Was ist das nur für ein Land?

Gefahr

Erik war sehr geschwächt, so sehr, dass er freiwillig eine ganze Woche im Bett verbrachte. Aisha pflegte ihn so gut sie konnte und ließ niemand anderen an sein Krankenbett. Beinahe eifersüchtig beobachtete sie die notwendigen Besuche des Arztes oder Nadirs, sonst wich sie nicht von Eriks Seite.

Erik war in den ersten Tagen zu schwach um darüber nachzudenken, aber dann wunderte es ihn, dass Aisha es fertig brachte, an seinem Bett zu sitzen, ja sogar ihn zu pflegen. Sie half ihm zu essen, selbst wenn Erik sich weigern wollte, überredete sie ihn mit unendlicher Geduld doch etwas zu sich zu nehmen, damit er wieder zu Kräften kommen würde. Es berührte etwas ganz tief in seinem Inneren, rührte ihn, er wollte nichts als den Rest seines Lebens daliegen und sich von ihr pflegen zu lassen.

Aisha hatte begriffen, dass dieser sensible Mann so verzweifelt wegen ihrer offensichtlichen Ablehnung und Angst war, dass er sich das Leben hatte nehmen wollen. Es hatte ihr gezeigt, wie wichtig sie für ihn war. Eine unfassbare Vorstellung, sie, die ungebildete, wertlose Frau aus dem Armenviertel Teherans war diesem Mann, einem der mächtigsten Männer Persiens, der mehr Geheimnisse kannte als jeder andere, so wichtig, dass er über ihre Angst vor ihm so unglücklich war, dass er nicht mehr weiterleben wollte. Das konnte nur bedeuten, dass er sie liebte. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie das Gefühl, dass sie geliebt wurde. Ein wunderbares Gefühl! Jemand liebte sie, nicht nur irgendjemand, sondern dieser Mann. Zuerst war sie ja unglücklich gewesen, dass sie in die Hände des gefürchteten Todesengels der Khanum gefallen war, und als sie ihm bei der Arbeit zugesehen hatte, war sie in Panik geraten, aber nun konnte sie nur noch daran denken, wie glücklich sie gewesen war, als sie ihn mit dem Kind Reza hatte spielen sehen.

Die Khanum war alles andere als glücklich. Ihr Plan war fehlgeschlagen! Aber wie war das möglich? Sie hatte alles so genau geplant, wie Erik selbst es sie gelehrt hatte. Es war eine sehr exakt berechnete psychische Tortur – aber alles war anders gekommen. Zuerst hatte das Mädchen wie erwartet hysterisch reagiert, war in Panik verfallen, als sie Erik töten gesehen hatte, als sie seine entstellte Fratze gesehen hatte, aber was war dann so falsch gelaufen? Die Khanum zerbrach sich wochenlang den Kopf, vergaß darüber sogar wichtige politische Intrigen, aber sie kam zu keinem Ergebnis.

Die herrschsüchtige Dame hatte damit gerechnet, dass Erik seiner kleinen Konkubine sein Gesicht nicht gezeigt und ihr seine Tätigkeiten bei Hof verschwiegen hatte. Wie erwartet hatte die junge Frau nichts als Angst und Ekel vor ihm empfunden, als sie die schreckliche Wahrheit erfuhr. Nun hatte sich die Khanum den Verlauf der Dinge so vorgestellt, dass die Weigerung der jungen Frau, ihm weiter zu Willen zu sein, ihn derart in Rage bringen würde, dass er sie grausam misshandeln würde bis sie sterben oder Selbstmord begehen würde. Aber nichts dergleichen war geschehen!

Es hatte sehr viel Mühe und Geld gekostet herauszufinden, was dann geschehen war. Der Daroga hatte geschwiegen wie ein Grab, weder Geld noch das Versprechen einer enormen Beförderung hatten ihn zum Sprechen bringen können! Aber seine Diener waren nicht so loyal. Sie hatten sich kaufen lassen und so wusste die Khanum von Eriks Drogenexzess und dass es einen Kampf mit Aisha gegeben hatte, sie hatte Erik gebissen und schwer verletzt. Nur warum behielt er sie dann? Warum ließ er sich von ihr pflegen und warum bewachte sie ihn so eifersüchtig?

Die Khanum würde es wohl nie verstehen, denn Vergebung, Zuneigung und Hilfsbereitschaft waren ihr unbekannt.

Als sie Erik zu sich rufen ließ, kam er – was ungewöhnlich war – sofort und war noch dazu in glänzender Stimmung.

„Wie geht es Ihnen, mein Freund?" begrüßte sie ihn scheinheilig.

„Hervorragend, Madame, danke der Nachfrage. Und vielen Dank auch!" antwortete Erik mit einer leichten Verbeugung.

Die Stirn der Khanum legte sich in Falten. „Wofür bedanken Sie sich denn?"

„Für Ihre wunderbare Idee, Aisha bei der Exekution zusehen zu lassen natürlich, wofür denn sonst?" erklärte Erik und bemühte sich dabei möglichst unschuldig auszusehen. Mit großer Genugtuung beobachtete er, wie die Dame vor Wut rot anlief. „Ja, es war ein guter Einfall, dass ich da nicht selber draufgekommen bin…" fuhr er mit scheinbarem Bedauern fort um gleich darauf mit wachsender Begeisterung seinen sorgfältig geplanten Bericht abzuliefern. „Ja, es war wirklich gut. Sie hatte Angst, die Kleine, sehr viel Angst – Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Spaß ich dann hatte! Und dann hab ich Opium geraucht und dazu Absinth getrunken, eine herrliche Mischung, das müssen Sie unbedingt probieren. Und dann gab es eben noch die kleine Balgerei mit meinem Mädchen, aber ich glaube, darüber weiß schon ganz Persien bescheid."

„Sie hat Sie gebissen und versucht Sie zu ermorden! Sie muss angemessen bestraft werden!" rief die Khanum. Sie konnte ihren Zorn kaum beherrschen. „Bestrafen?" Eine kalte Furcht erfasste Erik, er kämpfte dagegen an und zwang sich weiterzureden, in einem leicht belustigten Tonfall: „Aber warum denn? Manchmal kann es sogar recht anregend sein, ein wenig Schmerzen zu empfinden. Sie glauben doch nicht, dieses zarte kleine Frauchen hätte mich verletzen können, wenn ich es nicht wollte? Die gefährlichsten Mörder und Söldner zittern vor Angst, wenn sie gegen mich in der Arena antreten sollen. Und dann glauben Sie, dieses Mädchen… nein, das ist zu komisch!" Erik zwang sich zu lachen. Er fand dieses Spiel keineswegs lustig aber es war nun einmal notwendig um Aisha zu schützen.

„Aber Sie waren eine ganze Woche lang krank", warf die Khanum ein.

„Ich korrigiere: Ich war eine ganze Woche lang im Bett. Krank sein ist eine gute Ausrede, wenn man viel Zeit im Bett verbringen will", spottete Erik und sah, wie die Stirn der Khanum sich plötzlich glättete und die Zornesröte aus ihrem Gesicht verschwand. „Ach sooooo war das!" rief sie als ob sie endlich verstanden hätte, „Sie sind ganz besonders raffiniert, sogar der Arzt ist darauf hereingefallen. Er hielt Sie doch tatsächlich für krank!" Nun lachte sie sogar. Erik zwang sich zu grinsen. Offensichtlich war die Khanum auf seine Lügen hereingefallen, das sollte Aisha zumindest für eine Weile schützen.

„Ja, das war ziemlich schwer. Aber niemand ist unfehlbar, auch nicht der Leibarzt des Schah", bemerkte Erik achselzuckend, „Und in Eriks Gegenwart unterlaufen den Menschen kleine Missgeschicke eben öfter als sonst." Nun lachten beide, aber aus unterschiedlichen Gründen.

Kurz darauf wurde Erik zur Baustelle gerufen. Die Arbeiten waren ins Stocken geraten, weil niemand Eriks komplizierte Anweisungen über die Zusatzarbeiten am Fundament verstehen konnte. Bevor also weitergearbeitet werden konnte, musste Erik selbst nach dem Rechten sehen und alles erklären, einige Arbeiten vielleicht sogar selbst vornehmen.

Der Daroga reiste unter dem Vorwand, dass er endlich einmal wieder in „seiner" Provinz Mazenderan nach dem Rechten sehen und Verbrecher zur Strecke bringen musste, ab. Zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, dass Aisha mit ihm reiste. Erst als Erik ein paar Tage später losritt und Aisha nirgendwo zu finden war, bemerkte der Hof, dass er seine Konkubine auf einem anderen Weg losgeschickt haben musste.

Erik erreichte den Palast des Daroga ohne nennenswerte Zwischenfälle. Zu seiner großen Erleichterung erfuhr er, dass Aisha gesund und munter angekommen war und es keine Probleme auf der Reise gegeben hatte. Der maskierte Magier hatte darauf spekuliert, dass kein moslemischer Mann auf die Idee kommen würde, dass ein Mann seine Frau oder auch nur seine Konkubine einem anderen Mann anvertrauen würde und er sollte Recht behalten. Der ganze Hof zerbrach sich den Kopf wo der Zauberer seine Frau versteckt haben könnte. Sie konnte sich doch nicht in Luft aufgelöst haben und er hatte sie ganz sicher nicht mitgenommen. Sie war weg, wie vom Erdboden verschwunden.

Die Arbeiten am Palast waren für Erik plötzlich nebensächlich geworden. Im Moment interessierte er sich nur für Aisha und Reza und alles andere war unwichtig. Es sah zwar hin und wieder nach der Baustelle, beschwerte sich über die Ungebildetheit der Arbeiter und des Baumeisters und kehrte so rasch er konnte zum Palast seines Freundes zurück.

Die Khanum gab es auf zu überlegen, wie Erik sie überlistet hatte. Nicht nur, dass er Aishas Vertrauen zurückgewonnen hatte binnen kürzester Zeit, er hatte die junge Frau sogar unbemerkt aus dem Palast schmuggeln können. Diese Niederlage wollte die Khanum nicht auf sich sitzen lassen und so schickte sie Boten nach Mazenderan, die Erik beobachten sollten. Diese Boten konnten Erik jedoch nicht auf der Baustelle finden, sie erfuhren nur von einem Arbeiter, dass Erik das Interesse an dem Palast verloren hatte und nur kurz und gelangweilt auf der Baustelle vorbeischaute um dann gleich wieder zu verschwinden. Als die Khanum das erfuhr, schickte sie sofort Nachricht an ihren Sohn, der äußerst aufgebracht einen Boten zu Erik schickte, um ihn an seine Pflichten zu erinnern. „Wenn diese Hure ihn so sehr ablenkt, dann werden wir sie ihm wegnehmen müssen!" tobe der Schah sehr zur Freude seiner Mutter, der die kleine Frau ihres Magiers sowieso schon lange ein Dorn im Auge war.

Die Ritte über das Elburs-Gebirge nahmen jeweils mehrere Tage in Anspruch, und so verging fast ein ganzer Monat, bevor Erik von der Gefahr erfuhr, in der Aisha schwebte.

Nadir ging am Nachmittag in den Garten und sah, wie sein Sohn vorsichtig um einige Büsche schlich, anscheinend spielte er gerade Verstecken. Plötzlich schoss eine Schlinge aus dem Busch und legte sich um seinen zarten Hals – Nadirs Herz wäre beinahe stehen geblieben vor Schreck, doch dann streifte Reza mühelos die Schlinge ab und jauchzte: „Ich bin dran, ich bin dran!" Erik kam auf allen vieren aus dem Gebüsch gekrochen und lachte: „Du bist zu gut für mich, gegen dich habe ich doch keine Chance!" Reza schnappte sich das Lasso und sagte: „Du musst dich klein machen, Erik, sonst ist es unfair." „Nein, nicht kleinmachen", stöhnte Erik scheinbar genervt, „Mir tun die Knie schon so weh." Mit einem lang gezogenen „Biiiiiiiiiiteeeeeeee" hatte der Knabe Erfolg. Erik hielt sich die Augen zu und begann laut bis zwanzig zu zählen, während Reza sich im Gebüsch versteckte. Dann rutschte Erik auf Händen und Knien am Gebüsch entlang und suchte ein Zeichen seines kleinen Jägers.

Zu Nadirs großem Erstaunen tauchte Reza plötzlich hinter Erik auf und warf ihm die Schlinge um den Hals. Erik nahm die Schlinge nicht ab sondern ließ sich auf den Boden fallen als wäre er tot. Reza ging zu ihm und rief: „Hab ich gewonnen?" „Ja, du hast gewonnen, du Held", lachte Erik und richtete sich auf, wobei er Reza in die Arme nahm und hochhob.

Nun bemerkte Nadir, der das ganze Spiel fasziniert beobachtet hatte, dass Eriks Hose völlig zerrissen war vom Herumkriechen auf dem Boden und seine Knie bluteten. Erik selbst schien es gar nicht zu bemerken. Nadir Khan war nicht ganz wohl bei dem Spiel, es war zwar ein harmloses Spiel aber mussten sie ausgerechnet mit dem Lasso spielen?

Nun erst bemerkte Erik den Daroga. „Wie lange siehst du uns schon zu?" fragte er etwas verärgert, dass er nichts gemerkt hatte. „Nicht lange. Aber Erik, glaubst du wirklich, dass dieses Spiel gut ist, ich meine, das Lasso… du weißt schon, was ich meine!"

„Aber ja, warum denn nicht? So, Reza, jetzt spielen wir Pferdchen! Okay?" „Au ja, Pferdchen!" jauchzte Reza und ließ sich auf Eriks Schultern heben.

„Bist du bereit?" rief Reza und plötzlich bemerkte Nadir Aisha, die sich hinter einem Baum versteckt hatte. „Bin bereit" rief sie und trat hinter dem Baum hervor.

Nadir musste lachen, als er sah, wie Aisha davonlief und sich von Erik mit Reza auf den Schultern jagen ließ. Anscheinend hatten alle drei ihren Spaß bei der wilden Jagd. Die junge Frau hatte ebenfalls ein Lasso und Reza und Aisha versuchten sich gegenseitig zu fangen, was aber keinem gelang. Kaum war es einem gelungen, die Schlinge um den anderen zu legen, hatte der sie auch schon wieder abgestreift. Es dauerte eine Weile, bis Nadir den Trick durchschaute: Jeder hielt eine Hand ständig dicht neben dem Kopf, sodass die Schlinge die Hand immer mit einfangen musste und es war ein Leichtes, das Lasso abzustreifen.

Irgendwann entschied Erik, dass es genug war. Er behauptete, zu müde zum Spielen zu sein, aber Nadir wusste, dass er sich Sorgen machte, der Knabe könnte sich überanstrengen.

Der Daroga entschied sich, mit Erik zu sprechen als sie allein waren. „Erik, was glaubst du, was du da tust? Du kannst meinem Kind und dieser Frau doch nicht den Umgang mit einer tödlichen Waffe beibringen!" warf er ihm aufgebracht vor.

„Keine Sorge, sie können schon damit umgehen. Es ist wirklich ungefährlich, glaub mir, ich passe schon auf, dass nichts passiert. Und Reza weiß nicht, dass das mehr als nur eine Variation vom „Abfangen" Spiel ist."

„Und Aisha…?"

„Für sie hab ich mir das doch ausgedacht und Reza wollte mitspielen. Aisha muss lernen sich im Notfall zu verteidigen und das Pundjap Lasso ist nun einmal eine Waffe, mit der man sich gut gegen einen körperlich überlegenen Gegner wehren kann. Aber heute Nachmittag hatten wir drei so viel Spaß, Nadir, du solltest wirklich mitspielen, es war so lustig. Ich glaube, Aisha und ich holen jetzt alles nach, was wir als Kinder nicht tun durften. Ich habe Holzklötzchen mitgebracht, aus denen wollen wir ein Haus bauen, magst du mitmachen?"

In dem Moment sah Nadir in Erik nur ein kleines Kind das sich über ein harmloses Spiel mit seinen Freunden freute. Er lachte und sagte, es wäre ihm eine Freude mitzuspielen.

So kam es, dass am Abend in der Halle zwei erwachsene Männer und eine Frau auf dem Fußboden hockten und nach den Anweisungen eines kleinen Knaben, der den Baumeister spielte, ein kleines Modellhäuschen aus hölzernen Klötzchen errichteten. Reza trug einen ähnlichen Umhang wie Erik, den Aisha für ihn genäht hatte, und stolzierte über die „Baustelle" um wie sein großes Vorbild Anweisungen zu geben und Fehler auszubessern.

Nadir war der Erste, der wieder zur Vernunft kam und entschied, dass es Zeit wäre, ins Bett zu gehen, vor allem für seinen Sohn. Erstaunlicherweise war es nicht Reza sondern Erik der sich dagegen wehrte, weil er einfach nicht wollte, dass dieses schöne Spiel nun vorbei wäre. Reza bestand darauf, dass Erik ihn in den Schlaf singen sollte, wie er es oft tat, wenn er zu Besuch war, und Erik erklärte sich nur allzu gerne bereit, seinem kleinen Freund diesen Gefallen zu tun.

Am nächsten Morgen fand Nadir Erik schlafend in einem Stuhl neben Rezas Bett, Aisha ausgestreckt auf dem dicken Teppich zu Eriks Füßen. Obwohl er sich über dieses friedliche Bild hatte freuen wollen, konnte er es nicht wirklich, denn er fühlte sich ausgeschlossen. Ausgeschlossen aus einer kleinen Gemeinschaft von Ausgestoßenen, weil er der einzige gesunde Normale war. Aisha war zwar körperlich nicht unnormal oder krank, aber was sie alles erlitten hatte, hatte sie seelisch krank gemacht, sie litt unter den Folgen jahrelanger Misshandlungen. So gesehen gehörte sie sehr viel eher zu dieser kleinen Gruppe, die sich gegenseitig Trost spendete, denen doch so wenig Glück im Leben vergönnt war. Aber trotz all dieser Gedanken konnte Nadir seine Eifersucht nicht ganz bezwingen. Reza war sein Sohn und in letzter Zeit hatte er manchmal den Eindruck, Reza hätte lieber Erik als Vater gehabt.

Reza wachte auf und begrüßte seinen Vater mit einem Freudenschrei, der Erik erschrocken aufspringen ließ und Aisha dazu brachte, sich in die nächste Ecke zu flüchten. Erst als sie wach war, lächelte sie schüchtern über ihre Schreckhaftigkeit und sah sich nach ihrem Schleier um, den sie aber nicht finden konnte. Erik streckte sich und verzog das Gesicht. In einem Sessel zu schlafen hatte seinem Rücken nicht gut getan.

Noch vor dem Frühstück meldete ein Diener, dass ein Bote des Schah Erik zu sprechen wünsche. Erik war nicht in der Stimmung, sich mit Forderungen des Schah auseinanderzusetzen und knurrte den Boten an: „Sag dem Schah er soll sich zum Teufel scheren!" aber Nadir bat den Boten seine Nachricht zu überbringen und dann rasch aufzubrechen, der Magier sei in schlechter Stimmung.

„Seine allerhöchste Hoheit…" begann der Bote mit einer Verneigung, aber Erik unterbrach ihn: „Lass die Floskeln weg und sag was du zu sagen hast, solange du noch sprechen kannst!"

„Der Schah ist unzufrieden, weil er erfahren hat, dass Sie die Baustelle vernachlässigen", sagte der Bote zitternd und wich zurück zur Tür um rasch fliehen zu können, sollte der gefürchtete Zauberer einen seiner berüchtigten Wutausbrüche haben.

„Und? Noch etwas?" knurrte Erik genervt. „Ja, ja, eines noch: er sagte, wenn die Frau Sie von der Arbeit abhält, wird er sie Ihnen wegnehmen", murmelte der zitternde Bote.

„Wegnehmen?" schrie Erik wütend auf, „Niemand wagt es, Erik etwas wegzunehmen, niemand! Wenn der Schah Erik Aisha wegnimmt, dann wird der Schah auch etwas verlieren, etwas das ihm sehr kostbar ist, verlass dich drauf!"

„Erik, bitte, beruhige dich!" sagte Nadir und legte seinem Freund die Hand auf den Arm, „Bitte, lass das, es bringt nichts. Wenn du Aisha schützen willst, dann geh jetzt auf die Baustelle und mach deine Arbeit, es geht nicht anders."

Erik schickte den Boten und die Diener des Daroga mit einer gebieterischen Handbewegung fort, dann ging er zum Fenster und starrte in Gedanken versunken hinaus ohne wirklich etwas von der Schönheit der Gärten zu sehen.

„Sie steckt dahinter, da bin ich sicher", murmelte er, „Und sie wird nicht eher ruhen, bis Aisha tot ist. Sie muss Persien verlassen."

„Was?" Nadir traute seinen Ohren nicht, „Wie stellst du dir das vor? Aisha ist eine Frau, sie kann nicht einfach so weggehen, sie kann nicht selbst für sich sorgen, selbst Entscheidungen treffen, sie hat das nie gelernt! Sie braucht jemand, der sie beschützt."

Erik seufzte tief und nickte: „Ja, du hast recht. Ihr wurde jede Art Eigeninitiative und Selbständigkeit gründlich ausgeprügelt. Sie ist noch nicht so weit, aber ich kann nicht länger warten. Sie muss hier weg und zwar rasch."


Ein oder zwei Kapitel kommen noch – ich muss Euch, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser allerdings bis dahin um Geduld bitten, ich habe einige schwere Prüfungen im Juni, deshalb habe ich nicht so viel Zeit zum Schreiben. Vielen Dank für Euer Verständnis und Ihr wisst ja: Ich bin süchtig nach Reviews!