(8) Erlösung
'Es ist wunderschön.' Sitael legte ihre Hände auf die Brüstung des Balkons und beugte sich nach vorn, als wolle sie dem Meer noch näher sein, als sie es ohnehin war. Vor ihr befand sich ein Stück Strand, der sich zu beiden Seiten des Hauses fortsetzte, weiter voraus das Meer, das sich mit dem dunklen Himmel zu einer wogenden Einheit vermengte. Das Wasser war in Aufruhr und brandete in immer neuen Wellen an den weißen Strand, der zu dieser Stunde menschenleer war.
'Ja, es ist schön, nicht wahr? All die ungebändigte Kraft, die das Meer offenbart – sie ist nicht mehr in vielen Dingen auf dieser Welt zu finden.'
Balthazar lehnte lächelnd in der Terrassentür und betrachtete sie – gleich einem Raubtier, das seine sichere Beute mustert. Dann trat er näher heran, langsam, jeden Moment auskostend, und zog sie an sich, schlang seine Arme um ihre Taille und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar, sodass die Welt für einen Moment nur aus ihr und ihrem Duft zu bestehen schien.
Er ließ von ihr ab, nur um sie im nächsten Augenblick zu sich herumzudrehen, um einen Blick in ihre ungewöhnlichen Augen zu werfen, die selten wunderbarer und selten verstörter in die Welt geblickt hatten.
Was er in ihnen sah, konnte er nur als Furcht interpretieren, ging jedoch darüber hinaus, auf eine fast spirituelle Ebene, die Balthazar nicht kannte und die ihn nie interessiert hatte.
Sitaels Augen waren offen, ihre Haut war noch weißer als sonst und ihre Unterlippe zitterte leicht, kaum merklich. Sie war schöner denn je.
Aber sie hatte keine Angst vor ihm, das konnte er nur zu deutlich sehen – fast schmälerte es seinen Triumph –, sondern vor einer unaussprechlichen Grenze, der Grenze zwischen Licht und Schatten, die sie in dieser Nacht überschreiten mochten. Nach dieser Nacht würde es kein Zurück geben, keine andere Entscheidung mehr – und allein sie war es, die sich würde rechtfertigen müssen vor einem höheren Selbst.
Ein Lächeln huschte über seine Lippen, das nach Außen hin tröstend wirken musste. Und er strich beschwichtigend über ihre Wange, strich eine verirrte Haarsträhne zurück und war für einen winzigen Moment etwas, dass er sich selbst niemals eingestanden hätte: nichts anderes als zärtlich, trostspendend – liebend.
Aber dann küsste er sie.
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Vielleicht leistete sie ein wenig Widerstand, als er sie ins Haus führte, aber er hätte sich nicht darum gekümmert wenn es so gewesen wäre. Dafür wollte er sie zu sehr.
Sie gab jeden Widerstand schnell auf und wehrte sich nicht, als er sie erneut küsste, sie durch das Wohnzimmer zum Schlafzimmer führte, das in Dunkel gehüllt dalag. Auf dem Weg hatte er sein Jackett abgestreift und sie nestelte an den Knöpfen seines Hemdes, bis sie ihn auch davon befreit hatte.
Seine Hände wanderten über ihren Körper und er spürte, wie ein leichter Schauer sie durchlief, als er die Träger ihres Kleides von ihren Schultern schob und der Stoff mit einem leisen Rascheln zu Boden fiel.
Sie vor sich zu sehen, ihr weißes Fleisch, dass in dieser Inkarnation wohl nur selten ein anderer Mann berührt hatte – jeder klare Gedanke, den Balthazar hätte fassen können, war verschwunden vor diesem einen Trieb, der ihn beherrschte; allein sie nur zu sehen, brachte ihn beinahe um den Verstand.
Und so presste er sie an sich und schob sie aufs Bett.
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Das erste, das Sitael wahrnahm, als sie erwachte, war Helligkeit: Licht, das durch die Fenster am Kopfende des Bettes in den Raum fiel und seltsame Schatten auf die Dinge zeichnete.
Auf das Licht folgten Konturen, als sie die Augen weiter öffnete und sich erinnerte an die vergangene Nacht. Sie sah Balthazar neben sich liegen, schlafend zwischen den weißen Laken. Für einen Augenblick verharrte sie und betrachtete ihn. Er lag, von ihr abgewandt da, sein dunkles Haar bildete einen starken Kontrast zum Weiß, und das Licht warf Schatten auf die gebräunte Haut seines Rückens.
Nach einem weiteren Augenblick besann sie sich, schlug die Bettdecke zurück und schlüpfte so leise sie konnte aus dem Bett, um das Zimmer zu verlassen.
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Er erwachte mit einem Lächeln auf den Lippen, als die Erinnerung der letzten Nacht zurückkehrte. Behaglich schloss Balthazar für einen weiteren Augenblick die Augen, eingetaucht in die Bilder und Eindrücke der Nacht.
Dann aber kam der Zeitpunkt, an dem das Licht, das ins Zimmer schien, zu hell, sein Geist zu wach wurde und er sich entschied, die Bilder seiner Erinnerung gegen die wohl noch verlockendere Realität einzutauschen. Als er sich aber umwandte, runzelte er, überrascht und ein wenig enttäuscht, die Stirn: Sitael war fort.
Mit einem letzten Gähnen streckte er sich, schlug die Bettdecke zurück und verließ das Bett.
Unschlüssig ließ er seinen Blick über die auf dem Boden verstreuten Kleidungsstücke schweifen und ging schließlich, sich die letzte Müdigkeit aus den Augen reibend, zum Schrank, um nach frischen Boxershorts Ausschau zu halten.
Dann ging er in die Küche und wollte sich eben dem Kühlschrank zuwenden, als sein Blick auf die offene Balkontür und die Terrasse selber fiel, denn dort sah er Sitael. Sie stand ähnlich der Nacht zuvor am Geländer und schaute auf das Meer hinaus. Anders als gestern jedoch trug sie nicht mehr ihr cremefarbenes Kleid, sondern eines seiner Hemden, dessen Ärmel sie aufgekrempelt hatte, und das ihre schlanken Beine hervorhob.
Und als er genau hinsah, konnte er erkennen, dass ihr Rücken von durchscheinenden, kaum zu erkennenden weißen Flügeln umrahmt wurden. Aber es war nicht, wie es bei normalen Halbblütern der Fall gewesen wäre, ein Paar Flügel, sondern drei. Balthazar wusste, das es nur einen Rang unter den Engeln gab, dessen Geschöpfe dieses dritte Flügelpaar besaßen.
Dennoch wandte er den Blick von ihr ab und dem Kühlschrank zu, der sein eigentliches Ziel gewesen war. Nach einem kurzen Blick in dessen Inneres nahm er eine der Milchpackungen heraus. Zwar hatte er Hunger, war aber noch zu träge, um Frühstück zu machen. Das hier musste reichen. Nach ein paar Schlücken stellte er die Packung zurück in den Kühlschrank, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und ging zu ihr auf den Balkon.
Jetzt und hier, in seinem Hemd und mit dem Nachklang der letzten Nacht umgeben, wirkte sie beinahe noch schöner. Konnte das sein? Wie sie dort stand, mit einem undeutbaren Lächeln auf das Meer schaute, ihre Haare im leichten Wind wehten und die sechs Flügel auf ihrem Rücken grazil gefaltet waren, kam es ihm vor, als hätte er noch nie zuvor ihre wahre Schönheit gesehen. Alles, was er vor dieser Nacht wahrgenommen hatte, war um ein vielfaches größer, wunderbarer geworden.
Beinahe bitter war die Erkenntnis, die damit einherging. Es war kein Triumph, kein Sieg über ihre Anmut und Unschuld. Sie war strahlender und herrlicher als zuvor, trotz allem. Und er war geblendet von diesem Strahlen, so wie er gleichzeitig das Wissen um seine Niederlage nur allzu tief spürte.
Sie war es, die ihn umgarnt hatte – der Schmetterling hatte den Jäger in die Falle gelockt, ohne dass er die Existenz der Falle überhaupt erahnte.
Zu bitter.
Ohne sie anzusehen, trat er neben sie an das Geländer.
'Du hättest mir sagen sollen, dass du ein Seraphim bist.'
Überrascht sah Sitael ihn an. 'Woher weißt du…'
Er unterbrach sie mit einer knappen Handbewegung in Richtung ihres Rückens.
'Deine Flügel. Warum auch immer, ich kann sie sehen. Drei Paar.'
Sie seufzte. 'Ja. Vielleicht auch, weil wir uns näher waren als kaum je ein anderes Wesen einem Seraphim. Du solltest dich geehrt fühlen.'
'Mhm.'
Aber er fühlte sich nicht geehrt. Alles, was er fühlte, war das unausgereifte Gefühl von etwas, das sich schnell in Wut verwandeln konnte.
Seraphim. Niemand stand IHM näher als jene, seine treuergebenen Diener. Niemand verehrte ihn mehr als jene, die Ewigkeiten lobpreisend um seinen Thron schwirrten. Niemand hätte den Zorn eines Dämons eher auf sich laden können als ein vollwertiger Engel.
'Du hättest es mir sagen sollen', sagte er noch einmal.
'Was hätte das geändert?'
'Einiges.'
'Ach? Ist das so?'
Einige Augenblicke sahen sie sich nur an, kräftemessend beinahe, dann lenkte Sitael ein.
'Müssen wir uns jetzt darüber unterhalten? Können wir das nicht einfach später besprechen? Sagen wir – nach dem Frühstück?' Sie lächelte, und Balthazar merkte, wie der Ärger, der sich in ihm aufgebaut hatte, mit einem Schlag verpuffte. Er hatte den Fehler bereits begangen - warum jetzt nicht einfach das Beste daraus machen?
'Frühstück, hm?' sagte er und trat etwas näher an sie heran.
'Naja, vielleicht verschieben wir das noch ein bisschen?' erwiderte sie und lächelte, als er seine Arme um sie schlang und sie an sich zog.
