verübeln so schnell wie möglich hier raus zu kommen. Danach kamen Moony und Lorrain. Er stützte sie, denn sie war noch immer wackelig auf den Beinen.
„Was hast du ihr nur für einen Zauber aufgebrummt?", flüsterte James.
„Einen ganz normalen Schockzauber."
„Dir möchte ich mal nicht in die Quere geraten."
„Es tut mir ja selber leid, aber was sollte ich denn machen?", verteidigte sich Lily. „Hätte ich ihr etwas über den Schädel ziehen sollen?"
„Nein, ich sag es ja nur."
Im Gemeinschaftsraum trennten sie sich.
„Ich gehe in die Küche und lasse etwas von einem Hauself bringen.", sagte Remus und verschwand.
„Machen die so etwas?", fragte Lily naiv. James sah sie an.
„OK, vergesst diese Frage.", antwortete sie und schüttelte den Kopf über sich selber.
Gemeinsam mit Alex und Lorrain erklomm sie die Stufen. Ellen war nicht mehr in ihrem Bett. Alex eilte hingegen zu ihrem und ließ sich darauf fallen.
„Endlich wieder ein Bett! Sirius Schulter ist nicht gerade weich."
Auch Lorrain begab sich in ihr Bett. Ihr war noch immer schlecht und alles drehte sich.
Lily legte ihr ein kaltes Tuch auf die Stirn. „Das wird schon wieder!", sagte sie überzeugend.
Plötzlich klopfte es und sie öffnete die Tür. Niemand war zusehen, bis Lily nach unten sah.
„Oh, komm herein!", forderte sie den Hauself auf. Er trug ein Tablett mit Essen, Geschirr und Besteck.
Der Elf platzierte alles auf einem Tisch im Raum.
„Bitte Madam!", und er verbeugte sich tief.
„Vielen Dank!", Lily streckte ihm lächelnd die Hand entgegen. Der Hauself nahm sie zögerlich und schüttelte ihre Hand. „Madam, vielen Dank, Madam.", und er stürmte aus dem Raum.
„Was war das?", Lily war verwundert.
„Du warst bestimmt die erste Hexe die ihm die Hand gegeben hat.", erklärte Alex. „Das ist nicht üblich."
„Warum?"
„Weil Hauselfen eigentlich nur Bedienstete sind."
„Für mich ist jeder gleich.", erklärte Lily und brachte Alex einen Teller mit herrlich duftendem Essen.
Etwas später ging Lily zu James Schlafsaal. Alex und Lorrain waren eingeschlafen. Ellen saß jetzt bei ihnen.
Sie klopfte zaghaft.
James öffnete und sah sie verwundert an.
„Ich wollte mal nach euch schauen."
Sirius lag in seinem Bett. Sein Gesicht war entspannt. Lily fiel erst jetzt auf was für dunkle Ringe er unter den Augen hatte. Er war bestimmt die ganze Nacht wach., dachte sie sich.
Remus saß auf seinem Bett und las in einem Buch. Peter war nicht da.
„Kommst du mit mir?", fragte Lily und kurze Zeit später fanden sie sich im Raum der Schulsprecher wieder.
„Nur gut das wir die einzigsten Schulsprecher sind.", bemerkte James belustigt.
Lily warf sich an ihn.
„Ich habe mir solche Sorgen gemacht.", sie versteckte ihr Gesicht an seinem Brustkorb. Leises Herzklopfen drang an ihr Ohr. James war irgendwie überrascht, dass Lily so reagierte.
„Es ist doch vorbei.", er legte seine Hände auf ihre Hüften.
„Ich weiß.", und sie rückte näher an ihn. Prongs seufzte genüsslich.
„Lass mich ja nie alleine.", schluchzte sie plötzlich.
James hielt Lily ein Stück von sich weg. Er war zu überrascht um zu glauben was er hörte.
„Was ist los?"
Sie setzten sich auf „Ihr" Sofa.
Sanft streichelte Prongs über Lilys Wange. Verzweifelt versuchte er eine Haarsträhne hinter ihr Ohr zu klemmen.
„Ich dachte gerade daran wie furchtbar es wäre nicht zu wissen wo du bist.", schluchzte sie.
„Mach dir darüber keine Sorgen. Ich bin doch hier!"
„Ich weiß, deswegen weiß ich eigenlicht auch nicht wirklich warum ich anfange mit heulen wie Myrte."
„Lass sie das bloß nicht hören."
Lily machte ein Geräusch zwischen einem lachen und einem schluchzen.
„James, versprich mir, dass du mich nie alleine lässt.", Lily blickte ihn ernst an. Warum sagte sie so etwas? Diesen Gesichtsausdruck hatte er schon einmal gesehen, als Professor Apollo ihr ihren Traum gedeutet hatte.
„Ja, ich verspreche es."
Sie umschlang ihn enger.
„Wie kommst du eigentlich darauf, ich würde dich je alleine lassen?", brummte Prongs.
„Ich dachte nur, wenn... "
„Nichts wenn, du wirst mich für den Rest deines Lebens haben. Erst wolltest du mich zwar nicht, aber mittlerweile weißt du ja was du an mir hast.", erklärte er selbstsicher.
„Du alter Angeber!", lächelte sie plötzlich.
„Ich war noch nie ein Angeber."
„Klar, hast du damit angegeben was du schon alles kannst."
„Das habe ich nur gemacht damit du auf mich aufmerksam wirst."
„Seit dem ersten Jahr?"
„Nein, da wollte ich jedem nur Streiche spielen. Aber dann im Fünften wollte ich nur deine Aufmerksamkeit."
„Ja, das habe ich gemerkt."
„Siehst du, da war mein Plan doch erfolgreich.", James grinste sie an.
„Ich frage mich noch bis heute wie du mich rum gekriegt hast.", kniff sie ihn.
„Mit meinem gigantischen Charme und meinen bezaubernden Augen."
Lily sah ihn aus leicht geröteten Augen an und lehnte sich dann wieder an ihn an.
„Lass uns hier noch eine Weile sitzen."
Alex und Sirius erholten sich schnell von ihrer Gefangenschaft. Nur hörte Lily Alex manchmal nachts wimmern. Auch in den Spiegel in ihrem Schlafsaal sah sie nicht mehr so oft hinein.
Lorrain stellte weiterhin Fragen über den Spiegel, aber alle hatten sich eine gute Geschichte ausgedacht, von der keiner abwich. Jedoch hatte Lily den Eindruck, als ob sich ihre Freundin nicht in die Irre führen lassen würde.
„Ich weiß doch aber was ich gesehen habe.", hatte sie einmal gesagt.
Die Zeit nahm ihren Lauf. Der März war gekommen und es wurde merklich wärmer. Die Bäume bekamen grüne Blätter, kleine Krokusse und Schneeglöckchen bevölkerten die Ländereien.
„Ich geh in die Bibliothek.", sagte Lorrain und ging davon.
Alex konnte ihr gar nicht ein „Schon wieder?", nachrufen.
„Warum geht sie in letzter Zeit ständig da hin?", wunderte sich Ellen. „Unsere UTZ'e sind noch Monate entfernt und sie war doch sonst nie ein Bücherwurm.
„Na Monate weg würde ich nicht sagen.", belehrte Lily. „Wir haben noch zwei Monate und es kann doch nichts Falsches daran sein jetzt schon mit dem lernen anzufangen."
„Uff.", Alex und Ellen fühlten sie, als würden sie mit etwas hartem geschlagen.
„Lily, sei nicht so strebsam. Das lässt ein schlechtes Licht auf Alex und mich fallen.", beschwerte sich Ellen.
„Es tut mir ja leid, aber ich brauche spitzen Noten um Auror werden zu können. Also muss ich streben. Was wollt ihr eigentlich danach machen?", fragte Lily neugierig. Darüber hatte sie noch nie nachgedacht.
„Ich würde gerne Heiler werden.", sagte Alex eilig.
„Aber dafür brauchst du doch Zaubertränke?"
„Na ja, nicht wirklich Heiler. Aber eine Kräuterhexe."
„Was macht eine Kräuterhexe?", Lily hatte davon noch nie etwas gehört.
„Sie bereiten die Kräuter und Pflanzen für die Heiler vor."
„Ach so, also ein Apotheker.", leuchtete es ihrer Freundin ein.
„Ein was? Sapotheler?", stotterte Ellen.
„Apotheker! Das ist der Muggelname dafür."
„Und du, Ellen?", erkundigte sich Alex begierig.
„Weiß noch nicht. Etwas Ruhiges. Vielleicht im Ministerium ein Schreibtischjob."
Lorrain gelangte in die Bibliothek. Zielsicher ging sie zu einem Regal und zog ein staubiges altes Buch heraus. Durch wie viele hatte sie sich schon gekämpft. Immer auf der Suche nach dem Wort Spiegel. In Ihr Spiegelbild und Sie oder Wie sie ihr Spiegelbild zum schweigen bringen hatte sie nichts gefunden und so spannte sie Madame Pince mit ein. Beim letzten Mal hatte sie Lorrain ein Buch empfohlen Spiegel und ihre Tücken.
Angestrengt flogen ihre Augen über die alten Seiten.
Igitt, ein fressender Spiegel., sie blätterte schnell weiter. Spiegel, die, die Zukunft voraus sagen. Spiegel, die einem das Gegenteil zeigen. Nein! Alles Nein!
Lorrain wollte schon fast aufgeben, als ihr Blick auf eine Abbildung fiel.
„Speculum de Ianus
Der Spiegel des Ianus wurde nach dem römischen Gott der Tore und Türen benannt…"
Eilig las Lorrain weiter.
„…diente als Gefängnis…zeigt das zweite Gesicht eines Menschen…"
Lorrain blickte auf.
Sollte Remus und James noch jemand ganz anderes sein? Unzählige Male hatte sie das Bild des Wolfes vor sich gesehen. Aber er sah irgendwie anders aus. Eilig suchte sie nach anderen Büchern. Es kam wie ein Schock für sie, als sie das Abbild des Werwolfes fand.
Das kann nicht sein, sagte sie sich fieberhaft. Er kann kein Werwolf sein. Niemals! Remus ist so anders.
Lorrain las sich alles genau durch. Es konnte kein Zweifel bestehen. Remus war ein Werwolf. Selbst Mondkalender überprüfte sie.
Eine Welt brach für sie zusammen. Ihr Herz klopfte schnell. Ihr Finger waren kalt und sie zitterte.
Nein, das konnte nicht stimmen. Sicher würde Remus über sie lachen und ihr alles erklären.
Rasend schnell verließ sie die Bücherei. Sie musste ihn finden.
In der Großen Halle war er nicht und Lorrain stob durch die Gänge. Aber da erblickte sie ihn.
„Remus!", rief sie ziemlich laut.
Er stand mit Sirius vor einem Raum.
„Ich muss mit dir sprechen!"
„Jetzt? Die Stunde fängt gleich an. Professor Flitwick... "
„Ja, jetzt!", und sie zog an seinem Ärmel.
Remus schaute verstört zu Padfoot.
„Geh nur, ich sag ihr wurdet aufgehalten."
Was ist nur in sie gefahren, dachte Moony
Lorrain spähte in einen Klassenraum und er war leer. Eilig schloss sie die Tür. Da standen sich die beiden gegenüber.
Remus blickte sie gespannt an.
„Ist es wahr?", platzte Lorrain heraus.
„Was meinst du?", fragte er sanft.
„Ihr habt mich angelogen!"
„Wegen was sollten wir dich anlügen?"
„Mit allem!"
„Lorrain, beruhige dich. Was meinst du?"
„Der Spiegel! Das ist der Spiegel des Ianus."
„Ja, ist es denn wichtig, dass er das ist. Wir haben Alex und Sirius befreit. Spielt das noch eine Rolle?"
„Ja, für mich schon. Wie konntet ihr mich nur so schamlos belügen. Ihr alle!", rief Lorrain aufgebracht.
„Mit was haben wir dich denn belogen?"
„Ich habe keine Reflektion gesehen. Ich habe euch im Spiegelbild gesehen."
„Das ist doch normal bei Spiegeln, oder?", Remus erahnte worauf Lorrain hinaus wollte und ein ängstliches Gefühl machte sich in seinem Brustkorb breit.
„Remus, halt mich nicht zum Besten. Du weißt was ich meine. Ich habe dein zweites Gesicht gesehen."
„Ich habe kein zweites Gesicht.", knurrte er fast.
„Doch, das hast du. Du bist ein Werwolf.", flüsterte sie nun. „Und James ist ein Hirsch."
„Was redest du da?", fuhr Remus Lorrain an. „Ich bin kein Werwolf und James ist kein Hirsch. Das ist doch lächerlich."
„Doch, du bist einer.", beharrte sie. „Ich habe die Mondkalender überprüft. Du bist einer. Auch deine ganzen Symptome sprechen dafür. Streite es nicht ab."
Er schaute ihr in die Augen.
„Ich bin es nicht.", sprach Remus fest.
„Das glaube ich dir nicht."
„Was würdest du für mich empfinden, wenn ich sagen würde ich wäre einer. Würdest du mit mir noch genauso umgehen wie vorher? Würdest du nicht jedes Mal das Biest in mir sehen, dass dich in einer Vollmondnacht zerreißen könnte.", er war auf sie zugegangen. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. Moony starrte in ihre bernsteinfarbenen Augen.
So aufbrausend hatte sie Remus noch nie erlebt. Er war sonst so ruhig und bedacht. Verstellte er sich vielleicht nur?
„Könntest du den Gedanken beiseite schieben, dass ein Werwolf in dich verliebt ist?", sprudelte er heraus. „Ihn berühren, als ob es das andere Wesen nicht geben würde. Nicht existieren würde?"
Überrascht schaute sie ihn an.
„Das weiß ich nicht.", Lorrain rückte zurück.
„Siehst du! Wer will schon ein Biest lieben!"
Keine Antwort kam.
„Sprich mit niemandem ein Sterbenswort darüber. Zu deinem und meinem Besten."
Remus stürmte aus dem Raum.
