2. Kapitel
Erik
In meinem Versteck, hinter der Wand, direkt neben der Eingangstür, musste ich unwillkürlich lächeln.
Dieses Mädchen hatte wirklich Mut, denn nachdem sie sich kurz von dem Schrecken
erholt hatte, den ich ihr eingejagt hatte, war sie weder eingeschüchtert noch verängstigt gewesen.
Ich glaubte, dass Christine in Ihrer Obhut gut aufgehoben sein würde.
Ich hatte diese junge Frau des Öfteren während der Proben mit Christine zusammen stehen und reden sehen.
Wie hieß sie doch gleich, Mademoiselle De Trout, doch ihren Vornamen kannte ich nicht.
Wenn ich mich recht erinnerte war sie mir vor knapp einem Jahr das erste Mal aufgefallen.
Wie sie gesagt hatte, machte sie ihre Sache wirklich gut und ihre ruhige
Ausstrahlung übertrug sich fast immer auf denjenigen dessen Kostüme und Requisiten sie betreute
Außerdem schien sie eine enorme Begabung zu besitzen, was das Entwerfen von Kostümen betraf.
Immer wenn sie gerade nicht gebraucht wurde saß sie über ihrem Skizzenblock und
zeichnete. Einmal hatte ich einen kurzen Blick auf ihre Entwürfe erhaschen
können und was ich gesehen hatte erstaunte mich.
Ihre Kostümentwürfe waren meist in kräftigen Farben gehalten und meist kustvoll und aufwendig verziert.
Zwar war sie bisher nur für das Ausbessern der Kostüme zuständig, aber wenn
sich ihre Arbeit für Christine als gut herausstellen würde, würde ich vielleicht etwas daran ändern.
Ja, sie passte in mein Opernhaus!
Ich war durchaus zufrieden mit mir als ich die unzähligen Stufen, die in meineWohnung führten, hinabstieg.
Alles war genau so gelaufen wie ich es geplant hatte. Christine würde heute Abend mit
Sicherheit triumphieren und ich freute mich, diesem Triumph beiwohnen zu dürfen.
Was ich von der neuen Direktion zu halten hatte wußte ich noch nicht.
Sicherlich würden sie nicht so einfach zu lenken sein, wie der recht einfältige
Monsieur Poligny. Ich sah einige neue Unannehmlichkeiten auf mich zukommen, aber ich
konnte sehr überzeugend sein, wenn ich wollte.
Der Mechanismus, einer meiner drei Eingangstüren, klickte leise als ich ihn betätigte und in mein Reich entrat.
Wie immer empfing mich der warme Schein unzähliger Kerzen und natürlich meine geliebten Katze Aeysha.
Sie strich mir um die Beine und ich nahm sie auf den Arm um ihren Kopf zu kraulen.
"Hast du mich vermisst, meine Schöne?"
Zur Antwort bekam ich ein wohliges Schnurren.
Mit dem freien Arm legte ich meinen Umhang ab und hängte ihn über den Sessel der mir am nächsten Stand.
Ich ertappte mich immer öfter dass ich erleichtert aufatmete wenn ich meine
Räumlichkeiten nach einem Streifzug durch die Oper betrat.
Zwar überkam ich in letzter Zeit sehr häufig ein herbes Gefühl der Einsamkeit,
meist nach den Unterrichtsstunden in Christines Garderobe, aber andererseits
wollte ich den Menschen ferner bleiben als jemals in meinem Leben zuvor. Ich
war zwiegespalten und dieses Gefühl versetzte mich in einen Zustand der
Ruhelosigkeit, den nur das Morphium ein wenig zu lindern vermochte.
Wie es wohl wäre, meine Räumlichkeiten mit jemandem zu teilen. Jemandem der aus freien Stücken und gerne bei mir war.
Aber einen solchen Jemand würde es wohl niemals geben und schmerzhaft rief ich mich so in die Realität zurück.
Ich ließ mich seufzend in einen der Sessel fallen und nahm meine Maske ab.
Hier war es unnötig sie zu tragen und hier fühlte ich mich auch nicht mehr unwohl ohne sie.
Mein Blick glitt über meine Eingangshalle, die gleichzeitig auch mein Salon war und meinen Räumlichkeiten vorstand.
Ich hatte jedes Zimmer anders gestaltet, jedes inspiriert von einem Land welches ich bereist hatte.
Hier war alles in einem klassisch französischen Stil gehalten. Mit hellen Farben wie Elfenbein, creme und Gold.
Wenn man in einer Wohnung ohne Fenster wohnte war es wichtig nicht allzu viele
dunkle Farben zu verwenden. Dieser Raum glich ein wenig dem großen Zuschauerraum der
Oper. Die Möbel waren mit edlem dunkelrotem Samt bezogen. Mein wichtigstes
Instrument, meine Orgel, nahm fast eine gesamte Wand des Zimmers ein und daneben
befand sich ein herrlicher Kamin, dessen Umrahmung ich selbst geschnitzt hatte.
Am unteren Rand befanden sich kleine boshafte Teufelsfiguren, direkt in der nähe
des brennenden Kaminfeuers und je weiter man den Rahmen nach oben verfolgte
veränderten sich die Figuren bis sie zuerst zu normalen Menschen und schließlich zu Engeln wurden.
An meinen Wohnraum grenzten drei Zimmer an. Mittig mein Esszimmer samt Küche
über dessen Eingang sich eine Treppe befand die in den oberen Stock meiner Wohnung führte.
Links führte eine Tür in ein Arbeitszimmer in dem ich zeichnete oder Skulpturen
und Bauzeichnungen anfertigte wenn mir danach war.
Rechts von mir ein schloss ein Raum, der eine Art Gästezimmer war, an meinen
Wohnraum an. Dieses Zimmer besaß Anschluss an ein separates Badezimmer.
Seit ich Christine unterrichtete, seit nunmehr fast fünf Monaten, war ich regelrecht vernarrt in sie.
Aber anstatt dass sich meine Gefühle, ihr gegenüber, ein wenig abkühlten wurden
sie mit jeder weiteren Unterrichtsstunde intensiver.
Wie oft hatte ich nach einer dieser Stunden in meinem Schlafzimmer gesessen
und mir geschworen am nächsten Abend nicht wieder zu Christine zurückzukehren,
doch es war wie ein Sucht, schlimmer als die nach meiner vertrauten Droge, die mich
immer wieder nachgeben und meine guten Vorsätze vergessen ließ.
Die wenigen Stunden mit Christine gaben meinem Leben wieder einen Sinn und
waren die größte Freude die ich, außer meiner Musik, erfahren durfte.
Ihre Stimme hob mich empor und wenn ich sie nicht hören durfte stürzte ich
tief in einen dunklen Abgrund der Verzweiflung.
Ich wußte nicht wohin mich dieser Weg noch führen würde, aber ich befürchtete
dass nichts Gutes aus dieser geheimen Verbindung entstehen konnte.
Als könnte Aeysha meine innere Unruhe spüren schmiegte sie sich ein wenig enger an mich.
"Du bist wohl das einzige Wesen das sich jemals nach meiner Nähe sehnen wird!"
Ihre großen blauen Augen blickten mich kurz verständnislos an, dann schmiegte sie ihren Kopf wieder in meine Armbeuge.
Christine...
Was gäbe ich darum um sie werben zu können wie jeder normale Mann?
Dann lägen zwar immer noch die 16 Jahre Altersunterschied zwischen uns, aber
diese stellten sicherlich kein so großes Hindernis da wie die Bürde die ich seit meiner Geburt zu tragen hatte.
Gedankenverloren tastete meine linke Hand hinauf zu meinem Gesicht.
Meine Selbstzufriedenheit war mit einem mal verflogen und ich musste mich
zusammenreißen um nicht wieder in einen dieser dunklen Zustände zu verfallen
die mich seit neustem immer häufiger heimsuchten.
Meine Musik war das einzige was mir jetzt helfen konnte.
Sanft setzte ich Aeysha auf den Boden, stand auf und ging hinüber zur Orgel und schon nach
wenigen Minuten schwand meine dunkle Stimmung und ich schwamm losgelöst durch ein Meer von Tönen und ließ meine Gedanken und Wünsche ungehindert ihnen treiben.
Elysé
Die Proben liefen auf Hochtouren und die Begeisterung über Christines Stimme
hielt nachhaltig an und verstärkte sich mit jedem ihrer Einsätze mehr.
Während einer Szene, in der Juliette nicht auftrat, schlüpfte Christine in die beiden
Kleider die ich und das Phantom, bei diesem Gedanken musste innerlich schmunzeln, für sie ausgesucht hatten.
Da beide Kleider ein wenig zu weit für sie waren steckte ich sie schnell an
ihr ab und als sie zu ihrer nächsten Szene gerufen wurde, begann ich mit dem ändern der Kleider.
Es dürfte kein Problem darstellen die Kostüme bis zur Vorstellung am Abend fertig zu bekommen.
Sie mussten außerdem noch ein wenig ausgebessert werden, da einige Perlen und
Steine nur noch am, sprichwörtlich, seidenen Faden hingen. Zwar hatte ich das
Nähen nie erlernt, aber ich schien ein gewisses Talent dafür zu besitzen.
In meiner freien Zeit saß ich oft bei den Näherinnen der Kostümabteilung um ihnen über die Schulter zu sehen.
Ich schwelgte in den schönen Stoffen und war begeistert von ihren Fertigkeiten
was das Sticken von Mustern betraf.
Wenn ich Abends mit meiner Mutter und meinen Geschwistern zusammensaß übte ich
an ihren Kleidern, Hosen und Jacken die ausgebessert werden mussten und
fertigte neue Kleider für sie an, aus Stoffen an, die in der Oper nicht mehr gebraucht wurden.
Diese Stoffe konnte ich günstig erwerben, da sie ja niemandem mehr von Nutzen waren.
So sah man meiner Familie und mir die bescheidenen Umstände, in denen wir lebten, meist nicht an.
Von Zeit zu Zeit schien mein Kopf vor Ideen für neue Kleider und Jacken
überzuquellen und ich hielt alles auf Papier fest welches sich schon in großen
Stapeln in meinem kleinen Zimmer häufte.
Meine Mutter riet mir oft meine Entwürfe doch einmal in der Oper
vorzulegen, doch bisher hatte sich dazu noch keine passende Gelegenheit ergeben.
Ich hatte mir einen Platz gesucht von dem aus ich das Geschehen auf der Bühne
überblicken konnte, während ich nähte, auftrennte und anschließend neu zusammennähte.
Um die Mittagszeit machte ich eine kurze Pause um mir in einem nahe gelegenen Bistro etwas zu essen zu kaufen.
Für die Mitarbeiter der Oper bestand zwar auch die Möglichkeit Essen von einem Booten liefern zu lassen,
aber ich genoss es meist für ein paar Minuten an die frische Luft zu kommen und meine leicht schmerzenden
Schultern zu lockern.
Als ich auf meinen Platz zurückkehrte wurden einige Szenen gerade zum zweiten Mal durchgeprobt.
Ich hatte mich schon zu Anfang gewundert dass Christine die komplette Partitur so sicher auswendig kannte doch
mit ihren festgelegten Standpunkten während der Aufführung tat sie sich ein wenig schwer.
Christines Schauspiel war nicht so beeidruckend wie ihre Stimme, was aber
wahrscheinlich von der ihr mangelnden Übung herrührte.
Sie schien Probleme damit zu haben sich zu verstellen und schien es von großem Vorteil, dass die Figur der
Juliette ihrem Wesen recht nahe kam.
Sie war eben ein durch und durch ehrliches Ding und selbst wenn sie versuchte
jemandem etwas vorzuspielen durchschaute man sie schon nach wenigen Sekunden.
Meine Gedanken machten sich selbstständig auf die Reise, während ich wieder einmal mit einem verknoteten Faden
kämpfte und kehrten zurück in den Kostümfundus und zu der seltsamen körperlosen Stimme die ich dort gehört hatte.
Egal wie schön und mystisch diese Stimme auf mich gewirkt hatte, ihr Klang konnte mich
nicht darüber hinwegtäuschen dass sie in einem Menschen aus Fleisch und Blut
ihren Ursprung fand. Und dieser Jemand musste sich der Wirkung seiner Stimme durchaus
bewusst sein, sonst würde er sie nicht so effektiv einsetzen.
Ich war seit langem der Überzeugung dass es sich bei dem Phantom der Oper
keineswegs um einen Geist, sondern um einen Meisterbetrüger handelte.
Es wurde unter den Angestellten gemunkelt, dass das Phantom monatliche Bezüge
von der Direktion erhielt und das in einer recht beträchtlichen Summe.
Was sollte ein Geist mit Bargeld anfangen?
So leichten Glaubens war ich sicherlich nicht.
Die Frage die sich mir aufdrängte war nur, wie dieser Meisterbetrüger all die
fantastischen Dinge zu Stande brachte, die das Phantom eben als jenes
ausmachten und warum er diese Dinge tat.
Da meine Überlegungen mich, wie immer, nicht weiter brachten richtete ich meine
Aufmerksamkeit wieder zurück auf meinen Faden und das Geschehen auf der Bühne,
worauf hin sich mir eine neue Frage aufdrängte.
Warum gab es eigentlich keine Zweitbesetzung für La Carlotta aber eine für ihren Gatten?
Ubaldo Piangi war mindestens genauso überzeugt von sich und seinem Können wie seine Frau.
Als ich meine Arbeit beendet hatte wollte ich Christines Kostüme in Ihre
Garderobe bringen als mir auffiel, dass sie als Chormädchen und Tänzerin
bisher in einer der Sammelgarderobe untergebracht war.
Also begab ich mich in den Zuschauerraum zu den beiden neuen Direktoren.
Diese wirkte sichtlich zufrieden, was an der gut verlaufenden Probe liegen musste, und unterhielten sich angeregt.
"Messieurs, dürfte ich Sie wohl kurz stören?" Ich wartete einen Moment bis sie sich mir zuwandten.
Zwei Augenpaare richteten sich auf mich und sahen mir fragend an.
"Ich habe nun zwei Kleider für Mademoiselle Daaé abgeändert und würde sie gerne in ihre Garderoben hängen...!"
"Dann tun sie es doch auch, Mademoiselle!" unterbrach mich Monsieur Firmin.
Ich räusperte mich kurz um dann mit meinem Satz fortzufahren.
"Das würde ich ja gerne Messieurs, aber aufgrund der Tatsache, dass
Mademoiselle Daaé bisher als Chormitglied und Tänzerin tätig war, war sie in der
Gemeinschaftsgarderobe des Corps de Ballett untergebracht."
Man konnte in den Mienen der neuen Direktoren lesen, dass endlich verstanden hatten was ich versuchte ihnen zu sagen.
Sie besprachen sich kurz im Flüsterton, so dass ich kaum etwas verstehen konnte, dann wandten sie sich mir wieder zu.
"Mademoiselle, wir haben von Madame Giry erfahren, dass Mademoiselle Daaé vor
einigen Monaten Monsieur Polignys Erlaubnis erhalten hat, jeden Abend einige Stunden
in der Oper zu proben. Wir würden Ihnen vorschlagen, die Garderobe für Sie
einzurichten die sie abends benutzt. Wir wissen allerdings nicht um welche es
sich dabei handelt. Das müssen Sie sie schon selbst fragen. Merci!"
Die Direktoren deuteten mir mit einem Kopfnicken an, dass sie das Gespräch damit als beendet ansahen.
"Vielen Dank für ihre Auskunft!" bedankte ich mich kurz, senkte den Kopf und entfernte mich dann leise da die
beiden Herren bereits wieder in ihr Gespräch vertieft waren.
Ich musste letztendlich noch eine gute halbe Stunde warten bis ich mit
Christine sprechen konnte, denn nach Ende der Probe wurden mit den Sängern und Sängerinnen noch einige
Worte gewechselt um Unklarheiten zu beseitigen.
Doch nachdem ich mich zu Christine, die wieder von einer Gruppe Ballettratten
umringt war, durchgekämpft und ihr ihre Kleider gezeigt hatte, wußte ich wo ich ihre neue Garderobe zu suchen hatte.
Wieder lief ich durch einen der schummrigen Korridore hinter der Bühne.
Doch dieser war nun, nach Ende der Probe, etwas belebter.
Andere Garderobieren liefen an mir vorbei um ebenfalls Kostüme an ihre
angestammten Plätze zu bringen und die Mädchen des Corps de Ballett machten
sich kichernd und schwatzend auf den Weg in ihre Gemeinschaftsgarderobe.
Christines Garderobe war ein wenig abgelegen von den anderen und schon seit vielen Jahre nicht mehr benutzt worden.
Allerdings schien Christine, während der Stunden die sie hier verbracht hatte, saubergemacht zu haben.
Ich hatte damit gerechnet Unmengen von Staub entfernen zu müssen, doch die wenigen Möbel strahlten vor Sauberkeit.
Von wem Christine hier wohl jeden Abend unterrichtet wurde. Alleine hatte sie diese hervorragende Gesangstechnik
mit Sicherheit nicht erlernt und auch Madame Giry hatte von einem hervorragenden Lehrer gesprochen.
Ich entzündete die Gaslampe an der Wand und sah mich etwas genauer um.
Alles in allem war dies ein wirklich schöner Raum. Ein wenig klein vielleicht aber dadurch wirkte er umso gemütlicher.
Die Tapete war in einem dunklen Rot gehalten und wurde von goldenen, französischen Lilien durchzogen.
Ein Chaiselonge nahm eine der Wände vollkommen Beschlag. Ihr gegenüber stand ein
Schminktisch aus dunklem Holz der mit vielen kleinen Schubladen bestückt war.
Die Stirnseite des Raums wurde von einem überdimensionalen Spiegel beherrscht
der beinahe über die gesamte Breite der Wand reichte.
Der Rahmen dieses Spiegels bestand aus Holz dass man golden lackiert hatte. Kunstvolle
Schnitzereien zierten diesen Rahmen. Ich konnte fünf Putten zählen die
zwischen Wolken miteinander spielten und teilweise weit aus dem Rahmen
herausragten. Ein großer Engel, ein Seraphin, wachte auf dem obersten Punkt über denjenigen der sich in der
spiegelnden Fläche betrachtete. Seine geschnitzten Augen wirkten ein wenig traurig aber dennoch warm und gütig.
Was für eine wunderschöne Arbeit!
Ich hängte Christines Kostüme an den dafür vorgesehenen Kleiderständer um
mich dann nochmals näher mit dem Spiegel zu befassen.
Voller Ehrfurcht fuhren meine Finger über die Köpfe der Figuren und die Wolken.
Als mein Blick auf mein eigenes Spiegelbild fiel seufzte ich automatisch.
Teile meiner Frisur hatten sich gelöst und die die glatten braunen Strähnen
meiner Haare hingen mir wirr in die Stirn und auf die Schultern. In einem halbherzigen Versuch strich ich sie mir aus dem Gesicht.
Ich hatte noch nie großes Geschick mit meinem Haar bewiesen und seine
Beschaffenheit machte es mir auch nicht unbedingt leichter. Was würde ich
darum geben Haar wie Christine Daaé zu haben. Die langen braunen Locken verliehen
ihr eine jugendliche Leichtigkeit die sich auf ihr ganzes Wesen auszuwirken schien.
Meine Haar war schnurglatt, zwar gepflegt und ziemlich lang, aber ich fand es
einfach langweilig und nicht wirklich ansprechend mit seinem straßenköterbraun
Damals, vor dem großen Feuer, hatte sich unser Hausmädchen, Lynette, meiner angenommen und was sie
aus meinen Haare zu zaubern vermochte grenzte schon fast an Magie.
Ich begnügte mich nun meist mit einem einfachen geflochtenen Zopf den ich dann am Hinterkopf feststeckte.
Doch nicht einmal das wollte mir richtig gut gelingen.
Das grüne Arbeitskleid das ich trug hatte auch dringend eine Generalüberholung
nötig und die grün-braunen Augen die mir entgegenblickten waren ein wenig
gerötet und wirkten müde.
Mein Gesicht war ein wenig schief und mein Kinn zierte ein leichter Knick, den
ich einem Unfall in meiner Kindheit verdankte. Ungeschickt wie ich war, war ich von einer Schaukel gestürzt.
Natürlich mit dem Gesicht voran.
Ich war nicht so schlank wie Christine aber auch nicht wirklich zu dick. Auf meine schmale Taille, die durch
die enge Schnürung des Korsetts noch verstärkt wurde, konnte ich wirklich stolz sein,
dafür waren meine Hüften und Beine im Gegensatz dazu viel zu rund. Ich war noch nie wirklich zufrieden mit mir
gewesen, aber meist hatte ich keine Zeit mir darüber Gedanken zu machen. An die Narben die ich unter
meinem hochgeschlossenen Kleid verbarg, wollte ich erst gar nicht denken.
Wieder stellte ich fest dass ich mich als ziemlich durchschnittlich bezeichnen
konnte. Ich konnte nichts wirklich Schönes an mir ausmachen, aber andererseits
hätte es mich auch schlimmer treffen können. Ich zuckte die Achseln, zuckte mit einer Augenbraue und wandte mich ab.
Im selben Moment öffnete sich die Tür und Christine trat ein.
Sie schloss die Tür hinter sich und lehnte sich mit geschlossenen Augen dagegen.
Erst nach einem kurzen Augenblick schien ihr bewusst zu werden dass sich außer ihr noch jemand im Raum befand.
Sie suchte meinen Blick als sie die Augen öffnete.
"Ist das nicht alles furchtbar aufregend, Elysé? Nie hätte ich gedacht dass mir so etwas passiert!" sprudelte sie los.
Ich lächelte sie milde an.
"Bei deinem Talent wundert mich das allerdings nicht sonderlich, Christine! Wie konntest du das nur so lange
vor uns allen geheim halten?"
"Ich hatte es versprochen. Und Versprechen darf man doch nicht brechen. Doch
als er mir gestern sagte dass ich nun soweit wäre konnte ich es erst gar nicht
glauben." Ihre Augen strahlten vor Begeisterung.
"Wer ist er?" fragte ich verwundert nach und glaubte ihrem Geheimnis damit ein Stückchen weiter auf die Spur zu kommen.
