Chapter 15.2

Wei Wuxian riss seine Augen auf.
"Lan Zhan!" rief er aus und seine Hand griff ins Leere.

Er blinzelte ein paar mal, bis er begriff, dass er nicht mehr draußen auf der Waldlichtung war. Er blickte unter eine bekannte Zimmerdecke. Die dunklen Holzbalken stützten kraftvoll das hohe Dach und ein leichter Windzug wehte um seine Nase. Er legte seinen Kopf zur Seite und sah, dass er auf einem Bett inmitten eines Raumes lag. Seine Arme lagen adrett an seinem Körper herunter und fanden Platz auf der hellen Bettdecke.

Plötzlich hörte er ein schweres Atem. Sein Blick wanderte weiter zur Seite und er erblickte Bao Tians Gesicht.

Er lag auf seinem Rücken neben Wei Wuxian auf einem anderen Bett. Seine Augen waren fest zugekniffen und kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn. Sein Oberkörper war freigelegt und ein großer weißer Verband war odentlich um seine Schulter herumgewickelt. Die Bettdecke war bis zu seinem Bauchnabel hochgezogen und es lag ein intensiver Kräutergeruch in der Luft.

"Tian...!" hauchte Wei Wuxian mit schwacher Stimme.

Plötzlich hörte Wei Wuxian ein Knacken und eine große Person ganz in weiß gekleidet tauchte an seinem Fußende auf. Wei Wuxian drehte seinen Kopf und er blickte in ein schönes Gesicht mit besorgter Miene.

Es war Lan Xichen der ihn freundlich anlächelte und zu ihm an die Seite heran kam.
"Du bist wach!" sprach er mit ruhiger Stimme.

Hinter Lan Xichen entdeckte Wei Wuxian plötzlich eine andere, sehr bekannte Gestalt. Es war Lan Qiren, der mit finsterer Miene sich im Hintergrund aufhielt und sich unzufrieden seinen Bart strich.

"Wie geht es Tian?" fragte Wei Wuxian besorgt.

"Tian geht es soweit ganz gut. Er hat noch leichtes Fieber aber der Heiler konnte ihm helfen." erklärte Lan Xichen.

"Der Heiler?" Wei Wuxian blickte sich noch einmal im Raum um.
- Stimmt. Desswegen kommt mir dieser Raum so bekannt vor. Es ist der Pavillon des Heilers- Dachte sich Wei Wuxian.
"Was ist mit Lan Zhan?" fragte Wei Wuxian schließlich und er blickte mit trauriger Miene zu Lan Xichen.

Lan Xichen legte seine Hand sachte auf Wei Wuxians und schüttelte seinen Kopf.
"Von Wangji fehlt jede Spur. Wir konnten ihn noch nicht finden." Sprach Lan Xichen mit besorgter Stimme.

Wei Wuxians Augen weiteten sich und er spürte einen stechenden Schmerz in seinem Herzen.

"Wei Wuxian, ich weiß, dasd du verletzt bist, aber bitte, könntest du uns genau schildern was letzte Nacht passiert ist?" fragte Lan Xichen und Wei Wuxian sah ihn verzweifelt an.

Wei Wuxian blickte zu Lan Qiren, welcher immer noch regungslos in der Ecke stand. Er warf Wei Wuxian einen unheilvollen Blick zu und er wusste, egal was er sagen würde, Lan Qiren wäre davon überzeugt, dads alles Wei Wuxians Schuld gewesen sei.

Lan Xichen drückte einmal Wei Wuxians Hand und nickte ihm dann auffordernd zu.
"Bitte erzähl uns alles was du weißt. Ich bin krank vor Sorge um Wangji.
Und du wahrscheinlich auch!"

Wei Wuxian richtete vorsichtig seinen Oberkörper auf und Lan Xichen stützte ihn behutsam dabei und half ihm auf.
Wei Wuxian holte einmal tief Luft und dann begann er von vorne an zu erzählen.

Er berichtete wie er Nachts wach wurde und wie er eine seltsame dunkle Energie spürte. Wie er zu der Lichtung kam und Tian mit dieser Frau Namens Bao Meiming entdeckte.
Er erzählte wahrheitsgetreu was vorgefallen war und wie letzten Endes plötzlich Lan Wangji auf der Lichtung auftauchte und Bao Meiming ihn Lan Xichen nannte und ihn dann mitnahm.

Lan Xichen hatte einen besorgten Gesichtsausdruck und ein düsterer Schleier legte sich auf sein schönes Gesicht.
"Und du bist dir sicher das Bao Meiming dort gewesen ist?" fragte Lan Xichen noch einmal nach.

"Nein es war nicht Bao Tians Frau. Also nicht wirklich. Sie sah nur aus wie seine Frau, ausgesehen haben musste!" erklärte Wei Wuxian.

"Was für ein grauenvolles Trugbild um Tian so zu ködern." Flüstere Lan Xichen und sein Herz wurde ihm noch schwerer, jetzt wo er die ganze Geschichte gehört hatte.
Er blickte mit einem schmerzerfülltem Gesicht zu dem regungslosen Bao Tian und Wei Wuxian ahnte, dass Lan Xichen wusste, wie qualvoll diese Begegnung für Bao Tian gewesen sein musste.

Plötzlich schaltete sich Lan Qiren mit ein.
"Und du bist dir sicher, dass diese Bao Meiming, Wangji mit "Lan Xichen " angesprochen hatte?" Fragte Lan Qiren misstrauisch und kam aus seiner dunklen Ecke hervor.

"Ja ganz sicher." sagte Wei Wuxian und Lan Qiren strich nachdenklich über seinen Bart.

"Es muss eine Verwechslung sein. Hatte Bao Meiming etwa Wangji mit Xichen vertauscht?" Warf er fragend in den Raum und alle drei blickten sich mit großen Augen an.

"Ich danke die für deine ehrliche Erzählung. Ruh dich noch etwas aus. Wir werden sehen was wir tun können." sprach Lan Xichen zu Wei Wuxian und er wendete sich langsam von ihm ab, als Wei Wuxian plötzlich wie aus Reflex nach Lan Xichens Ärmel griff und ihn festhielt.
"Bitte, ich möchte auch helfen. Nehmt mich mit!
Es ist meine Schuld das Lan Zhan mir gefolgt ist und nun verschwunden ist!" sagte Wei Wuxian Schuld bekennend.

"Du hast schon genug angestellt!" kam plötzlich eine forsche Stimme. Lan Qiren warf Wei Wuxian einen verwarnenden Blick zu.
"Ich hatte von Anfang an gesagt, dass er Unheil bringen wird. Jetzt sieh dir an was er für ein Chaos angerichtet hat. Bao Tian ist verwundet und Wangji ist spurlos verschwunden.
Sei froh, dass wir dich überhaupt ein zweites mal hierher gebracht haben und dich gesund pflegen.
Du solltest liegen bleiben wo du bist und dich nicht mehr weiter in die Sache einmischen!"

Wei Wuxian trafen die Worte hart und er spürte einen stechenden Schmerz in seiner Brust. Er hatte schon genug Schuldgefühle wegen Lan Wangji aber Lan Qirens forschen Worte, machten es für ihn noch unerträglicher.

"Onkel!" sagte Lan Xichen mir klarer Stimme und er warf Lan Qiren einen beschwichtigenden Blick zu.

Lan Xichen wendete sich wieder zu Wei Wuxian und lächelte ihn an.
"Ruh dich erst in Ruhe aus und komm zu Kräften. In dieser Verfassung bist du Wangji und uns keine Hilfe. Ich werde heute Abend noch einmal nach euch sehen und berichten!
Also leg dich hin und warte hier brav auf mich!"

Lan Xichens warmen und freundliche Worte füllten Wei Wuxian mit Hoffnung und er ließ sich langsam wieder zurück aufs Bett fallen.

Lan Qiren schlug seine Ärmel nach hinten und ging schrammen Schrittes mit einem lauten "Hmpf" aus dem Raum.
Lan Xichen folgte ihm unauffällig und mit einem leisen Knacken schloss sich die große Tür wieder hinter ihnen.


Es war schon später Abend, als Lan Xichen endlich wieder zurück in den Pavillon des Heilers kam.

Wei Wuxian erwartete ihn schon sehnsüchtig und auch Bao Tian war inzwischen wieder wach geworden.

Lan Xichen berichtete den beiden, dass sie einen Suchtrupp los geschickt hatten oben an der Lichtung alles abzusuchen. Doch ihr Unterfangen blieb ohne Erfolg und man konnte absolut gar keine Spur ausfindig machen. Den Rest des Tages verbrachte Lan Xichen damit mit seiner Flöte etwas über Lan Wangjis Aufenthaltsort heraus zu finden, doch auch darüber, erfuhren sie keine Antworten.

Es war still im Raum und die Gemüter der drei waren schwer. Bao Tian sprach so gut wie gar kein Wort und obwohl er sich sorgen um Lan Wangji machte, schien ihn noch etwas anderes zu bedrücken.

Wei Wuxian war rastlos geworden und er konnte das Scheitern von Lan Xichens Bemühungen nur schwer akzeptieren.

Da alle müde und kraftlos geworden waren, entschieden sie sich erst am nächsten Morgen ihre Suche fortzusetzen und jeder von ihnen ging mit seinen ganz eigenen Gedanken zu Bett.

Wei Wuxian konnte die ganze Nacht kaum ein Auge zu machen und in seinem Kopf malte er sich die schlimmsten Dinge aus, die Lan Wangji zugestoßen sein könnten.
Er machte sich Vorwürfe, hatte Schuldgefühle und zu allerletzt, große Angst, Lan Wangji zu verlieren.

Somit brach ein neuer Morgen an und Wei Wuxian fühlte sich noch schlechter und ausgemergelter als am Abend davor.

Bao Tians Fieber war dafür über Nacht zurück gegangen und er fühlte sich wieder etwas besser, sodass er das Haus des Heilers wieder verlassen konnte. Seine Schulter war zwar noch nicht wieder verheilt und er trug noch einen Verband, aber er fühlte sich fit genug, wieder auf den Beinen zu sein.

Wei Wuxian war schon ungewöhnlich früh in der Cloud Recesses unterwegs und er lauerte Lan Xichen auf um sich gemeinsam zu besprechen, wie sie weiter vorgehen könnten.

Noch vor dem Frühstück setzten sich die drei mit Lan Qiren zusammen, denn es gab Neuigkeiten, die sich über Nacht aufgetan hatten.

Da auch Lan Xichen kein Auge zu machen konnte, hatte er noch die ganze Nacht auf seiner Flöte gespielt und versucht etwas über Lan Wangjis Verbleib ausfindig zu machen.
Es war nicht viel, aber er konnte herausfinden, dass Lan Wangji Richtung Süden verschwunden war. Also in Richtung Stadt Zhou Yong, in der Madame Mao lebte.

Die drei fassten den Entschluss ersteinmal in Richtung Zhou Yong aufzubrechen und zu versuchen, unterwegs mehr über den seltsamen Vorfall in der Cloud Recesses zu erfahren.

Lan Xichen war zwar erst dagegen gewesen, dass Bao Tian verletzt mitkam, aber man konnte ihn absolut nicht davon abbringen mitzukommen. Da Lan Xichen genau wusste, was Bao Tian für ein Dickkopf war, willigte er schließlich widerwillig ein.

Wei Wuxian konnte es kaum abwarten aufzubrechen und es ging ihm alles gar nicht schnell genug.
Nachdem die drei ein paar Sachen gepackt hatten, machten sie sich schon auf den Weg.

Zwei weitere Tage über sammelten sie Informationen, befragten Dorfbewohner oder versuchten über spirituelle Rituale etwas über Lan Wangji heraus zu finden.
Die Informationen waren sperrlich und so zog ein weiterer Tag ins Land in dem sie fast gar nichts über Lan Wangjis Zustand erfahren konnten.

Bao Tian sprach die ganze Zeit über kaum ein Wort. Zu niemanden.
Lan Xichen wusste, dass der Vorfall auf der Lichtung Bao Tian schwer getroffen hatte und er wollte ihm daher Zeit und Raum geben, mit der Situation selber zurechtzukommen, bevor er sich mit gut gemeinten Ratschlägen einmischte.

Die Sonne verschwand am Horizont und betrübt kehrten die drei in einer Gaststätte ein und nahmen sich drei Zimmer.

Wei Wuxian war krank vor Sorge und mit jedem Tag der verstrich wurde er immer unruhiger.
Nachdem Essen ging er raus auf die Veranda und starrte in Gedanken versunken in die Dunkelheit.
Sie waren gut einen halben Tagesmarsch von Zhou Yong entfernt und Wei Wuxian musste oft an Madame Mao denken.

Plötzlich hörte er ein Knacken hinter sich und Wei Wuxian drehte sich um.

Hinter ihm stand Bao Tian mit einer schuldigen Miene.
Er sah abgezerrt und müde aus und er ähnelte ganz und gar nicht mehr dem Bao Tian, wie Wei Wuxian ihn einmal kennengelernt hatte. Der Mann mit dem stetig breiten Grinsen und der nervtötend guten Laune ist irgendwo in den letzten Tagen verloren gegangen.

Wei Wuxian merkte, dass Bao Tian ihm etwas sagen wollte und so schwieg er einfach erstmal und blieb regungslos stehen.

Bao Tian trat direkt neben ihn und schaute mit ihm gemeinsam hinaus in die Dunkelheit.
Sein kleiner Zopf der nach vorne auf seiner Schulter lag tanzte mit dem weißen Kopfband des Gusu Lan Clans seicht im Wind.

"Wo ist Lan Xichen?" fragte Wei Wuxian um die Stimmung etwas aufzulockern.

"Er ist schon hochgegangen und wollte es weiterhin mit seinem Flötenspiel versuchen." sprach Bao Tian mit bekümmerter Stimme.

Dann wurde es wieder für einen Moment still zwischen den beiden und es dauerte eine ganze Weile, bis Bao Tian wieder sein Schweigen brach.
"Wei Wuxian...! Ich wollte mich noch bei dir entschuldigen!" Sprach Bao Tian mit schwerer Stimme und er warf Wei Wuxian einen beschämten Blick zu.

Wei Wuxian lächelte ihn an.
"Alles gut Tian. Es gibt nichts wofür du dich entschuldigen musst!"

"Doch das muss ich!
Ich habe schlimme Dinge zu dir an dem Abend gesagt! Ich war nicht ich selbst. Und das schlimmste, ich habe dich sogar angegriffen und dich verletzt!" Bao Tian blickte Wei Wuxian gequält an und er legte seine Hand sachte auf Wei Wuxians Schulter.

Wei Wuxian schüttelte den Kopf.
"Es gibt manchmal Momente im Leben, in denen unsere Emotionen überhand nehmen und wir Entscheidungen treffen müssen.
Wir sind alles nur Menschen. Und Menschen werden von Emotionen geleitet.
Mach es dir selbst nicht so schwer. Mir geht es doch gut und es ist auch nichts großes passiert. Ein paar Opfer müssen wir schon bringen, wenn wir jemanden retten wollen." Wei Wuxian legte seine Hand auf Bao Tians und seine Augen funkelten gütmütig im Mondlicht.

Plötzlich wurde Bao Tians Gesichtsausdruck wieder etwas leichter und man konnte fast von einem zarten Lächeln sprechen.
"Du bist schon ein erstaunliches Kerlchen! Wangji hatte schon recht. Jemanden wie dich, gibt es nicht ein zweites mal." Sprach er mit sanfter Stimme.
Bao Tian zog seine Hand wieder zurück und strich sich über seine Stirn.
"Aber das mit Wangji tut mir wirklich Leid. Es ist meine Schuld gewesen!" sagte er besorgt.

"Auch das war nicht deine Schuld. Wenn überhaupt meine, denn er war mir gefolgt!" sagte Wei Wuxian betrübt.

Bao Tian blickte ihn mit großen Augen an.
"Weißt du was, vielleicht hören wir auch einfach auf uns gegenseitig zu entschuldigen und Schuld zu bekennen und konzentrieren uns einfach aufs Wesentliche." Bao Tian zog eine Augenbraue hoch und blickte Wei Wuxian an.

Wei Wuxians Gemüt lichtete sich etwas und er hatte für einen kurzen Moment wieder das Gefühl, den alten Bao Tian vor sich zu haben.
"Genau, dieser ganze sentimentale Quatsch bringt uns ja nicht weiter." lächelte Wei Wuxian.

Bao Tian seufzte laut auf.
"Wangji müsste einfach etwas an sich tragen was wie ein spiritueller Magnet funktioniert. Man bräuchte nur einen Kompass und zack, hätten wir ihn."
Bao Tian machte eine lockere Handbewegung in der Luft, als er einfach so sinnlos drauflos plapperte, was ihm gerade so durch den Kopf schoss.

Wei Wuxians Ohren spitzen sich und er fasste sich an sein Kinn und grübelte ernsthaft über Bao Tians Worte nach.

"Ich gehe auf jedenfall jetzt auch hoch.
Mach nicht mehr zu lange und ruh dich auch aus. Morgen früh gehts weiter!" sagte Bao Tian als er Wei Wuxian noch einmal auf die Schulter klopfte und sich dann von ihm abwendete.

Wei Wuxian blieb alleine auf der Veranda zurück und er wusste nicht genau warum, aber Bao Tians letzten Worten hallten noch lange in ihm nach.


Lan Wangji hatte Schmerzen.
Sie begannen an seinen Handgelenken und breiteten sich weiter über seine Arme aus.

Er war gefesselt, seine Arme hingen über seinem Kopf von der Decke und mit seinen Knien kniete er auf dem kalten Boden.

Sein Kopf war wie benebelt und er fühlte sich wie benommen.
Er konnte nichts sehen, alles war pech schwarz.
Es roch nach Erde und kaltem Stein und es fröstelte ihm ein wenig.

- Wo bin ich? Was genau ist passiert? Wei Ying, wo ist Wei Ying?- Dachte er sich, als er hilflos und unwissend einfach nur machtlos, irgendwo alleine auf diesem Planeten war.

Plötzlich hörte er ein paar leise Schritte, welche sich ihm näherten.
Lan Wangji spitzte seine Ohren und er war sich unsicher, was genau dort jetzt auf ihn zukam.

Die Schritte blieben genau vor ihm stehen und dann plötzlich, wurde es wieder ganz ruhig.

Lan Wangji spürte seinen Herzschlag, als er die gleiche starke spirituelle Energie, wie auf der Waldlichtung wahrnahm.

"Lan Xichen?
Seid ihr wach?" erklang plötzlich eine hohe Frauenstimme.

Lan Wangji hob sein Kinn an und er drehte sein Gesicht in die Richtung, aus der die Frauenstimme kam.
Seine Augen mussten verbunden sein, denn er konnte nichts sehen und er spürte einen leichten Stoff auf seinem Gesicht.

"Hat es euch die Sprache verschlagen?" fragte die Stimme erneut.
"Ihr braucht keine Angst vor mir zu haben. Ich würde euch niemals etwas tun. Jetzt wo ich euch endlich habe, wird alles wieder gut."
Ihre Stimme klang unheilvoll und hatte einen zweideutigen Unterton.

Lan Wangji zuckte zusammen, als er plötzlich eine kalte Berührung an seiner Wange spürte.
- Wer ist diese Frau? Und warum glaubt sie, ich sei Lan Xichen? Was will sie von meinem Bruder?- Dachte sich Lan Wangji.

"Verzeiht wie ich euch hier her gebracht habe. Und auch, dass ich euch fesseln und die Augen verbinden musste. Aber das ist alles nur für euren eigenen Schutz!" Ihre Stimme klang erregt und leicht nervös.

Lan Wangji spürte plötzlich eine Berührung an seinen Handgelenken. Eine kalte Hand streichelte über seine und fuhr dann weiter seine Arme hinunter.
Die kalten Hände tatschten ihn überall an und hinterließen ein unangenehmes Gefühl auf seiner Haut.
Sie berührten sein Gesicht und strichen schließlich über seine schmalen Lippen.

Lan Wangji zuckte zusammen, als er plötzlich etwas kaltes und feuchtes auf seinen Lippen spürte. Er versuchte seinen Kopf wegzuziehen, doch eine kalte Hand hielt sein Kinn fest, während sich ein paar schmale Lippen auf seine pressten.

Lan Wangji war angewidert von dem Gefühl und mit aller Kraft riss er seinen Kopf zur Seite und trennte ihre Lippen wieder voneinander.
"Wie könnt ihr es wagen!" Rief er erzürnt aus.
"Wer seid ihr überhaupt? Zeigt euch!"

Ein zurückgewiesenes "Hmpf" kam über ihre Lippen.
"Ich hatte euch viel sanftmütiger in Erinnerung.
Aber das liegt bestimmt nur daran, dass ihr noch etwas durcheinander seid.
Aber jetzt kann uns niemand mehr trennen. Wir haben alle Zeit der Welt.
Nur ihr und ich, gemeinsam bis ans Ende aller Tage."
Ihre Stimme klang verträumt und sie griff behutsam an eine von Lan Wangjis langen Haarsträhnen und ließ sie durch ihre Finger gleiten.
"Lan Xichen, mein geliebter Lan Xichen." hauchte sie über ihre Lippen, als sie sich näher heran lehnte, ihre feuchte Zunge ausstreckte und dann an Lan Wangjis Hals entlang leckte.

Lan Wangji fuhr ein kalter Schauer über den Rücken und es fing in ihm an zu brodeln.
- Wer war diese Frau? Und warum musste er als Lan Xichen herhalten? Wie konnte sie es nur wagen ihn so zu berühren?-
Waren seine Gedanken, als er mit den Zähnen knirschte.
Ein erzürntes:
"Ich bin nicht Lan Xichen!" zischte schließlich über seine Lippen.

Die Frau stockte plötzlich in ihrer Bewegung. Nach einem kurzen Moment der Unsicherheit begann sie leise zu kichern.
"Natürlich seid ihr Lan Xichen. Wer sollt ihr denn sonst sein? Wollt ihr etwa ein Spiel mit mir spielen? Ich spiele gerne mit!"
Sie fasste an Lan Wangjis breiten Gürtel und begann langsam die Knoten zu lösen.
Lan Wangji gefror das Blut in seinen Adern und er hatte das Gefühl, dass ihm gleich schlecht würde.
"Ich bin Lan Wangji, Lan Xichens Bruder! Ihr müsst uns verwechseln!" sprach er mit klarer Stimme.

Lan Wangjis Gürtel löste sich und rutschte langsam an seiner Hüfte hinunter.

"Sein...Bruder?" hörte er eine unsichere Stimme.
"Ihr lügt!"

Plötzlich fühlte Lan Wangji, dass jemand an den Stoff vor seinen Augen fasste und ihm die Augenbinde herunter riss.
Das plötzliche helle Licht blendete seine Augen und Lan Wangji brauchte einen Moment um etwas sehen zu können.

Die Frau kniete sich vor ihm auf den Boden und starrte ihm gespannt ins Gesicht. Lan Wangji öffnete langsam seine Augen und er schaute in ein schönes Frauengesicht, welches ihn nervös anblickte.

Lan Wangjis hellen, bernsteinfarbenden Augen leuchteten sie zornig an und sein kaltes Gesicht war wie ein Speer aus Eis, der dem Betrachter Respekt und Furcht einflößte.

Die junge Frau mit den langen schwarzen Haaren und dem hellen gelben Kleid fiel erschrocken nach hinten. Sie sützte sich auf ihren Händen ab und starrte Lan Wangji sprachlos an.
Langsam öffnete sie ihren Mund und stotterte.
"Ihr...seid es...wirklich nicht...!"

Die Frau war die Bao Meiming von der Lichtung aus dem Wald. Zumindestens trug sie ihre Erscheinung. Denn auch Lan Wangj,i der ein erfahrender und angesehener Cultivator war, entging natürlich nicht, dass diese Frau kein gewöhnlicher sterblicher Mensch war. Es ging eine große menge dunkler spiritueller Energie von ihr aus und Lan Wangji wusste, dass ihre Erscheinung nur ein Trugbild war.

"Ihr...seid es wirklich nicht..." Stotterte sie noch einmal und sie fuhr sich mit ihren Händen durch die Haare.
"Was mache ich denn jetzt..." Fragte sie sich selbst in einem Monolog und ihr Gesicht wurde immer verzweifelter.

Plötzlich starrte sie Lan Wangji an und zeigte mit einem Finger auf ihn.
"Wer seid ihr? Warum seht ihr aus wie Lan Xichen? Warum tragt ihr seine Kleider? Was habt ihr mit ihm gemacht?" Die Frau wirkte aufgebracht und hektisch.

"Ich bin sein jüngerer Bruder, wie ich bereits sagte!" Lan Wangji blickte in ihr verzweifeltes Gesicht und er merkte, dass die Stimmug langsam zu kippen drohte.

"SCHWEIGT!" schrie sie wutentbrannt.
"Seid wann hat Lan Xichen einen Bruder? Davon weiß ich nichts!"

Lan Wangji blickte sie skeptisch an.
- Wer hat noch nicht von den "two jades of Lan" gehört? Wie kann sie Lan Xichen kennen, aber nicht wissen, dass es mich gibt?- Dachte sich Lan Wangji.

Die Frau stand auf und begann sich hektisch umzusehen.
"Was mache ich denn jetzt? Ich dachte mein Plan wäre endlich aufgegangen. Und jetzt...und jetzt...habe ich seinen Bruder hier. Lan Xichen wird außer sich vor Zorn sein...!" Lan Wangji schaute ihr zu, wie sie langsam vor Angst und Entteuschung den Verstand verlor und hektisch vor ihm hin und her fuchtelte.

"Bindet mich los!" kam es plötzlich in einem ruhigen Befehlston von Lan Wangjis Lippen.

"SCHWEIG!" schrie sie ihn irritiert an.

"Habt ihr wirklich geglaubt euer Plan würde aufgehen und ihr kommt damit durch?
Bindet mich los und ich werde sehen wie ich eurer Seele helfen kann!" Lan Wangji meinte seine gesprochenen Worte wirklich ernst und er ging davon aus, dass es sich um eine rastlose Seele handelte, welche keinen Frieden gefunden hatte.

Doch die Frau war außer sich vor Wut.
"Ich sagte ihr sollt still sein!"
Plötzlich holte sie mit ihrer Hand aus und schlug Lan Wangji mit ihrer flachen Hand kraftvoll ins Gesicht. Lan Wangjis Kopf schlug leicht zur Seite und seine Unterlippe platzte auf. Ein paar rote Bluttropfen liefen an seinem Kinn hinunter und befleckten die Erde vor seinen Knien.

"Wie arrogant ihr seid! Meiner Seele helfen? Sehe ich auch als bräuchte ich eure Hilfe?
Passt auf was ihr sagt! Ihr seid nicht Lan Xichen!
Das heißt, es ist mir egal was mit euch passiert!
Ich brauche euch nicht!
Ich brauche niemanden außer Lan Xichen!" Ihre Augen waren weit aufgerissen und auf ihrer Stirn traten ein paar Adern vor lauter Wut und Anstrengung hervor.

Lan Wangji war in einer misslichen Lage.
Er konnte sich körperlich nicht wehren und er befand sich in einem Wortduell mit der Seele einer Frau, die scheinbar eine unerfüllte Liebe zu seinem Bruder hegte.
Wäre er Wei Wuxian, könnte er mit charmanten Worten und ein paar einfühlsamen Ratschlägen sich irgendwie aus dieser Situation befreien, aber er war nicht Wei Wuxian. Diese Art der Duellierung lag ihm nicht und er wusste sich nicht so recht zu helfen.
Im Gegenteil, hatte er eher das Gefühl, dass er mit seinen Worten das Feuer nur immer noch mehr schürte.

Vorsichtig öffnete er noch einmal seine Lippen und er versuchte es erneut.
"Bitte bindet mich los. Ich werde sehen was ich tun kann."

Die Frau drehte sich langsam um und warf Lan Wangji einen unheilvollen Blick zu.
"Ich sagte, ihr sollt SCHWEIGEN!"
Plötzlich holte sie eine kurze, dünne Peitsche unter ihrem Gürtel hervor. Gekonnt schwang sie die Peitsche an und Lan Wangji sah sie hoch in die Luft wirbeln, als der Peitschenschlag in einem gekonnten Bogen direkt auf ihn zuraste.

Lan Wangjis Augen weiteten sich und er biss sich auf die Backenzähne. Doch der gleißende Schmerz auf seiner Brust war zu viel und so entsprang seiner Kehle ein leiser Schmerzensschrei.
"Argh!" Er fühlte ein Brennen auf seiner Brust und die Stoffe seiner Kleider klappten weiter auf und sein nackter Oberkörper mit einem nun roten Striemen quer über seine Brust, kam zum Vorschein.

Lan Wangji fletschte seine Zähne.

Die Frau blickte ihn aufgebracht an und starrte auf seine Brust.
"Es ist alles eure Schuld..." flüsterte sie leise.
"Ja richtig, wärt ihr nicht zu der Lichtug gekommen, dann wäre mein Plan aufgegangen. Dann könnte ich Lan Xichen jetzt in meinen Armen halten und alles wäre gut!" Ihr Gesichtsausdruck kippte langsam um und es schien der Wahnsinn sich in ihr auszubreiten.
"Richtig, ihr seid mir in die Quere gekommen. Ihr habt alles ruiniert! Meine ganze Arbeit!
Es ist alles!
ALLES!
ABSOLUT ALLES EURE SCHULD!" Die Frau schrie auf und wie vom Teufel besessen brodelte die Wut in ihr und sie suchte ein Ventil um diesen Druck abzulassen. Und sie fand auch eins.

- Sie ist wahnsinnig- Dachte sich Lan Wangji, als sie sich schon vor ihn auf die Erde kniete. Sie nahm die Augenbinde die sie noch immer in ihrer Hand trug und drückte sie grob Lan Wangji in den Mund und knotete sie hinter seinem Kopf zusammen.
Ihr Blick fiel nach unten auf Lan Wangjis nackte Brust. Mit ihrem Zeigefinger strich zu über den frischen Peitschenhieb auf Lan Wangjis Haut und presste ihren Finger stärker auf das rote Fleisch.

Lan Wangjis Augenbrauen zuckten und seine Hände ballten sich zu einer angestrengten Faust.

Die Frau grinste ihn sadistisch an.
"Tut es weh?
Sagt das es weh tut!"

Plötzlich machte sie große Augen und hielt sich ihre andere Hand erschrocken vor den Mund.
"Huch, stimmt ja. Ihr könnt ja gar nicht mehr sprechen!"
Mit einem fiesen Kichern zog sie ihren Zeigefinger wieder zurück.

Lan Wangji starrte sie mit einem Todesblick an. Seine hellen, bernsteinfarbenden Augen loderten auf und in ihm stieg die Wut an.

"Dieser Blick gefällt mir auch.
Ich glaube, dass hier, als Entschädigung, ist gar nicht mal so schlecht. Was meint ihr?" Blickte sie Lan Wangji unheilvoll an, als sie ihre feuchte Zunge langsam ausstreckte und über Lan Wangjis roten Peitschenhieb leckte.

Lan Wangji kniff seine Augen fest zusammen, denn imoment blieb ihm nichts anderes übrig, als es zu ertragen. Er war geknebelt, seine Hände waren gefesselt und er fühlte sich noch immer kraftlos in seinen Gliedern.

Sie fasste an seine weiße Robe und schlug die restlichen Stoffe zur Seite, sodass Lan Wangji mit vollkommen entblößtem Oberkörper vor ihr kniete.
Ihre Mundwinkel bogen sich zufrieden leicht nach oben.
"Wenn ihr wirklich sein Bruder seid, dann kann ich jetzt erahnen wie Lan Xichen nackt aussehen muss." Sie kicherte hinter vorgehaltener Hand.
"Wie aufregend." Langsam streckte sie ihre kalten Hände gierig nach Lan Wangji aus.

Sie berührte seine Brust und seinen Bauch und streichelte mehrmals über seinen Oberkörper.
Ihre Hände glitten an seiner Taille herunter und blieben seitlich auf seiner Hüfte schließlich stehen. Sie fasste an Lan Wangjis Hosenbund und öffnete den Knoten. Langsam strich sie mit ihren Händen nach hinten, unter Lan Wangjis Hose und ließ ihre Hände ein Stück über Lan Wangjis Pobacken hinunter gleiten.

Lan Wangji zuckte zusammen und sein Mund kräuselte sich angespannt.

Doch plötzlich verdunkelte sich wieder ihr Blick und sie schaute nachdenklich zur Seite.
"Aber ihr seid nicht Lan Xichen!
Zu schade für euch!" Sie zog ihre Hände aus der Hose wieder zurück und schüttelte ihren Zeigefinger in der Luft verneinend hin und her.
"Nein, nein, nein ihr seid es einfach nicht.
Und deshalb, habe ich in dieser Hinsicht, auch kein Interesse an euch.
Zumal es eure Schuld ist, dass alles aus den Fugen geraten ist.
Und desswegen, rechne ich mit euch anders ab."
Sie stand wieder auf und blickte dominierend von oben auf Lan Wangji herab.

Geknebelt starrte Lan Wangji sie mit einem gleißenden Blick an, als sie schon wieder ihre Hand in die Luft schwang und erneut die Peitsche auf ihn niedersausen ließ.

Ein heißer Schmerz brannte über Lan Wangjis Oberkörper und in diesem Moment musste er an Wei Wuxian denken und hoffte inständig, dass es wenigstens ihm gut ginge.

"Ich sehe euch an, dass ihr nicht ganz bei der Sache seid." Donnerte sie mit kalter Stimme und blickte ihn zornig an.
"Aber das macht nichts. Wir haben alle Zeit der Welt. Ich finde schon noch etwas, womit ich zumindestens die volle Aufmerksamkeit von Lan Xichens Bruder bekomme."
Ihre Mundwinkel bogen sich nach oben, ihr Gesicht verzog sich zu einer häßlichen Fratze und sie leckte sich langsam über ihre schmalen Lippen als Lan Wangji seine Augen schloss und er innerlich begann, sich auf die bevorstehende Folter vorzubereiten.