(6) Dreierlei Begegnungen
Als Sitael die Tür hinter sich zufallen hörte, begann sie schneller zu laufen und stoppte erst, als sie den Aufzug erreicht hatte. Allein in dem quadratischen Raum lehnte sie sich gegen die Spiegelwand und schloss für einen Moment die Augen. Sie zitterte am ganzen Leib, und versuchte nun, sich zu beruhigen. Aber so sehr sie sich auch bemühte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, kehrten ihre Gedanken doch immer wieder zu jenem Augenblick, jenem Kuss zurück.
Sie fürchtete sich davor, sich einzugestehen, wie schwer es ihr gefallen war, ihn von sich zu stoßen. Sie fürchtete sich vor ihren eigenen Gefühlen.
Und zum ersten Mal fürchtete sie sich vor IHM und SEINEM Zorn.
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'Du fürchtest dich? Zu Recht.'
Sitael bemerkte erst, dass der Aufzug im Foyer angekommen war, als sich die Türen surrend öffneten. Doch als sie den Aufzug gerade verlassen hatte, trat jemand vor sie, den sie dort nicht erwartet hatte.
'Was willst du hier?'
'Dir ein bisschen Verstand einbläuen!'
'Ich weiß selber ganz gut, was ich tue, Gabriel', sagte Sitael und versuchte, dabei ruhig zu klingen – obwohl ihre Hände zitterten.
'Scheint mir nicht so', erwiderte der blonde Engel, 'allein dass ich dich hier treffe. Gerade dich!'
'Hör auf damit! …lass mich in Frieden.' Am liebsten wäre sie weggelaufen, vor diesen blauen Augen, die mitleidig und sarkastisch auf sie herabblickten und sie durchbohrten. Weggelaufen vor ihrem eigenen Gewissen, dass an ihr nagte. Sie wusste ja, dass es Unrecht war. Und doch…
'Das sind ja ganz neue Töne, die du hier anschlägst. Hat er dich etwa schon so weit beeinflusst?' Über die Lippen des Erzengels huschte ein spöttisches Lächeln, in dem keinerlei Freundlichkeit lag.
'Er hat mich in keinster Weise beeinflusst!' Langsam wurde sie wütend.
'Kein Grund, sich aufzuregen. Das alles sieht dir nicht gerade ähnlich…'
Sitael schwieg dazu. Wer war Gabriel, dass sie ihr Vorschriften machen konnte? Was maßte sich der Erzengel da an?
'Denk nicht, dass du über mir stehst, Sitael! Hier unten bist du eine von vielen, nichts besonderes, wie vielleicht dort.' Der Engel deutete knapp nach oben. Aus seinen Augen sprach unverhohlene Ablehnung.
'Lass mich gehen, Gabriel; deine Meinung interessiert mich nicht. Nichts stellt sich zwischen mich und IHN.'
'Solange du das nur nie vergisst.' Damit trat Gabriel zur Seite und gab den Weg aus dem Appartementhaus frei.
Für einen Moment verharrte Sitael, unschlüssig ob sie noch etwas sagen sollte. Aber es gab nichts mehr zu sagen. Kein Wort der Entschuldigung, dass ihre Situation hätte erklären können, kein Wort geheuchelten Verständnisses von Seiten Gabriels.
Also ging sie an dem Erzengel vorbei und verließ das Gebäude, ohne noch einmal zurückzublicken. Sie fühlte sich, als hätte sie eine Schwelle übertreten, die sie von SEINEM Licht in Bereiche brachte, die voller Schatten und dunkle Zwischenräume waren, in denen man sich leicht verlieren konnte.
Als sie in die kalte Nacht hinausging, die sich über Los Angeles ausgebreitet hatte, liefen Tränen über ihre Wangen.
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Gabriel sah ihr nach, bis sie durch die Tür trat und in der Dunkelheit verschwand.
Armes Mädchen, dachte der Erzengel, eine der höchsten unter uns und doch so verloren. Ob sie sich noch erinnert, warum sie von IHM hierher verbannt wurde?
Sie schüttelte den Kopf und betrat den Aufzug, den Sitael erst vor wenigen Minuten verlassen hatte
Oben angekommen, betrat sie den Flur und strich eben ihr Jackett glatt, als sie ein Geräusch hörte. Zerschepperndes Porzellan. Ein fragender Ausdruck huschte über das ebenmäßige Gesicht des Engels, als sie bemerkte, woher das Geräusch gekommen war. Nicht ganz das, was sie erwartet hatte.
Die Tür war nicht geschlossen und sie trat ein, ohne anzuklopfen.
Im letzten Moment konnte sie sich ducken, bevor der gläserne Gegenstand, den er in Richtung Tür geworfen hatte, nur Zentimeter über ihrem Kopf an der Wand zerbarst.
'Die teuren Dinge, die du um dich geschart hast zu zerbrechen, bringt dich in keinster Weise weiter – das weißt du hoffentlich?' fragte sie, während sie die Glasscherben aus ihrem Haar schüttelte.
'Hmpf.' Erschöpft lehnte sich Balthazar an die Küchenzeile und fuhr sich mit einer Hand durch das Haar. Seine vor kaum zwei Stunden noch so aufgeräumte Wohnung bot nun einen veränderten Anblick: Überall lagen Scherben herum und Dinge, die der Halbdämon in seiner Frustration auf die Erde geworfen hatte. Pfützen von Wein hatten sich gebildet, wo er die Flaschen zerschlagen hatte, und der Alkohol sickerte nun langsam in Teppich und die Ritzen des Parketts. Sein Hemd war fleckig vom Wein – im Halbdunkel wirkte es wie Blut.
'Dich hier zu grämen wegen einer Chance, die du leichtfertig vergeudet hast.' Gabriel durchquerte den Raum, und betrachtete schweigend das Chaos. 'Wie ungewöhnlich für einen Dämon.'
Sie trat noch einen Schritt näher. 'Verzeih mir, ich meine natürlich Halbdämon.'
'Bist du hier um mich zu beleidigen?'
'Ich bin hier, um dich an deine Aufgabe zu erinnern, Balthazar. Vergiss über dieser Geschichte nicht, wem du dienst. Darüber hinaus – tu was du willst. Aber wenn du das nächste Mal Lust verspürst, einen Menschen zu töten und die Balance zu missachten, sei vorsichtiger. Die Mächte sind schon auf dich aufmerksam geworden. Wir wollen doch nicht auffliegen, nur weil du dir mal wieder ein kleines Abenteuer gönnst, nicht wahr?'
Er nickte stumm.
'Gut. Dann bring diese Sache ins Reine. Egal wie.' Ohne auf eine weitere Reaktion zu warten, wandte sich Gabriel um und ging zwischen den Scherben hindurch zum Ausgang. An der Tür angekommen, blieb sie stehen, und sagte, ohne sich umzudrehen: 'Ach ja: Solltest du auf die Idee kommen, dich für dein Verhalten bei ihr entschuldigen zu wollen: Sie liebt das Meer.'
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Noch eine halbe Stunde, dann würde die Sonne aufgehen.
Sitael liebte diese Zeiten der Dämmerung, in denen das Licht unschlüssig und die Welt unbestimmt war. Dämmerungen waren Zeiten, die zwischen allem lagen, nicht Tag, nicht Nacht, weder Finsternis noch Licht. Alles war möglich in dem Zwielicht, das diese Tageszeit begleitete. Alles konnte wahr werden.
Aber jetzt, so nahe der wärmenden Sonne, die sie nur zu gern durch menschliche Augen gesehen hätte, und doch so fern, war die Welt noch von Dunkelheit umgeben. Kaum mehr als eine vage Ahnung des kommenden Tages lag ausgebreitet über die Erde.
Sie konnte die Brandung hören, die Wellen, die an das Ufer schlugen. Schon seit Stunden saß sie bewegungslos da und lauschte dem gleichbleibenden, monotonen Geräusch, das ihre Gefühle nicht zu besänftigen vermochte. Seit sie seine Wohnung verlassen hatte und an den Strand gelaufen war, weil ihr kein anderer Ort eingefallen wäre, zu dem sie hätte flüchten können. Jetzt nicht mehr.
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Seit zwei Stunden nun ging er den Strand entlang, aber noch hatte er sie nicht gefunden. Das Meer zu seiner linken war in seinen Ohren kaum mehr als ein entferntes Rauschen, das ihn nicht weiter interessierte, die mondlose Nacht brachte nichts anderes mit sich als Dunkelheit. Bald würde die Sonne aufgehen und mit ihr die Welt der Menschen erwachen.
Das alles interessierte ihn heute nicht. Seine Laune wurde kaum besser, als er weiter und weiter über den kühlen Sand ging und nach ihr Ausschau hielt.
Schließlich aber glaubte er etwas zu sehen, zuerst kaum mehr als einen dunklen Punkt in der Ferne, der sich, während Balthazar näher kam, verdichtete und Gestalt annahm. Ja, dort saß sie, die Arme um ihre Knie geschlungen und in die Ferne blickend.
Sie bemerkte nicht, dass er näher kam, und erst als er nur noch wenige Meter von ihr entfernt war, sah sie zu ihm auf. Aber ihre Augen waren verschleiert von Tränen, und schweigend wandte sie den Blick wieder von ihm ab. Sie war verletzt, soviel konnte Balthazar nur allzu deutlich sehen, aber auch unschlüssig, was ihre eigenen Gefühle betraf. Es war eine Unschlüssigkeit, die er nur zu leicht zu seinen Gunsten beeinflussen konnte.
Ohne ein Wort der Erklärung oder gar der Entschuldigung setzt er sich neben sie und legte den Arm um ihre Schultern. Er spürte, dass sie leicht zitterte, und drückte sie ein wenig fester an sich, in einer Geste, die bei jedem anderen trostspendend gemeint gewesen wäre.
Und während über dem aufgewühlten Meer die Sonne aufging, lehnte sie mit einem leisen Seufzen den Kopf an seine Schulter.
Er hatte gewonnen.
