(5) Anziehung

'Es wird dir gefallen', sagte er und hielt ihr die Tür offen.

Nachdem sie auf dem dunkelroten Autositz platzgenommen hatte, ging er um den schwarzen Jaguar xkr herum und stieg auf der Fahrerseite ein. Das Auto war ein britischer Import, deshalb saß der Fahrer auf der rechten Seite, der Beifahrer auf der linken. Im Innenraum fanden sich nur die edelsten Materialien, die Sitze waren aus weichem, rotem Leder, die schwarzen Ebenholzarmaturen hatten Abschlüsse aus gebürstetem Chrom.

Sitael versank für einen winzigen Augenblick in dieser Weichheit, diesem Luxus, obwohl sie wusste, dass es nichts weiter war als ein Werk des Mammons, des Geldes, das nichts bedeutete und nichts war. Dennoch konnte sie in diesem Moment nachvollziehen, warum die Menschen von diesen Dingen so verlockt wurden. Wenigstens für einen winzigen Augenblick.

Aber was war all dies im Vergleich zu SEINER Herrlichkeit, neben der nichts bestehen konnte? Nichts weiter als Eitelkeiten und schaler Glanz, der nicht lange erhalten blieb.

Er startete den Wagen und sie fuhren, umgeben von den brummenden Geräuschen eines typischen Sportwagens, davon. Der Nachmittag ging dem Abend entgegen, während Balthazar das Auto durch die Häuserschluchten lenkte. Nach einiger Zeit hielt er an einem der Hochhäuser, das sich in nichts von den Umstehenden unterschied. Mit seiner uniformen Glasfront erinnerte es eher an ein Bürogebäude denn an ein Appartementhaus. Allein der Pförtner, der den Eingang bewachte, zeigte an, dass hier Menschen lebten – reiche Menschen.

Balthazar machte sich nicht die Mühe, sein Auto zu parken, er fuhr direkt an den Eingang heran und hielt. Nachdem er ausgestiegen war, hielt er zuerst Sitael die Tür auf, dann gab er dem Pförtner wortlos den Autoschlüssel.

Die Eingangshalle selbst war beeindruckend, und erinnerte, vornehmlich in Gold und Rot gehalten, eher an die Lobby eines Hotels. Balthazar nickte dem Concierge zu, der hinter einer Mahagoni-Theke saß und kaum mehr als einen flüchtigen Blick auf den Halbdämon und seine Begleiterin warf, bevor er sich wieder dem Modemagazin zuwandte, das vor ihm lag. Anscheinend war er derartige Anblicke gewohnt und schenkte ihnen keine weitere Beachtung, sei es aus Desinteresse oder aus Diskretion.

Der Aufzug fuhr beinahe geräuschlos in die Höhe, weiter und weiter entfernten sie sich vom Erdboden. Sitael stand da, an die verspiegelte Wand gelehnt, Balthazar neben sich wissend. Sie konnte ihn nicht sehen, nicht im sterblichen Sinne, aber sie 'sah' ihn auf andere Weise und nahm seine Präsenz wahr.

Nachdem der Halbdämon im Club ihre Hand geküsst hatte, hatten sie sich in keiner Weise berührt. Aber hier, in der Stille, im gedämpften Lampenschein, der von den Spiegeln reflektiert wurde, während der Lift sie höher trug, ergriff sie schweigend seine Hand.

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'Hier also…'

'…wohne ich gelegentlich, ja.'

Er schloss die Tür hinter sich und beobachtete ihre Reaktion auf das geräumige Loft, das sich vor ihnen auftat. Das Licht war gedämpft, nur vereinzelte Lampen beleuchteten den großen Raum. Im Hintergrund, auf der rechten Seite, war die Küche zu erkennen, definiert durch einen vorgelagerten Küchenblock mit Anrichte und einigen Hockern, außerdem eine Küchenzeile, in Weiß und Silber gehalten.

Links, sich der Eingangstür nähernd, befand sich eine Sitzgruppe mit Sofas und Sesseln aus dunklem Stoff und schwarzem Beistelltisch. Etwas davon entfernt standen Regale an der Wand, ebenfalls schwarz, auf denen sich Bücher und andere Dinge befanden.

Auf der rechten Seite befand sich eine Tür, hinter der sich vermutlich und ein Durchgang, der zu einem abgetrennten Schlafzimmer führen musste. Zwischen diesen beiden befand sich ein Kamin, dunkel und verziert, über dem ein großes Bild hing. Es war die 'Insel der Toten' von Böcklin.

Alles war sauber, geordnet, aufgeräumt. Und kaum etwas schien mit persönlichen Erinnerungen behaftet zu sein, außer vielleicht dem Sessel, der in der linken hinteren Ecke in der Nähe der bodentiefen Fenster stand und neben dem sich einige Zeitschriften stapelten.

Balthazar betrachtete Sitael, die einige Schritte in den Raum gemacht hatte, und ein winziges Lächeln schlich sich auf seine Lippen. Sie wirkte so fremd hier, so andersartig - weiß und rein, wie sie da stand, zwischen all den Dingen, die ihm gehörten. Ihm gefiel dieser Anblick.

'Mach es dir irgendwo bequem. Das Essen wird noch etwas dauern.'

Sie wandte sich zu ihm um, beinahe überrascht, als hätte er sie aus ihren Gedanken gerissen. Dann lächelte sie, nicht nur mit ihren Lippen, auch mit ihren Augen, mit ihrem ganzen Wesen. Ihr Anblick war beinahe überwältigend.

Sie nickte schweigend und wandte sich wie aus einem Reflex den Bücherregalen zu, während er für einen Moment in sein Schlafzimmer ging, um Jacke und Weste auszuziehen. Er hatte alles geplant - was er ihr kochen würde, den Ablauf des Abends - alles sollte perfekt sein.

Als er zurück in den Raum trat, sah er, dass sie es sich auf dem allein stehenden Sessel am Fenster bequem gemacht hatte und in einem Buch las. Gut. Er wandte sich der Küche zu, krempelte die Ärmel seines weißen Hemdes hoch und begann mit den Vorbereitungen für das Essen.

Sie sprachen nicht viel miteinander in der einen Stunde, die das Essen brauchte. Und auch als Balthazar ihr nach einiger Zeit ein Glas Rotwein brachte, sagte sie kaum mehr als 'Danke' und wandte sich dann wieder ihrer Lektüre zu. Aber es war kein unangenehmes Schweigen: eher hatte es den Charakter eines Einverständnisses, wie zwischen zweien, die sich kannten und Zeit miteinander verbrachten. Dazu bedurfte es nicht vieler Worte.

Dann, als das Essen beinahe fertig war – es sollte Crespelle mit gegrillten Auberginen geben -, wandte sich Balthazar seinem Gast zu.

'Sitael?' Sie hatte ihre Beine angezogen, so dass sie halb zusammengerollt im Sessel saß. Ihr Kopf war zur Seite geneigt und das Buch halb aus ihren Händen geglitten – sie schlief.

Er machte noch einen weiteren Schritt auf sie zu und ließ sich dann auf ein Knie nieder, sodass sie sich beinahe berührten. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Lippen eine Winzigkeit geöffnet und sie atmete in gleichmäßigen, tiefen Zügen. Nie zuvor hatte er sich solcher Schönheit gegenüber gesehen, und diese Schönheit schien ihn für einen kurzen Moment gleichsam einzuschließen. Beinahe bedächtig streckte er die Hand aus, mehr aus einem Impuls heraus denn mit einem wirklichen Ziel. Sie berühren, um sich zu vergewissern, dass sie aus Fleisch und Blut war und keine ätherische Erscheinung, die im nächsten Augenblick verschwinden konnte, um nichts als täuschende Abbilder und Erinnerungen zurückzulassen. Aber er verharrte in der Bewegung, vielleicht zum ersten Mal in seiner gesamten Existenz unschlüssig, zögernd, nur Zentimeter von ihrer Haut entfernt.

Schließlich strich er doch über ihr zartes Gesicht, im Schlaf unbewegt, die winzigen Härchen auf ihrer Wange und an ihrem Hals, die sich unter seiner Berührung aufrichteten, als wäre ihr kalt.

'Nhmm', machte sie leise, und ihre Augen öffneten sich flatternd ein winziges Stück weit, obwohl sie noch nicht ganz erwacht war.

Er hielt in der Bewegung inne, zog seine Hand aber nicht zurück. Und sie, obgleich sich die beiden so nahe waren wie nie zuvor, erschrak nicht, wie er beinahe erwartet hatte – stattdessen huschte ein Lächeln über ihre Lippen und sie hob den Kopf, sodass seine Hand unweigerlich wieder ihre Wange berühren musste.

Ja.

Für einen kurzen Augenblick schien die Wirklichkeit um ihn kaum noch zu existieren, während er sich gleichzeitig jeder Einzelheit nur allzu deutlich bewusst war. Und sie, war es für sie genauso?

Bevor er völlig realisierte, was er tat, hatte er die wenigen Zentimeter, die noch zwischen ihnen lagen überbrückt und küsste sie.

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Bevor sich seine Lippen über ihren schlossen, merkte Sitael, wie für einen Moment das Rot seiner Augen deutlich aufflammte.

Zuerst war der Kuss zögernd, kaum dass sich ihre Lippen tatsächlich berührten, dann wurde er fordernder. Balthazars rechte Hand wanderte von ihrer Wange in ihren Nacken und grub sich in ihr Haar, presste sie an sich. Seine Linke umfing ihre Taille und er zog sie vom Sessel zu sich auf den Boden herunter, um sie erneut zu küssen. Seine gespaltene Zunge erforschte ihren Mund und sie erwiderte seinen Kuss, leidenschaftlich, nach mehr dürstend.

Als er sie aber auf den Boden drückte und seine Hände sich unter ihr Kleid zu schieben begannen, stieß sie ihn von sich weg. 'Nein', flüsterte sie, erst halbherzig, denn auch sie spürte Erregung in sich aufwallen. Dennoch wusste sie, dass es Unrecht war, dass es nicht sein durfte, und als sie sah, dass er sich so einfach nicht zurückweisen ließ, stieß sie ihn vehementer von sich, sodass sie beide zwei Meter voneinander entfernt auf dem Parkett landeten.

Kaum merkte Sitael, wie ihre Flügel für einen Augenblick aufflatterten, als sie sich aufsetzte und ein weiteres Stück von ihm zurückwich. Sie war weniger erschrocken über das, was er getan hatte, sondern eher über ihre eigene Reaktion. Was auch immer ihr Verstand ihr in den letzten Tagen zu sagen versucht hatte, in diesem einen Moment war ihr eins klar geworden: Sie wollte ihn. Jede Faser ihres Körpers schien nach ihm zu verlangen… Und dennoch, er war ein Halbblut, ein Dämon…

'Ich glaube, es wäre besser, ich gehe', sagte sie nach einer Weile des Schweigens.

'Aber…'

'Nein, ich werde einfach…' und damit erhob sie sich uns strebte dem Ausgang entgegen, während Balthazar noch immer auf dem Boden saß und zusah, wie sie die Tür öffnete und ohne ein weiteres Wort des Abschieds die Wohnung verließ.

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, erhob er sich, konnte aber seinen Blick lange Zeit nicht von der Tür abwenden. Der Abend hatte eine derart ungeahnte Wendung genommen, dass es einige Augenblicke dauerte, bis er völlig erkannt hatte, was gerade passiert war. Kraftlos ließ er sich auf einen der Hocker in der Küche nieder und betrachtete mit wachsendem Abscheu seine nun leere Wohnung. Dann fiel sein Blick auf das Essen auf dem Tisch und aus einem Impuls heraus fegte er es wütend auf die Erde, so dass die Teller mit einem lauten Krachen zerbrachen

Was sollte er jetzt tun?