(4) (delightful dying)

Töten, ein Leben schwinden zu sehen, welch ein Genuss.

Wie leicht auch das Leben der Menschen auszulöschen war, wie fragil und dünn die Trennlinie zwischen Leben und Tod! Und dann ihr Schmerz, ihre verzweifelten Versuche, sich an das Leben, das ihnen gegeben war, zu klammern – wie sehr amüsierte ihn das alles.

Und dann dieser hier, eine fast zu leichte Beute.

Balthazar nahm den Weg zurück, den sie gegangen waren und bog dann nach links in die Gasse ab, in die der Junge verschwunden war.

Es war dunkel außerhalb des kalten Lichts der Straßenlaternen, und schmutzig, gleich einem Ort, an den sich kaum ein Wesen verirrte außer den armen Seelen, die keinen Platz hatten, an den sie zurückkehren konnten.

Mülltüten und Pappkartons stapelten sich an den bekritzelten Häuserwänden und zwei Ratten stoben quiekend davon, als Balthazar lautlos weiterging, gleich einem Raubtier in der Nacht.

Schnell hatte er den Jungen gefunden, er saß in einer Nische zwischen all dem Müll und Unrat auf dem Boden und hielt eine kleine Pappschachtel in Händen, die er im Begriff war, zu öffnen. Jenseits des Laternenlichts sah dieses kümmerliche Häuflein Mensch bereits kaum noch lebendig aus.

Kein großer Verlust.

Erst als der Schatten des Halbdämons dem Jungen das letzte einfallende Licht raubte, sah dieser auf.

'Was stehst du mir im Licht rum?' Er schien ihn schon nach diesen wenigen Minuten nicht wieder zu erkennen.

'Meine Münze. Ich hätte sie gern zurück.'

Da erst erkannte ihn er Junkie. 'Aber du hast sie mir doch eben erst gegeben!'

'Ich habe meine Meinung geändert.'

'Hm, ok.' Einen Augenblick kramte er in seinen Taschen, dann hielt er Balthazar die Silbermünze hin.

Verdammt, dachte dieser. Es hätte mehr Spaß gemacht, wenn er sich gewehrt hätte. Nur ein bisschen.

Aber so…

Er nahm die Münze, darauf bedacht, den Jungen nicht zu berühren.

Verdammte Menschen.

Nur ein kurzer Augenblick verstrich, in dem der Junge und der Halbdämon sich gegenseitig musterten, dann geschah es: der Junge gab ein ersticktes Geräusch von sich und seine Augen weiteten sich erschrocken. Dann griff er sich an den Hals.

Als das erste Blut aus seinem Mund zu fließen begann, war es bereits zu spät. Lautlos sackte er in sich zusammen und war Sekunden später tot.

Er hatte nicht einmal Zeit zu schreien.

Balthazar ließ die zurückgewonnene Münze über seine Finger wandern.

Verdammte Menschen.

Noch einen Augenblick länger betrachtete er den Leichnam, dessen Augen weit aufgerissen zum mondlosen Himmel starrten. Im Dunkeln der Nacht waren sie schwarz wie alles; aber für einen Moment erschien es Balthazar, als seinen sie einmal blau gewesen. Blau wie ein wolkenloser Himmel.

Aber nun – nichts weiter als Futter für den Höllenfürsten, wie Unzählige vor ihm.

Balthazar wandte sich angewidert ab von der leeren Hülle, die vielleicht einmal ein Mensch gewesen sein mochte, und ging zurück in das Licht der Laternen, wo sie auf ihn wartete.


Es saß hoch über ihm, auf dem Sims eines angrenzenden Hauses, und blickte unverwandt auf ihn herab. Unbewegt saß es da, nur die Federn seiner Flügel schwangen im leichten Wind hin und her.

Seine Augen, trotz der Dunkelheit chromfarben schimmernd, starrten voller Argwohn in die Häuserschlucht herab, wo der Mensch lag, während sich unter ihm die Blutlache langsam ausdehnte, ungesehen von sterblichen Augen.

Es hatte alles gesehen, jedes Detail des Verstoßes, des Verbrechens an einem Menschenwesen, dessen Schicksal noch nicht entschieden gewesen war. Die Balance war gestört worden, und jemand musste dafür bestraft werden.