Was ist das nur für ein Land?

Aisha

Das junge Mädchen war starr vor Angst als Erik sie in seine Gemächer im Palast führte. Als sie die Sitzkissen auf den herrlichen Teppich in der Ecke seines Wohnzimmers sah, wo er seine Wasserpfeife zu rauchen pflegte, brach sie schluchzend zusammen.

Erik stand hilflos daneben und sah auf das staubige in Lumpen gehüllte Bündel, das vom Schluchzen so geschüttelt wurde, dass es sie jeden Moment zu zerreißen schien.

Für die junge Frau war die Welt zusammengebrochen. Ihr Mann hatte sie verstoßen, der schwarze Magier hatte ihn und ihren Vater brutal ermordet und sie entführt. Es war allgemein bekannt, dass die größte Lust dieses Mannes seine teuflischen Foltern waren. Und sie war in seiner Gewalt, ihm völlig ausgeliefert. Was jetzt auf sie zukam war schlimmer als ihre schlimmsten Albträume.

„Bitte, hör auf zu weinen!" sagte Erik und fühlte sich hilflos. Das Mädchen reagierte nicht, sie kauerte weiterhin auf dem Boden.

Erik kniete neben ihr nieder und sagte: „Du brauchst keine Angst zu haben, ich will dir doch nur helfen." Aber sie schien ihn nicht hören zu können. Die Panik hatte derart Besitz von ihr ergriffen, dass sie einfach nichts hören konnte. Sie sah nur die angsteinflößende schwarze Gestalt, die sich ihr näherte und sich über sie beugte. Verzweifelt begann sie zu schreien.

Das Gekreisch des Mädchens war unerträglich für Erik, es erinnerte ihn an viel zu viele Erlebnisse, die er lieber vergessen wollte. Er wusste auch, dass sie ihn gar nicht hören konnte, dass er sie aus ihrer Erstarrung reißen musste, bevor sie vor Angst wahnsinnig würde.

In seiner Hilflosigkeit, weil er überhaupt nicht wusste, was er tun sollte, verlor er die Nerven und packte das zitternde Mädchen an den Armen, schüttelte sie und schrie sie an: „Hör auf zu weinen! Verdammt noch mal, ich tu dir doch nichts, hör auf zu weinen!"

Wie ein gut dressierter Hund reagierte sie sofort auf den Befehl nicht zu weinen, hatte sie ihn doch oft genug gehört. Still saß sie da, regungslos, völlig in sich gekehrt, ganz in ihr Schicksal ergeben.

„Magst du dich nicht auf den Diwan setzten?" fragte Erik nun schon viel sanfter. Das Mädchen starrte ihn nur verständnislos an. „Bitte setzt dich", wiederholte der furchteinflößende Mann und das Mädchen gehorchte wie ein Automat.

Erik blieb auf dem Teppich knien um nur ja nicht bedrohlich zu wirken. „Wie heißt du?" fragte er. Das Mädchen starrte auf ihre Füße und flüsterte etwas das sogar für Eriks schier übermenschliches Gehör zu leise war. „Sag es lauter. Hab keine Angst, ich tue dir nichts", forderte er sie sanft auf.

„Aisha" flüsterte das Mädchen. „Wie alt bist du Aisha?"

Jetzt konnte das Mädchen nicht antworten, denn sie wusste es nicht.

Erik seufzte. Irgendwie musste er Aisha die Angst vor ihm nehmen, was nicht leicht werden würde nachdem sie ihn morden gesehen hatte. „Du musst nichts sagen, wenn du nicht magst. Möchtest du dich waschen, die Kleider wechseln?"

Aisha bemühte sich ernsthaft zu verstehen was dieser Mann von ihr wollte. Er kniete vor ihr auf dem Boden und wirkte nun nicht mehr gar so bedrohlich. Sie konnte aber nicht verstehen warum er das tat. Bisher war es ihr immer verboten gewesen, die Möbel zu benutzen. Möbel waren für die Männer, die Frauen hatten möglichst unsichtbar in der Ecke zu kauern und still auf den nächsten Befehl des Mannes zu warten, wenn sie gerade nicht arbeiten mussten. Und er hatte so eine ungewöhnliche Art, seine Befehle zu formulieren. Sie waren nicht leicht zu verstehen für eine Frau, die ihr Leben lang gewohnt war, dass Befehle an sie gebrüllt und mit Schlägen begleitet wurden, wenn sie nicht sofort gehorchte. Jetzt schien der Mann sie aufzufordern, sich zu reinigen und ein sauberes Kleid anzuziehen. „Wenn Ihr es wünscht, Herr", murmelte sie mit der gebotenen Demut.

„Nenn mich nicht „Herr"! Mein Name ist Erik" sagte Erik, „und ich habe dir gar nichts befohlen. Ich will wissen, was DU willst."

„Ich… ich verstehe nicht…" flüsterte Aisha, dann warf sie sich vor ihm auf den Boden, den Kopf mit den Händen schützend und schluchzte: „Nicht schlagen, Herr Erik, bitte nicht schlagen! Ich bin nichtswürdig und dumm, bitte nicht schlagen!"

Nun verstand Erik worum es hier ging. Aisha hatte von frühester Kindheit an sehr schmerzlich lernen müssen, dass sie zu nichts gut wäre außer einem Mann zu dienen, der Gedanke, dass sie selbst Wünsche und Bedürfnisse haben könnte kam sie nicht.

„Hab keine Angst, ich schwöre, ich tue dir nicht weh", sagte Erik so sanft er nur konnte. Dann erhob er sich und ging zur Türe um nach einem Diener zu rufen. Rasch gab er dem zitternden Mann den Befehl, mehrere Kleider für das Mädchen zu besorgen, schöne Kleider, einer Königin würdig. Und zwar binnen einer halben Stunde, wenn ihm sein Leben lieb sei.

Als Erik zurückkam, fand er Aisha neben dem Diwan kniend. „Aisha, komm mit, ich zeige dir jetzt das Bad."

Gehorsam folgte Aisha ihm in das herrlich ausgestattete Marmorbad. Erik selbst ließ ihr ein Bad ein, sehr zum Staunen des Mädchens, und legte ihr weiche Handtücher und duftende Seifen zurecht. Als er fertig war, sagte er: „Ich lasse dich jetzt allein. Du kannst die Türe zuschließen, dann nimmst du ein Bad. Bis du fertig bist, sind Kleider für dich da. Mach es dir bequem, lass dir so viel Zeit wie du magst." Dann ließ er sie allein.

Aisha verstand das so, dass sie sich möglichst gründlich waschen sollte. Also zog sie rasch ihr schmutziges Kleid aus und stieg in die Wanne. Sie hatte Angst, die Seifen zu benutzen, das waren alles so kostbare Sachen, die Handtücher so rein, dass sie es fast nicht wagte, sie zu berühren. Aber vielleicht würde der dunkle Magier wütend, wenn sie die duftenden Seifen nicht verwendete? Schließlich entschied sie, alles zu benutzen was er ihr gegeben hatte. Sie hatte so viel Angst ihn zu verärgern, dass sie in der Badewanne sitzen blieb, bis das Wasser so kalt war, dass sie es nicht mehr aushielt.

Sie trocknete sich ab und wickelte sich in die Handtücher ein. Dann blieb sie auf dem Steinboden hocken und wartete.

Erik war angenehm überrascht als der Diener ihm tatsächlich nach nur einer halben Stunde drei Kleider brachte, die aus schönem Brokat gefertigt waren und mit Goldfäden und geschliffenem Glas verziert waren. Dazu kostbare Schleier aus Seide in der jeweils passenden Farbe. Ein Kleid war grün, eines rot und eines blau.

Erik schickte den Diener weg und klopfte an die Badezimmertür. „Aisha, bist du fertig?" fragte er. „Ja, Herr Erik" rief sie ängstlich. Sie erwartete, dass er sie nun in sein Bett zwingen würde. Umso erstaunter war sie als er sagte, er würde Kleider für sie vor die Türe legen und dann die Wohnung verlassen. Sie solle einfach eines aussuchen und sich anziehen.

Aisha wartete eine Weile bevor sie es wagte die Türe zu öffnen. Tatsächlich lagen da drei Kleider für sie bereit, so schön, wie sie es sich nicht einmal in ihren kühnsten Träumen vorgestellt hatte. Aber welches sollte sie anziehen? Er hatte gesagt, sie sollte eines wählen, also nahm sie das grüne, da es ihr am besten gefiel und hoffte, er würde zufrieden sein. Dann setzte sie sich in die dunkelste Ecke im Wohnzimmer und wartete. Ihr Haar war so ordentlich wie sie es mit ihren Händen herrichten konnte, sie hatte keine Bürste und keinen Kamm gefunden. Sicher würde er sie dafür schlagen, aber sie konnte es nicht ändern.

Erik ging zu Nadir. Nadir war mehr als erstaunt dass Erik ihn ausgerechnet jetzt besuchen kam. „Nadir, ich brauche Hilfe", begann Erik und ließ sich schwer in einen Sessel in Nadirs Wohnung fallen. „Was ist mit dem Mädchen?" fragte Nadir.

„Deshalb brauche ich ja deine Hilfe. Sie ist so voller Angst, sie versteht nicht, dass ich ihr helfen will. Ich kenne keine normale persische Frau, sag du mir was ich tun soll."

Nun fühlte sich Nadir Khan überfordert. Er musste zugeben, dass er keine Ahnung hatte was zu tun wäre. Er konnte seinem Freund nur raten, viel Geduld zu haben und das Mädchen nicht zu überfordern. Er solle sanft, freundlich und geduldig sein, dann würde das Mädchen irgendwann einsehen, dass er ihr nichts tun würde.

„Das sind nicht gerade meine Stärken", seufzte Erik, „Aber ich will es versuchen."

Eine Frage brannte Nadir auf der Seele: „Sag mir, Erik, was hast du mit ihr vor?"

„Ich weiß es nicht. Ich habe sie aufgelesen wie ein verängstigtes Straßenkätzchen, weil sie mir leid tut, aber ich habe keine Ahnung wie es weitergehen wird."

„Wenn du eine Frau willst…" begann Nadir, aber Erik unterbrach ihn ungeduldig: „Hältst du mich für einen Narren? Ich weiß ganz genau dass niemals eine Frau einwilligen würde mich zu heiraten. Aber ich hätte so gern eine Kameradin in meinem Elend, jemand mit dem ich wirklich reden kann, weil sie dasselbe grausame Schicksal erdulden musste wie ich.

Aisha ist jung, vielleicht fünfzehn oder sechzehn, sie wurde von ihrem Vater physisch und psychisch misshandelt weil sie ein Mädchen ist, drei Jahre lang von einem hartherzigen Mann vergewaltigt und als Sklavin geschunden, ja, ich glaube wir haben einige grausame Gemeinsamkeiten. Wir beide wurden schuldlos gehasst und gequält, aus dem einzigen Grund, dass wir in einem ungewünschten Körper geboren wurden."

Nadir schwieg, überwältigt von Eriks unerwarteter Offenheit. Dies war einer der seltenen Momente, wenn Erik die harte Panzerung ein wenig öffnete und einen kurzen Blick auf seine verwundbare, sensible Seele zuließ. Jetzt etwas zu sagen würde den Moment abrupt zerstören und Erik verletzen. Was konnte ein Mann wie Nadir Khan sagen, der sein Leben in Wohlstand und Geborgenheit gelebt hatte, der von seinen Eltern und seiner Frau geliebt worden war?

„Aisha müsste jetzt fertig sein. Ich gehe jetzt", sagte Erik. Nadir sah ihm verwundert nach. Er machte sich Sorgen um seinen Freund. Erik war in großer Gefahr, wenn er Gefühle für die Frau Aisha entwickeln würde, waren sie beide in Gefahr. Die Khanum würde es früher oder später herausfinden und gegen ihn verwenden. Nadir fragte sich ernsthaft, ob er seinen Freund warnen und das Mädchen möglichst weit weg bringen sollte, entschied aber dagegen. Er konnte es nicht über sich bringen, Eriks zarte Hoffnung auf ein bisschen Glück zu zerstören.

Erik fand Aisha auf dem Teppich kniend, sie hob den Kopf als er eintrat und zog den Schleier fester um sich.

„Hab keine Angst, Aisha, ich will dir nicht wehtun. Ich will dir helfen. Sei doch bitte so freundlich und setz dich irgendwohin, wo es bequem ist", sagte Erik.

Aisha brauchte eine Weile bis sie verstand, dass sie sich selbst einen Platz aussuchen sollte. „Wo ich will, Herr Erik?" fragte sie zur Sicherheit noch mal nach. „Ja, wo du willst!"

Aisha setzte sich auf den Diwan. Erik kniete vor ihr nieder und sagte langsam und freundlich: „Aisha, ich möchte, dass du mir ganz genau zuhörst und versuchst mich zu verstehen, ja?" Aisha nickte.

„Gut. Ich will dir helfen, ich will nichts anderes als dir helfen, du brauchst mir nie etwas zurückgeben, ich erwarte keinerlei Gegenleistung. Ich will dich beschützen, ich werde dir niemals wehtun, das schwöre ich dir. Verstehst du?"

Aisha begann langsam zu verstehen, aber es ergab keinen Sinn für sie. Dieser Mann, den alle als den Teufel beschrieben hatten, versprach ihr, ihr zu helfen und ihr niemals wehzutun – war das überhaupt möglich? Alle Frauen die sie kannte wurden geschlagen und mussten ihren Männern jederzeit zu Willen sein – warum war dieser Mann so anders? Er behandelte sie als wäre sie etwas wert, mit Respekt. Aisha konnte es nicht fassen.

„Herr Erik, darf ich etwas fragen?"

„Aber ja, sicher."

„Bin ich tot?"

„Was?" Erik traute seinen Ohren nicht. „Nein, du bist am Leben. Warum fragst du?"

„Weil… weil Mutter mir sagte, wenn ich einmal keine Schmerzen hätte, wüsste ich, dass ich im Paradies bin."

Erik traten Tränen in die Augen als er das hörte. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, was diese Frauen über Generationen von herzlosen Männern versklavt gelitten hatten. Was sie immer noch erdulden mussten. Aber Aisha nicht, nie mehr.

„Du lebst, Aisha, und du wirst weiterleben. Und es wird dir gut gehen."

„Warum tut Ihr das, Herr Erik?"

Erik dachte darüber nach aber er konnte keinen einzigen vernünftigen Grund finden, warum er es tat, er hatte einfach nur aus einem Gefühl heraus gehandelt ohne zu denken.

„Ich werde jetzt Anweisung geben, dass du etwas zu essen bekommst. Du kannst haben, was immer du willst. Und bitte: nenn mich nicht „Herr Erik" sondern einfach nur „Erik"."

„Wie Ihr wünscht, Erik."

„Aisha, sag du zu mir. Behandle mich wie einen Bruder…"

„Meine Brüder haben mich aber geschlagen!" rief Aisha erschrocken aus. Gerade eben hatte dieser Mann mit der Maske ihr noch versprochen, ihr nicht wehzutun und jetzt…

„Nein, Aisha, ich werde gut zu dir sein. Wie eine Freundin, wie eine liebende Mutter, wie eine Schwester. Hast du eine Schwester?"

Jetzt begann Aisha zu weinen.

„Magst du es mir erzählen?"

Aisha hatte zwar bereits etwas Vertrauen zu Erik gefasst, aber sie wagte es noch immer nicht, seine Aufforderungen abzuschlagen.

„Ich tauge gar nichts! Ich war zwei Jahre verheiratet und dann habe ich nur ein Mädchen geboren – und mein Mann hat es getötet und mich verstoßen, weil ich nach einem Jahr noch immer nicht schwanger war! Ich will mein Baby wieder haben!" schluchzte sie.

Erik griff nach seiner Geige, setzte sich neben sie und begann eine leichte, tröstende Melodie zu spielen.


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