3. Kapitel
Mit großen Augen sah Christine mich an.
"Der Engel der Musik natürlich!" erklärte sie mir schließlich als rede sie mit einem etwas begriffsstutzigen Kind.
Doch gleich nachdem sie es ausgesprochen hatte schlug sie sich erschrocken die Hände vor den Mund.
"Das hätte ich dir gar nicht sagen dürfen. Du musst mir versprechen niemandem etwas zu verraten"
Brachte sie nach einer Weile hervor. Dabei ging sie auf mich zu und nahm flehentlich meine Hände in die ihren.
Ich verstand nicht war hier vor sich ging und schob ihr wirres Gerede auf die aufregenden Ereignisse die hinter
ihr lagen. Oder war dieser Engel teil des Geheimnisses das sie umgab?
"Was für ein Engel, Christine? Willst du mir sagen dass du von einem Engel Gesangsunterricht erhältst?"
Sie nickte stürmisch und ein schwärmerischer Glanz trat in ihre Augen.
"Er wurde von meinem Vater geschickt um mich zu unterrichten. Genau hier, in
diesem Raum. Das ist nun schon einige Monate her. Es ist einfach wundervoll.
Seine Stimme inspiriert mich. Sie trägt mich fort, in eine wundervolle Welt,
die allein vom Zauber der Musik beherrscht wird. Dort ist alles hell, warm und
unendlich zärtlich. Man kann es kaum in Worte fassen. Manchmal bin ich nach den
Stunden so erschöpft dass ich einen ganzen Tag lang schlafen möchte. Manchmal
ist er auch nicht zufrieden mit mir. Dann wird er sehr streng mit mir, was mich immer sehr traurig macht."
Ein seltsamer Verdacht begann in mir zu wachsen. Eine wundervolle Stimme, die
in der Lage war Menschen zu manipulieren. Hatte ich heute nicht selbst eine
solche Stimme vernommen? Eine der ich solche Fähigkeiten durchaus zutraute?
"Ich werde niemandem von deinem Geheimnis erzählen, Christine!"
Ich konnte sehen wie sie erleichtert aufatmete.
"Aber du musst dich jetzt noch ein wenig ausruhen. Schließlich wartet heute Abend eine große
Herausforderung auf dich."
Sie nickte mir zu und protestierte nicht als ich sie nun zur Chaiselonge geleitete.
Die Aufregung und die anschließende Probe hatte sie dermaßen erschöpft, dass sie
schon wenige Minuten nachdem sie die Augen geschlossen hatte, eingeschlafen war.
Auch ich bemerkte plötzlich wie mir die letzten Stunden des krummen Sitzens auf den Schultern lasteten.
Das war der Einzige Nachteil meiner Tätigkeit, chronisch verspannte Schultern.
Ich ging ein wenig auf und ab und streckte meine Arme um sie ein wenig zu lockern.
Meine Gedanken kreisten allerdings immer noch um Christines Engel der Musik.
Mir war es schleierhaft wie ein junges Mädchen wirklich so naiv sein konnte noch
an Engel oder ähnliche mystische Geschöpfe zu glauben.
Natürlich gab es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als wir uns vorstellen
konnten, doch eine derart verklärte Sichtweise würde mir wohl immer verwehrt bleiben.
Engel! Sie waren faszinierende Gestalten, durchaus, allerdings hatte ich niemals wirklich an sie geglaubt.
Früher hatten mir meine Eltern häufig vorgehalten, dass ich nicht oft genug betete oder zur Messe ging.
Doch ich sah darin keine Notwendigkeit.
Viel lieber unternahm ich stattdessen lange Spaziergänge durch die Natur, durch Wälder und Wiesen.
Ich liebte Gotteshäuser, das war es nicht. Aber ich besuchte sie lieber wenn sie
nicht voller Menschen und damit vollkommen überlaufen waren.
Das Geheimnis hinter dem Engel der Musik reizte mich!
Was konnte einen Mann dazu veranlassen sich als Engel auszugeben?
Und wie konnte er so sicher sein, dass Christine ihm diese Scharade auch abnahm.
Fragen über Fragen. Ich sah kurz auf die Uhr. Es lohnte sich für mich nicht mehr
vor der Vorstellung noch einmal nach Hause zu gehen, also ließ ich mich in einem der
beiden Sessel nieder und schloss für einen kurzen Moment die Augen.
Ich musste kurz eingenickt sein, denn ich wurde von schmeichelnden Geigenklängen
geweckt. Die Musik erklang aus der Richtung der Chaiselonge und mir schien es als hülle sie Christine sanft ein.
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und sie bot ein dermaßen friedliches Bild, dass es mir das Herz wärmte.
Die Musik streifte mich sanft, streichelte meine Seele und ließ mich alles
vergessen war mir zurzeit Sorge bereitete.
Als dann eine leise Stimme einsetzte schloss ich instinktiv die Augen und meine
Zweifel an dem himmlischen Wesen, das Christine den Engel der Musik nannte,
gerieten für einen Augenblick ins Wanken.
Noch nie zuvor hatte ich etwas so Schönes gehört und doch fühlte ich mich ein
wenig ausgeschlossen, denn ich spürte dass diese himmlischen Klänge nur Christine galten.
Dann herrschte wieder Stille und der ganze Spuk war vorbei und doch klang die
die sanfte Melodie in mir nach und ließ mir einen wohligen Schauer über den Rücken laufen.
Ich schlang die Arme um meinem Oberkörper und plötzlich fühlte ich mich unsagbar einsam.
Dann atmete ich tief durch und nachdem ich mich wieder gefangen hatte schlug auch Christine die Augen auf.
Als ich auf die Uhr sah erschrak ich. Es waren fast eine Stunde vergangen seit
ich mich in diesem Sessel niedergelassen hatte.
Wie konnte die Zeit nur so unbemerkt an mir vorbei gerauscht sein. Welchem
Zauber war ich da gerade erlegen? Irgendwie ängstigte es mich, dass Musik eine derartige Macht über mein Bewusstsein
erlangen konnte. Nachdenklich schüttelte ich den Kopf.
Jedenfalls war es nun höchste Zeit, Christine für die Vorstellung anzukleiden.
"Christine?" fragte ich leise um sie nicht unnötig zu erschrecken. Sie wirkte so
zerbrechlich wie sie da auf der Chaiselongue lag. Ihre helle Haut hob sich
deutlich von dem dunkelroten Samt ab und man hätte sie für eine überdimensionale Porzellanpuppe halten können.
Ich trat zu ihr und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. Sie sah mich an als würde sie mich nicht erkennen.
Doch dann klärte sich ihr Blick und glitt ebenfalls zur Uhr.
"Habe ich wirklich so lange geschlafen?" fragte sie mich ungläubig.
"Ja. Und nun ist es an der Zeit dich für die Vorstellung umzuziehen!"
Ich zog sie sanft auf die Beine, begleitete sie zu ihrem Paravant und half ihr
aus ihrem Kleid. Sie bat mich, ihr das Korsett ein wenig zu lockern, damit sie
besser singen konnte. Danach setzte sie sich an die Frisierkommode um ein
Bühnen Make up aufzulegen und sich das Dekolte zu pudern.
Ich verbrachte diese Zeit damit, ihre Kostüme nochmals auf lose Perlen oder Nähte zu kontrollieren.
Als sie schließlich fertig angezogen vor mir stand war ich durchaus zufrieden
mit meiner Arbeit. Juliette hätte schöner nicht sein können, als sie das Herz Romeos gefangen nahm.
Zum Schluss flocht ich ihr noch einen losen Zopf. In der Schublader der Kommode
hatte ich einige alte Perlenhaarnadeln entdeckt, die ich ein wenig säuberte und zur
Verzierung in Christines Zopf steckte.
Der Trubel der vor jeder Vorstellung hinter der Bühne einsetzte, drang nur
gedämpft bis zu der, etwas abgelegen liegenden, Garderobe.
"Sag mir dass alles gut gehen wird, Elysé!" Christines Hände zitterten als sie nun meine ergriff.
"Aber natürlich wird es das. Und ich werde nach jedem deiner Auftritte, hinter
der Bühne auf die warten, falls du etwas brauchst."
"Das ist wirklich beruhigend. Merci! Hoffentlich enttäusche ich ihn nicht!"
Für einen Moment sah sie sich suchend im Raum um doch dann lächelte sie mir noch
einmal kurz zu, öffnete die Tür in ihrem Rücken und trat hinaus auf den Gang.
Ich schloss die Tür und machte mich daran, Christines Sachen zu ordnen und
aufzuhängen, den Schminktisch abzuwischen und alles für ihren Umzug bereit zu legen.
Es war eine entspannende Situation und ich genoss die Minuten in denen ich nur
mich zur Gesellschaft hatte. Ohne jeglichen Zeitdruck im Nacken.
Ein wenig versonnen strichen meine Finger über die zarten Klöppelspitzen an Christines Tageskleid.
Das Einzige was mir an diesem Kleid missfiel war seine Farbe. Ich würde niemals
Rosa tragen, es war die Farbe der Jungend und ich fühlte mich, nach allem was
hinter mir lag nicht mehr so jung wie es in meinem Alter vielleicht normal war.
Früher hatte ich auch solche Kleider besessen, doch wirklich zu schätzen hatte ich sie nie gewusst.
Ich stellte mich vor den großen Spiegel und hielt Christines Kleid vor mich.
Würde ich jemals wieder so etwas tragen dürfen?
"Du bist eine hoffnungslose Träumerin, Elysé." rief mir mein Spiegelbild ein wenig traurig zu.
Was für ein großartiger Erfolg!
Ich hätte nicht gedacht dass die Vorstellung so gut verlaufen würde.
Das Publikum, das erst ein wenig ungehalten, auf die Mitteilung dass La
Carlotta an diesem Abend nicht singen würde, reagierte hatte Christine vom ersten Moment
an in ihr Herz geschlossen.
Selten hatte ich mehr geweint als in dem Moment als sich die Liebenden aus Verona im Tod vereinten.
Christine war ganz zittrig als man sie zum Schlussapplaus auf die Bühne holte.
Die stehenden Ovationen dauerten Minuten lang an und ich konnte acht Vorhänge
zählen, bevor er entgültig geschlossen blieb.
Christine war umringt von unzähligen ihrer Freundinnen aus dem Ballett und
immer noch gefangen in ihrem kolossalen Triumph.
Nun sah ich auch Monsieur Firmin und Monsieur André auf ihre neue, kleine Diva
zulaufen um ein paar Worte mit ihr zu wechseln.
Ich konnte auch sehen, das die ersten, hochgestellten, Gäste aus dem Publikum
die Gänge hinter der Bühne stürmten.
Dies war ein Moment den ich wirklich hasste, denn ich war der Meinung dass
dieser Bereich der Oper nur dem Personal zugänglich sein sollte.
Aber die Oberflächlichkeit der Tänzerinnen und Sängerinnen kannte kaum Grenzen
und sie freuten sich darüber von gut betuchten Herren ausgeführt zu werden, ganz
gleich welchen Schaden ihr Ruf dabei nahm.
Ganz besonders stach mir ein junger, blonder Mann ins Auge der verzweifelt
versuchte sich durch die Menge zu kämpfen.
Er hatte ein gefälliges Gesicht, und seine hellen blauen Augen schienen nach
Christine Ausschau zu halten, denn als sein Blick auf sie fiel, erhellte ein
strahlendes Lächeln seine Züge.
Man konnte ihn durchaus als attraktiv bezeichnen und doch sprach mich sein
Äußeres in keinster Weise an.
Seine Versuche zu Christine durchzudringen waren ein wenig halbherzig und in der
Masse der Menschen wirkte er fast hilflos und sehr, sehr jung.
Ich war der Meinung dass Christines bleiche Gesichtsfarbe davon zeugte, dass sie
nun dringend Ruhe brauchte.
Also verschaffte ich mir mit den Ellenbogen Raum, drängte mich in den
Menschenkreis der sich um Christine gebildet hatte und legte ihr einen Arm um die Schultern.
Dankbar sah sie mich an und ließ sich ohne Widerstand von mir in ihre Garderobe geleiten.
Der junge Mann folgte uns in einiger Entfernung und ich schaffte es, ihn im dichten Gewühl abzuhängen.
Was Christine nun am wenigsten gebrauchen konnte war noch mehr Aufregung
hervorgerufen durch einen aufdringlichen Verehrer.
Sie sah aus als würden sie in jedem Moment die Lebensgeister verlassen.
Als ich die Tür der Garderobe hinter uns geschlossen hatte, ließ sie sich sofort
auf die Chaiselongue fallen und deckte den Arm über die Augen.
Ihr Atem ging so schnell, als hätte sie gerade einen schnellen Lauf hinter sich gebracht.
Sie achtete nicht auf das Blumenmeer, das sich in ihrer Garderobe ausgebreitet hatte.
Die Blumenbouquets waren einfach herrlich. Rosen in allen Farben fluteten den
Boden und wurden ergänzt durch Lilien, Gerbera und Schleierkraut.
Ich wußte dass diese Blumen von den zahlreichen männlichen Verehrern stammten,
die ihr Herz schneller an eine Diva verschenkten als man "Oper" sagen konnte.
Was mir allerdings besonders auffiel, war eine einzelne rote Rose, die am Rahmen
des großen Spiegels befestigt war.
Ihr Rot war so dunkel, dass es auf die Entfernung und bei der hier herrschenden
schlechten Beleuchtung, fast schwarz wirkte und die Blüte selbst war so groß wie meine Faust.
Zudem konnte ich auch keine Karte entdecken.
"Ich glaube ich habe ihn nicht enttäuscht." hörte ich Christine atemlos flüstern.
"Auf keinen Fall!" antwortete ich ihr und zog mir einen Stuhl an ihre Seite.
"Du warst einfach großartig und das weißt du auch. Vielleicht solltest du dich
jetzt noch ein wenig ausruhen, dich dann umziehen und mit deinen Freunden feiern
gehen." Ich legte den Kopf ein wenig schief.
"Oh nein, Elysé! Ich sagte dir doch der Engel ist sehr streng. Er erlaubt mir
nichts was meiner Stimme schaden oder mich zu sehr ablenken könnte. Außerdem bin ich so müde."
Sie winkte ab und schloss kurz die Augen.
"Außerdem hat sich La Carlotta auch für morgen Abend krank gemeldet und die
neuen Direktoren haben mich nach der Vorstellung gebeten, auch morgen wieder
die Juliette zu singen. Ist das nicht einfach wunderbar. Alle meine Träume scheinen
auf einmal in Erfüllung zu gehen. Wie schade dass mein Vater das nicht mehr erleben kann."
Wie traurig sie mit einem Mal klang.
Ich wußte dass ihr Vater vor wenigen Jahren gestorben war und ich wußte dass sie
auch heute noch um ihn trauerte.
Sie seufzte und es schien mir, als könnte ich auch ein leises Seufzen hinter mir hören.
Instinktiv drehte ich mich um, doch nichts war zu sehen außer den etlichen
herrlichen Blumensträußen.
"Er wäre mit Sicherheit sehr stolz auf dich Christine. Und mit Sicherheit wird
auch dein Engel sehr stolz auf dich sein." Ich zwinkerte ihr zu.
"Das hoffe ich sehr. Ich finde es ganz furchtbar wenn er böse auf mich ist.
Manchmal verlässt er mich dann für Tage und wenn mich dann die Angst, dass er
mich nie wieder besucht, fast umbringt taucht seine Stimme wieder in meinem Kopf auf. Du
kannst dir nicht vorstellen wie schön diese Stimme ist."
Ein schwärmerisch, verträumter Ausdruck trat in ihre Augen und langsam setzte sie sich auf.
"Würdest du mir bitte aus dem Kostüm helfen?"
Sie drehte mir den Rücken zu.
"Aber natürlich dafür bin ich doch da."
Ich blieb noch eine Weile nachdem Christine gegangen war und genoss die Ruhe der
leeren Garderobe, während ich alles für den nächsten Abend vorbereitete.
Morgen musste ich erst am späten Nachmittag hier sein, da am Vormittag
keine weitere Probe angesetzt worden war.
Ich freute mich darauf morgen früh ein wenig länger schlafen zu können und dann
den Vormittag mit meinen Geschwistern zu verbringen.
Meine Mutter würde ich wohl wieder nicht zu Gesicht bekommen, da ihr Tag in der
Wäscherei, auch samstags, in den frühen Morgenstunden begann.
Christines Kleider hatten durch die Vorstellung keinen Schaden genommen und
nachdem ich sie ordentlich aufgehängt hatte sah ich mich noch einmal prüfend
um. Wieder blieben meine Augen an dem großen Spiegel hängen.
"Der Engel der Musik!" flüsterte ich in den leeren Raum hinein und zog dabei
meine linke Augenbraue hoch.
Das Phänomen von Christines herrlichem Gesang konnte man wirklich fast dem
Einwirken himmlischer Mächte zuschreiben und doch wurde ich das Gefühl nicht
los, dass jemand ein böses Spiel mit dem naiven Mädchen trieb. Nur aus welchem Grund?
Ich nahm die Rose, die in den Verzierungen des Spiegels eingeklemmt worden war,
vorsichtig heraus. Ihr süßer Duft stieg mir in die Nase und schöne Erinnerungen
an einen Sommer voller Sonne stiegen in mir hoch. Fast andächtig stellte ich die Rose in eine der Vasen auf Christines Frisierkommode die noch nicht mit anderen Blumen belegt war.
Es wäre einfach zu schade, sie einfach verwelken zu lassen.
Mit dem Daumen strich ich über eins der samtigen, dunklen Blütenblätter.
Christine schien sie gar nicht bemerkt zu haben. Viel zu sehr war sie noch in
die Ereignisse des Tages versunken gewesen.
"Irgendwann komme ich hinter dein Geheimnis, Engel!"
Ich drehte das Gaslicht herunter und verließ die Garderobe.
