A/N:
liz1988: Merci, merci für so viel Lob! Ich schreibe wie auf Wolken weiter:-)


Kapitel 6
Katze aus dem Sack

"Bitte halten Sie sich zu unserer Verfügung, und Miss Sidles Suite ist bis auf weiteres für Sie tabu, aber das wissen Sie ja."

Detective Railey reichte Sara seine Karte und verließ mit Josh den Raum.

Als sich die Tür geschlossen hatte, sank Saras Kopf an Jims Schulter.

"Alles in Ordnung?", fragte er und legte seinen Arm um sie.

"Du meinst, außer, dass wir uns gerade in einem Alptraum befinden? Naja, mir ist irgendwie schwindlig."

"Dann sollten wir frühstücken. Seit den hor d'oeuvres ist viel Zeit vergangen."

"Wie kannst du nur schon wieder ans Essen denken? Aber gut, lass uns runtergehen, 'n Kaffee wäre wirklich nicht schlecht."

Vom Fenster her erklang ein Räuspern und Jim merkte, wie sich Sara verspannte.

"Sara, kann ich dich einen Augenblick sprechen – allein?"

Jim holte Luft, doch Sara gab ihm einen Kuss auf die Wange und murmelte:

"Ich komme gleich nach."

Er ließ sie los und stand auf. Für Sekunden starrten sich die beiden Männer undurchdringlich an, dann drehte Jim sich um und ging aus dem Zimmer.

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Grissom lehnte sich seitlich ans Fenster und schaute nach draußen. Ein paar Minuten herrschte zwischen ihm und Sara Schweigen. Dann sah er zu ihr hinüber.

"Bist du dir sicher, ich meine … mit dem zwischen dir und ihm?"

"Weshalb fragst du das?"

Er atmete hörbar aus, ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und schwieg wieder.

Nach etlichen weiteren Minuten sagte er:

"Nach dem Ärger mit Fuller gestern hätte Jim nicht … ich meine …"

Sara stand auf und ging langsam hinüber zu ihm ans Fenster.

"Du denkst, Jim hat meine Situation ausgenutzt?"

Er nickte. Sie schaute ernst zu ihm auf.

"Ich bin mir sicher, dass das mit ihm und mir auch ohne Kens Auftritt geschehen wäre. Vielleicht nicht so schnell, das stimmt, aber manche Erlebnisse im Leben lassen einen eben klarer sehen."

"Oder fühlen."

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Jim stand neben Josh im Innenhof und schaute zur Brüstung der Dachterrasse hinauf.

"Ich glaube, dass Ken vom Seiteneingang der Suite aus ins Gemäuer gestiegen ist, um auf die Terrasse zu gelangen, und oben abgerutscht ist. Die Spuren an der Wand und am Geländer deuten darauf hin", erklärte der CSI.

Jim nickte und sagte:

"Wahrscheinlich dachte er, er kommt über die Terrassentür leichter ins Zimmer. Stellt sich nur die Frage, wieso er den Halt verloren hat."

Josh wischte sich mit seinem Ärmel über die Stirn.

"Ich bin schon hochgeklettert, war kein Problem. Selbst im Dunkeln ist das einfach. Es könnte ihn aber jemand wieder hinunter gestoßen haben …"

Jim sah ihn mit hochgezogenen Brauen an und Josh redete hastig weiter:

"… oder er hat sich vor irgendwas erschreckt oder er hatte wegen seines Alters nicht genug Kraft und ist deshalb nach unten gesegelt, immerhin war er schon über 50."

"Was meinen Sie, Josh?", fragte Jim und schüttelte ungläubig den Kopf, „Dass man mit 50 schon bei so was entkräftet in den Seilen hängt?"

"Sie können ja mal ausprobieren, ob Sie ohne weiteres da hoch kommen", grinste der junge Mann ihn an.

Jim lachte und ging die Treppe bis zur Hälfte hinauf, schwang sich über das Geländer und stieg ins Gemäuer. Mit ein paar Griffen hangelte er sich weiter hoch und hielt sich an der Brüstung der Dachterrasse fest.

"So in etwa?", zwinkerte er Josh zu und wollte sich weiter hochziehen, als sein Blick auf das Fenster des Nachbarzimmers fiel.

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

"Oder fühlen", wiederholte Sara Grissoms Worte.

"Sara, ich …"

Grissom berührte sie an der Wange und beugte sich zu ihr hinunter, doch sie schüttelte fast unmerklich den Kopf.

"Ich bin mir sicher, Grissom."

Er stoppte, kurz bevor sich ihre Lippen trafen, und seine Augen weiteten sich. Von draußen hörten sie einen Schrei und ein Krachen. Sara wirbelte herum und starrte in den Innenhof.

"Jim!", rief Grissom.

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Sara rüttelte an der Tür zu ihrer Suite und fluchte:

"Verdammt, zugeschlossen! Mir müssen unten rum!"

Von Grissom gefolgt rannte sie die Treppe hinunter und stieß im der Lobby fast mit Detective Railey zusammen.

"Miss Sidle, ich hätte da noch …"

"Jetzt nicht!", rief sie und eilte weiter, durch eine Tür neben der Kaminecke, hinaus ins Freie des Hofs.

Josh zog Jim gerade aus dem Gebüsch, doch dieser ließ sich gleich wieder auf den Boden sinken und stützte seinen Kopf ab. Sara kniete sich neben ihn und nahm sein Gesicht in ihre Hände.

"Oh Gott, ist dir was passiert, Jimmy? … Jim?"

Er blinzelte und schüttelte langsam den Kopf.

"Was ist hier los, Josh?", herrschte Detective Railey den CSI an.

"Wir haben versucht herauszufinden, wieso Ken von dort oben abgestürzt ist."

"Mit anderen Worten: du bist da hochgeklettert?", fragte Sara Jim entsetzt. „Spinnst du? Mal abgesehen davon, dass du hier nichts am Tatort verloren hast, ist das auch gefährlich – wie man sieht!"

"Ach was, da hochzuklettern ist ein Kinderspiel", brummte Jim, schüttelte Saras Hände ab und zog sich mit Joshs Hilfe hoch.

"Ihrem Absturz nach ist es das nicht", warf Detective Railey ein, „und mit dem anderen hat Ihre Freundin auch Recht: Sie haben sich hier verdammt noch mal nicht rum zu treiben, das ist eine laufende Ermittlung!"

Jim warf Sara einen finsteren Blick zu.

"Ich wäre nicht abgestürzt, wenn …"

"Es ist meine Schuld", sagte Grissom.

Alle drehten sich zu ihm um und starrten ihn an. Grissom legte verlegenen seinen Kopf schief.

"Er hat Sara und mich am Fenster gesehen … Aber es ist nicht so wie Sie denken, Jim … es ist … es ist nichts zwischen uns passiert …"

"Hören Sie auf zu stammeln, Gil, wegen Ihnen bin ich nicht abgestürzt, sondern deswegen hier."

Jim hob seine Hände hoch. Auf den Handrücken waren je fünf lange, tiefe, blutige Kratzer zu sehen.

"Die Katze!", rief Sara und drehte sich zu Railey um. „Gegen Mitternacht sind Jim und ich von einem Poltern aufgewacht und haben auf der Dachterrasse nachgeschaut. Das Einzige, was wir gesehen haben, war eine Katze … Wir haben gedacht, sie hätte was umgeschmissen ..."

"Hat sie ja irgendwie auch", murmelte Josh.

Railey sah seinen CSI missbilligend an und sagte zu den anderen gewandt:

"Das deckt sich mit den Autopsiebefunden, die ich gerade erhalten haben: Todeszeitpunkt um Mitternacht herum und Kratzer von Tierkrallen auf den Händen. Todesursache war Schädelbasisbruch. Captain Brass, Sie können von Glück sagen, dass Sie nicht auf die Steine hier im Beet geknallt sind."

xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Sara zog sich ein langärmeliges Shirt über und verließ ihre Suite. Vor ihrer Tür wartete Grissom auf sie und ging mit ihr zusammen die Treppe hinunter.

"Detective Railey hat angeboten, uns zur Konferenz zu fahren, kommt ihr mit?", fragte er.

"Ich glaube nicht, ich muss noch was klären", antwortete sie und blieb mit ihm am Fuße der Treppe stehen.

Grissom deutete fragend zur Sitzecke am Kamin. Sara folgte seinem Blick. Jim saß auf einem der Sofas und starrte mit der nur noch halbvollen Glasschale für die hausgemachten Schokoladenplätzchen auf dem Schoß vor sich hin.

Sara nickte und Grissom berührte sie kurz an der Schulter.

"Viel Glück."

Sie ging hinüber und setzte sich neben ihn.

"Ist das dein Frühstückersatz?"

"Was dagegen?"

"Nein, aber ich möchte mit dir reden … ohne das Ding zwischen uns."

Sie nahm ihm das Schälchen aus den Händen und stellte es auf den Couchtisch vor ihnen. Er verschränkte seine Arme und sah sie kalt an.

"Du kannst aufhören, mich so anzugucken, ich weiß, was du für mich empfindest", sagte sie, rückte näher an ihn und legte ihre Hände auf seine Oberschenkel.

"Da weißt du mehr über mich als ich über dich."

"Und was ist mit letzter Nacht? Sagt dir das gar nichts über meine Gefühle?"

"Ist Sex bei einem Mile High Clubmitglied ein Indikator dafür?"

Ihre Augen verdunkelten sich. Sie zog ihre Hände zurück und stand auf.

"DAS denkst du also über mich? Dass ich ein Flittchen bin? Leicht zu haben? Du irrst dich, Jim Brass. Ich war damals 21 und Ken Fuller war meine erste große Liebe. Leider beruhte das nicht auf Gegenseitigkeit. Dann kam Grissom, über den ich versucht habe, mit Hank hinweg zu kommen. Du siehst: Ein Reinfall nach dem anderen. Und bei dir habe ich mich wohl auch geirrt."

Jim sah ihr nach, wie sie die Lobby verließ und die Treppe hinaufging. Als er hörte, wie sie oben ihre Tür schloss, stellte er das Schälchen mit den Keksen zurück auf seinen Schoß und ließ sich ins Polster sinken.

TBC