Kapitel 26: Unter dem Berg
Er freute sich schon auf seine Ablösung, gleich würde er sich endlich in das innere der Höhle zurückziehen dürfen. Sein Blut rauschte bei dem Gedanken, sich vielleicht auch ein wenig mit dem Elben vergnügen zu dürfen. Schön war er ja, das musste man dem verdammten Spitzohr schon lassen. Gerade wollte er dem anderen Ankömmling sein Schwert in die Hand drücken, als die Luft sirrte und Schmerz ihn durchzuckte. Er sah sein eigenes Blut spritzen, fühlte Angst in sich aufsteigen, doch es war das letzte, was er wahrnahm.
„Guter Schuss, Legolas", lobte der blonde Balrogtöter den Elben, während er selbst den zweiten Wachmann niederstreckte. Innerhalb kürzester Zeit fielen die vier Wachen, doch einer stieß noch einen gellenden Schrei aus. Die Elben erstarrten kurz, erwarteten, dass gleich die nächsten über sie herfallen würden, doch regte sich nichts.
„Verdammt, das wird schwieriger werden als erwartet", fluchte Haldir, zog sein Schwert und gemeinsam stürmten sie vor.
Aníril zuckte erschrocken zusammen, als sie den lauten Schrei des sterbenden Mannes vernahm und das Blut gefror ihr in den Adern, die Angst um ihren Vater schien mit jedem Moment mehr und mehr zuzunehmen. Mit weit aufgerissenen Augen sah die Elbenmaid zu, wie die anderen Elben voran stürmten, auf den Eingang der Höhle zu. Sie hatte das Gefühl sich nicht bewegen zu können, ihre Beine begannen zu zittern und sie verfluchte sich selbst dafür, dass sie sich nicht zusammen reißen konnte. Doch bevor Aníril weiter die Zeit hatte Nachzudenken, spürte sie schon eine Hand an ihrem Arm, die sie mit sich und den anderen Elben hinfort zerrte. Nur die beiden Wachposten blieben draußen, um ihnen den Rücken zu decken.
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Immer noch lachte er, die Wunden brachen wieder auf, Blut floss über seinen Rücken. Dem Menschen schien dies fast unheimlich, er war ein paar Schritte zurückgewichen und sah jetzt mit so etwas wie Angst auf den Elben hinab, der im Stroh lag und sich schüttelte vor scheinbarer Heiterkeit.
„Du wirst nicht mehr lange etwas zu lachen haben", spie der Mensch hervor, nahm all seinen Mut zusammen und riss den Elben an den Haaren hoch.
Feuer durchflutete Erestor, brannte auf seinem Haupt und Tränen sammelten sich in seinen Augen. Doch die Hysterie wich nicht von ihm, ließ ihn nur noch stärker zucken vor wahnsinnigem Gelächter.
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Dunkle Gänge, keine Menschenseele weit und breit. Still verhaarten die Elben, lauschten in die abzweigenden Tunnel.
„Was denkt ihr, wo sollen wir lang?", flüsterte Degil und sah sich aufmerksam um. Sein Warnschrei kam fast zu spät. „Aníril, hinter dir!"
Panik hatte die Elbenmaid bereits ergriffen, als sie die Höhle betraten. Ungute Vorahnungen befielen sie, die Enge beängstigte sie, hektisch waren ihre Bewegungen. So bemerkte Aníril fast die Gefahr nicht, welche hinter ihr lauerte. Der laute Schrei Degils ließ sie erschrocken zusammenfahren und sich blitzschnell ducken. Es war keine Sekunde zu früh.
Im nächsten Moment sah sie das Blitzen eines Schwertes über ihrem Kopf, das im nächsten Moment scheppernd zu Boden fiel, gefolgt vom dem dumpfen Aufprall eines schweren Körpers. Aníril wagte kaum sich umzudrehen.
Auch Elladan hatte den Schrei vernommen, doch war er schon zuvor herumgewirbelt. Vor Wut funkelnde Augen blickten ihm entgegen und ein Schwert schwang auf Aníril zu. Sein Herz setze einen Schlag aus, als seine Reflexe reagierten. Blitzschnell wehrte er die Klinge ab und rammte seine eigene tief in den Leib des Menschen. Blut spritze und der Mann stöhnte auf, als er in sich zusammensackte, wie ein Beutel Mehl. Er wollte sich schon zu Aníril umdrehen, doch dann brach der Tumult los.
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Raue Hände drückten ihn erneut an die Zellenwand, ein stinkender Körper presste sich nah an den seinen, doch seine Gedanken waren immer noch vernebelt. Sein Herz sehnte sich nach dem blonden Krieger, sein Körper erzitterte und seine Kehle schmerzte von dem Gelächter.
„Hör endlich damit auf, kleiner Elb, dann wird dies nicht ganz so schlimm für dich", zischte der Mann an seinem Ohr und Erestor gluckste daraufhin nur. Was konnte ihn mehr verletzen, als das Wissen, dass in ihm ruhte? Dass er nie wieder den sehen würde, den er liebte.
Tränen traten in seine Augen, obschon ihn die irre Heiterkeit weiter gefangen hielt. Doch ein Schaudern konnte er nicht verhindern, als er die erregte Hitze des Mannes an seiner Kehrseite spürte.
„Jetzt gehörst du mir, kleiner Elb."
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Aníril wurde keine Zeit gelassen, aufzustehen oder ihr heftig klopfendes Herz zu beruhigen, denn im nächsten Moment war die Luft erfüllt von Lärm.
Aus einem verborgenem Gang kamen noch mehr Menschen herausgestürmt, ihre Rufe hallten unheimlich von den Höhlenwänden zurück. Bald darauf prallten die ersten Schwerter aufeinander, lautes Geklirr drang durch die Höhle.
Verschreckt kauerte Aníril einen Moment lang auf dem Boden, schien den Kampf nicht einmal zu bemerken, als einer der Menschen auf sie zukam. Etwas schien in der Elbenmaid zu erwachen, ihr Wille, zu überleben, ihren Vater zu finden, nahm überhand.
Der erste Hieb sauste auf sie hernieder, doch er traf nicht sein Ziel. Aníril hatte ihn mit ihrem Schwert pariert.
Hell hallte das Geräusch der aufeinander prallenden Schwerter in Glorfindels Ohren, als er verzweifelt versuchte, die Menschen auf Distanz zu halten. Es waren mehr als ein Dutzend, schienen immer mehr zu werden. Sein Herz raste und er wirbelte seine Klinge umher, tödlich und erbarmungslos. Bald war er über und über mit Blut besudelt.
Ein Schrei neben ihm ließ ihn zusammenfahren und er sah einen der Galadhrimzwillinge zusammenbrechen, schwer verwundet, von einem Krummsäbel. Das verzweifelte Leuchten in den Augen dessen Bruders ließ Glorfindel erschauern und bevor er wusste, was er tat, hatte er den Menschen abgeschlachtet, seinen Kopf mit einen Streich vom Rumpf getrennt.
„Glorfindel, schnell, es sind gerade weniger, lass uns verschwinden und Erestor suchen", rief Haldir und der Blonde nickte kühl.
„Aníril, kümmere dich um Rúmil, ihr anderen bildet einen schützenden Kreis um sie und lenkt die Aufmerksamkeit der Wachen auf euch", befahl er den anderen, während er Haldir in die Dunkelheit folgte.
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Flammen schienen durch seinen Unterleib zu züngeln. Sein Verstand zerbrach endgültig und Erestor murmelte nur noch ein einziges Wort, wieder und wieder, während sein Körper die grausame Behandlung ertrug. Verzweifelt blendeten seine Gedanken den Menschen aus, der sich grunzend in ihm bewegte. Und nur dieses eine Wort gab ihm Kraft, hielt den letzen Faden seiner Seele im Körper. Immer und immer wieder kam es über seine Lippen, verflog ungehört.
„Glorfindel…"
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Rasch ließ sich Aníril auf den Boden neben den verletzten Elben sinken, verschwendete kaum noch Gedanken an den herrschenden Kampf. Nur aus den Augenwinkeln bekam sie mit, wie die Elbenkrieger sich um sie herum formierten und mit den Rücken zu ihr kämpften. Die lauten Kampfgeräusche drangen kaum noch an ihr Ohr, Aníril wollte sie gar nicht mehr war nehmen.
Das Blut pulsierte heftig durch ihre Adern, als sie, so schnell es ihr möglich war, Rúmils Wunden versorgte. Ein schwerer, heftig blutender Schnitt zog sich quer über seinen Oberkörper. Mit aller Macht presste Aníril ein Stück Stoff auf die Wunde um die Blutung zu stoppen. Schweiß trat auf ihre Stirn ob der Anstrengung, doch die Elbenmaid gab nicht auf, arbeitete verbissen weiter, die Lippen aufeinander gepresst, kaum wahrnehmend, wie ihre Arme langsam ermüdeten.
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Immer mehr Gänge tauchten vor ihnen auf und Glorfindel hatte bereits jegliche Orientierung verloren, ganz im Gegensatz zu dem stolzen Galadhrim. Nur selten waren sie bisher auf Menschen getroffen, und selbst wenn, hatten diese nicht lange genug gelebt um, um Hilfe zu rufen.
„Haldir, wohin führst du mich?", fragte der Balrogtöter verzweifelt.
„Ich habe keine Ahnung, ich versuche nur die Orientierung nicht zu verlieren und so tief wie möglich in dieses Labyrinth vorzustoßen. Aber nur dort, wo Fackeln in den Gängen aufgehängt wurden", erklärte der Silberblonde und bog um die nächste Ecke. Der Gang, in dem sie nun standen, war nur noch spärlich erleuchtet, und die Elben lauschten aufmerksam. Was sie hörten, ließ ihnen das Mark in den Knochen gefrieren.
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Orophin hatte seinen Bruder fallen sehen und befand sich nun in einem Berserkerwahn, sein Bewusstsein wahr umnebelt, nur ein einziger Gedanke wirbelte in ihm: niemals würde er es zulassen, dass jemand seinen geliebten Zwilling verletzte.
Erstaunt beobachtete Elladan, wie der blonde Galadhrim die Menschen reihenweise niedermetzele, einen Ausdruck elender Verzweiflung auf dem Gesicht, in den Augen brannte ein heißes Feuer, glühend und tödlich.
Auch Aníril, die neben Rúmil kniete, bemerkte den Wahn seines Zwillings. Der Blick des Galadhrim, seine wütend funkelnden Augen, all dies erschreckte sie und ließ sie nur um so fieberhafter weiterarbeiten, den Stoff auf die blutende Wunde pressen, bis sich die Blutung allmählich verringerte. Die ganze Zeit über verzog sich das Gesicht Rúmils zu einer schmerzhaften Grimasse und ein Stöhnen kam über seine Lippen.
Die Kampfgeräusche und das Klirren der Schwerter schienen um sie herum immer lauter zu werden, bis Rúmil mit verzerrtem Gesichtsausdruck den Kopf wandte und seinen wütenden Bruder entdeckte.
„Aníril…" Der Elb brachte kaum mehr als ein Röcheln zustande und die junge Elbenmaid musste sich nah zu ihm herunterbeugen, um zu verstehen, was er ihr mitteilen wollte. „Lauf … und hole Haldir. Orophin, er…" Der silberblonde Elb brauchte nicht mehr zu sagen, Aníril verstand auch so.
„Hier, drück den Stoff weiterhin auf die Wunde", flüsterte sie dem Verletzten zu und gab ihm das Stoffstück in die Hand, versicherte sich, dass er ihre Anweisung auch wirklich befolgte, bevor sie rasch aufsprang, ihr am Boden liegendes Schwert ergriff und so schnell davon eilte, dass sie überraschte Rufe hinter sich hören konnte. Und sie vernahm noch etwas, während sie Haldir und Glorfindel auf ihrem Weg folgte. Schritte schienen hinter ihr zu sein, laute Schritte, die nicht die eines Elben sein konnten. Anírils Herz pochte heftig, als sie um die nächste Biegung des Ganges rannte und in einiger Entfernung zwei blonde Elben erblickte.
„Haldir!", brach es aus ihr hervor.
Der schrille Aufschrei Erestors hallte durch die Gänge und Glorfindel fühlte die Wut in seinen Adern pochen. Schon wollten er und Haldir vorwärts stürzen, als ihre empfindlichen Ohren noch etwas anderes wahrnahmen. Schritte, schwere Schritte näherten sich ihnen und die beiden Elben wirbelten herum, die Schwerter in der Hand, das Herz in ihrer Kehle. Doch was sie sahen entsprach nicht ihren Erwartungen. Eine völlig aufgelöste Aníril rannte ihnen entgegen. Haldir straffte sich bei ihrem Ruf, wollte schon antworten, als hinter ihr drei Gestalten um die Ecke rannten.
Die beiden Krieger zögerten keine Sekunde. Mit einem wilden Schlachtruf auf den Lippen rannten sie den Menschen entgegen, schwangen ihre Schwerter. Kurze Zeit später war der Boden rutschig vor Blut.
„Glorfindel, das nächste Mal sage gleich, dass du sie alle drei auf einmal köpfen magst. Aníril, was ist geschehen?", fragte der Galadhrim alarmiert und drehte sich zu der Elbenmaid, die die beiden Männer etwas überrascht ansah.
Eilig ging der Atem der Elbenmaid, verursacht von dem schnellen Lauf und dem davor Geschehenen.
„Orophin… Rumil… er wurde verletzt", sprudelte es dann hastig aus ihr heraus. „Ich versorgte seine Wunden, doch Orophin wütet sich nun durch die Menschen. Er ist blind für alles andere. Womöglich passiert noch etwas, wenn er sich nicht beruhigt. Haldir, du musst gehen…"
Anírils Augen nahmen einen verzweifelten und flehentlichen Ausdruck an, sie wirkte leicht überfordert mit der ganzen Situation.
Der ältere Bruder der Zwillinge verstand sofort. Knapp nickte er und drehte sich noch einmal zu Glorfindel um.
„Die letzte Tür im Gang. Passt auf euch auf. Mein Bruder braucht mich nun", erklärte er und rannte in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Erschrocken blickte Glorfindel dem Galadhrim nach. Er hatte nicht gedacht, dass Haldir so genau sagen konnte, hinter welcher Tür der Schrei erklungen war. Hastig ergriff er Anírils Handgelenk und zerrte sie mit sich auf die letzte Tür zu.
„Eben hörten wir Erestor rufen. Er lebt…", erklärte er und beschleunigte noch einmal seine Schritte.
Aníril sah dem davoneilenden Haldir ebenfalls nach und wurde so von dem Zerren an ihrer Hand überrascht und beinahe umgeworfen. Einige Tritte stolperte sie hinter Glorfindel her, bevor ihre Füße wieder richtigen Halt fanden und ihre Schritte schneller wurden. Die Angst um ihren Vater, aber auch die Erwartung, ihn endlich wieder zu sehen, ihn endlich befreien zu können, ließen ihr Herz noch schneller in ihrer Brust schlagen. Noch vor Glorfindel erreichte sie die schwere, hölzerne Tür und legte die Hand auf den metallenen Knauf. Mit einem Ruck riss die Elbenmaid die Türe auf. Der Raum, der dahinter lag, begrüßte sie mit Dunkelheit. Schnell trat Aníril hinein, in ihrem Rücken spürte sie, das Glorfindel ihr folgte.
Dann sah die Elbenmaid ihren Vater, doch was sie noch sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Entsetzt blickte der Balrogtöter auf den Menschen und Erestor, nicht fähig sich auch nur zu bewegen, so schrecklich war das, was sich seinem Blick bot. Seine Beine waren wie festgewachsen und er war völlig gefesselt von dem, was er sah. Seine Seele schrie auf und dann erklang die gequälte Stimme des Noldo an seinem Ohr, wie er immer und immer wieder seinen Namen murmelte.
Erestors Tochter stand nicht minder entsetzt da. Der Anblick, der sich ihr bot, ließ ihr fast den Atem aussetzen. Ein wenig hilflos stand sie im ersten Moment in der Tür, nahezu erstarrt, als sie auf ihren gequälten Vater sah und den Menschen bemerkte, der voller Brutalität dämonisch auflachte.
Dieses Lachen war es, was Aníril rasend machte. Einem Raubtier gleich schoss sie auf den Menschen zu, der sie in seinem animalischen Trieb nicht einmal bemerkt hatte. Mit einem Ruck unter Aufbietung ihrer ganzen Kraft, begleitet von einem wütenden Aufschrei riss sie den Mann von Erestor weg und schleuderte ihn mit aller Macht gegen die nächste Steinwand. Das Gesicht des Mannes verzog sich erstaunt und gleichzeitig voller Schmerzen über den Aufprall.
Aníril ließ dem Menschen keine Zeit. Noch bevor der Mann zu einem Gegenangriff übergehen konnte, hatte sie ihr Schwert gezogen. Ihre vor Hass wütend funkelnden Augen waren das Letzte, was er sah, bevor die Elbenmaid ihm mit einem Streich die Kehle durchschnitt.
Ein Schwall roten, warmen Blutes schoss hervor und besudelte Aníril über und über, während der tote Körper des Menschen vor ihr in sich zusammensackte. Doch die Elbenmaid nahm dies gar nicht mehr wahr, nur ein wenig bedauerte sie, dass er jetzt nicht weiter leiden würde. Atemlos wandte sie sich um und sah ihren Vater ebenfalls am Boden liegend. Augenblicklich vergaß Aníril alles andere und stürzte zu dem dunkelhaarigen Elben.
Noch immer völlig unfähig sich zu rühren, starrte Glorfindel auf das Geschehen. Sein Herz verkrampfte sich bei dem Anblick des Noldo, der auf dem Boden lag, sich nicht rührte und über und über mit Blut und Dreck besudelt war.
„Adar!" Anírils Ausruf war leise, als sie sich neben Erestor zu Boden sinken ließ. Ihr Körper krampfte sich bei seinem Anblick zusammen. Niemals hätte sie erwartet ihn so vorzufinden, immer war ihr Herz noch von Hoffnung erfüllt gewesen. Nun zog die Elbenmaid den beinahe leblosen Körper ihres Vaters in die Arme.
„Adar", flüsterte sie wieder. Alle Anspannung fiel von ihr ab, als Aníril Erestor in den Armen hielt, ihn beinahe so sanft wiegte wie ein kleines Kind und sich ihre Augen mit Tränen füllten.
„Ada, nun sag doch etwas… bitte", sagte sie dann wieder leise. Ihre Stimme zitterte und war kaum mehr als ein fast lautloses Schluchzen.
Gänzlich in seiner Marter versunken registrierte sein Verstand nicht, wie der Mensch von ihm gerissen wurde. Sein Geist blieb umnebelt, entfernt vom Körper, blickte auf diesen herab und belächelte ihn grimmig. Der Ruf der Hallen Mandos erklang, zog ihn unerbittlich zu sich. Stumpf warf er einen letzen Blick auf den geschundenen Leib, bemerkte nur am Rande die Dunkelhaarige, die sich neben ihn kniete. Warum sollte er zurückkehren? Welchen Sinn hatte dies? Zurück in die gepeinigte Gestalt? Seufzend wollte er sich abwenden, in die Leere hinab gleiten, als etwas sein Interesse erregte. Etwas heißes, feuchtes spürte er auf seinen Zügen, hörte die Qual seiner Tochter.
Mühsam schlug er die Augen auf.
Endlich erwachte der blonde Elb aus seiner Starre, trat vorsichtig neben Aníril, legte ihr die Hand auf die Schulter und blickte in das zerschundene Gesicht seines Freundes. Elend wallte in ihm empor und er spürte die Tränen, die über seine Wange rannen. Was sollte er nur tun?
Auch Aníril weinte stumm, während sie den warmen Körper ihres Vaters hielt. Tränen fanden den Weg über ihr Gesicht, hinterließen nasse Spuren, ihre Augen waren verschleiert. „Bitte Ada", wiederholte Aníril und presste ihren Vater noch mehr an sich, als sie sah, wie seine Lider zuckten und sich schließlich öffneten. Der Atem wollte ihr aussetzen vor Freude, während sie dies bemerkte. Doch gleichzeitig wusste die Elbenmaid, dass sie nicht länger in diesem Raum bleiben konnten, dass sie Erestor auf schnellstem Wege nach Imladris bringen mussten, wenn er gerettet werden sollte.
Aníril wandte den Kopf nach oben, sah den blonden Elben, dessen warme Hand auf ihrer Schulter ruhte.
„Glorfindel… wir müssen ihn hier wegbringen, nach Bruchtal. Schnell", hastig stieß sie diese Worte hervor und man konnte die Dringlichkeit in ihrer Stimme hören.
Erleichtert und auch in dem Bewusstsein, dass Erestors Tochter Recht hatte, ging er um den nackten Elben herum, griff unter den Körper, der sich ob der Berührung verspannte.
„Erestor, lass dich tragen, wir bringen dich nach Bruchtal zurück", flüsterte er in sein Ohr, und der Noldo entspannte sich, sodass Glorfindel ihn hochheben konnte.
Selig blickte Erestor in das Gesicht seiner Tochter, betrachtete die Tränenspuren und verbannte den Schmerz aus seinem Körper, ließ ihn nicht in sein Bewusstsein. So merkte er die sanften Hände des Balrogtöters erst sehr spät und verkrampfte sich, erschrak. Doch die leise, vertraute und geliebte Stimme brachten ihn dazu, sich zu entspannen. Mühsam wandte er den Blick zu den strahlend blauen Augen, verlor sich fast in der Farbe.
„Glorfindel…", flüsterte er und ließ sich in die warmen Arme fallen.
Aníril übergab ihren Vater ungern an den blonden Elben, doch wusste sie, dass sie ihn alleine niemals zum Ausgang der Höhle tragen könnte. Ihre Tränen versiegten, aber ihre Augen schimmerten noch feucht, als die Elbenmaid sich erhob. Kaum war sie sich bewusst darüber, wie sie wohl aussehen musste. Ihre einzigen Gedanken waren bei ihrem Vater, der nun von Glorfindel aus dem dunklen Raum hinausgetragen wurde, den Gang entlang, den sie gekommen waren. Müde wankte Aníril hinter den Elben her, gefangen von den Erlebnissen und dem Geschehen in der Höhle. Nie hatte sich die Elbenmaid das Tageslicht mehr herbeigesehnt, als in diesem Moment.
Vorsichtig trug Glorfindel den Berater auf seinen Armen, genoss das warme Gefühl des Körpers, der sich vertrauensvoll an ihn schmiegte, die Umgebung aber immer noch wachsam beobachtete. Doch begegneten sie niemandem mehr, bis sie endlich die anderen erreichten. Dort stellten sie auch fest, warum kein Mensch mehr durch die Tunnel lief.
Haldir eilte ihnen entgegen, ein erleichterter, fast glücklicher Ausdruck auf seinen Zügen.
„Zum Glück lebst du noch, alter Freund", flüsterte er Erestor entgegen und hauchte ihm einen sanften Kuss auf die Stirn, was diesen dazu veranlasste, zu lächeln. Genauso wie Glorfindel, zu selten sah man das Lächeln des Hauptmannes und auch Emotionen in den Augen. „Danke, Aníril, ich kam gerade rechtzeitig, den Bruder deines Geliebten vor dem sicheren Tod zu bewahren. Orophin hatte bereits jeglichen Menschen erschlagen und wandte sich dann Elladan zu. Doch nun ist er wieder völlig er selbst."
Wie zum Verständnis nickte Glorfindel und Haldir fuhr bereits fort.
„Wir sollten uns beeilen, die Pferde warten vor dem Eingang. Degil und seine beiden Männer werden hier bleiben und die Leichen verbrennen", erklärte er und eilte den drei Elben voraus.
Erleichterung durchflutete Glorfindel, als er das Sternenlicht auf seinen Zügen fühlte. Ein kurzer Blick auf die Zwillinge zeigte ihm, dass Rúmils Verletzung zwar ernst, doch nicht tödlich war. Geschwind stiegen sie auf und der blonde Balrogtöter behielt Erestor weiterhin auf dem Arm, nicht willig ihn loszulassen.
Erestors Tochter war erleichtert, als sie endlich die Höhle verließen und die anderen Elben erblickten, die nun wartend neben den Pferden standen. Die Elbenmaid bemerkte die erstaunten und besorgten Blicke, welche Erestor, doch auch ihnen galten, nur am Rande. Wie in Trance stolperte sie auf ihr Reittier zu, nahm ihre Umgebung kaum mehr wahr. Es dauerte ein wenig, bis sie auf ihrem Pferd saß und auch die anderen Elben sich auf ihre Reittiere geschwungen hatten. Glorfindel hielt Erestor vor sich auf dem Ross, doch Aníril war es fast gleich. Sie wollte nur zurück nach Imladris, ihren Vater in Sicherheit wissen. Und sie sehnte sich nach ihrem Geliebten, der ihr vielleicht den Trost spenden konnte, den sie dringend brauchte.
Der Rückritt schien an Aníril vorbeizugehen, es ereignete sich nichts, was in ihrem Gedächtnis haften blieb. Zügig eilte der Trupp über die Wege, die Hufe der Pferde schlugen einen schnellen Rhythmus auf dem Untergrund.
Noch immer schienen die Sterne der Nacht auf sie herab, als die Gruppe sich schließlich Imladris näherte.
Der Wald zog nur so an ihm vorbei, als sie sich dem Letzten Heimeligen Hause näherten, und Glorfindel spürte eine Dringlichkeit wie nur selten zuvor. Erestor, bedeckt von seinem Umhang, schien zwar noch bei Bewusstsein zu sein, aber seine Augen hatten sich wieder vor Qual getrübt. Sie mussten so bald wie möglich Bruchtal erreichen, Elrond erreichen. Er könnte es einfach nicht ertragen, wenn er den Dunkelhaarigen jetzt noch verlieren würde.
„Wir sind bald da, halte so lange durch, mein geliebter Noldo", flüsterte er Erestor zu, der langsam sein Gesicht hob und ihn anlächelte.
„Ich… habe…nicht vor… aufzugeben… noch… muss… ich etwas… gestehen", erklärte dieser stockend und barg erneut seinen Kopf an Glorfindels Schulter im Kampf gegen die Schmerzen.
Inzwischen hatte die Gruppe Imladris fast erreicht. Nur noch wenige Schritte trennten die Pferde von den Häusern des Elbenreiches westlich des Nebelgebirges, dann waren sie endlich da. Aníril wollte erleichtert aufseufzen, endlich wieder schienen die Dinge in ihr Bewusstsein, in ihre Gedanken vorzudringen. Aber so nahm sie auch wahr, wie laute Stimmen aus den Gärten erschallten.
Verwirrt wie auch die anderen Elben sah sie sich um, verengte den Blick, bis sie schließlich einige Gestalten zwischen den Bäumen erkannte. Aníril wollte das Herz wieder still stehen, als sie die Situation erfasste. Neben Melelhídhril und Elrohir standen dort einige unbekannte Elben und einer von ihnen, ein blonder Elb, hielt ihrem Geliebten ein Schwert an den Hals. Selbst aus der Entfernung konnte Aníril die Spannung, welche in der Luft lag, spüren. Gerade erst davon erlöst, dass die Elbenmaid um ihren Vater bangen musste, gefror ihr das Blut erneut in den Adern und ein Zittern ergriff Besitz von ihrem Körper.
Nur aus den Augenwinkeln sah sie, wie Elladan sein Pferd antrieb und schnell an ihr vorbei ritt. Laut hallte seine Stimme durch die Nacht, als er rief:
„HALT!"
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An alle Lesenden: wir würden uns sehr über Kommentare von euch zu diesem Kapitel freuen, weil es uns sehr schwer gefallen ist, es zu schreiben ;).
Galu: Danke für dein Rev, fühl dich ganz lieb durchgewuschelt ;). Öhm fieser Cliffy… tjaaaaaaa... naja… Der hier ist ja auch nicht besser ;). Das mit Elrond und Thranduil ist wegen dem zweiten Zeitalter und der letzen Schlacht, in der Oropher verstarb ;). Irgendwie tut mir Erestor voll leid nach diesem Kapitel ;)
Kasha: Danke für das Review, fühl dich auch geknuffelt ;). Wir und fies? Nie doch ;). Hey, wenn wir schon Erestor so leiden lassen, dann sollten wir uns wenigsten Zeit mit lassen oder? Lothion ist ein Charakter von Heitzi, er kommt auch in Fallende Engel vor… daher kennt Erestor ihn ;). Er ist die Leibwache Thranduils, aber auch einer seiner Heerführer ;).
Stern: Danke für dein Rev, fühl dich weggeknuddelt. Alsoooo: es war wohl doch nicht Elrond, welcher die Unterhaltung stoppt ;). Und wir haben diesmal extra Schnell upgedatet, um niemanden zu lange warten zu lassen ;). Und wie du siehst, er scheint gerettet ;).
Narwain: Danke für dein Rev, fühl dich in den Boden geknutschelt ;). Wie du siehst, er hat sich nicht totgelacht, auch wenn es sehr knapp war… armer Erestor… irgendwie tut er mir voll leid… ich bin immer so grausam zu dem armen Elben… dabei hab ich ihn doch eigentlich von allen am liebsten ;).
Turquenione: Danke für das Review ;). Sorry, wenn ich dich enttäuschen muss, aber der Besuch Erestors im Düsterwald war im Jahre 554 Drittes Zeitalter, und da war Elrond Glücklich mit seiner Celebrían verheiratet, so wie Thranduil mit seiner Gemahlin (nachzulesen in Fallende Engel, von Valinja und mir, da schreiben wir über diesen Besuch, es ist abgeschlossen). Es liegt eher daran, das Oropher bei der Schlacht des letzten Bündnisses umkam und Elrond das hätte verhindern können, indem er Gil-Galad überredet hätte ihm zu helfen…
Nillome: schön wieder einmal was von dir zu hören ;). Danke für die Revs. Die Antworten auf deine Reviews gibt's dann erstmal per ICQ, weil es ja sonst schwierig wird, solltest du jemals wieder aufholen, gibt's auch wieder hier Antworten ;).
Morgan: HUHU, lebst du noch? Ist richtig ungewohnt, dass du so lange zum betaen eines Kapitels (Traum vom Tod 2) brauchst ;). Und hier höre ich auch nichts mehr von dir… ich glaub ich gebe bald eine Vermisstenanzeige auf ;)
