Kapitel 4: Von Badefreuden und Beobachtungen

Auf der Wasseroberfläche des kleinen Weihers spiegelte sich das Sonnenlicht wie tausende glitzernde Perlen, die auf dem kühlen Nass auf und ab tanzten. Aníril entkleidete sich und ließ sich in das eiskalte Wasser gleiten. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als es ihren Körper umschmeichelte und über ihre Schultern wogte, doch die Kälte klärte auch ihre erhitzten Gedanken und ihr Herz begann allmählich langsamer zu klopfen.

Ein Platschen drang an Anírils Ohr und die Elbenmaid drehte sich zu ihrem Vater um, der untergetaucht war und nun hinter ihr aus den Fluten des Weihers auftauchte.

Erestor genoss das kühle Wasser, welches den Staub und Schweiß der vergangenen Stunden abwusch. Begeistert schwamm er durch das Wasser und lachte ausgelassen, als er begann seine Tochter damit zu bespritzen.

„Nun, ich hoffe, deine Gedanken haben sich ein wenig geklärt."

Aníril nickte beschämt.

„Ach Ada, du weißt doch, dass mein Temperament manchmal mit mir durchgeht". Die Elbenmaid seufzte. „Ich habe wieder überreagiert", fuhr sie dann zerknirscht fort. „Ich hoffe, die Zwillinge und auch Glorfindel nehmen mir dies nicht übel. Obwohl... so oft wie es mir passiert hätten sie mittlerweile allen Grund dazu."

Aníril verdrehte gespielt die Augen und spritze ein wenig Wasser in Richtung ihres Vaters, der jedoch blitzschnell untergetaucht war, bevor ihn auch nur ein Tropfen erreichen konnte.

Gespielt beleidigt tauchte er wieder auf.

„Also wirklich, Kleines, wie kannst du deinen armen, alten Vater nur so nass spritzen?" In seinen Augen glitzerte es gefährlich und bevor Aníril sich versah hatte er sie schon untergetaucht.

„Ich denke, ich werde mich nun ein wenig in die Sonne legen", meinte er noch und begab sich dann in Richtung der Felsen am Ufer.

Prustend und strampelnd tauchte Erestors Tochter wieder aus dem Wasser auf.

„Ada! Wer hat denn damit angefangen?", protestierte sie lautstark und wollte sich auf ihren Vater stürzen, doch der war bereits außer Reichweite und die Elbenmaid landete mit einem lauten Klatschen wieder im Wasser, das an dieser Stelle etwa hüfthoch war. Sie sah, wie sich ihr Vater auf halbem Weg zum Ufer umdrehte und sie anlachte.

„Auf, komm und leg dich zu mir in die Sonne, eine Runde dösen wäre genau das, was ich jetzt brauche, und hier sind wir im geschützten Teil des Waldes."

Ohne auf eine Antwort zu warten legte er sich auf den Bauch in die Sonne und beobachtete wie die Bäume um die Lichtung ein Schattenmuster auf den Boden warfen.

Er brauchte nicht lange zu warten, bis er spürte, wie sich seine Tochter neben ihn legte, und ihn schief angrinste, und lächelnd noch einen Schwall kalten Wasser auf seinen schon leicht angewärmten Rücken schüttete.

Mit einem sehr unelbischen Kreischen saß er sofort aufrecht, und funkelte sie böse an, als er eine Bewegung aus dem Augenwinkel bemerkte. Doch auf seinen prüfenden Blick hin sah er erst einmal gar nichts, bis ihm ein blonder Schimmer auffiel, der hinter einem Baum hervorlugte.

Er verengte seine Augen zu Schlitzen, er war sich sehr sicher um wen es sich handelte, denn nur ein Elb in Lothlórien hatte solch honigblondes Haar. Er beschloss, diesen nicht so ungestraft davon kommen zu lassen. Nur nicht jetzt, erst einmal wollte er noch die ruhige Atmosphäre genießen. So ließ er sich wieder zurücksinken in das Gras.

Aníril, die nichts bemerkt hatte, lag neben ihrem Vater im weichen Gras und blinzelte in die Sonne, die bereits hoch am Himmel stand, ihren höchsten Punkt jedoch noch nicht erreicht hatte. Das Wasser trocknete auf ihrer Haut und hinterließ eine sanfte Kühle, die vom warmen Sonnenlicht langsam verdrängt wurde.

„Ada?", fragte sie vorsichtig und erntete ein verschlafenes Brummen seitens Erestors.

„Wann plantet ihr werden wir Lórien verlassen?", fragte Aníril zaghaft und drehte sich auf den Bauch. Das weiche Gras kitzelte sanft ihren Körper und mit einem wohligen Laut ließ sie den Kopf auf den Boden sinken.

Ihr Vater warf ihr einen belustigten Blick zu, seine Augen, in denen sie die Schwärze der Nacht erkennen konnte, funkelten sie freundlich an, doch erst einmal gab er keine Antwort, sondern wendete den Blick ab und starrte eine Weile gedankenverloren vor sich hin.

„Ada?", versuchte es Aníril noch ein weiteres Mal vorsichtig.

„Es wird wohl noch eine Weile dauern. Wir hatten vor in etwa zwei Wochen hier zu bleiben."

Er zuckte mit den Schultern und lenkte das Gespräch auf andere Themen.

Der Spätsommer war ungewöhnlich warm, und Glorfindel beschloss, sich in einem der näher gelegenen Bäche abzukühlen. Gerade wollte er auf die Lichtung treten, als er aus dem Augenwinkel Elrohir bemerkte, der gebannt auf das Wasser starrte.

Er blieb stehen und folgte Elrohir Blick. Was er sah, ließ ihn erstaunt nach Luft schnappen. Er wollte seinen Augen nicht trauen, als er beobachtete, wie der sonst so zurückhaltende und ernste Erestor in dem Becken mit seiner Tochter herumalberte. Und vor allem völlig unbekleidet. Er hatte ja schon immer vermutet, dass Erestor gut aussah, aber das, was sich seinem Blick bot, übertraf seine kühnsten Erwartungen.

Langes, vom Wasser noch stärker glänzendes Haar fiel ihm bis über die Hüfte. Marmorne Haut bedeckte den schlanksten und gleichzeitig sehnigsten Körper, den er je gesehen hatte. Bilder überschwemmten seine Gedanken, wie es wohl wäre diesen Körper nah an seinem zu spüren und Hitze stieg ihm in die Wangen, als Erestor sich umdrehte und Glorfindel nun freie Sicht hatte. Ihm vielen fast die Augen aus dem Kopf, und seine Knie wurden weich.

Hätte Elrohir ihn nicht am Ellenbogen gepackt und hinter einen Baum gezogen, so wäre er wohl einfach eingeknickt.  

„Glorfindel", zischte Elrohir so leise wie möglich. Nicht auszudenken, wenn Erestor oder gar Aníril bemerkt hatten, dass sie hier standen. „Wende deinen Blick ab oder willst du, dass sie dich sehen während du sie so anstarrst?", fragte der Elb und überging dabei völlig die Tatsache, dass er es zuerst gewesen war, der Erestor und seine Tochter heimlich beobachtet hatte. Es war nicht geplant gewesen, eigentlich war er ihnen nur gefolgt um mit Aníril zu reden und sich bei ihr zu entschuldigen, doch er war zu spät gekommen. Die beiden Elben waren bereits in das kühle Wasser des Sees gestiegen und wie auch Glorfindel später, hatte der Zwilling Elladans nicht den Blick abwenden können.

Glorfindel lehnte sich an den Stamm eines Mallornbaumes und versuchte ruhig durchzuatmen, sein erhitztes Blut wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Danke Elrohir, das eben war wirklich dämlich von mir. Wer möchte schon Anírils Zorn auf sich lenken, gar nicht zu sprechen von Erestors." Er lächelte den jungen Noldo an und riskierte noch einmal einen kurzen Blick, was ihn nun endgültig in die Knie gingen ließ.

„Er ist wahrhaftig…" er konnte die Worte nicht aussprechen, doch wenn er die Augen schloss hatte er das Bild sofort vor Augen, wie Erestor so, wie Eru ihn geschaffen hatte, aus dem Becken gestiegen war.  

Elrohir hingegen drehte sich einen Augenblick später um und sah nun Aníril, die sich ihrem Vater näherte, auch nicht mehr bekleidet.

Ihre dunklen Haare glänzten nass und klebten schwer an ihrer Haut. Wasser perlte von ihren festen, kleinen Brüsten. Elrohir sah, wie sie ihren Vater sanft anlächelte, und diesmal war er es der die Elbenmaid nur noch anstarren konnte, unfähig sich zu rühren oder anderes zu tun. Als hinter ihm das leise Lachen Glorfindels ertönte, schoss dem dunkelhaarigen Elben die Schamesröte ins Gesicht und er drehte sich hastig um. Bei den Valar, er hatte sie angestarrt. Er schüttelte den Kopf um das Bild los zu werden, das er so kurz gesehen hatte, doch es war in sein Gedächtnis gebannt und seine Wangen glühten noch intensiver als zuvor, als er in Glorfindels erheitertes Gesicht blickte.

„Nun, ich denke, wir sollten von hier verschwinden, bevor wir gesehen werden, oder Elrohir? Ich für meinen Teil möchte nicht, dass Erestor etwas bemerkt."

Immer noch leicht errötet und erhitzt erhob er sich wieder. Mit eine fließenden Bewegung strich er sich die langen blonden Haare zurück und konnte nicht verhindern, dass sein Blick wieder magisch von dem Noldo angezogen wurde, der gemütlich auf der Wiese lag, sich trocknen ließ und mit seiner Tochter sprach.

„Er ist einfach wunderschön…", hauchte Glorfindel und versuchte die ungebetenen Vorstellungen abzuschütteln.

„Glorfindel", zischte Elrohir wiederum, der sich schon auf geordnetem Rückzug befand. Ein wenig rüde fasste er den blonden Elben am Arm und zog ihn mit sich fort. „Wenn du nicht bemerkt werden willst, solltest du auch mitkommen", flüsterte der Dunkelhaarige Glorfindel zu und versuchte, nicht an die Bilder zu denken, die er soeben gesehen hatte.

Erestor bemerkte, wie sein Beobachter sich wieder in den Wald zurückzog, und in seinem innersten kochte er vor Wut. Doch wollte er nicht, dass seine Tochter etwas davon mitbekam, die Rache würde allein seine Sache sein.

„Auf Aníril, ich denke, wir sollten langsam zurück, außerdem habe ich Hunger."

Seine Tochter auffordernd anlächelnd ging er zu seiner Kleidung, schlüpfte hinein und wartete.

„Warum so eilig?", fragte die Elbenmaid verwundert und blickte ihren Vater an. „Eben wolltest du unbedingt noch hier bleiben und nun?"

Sie schüttelte leicht den Kopf und ein paar verirrte Wassertropfen trafen Erestor.

„Nun gut, ich habe auch Hunger, aber dieser Moment war so schön", fügte Aníril noch hinzu. Dann begann sie sich anzukleiden und ihr nasses Haar in einen Zopf zu flechten.

„Aber sag, Ada, warum möchtest du so schnell hier fort?"

Wütend funkelte er seine Tochter an, warum musste sie ausgerechnet jetzt solch dämliche Fragen stellen? Er erschrak ob seiner eigenen Gedanken, warum schaffte es dieser blonde Balrogtöter nur immer wieder, ihn so dermaßen aus dem Gleichgewicht zu bringen? Er atmete tief ein um wieder Kontrolle über sich selbst zu bekommen. Über seine in Aufruhr befindlichen Emotionen. Kurz schloss er die Augen und überlegte, was er seiner Tochter antworten sollte. Noch wollte er ihr nichts erzählen über ihren heimlichen Beobachter, erst einmal wollte Erestor wissen, wieso Glorfindel seine Tochter beim Baden beobachtet hatte.

„Nun, die Sonne wurde mir einfach zu warm auf dem Rücken, und mein Magen hat sich sehr heftig zu Wort gemeldet. Falls du es nicht vergessen hast, habe ich heute schon gekämpft, aber noch nichts gegessen."

Diese Antwort würde ihr genügen müssen, denn mehr würde er ihr nicht sagen.

Aníril sah ihren Vater misstrauisch an. Sie kannte ihn so gut, dass ihr nun bewusst war, dass er ihr etwas verschwieg, doch sie hütete sich weiter nachzuhaken. Ihr Vater konnte genauso stur sein wie sie selbst und sie würde sich die Zähne daran ausbeißen, wenn sie versuchte ihm eine andere Antwort zu entlocken. Nur warum log er sie an? Aníril zuckte verzweifelt mit den Schultern und eilte ihrem Vater hinterher, der bereits einige Meter weit entfernt war.

„Warte doch, Ada!", rief sie und stolperte vorwärts. Kurze Zeit später ging sie neben ihm und wusste nicht, was sie noch sagen sollte. Ihr Vater war ebenfalls recht schweigsam.

Er wollte nicht reden, er wollte einfach nur seine Ruhe.

Voller Unruhe marschierte er über die Pfade zurück in die goldene Stadt. Er kochte vor Wut, doch musste er auch wieder an den vorherigen Abend denken, daran, wie Glorfindel über sein Ohr geleckt hatte. Wieder rann ihm ein Schauer über den Rücken und er schallt sich selbst einen Narren. Dieser VERDAMMTE Balrogtöter!!!, schimpfte er innerlich. Er brachte ihn einfach viel zu oft aus dem Gleichgewicht und er konnte sich nicht dagegen wehren.

In seinen Augen funkelte die unterdrückte Wut, und er wusste, dass seine Tochter mehr von dem inneren Kampf wahrnahm, als jeder andere es konnte, doch wollte er ihr nichts erklären. Nicht jetzt. Wütend trat er nach einem Stein auf seinem Weg und beobachtete, wie er einige Meter weit flog. Wie gerne hätte diesen Stein in Richtung Glorfindel getreten.

Wieder stapfte er weiter, bis er vor ihrem Talan stand und schweigend hinaufkletterte. Drinnen nahm er sich ein wenig Obst und frisches Brot und ließ sich missmutig auf einen der Stühle fallen. In diesem Moment hatte er nicht mehr viel elbische Anmut an sich.

Aníril beobachtete das Verhalten ihres Vaters mit wachsendem Unwohlsein. Er schien nicht wirklich er selbst zu sein und als er auch noch den Stein von sich weggetreten hatte… Erestor benahm sich seltsam, doch woran mochte das liegen? Aníril fragte sich, ob sie ihn mit ihren Fragen verärgert hatte. Kurz darauf verwarf sie diesen Gedanken, ihr Vater konnte ihr nie lange böse sein, genauso wie sie sich schnell beruhigte, wenn ihr Temperament wieder einmal mit ihr durchgegangen war.

Die Elbenmaid nahm um einiges eleganter als Erestor auf einem gegenüberliegenden Stuhl Platz und nahm sich ein wenig Brot. Während sie den ersten Bissen kaute, warf sie ihrem Vater immer wieder Blicke zu. Aníril spürte einen Kampf, der in seinem Innersten tobte, jedoch vermochte sie nicht zu sagen, was mit ihrem Vater los war.

Einige Momente später hörte Erestors Tochter Schritte vor ihrem Talan und eine Person kam zu ihnen hinauf geklettert.

Erestor hörte auch die Person, die sich näherte. Doch er wollte jetzt niemanden sehen, selbst seine Tochter war ihm fast zuviel. Er wollte schon etwas hinunter rufen, als er Haldirs Stimme vernahm:

„Erestor, Aníril, ich habe euch beide eben gesehen. Da ich jetzt frei habe, dachte ich, wir könnten gemütlich den Tag verbringen."

Ohne anzuklopfen trat er ein, dicht gefolgt von Elladan, der bei Erestors düsterem Gesichtsausdruck die Stirn runzelte.

Ein Teil von ihm freute sich Haldir zu sehen, aber eigentlich war er nicht in der Stimmung für Gesellschaft, doch konnte er seinen alten Freund nicht vor den Kopf stoßen. Also erhob er sich und begrüßte den Elben mit einer knappen Umarmung, Elladan nickte er nur kurz zu.

„Warum eigentlich nicht. Aber Elladan, was tust du hier?"

Zu seiner Verwunderung errötete Elladan leicht, als er angesprochen wurde, ihm war Erestors innere Anspannung und Anírils bekümmertes Gesicht nicht entgangen.

„Nun, ich wollte eigentlich fragen, ob ihr Elrohir gesehen habt, wir wollten uns vor kurzem bei Galadriel treffen."  

Aníril runzelte die Stirn.

„Nein, Elrohir sind wir nicht begegnet", sagte sie langsam und erhob sich, dann räusperte sich die Elbenmaid und erklärte: „Ich wollte mich auch für mein Verhalten entschuldigen." Ein verlegenes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich habe überreagiert - wieder einmal", fügte sie noch mit einem Seufzen hinzu.

Elladan lachte auf und klopfte ihr freundschaftlich auf die Schulter.

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, mittlerweile kennt wahrscheinlich jeder Elb zwischen Bruchtal und dem Düsterwald dein Temperament!"

Aníril sah, wie Haldir zustimmend nickte, und eine neue Röte überflutete ihr Gesicht.

Erestor runzelte nur die Stirn, er war einfach nicht in der Stimmung für Scherze, jetzt wo sein Innerstes so aufgewühlt war. Doch wie immer beobachtete er alles, nichts entging seinem Blick, auch Haldirs fragendes hochziehen einer Augenbraue. Mit einem kurzen Kopfschütteln gab er ihm zu verstehen, dass sie vielleicht später darüber reden würden.

„Nun, ich denke, das Temperament hat sie wohl von ihrer Mutter", fügte Elladan noch lachend hinzu, woraufhin Haldir nur widersprechen konnte.

„Daran erkennt man, dass Ihr ihre Mutter nie gekannt habt, und auch Erestor nicht gut kennt. Melreth war eine der geduldigsten und ruhigsten Frauen, die mir je begegneten. Und glaubt mir, Elladan, der Berater Eures Vaters hat wesentlich mehr Temperament als er zeigt."

Erestor war das Gespräch in diesem Moment unangenehm.

„Elladan, ich dachte, du bist hier, weil du deinen Bruder suchst, und wie du siehst, ist er nicht hier. Haldir, wenn du bitte kurz warten würdest, ich möchte nur meine Bewaffnung beiseite legen."

Er machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in dem abgetrennten Bereicht des Talan, in dem er schlief. 

Aníril zuckte nur kurz mit den Schultern und sah die Wartenden an.

„Ich weiß auch nicht, was mit meinem Vater los ist", erklärte sie.

Elladan, der sich noch immer nicht vom Fleck gerührt hatte, sah sie unverwandt an. „Ich wollte gar nicht danach fragen und da ich nicht erwünscht bin, werde ich gehen und meinen Bruder suchen. Entschuldigt, wenn ich gestört habe."

Schon hatte der Elb sich umgedreht und war die Strickleiter zum Talan hinuntergeklettert. Aníril starrte ihm nach. In Elladans emotionsloser Stimme hatte sie gehört, wie ihn Erestors harte Worte getroffen hatten. Auch Haldir sah ein wenig verständnislos in die Richtung, in die Elladan verschwunden war.

Lange blickte Erestor auf das Bett, auf dem jetzt sein Schwert lag. Innerlich verfluchte er sich dafür, dass er so harsch mit dem jungen Noldo umgegangen war. Warum musste er immer wieder die Beherrschung verlieren? Daran war nur Glorfindel schuld.

In diesem Moment vermisste er Melreth so sehr wie schon lange nicht mehr. Er sehnte sich nach ihrer verständnisvollen Umarmung, wie sie ihm ins Ohr flüsterte, dass doch alles nicht so schlimm war, dass er sein Temperament vorzüglich unter Kontrolle hatte, und dass alles, was der Balrogtöter tat, unwichtig war.

Mit einem lauten Aufseufzen setze er sich auf das Bett und vergrub den Kopf in den Händen. Wie immer schäumten seine Gefühle über, wie immer überrannten sie ihn einfach.

Aníril warf Haldir nur einen kurzen Blick zu und entschuldigte sich kurz bei dem Galadhrim. Dann folgte sie ihrem Vater in den abgetrennten Talanbereich. Nur zögernd fanden ihre Füße den Weg, als sie zu Erestors Bett trat, auf dem der Elb saß, sein Gesicht in den Händen vergraben.

„Ada", sagte Aníril sanft und legte Erestor eine Hand auf die Schulter und zog sie wie vom Blitz getroffen zurück, als sie spürte, wie das Blut durchs Erestors Adern peitschte.

„Ada, was ist mit dir?", fragte die Elbenmaid leise. Ihr Vater hob daraufhin seinen Kopf und starrte gerade aus.

Lange schwieg er, wollte seiner Tochter nicht antworten, wollte nichts von dem offenbaren, was in ihm vorging. Doch als er endlich sprach, brach seine Stimme fast.

„Ich vermisse sie nur so sehr, und heute ganz besonders."

Bei den Worten ihres Vaters stiegen Aníril die Tränen in die Augen und sie empfand nur noch Mitleid für Erestor und auch sich. Die junge Elbenmaid umarmte ihren Vater und legte den Kopf an seinen Rücken. Eine Flut dunkler Haare fiel über ihre Schulter und von weitem hätte man nicht erkennen können, welche Haarsträhne zu Aníril und welche zu Erestor gehörte.

 „Ich vermisse sie auch, Ada!", flüsterte Aníril und presste ihren Vater eng an sich. In diesem Moment waren alle anderen Sorgen vergessen.

Scham wallte in ihm auf, als er bemerkte, dass seine Tochter versuchte ihn zu trösten. Er wollte sie nicht zusätzlich belasten, so suchte er nach der Stärke, von der er wusste, dass er sie besaß. Seine Schultern strafften sich, er drückte seine Tochter und zwang sie dann, in seine Augen zu sehen.

„Komm, wir wollen Haldir nicht warten lassen, außerdem bin ich neugierig, was er geplant hat."