an alle: Danke für Eure Reviews! Ich freu mich riesig und hoffe, dass Ihr weiterlesen werdet.


Was ist das nur für ein Land?

Frieden und Glück

Es war eine lange Reise, die längste, die Aisha je gemacht hatte. Sie hatte zuvor ihr Stadtviertel in Teheran nie verlassen, kannte nichts als die staubigen Straßen und die eintönigen Häuser. Nun saß sie schon seit Stunden in ihrer Sänfte und starrte die Vorhänge an, hinter denen sie vor allen männlichen Blicken geschützt saß. Sie hatte Durst, aber sie wagte es nicht, die Vorhänge beiseite zu ziehen, geschweige denn, einen fremden Mann anzusprechen. Sie war ein anständiges Mädchen.

Plötzlich sah sie Eriks zarte Finger den dicken Vorhang beiseite schieben. „Du brauchst dich nicht zu verstecken", meinte er, „Ich bin bei dir, um dich zu beschützen. Es kann dir wirklich nichts passieren, also sieh dir die Landschaft an." Aisha spähte durch den Spalt im Vorhang und sah zum ersten Mal in ihrem Leben Berge. Die Berge waren wesentlich höher als sie es sich je vorstellen konnte, und es war schön hier. Sie kannte keine Worte für die Schönheit die sie sah, aber es faszinierte sie so sehr, dass sie es wagte, sich vorzubeugen und den Vorhang ganz beiseite zu schieben um eine bessere Sicht zu haben.

Erik lächelte, als er das sah. Aisha schien die Reise zu gefallen und es erfüllte ihn mit dem seltsamen Gefühl, dass er zweifellos das Richtige tat. Es war schön ihr zu helfen und diese kleinen Fortschritte zu beobachten.

Irgendwann wagte es Aisha sogar, ihn anzusprechen und um etwas Wasser zu bitten. Es war das erste Mal, dass sie direkt einen Wunsch zu äußern wagte – auch wenn es so etwas einfaches, lebensnotwendiges wie Wasser war. Erik winkte einem Diener, der Aisha einen ledernen Wasserschlauch reichte.

Normalerweise ritt Erik an der Spitze des Zuges und duldete niemanden neben oder gar vor sich. Diesmal jedoch blieb er neben der Sänfte in der Mitte des Zuges, direkt hinter dem Daroga. Nadir Khan begann, sich Sorgen um Erik zu machen. Das Verhalten seines Freundes war alles andere als normal, Erik beherrschte seine Launen wesentlich besser als sonst, im Moment benahm er sich wie der perfekte Kavalier. Hatte er sich etwa in dieses Mädchen verliebt? Nadir konnte nur darum beten, dass es nicht so war, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass Erik jemals eine glückliche Liebe erleben würde. Aisha hatte ganz offensichtlich Eriks Gesicht nie gesehen und auch keine Ahnung, was er alles für die Khanum tun musste. Aber wenn sie jemals die Wahrheit erfuhr, würde ihr Entsetzen Erik das Herz brechen. Und Nadir wagte es nicht sich vorzustellen, was dann geschehen würde.

„Der Schah hat mir zwar befohlen, unverzüglich zur Baustelle zu reiten, aber wer ist schon der Schah? Ich werde so unhöflich sein, mich selbst bei dir einzuladen, mein lieber Daroga. Also, auf geht's!" sagte Erik fröhlich, als sie an der Baustelle vorbeiritten. Aisha starrte die Baustelle an. „Erik, darf ich Sie etwas fragen?" begann sie zögerlich, erschocken über ihren eigenen Mut, ihren Herrn und Gebieter anzusprechen. „Aber natürlich, meine Liebe, frag soviel du willst!" ermutigte sie der Angesprochene.

„Was ist das?"

„Das ist die Baustelle, hier baue ich einen neuen Palast für den Schah. Ich weiß, man kann noch nicht viel erkennen, aber wenn du magst, zeige ich dir morgen alles."

„Aber… aber ich kann doch nicht so einfach…" stammelte Aisha. Sie hatte wirklich Angst, eine Frau, die einfach so zwischen all diesen Männern herumlief – das schickt sich wirklich nicht! „Warum denn nicht?" fragte Erik, „Weil du eine Frau bist? Vergiss diesen ganzen Unsinn, eine Frau ist mindestens genauso viel wert wie ein Mann und hat auch die gleichen Rechte."

Einige der Männer zuckten zusammen, als hätte sie jemand geschlagen. Eine Frau, so wertvoll und mit den gleichen Rechten wie ein Mann? Was für eine Blasphemie! Der maskierte Magier musste viel verrückter sein als sie bisher angenommen hatten.

Ihre Reaktion blieb Erik nicht verborgen und sie machte ihn wütend. Er konnte sie aber nicht direkt beschimpfen oder bestrafen, nicht vor Aisha. Also beschränkte er sich darauf, laut weiterzureden: „Eigentlich sind ja die Frauen viel wertvoller als Männer. Sie sind geduldiger, können wesentlich mehr ertragen, werden nicht so häufig krank und begehen fast nie Verbrechen. Es gibt keine größere Ungerechtigkeit als jemanden für etwas zu bestrafen, wofür er nichts kann und niemand sucht sich aus, wie er geboren wird."

Nadir schielte hinüber zu seinen Männern, die schweigend auf ihren Reittieren saßen und so taten, als wären sie taub. Der Daroga selbst fand Eriks Worte gar nicht so unvernünftig, wenn auch etwas extrem, aber sein maskierter Freund war ihm schon früher als Mann der Extreme aufgefallen. Allerdings schien Aishas Anwesenheit eine Wohltat zu sein. Erik hatte nicht einmal zu Opium oder Alkohol gegriffen, seit sie da war, und er war nicht ein einziges Mal gewalttätig geworden – abgesehen von dem Mord an Aishas Mann und ihrem Vater. Sie schien eine beruhigende Wirkung auf ihn zu haben.

Am Abend erreichten sie den Palast des Daroga von Mazenderan. Erik setzte sein Pferd mit einem leichten Schenkeldruck in Trab und schließlich in Galopp, als könne er es gar nicht erwarten, endlich die schützenden Mauern zu erreichen. Der Daroga jagte ihm nach, nur war sein Pferd nicht so schnell wie Eriks.

Aisha sah erstaunt den beiden Männern und ihrem seltsamen Wettrennen zu. Plötzlich wurde das Tor der Außenmauer geöffnet und ein Knabe lief auf die beiden zu. Aber an der Art wie er lief erkannte die junge Frau sofort, dass etwas mit diesem Kind nicht stimmte. Es lief mit kurzen, unsicheren Schritten wie ein alter Mann, der beinahe bei jedem Schritt zu stürzen droht. Erik zügelte sein Pferd, sprang ab und rannte mit ausgebreiteten Armen auf das Kind zu.

Aisha schrie erschrocken auf. Als sie Erik so laufen sah, tauchten Bilder in ihrem Kopf wieder auf, Bilder die sie verdrängt hatte, weil sie sie nicht wahr haben wollte. Bilder, wie dieser Mann in der weißen Maske und dem weiten schwarzen Umhang tötete… er würde doch nicht das Kind…?

Aber dann warf sich der Knabe mit einem freudigen Jauchzen in Eriks Arme, Erik hob ihn auf seine Schultern und lief so schnell er konnte Nadir Khan entgegen, der nicht gerade glücklich darüber war, dass sein Sohn zuerst Erik begrüßt hatte. Als er jedoch sah, wie glücklich Reza war als Erik ihn zu seinem Vater aufs Pferd hob und der Junge sich in seine Arme drängte, konnte er nicht böse sein.

Erik hatte Mühe, wieder zu Atem zu kommen, so schnell war er gelaufen. Erst jetzt schien er sich an Aisha zu erinnern, er ging zu ihrer Sänfte und sah zu ihr auf. „Aisha, das ist Reza, Nadir Khans Sohn", erklärte er.

Am Abend bot sich Nadir ein ungewohntes Bild des Friedens, als er seinen Salon betrat. Erik saß auf dem Divan, Reza neben ihm und Aisha kniete zu seinen Füßen auf dem Teppich, als Erik über die Wunder des weit entfernten Europa berichtete.

Sogar der Daroga konnte sich der Geschichte nicht entziehen und setzte sich in einen Sessel um auch zuzuhören.

Es wurde später und später, und Erik wollte gar nicht aufhören zu erzählen. Er fühlte sich so wohl, es war so schön, ein völlig unbekanntes Gefühl der Wärme und Geborgenheit. Das Kind war nicht sein Kind, die Frau war nicht seine Frau und doch hatte er zum ersten Mal in seinem Leben so etwas wie eine Familie. Er wusste nur zu gut, dass er niemals mehr haben würde. Reza sah ihn mit glänzenden Augen an, aufmerksam und so voll kindlicher Bewunderung und Liebe, dass Erik die Tränen in die Augen traten. Aishas Schleier war nach hinten über ihre Schultern gerutscht, sodass Erik ihr schönes Haar und ihr hübsches Gesicht sehen konnte, wie sie gebannt an seinen Lippen hing. Dann sah er zu Nadir, der in seinem Sessel etwas abseits saß. Nadir lächelte und nickte ihm zu.

Plötzlich konnte Erik seine Tränen nicht mehr zurückhalten, so sehr er sich auch bemühte mit ruhiger Stimme weiterzusprechen, Reza bemerkte die Tränen, die unter der Maske flossen und fragte erstaunt, warum denn sein großer Freund weinte.

„Weil ich so glücklich bin", antwortete Erik und versuchte zu schlucken. „Weint man denn, wenn man glücklich ist?" fragte Reza erstaunt. „Ja, wenn man ganz besonders glücklich ist, dann weint man."

„Und warum bist du so glücklich?" fragte der Knabe in völliger Unschuld weiter. „Weil ich dich so lieb habe", antwortete Erik. Er konnte dem Kind nicht die ganze Wahrheit sagen, dass es ein bitteres Glück war, dass er gleichzeitig erleben durfte, was wahres Glück bedeutete und doch wusste, dass es nur von sehr kurzer Dauer sein würde, dass er niemals eine richtige Familie haben würde, niemals diese einzigartige Liebe und Geborgenheit erleben würde.

Reza schlag seine viel zu zarten Arme um Eriks Schultern und sagte: „Ich hab dich auch lieb." Dann gähnte er und machte es sich auf dem Diwan bequem, wobei er sich an Erik anschmiegte und einschlief. Es war sehr spät und der Knabe war sehr müde von der Aufregung und dem konzentrierten Zuhören. Erik legte seinen Arm um ihn und sah Aisha an.

Die junge Frau hatte nicht erwartet, den maskierten Mann so geduldig und zärtlich zu sehen. Aber als sie ihn weinen sah, fühlte sie sich plötzlich zu ihm hingezogen, er war ein sensibler, gütiger Mann, und alles, was sie bisher über ihn gehört hatte, dass er ein kaltblütiger Mörder, ein Monster wäre, musste gelogen sein. Erik war der wunderbarste Mann, den sich eine Frau nur wünschen könnte.