Kapitel 7: Verschwörungen und Explosionen

Sonnenstrahlen fielen zwischen den golden schimmernden Blättern der Mallornbäume und warfen bizarre Muster auf den Boden der Lichtung. Unter einem der mächtigen Baumstämme saß Aníril und blickte gedankenverloren in den Wald hinein. Sie hatte einfach allein sein wollen und obendrein wollte sie ihren Vater im Gespräch mit Haldir nicht stören, denn die Elbenmaid bezweifelte nicht, dass die beiden Elben etwas besprechen wollten.

Alles ging Aníril durch den Kopf. Vom gestrigen Tag, an dem sie nach langer Zeit Erestor, die Zwillinge und Glorfindel wieder sah, bis hin zu dem verpatzten Übungskampf am Morgen. Manchmal wusste die junge Elbenmaid einfach nicht, wie sie ihre Gefühle und ihr Temperament im Zaum halten konnte.

Und so saß sie einfach nur auf der Lichtung, dachte nach und begann schließlich ein wehmütiges Lied zu singen, das sie schon seit ihrer Kindheit liebte. Die Person, die sich ihr näherte, bemerkte sie nicht.

Zuerst hatten sie in dem Talan nachgeschaut. den Erestor und seine Tochter sich teilten, während sie in Lothlórien weilten. Doch dort hatten sie sie nicht aufgefunden, genauso wenig bei den Ställen oder bei den Damen, die mit Arwen in den Gärten Galadriels saßen.

Nachdem sie alle Plätze abgesucht hatten, von denen sie annahmen, dass Aníril sich dort befinden konnte, wanderten sie ziellos umher. Bis Haldir wie angewurzelt stehen blieb.

„Was ist mein Freund?", fragte der dunkelhaarige Berater irritiert.

„Mir ist nur gerade noch ein Ort eingefallen, an dem sie sich aufhalten könnte. Folge mir."

Haldir führte Erestor auf einen der weniger benutzten Pfade, und schon nach wenigen Metern sahen sie Aníril am Wegesrand sitzen, an einen Baum gelehnt, und in die Ferne blickend.

Leise näherten sich die beiden dem Mädchen, und erst wenige Schritte von ihr entfernt räusperte sich Erestor kurz.

Aníril war so in ihr Lied vertieft gewesen, dass sie erschrocken aufsprang, als sie das Räuspern hinter sich vernahm. Einen Moment lang sah sie sich verwirrt und beinahe orientierungslos um. Ihre Hand fuhr wie von selbst an ihre Seite, wo auf Reisen immer ihr Schwert hing, doch natürlich war in diesem Moment kein Schwert zur Stelle.

Bis die Elbenmaid realisierte, dass überhaupt keine Gefahr drohte und dass es ihr Vater gewesen war, der sich da geräuspert hatte, verging einige Zeit.

 „Ada?", fragte sie. „Musstest du mich so erschrecken?"

Haldir erlaubte sich ein kurzes Lächeln bei dieser Bemerkung, doch Erestor lachte schon etwas lauter.

„Nein, ich hatte nicht vor dich zu erschrecken, aber du warst so in Gedanken versunken…", begann er, doch brach er kurz darauf wieder ab. „Aníril, wir sind hier, weil wir etwas mit dir besprechen wollen… wir… ich meine ich brauche deine Unterstützung." Normalerweise war es zwar nicht Erestors Art so mit der Tür ins Haus zu fallen, aber Aníril hätte ihn doch innerhalb kürzester Zeit durchschaut.

Die dunkelhaarige Elbenmaid betrachtete ihren Vater mit gerunzelter Stirn und ließ die erhobene Hand endlich sinken.

„Besprechen? Mit mir?", fragte Aníril erstaunt. Erestor machte auf sie den Eindruck, als läge ihm etwas Wichtiges auf dem Herzen und seine Tochter war verwundert darüber, denn am Morgen hatte sie noch nichts bemerkt. „Wofür braucht ihr meine Unterstützung? Für einen weiteren Übungskampf?"

Haldir hatte sich an einen Stamm gelehnt und beobachtete das ganze gelassen, er würde Erestor nur im absoluten Notfall unterstützen.

Erestor hingegen stand etwas nervös vor seiner Tochter und wusste nicht, wie er anfangen sollte, ohne dass sie selbst zu wütend auf Glorfindel werden würde.

„Nein, kein Übungskampf", erklärte er, „es geht um etwas Persönliches. Haldir und ich… nun… Also ich möchte mich an Glorfindel… Nein, das ist auch der falsche Anfang…" Hilflos blickte er Haldir an, der so lässig an einem Baum lehnte und nur mit einer knappen Geste zu verstehen gab, dass Erestor dies alleine regeln sollte. So versuchte Erestor es noch einmal:

„Also, Glorfindel hat sich, sagen wir unangebracht benommen. Und ich…" Wieder brach er ab, er fand zum ersten Mal seit vielen Jahrhunderten nicht die richtigen Worte.

Amüsiert betrachtete Aníril ihren Vater und musste sich ein Lachen verkneifen. Zu komisch wirkten seine unsicheren Versuche ihr von dem zu erzählen, was er plante. Haldir schien zu wissen, worum es ging, doch er sagte kein Wort und blickte nur belustigt in ihre Richtung. Aníril schüttelte kurz den Kopf, bevor sie sich wieder ihrem Vater zuwandte.

„Glorfindel soll sich unangebracht verhalten haben, Ada? Das kann ich ja kaum glauben, nur sag, wozu brauchst du jetzt meine Hilfe? Was willst du mit ihm machen?"

Erleichtert vernahm Erestor Anírils Worte, nun wusste er endlich, was er sagen sollte.

„Du sollst uns einfach nicht verraten, sondern bei der Charade mitspielen."

„Charade?" Aníril zog die Stirn noch weiter in Falten. „Was hat Glorfindel gemacht, dass du ihm was vorspielen willst, und wozu brauchst du mich?

Die Elbenmaid konnte sich  kaum vorstellen, warum ihr Vater wütend auf den blonden Bruchtalelben sein konnte.

„Was wollt ihr ihm überhaupt vorspielen und aus welchem Grund?"

Erestor schüttelte leicht den Kopf.

„Ich möchte dir noch nicht erzählen, was er getan hat, aber glaube mir, ich bin ernsthaft verärgert deswegen. Und nun ja, wie erkläre ich dies am besten?" Wieder blickte er hilflos zu Haldir. Dieser grinste ihn an und wandte sich dann an Aníril.

„Da dein Vater ja doch recht verklemmt ist, werde ich nun übernehmen. Erestor hat eine recht interessante Idee gefunden, um einiges auszutesten. Ich für meinen Teil habe zugestimmt ihm zu helfen, besonders, da ich noch eine Rechnung offen habe mit jenem Balrogtöter", erklärte der Galadhrimhauptmann, während er neben Erestor trat und einen Arm um seine Taille legte. „Dich möchten wir nur bitten nicht zu verraten, dass dies…" Nach diesen Worten zog er den Berater eng an sich und küsste ihn innig. „… nur ein Spiel ist um Glorfindel aus der Reserve zu locken", beende er den Satzb nachdem er sich breit grinsend von Erestor getrennt hatte. 

Anírl hatte die ganze Szene recht erstaunt beobachtet und als Haldir ihren Vater küsste, hatte sie noch überraschter die Augen aufgerissen. Sie musste sich eingestehen, dass sie die Worte Haldirs, dass dies alles nur ein Spiel sein sollte, nicht ganz glaubte, und vor allem verstand sie nicht, was die beiden Männer damit bezwecken wollten. Entnervt schüttelte sie den Kopf.

„Und dazu braucht ihr mich? Nein, Ada... ich würde zwar gerne wissen, was Glorfindel angestellt hat, dass ihr ihm so etwas vorspielen wollt, aber bitte haltet mich aus dem ganzen raus. Ich werde niemandem etwas verraten, nur verschont mich mit weiteren Einzelheiten!"

Die letzten Worte hatte Aníril recht schnell hervorgestoßen und wie zur Verdeutlichung ihrer Worte hatte sie mit der Hand eine abwehrende Bewegung gemacht.

Erestor ließ den Kopf hängen, er hatte nicht erwartet, dass seine Tochter so abwehrend reagieren würde, und auch nicht, dass Haldir ihn küssen würde. Nicht dass Haldir schlecht küsste, ganz im Gegenteil, er konnte dies sogar sehr gut, aber so etwas hatte Erestor nicht eingeplant. Tief seufzend grinste er seine Tochter an.

„Ich glaube für Glorfindel ist es besser, wenn du nicht weißt, warum wir dies tun. Und um mehr als einfach nichts zu verraten wollten wir dich ja auch nicht bitten. Den Rest kannst du getrost uns zweien überlassen. Und Haldir, wenn du das nächste Mal vor hast mich zu küssen, warne mich bitte vor, danke."

Haldir lachte daraufhin nur kurz und zuckte die Schultern.

„Erestor, wie sollen wir es denn sonst glaubhaft spielen? Hast du daran überhaupt gedacht?" Erestor errötete daraufhin nur und schüttelte leicht beschämt den Kopf. 

Aníril sah die beiden schmunzelnd an.

„Dann klärt den weiteren Ablauf doch für euch, aber ich möchte wirklich nicht weiter in solche Spielchen verwickelt werden, hinterher weiß ich nicht mehr, was nun Wirklichkeit ist und was nicht. Darauf kann ich verzichten."

Die Elbenmaid lachte kurz, als sie die roten Wangen ihres Vaters bemerkte.

„Und war das etwa alles, warum ihr mich aufsuchtet?"

Mit stechenden Augen sah sie erst Erestor und dann Haldir an.

Erestor fühlte, wie er anfing wütend zu werden. So wenig Toleranz hatte er von seiner Tochter nicht erwartet. Er musste einmal tief Luft holen bevor er sprach, doch konnte er das leichte Zittern, das diesmal sicherlich nicht aus Nervosität mitschwang, nicht aus seiner Stimme bannen.

„Ja, das war alles weswegen wir dich aufgesucht haben. Glaube mir, Glorfindel hat es nicht besser verdient, und glaube mir weiterhin, ich schätze Haldir zwar sehr als guten Freund, aber nicht mehr. Ich dachte, du würdest mich kennen, aber ich sehe, ich habe mich geirrt. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, Aníril, wir sehen uns dann beim Essen bei Galadriel."

Elegant verbeugte er sich vor seiner Tochter und hocherhobenen Hauptes schritt er davon, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, während seine zu Fäusten geballten Hände leicht zitterten. 

Aníril sah ihrem Vater erstaunt und mit leicht geöffnetem Mund nach. 

Fast wollte sie ihm noch etwas nachrufen, doch dann entschied sie sich anders. ‚Ich dachte, du würdest mich kennen' hatte er gesagt. Sie tat es auch, aber kannte ER SIE? Aníril hatte das ganze nicht böse gemeint, nur war ihr trotz allem nicht klar gewesen, warum Erestor so wütend war. Deshalb hatte sie darauf bestanden, nicht weiter in dieses Spiel hineingezogen zu werden. Und nun war ihr Vater auch noch wütend auf sie. Die Elbenmaid schüttelte verwirrt den Kopf.

Haldir ließ sich vor ihr auf das Gras nieder und blickte sie an. Gespannt beobachtete er, wie sich ihr Gesichtsausdruck veränderte, bis er glaubte die Zeit sei reif zu sprechen.

„Du kennst ihn nicht wirklich so gut, zu vieles in seinem Leben hast du nicht gesehen. Und soweit ich weiß hat er dir auch nie davon erzählt. Aber sei deswegen nicht wütend, er hat seine Gründe." Sachte strich er über ihre Wange, lächelte ihr zu und fuhr dann fort in seiner ruhigen, sanften Stimme zu sprechen.

„Erestor weiß selbst nicht was gerade mit ihm passiert, oder besser gesagt was vor vielen Jahrtausenden mit ihm passiert ist, und ich hoffe, dass er es nun endlich erkennt. Nur deswegen habe ich diesem seltsamen Spiel zugestimmt. Gib ihm die Zeit sich selbst kennen zu lernen. Glorfindel bringt ihn immer wieder durcheinander, das habe ich schon beobachtet seit ich die beiden kenne, aber Erestor hat nie begriffen, woran das lag. Und wenn ich ehrlich sein soll, ich kann deinen Vater diesmal wirklich verstehen, ich wäre an seiner Stelle nicht weniger wütend, nur würde ich die Sache anders lösen."

Kurz drückte er Anírils Hand und wartete auf ihre Reaktion.

Aníril blickte den Galadhrim noch verwirrter an.

„Haldir", begann sie zögernd. „Was du mir erzählst macht mir fast Angst. Was ist all die Jahre denn gewesen? Wenn es stimmt, was du sagtest, dann kenne ich meinen Vater tatsächlich nicht, nur das möchte ich nicht. Kann er nicht einfach so sein wie ich ihn bis jetzt kannte?"

Ein wenig ratlos sah sie zu Boden. „Und ja... sicherlich kann ich nun verstehen, dass er wütend ist, doch was soll ich jetzt noch dazu sagen? Ich weiß es einfach nicht..."

Haldir blickte sie lange an, jeder andere Elb hätte angefangen zu kichern, doch der Hauptmann der Grenzwachen blickte die Tochter eines seiner engsten Freunde nur an, er überlegte kurz, was er ihr antworten konnte.

„Aníril, natürlich kennst du ihn, zumindest das meiste von ihm, nur diesen einen Aspekt nicht, einen über den er bis vor kurzem so gut wie nie nachdachte, und auch jetzt ist er noch weit davon entfernt, zu verstehen. Aber wenn du möchtest, dass dein Vater wieder glücklich wird, dann solltest du ihn unterstützen. Vertrau mir einfach, ich bin alt genug um zu wissen, was ich tue." Bei diesen Worten stahl sich doch ein kleines Lächeln über seine Züge und er klopfte der Elbenmaid ermutigend auf die Schulter.

„Bis jetzt hatte ich nicht wirklich den Eindruck, als wüsstest du, was du tust", erwidert Aníril frech und ein Funken blitzte in ihren Augen auf.

Sie hatte, als sie Haldir zuhörte, über ihren Vater nachgedacht. Für die junge Elbenmaid war es schwierig, zu verstehen, was der Galadhrim ihr über ihren Vater erklärt hatte. Es war ihr, als wäre es eine komplett neue Welt und dieses Gefühl gefiel ihr nicht. Aber wie Haldir gesagt hatte, sie wollte letztendlich nur, dass Erestor glücklich war und dafür würde sie fast alles tun. Schließlich nickte Aníril. „Ich werde ihn unterstützen wie es mir möglich ist."

Erleichtert atmete Haldir auf, er wollte das Beste für seinen Freund, und nun sah er eine Möglichkeit.

Lächelnd blickte er sie an, und man konnte das leise Flüstern zweier Elbenstimmen vernehmen, als Haldir Aníril in seine geheimsten Vermutungen einweihte.

Warum war er nur so ausgerastet? Erestor gestand sich ein, dass er viel zu heftig reagiert hatte. Wieder einmal grübelte er stundenlang darüber, warum er derzeit so schnell in Wut geriet. Seufzend lenkte er seine Schritte durch den Goldenen Wald. Gerade hatte er seine innere Ruhe wieder gefunden, als er sah, wie sich ihm einer der Zwillinge näherte.

„Elladan, es freut mich, dich zu sehen. Verzeih mein Benehmen von vorhin, ich habe überreagiert."  

Der dunkelhaarige Elb lächelte Erestor freundlich an.

„Nichts anderes dachte ich mir", sagte er ehrlich und musterte den Vater Anírils erstaunt. Eine Röte lag über den Wangen Erestors und er sah erhitzt aus.

„Worüber hast du dich aufgeregt?", fragte er erstaunt und blickte hinter Erestor in den Wald, doch dort sah er niemanden. „Woher kommst du gerade? War Aníril bei dir?"

Verwirrt blickte Erestor sich um, er hatte gar nicht bemerkt, dass er so weit gewandert war.

„Aníril ist bei Haldir, ich verließ die beiden vor einer Weile. Und worüber ich mich aufgeregt habe? Nun, ich hatte eine kleine Auseinandersetzung mit meiner Tochter."

„Was hat sie denn getan?", fragte Elladan verwundert. Normalerweise waren Erestor und Aníril doch ein Herz und eine Seele. Er konnte sich kaum vorstellen, dass sie überhaupt schon einmal in ihrem ganzen Leben gestritten hatten.

Missmutig blickte Erestor zum dem älteren Zwilling.

„Ich möchte mich dazu einfach nicht äußern, falls es dich nicht stört. Wir waren uns in etwas sehr privatem uneinig." Damit hatte Erestor genug gesagt, und er würde nicht mehr sagen, sollte Elladan weiter fragen.

Mit einem knappen Nicken deutete er Elladan an ihm zu folgen.

„Sag, hast du deinen Bruder noch gefunden?"

„Ja", erklärte Elladan knapp und gleichzeitig noch mehr verwundert über den offensichtlich wirklich wütenden Erestor. Es machte ihn noch neugieriger darauf, was wohl vorgefallen war, doch er wusste, würde er Anírils Vater jetzt fragen, dann würde dieser ein wenig ungehalten werden. Elladan kannte das nur zu gut. „Ich traf ihn mit Glorfindel nahe des Waldes. Wir hatten dann einiges in unserem Talan zu besprechen. Es tut mir leid, wenn ich dich davor gestört habe."

Erestor erstarrte bei den Worten Elladans, und sein Geist begann zu arbeiten. Er kniff die Augen zusammen und sah den Sohn Elronds mit einem Blick an, der jeden Hund dazu bringen würde, sich winselnd auf den Rücken zu werfen.

„Mit Glorfindel gesehen? Am Rande des Waldes? Wie interessant…", zischte er und seine Stimme hatte einen äußerst bedrohlichen Klang

„Dann kann ich ja vermuten, dass ihr einige sehr… wie sage ich das jetzt… unangebrachte Dinge zu besprechen hattet."

Bei den Worten Erestors war Elladan kaum merklich zusammen gezuckt. Konnte es etwa sein, dass der Elb doch etwa davon wusste, dass er beobachtet worden war? Hatte er Elrohir und Glorfindel gesehen? Ein unangenehmes Gefühl durchlief Elladan, doch er ignorierte es. Schließlich war nicht er es gewesen, der Aníril und ihren Vater beim Baden gesehen hatte.

„Wir haben einige Dinge besprochen, doch um zu wissen, ob sie unangebracht waren, müsste ich erst einmal wissen, was du damit meinst", sagte der Zwilling dann mit scharfer Stimme.

Dies hätte Elladan nicht sagen sollen, Erestor war schon vorher kurz davor gewesen die Beherrschung zu verlieren, doch nun kochte das Fass über. Mit einer blitzschnellen Bewegung hatte er den Zwilling gepackt und an den nächsten Baum gepresst, sein Schwert an dessen Kehle.

„Wage nicht mich zu verspotten, junger Elb."

Elladan, der sich in einer ziemlich unangenehmen Lage wieder fand, blickte Erestor mit vor Schreck aufgerissenen Augen an. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, den älteren Elben in geringster Weise zu verspotten, doch Erestor schien so verärgert zu sein, dass jeder Tropfen das Fass zum Überlaufen bringen konnte. Und es schien Elladan als wäre seine letzte Bemerkung genau dieser Tropfen gewesen.

„Ich verspotte dich doch nicht, Erestor!", presste Elladan zwischen den Lippen hervor und schielte unruhig auf das Schwert, das gefährlich nah an seiner Kehle lag.

„Ach nein? Wie würdest du das denn dann nennen?", fragte der dunkelhaarige Berater barsch und presste sein Schwert noch ein wenig näher an die Kehle des Sohnes seines Fürsten. Ein kleiner Bluttropfen bildete sich an der Stelle, an der das Schwert die Haut berührte.

Erestor konnte nicht mehr klar denken, das Blut rauschte in seinen Ohren, und sein Blick hatte sich rötlich verschleiert. Hitze raste durch seine Adern, und er drückte noch etwas fester zu, was dem Zwilling ein ängstliches Keuchen entrang.

Doch dann sah er den Tropfen, starrte wie gebannt auf das glänzende Rot an seiner Klinge. Wie vom Blitz getroffen taumelte er zurück, knickte in die Knie und blickte mit großen, schreckensgeweiteten Augen zu Elladan empor.

Der Zwilling Elrohirs blickte nicht minder erschrocken zurück. Mit einer Hand fuhr er sich über den Hals, dort wo noch vor kurzem das Schwert Erestors gewesen war und sich in seine Haut geritzt hatte. Es war nur ein oberflächlicher Schnitt, doch trotzdem spürte Elladan einige Tropfen warmen Blutes an seinen Fingern.

„Erestor", stieß er hervor. „Was ist mit dir los? Du bist ja nicht mehr bei Sinnen! Was habe ich dir getan?"

Doch Erestor konnte nicht antworten, er zitterte am ganzen Körper, versuchte verzweifelt seine rasenden Gedanken zur Ruhe zu bringen. Er hatte den Sohn seines Fürsten verletzt, einer seiner engsten Freunde, und dass völlig ohne Grund.

Die Hitze war völlig verschwunden und der Elb fror, eine eisige Kälter umklammerte sein Herz, und seine Stimme hatte einen brüchigen Klang, als er endlich die Kraft fand zu antworten.

„Verzeih mir, Elladan, aber… Nein! Es gibt keine Entschuldigung für das, was ich getan habe! Ich kann es dir nicht erklären, warum ich so gehandelt habe. Es scheint als habe die Reise und einige Vorfälle heute Morgen meinen Verstand getrübt. Ich hoffe, du wirst mir irgendwann vergeben können."

Immer noch vor Elladan kniend verbeugte sich der Noldo, erhob sich und wartete mit gesenktem Haupt auf eine Antwort. In seinen Augen hatten sich Tränen gesammelt.

Der Sohn Elronds blickte Erestor nachdenklich an und sah dann auf seine Finger, auf welchen das Blut rot verschmiert war. Gab es eine Entschuldigung?

„Sieh auf, Erestor", sagte Elladan schließlich nach einer Weile. „Ich frage mich, ob du gerade eben überhaupt noch du selbst warst. Nein, ich denke nicht. Du warst rasend und dann denkt man nicht so sehr darüber nach, was man tut. Erestor, das ist keine Entschuldigung, weder für mich noch für dich, doch es ist nicht mehr passiert und schließlich... schließlich bin ja auch ich nicht ganz unschuldig."

Ein wenig verschämt wandte Elladan sich ab und er fragte sich, ob Erestor seinen Bruder wirklich gesehen hatte. Doch warum hätte er sonst so reagieren sollen?

Ein dankbares Lächeln zeigte sich auf dem bleichen Gesicht Erestors. Er atmete einige Male tief durch und blickte Elladan dann ruhig an.

„Vielleicht bin ich dir eine Erklärung schuldig, aber ich möchte, dass das gesagte unter uns bleibt. Können wir uns darauf einigen?"

Elladan nickte langsam. Er hatte wirklich nicht vor Erestor noch weiter zu verärgern und dann doch irgend ein Körperteil zu verlieren. Eigentlich bedeutete ihm sein Kopf schon etwas....

„Ich werde kein Wort darüber verlieren", versprach Elladan. „Aber dann sag mir nun endlich, was bei den Valar dich so aufgeregt hat."

Erestor holte tief Luft und erzählte dem Erben von Imladris von dem Bad, von Glorfindel und davon, dass dies für eben jenen noch ein Nachspiel haben würde, während Elladan nur still zuhörte und für seinen Bruder betete.

Erestor schloss seine Erzählung mit den Worten:

„Und was deinen Bruder betrifft, ich denke, er soll dies mit Aníril selbst klären. Darin werde ich mich nicht einmischen."                                                                                 

„Einen Moment mal", sagte da Elladan. „Was soll mein Bruder mit Aníril besprechen?"

Wiederum verwirrt sah der jüngere Elb den Berater Elronds an. Er wusste also, dass Glorfindel ihn beobachtet hatte. Aber woher wusste er, dass Elrohir auch dort gewesen war, wenn er ihn nicht gesehen hatte? Und warum wusste er dann das mit Aníril?

Erestor lachte leise in sich hinein.

„Elladan, bitte vergiss nie, wer ich bin… und vor allem, was ich bin. Elrond hat mich nicht zu seinem Berater gemacht, weil ich mit einem Schwert um zu gehen weiß. Außerdem ist Aníril meine Tochter, da muss ich doch wissen, wer sich für sie interessiert", erklärte er dem überraschten Elben fröhlich. „Oh, verstehe es bitte nicht falsch, es ist nicht so, als ob ich das schon sehr lange wüsste. Es ist mir erst vor wenigen Jahren aufgefallen. Und außerdem kann ich zwei und zwei zusammenzählen. Auch wenn ich nur Glorfindel gesehen habe, so hat mir deine Aussage und Reaktion doch einiges verraten." 

Elladan stöhnte auf.

„Und du bist mir an die Kehle gesprungen, obwohl du es schon längst... nun ja... wusstest?" Der Elb schüttelte fassungslos den Kopf. „Und glaub mir, Erestor, Elrohir war selbst sehr niedergeschlagen, als er mir von seiner ‚Beobachtung' erzählte. Doch wenn du sagst, er solle das mit Aníril selbst klären, so muss ich dir mitteilen, dass wir darauf wahrscheinlich noch ein ganzes Zeitalter warten können."

Leise lachte der Sohn Elronds auf. „Nein, sogar noch länger, wenn du mich fragst. Er hat zuviel Angst vor einer Zurückweisung oder dass er ihre Freundschaft verliert, als dass er auf sie zugehen würde."

Erestor fiel in dieses Lachen mit ein und seine Augen funkelten spöttisch.

„Dann, denke ich, sollten wir dem ein wenig dezent nachhelfen, oder was denkst du, Elladan? Ich bin mir zwar nicht sicher, wie meine Tochter wirklich zu ihm steht, aber sie würde aus einem solchen Grund niemals seine Freundschaft ausschlagen, und wer weiß, vielleicht ist sie ja doch interessiert."

Beide Elben liefen lachend zu ihren Räumen und machten sich für das Abendessen bereit.

Danke an alle für ihre lieben Reviews. Valinja und ich geben uns die größte Mühe so schnell wie möglich neues zu produzieren, im mom hängt es eher an unserem betaleser, weil wir viel zu schnell schreibseln ;) aber ohne beta dürften wir nicht veröffentlichen, unsere Kommasetzung ist waffenscheinpflichtig zwinker