(3) Verlockung
Er hatte sie eingefangen wie einen Schmetterling in einem feinen Netz aus Schmeicheleien, mit nur einem Wunsch und nur einer Absicht, gleich einem Kind mit der unbändigen Freude am Leid anderer.
Er umgarnte sie mit schönen Worten, bedächtig, zärtlich, aber in seinen Augen spiegelte sich ein Verlangen wider, das kaum romantischer Natur war. War er in ihrer Nähe, schien es ihn jede Selbstbeherrschung zu kosten, die er aufbringen konnte, um nicht auf der Stelle über sie herzufallen. Je öfter er sie sah, desto größer wurde dieses Verlangen, desto quälender die Begierde nach ihrem Körper, der Reinheit ihrer Seele.
Sitael – sie musste sein werden.
Aber er hielt sich zurück, war nach außen ganz Gentleman und lockte sie auf diese Weise.
Sie mit Gewalt zu nehmen, hätte ihm nur halb so viel Vergnügen bereitet. Nicht nur ihr Körper sollte sein werden, auch ihre Seele wollte er besitzen, und mit ihr jeden Funken von Liebe und Schönheit, der sie ausmachte.
Ganz und gar sollte sie sein werden, und dann, im Moment seines Triumphes – dann würde er sie in Stücke reißen.
Nein, jedoch nicht mit Gewalt. Auf diese Weise, langsam, tückisch, bereitete ihm seine Jagd weitaus mehr Freude. So hatte er sie um sich, sah ihr Lächeln und wusste, dass sie mit jeder Minute mehr gewillt war, sich ihm hinzugeben, dass sie in jeder Minute mehr verlor und er den Sieg davontrug über ihre Vollkommenheit.
Ja, er sah sich im Schein ihrer verblassten Augen, und was er sah, gefiel ihm außerordentlich.
Es war, als hielt er tatsächlich einen Schmetterling in den Händen, den er noch ein wenig am Leben belassen wollte. Nur ein wenig, bis sich erfüllt hatte, was er begehrte.
Deswegen bemühte er sich, nichts zu überstürzen.
Nachdem er sie im Club das erste Mal berührt hatte, seine Lippen ihre Hand gestreift hatten und sie das erste Wort gewechselt hatten, schien es ihm so leicht zu fallen, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Nachdem diese erste Barriere überwunden war, stellte der Rest kaum noch ein Problem dar.
Sie verließen Midnite's nach zwei Sunden zusammen und wanderten durch die Strassen der nächtlichen Stadt. Selbst in der Dunkelheit war alles von Leben erfüllt, von Menschen, die liefen und umherfuhren, von Autos, Maschinen und Lärm, und ab und an sahen sie ein Halbblut, dass ungesehen unter den Menschen wandelte und ihnen feindselige Blicke zuwarf.
'Sie beobachten uns', meinte Sitael, während sie neben ihm herging.
'Ich weiß', erwiderte er, 'kümmert es dich?'
'Das habe ich vor einiger Zeit aufgegeben.' Sie lächelte nicht dabei. Aber er fragte nicht weiter danach, denn eine Ahnung sagte ihm, dass er sie auf dieses Thema nicht ansprechen sollte. Noch nicht. Fürchtete er doch noch immer, dass sie vor ihm zurückschrecken könnte.
So begnügte er sich damit, neben ihr herzugehen, während der leichte Wind, der durch ihr Haar fuhr, ihren Duft zu ihm herüberwehte. Es war der Geruch eines Sommertages, kurz bevor der erlösende Regen auf die warme Erde fällt. In ihm schwangen all die Eindrücke eines solchen Tages mit, die schwirrende Luft, kreisende Insekten, blühende Blumen und reifes Korn.
Balthazar atmete diesen Duft tief ein, bis kaum noch etwas anderes zu existieren schien. Mehr! mehr! schien jede Faser seines Körpers zu rufen, und er sehnte sich danach, seine Finger in ihrem Haar zu vergraben, ihren Geruch völlig aufzusaugen, bis nichts mehr davon übrig war, außer… 'Ist alles in Ordnung mit dir?' fragte sie da und riss ihn in die Gegenwart zurück. 'Du wirkst so abwesend.'
'Nein, alles ist bestens. Alles ist, wie es sein sollte.'
Und sie unterhielten sich. Über unbedeutenden Dinge, über die Welt, die Menschen. Als wären sie keine Halbblüter, sondern nur zwei, die sich zufällig begegnet waren und gut verstanden. Wie unbefriedigend das alles war, dachte Balthazar, unbefriedigend und doch herrlich. Zu sehen, wie sie langsam von seinen wohlgewählten Worten eingefangen wurde, ihm in jedem Augenblick mehr Vertrauen schenkte, obwohl sie natürlich wusste, dass er ein Halbdämon war.
Ja, er konnte warten.
''tschuldigung, hat einer von euch 'nen Dollar für was zu essen?' Ein Obdachloser war zu ihnen getreten, kaum älter als siebzehn, der an ihnen keinen Unterschied zu normalen Menschen zu bemerken schien, so abwesend war er von der Spritze, die er sich grade gedrückt hatte. Normalerweise bemerkten selbst Menschen die Verschiedenheit zu den Halbblütern und mieden sie, begegneten sie einem auf der Strasse. Aber dieser hier war zu verzweifelt, als dass er noch etwas anderes als seine Sucht wahrgenommen hätte.
Sitael neben ihm schüttelte auf seine Frage mit trauriger Miene den Kopf. Sie hatte kein Geld, denn wann hätten Kreaturen wie sie es jemals gebraucht? Aber ihm kam plötzlich seine Münze in den Sinn, die sich noch immer in der Tasche seines Jacketts befand. Und mit einem Lächeln auf den Lippen, das eher zu erahnen denn zu sehen war, gab er sie dem Jungen.
'Hey, danke, Mann.' sagte dieser und verschwand wieder in der dunklen Gasse, aus der er aufgetaucht war.
'Der Arme', meinte Sitael und schüttelte den Kopf. 'So jung und schon so verloren.'
'Ja, in der Tat', erwiderte Balthazar, während er noch immer in die Richtung blickte, in die der Junge verschwunden war.
'Und dabei sollten sich doch gerade die Menschen sicher sein über die Liebe Go... naja, vielleicht nicht das richtige Gesprächsthema', unterbrach sie sich selber und sah ihn dabei nicht an.
Natürlich wusste sie, dass er ein Halbdämon war, hatte es gespürt seit sie das erste Mal auf ihn aufmerksam geworden war. Aber wie dachte sie wohl darüber, fragte er sich kurz, bevor er den Gedanken verwarf. Sie war mit ihm gekommen, oder nicht? Was interessierte ihn der Rest? Was interessierte es ihn, was sie dachte, solange er sah, wie sie in jeder Minute mehr sein wurde? Deshalb sagte er, ohne recht darauf zu achten: 'Nein, vermutlich hast du recht... Aber entschuldigst du mich für eine Minute? Hier, setz' dich dorthin; ich bin wieder da, kaum dass du bemerkt hast, dass ich weg war.'
Und damit wandte er sich um und ließ sie, auf einer niedrigen Mauer sitzend, allein in der Dunkelheit zurück.
Aber nicht lange.
