Dieses Kapitel ist für alle Altersgruppen zugelassen. Kurz für diejenigen, die das vorige Kapitel nicht lesen durften: Die Khanum hat Aisha gezwungen eine von Erik durchgeführte Hinrichtung mitanzusehen.
Was ist das nur für ein Land?
Vergebung ist stärker als Hass
Als Erik aufwachte, stellte er fest, dass er auf etwas hartem, kühlen lag. Es dauerte eine Weile bis er sich trotz seiner Kopfschmerzen zwingen konnte, die Augen zu öffnen. So stellte er fest, dass Tag war und er sich in einem Badezimmer befand. Seine Augen sagten ihm, dass er auf dem Rücken auf dem Boden lag, auch wenn sein Gleichgewichtssinn ihm einen üblen Streich spielte und ihm vorgaukelte, er würde an der Decke kleben. Mühsam setzte er sich auf.
Das war nicht sein Badezimmer, seines war viel größer und luxuriöser ausgestattet. Nun stellte er fest, dass er auf einem großen Handtuch gelegen hatte. Ein kühler Luftzug ließ ihn frösteln und er bemerkte entsetzt, dass er nackt war.
In dem Moment ging eine Türe auf, die er vorhin gar nicht gesehen hatte. Nadir trat ein und kniete neben Erik auf dem Steinboden nieder. „Geht es dir besser?" fragte der Daroga besorgt. Erik begann sich die Schläfen zu massieren um den bohrenden Schmerz in seinem Schädel zu lindern. „Nicht so laut bitte", flüsterte er heiser. Dann erst fiel ihm ein, dass er splitternackt vor seinem Freund saß und er wickelte sich so rasch er es mit seinen zitternden Händen vermochte in das Handtuch, dem einzigen brauchbaren Stück Stoff in Reichweite. „Was war eigentlich los?" fragte er besorgt. Er konnte sich an nichts erinnern. Das Letzte, was er wusste, war, dass er Opium geraucht hatte.
„Kein Wunder dass du dich nicht daran erinnern kannst", meinte Nadir, „Du hast Opium geraucht, bis du umgekippt bist. Irgendwann bist du zu dir gekommen und hast Absinth getrunken, dann war dir fürchterlich schlecht. Ich erspare dir die Details, jedenfalls hast du hier in meinem Badezimmer übernachtet und sowohl meine Diener als auch mich gehörig auf Trab gehalten."
„Das tut mir leid", murmelte Erik und legte sich wieder auf den Boden als ihm der Schwindel zu viel wurde. „Nie wieder Opium und Absinth zur gleichen Zeit!" schwor er sich. Das ganze Zimmer schien sich zu drehen und plötzlich fühlte sich sein Mund so trocken an, er hatte brennenden Durst. Nadir schien es zu bemerken und ging um ihm ein Glas Wasser zu holen. Erik konnte nur langsam und mit kleinen Schlucken trinken, aber das Wasser tat ihm gut.
Nun bat er Nadir, ihm seine Kleider und die Maske zu bringen, was Nadir auch sofort tat. „Möchtest du dich noch etwas ausruhen?" fragte dieser besorgt. Zuerst hatte der Maskierte beabsichtigt, unverzüglich nach Aisha zu sehen, aber dann schaffte er kaum den Weg vom Badezimmer zum Wohnzimmer, zur Tür sowieso nicht. Also machte er es sich auf dem Diwan bequem um noch etwas zu schlafen.
Dieses Aufwachen war schon wesentlich angenehmer als das vorige. Erik fühlte sich immer noch schwach und die Kopfschmerzen waren auch noch da, aber er war nun in der Lage aufzustehen und in seine eigene Wohnung zurückzukehren.
Vorsichtig öffnete er die Tür und rief leise nach Aisha. Mit einem Aufschrei lief die junge Frau ihm entgegen und krallte sich an seinem Hemd fest. Erik war so verblüfft darüber, dass er wie zu Stein erstarrt dastand. „Oh Erik, wo waren Sie so lange?" schluchzte Aisha, „Die Khanum hat mir so etwas Grauenvolles, Furchtbares gezeigt! Ein Mann wurde so schrecklich ermordet von einer Kreatur, die direkt aus der Hölle zu kommen schien, so was Hässliches können Sie sich nicht vorstellen! Und, und dann wollte die Khanum mir auch noch weismachen, dass Sie das wären, aber das ist Unsinn, nicht wahr? Sie sind ein Mensch, nicht wahr? Ein guter Mensch, richtig? Sie würden so was nie tun und Sie sind auch kein Monster, Erik, bitte, sagen Sie mir dass Sie das nicht sind!"
Erik wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Aisha glaubte offensichtlich, dass es sich bei dem Henker und dem Erik, den sie kannte, um zwei verschiedene Männer handeln musste und verlangte mit zunehmender Panik von Erik die Bestätigung einer Lüge, die sie sich selbst zurechtgelegt hatte. Es wäre so einfach sie jetzt anzulügen, es wäre so schön, ihre einfache Dankbarkeit und das langsam keimende Vertrauen noch ein Weilchen zu genießen – aber das Erwachen aus diesem wunderschönen Traum wäre dann noch grausamer! Nein, er musste ihr die Wahrheit sagen, auf die Gefahr hin, dass sie ihn dann hassen und verabscheuen würde. Auf die Gefahr hin, dass er den Schmerz nicht ertragen könnte...
„Aisha, bitte, setz dich und versuche dich zu beruhigen!" befahl der maskierte Mann mit ruhiger Stimme und Aisha setzte sich gehorsam auf den Polstersessel. Erik lächelte wehmütig hinter seiner Maske. Sie gehorchte immer noch ohne zu widersprechen, ohne Fragen zu stellen, aber wenigstens setzte sie sich nicht mehr auf den Fußboden. Sie hatte anscheinend unter seiner Pflege ein wenig Selbstbewusstsein erlangt.
Als Erik sah, dass Aisha sich unter Kontrolle hatte, kniete er vor ihr auf dem Boden nieder und senkte den Kopf, er konnte sie nicht ansehen, nicht die Enttäuschung in ihren Augen sehen. „Aisha, es… es ist die Wahrheit", flüsterte er. Aisha schrie auf: „Nein, niemals, das glaube ich nicht!" und wie um es zu beweisen, packte sie seine Maske und riss sie herunter.
Einen Augenblick lang starrte sie entsetzt auf das, was ein Gesicht hätte sein sollen. Da war aber kein Gesicht, das war das entstellte Antlitz einer verwesenden Leiche die schon seit Monaten in der unbarmherzigen Wüstensonne ausgedörrt wird. Namenlose Panik erfasste Aisha, sie schrie gellend auf vor Angst und wollte nichts als weg, weg von diesem grässlichen Ding! Aber Erik war ihr zu nah, hinter dem Polstersessel war eine Wand – sie konnte nicht einfach weglaufen. In Todesangst schlug sie auf Erik ein, kratzte und trat ihn, und als er versuchte sie festzuhalten und auf den Sessel zurückzudrücken, als sein Gesicht dem ihren nahe und immer näher kann, biss sie ihn in ihrer Verzweiflung in die Wange. Mit einem Schrei ließ Erik sie los und wich zurück. Aisha schoss pfeilschnell ins Badezimmer und verriegelte die Tür hinter sich. Dann kauerte sie sich in einer Ecke zusammen und begann zu weinen.
Erik wurde plötzlich schwarz vor Augen und als er wieder zu sich kam lag er auf dem Boden wo er gefallen war. Etwas feuchtes klebriges war auf seinem Gesicht und als er es mit der Hand berührte, sah er das Blut auf seinen Fingern und auf dem Boden. Er spürte, dass er noch immer leicht blutete und ein dumpfer Schmerz unter dem linken Auge, da wo der linke Wangenknochen am weitesten vorstand, sagte ihm, dass sie ihn sehr heftig gebissen haben musste.
Erik war ihr nicht böse, er war wütend auf sich selbst. Wie konnte er nur? In seinem verwerflichen Egoismus hatte er die einfachste Lösung gewählt, die brutale Wahrheit. Er hätte sie vorsichtig darauf vorbereiten müssen, sehr vorsichtig. Vielleicht… Vielleicht ist ein schreckliches Wort! Hätte, Sollte, Könnte, Würde… lauter verpasste Chancen, nicht wiedergutzumachende Fehler, ein für alle Mal verlorenes Glück.
Erik nahm seine Maske, aber er konnte den Druck des Stoffes auf seiner stark angeschwollenen Wange nicht ertragen und musste sie bald wieder abnehmen.
In dem Moment ging die Tür des Badezimmers auf und Aisha trat heraus. Sie hatte den Schleier zurückgeschlagen und sah seltsam geistesabwesend aus als würde sie träumen.
„Aisha, es tut mir so leid, ich hätte dir eher die Wahrheit sagen müssen…", begann Erik hilflos. „Wahrheit, welche Wahrheit?" fragte Aisha und starrte ins Leere. Ihre Stimme klang seltsam hohl und leblos. „Ich bin ein Monster, Aisha, ein verdammenswertes, ekelhaftes Monster! Ich kann dir meine Gegenwart nicht länger zumuten!"
„Warum?" fragte Aisha wieder, obwohl Erik den Eindruck hatte, dass sie eigentlich eher mit sich selbst sprach, antwortete er: „Warum was?"
„Warum hast du ihn ermordet?"
Das war eine Frage, die Erik beantworten konnte, wenn es ihm auch sehr schwer fiel: „Weil er ein Verbrecher war, er hat kleine Kinder vergewaltigt und ermordet, und dafür war er ordnungsgemäß zum Tod verurteilt worden."
„Und woher weißt du das?"
„Ich habe die Protokolle des Prozesses gelesen."
„Dann wird es wohl stimmen."
Dieser einfache Satz, von Aisha in vollkommener naiver Überzeugung ausgesprochen, machte Erik bewusst, dass er eigentlich gar nichts wirklich wusste. Er hatte den Papieren blind vertraut, Papieren, die die Khanum mit Leichtigkeit hätte fälschen können. Er schlug sich mit der Faust hart gegen den Schädel, als ihm seine Dummheit auffiel. Und er hatte sich so klug, so überlegen gefühlt und war auf diesen so unglaublich plumpen Trick hereingefallen!
Verzweifelt warf er sich Aisha zu Füßen und flehte: „Aisha, bitte, vergib mir. Aisha, ich wollte dir nur helfen, glaub mir, wirklich nur helfen. Ich wollte dir niemals wehtun, ich wollte dich schützen, aber ich habe versagt. Vergib mir, meine Herrin, meine Königin, bitte, vergib mir!"
Aisha verstand nicht, was dieser Mann nun schon wieder von ihr wollte. Es war ein ganz eigenartiges Gefühl, wenn einmal nicht sie sich um Vergebung flehend erniedrigen musste um einer grausamen Strafe zu entgehen. Aber was für eine Strafe mochte dieser sonst doch stolze Mann fürchten, wenn er sich so vor ihr demütigte? Was konnte sie ihm denn schon tun? Wenn er den Zorn des Schahs und der Khanum verspottete…
Sie sah ihn an – und sah sein blutverschmiertes Gesicht, das nun noch schlimmer aussah, mit der klaffenden Wunde in der geschwollenen linken Wange. Sie konnte nicht mit ihm reden, sie konnte nicht, sie konnte diese grauenvolle Kreatur nicht in ihrer Nähe ertragen. Mit einem gequälten Schrei lief sie davon und versteckte sich im Wandschrank.
Erik blieb lange am Boden liegen, stumm, ohne Tränen. Der Schmerz war zu groß, er konnte nicht einmal mehr weinen. Zuviel, es war zuviel. Erik fühlte sich schwach, so unendlich müde, erschöpft, ausgelaugt, nach allem was er hatte ertragen müssen, er konnte nicht mehr, er wollte nicht mehr.
Mit zitternden Fingern griff er nach dem Dolch, der an seinem Gürtel steckte. Der kalte Stahl der makellosen Klinge glänzte im Licht und blendete schmerzhaft seine Augen. Mit einer seltsamen inneren Ruhe und Entschlossenheit ritzte er sich den rechten Arm. Zu seinem großen Erstaunen spürte er fast keinen Schmerz. Sein rotes Blut begann zu fließen und mit dem zweiten Schnitt öffnete er eine größere Ader in seinem Unterarm.
Dann ließ er das Messer fallen und legte sich nieder, den Blick zum Fenster gewand, sein letzter Blick sollte dem tiefblauen Himmel gelten. Nun kamen endlich die Tränen. Bald würde es vorbei sein, endlich überstanden. Wenn nur… wenn es nur einen verzeihenden Gott gab, der ihn nicht in noch größere Qualen verdammen würde für all die Sünden, die er niemals beichten konnte, all die Sünden, für die er nicht einmal Reue empfinden konnte. Es gab so vieles, für das er sich nicht überwinden konnte, es zu bereuen. So auch dieser letzte Mord in seinem Leben, der Mord an sich selbst. „Ich bin kein gewöhnlicher Selbstmörder, ich tue es, um andere vor mir zu schützen, damit ich nicht noch mehr Leid über die Welt bringe", sagte er schwach. Dann umfing ihn eine warme Dunkelheit, er fühlte einen Frieden, den er noch nie zuvor gefühlt hatte und hörte eine Musik, eine so unglaublich schöne Musik, die ihn lockte auf das kleine Licht zuzugehen, das kleine Licht, das immer größer wurde, das helle Licht, das nicht wehtat sondern tröstete, und aus dem Licht trat eine Gestalt, um ihm die Hand zu reichen…
Und dann traf ihn etwas kaltes, nasses wie ein Schlag. Mit einem erstickten Aufschrie fuhr er hoch und sah Nadir Khan und den Leibarzt des Schah, die sich besorgt über ihn beugten. „Wo ist er?" fragte Erik, enttäuscht darüber, dass die Lichtgestalt ihn nicht mitgenommen hatte. „Wer? Erik, du halluzinierst!" sagte der Daroga besorgt.
„Das ist nicht ungewöhnlich nach so einem starken Blutverlust", bemerkte der Arzt mit professioneller Gleichgültigkeit, „Sie sollten die nächste Woche im Bett bleiben, viel schlafen und viel Fleisch essen, damit Ihr Körper wieder neues Blut bilden kann." Nach diesem Rat machte sich der Arzt davon. Seine berufliche Pflicht war getan, jetzt gab es keinen Grund mehr, sich in der Nähe dieses Monsters aufzuhalten. Sogar dem Arzt, der in seinem Beruf doch viel gesehen hatte, graute vor Erik, allerdings nicht so sehr vor seinem Gesicht sondern eher vor dem, was er über diesen Mann und seine Vorlieben gehört hatte. Hätte nicht der Schah persönlich es ihm befohlen, er hätte ihn sterben lassen, weil er sich fragte, ob der grausame Henker der Welt mit seinem Selbstmord nicht einen Gefallen getan hätte.
Erik fragte den Daroga: „Wieso lebe ich noch?" Nadir zwang sich zu einem schwachen Lächeln: „Aisha hat dich gefunden und dir den Arm abgebunden, dann ist sie zur Tür gegangen und hat so lange geschrieen, bis ich gekommen bin und ich habe dann den Arzt geholt. Er meint, du hättest keine große Ader erwischt, du wirst es sicher überleben."
Ärgerlich über seine Ungeschicklichkeit – nach all den Sektionen hätte er wissen müssen, wo die Pulsadern liegen! – und doch gleichzeitig gerührt, dass Aisha sich überwunden hatte, in seine Nähe zu kommen und ihm das Leben zu retten, fragte Erik beinahe ängstlich: „Wo ist Aisha?"
„Ich bin hier", hörte er ihre Stimme von der Tür zum Salon. Aisha trat zögernd an sein Bett und fragte ängstlich: „Habe ich etwas falsch gemacht?"
„Nein, du hast alles richtig gemacht. Der Einzige, der hier einen Fehler nach dem anderen macht, bin ich selbst", seufzte Erik, „Aber sag mir, Aisha, warum hast du mich gerettet?"
„Es hat lange gedauert, bis ich aus dem Kasten klettern konnte, ich hatte solche Angst aber dann… dann ist mir eingefallen, dass meine Mutter mir einmal sagte, dass die Menschen in anderen Ländern eben anders aussehen als Perser. Dass sie nicht so schön sind. Sie sind einer von diesen anderen Menschen, nicht wahr? Und Sie können ja nichts dafür, wie Sie geboren wurden. Trotzdem hat es lange gedauert, bis ich zu Ihnen gekrochen bin, bis ich mich überwinden konnte Sie anzufassen. Aber es war gar nicht anders, als hätte ich einen anderen Menschen angefasst, eigentlich war es ganz leicht…"
Überwältigt von den Worten, die Aisha so harmlos naiv aussprach und die doch von so viel Stärke und ungeahnter Würde zeugten, griff Erik mit seiner linken Hand nach Aishas. Sie zuckte nicht zurück sondern sah ihn an. „Tut mir leid, dass ich Sie gebissen habe", sagte sie beschämt. „Es war mein Fehler, wenn jemand Grund hat um Verzeihung zu bitten, dann bin ich das", erwiderte Erik, „Ich wollte dir helfen, Aisha, es war gut gemeint, aber ich habe mich überschätzt. Ich war zu schwach und zu dumm und habe dir wehgetan, ich bitte dich, verzeih mir!"
Aisha sagte mit großem Ernst, völlig der Wichtigkeit ihrer Worte bewusst: „Ich vergebe Ihnen."
Gefällt es Euch, wie sich die Geschichte entwickelt? Ich warte auf Reviews. Und vielen Dank an alle, die mir bereits eines oder mehrere geschrieben haben! Ihr könnt mir aber gern noch mehr schreiben.
