Achtung: Auch wenn der Rest dieser Geschichte jugendfrei ist, diese eine Kapitel ist für Minderjährige gänzlich ungeeignet! Es enthält Gewaltszenen. Wenn Du minderjährig bist, lies dieses Kapitel nicht.
Was ist das nur für ein Land?
Der Plan der Khanum
Erik hatte nicht viel Zeit sich um die Baustelle zu kümmern, denn schon nach zwei Tagen traf ein Bote der Khanum ein, die seine unverzügliche Rückkehr an den Hof verlangte. Zuerst wollte Erik nicht gehorchen, aber Nadir warnte ihn eindringlich davor, den Zorn der mächtigen Dame zu riskieren – auch um Aishas Willen. Wenn Erik sich schon um sein eigenes Leben keine Sorgen machte, so sollte er doch wenigstens überlegen, was aus Aisha würde, wenn er in Ungnade fiele.
Schließlich gab Erik nach und so reisten sie wieder zurück nach Teheran, Aisha in ihrer Sänfte, diesmal jedoch zog sie die Vorhänge nicht zu sondern sah sich um und wagte es sogar, Fragen an Erik zu richten. Sie hatte die Baustelle nun doch nicht besichtigen können, aber Erik beschrieb ihr den Palast so genau, dass er in ihrer Phantasie plötzlich vor ihr stand und sie ihn vor ihrem inneren Auge sehen konnte in all seiner Pracht.
Doch kaum erreichten sie den herrlichen Palast des Schah, war die friedvolle Stimmung vorbei. Gleich am Haupttor erwartete sie einer der Eunuchen und teilte Erik den Befehl der Khanum mit, sofort zu ihr zu kommen. „Verdammt noch mal! Ich habe eine lange und anstrengende Reise hinter mir, ich möchte zuerst ein Bad nehmen", knurrte der maskierte Mann ihn an. „Aber die Khanum hat gesagt…" begann der Eunuch eingeschüchtert. „Sag ihr, wenn ihr so langweilig ist, soll sie nackt durch Teheran reiten. Ich werde jetzt ein Bad nehmen und schlafen gehen, vor morgen Früh bekommt sie mich ganz sicher nicht zu sehen!"
„Erik, nein, tu das nicht!" beschwor ihn der Daroga, „Du weißt nicht, was sie tun wird, wenn du sie so beleidigst!" „Wieso beleidigen? Es ist doch eine Ehre für sie wenn ich sie mit Lady Godiva vergleiche. Aber ich kann ja gleich nach dem Bad bei ihr auftauchen. Also, sag der Khanum, dass ich ein Bad nehme und gleich danach sie besuchen werde."
Als sie allein waren, fragte Nadir neugierig: „Sag mir, wer ist Lady Godiva?" Erik erzählte: „Die schöne Frau eines grausamen Herrschers. Sie bat ihn, die drückende Steuerlast der Untertanen zu erleichtern, und um ihr das Maul zu stopfen ging er eine Wette mit ihr ein: Wenn sie nackt auf einem weißen Schimmel durch die Stadt reiten würde, würde er ihrem Wunsch nachkommen. Er war sich sicher, dass sie sich niemals so erniedrigen würde, aber sie tat es. Als sie dann tatsächlich völlig entblößt durch die Straßen ritt, war kein Mensch zu sehen – der Herrscher hatte allen verboten das Haus zu verlassen und alle Fenster waren zugenagelt worden.
Aber, mein lieber Daroga, ich glaube, man kann die Khanum wirklich nicht mit dieser Lady vergleichen. Und so schön wie alle behaupten ist sie auch nicht."
Die Khanum war sehr wütend, dass sie so lange auf Erik warten musste und begrüßte ihn dementsprechend: „Haben Sie vergessen, dass Sie nur aus dem einen und einzigen Grund hier sind, mich zu unterhalten?"
Erik setzte sich unaufgefordert in den bereitstehenden Korbsessel. Er war müde von der anstrengenden Arbeit auf der Baustelle und dem langen Ritt, viel zu müde um sich jetzt auch noch zu streiten.
„Was ist? Sind Sie sich jetzt auch noch zu gut mir zu antworten?" keifte die Dame. Erik konnte ein Gähnen nicht länger unterdrücken und murmelte, als er sich die brennenden Augen rieb: „Madame, sogar ich kann mich gewissen natürlichen Bedürfnissen nicht entziehen. Im Augenblick bin ich einfach nur müde."
Die Khanum, die noch nie in ihrem Leben gearbeitet hatte, konnte sich nicht vorstellen, warum Erik so erschöpft war. Wahrscheinlich war ja nur diese kleine Hure schuld daran, dass er jetzt nicht mit ihr reden wollte. Die Eifersucht quälte sie sehr und so überlegte sie, wie sie einen Keil zwischen Erik und seine kleine Konkubine treiben könnte.
„Erik, mein Freund", begann sie zuckersüß, sodass Erik plötzlich hellwach war vor Misstrauen und Aufregung, „Sie haben Ihre Kunst des Tötens viel zu lange vernachlässigt." Erik überlegte kurz. Worauf wollte die Dame nun wieder hinaus? Ein Duell, das erschien ihm schon viel zu harmlos. Sie plante irgendetwas, das spürte er ganz genau, nur was?
Trotzdem sagte er zu. Nun erklärte die Khanum, worum es ihr ging: sie hatte einen ganz besonderen Gefangenen ausgewählt, einen von dem sie wusste, dass Erik ihn mit besonderer Freude quälen würde, einen, der einen grausamen Hass in ihm wecken würde. Sie versprach Erik, ihm die Protokolle der Gerichtsverhandlung zu schicken, damit er sich überzeugen könnte, dass er keinen Unschuldigen hinrichten würde. Ansonsten sollte er mit diesem Mann tun, was immer ihm Spaß machte.
Erik war, als würde in seinem Kopf eine Alarmglocke läuten. Seit wann machte sich die Khanum Sorgen, dass ein Unschuldiger hingerichtet werden könnte? Seit wann interessierte sie sich für Prozessakten? Da stimmte irgendetwas ganz und gar nicht, nur was?
Erik saß an seinem Schreibtisch und dachte verzweifelt darüber nach, was die Khanum wohl jetzt wieder aushecken würde. Aber er war müde, sein Rücken schmerzte und jetzt spürte er einen stechenden Schmerz im Kopf, ein schrilles Pfeifen in seinen Ohren. Er begann seine Schläfen zu massieren um den Schmerz zu vertreiben.
Plötzlich fühlte er eine zarte Hand auf seinem Nacken. „Haben Sie Kopfweh, Erik?" fragte Aisha schüchtern, „Soll ich Ihnen den Rücken massieren?" „Ja, bitte tu das", antwortete Erik.
„Dazu müssen Sie sich aber auf das Bett legen", sagte die junge Frau. Erik legte sich mit dem Gesicht nach unten auf das Bett. Aisha kniete neben ihm auf der weichen Matratze und begann seinen Rücken, Schultern und Nacken zu massieren. Sie spürte, wie die harten, verkrampften Muskeln sich unter ihren rhythmischen entspannten. Erik seufzte tief vor Wohlbehagen. Eine so einfache Berührung – und so angenehm! Der quälende Schmerz in seinem Kopf ließ langsam nach und Erik gestattete sich, die Augen für einen Augenblick zu schließen.
Als er die Augen wieder aufschlug, schien die Sonne hell durchs Fenster. Erstaunt sah er sich um. Offensichtlich war er gegen seinen Willen eingeschlafen. Dann bemerkte er ein leichtes Gewicht auf seiner Schulter. Ein schwarzer Lockenkopf schmiegte sich an seinen Arm, Aisha sah so friedlich und schön aus, so kindlich unschuldig als sie da neben ihm schlief. Erik lag ganz still um sie nicht zu wecken, reglos genoss er den Moment.
Der ach viel zu schnell vorüber war! Ein Klopfen an der Tür genügte, um Aisha erschrocken hochfahren zu lassen. Erik streckte sich und stieg aus dem Bett um seine zerknitterte Kleidung glatt zu streichen so gut es eben ging. Dann öffnete er die Türe.
Der Daroga stand da, mit ein paar Blättern Papier in der Hand. „Die Khanum möchte, dass ich dir das gebe", begann Nadir, dann bemerkte er, dass Erik gähnte und sich an den Türrahmen lehnte. „Ist alles in Ordnung?" fragte er. „Nein, ist es nicht! Du hast mich gerade aufgeweckt", ärgerte sich der Maskierte. „Das tut mir leid, es ist jetzt drei Uhr Nachmittags, ich konnte doch wirklich nicht ahnen, dass du noch schläfst!"
„Was? Wie spät ist es?" fragte Erik ungläubig. Wie konnte er nur so lange schlafen?
„Es ist drei Uhr und die Khanum erwartet deine Vorschläge für die morgige Hinrichtung noch heute."
„Dann gib mir diese dämlichen Zettel und lass mich in Ruhe!" knurrte Erik, riss dem Daroga das Papier aus der Hand und schlug ihm die Tür vor der Nase zu.
Aber er konnte es nicht. Er konnte sich nicht überwinden, diese Protokolle zu lesen und sich Foltern auszudenken, wenn Aisha neben ihm auf dem Diwan kauerte und eifrig dabei war einen abgerissenen Knopf an sein Seidenhemd anzunähen. Aishas Nähe allein genügte, dass er so heftigen Ekel vor dem empfand, was nun von ihm erwartet wurde, dass er nicht einmal die Papiere ansehen konnte.
Schließlich stand er auf und verließ seine Gemächer. Sicherheitshalber postierte er den Daroga vor seiner Tür mit der strikten Anweisung, niemanden außer Erik selbst hinein zu lassen, nicht einmal den Schah selbst. Aber er bezweifelte mit Recht, dass der Daroga den Mut haben würde, sich dem Schah zu widersetzen.
So saß er schließlich in einem abgelegenen Winkel des herrlichen Gartens und las die Prozessakten. Auch wenn er nicht alles verstehen konnte, je mehr er las, desto größer wurde der Hass auf diesen Mann, der den Tod mehr als verdient hatte! Dieser Mann hatte über Jahre hinweg Knaben verschleppt und missbraucht, teilweise sogar ermordet. Erik empfand nichts als blanken Hass, aus diesem Hass entstanden Bilder, düstere, grausige Bilder, bei denen jeder normale Mensch erschauern würde, Erik jedoch empfand bei diesen Schreckensvisionen eine tiefe Befriedigung. Er wusste plötzlich ganz genau, was er zu tun hatte um diese armen Kinder zu rächen.
Seine Vorschläge stießen auf große Zustimmung bei der Khanum. Sie versprach, sich rasch um alles zu kümmern, damit schon am nächsten Tag die Hinrichtung stattfinden könnte.
Erik ging zurück zu seinen Gemächern und stellte zufrieden fest, dass der Daroga Aisha treulich bewacht hatte. Er entließ seinen treuen Freund und Leibwächter und ging hinein.
Aisha lächelte, als sie ihn sah. „Ich habe Ihre Hemden gerichtet", sagte sie. Erik bedankte sich höflich und die junge Frau antwortete: „Das ist doch selbstverständlich." „Nein, ist es nicht!" widersprach Erik, „Es ist gar nichts selbstverständlich, das du für einen anderen Menschen tust."
Erik ließ Aisha am nächsten Tag wieder allein und bat Nadir Khan, auf sie aufzupassen, niemand zu ihr zu lassen und sie auch nicht aus der Wohnung zu lassen, nicht einmal wenn der Prophet Mohammed persönlich es verlangte.
Die Hinrichtung fand in dem kleinen Hof statt, in dem auch sonst die Hinrichtungen durchgeführt wurden. Oben auf dem Balkon standen die Damen, tief verschleiert, sodass man nur bunte Tücher sehen konnte. Die Männer die zusehen wollten, befanden sich unten, nur durch einen einfachen Bretterzaun von dem Todesengel der Khanum und seinem Opfer getrennt. An diesem Tag befand sich sogar der Schah im Publikum.
Ein großes Kohlebecken war aufgestellt worden, darin wurden Brenneisen, wie sie zum Brandmarken von Kamelen benutzt wurden, rot glühend erhitzt. Der Verurteilte lag nackt auf eine Bahre gefesselt und geknebelt in der Mitte des Hofes. Erik ging langsam zum Kohlebecken und nahm eines der Brenneisen heraus. Erschreckend ruhig trat er zu dem Gefesselten und drückte das rot glühende Eisen das das Zeichen des Drudenfußes trug gegen dessen Genitalien.
Der gefesselte Mann wand sich, kämpfte gegen die Sticke die ihn hielten an und versuchte zu schreien, was aber der Knebel verhinderte. Dann wandte der maskierte Mann sich an die Khanum: „Die Damen können jetzt ruhig zusehen, es gibt nichts mehr, was sie nicht sehen dürften!" Für diese Aussage erntete er Gelächter und Applaus von dem Balkon. Aber nicht alle Frauen auf dem Balkon genossen dieses Schauspiel, den meisten war einfach nur übel und sie hatten Angst vor der Strafe die sie erwartete, wenn die Khanum bemerken würde, dass sie am liebsten weggelaufen wären.
Nun begann Erik mit verschiedenen Werkzeugen ein Bild in die Haut des Mannes zu brennen. Zwischendurch schrie er ihn an, gefälligst still zu halten, sonst würde sein Bild noch ungenau. Die Khanum sah entzückt, dass das Bild langsam erkennbar wurde. Es zeigte ein Schwein, dass von Hunden gefressen wurde.
Plötzlich warf Erik das Brenneisen weg und meinte verächtlich: „Er ist tot, erstickt an seinen eigenen Erbrochenen. So macht das keinen Spaß mehr, ich lasse das Bild unvollendet."
„Erik, ist Ihnen denn nicht auch heiß?" rief die Khanum vom Balkon herunter. Verwundert sah Erik auf und schüttelte den Kopf. Es war heiß, ja, aber warum diese Frage ausgerechnet jetzt?
„Nehmen Sie die Maske ab!" Der Befehl klang kalt und entschlossen, Erik lief ein Schauer über den Rücken. „Wozu? Es gibt niemanden hier, der mein Gesicht noch nicht kennt", erwiderte er. „Ich befehle es", kam die Anweisung des Schahs. Erik riss sich die Maske herunter und sah hinauf zum Balkon – und erstarrte vor Schreck.
Dort oben stand Aisha! Die Khanum hatte ihr den Schleier heruntergerissen, Erik konnte sehen dass Aishas Gesicht kalkweiß vor Abscheu und Angst war. Und dann begann sie hysterisch zu schreien, versuchte wegzulaufen, aber zwei Eunuchen hielten sie fest.
Erik starrte sie an, dann sah er auf sein Werk, die verbrannte Leiche. Die Hinrichtung hatte beinahe eine Stunde gedauert, hatte Aisha etwa alles gesehen? Alles mit ansehen müssen? Das ganze Grauen, alles, diesen Albtraum? Plötzlich empfand er heftigen Ekel vor dem, was er gerade getan hatte, aller Hass, der ihn dazu getrieben hatte war verraucht, zurück blieb nur abgrundtiefe Verachtung für sich selbst.
Erik floh aus dem kleinen Hof ohne auch nur an seine Maske zu denken. Eine kalte Übelkeit zwang ihn schließlich in einem gar nicht weit entfernten Gang stehen zu bleiben. Er zitterte so heftig am ganzen Körper, dass er sich nicht länger auf den Beinen halten konnte, er sank auf die Knie, presste beide Hände auf seinen Bauch und begann von heftigen Krämpfen geschüttelt zu würden und husten, bis er kaum noch Luft bekam. Beinahe erschien es ihm wie eine Erleichterung, als er endlich erbrechen konnte.
Plötzlich legte sich eine Hand auf seine Schulter. Erik sah auf und sah den Daroga. „Warum hast du nicht auf sie aufgepasst wie ich dir gesagt habe?" schrie Erik verzweifelt, „Ich habe dir vertraut!"
„Es tut mir leid, Erik, es tut mir so leid. Ich konnte nicht anders. Der Schah hat mir angedroht, wenn ich sie nicht herausgebe, kommt er und nimmt meinen Sohn. Das konnte ich nicht zulassen."
Eriks Augen weiteten sich in blankem Entsetzen, als er verstand, was das bedeutet hätte. „Es ist gut, Daroga, ich vergebe dir", murmelte Erik. Er zitterte immer noch viel zu sehr um aus eigener Kraft aufstehen zu können. Nadir war es, der ihm aufhalf und in mit in seine eigene Wohnung nahm, wo er Erik zuerst half die beschmutzten Kleider abzulegen und ihm dann eine Opiumpfeife reichte.
Unglücklich sah Nadir Khan zu, wie Erik in einen schwarzen Kimono gekleidet auf dem Diwan saß und eine Opiumpfeife nach der anderen rauchte, bis er benommen zur Seite sank und einschlief.
