Versuchungen
(1) Begierde
Schon als er sie das erste Mal sah, wusste er sofort: Er musste sie besitzen.
Kein Frage, sie war ein Halbblut, eine aus dem Geschlecht der Engelssippe, aber niemals in seiner gesamten Existenz hatte er ein Geschöpf gesehen, dass ihr an Reinheit und Unschuld gleichgekommen wäre. Er fühlte sich von ihr angezogen wie ein dunkles Wesen vom Licht gelockt wird und verabscheute sie doch gleichzeitig für die Absolutheit ihrer Schönheit. Was machte sie überhaupt an diesem Ort, der nur Unrat und Abfall zu beherbergen schien?
Allein ihr Anblick hielt ihn gebannt, obwohl sie ihn kaum wahrnahm. Sie saß nur da, ganz still und mit ihren Gedanken beschäftigt, ohne zu reden oder sich mit jemandem zu unterhalten. Weiß war sie gekleidet, vollkommen makellos, und das blonde Haar fiel ihr weit über die Schultern.
Und ihre Augen, niemals zuvor hatte er derartige Augen gesehen. Groß waren sie, stechend und hellblau. Erst hatte er nicht bemerkt, warum ihr Blick derart starr war, aber nach einer Weile wurde ihm klar, dass es nur eines bedeuten konnte – sie war blind.
Aber dennoch waren ihre Bewegungen grazil und von einer Eleganz, wie er sie selten erlebt hatte – nicht einmal bei Engeln.
Sie saß nur da, völlig allein, und vor ihr auf dem Tisch stand eine kleine Schale Kirschen, aus der sie gelegentlich aß.
So ging es fast jeden Abend. Stets war sie allein und unterhielt sich mit niemandem, obwohl die Blicke der anderen Halbblüter sie immer wieder flüchtig streiften, als wäre sie eine Erscheinung, die genauso wenig in ihre Welt passte wie in die Welt der Menschenwesen. Aber nie unternahm auch nur einer von ihnen den Versuch, sie anzusprechen.
Seit Tagen nun schon beobachtete er sie, wie alle anderen, warf ihr die gleichen flüchtigen Blicke zu, die auch die anderen nicht zurückhalten konnten, und wagte auf unbestimmbare Weise nicht, zu ihr zu gehen. Wie eine unsichtbare Barriere, die ihn davon abhielt, sie überhaupt anzusprechen.
Unruhig ließ er seine Münze über seine Finger wandern. Was sollte er tun?
Aber schließlich konnte er der Versuchung nicht länger widerstehen, verstaute die Münze in der Tasche seines Jacketts und ging zwischen all den Halbblütern hindurch, auf ihren Tisch zu. Sie sah ihn nicht, konnte ihn unmöglich sehen, aber als er näher trat und den Tisch ereichte, sah sie zu ihm auf, so dass er für einen Augenblick an seiner Schlussfolgerung, sie sei blind, zweifelte. Was immer ihn verraten hatte, es war nicht ihre Sehkraft. Sie musste über einen Sinn verfügen, der ihr erlaubte…
Im Moment jedoch kümmerte er sich nicht weiter um solcherart Dinge, während er noch immer schweigend vor ihrem Tisch verharrte und sie darauf zu warten schien, dass er etwas sagte. Aber noch nie hatten ihm die Worte so sehr gefehlt wie in jenem Augenblick. Wortgewandt war er immer, schlangenzüngig beinahe, aber hier merkte er, wie er kapitulierte. Und noch immer schaute sie abwartend zu ihm auf mit ihren großen, ausgebleichten Augen und sagte kein Wort.
Schließlich, in einer lautlosen, fließenden Bewegung ihres Armes, deutete sie auf den Sessel neben sich. Es war eher ein Befehl denn eine Einladung - er kam ihr wortlos nach und sank in den weichen Sessel aus rotem Samt neben ihr. Noch nie war ihm die Stille derart unwichtig und gleichzeitig so bedeutungsvoll vorgekommen, wie ein tiefer See, in dem Geheimnisse verborgen lagen, die nicht an die Oberfläche brechen konnten. Genauso erschien sie selbst ihm.
Aber was sollte er tun, da er ihr nach Tagen der Blicke und schweigenden Bilder endlich gegenübersaß? Was konnte er ihr sagen, dass ob ihrer Erscheinung nicht wie eine leere Phrase geklungen hätte, wie Unwichtigkeiten, die in ihrer Umgebung keinen Platz finden konnten?
Auf welche Weise konnte er sie gewinnen, sie, die derart erhaben wirkte?
Gerade diese Herausforderung jedoch machte sie in seinen Augen noch begehrenswerter.
Er war von dem Trieb erfüllt, ihre makellose Reinheit zu verderben, ihre Unschuld zu zerstören, welche weit über seine dunkle Seele strahlte.
Er fühlte die Blicke der anderen auf sich lasten, die die beiden gierig beobachten. Nie zuvor hatte es jemand gewagt, ihr derart nahe zu kommen. Aber wer war sie, dass sie eine solch stille Ehrfurcht auslöste? Welches hohe Wesen mochte in ihrem so zerbrechlich wirkenden Körper versteckt liegen?
Wie sie da saß, schweigend und ruhig, die Hände auf der linken Armlehne ruhend, wie erhaben wirkte sie in jenem Augenblick. Wie ein Wesen, höher noch als die Engel, höher als jeder Dämon.
Er streckte die Hand aus, verharrte aber in der Bewegung. Was, wenn sie spürte, was er war, wenn er ihr zu nahe kam, und sie vor ihm zurückschreckte? Dabei lag es kaum in seiner Natur, derart zögerlich zu sein.
Schließlich nahm er ihre linke Hand doch in seine, vorsichtig, als wäre sie ein Geschöpf, das leicht zerbrechen könnte. Ihre Hand war zartgliedrig, schmetterlingsgleich und sehr weiß gegen seine gebräunte Haut. Ihr unbewegter Blick, der wieder in den Raum voller Menschen gewandert war, flatterte überrascht zu ihm zurück, als er ihre Hand an seine Lippen hob und die zarte Haut ihres Handrückens küsste.
