(7) Prelude
Den Tag verbrachen sie am Strand, und als der Morgen graute und die ersten Menschen zum Meer hinuntergingen, schenkten sie den beiden Halbblütern kaum mehr als einen zweiten Blick. Sie schienen zu normal unter all den Pärchen und frisch Verliebten, die in der Sonne spazieren gingen und die Sonne genossen.
Balthazar hätte sie am liebsten ausgelöscht, alle wie sie da waren, lachend, scherzend, menschlich. Ja, ein nettes Blutbad wäre genau das richtige… Aber er verbarg seine schlechte Laune und lächelte noch, denn er sah, dass es Sitael Freude bereitete, von Menschen umgeben zu sein und unbemerkt unter ihnen zu verweilen, obwohl er nicht verstehen konnte, warum dem so war, denn ihn ekelte allein ihr Anblick, ihr Geruch, in dem all das lag, was das Leben mit sich brachte. Aber Sitael war da anders. Sie lächelte beim Anblick dieser blutdurchpulsten Körper, warm und vergänglich.
Die Stunden vergingen, und der Tag neigte sich dem Ende entgegen.
Die Sonne, die sie am Morgen hatten aufgehen sehen, verschwand nun erneut am Horizont, um die Stadt wieder der Nacht preiszugeben. Die Menschen verließen den Strand und es wurde ein wenig ruhiger.
Balthazar und Sitael gingen ein letztes Mal am Meer entlang, während die beginnende Nacht die Trennlinie zwischen Himmel und Meer verwischte.
'Ein schöner Tag', meinte sie irgendwann.
'Ja', erwiderte er nur, denn er wusste nicht mehr zu sagen.
'Danke.'
Er hätte sie nach hause gebracht, aber wohin sollte er sie bringen? Engel brauchten keinen Schlaf, und sie besaß nichts, dass sie verstauen hätte müssen. So hatte sie keine Wohnung - keinen Ort, an den sie zurückkehren konnte.
Dennoch nahm er sie mit in die Stadt, zurück zu Midnite's, und setzte sie dort ab. Er durfte das fragile Band, das sich an diesem einen Tag wieder zwischen ihnen geknüpft hatte, nicht erneut zerbrechen, indem er zu voreilig war – so frustrierend es auch war.
Er parkte das Auto am Straßenrand und ließ sie aussteigen.
'Ich hol' dich morgen Abend ab, ist das in Ordnung?'
'Prima.' Sie lächelte.
Als Balthazar davonfuhr, sah er sich im Rückspiegel nach ihr um. Sie stand noch immer an der Straße und sah ihm nach. Ihre Gestalt wurde im Spiegel kleiner und kleiner, bis er um die nächste Ecke bog und sie aus den Augen verlor. Und – kaum dass er es selbst bemerkte – huschte ein Lächeln über seine Lippen.
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'Wohin fahren wir?' fragte sie.
'Lass dich überraschen. Es ist nicht weit.'
'Aber…'
'Jetzt sei nicht so neugierig. Ich habe Lust, dich auszuführen. Also warte ab', meinte er neckend mit einem Lächeln auf den Lippen.
Sie warf ihm einen überraschten Blick zu, schwieg aber – und wartete.
Zehn Minuten später parkte er den Wagen, stieg aus und hielt ihr die Tür auf. Als Sitael aus dem Wagen stieg, fand sie sich vor einem Restaurant wieder, über dessen Eingang mit filigranen silbernen Buchstaben 'Sous le Soleil' geschrieben stand.
Als sie das französische Restaurant betraten, fiel Sitael zuerst der warme Schein zahlreicher Kerzen auf. Mindestens zwei Kerzen standen auf jedem Tisch und an den Wänden waren Leuchter angebracht, die ihr flackerndes Licht an die hellen Wände warfen. Es war ein kleines, verwinkeltes Lokal, in dem die Tische und Stühle in zahlreichen Nischen standen. Viele Menschen waren nicht dort, und die wenigen waren so in ihre privaten Gespräche vertieft, dass sie die beiden Neuankömmlinge nicht wahrnahmen.
Sitael blieb unschlüssig an der Tür stehen, aber Balthazar, der nach ihr durch die Eingangstür kam, ging voraus und geleitete sie zu einer der behaglichen Nischen, in der sie ungestört von den Menschen für sich sein konnten.
Als sie saßen, fragte Balthazar: 'Gefällt es dir hier?'
Sitael lächelte und tat, als sehe sie sich überlegend um. 'Ja, ich mag die private Atmosphäre und den Kerzenschein. Aber wie kommst du darauf, mich hierher zum Essen auszuführen?
In ein menschliches Restaurant?'
'Ich bin hin und wieder geschäftlich hier und dachte mit, dass es dir vielleicht gefallen könnte.'
'Ja, das tut es.'
Sie verbrachten einen Augenblick des Schweigens in der sie umgebenden Geräuschkulisse, die die beiden wie Wellen umspülte. Sitael fühlte Balthazars Blick auf sich ruhen und fragte sich unwillkürlich, was er sehen mochte.
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Balthazar hätte den Blick nicht von ihr abwenden können, sie war zu schön. Im Schein der Kerzenflammen wirkte ihre Haut weniger ätherisch, sondern warm und lebendig und ihr Haar glänzte wie reifer Weizen. Fast wirkte sie lebendig – menschlich: so zerbrechlich und zart, beinahe machtlos: wie hätte ein Halbdämon wie er da nicht auf die Idee kommen sollen, sie zu packen und zu zerstören und ihr die Flügel auszureißen?
Allein ihre Augen verrieten, dass sie kein Mensch war: Im Licht der Flammen wirkten sie völlig chromfarben und schimmerten, unergründlich wie tiefe Brunnen voller Geheimnisse.
Er sah ihren Mund, rot und verheißungsvoll, über den ab und an ein Lächeln huschte, ihren schlanken weißen Hals. Sein Blick wanderte tiefer, zu ihren Schultern, ihrem cremefarbenen, seidenen Kleid, das so gut zur Farbe ihrer Haut passte, den sanften Rundungen ihrer Brüste, die er unter dem faltenreichen und fließenden Stoff nur erahnen konnte, zu ihren Armen, ihren kleinen Händen, die sie auf den Tisch gelegt hatte.
Er beobachtete, wie sie nach der Speisekarte griff und sich über das beschriebene Papier beugte, um die feine Schrift besser "lesen" zu können, wie sich ihre Stirn nachdenkend ein wenig kräuselte, während sie darüber nachdachte, was sie essen wollte.
Heute Nacht, dachte er und ein Schauer der Vorfreude durchfuhr ihn, als er vor seinem geistigen Auge all jene Bilder aufsteigen sah, die ihm schon seit Tagen keine Ruhe ließen; all die Dinge, die er tun würde, wenn sie allein waren.
Heute Nacht würde er ihr nicht die Gelegenheit geben, ihn von sich zu stoßen.
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Irgendwann kam ein Kellner an ihren Tisch, ein kleiner schwarzhaariger Mann, der kaum mehr als das Klischee eines Franzosen war; sein Englisch war dementsprechend von einem schleppenden französischen Akzent durchbrochen.
Er wollte ihnen die Weinkarte reichen, aber Balthazar winkte ab und bestellte stattdessen eine Flasche teuren, trockenen Rotwein.
Nachdem der Kellner notiert hatte, was sie essen wollten, ließ er sie wieder allein, jedoch nicht ohne vorher Sitael noch mit einem langen und beinahe aufdringlichen Blick zu mustern.
Balthazar bedachte ihn mit einem hasserfüllten Blick, der rote Funke in seinen Augen wurde durch das Kerzenlicht nur zusätzlich verstärkt, so dass sich der Kellner schnell daran machte, zu verschwinden.
Aber niemand sah ihn – außer Sitael, auf ihre Weise.
'Er hat mich doch nur angesehen.'
'Ja, aber…' Er zuckte mit den Schultern und beendete den Satz nur im Geiste: 'Aber du gehört mir, und niemandem sonst!'
Stattdessen murmelte er nur: 'Menschen…' und sagte nicht weiter dazu.
Nach einiger Zeit kam der Kellner zurück und brachte den Wein, ein wenig später das Essen. Diesmal allerdings hielt er den Blick gesenkt und vermied es, einen der beiden anzusehen.
'Da siehst du es, du hast den armen Mann völlig verschreckt', flüsterte Sitael, als der Kellner wieder gegangen war.
'Und? Er ist nur ein einzelner Mensch. Was kümmert er mich?'
'Und die Balance?'
'Die wir gewiss nicht über die Welt gebracht haben.'
'Mit "wir" meinst du die Dämonen? Ich glaube mich zu erinnern, dass auch "ihr" damit einverstanden wart…'
'Pfff…' Er machte eine wegwerfende Handbewegung. Die Balance? Nichts weiter als behinderndes Beiwerk; natürlich von den Engeln ins Leben gerufen, denn sie wussten, dass der Einfluss der Hölle schon immer stärker war. Ohne das Gesetz der Balance wäre die Erde längst im Besitz Luzifers.
'Die Zeit wird zeigen, wer siegreich sein wird.'
'Ja, das ist wahr.' Sitael nickte. 'Was mich aber doch interessiert: Was bringt jemanden dazu, sich von Gott abzuwenden und den Weg eines Dämons einzuschlagen?'
'Die Bezahlung ist besser. Was hat man davon, einem Gott hörig zu sein und keinen eigenen Willen zu haben? Da gehöre ich doch lieber zu den Bösen.
Außerdem – es macht viel mehr Spaß.'
In seinem Lächeln lag etwas, das selbst Sitael einen Schauer über den Rücken jagte.
Dennoch verstand sie seinen Standpunkt nicht recht.
'Aber was ist denn größer und wunderbarer als SEINE absolute Liebe?'
'Selbstbestimmung.'
'Hm', meinte Sitael, denn mehr wusste sie dazu nicht zu sagen, und so aß sie schweigend ihre gegrillten Zucchini und dachte über das nach, was der Dämon eben gesagt hatte.
Selbstbestimmung – als Engel war das etwas, worüber man nicht einmal nachdachte. Und doch hatte Luzifer, der strahlender gewesen war als sie alle, gegen IHN rebellieren können.
Dennoch hallten gerade in jenem Moment all die leisen Stimmen in ihrem Kopf wider, die sie daran erinnerten, warum sie in die mittlere Welt verbannt worden war. Nein, sie war noch immer ein Engel und sehnte sich zurück in SEIN Licht; auch wenn über all die Zeit, die sie auf der Erde verbracht hatte, hin und wieder Zweifel in ihr aufgekeimt waren.
Aber noch wusste sie, dass sie mit jedem Teil ihres Daseins ein Wesen des Höchsten war und Zeit ihrer Existenz sein würde. Wie hätte sie auch an IHM, der alles war, ernsthaft zweifeln können?
Wenn dieser Halbdämon vor ihr sie auch faszinierte, gerade weil sie seine Beweggründe nicht verstand, auf die Seite des Dunklen würde er sie niemals ziehen können.
Sie aßen ihr Essen und leerten die Flasche Wein; danach aber hatte keiner von ihnen das große Bedürfnis, noch länger dort zu verweilen, unter all den Menschen. So bezahlte Balthazar die Rechnung und gab dem Kellner noch ein großzügiges Trinkgeld. Dann verließen sie das Lokal.
Auf dem Weg zum Wagen fragte Sitael: 'Wenn du den Menschen so wenig gewogen bist, warum hast du dann dem Kellner so viel Trinkgeld gegeben? Du hast dem Mann doch wohl damit geholfen!'
Balthazar hielt ihr die Wagentür auf, als sie den Jaguar erreichten, aber anstatt einzusteigen, sah Sitael ihn fragend an.
'Du denkst, ich hätte ihm geholfen?' sagte er daraufhin, 'Das wird er auch denken. Und dass ihm Geld hilft, sich seine Wünsche zu erfüllen. Aber Geld erfüllt niemandes Wünsche; es korrumpiert – auch ihn. Heutzutage scheint es doch manchmal, als regiere Mammon bereits die Welt. Und so wird er langsam und ohne dass er selbst es merkt, auf unsere Seite driften.
Alles Böse beginnt auf so unscheinbare Weise.'
Sie sah ihn an und versuchte, den Schrecken, den seine funktionierende Logik ihr eingejagt hatte, zu verbergen. Vielleicht war der Himmel tatsächlich in den letzten Jahrhunderten zu selbstgefällig geworden, verließ sich zu sehr auf den Glauben der Menschen und den Heilsgedanken und sah darüber nicht, wie die Hölle immer mehr Macht über die Erde gewann. Der Gedanke jagte ihr Angst ein, dennoch versuchte sie, ihn fürs erste beiseite zu schieben. Es gab anderes, auf das sie in dieser Nacht ihre Aufmerksamkeit richten konnte.
Als sie beide eingestiegen waren, fuhr er los und bald ließen sie das Restaurant hinter sich zurück.
Dann schaute Balthazar zu ihr herüber und meinte mit einem Lächeln, dass Sitael nicht deuten konnte: 'Ich hoffe, du hast noch ein wenig Zeit, ich möchte dir etwas zeigen.'
