(2) Einverständnis
Dunkel war es um sie, kalt und schweigsam. Die Welt schien in stilles Verharren versunken zu sein und mit ihr alles, was war, alles was sein würde in jeder der drei Dimensionen. Was gab ihr diese Existenz noch, außer Leid und Schmerz, seitdem ER sie in diesen Körper gebannt hatte?
Sie fühlte die Blicke der anderen auf sich lasten, als wüssten sie irgendwie, wer sie war. Als spürten sie die Andersartigkeit.
Warum war sie an diesen Ort gekommen? Um unter ihresgleichen zu sein? Aber dies waren nicht ihresgleichen, nicht einmal annähernd. Und wie lange sie sich auch einzureden versuchte, dass alles bald anders sein würde, es half nichts. Noch immer war sie hier, eingesperrt in diesen Körper, gefangen in der Welt der Menschen. Und niemand, der sie hätte retten können, außer IHM.
Schweigend saß sie da, von Dunkelheit umgeben, obwohl sie keinesfalls blind war. Ja, ihre Augen vermochten nichts zu sehen von der mittleren Welt, in die sie gebannt worden war, aber sie nahm wahr, was um sie war, die Menschenwesen, die Engel und die Dämonen, die sich in dieser Dimension tummelten – auf andere Art.
Dennoch war die Welt ein dunkler Ort für sie geworden, wo ER so fern schien und alle Wesen so andersartig waren, entfernt von SEINER Herrlichkeit. Einsam war es und still in dieser Welt ungezählter Leiber, wo Schmutz und Verderbtheit alles zu umgeben schien. Sie konnte sie sehen, die Seelen, dunkel und schwarz, die über die Erde krochen und sich verzehrten nach Unerreichbarem. Aber sie verabscheute sie nicht, wusste sie doch um SEINEN Plan.
Dennoch verschwamm alles, die Seelen wurden zu einem Ganzen, in dem sie kaum noch Einzelheiten wahrzunehmen vermochte; kaum noch etwas, das hervorgehoben wurde aus der Masse der Ungezählten. Kaum noch etwas, das der Betrachtung wert gewesen wäre. Deshalb war sie schnell in Lethargie verfallen in dieser Welt, in der sich keinerlei Anstrengung zu lohnen schien, keine Aussicht war auf Besserung oder gar Rettung. Nichts, was sich der näheren Zuwendung gelohnt hätte.
Abend für Abend saß sie im Club, stets allein und ohne die Möglichkeit oder das Interesse, sich mit jemandem auszutauschen oder zu unterhalten. Die Halbblüter sahen sie, blickten sie an aus chromfarbenen Augen und schreckten vor ihr zurück, weil sie spürten, dass sie nicht zu ihnen gehörte, dass höchstens ihr Körper in die mittlere Welt passte. So schwiegen sie mit ihren Stimmen, die nichts als flüsternde Worte unter ihresgleichen hervorzubringen vermochten, aber sie schwiegen nicht mit ihren Augen. Oder gar mit der Dunkelheit, die sich um sie zu raffen schien, jedes mal, wenn ihr Blick auf ihre weiße Erscheinung fiel. Und ebenso schwieg sie dazu, denn was kümmerte sie diese Welt, wo sie SEINE Herrlichkeit erblickt hatte und doch aus SEINEM Reich verbannt worden war? Was kümmerte es sie noch, da ihr alles, was sie ausgemacht hatte, genommen worden war?
Aber dann hatte sich etwas verändert - jemand war in ihr Blickfeld getreten, der ihre Aufmerksamkeit zu erlangen vermochte, der sie aus ihrer Gleichgültigkeit herauszureißen vermochte. Jemand, dessen Aura schwärzer zu sein schien, als alles, was sie bisher wahrgenommen hatte.
Aber sie war nicht angewidert, oder abgestoßen von dieser Finsternis; nach Wochen, Ewigkeiten in dieser Welt der Teilnahmslosigkeit und unwichtigen Dinge – sie war fasziniert.
