Was ist das nur für ein Land?

Der Preis der Sicherheit

Die kleine Missionsstation lag friedlich da, etwas außerhalb Teherans. Es war ein harter Tg gewesen, die Missionsstation betreib eine Art Krankenhaus, um mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt zu kommen. Obwohl sie vielen Anfeindungen und auch Angriffen und Morddrohungen ausgesetzt waren, gab es auch viele Leute, die gerne kamen, weil sie sich medizinische Behandlung durch einen persischen Arzt nicht leisten konnten.

Dennoch hatten die Missionare stets Angst vor nächtlichen Übergriffen durch radikale Moslems, denen die bloße Anwesenheit christlicher Missionare ein Dorn im Auge war. Deshalb wurde die Missionsstation von einer hohen Mauer geschützt und des Nachts wurde das Tor versperrt, damit niemand eindringen konnte. Tagsüber wurde es geöffnet, um Hilfesuchende einzulassen.

Pater Markus kam gerade vom Abendgebet aus der kleinen Kapelle, als er plötzlich hörte, dass jemand heftig gegen das Tor polterte. „Wer ist da?" rief er erstaunt. War das jetzt ein Überfall oder jemand, der ganz dringend Hilfe suchte? In letztgenanntem Falle wäre er verpflichtet, das Tor zu öffnen.

„Aufmachen! Ich bin der Daroga von Mazenderan!" ertönte eine tiefe, dem Pater wohlvertraute, Stimme. Sofort schob er den schweren Riegel beiseite, um das Tor zu öffnen. Ein Besuch des Daroga war nichts ungewöhnliches, er kam öfter vorbei, wenn er wieder einmal flüchtige Verbrecher suchte, denn er wusste, dass die Missionsstation niemanden abwies, der Hilfe benötigte – auch wenn es sich um einen Verbrecher handelte. Allerdings lieferten die Missionare die Flüchtlinge aus, sofern es sich um Verbrecher und nicht um politisch Verfolgte handelte. Da aber noch nie ein wirklich wichtiger Hochverräter dort versteckt hatte, drückte der Daroga hin und wieder ein Auge zu. So war man zu einem guten Einvernehmen gekommen.

Als er jedoch das Tor öffnete, erkannte Pater Markus zu seinem Erstaunen, dass der Daroga ohne Eskorte gekommen war. Der Daroga saß auf seinem Pferd und hielt eine brennende Fackel in der Hand. Ihm folgte ein einzelner Mann auf einem großen, schwarzen Pferd. Dieser zweite Mann war in einen schwarzen Umhang gehüllt und hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Etwas ungeheuer Bedrohliches schien von ihm auszugehen, etwas dunkles, als ob er jegliches Licht der Umgebung in sich aufnehmen und verschlucken würde.

Pater Markus verschloss verwirrt das Tor und fragte den Daroga, was er denn wünsche. „Ruf alle Leute zusammen, hier im Hof! Ich muss mit euch allen sprechen", befahl er. Pater Martin beeilte sich, dem Befehl zu gehorchen.

Es war unglaublich still als die kleine Schar Ärzte und Mönche sich im Hof vor der Kapelle versammelte. Alle sahen voll düsterer Vorahnungen den Daroga an und den Mann, der hinter ihm stand. Beide waren von den Pferden gestiegen und standen ruhig da, bis auch der letzte der Missionare anwesend war.

„Ich suche einen flüchtigen Spion. Der Schah persönlich hat das Todesurteil unterzeichnet. Ich weiß, dass er sich hier versteckt. Er heißt Claudius Moir. Wo ist er?" fragte der Daroga mit befehlender Stimme.

Claudius Moir – ein Angehöriger der Missionsstation, der keine Ahnung hatte, warum er verdächtigt wurde – zuckte entsetzt zusammen, blieb aber auf einen Wink von Pater Markus still.

„Wir kennen keinen Claudius Moir", erklärte Pater Markus bestimmt. „Ich dachte mir, dass ihr diesmal Schwierigkeiten machen würdet", bemerkte der Daroga, „und so leid es mir tut, hier muss ich hart durchgreifen, wenn ihr ihn nicht ausliefert!"

Einer der Patres packte Claudius Moir und hielt ihm den Mund zu, damit er sich nicht verraten konnte. „Wir kennen keinen Claudius Moir!" beteuerte Pater Markus.

„In dem Fall muss ich die Befragung einem Spezialisten überlassen", meinte der Daroga bedauernd und winkte der dunklen Gestalt, die sich bisher in der Dunkelheit verborgen gehalten hatte, sodass es nun aussah, als würde er sich direkt aus der Schwärze der Nacht materialisieren. Die Gestalt schob die Kapuze ein wenig zurück und obwohl nun der Schein der Fackel ein wenig auf ihr Gesicht fiel, blieb es schwarz und unsichtbar. Aber aus dieser Schwärze heraus leuchteten zwei Augen wie glühende Kohlen, glühender Hass schien wie Funken aus diesen Augen hervorzusprühen als ob in seinem Inneren ein Feuer lodern würde.

Er sagte gar nichts, sondern packte völlig willkürlich einen der Anwesenden und hielt ihm ein Messer an die Kehle. „Ich werde ihn nicht töten, ich werde ihm nur die Augen ausstechen, die Zunge abschneiden und die Hände und Füße wegbrennen, es sei denn, ihr sagt mir sofort, wo Claudius Moir ist!" drohte die dunkle Gestalt, mit einer leisen Stimme, doch ihr Flüstern brannte in den Köpfen der Zuhörer, hallte wieder in jedem Winkel der Seele, lauter als Trompetenklang.

Nun erschien es den Patres, als wäre der Teufel persönlich gekommen, um sie zu holen. Dennoch blieben sie stehen, ja diejenigen, die neben Claudius Moir standen, stießen ihn zu Boden und warfen eine Decke über ihn, damit er ja keine Chance hatte, sich zu verraten.

„Nicht? Nun gut, dann fange ich an!" sagte die Gestalt mit einer honigsüßen Stimme, die alle Staunen machte, wie denn ein Dämon so eine engelsgleiche Stimme haben könnte. Nun fielen ihnen die Geschichten über den Magier am Hofe des Schah ein, die sie als Aberglauben des ungebildeten Volkes abgetan hatten. Vielleicht gab es ihn ja doch, den Lehrling des Teufels, der seinem Herrn und Meister Menschenopfer darbrachte, der die Kunst der Folter perfektioniert hatte und dessen bloßer Anblick genügte, um Menschen in den Wahnsinn zu treiben.

„Nicht! Ich bin Claudius Moir!" rief Pater Markus. „Nein, ich bin es!" rief einer der Ärzte. Nun begannen plötzlich alle zu schreien, sie wären der Gesuchte, sodass niemand darauf achten konnte, als er echte Claudius Moir sich vorzudrängen versuchte und schrie: „Lasst sie in Frieden! Mich sucht ihr!"

„Wenn das so ist, werde ich euch alle hinrichten müssen." Wieder musste der furchteinflössende Mann seine Stimme nicht erheben, um den Lärm zu übertönen. Sie alle hörten ihn, als käme seine Stimme direkt aus ihren eigenen Schädeln.

„Wir alle würden eher sterben als einen von uns auszuliefern!" sagte Pater Markus bestimmt, „nicht einmal du kannst dir Foltern ausdenken, die schlimm genug sind, um uns dazu zu zwingen!" Inzwischen hielten drei Männer Claudius fest und ein vierter war gerade dabei, ihn zu knebeln, damit er sich nicht verraten konnte.

Da ließ der schwarze Magier seine Geisel los und sagte mit einem freundlichen Ton, in dem man das Lächeln unter seiner schwarzen Samtmaske hören konnte: „Das wollte ich wissen. Mein lieber Daroga, du hast nicht übertrieben, was Mut und Loyalität dieser Männer angeht. Nun würde ich gern mit euch reden."

Die Angehörigen der Missionsstation waren zu verblüfft um zu reagieren. Nadir erklärte die Situation: „Das war ein Test, ob wir euch jemand anvertrauen können, der dringend in Sicherheit gebracht werden muss. Ihr habt ihn großartig bestanden, ich glaube, sogar Erik ist jetzt von eurer Redlichkeit überzeugt."

„Ja, ich denke, ich kann es wagen", sagte der Angesprochene, machte aber keine Anstalten, die Kapuze oder die Maske abzunehmen.

Alle saßen im Speisesaal und tranken Tee, als Erik erklärte, dass eine junge Frau ungerechter Weise vom Schah verfolgt würde und das Land sofort verlassen müsste. Pater Markus meinte, das ließe sich organisieren. In dieser Missionsstation arbeiteten Nonnen als Krankenschwestern, die junge Frau könnte als Nonne verkleidet und nach Italien geschmuggelt werden. Dort könnte sie in einem Kloster versteckt bleiben, unter einem neuen Namen natürlich.

Erik war der Gedanke, Aisha in ein Kloster zu stecken, zuwider, aber im Augenblick gab es keine andere Möglichkeit, für ihre Sicherheit. Aisha wäre heillos überfordert, sich allein in einem fremden Land durchschlagen zu müssen. „Unter einer Bedingung", sagte er, „Dass sie das Kloster jederzeit verlassen kann, wenn sie dies wünscht. Keine Bekehrungsversuche! Wenn sie eure Lehren freiwillig annehmen will, gut, wenn sie bei ihrem Glauben bleiben will, gut, wenn sie Atheistin werden will, auch gut – ihr mischt euch da nicht ein, versprecht mir das!" forderte er, obwohl er nicht glaubte, dass diese Männer und Frauen sich daran halten würden.

Am nächsten Tag ging Erik, um mit Aisha zu sprechen. Er kämpfte gegen den dumpfen Schmerz in seiner Brust und die Tränen, die in seinen Augen brannten.

Aisha sprang auf, als er das Zimmer betrat und begrüßte ihn freudig. Erik nahm ihre Hände und sagte: „Aisha, ich muss mit dir reden, bitte setz dich." Die junge Frau setzte sich neben ihn auf den Diwan und fragte erstaunt: „Was bekümmert Sie so, mein Herr?"

„Aisha, mein Liebling, die Khanum will deinen Tod. Du musst fliehen, du musst das Land verlassen. Ich habe alles vorbereitet. Du wirst als Nonne verkleidet nach Italien gebracht. Dort wird man sich gut um dich kümmern. Ich werde dir Juwelen und Schmuck mitgeben, den kannst du dort verkaufen und ein bescheidenes, aber angenehmes Leben in Europa führen, sicher vor dem Zugriff der Khanum."

„Aber Herr, Sie schicken mich fort?" fragte Aisha erschrocken, „Aber warum denn? Gefalle ich Ihnen nicht mehr?" „Aisha, mein Liebes, du gefällst mir besser denn je, Aisha, ich würde ja so gern mit dir gehen, aber es geht nicht. Versteh doch, mon trésor , die Khanum will deinen Tod, es ist die einzige Möglichkeit, dich zu retten. Wenn ich mit dir gehe, bist du in großer Gefahr, weil man mich dann suchen wird. Gehst du allein, denken alle, ich hätte dich getötet und niemand wird dich suchen. Du bist in Sicherheit und du wirst frei sein. Frei, Aisha, frei zu tun und zu lassen was immer du willst, verstehst du?" Eriks Stimme zitterte. Er versuchte aufmunternd zu sprechen, aber es gelang ihm einfach nicht. Es war, als müsste er einen Teil von sich selbst fortschicken.

„Ich könnte es nicht ertragen, wenn dir etwas zustoßen würde", gestand er leise.

„Ja, ich verstehe, Erik", sagte Aisha mit einem Ernst, den Erik nicht von ihr erwartet hätte.

„Aber tu mir einen Gefallen, Erik, ich bitte dich", bat sie ruhig und bestimmt, „ich will etwas von dir mitnehmen." „Alles, was immer du willst!" rief der maskierte Mann.

„Nein, lass mich ausreden, bitte. Es geht mir nicht um Juwelen, Schmuck oder Kleider. Ich will etwas sehr viel Wertvolleres mitnehmen. Ich will ein Kind von dir."

Erik traute seinen Ohren nicht. „Was willst du? Aber du… das geht nicht!" „Warum geht es nicht?" rief Aisha und plötzlich begann sie zu weinen, „Ich will ein Kind, bitte, ich will mein Baby! Ich weiß, dass es furchtbare Schmerzen bedeutet, aber das ist es mir wert. Wirklich. Bitte, Erik, ich will mein Baby!"

Im ersten Moment wusste Erik nicht, wie er darauf reagieren sollte. Obwohl er wusste, dass dies wahrscheinlich die einzige Chance seines Lebens war, eine Frau zu haben, sagte ihm sein Verstand, dass sie ihn unmöglich begehren konnte, dass es für Aisha eine Qual wäre, sie schon genug gelitten hatte und er ihr nicht noch mehr Scherzen zufügen durfte. Er durfte es einfach nicht. Dann nahm er die schluchzende Aisha in die Arme und sagte: „Ich verstehe, mein Liebling, du willst dein verstorbenes Kind wieder haben. Aber ein neues Baby ist keine Lösung, es wird den Schmerz über den Verlust nicht auslöschen. Und noch etwas, meine Liebe, ich befürchte, dass, sollte ich je ein Kind haben, dieses so aussehen wird wie ich. Und das will ich nicht, das kann ich einfach nicht riskieren, verstehst du mich?"

Aisha nickte schluchzend: „Ja, das verstehe ich."

Erik und Nadir brachten Aisha ein paar Tage später zu der Missionsstation. Drei Nonnen und ein Pater standen zur Abreise bereit, sie würden auf dem Landweg in die Türkei reisen und von dort mit dem Schiff nach Italien zurückkehren. Aisha wurde als Nonne verkleidet und ging mit den anderen davon.

Plötzlich blieb sie stehen, lief zu Erik zurück und gab ihm ein kleines Stück Seide. Erik erkannte, dass sie aus einem ihrer Schleier eine Maske für ihn genäht und kunstvoll bestickt hatte. „Ich danke dir für alles", sagte sie mit Tränen in den Augen. Dann lief sie den anderen nach und sie verschwanden hinter einem Hügel.

Nadir sah, dass Eriks Schultern zuckten und er die Seidenmaske, die Aisha ihm geschenkt hatte, an die Brust drückte.

„Warum hast du es nicht getan, Erik? Sie wollte es wirklich", fragte der Daroga nachdenklich. „Nein, sie wollte es nicht. Sie wollte ihr ermordetes Kind wieder zum Leben erwecken. Es wäre falsch von mir, ihre Trauer auszunutzen. Es wäre falsch gewesen. Sie glaubt, dass sie mir zu Dank verpflichtet ist, aber sie liebt mich nicht. Es wäre falsch gewesen."

Erik sollte niemals erfahren, dass er sich irrte, denn er sollte Aisha niemals wieder sehen.

ENDE

So, hier ist endlich das lang erwartete letzte Kapitel meiner Geschichte. Ich erbitte Eure Verzeihung, dass ich Euch so lange auf die Folter gespannt habe.

Bitte schreibt mir Reviews, denn je mehr ich jetzt bekomme, desto eher kann ich mich aufraffen, noch eine meiner Geschichten zu veröffentlichen…