Chapter 15.4
Madame Mao wendete sich von Wei Wuxian wieder ab und ging hinauf in den ersten Stock.
Sie betrat ihr Zimmer auf der linken Seite und steuerte geradewegs auf einen alten, großen Holzschrank zu.
Sie öffnete eine der Schubladen und holte eine alte Holzkartusche hervor.
Sie ging zum Fenster und öffnete es mit einem lauten Ruck. Ein frischer Wind wehte hinein und brachte ihre langen Haare und ihre Kleider zum tanzen.
Vorsichtig öffnete sie die kleine Kartusche und holte ein weißes, gefaltetes Stück Papier heraus. Es war kunstvoll zu der Form eines Vogel zusammengefaltet und passte genau in ihre Handinnenfläche.
Sie strich dreimal behutsam über das Papier als plötzlich mit einem hellen Lichtschimmer der Papiervogel zu einem lebendigem wurde.
Ein schneeweißer hübscher Vogel mit einem kleinen Bändchen an seinem Fuß saß plötzlich in ihrer Handfläche und begann zu zwitschern.
Madame Mao lächelte ihn liebevoll an.
"Es ist mal wieder Zeit mein kleiner, Wangji.
Ich habe eine Nachricht für dich.
Bitte überbringe sie Lan Xichen!"
Madame Mao nahm ein kleines Stück Papier aus ihrem Ärmel und rollte es ganz klein zusammen. Vorsichtig band sie die kleine Rolle an den Fuß des Vogels und streichelte noch ein paar mal mit ihrem Finger über seinen seidigen Kopf.
Der kleine Vogel schloss seine Augen und genoss sichtlich ihre Zuneigung.
Vorsichtig streckte Madame Mao ihre Hand aus dem Fenster und der kleine weiße Vogel Namens "Wangji" flatterte mit wildem Flügelschlag davon in die Lüfte.
Sie schaute ihm noch einen Moment verträumt nach bis sie wieder das Fenster schloss.
"So, dann machen wir uns mal für den Tag fertig und sehen später nocheinmal nach unserem Gast." nuschelte Madame Mao zu sich selbst zufrieden und verließ wieder ihr Zimmer.
Wei Wuxian hatte einen unruhigen Traum und sein Körper fühlte sich kraftlos und erschöpft an. Ein schwaches stechen ging von seinem Nacken aus und er fühlte sich ganz steif in den Gliedern.
Wei Wuxian schlug seine Augen auf und er erwachte auf Madame Maos kleinem Tisch.
Er blickte sich ein paar mal mit seinen müden Augen im Raum um als sein Blick plötzlich auf das Tablett mit dem Frühstück genau vor seiner Nase fiel.
Sein Magen knurrte laut und Wei Wuxian lief das Wasser im Mund zusammen.
"Ufff habe ich einen Hunger...und man bin ich...steif." Wei Wuxian gähnt und richtete sich langsam auf.
Sein Gesicht war ganz zerknittert von seinem Ärmeln und er hatte das Gefühl wärend seines Schlafes ein paar Jahre gealtert zu sein.
Plötzlich hörte er ein Klappern und Madame Mao streckte wieder ihren Kopf durch die Tür.
"Oh du bist wach!" sprach sie begeistert und kam sogleich zu ihm herein.
Sie war ordentlich gekleidet und trug eine edle Robe aus blauem Stoff. Ihre Haare waren kunstvoll zusammengebunden und sie hatte ein frisches Lächeln auf ihren Lippen.
"Wollen wir etwas essen?" fragte sie ihn und schon begann sie das Tablett zu entpacken und die Schalen auf dem Tisch zu verteilen.
"Hm!" nickte Wei Wuxian.
"Wie lange habe ich geschlafen?" fragte er müde und klopfte sich mit seiner Faust auf seine Schultern.
"Nicht so lange. Drei Stunden vielleicht." antwortete Madame Mao und schob Wei Wuxian ein paar Esstäbchen herüber.
"Dre Stunden?" fragte er entgeistert.
"Ich muss..."
Madame Mao unterbrach ihn und fiel ihm ins Wort.
"Als erstes musst du zu Kräften kommen. Und desswegen essen wir ersteinmal was. Mit leeren Magen kann niemand jemanden retten.
Wenn du vernünftig gegessen hast kannst du gerne das Lied ausprobieren, das ich dir gezeigt habe. Aber erst essen!"
Madame Mao warf Wei Wuxian einen entschlossenen Blick zu und hob verwarnend hren Zeigefinger.
"Und wegen Lan Xichen und Bao Tian brauchst du dir keine Sorgen machen. Ich habe ihnen Bescheid gegeben."
Wei Wuxian runzelte die Stirn.
"Bescheid gegeben?
Wie habt ihr das gemacht?" fragte Wei Wuxian interessiert wärend er begann sich den Reis in den Mund zu stopfen.
Madame Mao lachte auf.
"Haha das wüsstest du wohl gerne..."
"Daff...wüffte iff würkliff gerne..." sprach Wei Wuxian mit vollem Mund und blickte Madame Mao mit großen Augen an.
Madame Mao klatschte vorsichtig auf Wei Wuxians Hand, welche die Reisschale hielt.
"Mit vollem Mund spricht man nicht!" sagte sie ermahnend.
Wei Wuxian zuckte zusammen und hätte sich fast an dem Reis in seinem Mund verschluckt.
Gierig schlung er ihn herunter und war bemüht kein Reiskorn in seine Luftröhre zu bekommen.
"Also? Sprach er schließlich mit leerem Mund und blickte Madame Mao fragen an.
Madame Mao stellte ihre Schale auf den Tisch und zog eine Augenbraue hoch.
"Wangjis Bruder, Lan Xichen hatte mir damals ein Geschenk gemacht. Ich weiß nicht wie genau es funktioniert aber er gab mir eine Holzkartusche mit einem gefalteten Stück Papier in der Form eines Vogels.
Wenn ich es heraus hole und dreimal über seinen Kopf streichle verwandelt es sich in einen kleinen weißen Vogel. Er fliegt immer direkt zu Lan Xichen. Egal wo er sich befindet. Streichle ich wieder dreimal über seinen Kopf ist der Zauber wieder vorbei und er kehrt als Stück Papier wieder zurück in seine Kartusche.
Spannend nicht wahr?" Madame Mao machte große Augen und erzählte Wei Wuxian mit solch einer Aufregung die Geschichte, dass man denken könnte sie sei ein kleines Kind welches gerade zum ersten mal einen Straßentrick gesehen hatte.
"Wow...!" Wei Wuxian machte große Augen und staunte nicht schlecht.
"Was für ein praktischer Zauber, in der Tat.
Warum hat ausgerechnet Lan Xichen euch den Papiervogel geschenkt?" fragte Wei Wuxian weiter.
"Weil es Lan Xichen war der mir den Schutz des Gusu Lan Clans zugesagt hatte. Somit können wir jederzeit kommunizieren auch wenn man weiter von einander getrennt ist. Auch wenn ich neue Stoffe fertig hatte und sie abgeholt werden konnten, erwies sich der kleine Freund als sehr nützlich." Madame Mao lächelte und nippte vorsichtig an ihrer Teeschale.
"Ich habe ihn Wangji getauft..." schmunzelte sie hinter ihrer Tasse hervor.
Wei Wuxian zog eine Augenbraue hoch und er dachte erst er hätte sich verhört.
Bei dem Gedanken das ein kleiner Papiervogel "Wangji" heißt bogen sich seine Mundwinkel unkontrollierbar nach oben und er musste leise kichern.
- Ob Lan Zhan wohl weiß, dass es noch einen kleinen zwitschernden "Wangji" gibt?- Dachte sich Wei Wuxian amüsiert und er stellte sich in seinem Kopf vor, wie ein kleiner weißer "Wangji" mit mürrischer Miene auf der Schulter von einem genauso mürrischem "Lan Zhan" sitzt und ihm ein Liedchen trällert.
"Und was für eine Botschaft hat der kleine "Wangji" überbracht?" fragte Wei Wuxian neugierig.
"Das du heile und wohlbehalten hier bei mir angekommen bist und das ich dir das Lied der Liebenden mit auf den Weg gegeben habe und du ihn wahrscheinlich vor ihnen finden wirst!"
Sagte Madame trocken und nippte wieder an ihrem Tee.
Wei Wuxian verschluckte sich an seinem Reis und haute sich hustend und schluckend auf seine Brust.
Es lief ihm ein Schock durch die Glieder und sein Herz setzte für einen Schlag aus. Die Panik stand ihm im Gesicht geschrieben und er krallte sich Luft holend an der Tischplatte fest.
"Stell dich nicht so an. Meinst du etwa Lan Xichen weiß nicht schon lange bescheid was in dem Kopf seines kleinen Bruders vor sich geht?"
Madame Mao wedelte mit ihrer Hand unbeeindruckt in der Luft herum bevor sie erneut an ihrer Teeschale nippte und Wei Wuxian amüsiert über den Rand anblickte.
Wei Wuxian wischte sich mit seinem Ärmel über seinen Mund und räusperte sich ein paar mal.
Türlich hatte Wei Wuxian schon daran gedacht, dass auch Lan Xichen es schon spitz bekommen hatte aber es auf Papier zu schreiben ist immer noch etwas anderes als seinen Vermutungen nachzugehen.
Wei Wuxians Augenbrauen kräuselten sich und er machte ein angestrengtes Gesicht, wärend er darüber nachdachte wie er in Zukunft wohl Lan Xichen gegenüber treten sollte.
Nachdem der Schock überwunden, die Schalen auf dem Tisch alle geleert und Wei Wuxians Magen wieder gefüllt war verlangte es ihm nach Lan Wangji zu suchen. Er hatte sich schon viel zu lange bei Madame Mao aufgehalten und er wollte jetzt unbedingt testen ob das Lied auch tatsächlich funktioniert.
Madame Mao räumte den Tisch ab und öffnete Wei Wuxian die Tür in den kleinen Raum in dem er sich vor nicht allzu langer Zeit in eine Konkubine verwandelt hatte.
Wei Wuxian wurde leicht nervös und er zog seine Flöte aus seinem Gürtel und betrat den Raum.
"Nicht so nervös.
Ich lasse dich jetzt ein wenig alleine. Konzentriere dich und leite all deine Aufmerksamkeit in deine Finger..."
Madame Mao berührte zart Wei Wuxian Hand.
" ...in deine Lippen... " sie legte ihren Zeigefinger auf Wei Wuxians Lippen.
" ...und in dein Herz!" sagte Madame Mao und strich behutsam über seine Brust und verweilte für einen Moment mit ihrer flachen Hand genau auf Wei Wuxians Herz.
"Du schaffst das schon!"
Madame Mao blinzelte ihm bestätigend zu.
Die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken und Wei Wuxian hörte wie Madame Mao die Treppe nach oben in den ersten Stock ging.
Wei Wuxian stand nun alleine in dem kleinen Raum und er spürte wie sein Herz vor Nervosität lauter zu schlagen begann.
Er blickte auf die hölzerne Flöte in seiner unruhigen Hand und atmete einmal tief ein.
(Wer möchte der geht jetzt auf youtube und hört dazu das folgende Lied: watch?v=Ar7nVbjAsEw) Beautiful Chinese Music Bamboo Flute 2
"Du schaffst das Wei Ying!" sagte er ermutigend zu sich selbst und er suchte sich einen Platz am Fenster.
Es war bewölkt draußen und ein leiser Herbstregen fiel wie ein Schleier aus vielen Tropfen auf die Stadt.
Wei Wuxian befeuchtete seine Lippen und legte die Flöte an. Unruhig fanden seine Finger ihren Platz und in Gedanken wiederholte er noch einmal das Stück, ehe er tief Luft holte und die ersten Töne zu spielen begann.
Mit seinen Gedanken war er nun bei Lan Wangji und nur bei ihm. Er sehnte sich nach seiner tiefen, ruhigen Stimme, seinem puppengleichen Gesicht mit der eisernen Miene und seiner liebevollen Wärme.
Wei Wuxian schloss seine Augen und sein leises Flötenspiel wurde mit jedem Ton kräftiger und lebendiger.
Es war das Lied der Liebenden, welches mit voller Leidenschaft und romantischen Tönen den kleinen Raum erfüllte und jeden Zuhörer in seinen Bann zog.
Ihm war heiß und kalt zugleich. Sein Kopf dröhnte, seine Beine waren taub und kaum mehr zu spüren. Seine Haut brannte und seine Kehle war so trocken. Das Atmen fiel ihm schwer und es war als würde jeder einzelne Herzschlag an seinen Kräften nagen.
Lan Wangji öffnete langsam seine schweren Augenlieder.
Er hing noch immer an dem gleichen dunklen Ort mit den selben gefesselten Händen von der Decke herab und er stützte sich auf seine Knie.
Seine Schultern und Handgelenke schmerzten und er hing mit seinem vollen Gewicht in den Ketten.
Er schmeckte den ekligen Geschmack von Blut in seinem Mund und sein Kopf hing schwer auf seiner Brust herab.
Er blickte auf den Boden vor sich und er sah die vielen Bluttropfen die von seinem nackten Körper auf die Erde tropften.
Daneben lag eine kurze Peitsche und ein blutverschmiertes Messer an dessen Gefühl er sich sehr gut erinnern konnte.
Seine einst so weißen und edlen Kleider lagen alle zerrisen in Fetzen um ihn herum.
- Wann wird sie wohl wieder kommen?- war Lan Wangjis einziger Gedanke.
Er hing noch eine ganze Weile so da und er war wieder kurz davor, dass Bewusstsein zu verlieren als er plötzlich etwas warmes an seinem Handgelenk spürte. Aber es war keine schmerzende, heiße Wärme sondern es war angenehm und heilend. Er hatte das Gefühl, dass die Schmerzen an seinem Handgelenk gelindert wurden und das eine wohltuende Wärme durch seinen Körper strömte.
Es regte sich wieder etwas Lebensgeist in ihm und langsam hob er seinen Kopf an und blickte nach oben zu seinen rot- blauen Handgelenken.
"...Was ist das...?" flüsterte er zu sich selbst.
Seine Augen weiteten sich als er das rote Haarband Wei Wuxians sah, welches in einem fahlen Licht aufschimmerte.
Das Licht wurde immer kräftiger und Lan Wangji spürte plötzlich wie ihm ganz warm ums Herz wurde.
Er kannte diese Wärme und dieses sehnsüchtige Gefühl. Voller Leidenschaft und Hoffnung. Bittersüß wie ein warmer Sommerregen erfüllte es seinen Körper.
"...Wei...Ying..?" hauchte Lan Wangji mit zittrigen Lippen.
Plötzlich hörte Lan Wangji eine leise Melodie. Aber es war nicht als würde er sie mit seinen Ohren wahrnehmen, sondern er fühlte sie in seinem Herzen.
Er spührte die leise romantische Melodie die mit jedem Ton lauter und kräftiger wurde und ihm neue Hoffnung schenkte.
Lan Wangji schloss seine Augen und er konzentrierte sich nur auf das Lied, welches er in seinem Herzen spürte.
Es war ein Flötenspiel. So traurig und wunderschön zugleich und er wurde von ihm wie in eine Trance eingefangen.
Er ließ das Gefühl zu und sein Geist ließ sich von der Melodie leiten und sich von ihr davon tragen.
Plötzlich spürte Lan Wangji eine leise Stimme in seinem Kopf. Sie war noch schwach und leise und er konnte sie nicht richtig verstehen.
Doch umso mehr er sich konzentrierte und hinhörte umso lauter und klarer wurde sie.
Die Stimmfarbe war so bekannt, so vertraut und so geliebt. Lan Wangjis Herz setzte einen Schlag aus, als er Wei Wuxians Stimme klar und deutlich vernahm.
"Lan Zhan? Lan Zhan? Hörst du mich?"
Lan Wangjis Lippen begannen zu beben und er kniff seine Augen fest zusammen.
Seine Hände zitterten und seine schmalen Lippen öffneten sich zaghaft.
"...Wei...Ying.." hauchte er und seine Augen wurden glasig, als er Wei Wuxians Wärme und seine Stimme in seinem Herzen spürte.
"Oh Gott, Lan Zhan!
Du bist es wirklich!
Es hat funktioniert!
Bist du verletzt?" fragte Wei Wuxian aufgeregt und Lan Wangji spürte die Nervosität in seiner Stimme.
"Wie hast du mich gefunden?" fragte Lan Wangji und er spürte wie diese kleine Unterhaltung mit seinem geliebten Wei Ying ihm sofort wieder etwas Kraft schenkte.
"Madame Mao hat mir dieses Lied gezeigt und dann hab ichs einfach gespielt und dann... ich hätte einfach niemals gedacht, das es tatsächlich funktioniert, aber ich kann wirklich mit dir sprechen.
Oh Gott, Lan Zhan ich habe mir solche Sorgen gemacht.
Wo genau bist du?
Wie geht es dir?
Bist du alleine?
Ich habe dich so sehr vermisst.
Ich war krank vor Sorge.
Hab ich dich eigentlich schon gefragt ob du verletzt bist?"
Wei Wuxian plapperte alles wild durcheinander was gerade aus seinem Herzen sprudelte und er war vollkommen unfähig sich auf das Wichtigste zu konzentrieren, so erleichtert war er Lan Wangjis Stimme zu hören.
Wenn Lan Wangji nicht so unter Schmerzen gewesen wäre und nicht jede kleinste Bewegung seines Körpers wie heiße Nadelstiche gewesen wäre, dann hätte er jetzt über Wei Wuxians konfusen Fragen ein erleichtertes Lächeln über seine Lippen gebracht.
Doch er fühlte sich miserabel und er wusste, dass er sich in einer ernsten Lage befand.
Lügen wäre für ihn nicht in Frage gekommen, aber da er merkte wie aufgebracht Wei Wuxian ohnehin schon war, wollte er ihm lieber nicht genauere Details über seinen Zustand verraten.
"Wei Ying...du fragst zu viel." sagte er kraftlos.
"Sind mein Bruder und Tian bei dir?"
Wei Wuxian der dagegen kein Problem damit hatte schnell eine Lüge über seine Lippen fliegen zu lassen um sich oder um andere zu schützen, antwortete hastig.
"Ja klar, wir sind alle hier.
Lan Zhan kannst du sagen wo du bist?
Wir holen dich da raus!"
Lan Wangji der in seiner prompten Antwort sofort verdacht schöpfte musste einmal leise aufseufzen über den unüberwindbaren Fakt, wie grundverschieden sie doch manchmal waren.
"Tut mir Leid. Ich weiß leider nicht wo ich bin. Ich bin gefesselt und alles ist dunkel hier. Es riecht muffig...und...erdig...und...es ist kalt hier." sagte Lan Wangji leise und entteuscht.
"Du bist gefesselt?" fragte Wei Wuxian schockiert.
- Nagut, bei genauerem nachdenken wäre es genau so seltsam wenn jemand Lan Wangji irgendwo festhalten könnte ohne ihn in irgendeiner Form zum Bleiben zu zwingen- Dachte sich Wei Wuxian im selben Moment, nachdem er die Frage gestellt hatte.
"Okay nicht schlimm, Lan Zhan. Ich kann dich spüren. Oder besser gesagt spüre ich mein rotes Haarband..."
Lan Wangji blickte noch einmal nach oben auf seine Handgelenke und er sah den hellen Lichtschimmer der noch immer von Wei Wuxians Haarband ausging.
Wer hätte jemals gedacht, dass Lan Wangjis eigenmächtige Zweckentfremdug von Wei Wuxians Haarband zum Retter in letzter Sekunde werden könnte?
"Okay, Lan Zhan. Ich gehe jetzt los. Warte auf mich, halte durch, ich werde dich finden!" Sagte Wei Wuxian und seine Stimme wurde lauter und entschlossener.
"Du meinst...IHR geht los..." Sagte Lan Wangji angestrengt aber trocken.
"..."
"Ähh ja! Klar!
Wir, das meinte ich doch. Hab ich, ICH gesagt?" sagte Wei Wuxian ertappt.
Doch Wei Wuxians schweres Herz lichtete sich für einen Moment als er in Lan Wangjis Stimme den ermahnenden Unterton hörte, mit dem er ihn immer wieder ruhig zurechtwies. Er wusste, dass es somit noch Hoffnung gab und Lan Zhan noch für ihn greifbar war.
"Bitte..." hauchte Lan Wangji.
"Komm nicht hierher. Nicht alleine.
Es ist kein gewöhnlicher Geist der mich hier festhält. Es steckt noch mehr dahinter. Hol die anderen und versprich mir,
Wei Ying,
dass du nicht alleine her kommst." sagte Lan Wangji mit besorgter Stimme.
"..." Wei Wuxian schwieg für einen Moment. Er war so besorgt um Lan Wangji das er nicht wusste was er jetzt dazu sagen sollte. Er hatte keine Zeit auf Lan Xichen und Bao Tian zu warten. Er wusste, dass er sofort los musste. Lan Wangjis Stimme und seine Wortwahl gefiehlen ihm überhaupt nicht und er spürte, dass ihm etwas zugestoßen sein musste aus dem er sich selbst nicht mehr befreien konnte.
"Halte durch!" sagte Wei Wuxian und seine Stimme zitterte leicht.
"Hm" antwortet Lan Wangji leise als er plötzlich ein paar unheilvolle Schritte aus der Ferne hörte, die sich ihm wieder näherten.
Bao Tian drehte sich noch einmal im Schlaf um als er langsam wieder wach wurde und mit schweren Augenliedern unter eine dunkle Holzdecke blinzelte.
Der Raum war mit einem hellen Tageslicht erleuchtet und durch die luftigen Fenster hörte er das rege Treiben von der Straße.
Bao Tian strich sich mit seiner flachen Hand durch sein Gesicht und richtete seinen Oberkörper auf.
Die Bettdecke rutschte von seinen Schultern und sein Blick fiel auf seinen nackten Oberkörper.
Bao Tian runzelte die Stirn und hob nachdenklich die dünne Bettdecke ein Stück an.
Seine Augen weiteten sich als er in seinen nackten Schritt blickte.
Schnell klappte er die Bettdecke wieder zu und schaute sich suchend nach seiner weißen Unterrobe um.
"Was zum?" nuschelte er zu sich selbst als er neben dem Bett auf dem Fußboden seinen breiten Gürtel erblickte.
Der Ärmel seiner Unterrobe lag noch zusammengeknüllt unter seinem Hintern auf dem Bett und der Rest hing schon die Bettkante hinunter und berührte den Fußboden.
Bao Tian blickte sich noch einmal im Raum um. Das Bett neben ihm war leer, seine Augen fühlten sich leicht geschwollen an und neben ihm lag ein langes, sehr langes schwarzes Haar auf dem Bettlaken.
Es war auch nicht sein Zimmer in der Gaststätte sondern es war das Zimmer von Lan Xichen.
Bao Tian fasste sich mit seiner rechten Hand an seinen Hals und er spürte einen Schock der durch seine Glieder fuhr als er sich wieder an die vergangene Nacht erinnerte.
Wie ein Hagel aus Eis und Feuer prasselte es auf ihn ein und seine Kehle schnürte sich zu als sein Mund begann trocken zu werden.
Er schluckte schwer.
Bao Tian fuhr sich mit seiner linken Hand durch die Haare und seine Finger kribbelten.
"Was habe ich nur getan?" flüsterte er unter Schock zu sich selbst.
Er konnte es nicht fassen was in der vergangenen Nacht in diesem Raum und in diesem Bett geschehen war.
- Wie konnte es nur dazu kommen-? Dachte er sich als er versuchte sich etwas zu beruhigen.
Bao Tian stellte seine Füße auf den Fußboden und rutschte auf die Bettkannte. Er hob seine Unterrobe vom Fußboden auf und zog sie sich wieder an.
Er stand auf, band den Gürtel in seiner Taille wieder zu und blickte verstört und fassungslos aus dem Fenster.
"Wie soll ich jemals Huan wieder in die Augen blicken...?" nuschelte er zu sich selbst.
Eine ganze Weile stand er noch regunglos in Gedanken versunken vor dem Fenster und blickte nach draußen.
Er musste sich erst beruhigen und seine Gedanken sortieren.
-Wie soll er sich verhalten, was soll er sagen wenn sie sich sehen? Und wo ist Lan Xichen jetzt überhaupt? Was denkt er wohl?-
Bao Tians Gedanken überschlugen sich und er spürte wie sein Herz vor Aufgegung wieder begann schneller zu schlagen.
"Was soll ich nur tun? Ich habe alles kaputt gemacht..." sagte er aufgelöst. Gerade als Bao Tian in Selbstzweifel und Unsicherheit zu zerfallen drohte, klopfte es plötzlich leise an der Tür.
Er zuckte zusammen und starrte ängstlich zu der kleinen Holztür.
Mit einem Knacken schob sie sich auf und durch den Spalt hindurch sah Bao Tian eine Person ganz in weiß.
Sein Herz machte einen Sprung und er wurde leicht nervös als die Tür sich weiter aufschob und Lan Xichen in den Raum herein trat.
Bao Tian stand regungslos am Fenster. Er hatte seine Gedanken und Gefühle noch nicht sortiert und er war noch nicht bereit gewesen Lan Xichen gegenüber zu treten. Er schluckte schwer und seine Zunge und seine Kehle waren unfähig sich zu bewegen.
Lan Xichen jedoch hatte wie immer ein feines Lächeln auf den Lippen. Er trat elegant herein und trug in der Hand ein kleines Tablett mit zwei Schalen.
"Guten Morgen." sagte er mit sanfter Stimme als er das Tablett auf dem kleinen Tisch in der Ecke abstellte und die Tür wieder hinter sich schloss.
"...Guten Morgen..." stotterte Bao Tian leicht verlegen und er wendete seinen Blick leicht ab um den direkten Augenkontakt zu vermeiden.
"Ich habe dir etwas von dem Frühstück zur Seite gestellt. Es ist schon spät. Mach dich fertig und iss etwas, damit wir aufbrechen können."
Lan Xichens Stimme klang wie immer sehr freundlich und ruhig. Er hatte die selbe Güte und Wärme in seinen Worten und sein feines Lächeln schien durch nichts getrübt.
Bao Tian blinzelte über seine Schulter und wagte einen Blick zu Lan Xichen herüber. Unsicher wie er reagieren sollte antwortet er ersteinmal nur mit einem bestätigendem "Hmm".
Bao Tians Gedanken fanden derzeit keine vernünftige Reihenfolge.
- Soll ich etwas sagen? Er ist so ruhig... Er kann sich doch an die vergangene Nacht erinnern oder? Oder ist er einfach nur Gentleman genug und umhüllt die Geschehnisse der vergangenen Nacht mit Schweigen und verdeckt seine Unsicherheit mit einem Lächeln? Oder sollte ich mich direkt vor ihm auf den Boden werfen und um Vergebung betteln und ihn fragen ob ich weiterhin an seiner Seite bleiben darf? -
Bao Tian war sichtlich überfordert wie er jetzt mit dieser Situation umgehen sollte und unruhig tippte er mit seinem Zeigefinder auf seinem Kinn hin und her.
Lan Xichen schaute ihn eine Weile kommentarlos an bis er tief Luft holte und erneut etwas sagte.
"Ich habe neue Nachrichten.
Von Wei Wuxian und Madame Mao." sagte er mit ruhiger Stimme.
Bao Tian zuckte zusammen und schaute Lan Xichen schließlich direkt in die Augen.
"Von Madame Mao und Wei Wuxian?" fragte er sichtlich irritiert.
"Wei Wuxian hatte uns vergangene Nacht verlassen. Er ist nach Zhou Yong aufgebrochen, zu Madame Mao und er hatte eine Nachricht in seinem Zimmer hinterlassen." Lan Xichen fasste in seinen Gürtel und holte ein kleines gefaltetes Stück Papier hervor.
Er machte ein paar Schritte auf Bao Tian zu und streckte ihm das Papier entgegen.
Gerade als Bao Tian es annehmen wollte, striff er ausversehen Lan Xichens Finger.
Als hätte er sich an etwas heißem verbrannt zuckte Bao Tian plötzlich zusammen und zog seine Hand schnell wieder zurück. Das Stück Papier flatterte zu Boden und der Moment der Unbehaglichkeit war deutlich zu spüren.
"Verzeihung..." hauchte Bao Tian leise als Lan Xichen sich bückte, das Papier aufhob und es ihm mit einem liebevollen Lächeln erneut hinhielt.
Bao Tian griff peinlich berührt nach dem Papier. Dieses mal gab er sich aller größte Mühe den Körperkontakt zu vermeiden und er faltete die kleine Notiz auf und las sie sich durch.
Er fragte sich beim Lesen ob es wohl seine Worte auf der Veranda gewesen ware, die Wei Wuxian dazu veranlassten, alleine und mitten in der Nacht zu Madame Mao aufzubrechen.
"Und ich habe noch eine Nachricht von Madame Mao erhalten." Lan Xichen griff erneut in seinen Gürtel und holte den kleinen gefalteten Papiervogel heraus den Madame Mao ihm als Botschafter zugesandt hatte.
Er hatte wieder die Form eines Stück Papiers angenommen und lag regungslos in seiner Hand.
"Wei Wuxian ist bei Madame Mao wohlbehalten angekommen und sie hat ihm ein Lied mitgegeben." sagte Lan Xichen mit einem warmen Unterton.
"Ein Lied?" stutzte Bao Tian als er den Papiervogel in Lan Xichens Hand betrachtete. Er kannte den kleinen weißen Vogel. Er hat ihn oft schon durch die Lüfte fliegen sehen wenn er von Lan Xichen wieder durchs Fenster geschickt wurde um eine Nachricht an Madame Mao zu übermitteln.
"Ja." antwortete Lan Xichen ruhig aber mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck.
"Sie hat ihm das Lied der Liebenden beigebracht. Ein eher unbekanntes und spirituell schwaches Stück. Es kann sich aber als durchaus Hilfreich erweisen, wenn alle Bedingungen eingehalten werden.
Und in diesem Fall könnte es tatsächlich eine Chance sein. Vorausgesetzt Wangji trägt noch immer das rote Haarband Wei Wuxians um sein Handgelenk, um welches er so ein Geheimniss gemacht hatte." Lan Xichen lächelte zufrieden und blickte den etwas irritierten Bao Tian an.
Bao Tian verstand nicht so ganz wovon Lan Xichen da sprach aber er war glücklich, dass sie sich scheinbar ganz normal und unbefangen wie immer unterhalten konnten.
"Ich glaube es könnte sein, dass Wei Wuxian noch vor uns Wangji findet. Wir sollten unsere Sachen packen und aufbrechen. " lächelte Lan Xichen.
Er trat ans Fenster heran und öffnete mit einem Ruck den Fensterflügel. Bao Tian ging ein Stück zur Seite und ein frischer Windzug strömte in den Raum.
Lan Xichens Haare begannen leicht im Windzug sich hin und her zu bewegen und die langen weißen Enden seines Kopfbandes tanzten im Wind.
Sein Gesicht war schön und anmutig anzusehen. Die fließenden Gesichtskonturen und der friedliche Gesichtsausdruck ließen ihn fast wie ein elfengleiches Wesen aus Mythen und Sagen erscheinen.
Bao Tian konnte seinen Blick nicht abwenden und starrte ihn kühn an. Jede seiner Bewegengungen sog er förmlich in sich auf und schweigend wie in einer inneren Meditation gefangen, betrachete er ihn hingebungsvoll.
Lan Xichen streckte seine Hand aus und streichelte dreimal über den Kopf des kleinen Papiervogels. Mit einer kleinen blauen Flamme verwandelte sich der kleine Papiervogel wieder in seine weiße Form aus Fleisch und Blut. Lan Xichen befestigte eine schwarze Haarsträhne an dem Fuß des kleinen Vogels.
Dann flüsterte er leise in seine Hand.
"Suche den Besitzer diesen Haares und zeig mir den Weg."
Der kleine Vogel begann aufgeweckt zu zwitschern und bewegte seinen Kopf ein paar mal hin und her bevor er mit leisem Flügelschlag sich auf in die Lüfte schwang und in der Ferne davon flog.
Bao Tian schaute dem kleinen Vogel noch schweigend nach bis sich ihm plötzlich eine Frage auftat.
"Wessen Haar...war das jetzt?" fragte er stirnrunzelnd.
"Wei Wuxians." antwortet Lan Xichen und schaute aus dem Fenster ohne seinen Blick zu Bao Tian zu richten.
Bao Tians Gesicht legte sich kraus "Und wo hast du das her?" fragte er verblüfft weiter.
Lan Xichen kippte schließlich seinen Kopf zur Seite und lächelte Bao Tian mit einem etwas befremdlichen Gesichtsausdruck an.
"Aus Wangjis Hab und Gut."
Bao Tian hob eine Augenbraue an.
- Was zum...?- Dachte er sich.
- Was hat Huan denn noch alles von Wangji außer Bichen zu dieser Reise mitgebracht? Und was zur Hölle sammelt Wangji alles von Wei Wuxian?-
Bao Tian strich sich mit der flachen Hand über sein Gesicht und er entschied sich, es einfach so hinzunehmen und seinen absurden Gedankengang über die seltsamen Verwicklungen der Lan Familie besser nicht weiter auszuführen.
Lan Xichen schloss wieder das Fenster und wendetet sich von Bao Tian ab. Leise Öffnete er die Zimmertür.
"Ich warte dann unten auf dich." sprach er mit ruhiger Stimme und als er gerade durch die Tür schreiten wollte, erklang Bao Tians unsichere Stimme.
"...Ist...
dein Körper...
inordnung?" Hauchte er so leise mit stockender Stimme das es kaum zu hören war.
Lan Xichen hielt für einen Momet inne und blieb genau dort stehen wo er gerade war.
Er drehte sich langsam nach hinten und sah wie Bao Tian leicht beschämt und unsicher sein Gesicht hinter seiner Hand versteckte.
Lan Xichen legte erneut ein zeitloses Lächeln auf seine Lippen und nickte ihm höflich zu.
"Ich warte dann unten auf dich." Lan Xichen drehte sich um und ohne ein weiteres Wort, schloss er die Tür hinter sich und Bao Tian stand allein ohne Antwort, zurückgelassen in dem kleinen Zimmer.
Er atmete einmal tief ein als er sich mit beiden Händen durch die Haare fuhr und sein Gesicht nach oben streckte und den Kopf in den Nacken legte. Er schloss für einen Moment seine Augen als er Lan Xichens leisen Schritte auf dem Flur noch nachhallen hörte.
Wei Wuxian riss seine Augen weit auf. Wie aus einer Trance kam er wieder zurück aus seinem Flötenspiel ins hier und jetzt. Sein Herz raste in seiner Brust und seine Finger kribbelten.
Er blickte sich in dem kleinen Raum in Madame Maos Laden um und rieb sich seine Augen.
"Lan Zhan!" rief er aus als er aufsprang, seine Flöte hinter seinen Gürtel steckte und die Tür aufriss.
Madame Mao kam gerade die Treppen hinunter und sah wie Wei Wuxian aufgebracht aus dem Raum hinaustrat.
"Hat es geklappt?" fragte sie und schaute ihn neugierig an.
Wei Wuxian zuckte zusammen und blickte Madame Mao mit großen Augen an.
"Ich weiß wo er ist!" sagte er aufgebracht.
"Ich muss los, jetzt gleich!
Madame Mao habt vielen Dank!"
Wei Wuxian machte einen Satz auf Madame Mao zu und hielt ihre rechte Hand fest. Seine zittrigen, warmen Hände hielten ihre fest umschlossen und seine Augen funkelten mit einem Schimmer der Hoffnung.
Sie erschrak sich über seinen plötzlichen Handgriff und schaute ihn vollkommen überrumpelt an.
"Gern geschehen!" Sagte sie verwundert.
"Aber wo ist er denn?
Geht es Wangji gut?"
"Ich habe leider keine Zeit für Erklärungen aber ich verspreche, dass ich Lan Zhan heile zurück hole!" Wei Wuxian strich mit seiner Hand über Madame Maos Wange und dann lächelte er sie an.
"Habt nochmal vielen Dank, Madame Mao. Ihr seid die Beste!"
Madame Maos Augen weiteten sich und sie blickte in Wei Wuxians aufgewecktes, hübsches Gesicht. In seinen Augen loderte wieder ein Feuer und seine Mundwinkel waren leicht nach oben gebunden.
"Pass auf dich auf, mein Junge!" sagte Madame Mao liebevoll und sie schloss Wei Wuxian in ihre Arme und drückte ihn einmal fest an ihre Brust heran.
"Kommt alle wohlbehalten wieder zurück. Damit ich meine Jungs wieder in die Arme schließen kann. Ich hoffe gute Nachrichten von euch allen zu erfahren!" Madame Mao schloss für einen Moment ihre Augen und sie hoffte inständig auf ihrer aller Unversehrtheit.
Wei Wuxian erwiderte ihre Umarmung und legte seine flachen Hände für einen kurzen Moment fest auf ihren Rücken.
Dann trennte er ihre innige Umarmung und er stürmte eilig aus dem Laden heraus und lief die kleine Gasse entlang.
Er spürte in seinem Herzen die Anwesenheit von seinem Haarband um Lan Wangjis Handgelenk und er ließ sich von diesem Gefühl intuitiv leiten. Er verließ die Stadt Zhou Yong durch den Haupteingang und bald ließ er auch die breite Straße hinter sich und verschwand in die Wildnis.
Immer wieder wenn Wei Wuxian das Gefühl hatte, die Spur zu verlieren legte er seine Flöte wieder an seine Lippen und begann das Stück erneut anzuspielen. Es verfehlte nie seine Wirkung und jedes mal wurde das Gefühl in seiner Brust wieder stärker und es zeigte ihm den Weg.
Der Tag neigte sich bald dem Ende zu und die dunklen Schatten der Nacht legten sich auf die Erde.
Wei Wuxian war müde geworden, aber es brannte ein Feuer in ihm das ihn vorantrieb, immer weiter zu suchen.
Als er durch einen Wald am Fuß eines Berges durchs Unterholz kletterte, wurde das warme Gefühl in seiner Brust immer stärker. Wei Wuxian war sich ganz sicher, nun seinem Ziel ganz nah zu sein.
Aufgeregt und erschöpft strauchelte er los und kämpfte sich durch das Dickicht als er er plötzlich vor einem schmalen Eingang einer dunklen Berghöhle stand.
Wei Wuxian stockte der Atem und seine Augen weiteten sich als ein kalter und muffiger Windzug aus der Höhle kam und ihm seine Haare aus dem Gesicht blies.
Er schluckte einmal schwer und schaute dann in seine Hand in der er noch immer seine Flöte hielt. Er steckte sie zurück in seinen Gürtel und atmete einmal tief ein.
"Lan Zhan, halte durch, ich komme jetzt." flüsterte Wei Wuxian entschlossen zu sich selbst.
Unsicher aber mit Gedanken bei Lan Wangji betrat er die unheilvolle Höhle und verschwand in der Dunkelheit.
Es war stockdunkel in der Höhle, die eisige Kälte ging durch Mark und Gebein und die stinkende Luft machte es einem schwer zu Atmen.
Wei Wuxian spürte die unheilvolle Energie die sich in dieser Höhle befand und es war deutlich zu spüren, dass mehr dahinter steckte als ein einfacher Geist einer rastlosen Seele.
Wei Wuxian holte aus seinem Ärmel einen Talisman hervor und machte sich ein wenig Licht.
Sein Herz begann schneller zu schlagen und sein unruhiger Atem hallte durch die Gänge.
Er folgte weiterhin seinem Gefühl und nach einer Weile kam er zu einem schmalen Gang der wie die Markierung eines Einganges aussah. In den Fels war ein Tor geschlagen mit ein paar fremden Verzierungen und Ornamenten in dem großen Torbogen.
Er passierte das Tor und schlich sich leise den Gang weiter entlang, bis er am anderen Ende in eine große Höhle kam. Die Decke war sehr hoch und man konnte erkennen, dass sie von Menschenhand geschaffen war.
"Was das hier wohl mal war?" nuschelte Wei Wuxian leise zu sich selbst.
In der Mitte der Höhle brannte ein kleines Feuer und die Steinwände wurden von einem fahlen Feuerschein erleuchtet.
Wei Wuxian spürte einen Windzug und er blickte nach oben unter die Steindecke.
"Es muss einen Zugang nach draußen geben.." flüsterte er leise als er seine Hand nach oben streckte.
Er horchte angespannt hin, aber außer dem Knacken des Feuers und einem leisen Windpfeifen konnte er nichts weitere hören.
Wei Wuxian erlosch seinen Licht-Talisman und machte einen großen Bogen einmal um das Feuer herum.
Sein Blick fiel auf einen weiteren Torbogen der etwas kleiner als der erste war als er plötzlich ein stechen in seinem Herzen spürte.
- Lan Zhan- Dachte er sich und schnellen Schrittes lief er los.
Er tastete sich mit seinen Händen die kalten Wände entlang und kam in eine kleinere Höhle und gerade als sich seine Augen an die neue Dunkelheit gewöhnt hatten, stockte ihm der Atem.
Wei Wuxian blieb wie versteinert stehen und seine Augen weiteten sich.
In der Mitte der Höhle war eine Anhöhung. Eine Art Steinpodest auf welches drei Stufen nach oben führten.
Und mitten in der Mitte, erkannte Wei Wuxian eine Gestalt zwischen den dunklen Schatten.
Die geschundenen Arme waren gefesselt und hingen von der Decke herab. Die Person kniete auf ihren Knien, der Kopf mit den langen schwarzen Haaren hing regungslos nach unten.
Die helle Haut leuchtete in der Dunkelheit und die Person war außer einem kleinen Stückchen Stoff in seinem Schritt komplett nackt.
Doch was noch viel mehr leuchtete als die helle Haut waren die vielen Schnittwunden am ganzen Körper und das rote Blut, welches schon auf den Boden tropfte.
Wei Wuxian hielt sich vor Schock die Hand vor seinen Mund und es fuhr ihm ein grauenvoller Schmerz durch seinen Körper als er mit zittriger Stimme etwas hauchte. Seine Stimme war kraftlos und heiser.
"...Lan...Zhan...?"
Plötzlich zuckte die leblos wirkende Gestalt zusammen und der schwere Kopf hob sich langsam an.
Aus einem gequälten und müdem Gesicht stachen zwei helle bernsteinfarbende Augen Wei Wuxian entgegen.
"Lan Zhan!" rief Wei Wuxian aus.
Sein Herz überschlug sich, sein Mund wurde trocken und vor lauter Aufregung verschluckte er sich.
"Oh Gott..., Lan Zhan!" seine Stimme brach und Wei Wuxian rannte die drei Stufen nach oben und schmiss sich vor Lan Zhan auf die Knie.
Wei Wuxians Augen wurden glasig und seine Lippen zitterten als er mit seinen Händen an Lan Wangjis Wangen fasste und sein Gesicht behutsam anhob um ihn besser sehen zu können.
"Lan Zhan...es tut mir so leid..." Wei Wuxians Stimme bebte und eine erste Träne kullerte über seine Wange. Behutsam strich er mit seinen zittrigen Händen Lan Wangjis Haare aus dem Gesicht und streichelte liebevoll seine Wangen.
Lan Wangji blickt in Wei Wuxians aufgelöstes Gesicht und er sah die vielen Tränen die unaufhaltsam über seine Wangen kullerten und ein paar betrübte Augen, welchen ihn besorgt in der Dunkelheit anfunkelten.
"...Wei...Ying..." hauchte Lan Wangji kraftlos und es war für einen Moment als würden all seine Schmerzen, mit jeder vergossenen Träne Wei Wuxians, von ihm gehen.
"Du bist gekommen..." hauchte Lan Wangji.
"Natürlich bin ich das!" schluchzte Wei Wuxian.
"Ich bin jetzt hier, alles wird wieder gut! Ich hole dich hier raus!" Wei Wuxian schenkte Lan Wangji ein gequältes Lächeln und nachdem er sich mit seinem Ärmel über seine Wangen wischte, versuchte er Lan Wangjis Fesseln zu lösen.
Doch die Fesseln waren aus schwerem Metall, die schon so fest waren, dass sie in Lan Wangjis Fleisch schnitten. So sehr sich Wei Wuxian auch bemühte, aber er konnte sie einfach nicht lösen.
Lan Wangji blickte betrübt hinauf zu Wei Wuxian.
"Es ist zwecklos. Sie sind mit starker spiritueller Energie versiegelt. Ich glaube nicht, dass wir sie so aufbekommen."
Wei Wuxian wurde unruhig und er zerrte so stark an den Fesseln das Lan Wangji ein leises, schmerzerfülltes Geräusch von sich gab.
"Verzeih mir." sagte Wei Wuxian schuldig. Er starrte auf Lan Wangjis blutigen Handgelenke und er konnte die Emotionen und den Schmerz in seiner Brust kaum ertragen. Er schloss für einen Moment seine Augen und sackte dann vor Lan Wangji auf seine Knie.
"...Es tut mit so leid...Das ich so spät bin." zitterte noch einmal seine Stimme und er schaute nach unten auf den Boden. Er stützte sich mit seinen Händen auf den kalten Boden ab und plötzlich entdeckte er das blutverschmierte Messer und die kurze Peitsche welche vor Lan Wangji auf dem Boden lag.
Wei Wuxians Augen weiteten sich vor Entsetzen und zwischen dem Schmerz in seiner Brust spürte er wie die Wut in ihm hoch kochte.
"...Wei Ying... bist du alleine gekommen?" fragte Lan Wangji mit schwacher Stimme.
Doch Wei Wuxian hörte ihn nicht oder besser gesagt, sein Blut kochte und schoss ihm so in den Kopf, dass er da gerade kein Gehör dafür hatte.
Wei Wuxian stand auf und er knirschte mit seinen Zähnen. Seine Hände ballten sich zu angestrengten Fäusten und ein paar Adern traten sichtbar an seiner Stirn hervor.
"War SIE das?" donnerte Wei Wuxian in seinem Zorn los.
Lan Wangji blickte in Wei Wuxians wutentbranntes Gesicht.
"Ich bringe sie um!" zischte Wei Wuxian und er blickte sich hektisch umher.
Lan Wangji der merkte, dass Wei Wuxian seine Emotionen nicht mehr unter Kontrolle hatte und bekam Sorge, das Wei Wuxian in seinem Zorn etwas unüberlegtes tun würde und versuchte abermals zu ihm durchzudringen.
"Wei Ying! Hör mir zu! Bist du alleine?"
"..." Wei Wuxian
"WEI YING!" rief Lan Wangji mit letzter Kraft und die Anstrengung bereitete ihm sichtlich Schmerzen. Seine Atmung wurde schwerer als er ein paar mal Blut spuckte.
Plötzlich erwachte Wei Wuxian wieder aus seiner Rage und er kniete sich schnell wieder vor Lan Wangji und legte seine Hand auf seine Brust.
"Verzeih mir, das wollte ich nicht!
Ich war nur so wütend!
Bitte reg dich nicht auf!
Du musst dich schonen!" Sagte Wei Wuxian mit verzweifelter Stimme und er war so durch den Wind, dass er seinen sonst so kühlen Kopf verlor.
"Geh, es ist zu gefährlich hier. Ich sagte doch, du sollst nicht alleine hierher kommen...
Warum hast du nicht auf mich gehört und die anderen mitgebracht?." Sprach Lan Wangji in seiner Sorge um Wei Wuxian.
Doch in diesem Moment hörten die beiden plötzlich ein Klappern.
Wei Wuxian drehte sich ruckartig um und beide blickten zu dem Eingang in ihre Höhle.
Sie hielten den Atem an und lauschten angestrengt.
Tap Tap Tap
Es waren leise Schritte zu höhren, die durch die Gänge hallten und sich ihnen langsam immer weiter näherten.
Ihr Puls stieg an, das Herz schlug schneller und die Nervosität kroch in ihre Glieder.
"Du musst gehen, jetzt gleich!" sprach Lan Wangji schnell.
Wei Wuxian drehte sich ruckartig wieder zu Lan Wangji um und ihre Blicke trafen sich.
"Ich werde dich nicht zurück lassen." sagte Wei Wuxian entschlossen und die Schritte kamen immer näher.
"Ich flehe dich an, GEH!" sagte Lan Wangji und seine Stimme klang schrill und heiser.
Wei Wuxians Augen weiteten sich und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Er war unfähig sich zu bewegen und es kreisten so viele Gedanken in seinem Kopf umher, dass er nicht mehr wusste was nun richtig oder falsch war.
Eine Schweißperle bildete sich auf seiner Stirn und er schaute in Lan Wangjis gequältes Gesicht als er plötzlich eine scharfe Klinge an seinem Rücken spürte. Die Spitze bohrte sich in seinen Rücken und wurde von einem kräftigen Druck gegen seinen Rücken gepresst.
Lan Wangjis Augen weiteten sich als er mit starrem Blick an Wei Wuxian vorbei blickte.
"Wen haben wir denn da?" Erklang eine listige Frauenstimme von hinten und Wei Wuxian spürte einen kalten Atem in seinem Nacken.
