Was ist das nur für ein Land?

Vertrauen ist schwer

„Erik, du musst zurück auf die Baustelle und zwar rasch! Beim nächsten Kontrollbesuch eines Spions wird der Schah es nicht bei Drohungen bewenden lassen!" drängte der Daroga seinen maskierten Gast.

„Kommt überhaupt nicht in Frage! Wo soll ich Aisha denn so lange lassen?"

„Erik, du weißt, dass ich sie hier verstecken kann, unter meiner weiblichen Dienerschaft. Niemand wird sie dort vermuten, niemand wird sie finden!"

„Und wenn sie wieder mit Drohungen kommen? Was dann, Nadir? Du hast schon einmal versagt!" schrie Erik und warf einen Sessel um in seiner Wut.

„Es tut mir sehr leid, Erik, das habe ich dir schon gesagt. Ich konnte nicht anders!"

„Ja, ich weiß, ich an deiner Stelle hätte auch eher Aisha geopfert als Reza, aber das hilft mir jetzt nicht. Was soll ich denn jetzt tun?"

„Aisha hierlassen und auf die Baustelle gehen! Wenn jemand nach ihr fragt, schicke ich sofort nach dir und halte den Boten so lange hin wie es nur irgendwie geht. Oder hast du eine bessere Idee?"

Erik dachte angestrengt nach, aber schließlich musste er dem Daroga Recht geben. Aisha war nirgendwo sicherer als hier, im Palast des Daroga von Mazenderan, und die Baustelle war ja nur eine halbe Meile entfernt, da konnte er schnell herbeieilen, sollte tatsächlich etwas passieren.

Nun lernte Erik sehr schmerzhaft den Grund kennen, warum Nadir und viele andere sich dem Schah unterwarfen anstatt sich gegen die Tyrannei zu wehren – es war nicht die Gefahr für das eigene Leben, es war die schreckliche Angst, einem geliebten Menschen könnte etwas passieren und man hätte dann keine Möglichkeit mehr zu helfen. Im Augenblick war es der Zwang, möglichst viel auf der Baustelle zu arbeiten und den Bau noch schneller voranzutreiben. Nur wenn er dem Schah keinen Grund gab sich zu beklagen, würde Aisha in Sicherheit sein – zumindest solange, bis er eine Möglichkeit gefunden hätte, sie außer Landes zu schaffen.

Erik stürzte sich in seine Arbeit wie ein Besessener. Die Angst um Aishas Sicherheit trieb ihn gnadenlos zu immer neuen Anstrengungen und so wie er getrieben war, so sehr trieb er die Arbeiter an. Jeder konnte seine schlechte Laune bemerken und die Angst zwang die Männer, härter zu arbeiten als je zuvor.

Am Abend wollten einige Männer nach Hause gehen, aber Erik schrie sie an und drohte, wenn sie nicht mindestens bis Mitternacht arbeiten würden, würde er sie zu bestrafen wissen. Und als er ihnen schließlich erlaubte auszuruhen, machte er eindeutig klar, dass sie lang vor Sonnenaufgang mit der Arbeit zu beginnen hätten. Er selbst legte nicht einmal für die Nacht eine Pause ein. Unablässig zeichnete er Skizze um Skizze, zerriss sie wieder und fing von vorne an, bis er endlich zufrieden war mit der kleinen Änderung die er vornehmen wollte.

Aber kein Mensch kann diese Strapazen durchhalten. Am nächsten Abend brach einer der Arbeiter, ein sehr junger Mann, fast noch ein Knabe, bewusstlos zusammen. Erik bemerkte von seinem Posten hoch auf dem Baugerüst, dass Männer zusammenliefen und sich um irgendetwas drängten. Als er dazukam, traten sie beiseite um ihm den Weg freizumachen.

Erik beugte sich über den jungen Mann und bemerkte rasch, was das Problem war. Der Junge war erschöpft, hatte zu wenig gegessen und getrunken und war deshalb kollabiert. „Steht nicht so blöd rum und glotzt! Du da, hol mir ein Glas Wasser und die anderen sofort wieder an die Arbeit oder ich werde Euch Beine machen!" schrie Erik wütend. Doch die Männer gehorchten nicht. Sie blieben stehen wo sie waren.

Erik erhob sich und starrte sie wütend an: „Was ist, habt ihr keine Ohren?" knurre er. „Die Männer können nicht mehr", erklärte der Baumeister, „Sie sind zu müde, kein Mensch kann das aushalten. Lassen Sie sie ausruhen, bitte, bevor noch einer zusammenbricht."

„Was für erbärmliche Schwächlinge!" schnaubte Erik voller Verachtung, „Na los, verschwindet! Geht, bevor ich mich vergesse!"

Die Männer gingen tatsächlich. Erik atmete erleichtert auf. Er wusste, wie knapp vor einer Meuterei sie gestanden waren, wie rasch die Menge gewalttätig werden könnte – und er stand völlig allein. Aber nun hatte er wieder das Problem, dass die Arbeiten langsamer wurden.

Beinahe eine ganze Woche ging es so weiter, Erik trieb die Männer bis an die äußerste Grenze, bevor er ihnen auch nur die kürzeste Ruhepause gönnte. Als die Männer wirklich mit einem Aufstand drohten, stellte er sich ihnen mit der Drohung: „Gut, ihr könnt gehen. Aber dann werden morgen die Soldaten des Schahs kommen und eure Frauen und Kinder holen, damit die den Arbeitsrückstand wieder wettmachen. Wollt ihr das?"

Der Sprecher der Arbeiter erklärte nun, dass bereits zu viele Männer zusammengebrochen wären und sie einfach nicht mehr weiterkönnten.

Erik sah die Männer an und wusste, dass er jetzt gehen musste, bevor die Situation eskalieren würde. Er drehte sich um, bestieg sein Pferd und ritt davon.

Nadir war entsetzt als er Erik sah. Eriks Augen waren stark gerötet und hatten einen aggressiven, beinahe wirren Blick, der Nadir Angst machte. Dann merkte er, dass Erik schwankte und Schwierigkeiten hatte, das Gleichgewicht zu halten.

„Was ist mit dir passiert?" fragte er besorgt. „Nichts, gar nichts. Diese Faulpelze weigern sich schon wieder zu arbeiten", seufzte Erik. Der Daroga hatte bereits einiges über die Baustelle gehört und wie hart Erik zu den Männern gewesen war. „Glaubst du nicht, dass du zu viel verlangst?" fragte er vorsichtig. „Zu viel verlangen? Ich?" Erik war ehrlich erstaunt. „Ich erwarte doch nur, dass sie nur ein klein wenig weniger tun als ich selbst. Wenn ich eine Woche fast gänzlich ohne Schlaf auskommen kann sollte das jeder gesunde Mann auch können."

Nadir hatte genug gehört. Es hatte gar keinen Sinn mit Erik zu reden, wenn er so anfing. Das Beste wäre es wohl, ihn einfach zu Bett zu bringen, denn Erik sah nicht so aus als wäre er gewillt, Ruhe zu geben.

In den Moment traf ein Bote ein, der Eriks unverzügliche Rückkehr nach Teheran befahl. Zu aller Erstaunen ging Erik sofort darauf ein. „Ist mir nur recht, wenn ich diese Schwächlinge und Faulpelze mal ein Weilchen nicht sehen muss!" knurrte er.

Tatsächlich brachen sie noch am selben Abend auf.

Doch der Ritt über das Elburs Gebirge war lang und anstrengend und Erik war durch die Strapazen der letzten Woche sehr geschwächt. Nadir, der neben ihm ritt, bemerkte, dass der maskierte Mann langsam im Sattel zur Seite rutschte und streckte die Hand aus, um ihn zu stützen. Erik fuhr erschrocken hoch und sah Nadir erstaunt an. „Hab ich geschlafen?" fragte er. „Ja, und es wird Zeit, dass wir ein Nachtlager aufschlagen, es wird schon sehr dunkel."

„Nachtlager? Aber… aber… aber Aisha? Sie kann doch nicht einfach…" stammelte Erik erschrocken und wütend auf sich selbst, dass er nicht früher daran gedacht hatte. „Sie wird in ihrer Sänfte schlafen müssen, das ist jetzt leider nicht zu ändern", meinte der Daroga.

Obwohl Erik sonst immer sehr lärmempfindlich war und nur einschlafen konnte, wenn es absolut ruhig war, war er diesmal so erschöpft, dass er sich einfach auf seine Matte legte und sofort einschlief. Er musste sehr tief geschlafen haben, sonst hätte er die Ereignisse früher bemerkt.

Plötzlich riss ein gellender Schrei die Männer aus dem Schlaf. Nadir und Erik waren blitzschnell auf den Beinen und sahen sich um, um festzustellen, was passiert war. Aisha schrie noch einmal und Erik war in augenblickesschnelle an ihrer Seite. Aisha saß aufrecht da, einen leichten Dolch mit beiden Händen umklammert, und schluchzte. Neben ihr lag ein Mann, der Soldat, der gerade mit der Nachtwache an der Reihe gewesen war und wand sich vor Schmerzen. Als Nadir eine Fackel entzündete sahen sie, dass er eine schwere Wunde im Bauch hatte.

„Was ist passiert?" fragte Erik erschrocken. „Er wollte… er sagte ich solle still sein… und… und ich hab Angst gehabt… und… und dann hab ich nicht mehr denken können, ich hab einfach zugestoßen…" schluchzte Aisha.

Erik legte ihr vorsichtig eine Hand auf den Arm und zwang sie, ihn anzusehen. „Das hast du gut gemacht, Aisha, wirklich sehr gut."

„Aber wie… ich…" Aisha schlang ihre Arme um Eriks Schultern und klammerte sich schluchzend an ihm fest. „Es ist alles wieder in Ordnung, meine Liebe, es ist alles bestens. Kein Grund sich aufzuregen", versuchte Erik sie zu beruhigen.

„Alles in Ordnung? Gar nichts ist in Ordnung, er ist tot!" rief einer der Soldaten. Aisha kauerte sich entsetzt zusammen und bedeckte ihr Gesicht mit ihrem Schleier. Erik stand langsam auf und sage ruhig: „Dann ist ja alles in allerbester Ordnung!" sagte er betont ruhig und stieß den Leichnam mit dem Fuß an. „Räumt das da weg und legt euch wieder schlafen!" befahl er.

Die Männer blieben reglos stehen. Erik starrte sie an, scheinbar völlig gelassen, kaum sahen sie die flüchtige Bewegung seiner Hand, sie bemerkten sie eigentlich erst, als der nächste Mann sich an den Hals griff, ein ersticktes Gurgeln ausstieß und tot zu Boden sank.

Keiner konnte sich erklären, wie Erik den Mann getötet hatte, ohne ihn zu berühren. Es war ja auch viel zu dunkel um das dünne Lasso zu sehen, und in ihrem Schock hatten sie auch die rasche Bewegung übersehen, mit der er das Lasso wieder verschwinden ließ.

Die Dunkelheit der Nacht und die Angst ließen den Männern die Situation sehr viel schrecklicher erscheinen als sie war. Ihre überhitzte Phantasie, gespeist von unheimlichen Gerüchten über den maskierten Dämon, gaukelte ihren noch halb im Traum befindlichen Gehirnen ein fürchterliches Bild eines schwarzen Todesengels vor, dessen Augen in der pechschwarzen Dunkelheit wie rotglühende Kohlen leuchteten.

Erik legte sich neben Aisha in die Sänfte und zog die Vorhänge zu. Dann legte er sanft seine Arme um ihren zarten Körper und zog sie an seine Brust, konnte aber selbst nicht wissen, ob er es tat um sie zu trösten oder ob er nicht selbst es war, der Trost suchte.

Nadir, der zuerst zu überrascht war, um einzugreifen, sah die Gefahr die Erik nun drohte, falls er die Männer aus den Augen lassen würde und entfachte ein Feuer. Dann setzte er sich aufrecht hin und nahm sich vor aufzupassen, damit ja nichts mehr passieren würde. Tatsächlich verlief der Rest der Nacht überraschenderweise ruhig.

Obwohl sie früh am nächsten morgen aufbrachen und nicht gerade langsam vorankamen, wusste die Khanum bereits von dem Vorfall als Erik sie besuchen musste.

Die kranke Phantasie der gelangweilten Königinmutter hatte bereits zu viel Zeit gehabt, eine eigene Version dieser Geschichte zu erfinden. Eine Geschichte, auf die Erik keinesfalls vorbereitet war.

„Mein Freund", säuselte die grausame Dame mit gespielter Freundlichkeit, „Ich mache mir schreckliche Sorgen um Sie. Furchtbar, was da passiert ist! Einfach schrecklich! Ich habe solche Angst, dass Ihnen etwas zustößt." Erik konnte sich keinen Reim darauf machen, so schwieg er und versuchte seine Verwirrung zu verbergen.

„Sie haben sich in eine gefährliche Lage gebracht, aber ist es nicht die Gefahr, der Nervenkitzel, der das Leben lebenswert macht?" fragte die Frau.

„Nein", widersprach der maskierte Mann entschlossen, „Wenn Sie jemals in wirklicher Gefahr gewesen wären, wüssten Sie, dass Sicherheit sehr viel angenehmer ist. Nach Abenteuern sehnen sich nur Menschen, die nie wirklich Gelegenheit bekommen können, tatsächlich eines zu erleben. Jemand, der täglich dem Tod ins Auge sieht, hat keinerlei Verlangen nach Nervenkitzel."

„Nicht? Oh, interessant. Wirklich. Höchst bemerkenswert… Seltsam… Dann muss es einen anderen Grund geben…" murmelte sie vor sich hin, dann, langsam, schlich sich ein verstehendes Lächeln in ihr Gesicht: „Oh, jetzt ist mir alles klar! Sie genießen es, zuzusehen, wenn diese Frau tötet."

Jetzt erst durchschaute Erik die perverse Phantasie der Khanum. In ihrem kranken Gehirn war sein nächtlicher Kampf zu einem höchst erotischen Vorspiel geworden – mit zwei Toten. Eine Welle kalter Übelkeit schüttelte seinen Körper und er brauchte alle Willenskraft, um den plötzlichen Brechreiz zu unterdrücken.

„Aber mein Freund, passen Sie auf sich auf! Es wäre doch zu schade, wenn die Kleine zu viel Geschmack an dem Spiel findet, meinen Sie nicht? Wäre es nicht besser, sie rechtzeitig loszuwerden, bevor sie Sie im Schlaf ermordet?"

Erik ließ sich von dem freundlichen, besorgten Tonfall der Khanum nicht täuschen. Er wusste, dass sie Aisha nach dem Leben trachtete, weil sie glaubte, dass dieses Mädchen genau das erlebt hätte, wovon die mächtige Dame seit Monaten träumte. Die Eifersucht der Dame hatte schon einige das Leben gekostet und Erik wusste nur zu gut, dass jetzt Vorsicht geboten war.

Er würde keinen Tag länger warten, Aisha musste sofort in Sicherheit gebracht werden, noch vor Sonnenuntergang. Aber wohin? Sie war nicht in der Lage allein zu überleben und wem würde er sie anvertrauen können.

Der Daroga war sehr erstaunt, als Erik ihn aufsuchte und ihn fragte, wem man in diesem gottverlassenen Land vertrauen könnte.


Entschuldigt bitte, dass Ihr so lange auf dieses Kapitel warten musstet. Ich hatte einige Prüfungen und dann zu viele Viren am Computer, also musste ich mit dem Kapitel noch mal von vorne anfangen.

Danke fürs Lesen und Eure Geduld. Bitte schreibt mir ein Review, ich liebe Reviews!

Das nächste Kapitel kommt bestimmt!