Kapitel 3: Von Unfairen Tricks und zuviel Temperament

Er hatte das Gefühl gerade erst eingeschlafen zu sein, als er leise Geräusche aus dem Hauptzimmer des Talans hörte. Er fing an zu fokussieren, und ein kurzer Blick aus dem Fenster seines Schlafgemaches sagte ihm, dass die Sonne gerade erst aufging.

Man konnte zwar nicht behaupten, dass er ein Langschläfer war, doch nach dem ereignisreichen Tag gestern hatte er gehofft, ein wenig länger schlafen zu können.

Wieder ertönte ein leises Rumpeln und nun gab Erestor den Versuch auf zu schlafen. Müde und verschlafen tapste er aus seinem Schlafgemach in den Hauptteil des Talans, in dem seine Tochter bereits völlig bekleidet, in Tunika und passender Hose, stand und ihr Schwert gerade umschnallte.

„Guten Morgen! Was hast du vor?"

Aníril war an diesem Morgen bereits vor dem Morgendämmern erwacht und aufgestanden. Nervös hatte sie sich angekleidet, mit den Gedanken immer bei dem bevorstehenden Kampf. Sie wollte es sich nicht wirklich eingestehen, doch manchmal verfluchte sie sich selbst für ihre unüberlegten Worte. Ihre Augen huschten durch die Dunkelheit, als sie mit zitternden Fingern ihr Schwert hoch hob und im selben Augenblick die Stimme ihres Vaters vernahm.

„Adar!" Erschrocken fuhr die Elbenmaid herum und sah den verschlafenen Erestor, dessen Haare zerzaust und strubbelig waren. Aníril musste ein Glucksen unterdrücken.

„Ich... ich bin zum Übungskampf mit den Zwillingen, Orophin und Rumil eingeladen", erklärte Aníril und hielt sich eine Hand vor den Mund, aus dem man leise kichernde Geräusche vernahm.

Erstaunt zog Erestor seine Augenbrauen hoch. Nun war er vollkommen wach.

„Wie bist du denn in diesen Schlamassel geraten?", fragte er lachend. „Nein, warte, ich werde mich schnell ankleiden und dich begleiten. Sofern du nichts dagegen hast?"

Erestor eilte schnell zurück in sein Schlafgemach, sprang regelrecht in eine weiche Hose mit passendem Oberteil, und noch bevor seine Tochter überhaupt antworten konnte stand er vor ihr. Er hatte sein Schwert gegürtet und war nun dabei, seine sonst immer ungebundenen Haare in Kriegerzöpfe einzuflechten.

Aníril sah ihren Vater entsetzt an. Das hatte sie noch weniger eingeplant und ihr Magen zog sich zusammen, wenn sie daran dachte, dass er wohl auch Zeuge ihrer Blamage werden würde. Und es würde zweifelsohne eine werden, wusste die Elbenmaid. Ein wenig verzweifelt tat sie es ihm gleich und flocht ihr Haar ebenfalls zu einem Zopf, damit es ihr nicht störend ins Gesicht fiel, doch ihre Hände zitterten mittlerweile immer heftiger. Aníril war sich nicht einmal im Klaren darüber, warum eigentlich. Die Elbenmaid hatte das Gefühl sich in ihre Nervosität hinein zu steigern, und sie wusste nicht, wie sie diese bewältigen sollte. Aníril hätte sich in diesem Moment selbst ohrfeigen können.

Natürlich beobachtete Erestor ihren inneren Kampf. Beinahe etwas mitleidig trat er hinter sie und begann ihr die Arbeit des Flechtens abzunehmen.

„Du schaffst es auch immer wieder, dich in die unmöglichsten Situationen zu bringen. Aber wenn du dich schon blamieren wirst, werde ich mich heldenhaft mitblamieren."

Er sprach diese Worte voller Hoffnung, und versuchte seine Tochter ein wenig abzulenken.

„Ich werde dich unterstützen, auch wenn es einige Zeit her ist, dass ich das letzte Mal ein Schwert führte, so werde ich doch nicht alles vergessen haben."

Aníril drehte sich um und umarmte ihren Vater.

 „Danke Adar", sagte sie und spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Wieder einmal hatte Erestor ihr gezeigt, wie sehr sie sich auf ihn verlassen konnte. Aníril trat zurück und wischte sich  mit dem Handrücken verstohlen die Träne von der Wange.

„Ich weiß auch nicht, wie ich es schaffte, Elrohir darum zu bitten, mit ihnen kämpfen zu können. Es kam einfach über mich und jetzt muss ich mit der Blamage leben", versuchte sie zu scherzen und trat an den Rand des Talans.

Ihr Vater kicherte in sich hinein. Dies würde ein wahrlich interessanter Vormittag werden.

„Ich hoffe nur, Glorfindel wird nicht anwesend sein", meinte er, als sie die Strickleiter hinunterkletterten. „Sonst wird er mich wieder für die nächsten Jahrzehnte damit aufziehen. Ich kann ihn jetzt schon hören, wie er mich fragt, ob ich nicht etwas zu alt für solche Späße wäre, oder nicht vielleicht erst einmal mit den jungen Rekruten üben möchte."

Gespielt verzweifelt schüttelte er den Kopf, und blieb wie angewurzelt stehen, als sie auf dem Platz ankamen.

„Oh mächtige Valar, warum tut ihr mir das an? Warum lasst ihr meine schlimmsten Alpträume wahr werden?" Völlig zerknirscht betrachtete er den blonden Krieger, der sich gerade mit den beiden Zwillingspaaren unterhielt.

„Noch haben sie uns nicht gesehen. Sollen wir noch einen Fluchtversuch wagen? Innerhalb kürzester Zeit hätten wir dir Grenzen Lothlóriens hinter uns." 

Anírils Nervosität wich mit einem Schlag, als sie Glorfindel sah und wusste, dass es ihren Vater anscheinend noch schlimmer treffen würde als sie.

„Ada, wahrscheinlich haben sie uns schon längst bemerkt und du willst doch nicht wirklich, dass Glorfindel denkt, du würdest dich vor einem Übungskampfe drücken", zog sie ihn neckend auf und dachte daran, dass man von ihr wenigstens nicht erwartete, es mit den erfahrenen Kämpfern aufzunehmen. Um ihren Vater stand es da ganz anders. Sie sah, wie Erestor gespielt verschreckt schluckte, und im nächsten Moment wurden sie bereits von den anwesenden Elben bemerkt.

Mit einem breiten Grinsen kam Glorfindel auf die beiden zu, dicht gefolgt von den Zwillingen und Rumil und Orophin.

„Dachte ich es mir doch. Erestor, du bist einfach zu leicht zu durchschauen. Aber es wird sicherlich erheiternd werden. Ich hoffe, du gönnst es mir, einmal mit dir die Klingen zu kreuzen."

Erestor blickte auf den großen Elben und schluckte, doch sehr schnell zeigte sich ein Lächeln auf seinen Zügen.

„Dir würde ich doch nichts verweigern, alter Freund. Auch wenn ich diesmal sehr sicher bin, wie dieser Kampf ausgehen wird, so bitte ich dich doch, niemals zu vergessen, wie sie in Gondolin ausgingen."

Schamesröte überzog Glorfindels Wangen und er wandte sich schnell ab. Erestor grinste in sich hinein. Nicht einmal seiner Tochter hatte er je davon erzählt, aber als er noch in Gondolin gelebt hatte, war er Glorfindel durchaus ebenbürtig, wenn nicht, an guten Tagen zumindest, sogar überlegen gewesen. Nur hatte der Fall zu tiefe Narben auf seiner Seele hinterlassen, sodass er einfach kein Glück mehr daran gefunden hatte. Zudem erfüllten seine jetzigen Aufgaben ihn mit tiefer Freude.

„Nun, Kleines, ich denke, ich muss einmal zeigen, an was ich mich noch erinnere."

„Mach das, Ada", lachte Aníril und drückte ihrem Vater einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Zeig uns, was es heißt, ein furchtloser Kämpfer zu sein."

Die dunkelhaarige Elbenmaid kicherte in sich hinein, als sie den Gesichtsausdruck ihres Vaters bemerkte und Glorfindels amüsiertes Schmunzeln sah.

„Erestor, vergesse nicht, dass dies nun schon lange zurück liegt", erwiderte Glorfindel, der sich wieder gefasst hatte und Aníril mit einem Blick betrachtete bevor er fortfuhr: „Möglicherweise kann dich sogar deine Tochter besiegen."

In den Augen des blonden Elben blitzte es schelmisch auf, als er sein Schwert zog und eine kleine Verbeugung andeutete. „Bist du bereit, Erestor?"

Aníril sah den verzweifelten Ausdruck im Gesicht ihres Vaters und lachte ihn liebevoll an. „Nun geh schon, Ada! Schließlich wolltest du mich unbedingt begleiten."

Schweren Herzens zog er sein Schwert und stellte sich Glorfindel gegenüber. Lange schlichen sie nur um einander herum, wie zwei Katzen. Völlig lautlos, in kompletter Beherrschung ihrer Körper. Ein wenig bedauerte Erestor, dass gleich, wenn einer von beiden angreifen würde, eines seiner wenigen Geheimnisse gelüftet werden würde, doch er wollte es Glorfindel so schwer wie möglich machen. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, als er seine erste Attacke ausführte.

Alle Anwesenden betrachteten gebannt die beiden älteren Elben, wie sie einander umkreisten. Elrohir fragte sich schon, ob sie denn nie anfangen würden, bis sie plötzlich sahen wie Erestor anfing zu lächeln, und schneller als jeder es für möglich gehalten hatte angriff.

„Ich hätte nicht erwartet, dass Erestor…" Elladan verstummte genau so schnell wieder wie er angefangen hatte zu sprechen.

Alle blickten sie verwundert auf die beiden Kämpfenden, oder besser gesagt auf Erestor, welcher mit schnellen Attacken auf Glorfindel einschlug und diesen sogar in die Defensive drängte.

Doch bald hatte Glorfindel seinen Rhythmus gefunden und nun war es an Erestor zurückzuweichen. Doch er schien nicht aufgeben zu wollen. Schneller als Elrohir es ihm zugetraut hätte war er um Glorfindel herumgewirbelt und hielt ihm nun das Schwert an die Kehle, woraufhin Glorfindel sich kurz bewegte und Erestor plötzlich auf dem Boden lag und der Blonde über ihm kniete, jedoch entwaffnet und mit Erestors Dolch über seinem Herzen.

Beide blickten einander an, und brachen dann in Gelächter aus, was die umstehenden Elben verwirrt die Stirn runzeln ließ.

„Du fällst immer noch auf den alten Trick herein, Glorfindel", lachte Erestor, während er sich von Glorfindel aufhelfen ließ.

„Und wie oft soll ich dir noch sagen, dass, wenn ich ein Ork gewesen wäre, du jetzt unter mir begraben liegen würdest und der nächste dich leicht abschlachten könnte", antwortete der Blonde.

„Du siehst nur wahrlich nicht aus wie ein Ork, Glorfindel", ließ Aníril vernehmen, die nun neben ihrem Vater stand und den beiden Kämpfern zulächelte.

„Und darüber bin sicherlich nicht nur ich froh", fügte sie spitzbübisch hinzu und betrachtete ihren Vater, dessen Haar mittlerweile wieder reichlich verzaust vom Kampf war.

„Es wäre ein Verlust gewesen", gab Glorfindel lachend zu und klopfte Erestor freundschaftlich auf die Schulter.

Währenddessen waren auch die Zwillinge heran getreten.

„Obwohl ich nicht bezweifle, dass Erestor fähig ist auch einen Ork zu schlagen", bemerkte Elladan und sah seinen Bruder herausfordernd an. „Wollen wir nun einen Kampf wagen?"

Elrohir schüttelte jedoch den Kopf.

„Erst einmal wird sich Aníril beweisen müssen."

Die Angesprochene sah, wie ihm bei seinen Worten der Schalk aus den Augen sprang und das mulmige Gefühl breitete sich wieder in ihrem ganzen Körper aus.

„Wenn du es wünschst, Elrohir", erwiderte sie und ihre Stimme zitterte kaum merklich.

Ein amüsiertes Grinsen zog über Elrohirs Gesicht, er liebte es, Aníril zu ärgern.

„Nun, wenn du auch nur halb so gut kämpfst wie dein Vater, würde es mir schon einige Mühe machen, dich zu besiegen. Auch wenn es mich sehr verwundert, dass er so gut ist. Doch genug des Geredes."

Nun zog er sein Schwert und ging einige Schritte hinaus auf den Platz und wartete.

Erestor beobachtete alles stirnrunzelnd. Er bemerkte, dass Elrohir etwas im Schilde führte, doch konnte er nicht sagen, was es war. Glorfindel, der hinter ihm stand, legte ihm die Hand auf die Schulter, was Erestor dazu veranlasste, kurz zusammen zu zucken. Schnell hatte der Blonde seine Hand wieder zurück gezogen.

„Es verspricht wahrlich interessant zu werden, doch frage ich mich, was Elrohir denkt."

Aníril dachte dasselbe. Misstrauisch sah sie den dunkelhaarigen Elben an, der sie in der Mitte des Platzes erwartete. Sie kannte Elrohir schon zu lange um zu wissen, dass er etwas plante, doch was dies war blieb ihr verschlossen. Die Elbenmaid schloss die Augen und atmete einmal tief ein und aus, bevor sie sich Mut zusprach und ihr Schwert zog. Es war ein gutes Schwert, das in Rivendell geschmiedet worden war und einst ihrer Mutter gehört hatte.

Aníril folgte Elrohir auf den Platz, der Knauf des Schwertes lag sicher in ihrer Hand. Abwartend fixierte sie den Elben, der vor ihr stand.

Elrohir regte keinen Muskel, völlig ruhig und gelassen stand er vor ihr. Doch nicht lange, schon kurz nachdem sie einen sicheren Stand gefunden hatte erfolgte der erste Angriff. Schnell übernahmen ihre Reflexe die Kontrolle und sie wehrte die ersten Schwertstreiche ab. Zu ihrem Ärger spürte sie, dass Elrohir nur mit ihr spielte, sie herauslocken wollte, und schnell ging sie zum Gegenangriff über. Kurz hoben sich seine Augenbrauen überrascht und er kämpfte kurz um die Kontrolle.

Schwert traf auf Schwert und es klirrte über der Lichtung, als die beiden Elben einander attackierten.

Doch plötzlich ging eine Veränderung in Elrohir vor, unvorsichtig verließ er seine eigene Deckung und trat so nahe auf sie zu, dass auch sie ihr Schwert nicht mehr verwenden konnte. Und bevor sie reagieren konnte, fuhr er mit seiner Zunge über ihre Ohrspitze und begann sie zu kitzeln. 

Aníril war erschrocken zurückgefahren, als Elrohir ihr so nahe gekommen war, und ein Schauer lief über ihren Rücken. Als er nun anfing sie durchzukitzeln, japste sie nach Luft und begann zu kichern. Anscheinend kannte jeder ihren wunden Punkt, denn ihr traten die Lachtränen in die Augen und sie vermochte sich nicht weiter gegen Elrohirs Attacke zu wehren.

„Das ist nicht fair", stieß sie hervor, doch der dunkelhaarige Elb dachte gar nicht daran, von der Elbenmaid abzulassen. In ihrem Versuch auszuweichen trat Aníril zurück, stolperte und fiel rücklings zu Boden.

Elrohir wäre ihr wohl noch hinterher geeilt, als Erestor beschloss, dass es Zeit war, einzuschreiten.

„Es reicht."

Mehr sagte er nicht, aber mehr war auch nicht nötig. Seine Stimme hatte einen Klang angenommen, den bisher nur Glorfindel von ihm kannte, ein Klang, der keinen Widerspruch duldete. Und so ließ Elrohir lachend von Aníril ab.

„Nun, junger Elb, meinst du nicht, dies ist ein wenig unfair?" Strafend blickte Erestor auf Elronds jüngeren Sohn, doch zu dessen Glück mischte sich Glorfindel ein:

„Aber das, was du mit mir gemacht hast, war fair?"

Kalt blickte Erestor Glorfindel an, der daraufhin sichtlich erbleichte. Er hasste es, den engsten Berater Elronds, der gleichzeitig sein bester Diplomat war, zu verärgern, und wieder einmal hatte er es geschafft.

„Nun, Glorfindel, was kann ich dafür, dass du zu langsam bist?"

Glorfindel sah ihn mit merkwürdigem Gesichtsausdruck an und seine Mundwinkel zuckten verärgert, jedoch sagte der blonde Elb nichts.

Aníril hatte das Gefühl, das Knistern zu hören, was in der Luft lag. Schnell rappelte sie sich auf und rieb sich kurz die schmerzende Kehrseite.

„Nun ist aber genug!", schimpfte die Elbenmaid. „Eben konntet ihr selbst noch darüber lachen und nun seht ihr euch an wie eingeschnappte kleine Kinder. Man sollte nicht meinen, wie lange ihr nun schon in Mittelerde weilt, wenn man euch so sieht! Bei den Valar, jetzt benehmt euch endlich wieder normal! Adar!"

Ein wenig wütend und gleichzeitig flehend blickte sie von einem zum anderen. Die Zwillinge hatten ihrer Rede amüsiert zugehört und Erestor und Glorfindel schienen ernsthaft zu überlegen.

„Kleines, lass zwei alte Elben einander doch necken. Wir kennen einander lange genug um zu wissen, wie der andere etwas meint", erklärte Erestor und Glorfindel nickte zustimmend.

„Wer schon seit sechstausend Jahren befreundet ist…"

„So lange schon? Und noch bin ich nicht dem Wahnsinn verfallen?"

Glorfindel grummelte vor sich hin und Erestor lächelte ihn an. Wenn man ganz genau hingeschaut hätte, hätte man etwas in seinem Blick gesehen, das den Betrachter sicherlich überrascht hätte. Doch zum Glück bemerkte Glorfindel den Blick nicht, und auch die beiden Zwillingspaare waren mit etwas anderem beschäftigt. Gerade begannen sie Aufstellung zu beziehen und schon nach kürzester Zeit waren die vier in einen schnellen und heftigen Kampf verstrickt.

Aníril sah weiterhin kopfschüttelnd zu. Manchmal hatte sie das Gefühl, einige Züge an ihrem Vater doch nicht so gut zu kennen, wie sie gedacht hatte. Und auch Glorfindel und die Zwillinge waren in ihren Gedanken und Absichten undurchschaubar.

Auch diesmal lieferten die Bruderpaare sich einen harten Kampf, der durch blitzschnelle, geschmeidige Bewegungen geprägt war. Die Sonne glitzerte und funkelte auf den blanken Klingen der Schwerter und die Elben warfen in ihrem schönen und gefährlichen Tanz zuckende Schatten auf den Boden.

Sie schenkten sich gegenseitig nichts. Der eine war fast so gut wie der andere und es dauerte eine halbe Ewigkeit, wie es Aníril erschien, bis der erste entwaffnet wurde. Elrohirs Waffe flog in hohem Bogen durch die Luft und landete haarscharf vor Anírils Füßen.

Rumil grinste breit, er hatte sein Schwert an Elrohirs Kehle, während Orophin sich weiterhin mit Elladan duellierte. Doch Elladan hatte dies aus dem Augenwinkel gesehen und innerhalb kürzester Zeit hatte er die beiden lothlórischen Zwillinge entwaffnet.

„Nehmt es mir nicht übel, aber ich kann doch nicht zulassen, dass jemand meinem kleinen Bruder etwas tut."

Elrohir lächelte seinen Bruder dankbar an und ging dann in Richtung der wartenden drei Elben, da er sein Schwert holen wollte.

„Wenn du vor hast mir etwas anzutun, könntest du mich wenigstens vorher warnen", sagte Aníril zu dem sich bückenden Elben. Als das Schwert so nah zu ihr geflogen war, hatte sie beinahe einen erschrockenen Luftsprung gemacht. Nun klopfte ihr das Herz bis zum Halse und nur mit Mühe bekam sie ihre Atmung wieder unter Kontrolle, die augenblicklich in die Höhe geschnellt war.

Elladan sah von weitem zu und lachte, während es in Elrohirs Augen blitzte, als er in Anírils gespielt empörtes Gesicht blickte.

Elrohir war es dennoch unangenehm und wünschte sich ein Loch, in das er sich verkriechen konnte.

„Nun, weißt du, würde ich dich vorher warnen, wäre es doch viel weniger spannend oder?"

Seine Augen blitzen und er warf einen kurzen Blick zurück über die Schulter, noch immer vor ihr kniend. Fachmännisch blickte er über sein Schwert, als er plötzlich aufsprang.

„Rumil, kann es sein, dass ich dich erwischt habe? Es ist ein wenig Blut an der Klinge", rief er in Richtung des blonden Galadhrim.

Der Elb blickte bei Elrohirs Aufruf kurz an sich herunter und schüttelte den Kopf.

„Mich hast du nicht erwischt, Elrohir, das wünschst du dir wohl", erklärte Rumil laut und Elrohir wünschte sich gleich ein ganzes Dutzend Mauselöcher. Warum mussten Elladan und die Brüder Haldirs ihm immer so genau zeigen, dass er zwar gut war, es aber mit ihnen dann doch nicht aufnehmen konnte? Irgendwie konnte er nun doch nachvollziehen, wie sich Aníril bei ihrem Übungskampf wohl gefühlt hatte.

Doch verstand er nicht, woher das Blut an seiner Schwertspitze stammte. Es war schon leicht angetrocknet, aber noch frisch genug, dass es nicht von gestern war. Und von ihm selbst sicherlich auch nicht.

Fragend blickte er in Anírils Gesicht, die ihn jedoch nur verwirrt ansah. Sein Blick glitt tiefer an ihr herab und blieb an ihrem Handgelenk haften. Eine kleine Blutspur lief daran entlang, sie schien von der Außenseite des Unterarms zu kommen.

„Verzeih… das wollte ich nicht… ich…", stammelte er und sah entsetzt auf das winzige Rinnsaal. Von allen Frauen hatte er ausgerechnet die eine verletzt, der er nie etwas tun wollte.

Aníril bemerkte erst in diesem Moment das leichte Stechen, was sich in ihrem Unterarm ausbreitete. Sie folgte Elrohirs Blick und sah ebenfalls das Blut, das ihr Handgelenk hinab tropfte. Schnell schob sie den Ärmel ihres Gewandes hoch und entdeckte die schmale Schnittwunde, die sich über die Haut zog. Fachmännisch begutachtete sie diese und schob dann den Ärmel wieder zurück.

„Das ist nicht schlimm, Elrohir", erklärte sie und sah den Elben lächelnd an, doch dieser fand das gar nicht so beruhigend.

Erestor hatte die ganze Angelegenheit beobachtet und schritt nun auf seine Tochter zu, während Glorfindel Elrohirs Stelle eingenommen hatte und nun den Galadhrimzwillingen zeigte, was ein wahrer Krieger war. 

„Elrohir, mach dir nichts daraus, schau her, Glorfindel hat mich auch erwischt." Lachend zeigte er seiner Tochter und Elronds Sohn einen kleinen Riss in der Hose, aus dem ein wenig Blut hervorsickerte.

„Es passiert ja immer wieder, zumindest wenn man keine Übungsschwerter benutzt. Diese haben leider den Nachteil, dass man am nächsten Tag kaum laufen kann, weil der ganze Körper blau ist. Zumindest mir erging es so in Ecthelions Einheit."

Er zuckte die Schultern und schenkte Elrohir ein verwirrendes Lächeln, während er kurz die Schulter seiner Tochter drückte.

„Soll ich etwa froh sein, dass wir keine Übungsschwerter benutzt haben?", fragte Aníril blinzelnd. Sie war froh darüber, dass nicht nur sie eine kleine Verletzung davon getragen hatte. Zudem war sie recht verblüfft über Elrohirs Reaktion gewesen, doch sie wollte nicht weiter darüber nachgrübeln.

Die Elbenmaid blickte in das Gesicht ihres Vaters und lachte kurz auf.

„Du brauchst nicht antworten, Ada! Mit Übungsschwertern wäre ich nun wahrscheinlich so grün und blau, dass ich heute Abend nicht einmal mehr sitzen könnte. Denn dann hätte Elrohir sich sicherlich nicht so zurück gehalten", erklärte Aníril dann frech.

Erestor grinste bei dem Gedanken. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie zwar vor allen anderen nicht zugeben würde, dass sie etwas schmerzte, sollte sie aber jemals so grün und blau sein, würde sie ihm stundenlang etwas vorjammern. Aber er selbst war ja auch nicht besser.

Elrohir hingegen konnte nicht darüber grinsen, er war noch immer leicht errötet und schämte sich dafür, so wenig Kontrolle darüber zu haben, wie er ein Schwert führte.

„Oh, es wäre ganz darauf angekommen, wie gut du gewesen wärst. Hätte ich bemerkt, dass ich dich sehr schnell hätte entwaffnen können, so hätte ich mich sehr wohl zurückgehalten. Es ist langweilig, direkt zu gewinnen." Dabei funkelte in seinen Augen der Schalk. 

Aníril sah den Elben verdutzt an.

 „Was möchtest du damit sagen, Elrohir? Dass du dich auch hier schon zurückgehalten hast?", fragte sie und blickte ein wenig beleidigt. „Und dass du mich direkt hättest entwaffnen können? Ich brauche keine Rücksichtnahme, Elrohir! Kämpfe mit mir, wie du auch mit anderen kämpfst, nur so kann ich es auch erlernen. Zudem wäre es sicherlich besser gelaufen, wenn du nicht schon wieder deine dummen Gedanken hättest ausleben müssen!"

Aníril hatte sich wiederum fast in Rage geredet. Ihre Stimme zitterte leicht und ein leicht eingeschnappter Unterton war daraus zu erkennen.

Elrohir blickte sie verwirrt an, erst verstand er ihre Worte nicht, doch langsam sickerte die Erkenntnis in seinen Geist. Ein kurzer Seitenblick auf Erestor zeigte ihm, dass auch dieser verstanden hatte, und auch genau wusste, wie er antworten würde.

„Wäre ich nicht auf diese dummen Gedanken gekommen, hätte ich dich in diesem Moment entwaffnet. Du hattest eine unübersehbare Lücke in deiner Verteidigung. Vorher nicht, versteh mich nicht falsch. Ich habe wirklich warten müssen, bis du dir eine Blöße gibst."

Flehentlich blickte er sie an und hoffte, sie würde ihm glauben, da dies ja der Wahrheit entsprach.

„Dies mag sein, aber es ist trotzdem unübersehbar, dass sich manche Elben, die hier stehen, sich trotzdem noch liebend gerne wie Kinder benehmen", ereiferte Aníril sich, die schon längst nicht mehr so genau wusste, was sie eigentlich sprach. „Ja, ich habe Lücken in meiner Verteidigung und bin sicherlich nicht so perfekt wie ihr, aber wenigstens gehe ich nicht mitten im Kampf auf einen Ork los, um ihn zu Tode zu kitzeln!"

Aníril stoppte in ihrer Rede und holte tief Luft. Die anderen Elben sahen sich verdutzt an, so hatte Aníril selten geredet, selbst wenn ihr Dickkopf und ihr Temperament weithin bekannt waren.

Erestor hörte überrascht, wie die Stimme seiner Tochter laut über den Platz hallte, so laut, dass sogar die anderen in ihrem Kampf innehielten und überrascht zu ihr sahen.

Elladan war der erste, der reagierte. Schnell war er an der Seite seines Bruders und legte lachend einen Arm um seine Schultern

„Nun, Aníril, ich muss schon sagen, du stellst dein eigenes Licht zu sehr unter den Scheffel, aber bitte… wenn du dich selbst als Ork ansiehst, werde ich dir da nicht widersprechen."

Nun war es an Aníril, Elladan verdutzt anzusehen. Sie musterte den Zwillingsbruder von Elrohir und sah das Blitzen in seinen Augen, doch sie war viel zu erregt um sich dessen bewusst zu werden. Hätten Blicke töten können, dann wäre der Elb wohl auf der Stelle tot umgefallen.

„Falls du es nicht verstanden hast, Elladan, ich sprach von einer wahren Kampfsituation und keinem Übungskampf. IHR könnt ja gerne versuchen Orks mit Kitzeln zu besiegen, ICH verlasse mich auf mein Schwert, selbst wenn ich nicht so gut bin wie du!"

Die Stimme der Elbenmaid war eisig geworden und ohne ein weiteres Wort zu sagen drehte Aníril sich um und ging. Ihr war nicht wirklich klar, was sie da gerade gesagt oder gemacht hatte, nur innerlich war sie so erhitzt, dass sie nicht anders gekonnt hatte. Ihr Temperament war wieder einmal mit ihr durchgegangen.

Ihr blickten fünf sehr verwirrte Elben nach, keiner konnte sich rühren. Außer Erestor, der schon hinter ihr her eilte, sich bei ihr einhakte und grinsend fragte, ob sie nicht Lust habe mit ihm eine Runde schwimmen zu gehen, vorzugsweise in kaltem Wasser.