Chapter 15.5
Lan Xichen und Bao Tian gingen gemeinsam die breite Handelsstraße in Richtung Zhou Yong entlang.
Sie waren schon ein paar Stunden unterwegs und Lan Xichen ließ sich von der Aura des kleinen Vogels leiten.
Es waren recht stille Stunden gewesen und Bao Tian war oft geistig nicht ganz anwesend, wenn Lan Xichen ihn etwas fragte.
Lan Xichen dagegen behielt sein sanftes Lächeln auf den schmalen Lippen und seine ruhige Ausstrahlung behielt er bei, auch wenn er innerlich sich große Sorgen um Lan Wangji machte.
An seiner rechten Hüfte trug er sein eigenes Schwert und an seiner linken trug er Lan Wangjis Schwert, Bichen.
In seinem weißen Gürtel steckte seine Flöte und seine strahlenden Augen blickten mit klarem Blick nach vorne.
Bao Tian lief neben ihm her und er trug außer seinem Schwert noch seine Liuqin (traditionell Chinesisches Instrument) auf seinem Rücken.
Er hob sich mit seinen leicht gewellten, schwarzen Haaren und dem etwas dunklerem Hautteint stark von Lan Xichen ab.
Sie waren ein ungewohnter Anblick und die vielen Passanten die ihnen auf ihrem Weg entgegen kamen bestaunten ihre Erscheinungen und tuschelten hinter hervorgehaltener Hand.
Bao Tian griff in einen Beutel an seiner Hüfte und holte einen roten, saftigen Apfel hervor.
Er bestaunte ihn gierig in seiner Hand und drehte ihn so lange hin und her bis er die richtige Stelle gefunden hatte. Da er sich auf etwas anderes als das Gehen konzentrierte wurde er etwas langsamer und blieb bald hinter Lan Xichen zurück.
Genüsslich biss er in den saftigen Apfel und schloss für einen kurzen Moment seine Augen.
Doch dieser kurze Moment der Unachtsamkeit reichte schon aus.
Lan Xichen blieb plötzlich stehen und schaute sich suchend um als Bao Tian ungebremst in Lan Xichen hinein lief.
Mit einem Rumms haute er sich den Apfel in sein Gesicht und das lange Schwertende von Bichen bohrte sich in sein linkes Knie.
Der Apfel fiel zu Boden und Bao Tian zischte vor Schmerz laut auf.
"Autsch" fauchte er als er sich mit einer Hand an sein Knie fasste und mit der anderen in sein schmerzendes Gesicht.
Lan Xichen der von dem Aufprall vollkommen überrumpelt war strich sich über seinen Hinterkopf, als er sich vollkommen entgeistert nach hinten umdrehte.
"Tian... Was tust du?" fragte er ihn zwar höflich aber mit leichtem Unterton.
"Ich?" fragte Bao Tian entgeistert.
"Kann man denn nicht einmal in Ruhe einen Apfel essen...?"
Sagte er trocken. Er blickte auf den staubigen Boden vor seinen Füßen und den roten Apfel der nun vollkommen mit Staub überzogen war.
"Da ist er nun hin..." Flüserte er traurig.
Ein älterer Mann der das ganze mit angesehen hatte blieb stehen und schaute die beiden abwechselnd fragend an.
"Hast du dich verletzt?" fragte Lan Xichen und schaute Bao Tian an, der sich noch immer sein Knie hielt.
"Bis auf einen Frontalangriff eines Apfels in mein Gesicht und ein langes Schwert welches sich einmal zwischen meine Kniescheibe gebohrt hat, geht es mir gut, danke der Nachfrage." sagte Bao Tian leicht vorwurfsvoll.
"Tian, mach es nicht dramatischer als es ist. Die Straße ist jawohl groß genug für uns beide.
Gib doch einfach zu, dass du geträumt hast." lächelte Lan Xichen mit einem leicht angespanntem Grinsen.
"Ich habe nicht geträumt.
Ich habe lediglich einen Apfel gegessen.
Du bist einfach mitten auf der Straße prompt stehen geblieben." wies Bao Tian ihm die Schuld zu.
Der ältere Mann der am Rand stand blickte die beiden sprachlos an und lauschte ihrer absurden Unterhaltung, wärend er sich fragte, wie zwei so wohlhabende und beeindruckende Männer, über so eine Lapalie streiten konnten.
"Tian, ich will mich wegen so etwas nicht mit dir streiten.
Also hör auf immer recht haben zu wollen. In der Cloud Recesses heißt es..." doch Lan Xichen konnte seinen Satz nicht ganz zu Ende aussprechen, als Bao Tian ihm schon ins Wort fiel.
"Jaja...ich höre dich nicht!" Bao Tian streckte seine Arme hoch zu den Seiten aus und steckte seine Finger provokant in die Ohren. Dabei richtete er seine Nase in die Höhe und wendete den Kopf von Lan Xichen ab.
Lan Xichen stockte für einen Moment und er blickte mit fassungslosem Gesichtsausdruck zu Bao Tian.
"Tian, sieh dich nur an. Hör jetzt auf mit diesem Unsinn." sagte er mit ruhiger aber bestimmter Stimme.
Doch Tian wendete sich noch weiter von Lan Xichen ab und seine Stimme wurde lauter, aber mit einem spielerischem Unterton.
"Oh ich hör dich nicht, ich hör dich nicht!
Deine Lippen bewegen sich aber ich höre dich nicht."
Lan Xichens Augenbrauen kräuselten sich leicht und er streckte eine Hand aus um Bao Tians Arme wieder runter zu nehmen.
"Tian, schluss jetzt! Du benimmst dich wie ein kleines Kind."
Lan Xichen versuchte nach Bao Tians Armen zu greifen, aber er wendete sich jedes mal ab und drehte sich im Kreis und Lan Xichen griff jedes mal vergeblich ins Leere.
Plötzlich blieb Lan Xichen stehen. Er schloss für einen Moment die Augen und atmete tief ein.
"Ok schluss jetzt. Wir haben wirklich wichtigeres zu tun.
Tian, du..."
Doch wieder konnte Lan Xichen seinen Satz nicht aussprechen.
Bao Tian machte einen Satz auf ihn zu. Er nahm seine Finger wieder aus den Ohren und schaute Lan Xichen direkt in die Augen, als er ihm ins Wort fiel.
"Da! Da war es schon wieder!
Ich hasse es, wenn du das machst!" sagte Bao Tian und zeigte mit seinem Finger provokant auf Lan Xichen.
Lan Xichen stutzte verwundert und schaute Bao Tian fragend an.
"Was war da?"
Bao Tian runzelte die Stirn und blickte Lan Xichen prüfend an.
"Immer wenn wir argumentieren, beginnst du mit deinem überlegenen, von oben herab:
Tian, so nicht...
Tian, lass das...
Tian, hör auf..."
Lan Xichens Augen weiteten sich und Unverständnis stand in seinem Gesicht.
"Das ist doch absurd." sagte er und wendete seinen Blick ab.
"Tian, dass du auch immer..."
"HA!" Bao Tian fiel im laut ins Wort und zeigte wieder mit seinem Zeigefinger auf Lan Xichen.
"Siehst du, da war es schon wieder!" sagte er vorwurfsvoll.
Lan Xichens Lippen kräuselten sich, als wolle er etwas sagen aber er schaute nur nachdenklich drein.
Der Ältere Mann der sich das Treiben auf offener Straße mit ansah, setzte plötzlich seinen schweren Weidekorb von seinem Rücken ab. Er öffnete den hölzernen Deckel, nahm einen grünen Apfel heraus und setzte sich dann auf seinen Weidekorb und lauschte weiterhin ihrer Unterhaltung, wärend er genüsslich in seinen Apfel biss.
"Solch ein Unsinn." Sagte Lan Xichen und er wollte sich gerade genervt von Bao Tian abwenden.
"Nein ist es nicht." erwiderte Bao Tian.
"Ich kenne dich doch.
Ich kenne dich sogar ganz genau. Was glaubst du wer die letzten 10 Jahre fast Tag und Nacht an deiner Seite war?
Ich kenne jede Unart und jede negative Eigenschaft an dir, die du versuchst bis ins kleinste Detail auszumergeln und mit einem sanften Lächeln zu überspielen."
Bao Tian machte einen Schritt auf Lan Xichen zu.
"Ich kenne dein "guten Morgen- Gesicht" welches ganz und gar nicht liebreizend ist.
Ich weiß, dass du keine Sojabohnen magst und trotzdem bei jedem Banquett anstandslos alle aufisst, nur um ein guter Gast zu sein.
Ich weiß, wie sehr du den warmen Sommer hasst und dich in deiner weißen Robe lieber zu Tode schwitzt, anstatt das du auf dein gutes und adrettes Aussehen verzichten würdest.
Ich weiß, dass du deinen kleinen Bruder Wangji über alles liebst und du ihm jeden Wunsch von den Lippen ablesen würdest und ihm alles verzeihen würdest, würde nicht deine Position und dein Ansehen es dir verbieten und du vor den Älteren dein Gesicht als Clan Anführer wahren musst.
Und ich weiß auch, dass obwohl dein kleiner Mund unaufhörlich davon redet welche Regeln im Gusu Lan Clan alle einzuhalten sind, dein großes Herz sie schon am liebsten alle tausendemale gebrochen hätte."
Bao Tian hatte sich vor Lan Xichen groß aufgebäumt und die paar Zentimeter die er tatsächlich größer war, schienen nun um noch einiges mehr geworden zu sein.
Lan Xichen stand der Mund leicht offen. Sein sonst so feines Gesicht mit dem sanften Lächeln wirkte verstört und er blickte Bao Tian mit einem stechenden Blick an.
"Jetzt ist aber wirklich schluss, Tian. Denk doch bitte mal darüber nach wo wir uns hier eigentlich befinden.
Noch ein Wort und ich lasse dich hier stehen und gehe alleine weiter."
In diesem Moment kam eine junge Frau die Straße entlang und schaute sich suchend um. Sie hörte die laute, aufsehenerregende Auseinandersetzung und staunte nicht schlecht, bei dem Anblick der zwei attraktiven, streitenden Männer.
Sie entdeckte den alten Mann der genüsslich seinen Apfel aß, wärend er dem Schauspiel aus erster Reihe zusah.
Vorsichtig schlich sie sich zu dem alten Man und zog an seinem Ärmel. Hinter vorgehaltender Hand flüsterte sie.
"Großvater! Was macht du denn hier?
Wir haben dich schon überall gesucht!"
Der alte Mann blickte zur Seite und schaute die junge Frau an. Er lächelte ihr freundlich zu.
"Zieh nicht so an meinem Ärmel, Kleines. Ich bin schwer beschäftigt." antwortete er recht laut, da es ihm scheinbar egal war, dass man ihn hören konnte.
Die junge Frau grämte sich.
"Großvater, schluss jetzt. Du kannst doch die Leute nicht so unhöflich anstarren!" zischte sie leise, während sie selbst einen scheuen Blick herüber zu Bao Tian und Lan Xichen wagte.
Der alte Mann zog seinen Ärmel zurück und schaute die junge Frau unverständnisvoll an.
"Ich komme noch nicht mit. Ich wurde schon lange nicht mehr so gut unterhalten.
Ein Ehestreit dieser Art, mitten auf offener Straße sieht man schließlich nicht alle Tage!" sagte er laut und mit vergnügter Stimme.
Die junge Frau wurde schlagartig rot im Gesicht und schaute beschämt zu den beiden herüber, aus Angst man hätte ihren Großvater gehört.
Und in der Tat.
Lan Xichen und Bao Tian blickten sich mit großen Augen an, als in ihre Ohren das Wort "Ehestreit" noch einmal nachhallte.
Lan Xichen blickte über die Straße zu dem alten Mann und der jungen Frau herüber und er trug ein wahrlich angsteinflößendes Lächeln.
Seine eine Augenbraue zuckte unruhig auf und ab.
"Mein Herr, wenn ich sie korrigieren darf. Dies hier ist kein Ehestreit sondern eine heikle Auseinandersetzung zwischen einem Meister und seinem Diener!"
Die Mundwinkel des alten Mannes bogen sich vergnügt nach oben, wärend er es sich noch bequemer auf seinem Weidekorb machte. Seine Enkelin dagegen stand regungslos neben ihm und klammerte sich an seiner Schulter fest, wärend sie die beiden attraktiven Männer noch einmal eindringlich musterte.
In diesem Moment packte Bao Tian an ein Ende von Lan Xichens Kopfband und zog ihn an sich heran.
Lan Xichen, der vollkommen überrumpelt war, griff schnell an sein Kopfband und hielt dagegen.
Ihre Oberkörper drückten sich dicht aneinander und Bao Tian sah Lan Xichen mit scharfem Blick an.
"Wer ist hier der Diener?" fragte er laut.
Lan Xichens Gesicht verdunkelte sich. Von seinem sanften Lächeln war nichts mehr zu sehen und seine Augenbrauen zogen sich kraus.
Er fletschte mit den Zähnen.
"Bao Tian...!" zischte er und er warf ihm einen wütenden Blick zu. Grob packte er an Bao Tians Handgelenk welches das Ende seines weißen Kopfbandes festhielt.
Die Luft fing an zu schwingen und man bekam das Gefühl das die Erde bebte.
Doch plötzlich wurde Bao Tians Gesicht wieder ganz fein. Seine Gesichtskonturen lockerten sich, seine Mundwinkel bogen sich nach oben und seine Augen begannen zu funkeln.
Langsam ließ er Lan Xichens Kopfband wieder los und ließ es sanft durch seine Finger gleiten.
Behutsam strich er mit seiner Hand über Lan Xichens Wange.
"Ich liebe es, wenn diese starre porzellan Maske zu bröckeln beginnt!" sagte er mit liebevoller Stimme.
Lan Xichen zuckte zusammen und seine Augen weiteten sich, wärend er noch immer seine Hand um Bao Tians Handgelenk geschlungen hatte.
Der alte Mann flüsterte zu seiner Enkelin:" Jetzt kommen wir zu dem interessanten Teil!"
Bao Tian fuhr mit seiner Hand ein paar mal über Lan Xichens Wange.
"Ich liebe es, wenn diese Augenbrauen anfangen sich anzuspannen." er legte seinen Zeigefinger zwischen Lan Xichens Augenbrauen.
"Ich liebe es, wenn dieser Mund anfängt etwas anderes außer nette Worte zu sagen." Bao Tian strich weiter mit seinem Finger über Lan Xichens schmalen Lippen.
"Und ich liebe es, wenn dieses Herz anfängt schneller zu schlagen." er legte seine Handfläche auf Lan Xichens Brust.
"Ich liebe es, wenn du wütend wirst. Denn ich bin der Einzige, der das schafft!"
Bao Tian schloss seine Augen und fasste behutsam an Lan Xichens Hand. Er führte sie nach oben zu seinen Lippen und küsste zärtlich den hellen Handrücken.
Dem alten Mann fiel sein Apfel aus dem Mund und die junge Frau krallte sich mit ihrer Hand fester in die Schulter ihres Großvaters und mit der anderen hielt sie sich beschämt die Hand vor ihren Mund.
Lan Xichen schluckte schwer. Seine Wangen tauchten sich in ein leichtes Rosé und sein Herz pochte einmal laut auf.
Seine Augen waren auf Bao Tian gerichtet und er starrte ihn fassungslos an.
Es dauerte einen Moment bis er wieder zur Gesinnung kam und er riss seine Hand schnell weg und schlug seine Ärmel nach hinten.
"Übertreib es nicht. Denke ja nicht, dass du damit so einfach durch kommst." sagte er leise und er wendete sich beschämt von Bao Tian ab und verließ plötzlich die breite Straße und verschwand im Dickicht des Waldes.
Bao Tian grinste über bei Ohren und rieb sich mit seiner Hand mehrfach durch den Nacken.
Langsam schaute er herüber zu dem alten Mann und seiner Enkelin, die ihn beide mit offenem Mund anstarrten.
Bao Tian lächelte die beiden breit an.
"Alter Herr, könnte ich vielleicht einen von ihren lecker ausehenden grünen Äpfeln bekommen?"
Der alte Mann lächelte zufrieden und öffnete seinen Weidekorb. Er holte einen saftigen grünen Apfel hervor.
"Aber sehr gerne. Lasst ihn euch schmecken!"
Der alte Mann warf ihn Bao Tian herüber und er machte sich lang und fing den Apfel mit seiner Hand.
"Habt vielen Dank!" Bedankte sich Bao Tian freundlich und er griff in seine Robe und holte ein kleines Stoffsäckchen hervor. Geschwind öffnete er es und holte zwei goldene Münzen hervor.
"Hier fangt!"
Bao Tian warf eine Münze zu dem alten Mann herüber und eine zu seiner Enkelin.
Die beiden fingen sie und staunten nicht schlecht, über zwei echte goldene Münzen. Gerade als die junge Enkelin etwas zu dieser Großzügigkeit sagen wollte rief Bao Tian schon herüber: "Es ist ein Geschenk! Nutzt es sinnvoll!"
Die beiden bedanken sich mehrfach bei ihm und verneigten sich tief. Gerade als Bao Tian hinter Lan Xichen ins Dickicht des Waldes verschwinden wollte, erhob der alte Mann noch einmal seine Stimme.
"Junger Mann, wenn ich euch einen Rat geben darf:
Achtet gut auf eure Frau und lasst sie nicht aus den Augen. Nach Außen hin ist sie sanftmütig und gütig aber in ihrem Herzen lodert ein leidenschaftliches Feuer!"
Der Enkelin fiel alles aus dem Gesicht und sie starrte fassungslos ihren Großvater an.
Bao Tian lachte laut auf.
"Hahaha!"
Er war köstlich über die beiden amüsiert. Er verneigte sich einmal tief vor dem alten Mann.
"Habt vielen Dank alter Mann. Ich werde eurem weisen Rat sicher folgen."
Bao Tian wunk noch einmal mit dem grünen Apfel in seiner Hand und dann verschwand er geräuschlos im Wald.
Er musste noch die ganze Zeit schmunzeln und er lief ein paar Schritte, um Lan Xichen wieder einzuholen.
Lan Xichen stand schon ein kleines Stück tiefer im Wald und er schaute unzufrieden drein. Er richtete sein Kopfband neu aus und strich sich über seine langen Haare. Als Bao Tian sich zu ihm durch die Äste kämpfte, warf er ihm einen kritischen Blick zu.
"Was hat der alte Mann noch zu dir gesagt?" fragte er mürrisch.
Bao Tian lächelte ihn über das ganze Gesicht breit an. Dann hob er den grünen Apfel in seiner rechten Hand zu seinen Lippen und biss genüsslich in ihn hinein.
"Ach nichts, das erwähnenswert wäre!" sagte er salopp und kaute zufrieden auf dem saftigen Apfel herum.
Lan Xichens Stirn kräuselte sich und er blickte Bao Tian ungläubig an.
Bao Tian lachte vergnügt auf.
"Nun komm, nun sei nicht mehr böse.
Als würden die beiden wissen wer wir sind oder wo wir herkommen!"
Bao Tian ging auf Lan Xichen zu, er legte seine Hand auf seine Schulter und hielt ihm den angebissen grünen Apfel hin.
"Auch einmal beißen?"
"Hmpf" Lan Xichen schlug Bao Tians Hand zur Seite und stapfte trotzig an ihm vorbei.
Bao Tian schaute ihm kichernd nach und biss erneut in den saftigen Apfel hinein.
"Wo hat der alte Mann nur das leidenschaftliche Feuer in "ihr" gesehen?"
Der alte Mann und seine Enkelin standen noch immer auf der breiten Handelsstraße und blickten sprachlos in den Wald hinein.
Der alte Mann räusperte sich: "Ach ja, die Versöhnung wird später bestimmt leidenschaftlich sein..." flüsterte er leise.
Die Enkelin machte große Augen und schaute entgeistert zu ihrem Großvater herüber.
"Großvater...
Die Person ganz in weiß, mit den langen schwarzen Haaren...
Das war keine Frau!"
Der Großvater stutzte.
"War es nicht? Oh!" Der alte Mann strich sich über seine Augen.
"Meine Augen sind wohl nicht mehr die besten. Ich habe mich noch gewundert, dass ihre Stimme etwas tief war."
Der Enkelin stand der Mund weit offen und sie klatschte sich mit der flachen Hand vor die Stirn.
"Wie peinlich..." murmelte sie leise.
"Ob die beiden wohl vom Gusu Lan Clan waren? Ich habe schon viel von ihnen gehört! Wohlhabende, attraktive Männer die ganz in weiß gekleidet sind und ein feines Kopfband um ihre Stirn tragen, welches sanft im Wind weht."
Die Enkelin fasste ihren Großvater am Arm und geleitete ihn die Straße weiter entlang.
Der Großvater schaute seine Enkelin an.
"Hmmm jetzt wo du es sagst."
Er drehte die Goldmünze in seiner Hand ein paar mal hin und her.
"Ob sie wohl zwei wichtige Personen mit hohem Rang waren?" Der alte Mann streckte die Münze in den Himmel empor und bestaunte sie.
"Hmm könnte sein. Nach ihrer Erscheinung zu beurteilen." antwortete die Enkelin.
Der alte Mann strich sich nachdenklich über sein Kinn.
"Was für ein interessanter Clan"
Ob es dort wohl noch mehr so außergewöhnlichen Pärchen gibt?" schmunzelte der alte Mann.
Bao Tian nießte plötzlich laut auf!
"Achooo"
Er rieb sich mit seinem Zeigefinger unter seiner Nase und schaute nachdenklich drein.
"Hmm? Ob wohl jemand gerade über mich spricht?" nuschelte er zu sich selbst.
"Achooo"
Erklang es ein paar Meter weiter vor ihm.
Lan Xichen blieb stehen und nießte ebenfalls.
Wei Wuxian schluckte schwer. Seine Augen waren fest auf Lan Wangji gerichtet der mit aufgerissenen Augen an ihm vorbei blickte.
"Du schon wieder!" hörte Wei Wuxian eine Frauenstimme hinter sich und das Messer in seinem Rücken strich langsam seinen Rücken hinauf.
Wei Wuxian streckte seinen Rücken gerade um dem Druck etwas auszuweichen. Vorsichtig schlüpfte er mit seiner linken Hand in seinen Gürtel und fasste an seine Flöte.
Doch plötzlich berührte ihn die blanke Klinge an seinem Hals und eine Hand griff ruppig in seine Haare und zog seinen Kopf nach hinten.
"Da würde ich nicht drüber nachdenken!" zischte die Stimme von hinten.
"Zeig mir was in deinem Gürtel ist!" forderte ihn eine dominante Frauentimme auf.
Lan Wangji blickte Wei Wuxian an und nickte ihm bestätigend zu.
Wei Wuxian wusste sofort, dass wenn Lan Wangji schon so kooperativ war, er lieber tun sollte was man ihm befiehlt.
Zähneknirschend holte Wei Wuxian seine Flöte hervor und streckte sie mit seiner Hand nach oben.
"Haha" schallte ihr unangenhemes Gelächter durch die Hallen.
"Ich bin es, erkennt du mich wieder?"
Sie machte einen Schritt neben Wei Wuxian und linste ihn unheilvoll an.
Wei Wuxians Gesicht wurde zornig und er warf ihr einen stechenden Blick zu.
"Bao Meiming..." fletschte er die Zähne.
"Oder besser gesagt: häßlicher Dämon der du ihre Gestalt missbrauchst."
"Haha!" lachte sie erneut schrill auf.
"Pass auf was du sagst!"
Mit einem gezielten Tritt trat sie mit ihrem Fuß gegen Wei Wuxians linke Hand und die Flöte schleuderte aus seiner Hand und rutschte über den Boden.
Wei Wuxian schrie leise vor Schmerz auf und verzog sein Gesicht.
"Argh"
"Wei Ying!" rief Lan Wangji aus, der immer noch handlungsunfähig sich alles mit ansehen musste.
Das blanke Messer ruhte noch immer an Wei Wuxians Kehle und es schien eine aussichtslose Lage zu sein.
Er hielt seine schmerzende Hand fest umschlossen und er warf Bao Meiming einen haßerfüllten Blick zu.
Sie fasste kräftiger in Wei Wuxians Haare und riss seinen Kopf weiter nach hinten. Das Messer bohrte sich mit seiner Spitze in seinen Hals und der erste Tropfen Blut lief an seiner Haut hinunter.
"Erneut durchkreuzt du meine Pläne, miese kleine Ratte.
Hast du geglaubt du könntest hier einfach so hereinstolzieren und ihn retten?
Was glaubst du wer du bist?" fauchte sie.
Wei Wuxian fletschte die Zähne und er griff an ihr Handgelenk um dem Druck etwas zu entgehen, doch sie zerrte grob an seinen Haaren.
"Fass...ihn...nicht...an!" sprach Lan Wangji jedes Wort einzeln aus und er warf ihr einen Todesblick zu. Seine Augenbrauen kräuselten sich und er zerrte an seinen Fesseln.
Bao Meiming schaute ihn an und zog eine Augenbraue hoch.
"Ihn nicht anfassen?" fragte sie mit amüsierter Stimme.
"Aber Eindringlinge müssen doch bestraft werden!
Möchtest du es lieber an meiner Stelle tun?"
Sie fing an dreckig zu lachen und rutschte mit der Klinge ihres Messers an Wei Wuxians Kehle auf und wieder ab.
"Aufhören!" keuchte Lan Wangji und er zerrte so kraftvoll er konnte an seinen Fesseln. Doch nichts rührte sich und außer, dass seine Handgelenke immer stärker rot anliefen, passierte nichts.
"Lass ihn gehen...nimm mich...anstatt ihn..." sprach Lan Wangji mit schwacher Stimme und er sah Bao Meiming bittend an.
"Nein!" rief Wei Wuxian aus.
"Lass ihn gehen und behalte mich hier!"
Bao Meimig riss die Augen weit auf und starrte die beiden amüsiert an. Plötzlich begann sie laut zu lachen und ihre schrille Stimme ging durch Mark und Gebein.
"Was seid ihr beiden denn für eine liebreizende Kombo?" Sie lachte weiterhin aus voller Kehle, als sie plötzlich verstummte und wieder ganz still wurde.
Sie schaute nachdenklich zu Wei Wuxian und dann schweifte ihr unheilvoller Blick weiter zu Lan Wangji und wieder zurück. Sie entdeckte Wei Wuxians rotes Haarband in seinen Haaren und dann ging ihr prüfender Blick wieder zurück zu Lan Wangjis Handgelenk, welches ebenfalls ein rotes Haarband trug.
"Oder könnte es sein...das ich hier in meinen Händen ein ganz besonderes Pärchen halte?
Seid ihr etwa ein Lieb..."
Ihr Gesicht verzog sich plötzlich zu einer hämischen Fratze und ihre Mundwinkel bogen sich schaurig nach oben.
"Wie aufregend! Jetzt wird die ganze Sache noch interessanter!" Sie leckte sich gierig über ihre Lippen.
"Zeigt mir, wie groß das Band zwischen euch beiden wirklich ist."
Sie ließ das Messer aus ihrer Hand gleiten und mit einem Scheppern fiel es auf den kalten Boden.
Sie machte mit ihrer rechten Hand ein paar kreisende Bewegungem in der Luft und es entstand ein kleiner, lilaner Wirbel aus spiritueller Energie.
Der Strom der Engergie ging auf Lan Wangji zu und umschlung eine dicke Haarsträhne seines langen Haares.
"Nein!" rief Wei Wuxian aus.
"Aufhören"
Doch Bao Meiming riss weiter an seinen Haaren und zog seinen Kopf noch tiefer nach hinten.
"Argh" ächzte Wei Wuxian auf.
Plötzlich hob sich Lan Wangjis dicke Haarsträhne durch den Strom der Energie an.
"Du sagtest doch, ich solle ihn nicht anfassen nichr wahr?" Bao Meiming grinste Lan Wangji hinterhältig an und schon begannen sich Lan Wangjis Haare um Wei Wuxians Kehle zu wickeln.
Bao Meiming ließ Wei Wuxians Haare los und ging einen Schritt zurück, als Lan Wangjis schwarzen Haare mit dem lilanen Lichtschimmer begannen sich immer fester um Wei Wuxians Hals zu wickeln und ihn zu würgen.
"NEIN! STOP!"
rief Lan Wangji als er mit ansehen musste wie Wei Wuxian genau vor seinen Augen stranguliert wurde. Sie waren sich so nah, Wei Wuxian war nur ein paar Zentimeter vor seinem Gesicht entfernt aber trotz der Nähe war er machtlos und er konnte nichts tun außen zuzusehen.
Wei Wuxian versuchte krampfhaft mit seinen Händen die Haare zu lockern doch die spiritielle Energie war zu stark.
"...Lan...Zhan..." keuchte Wei Wuxian und er begann nach Luft zu ringen.
"Hahaha" Bao Meiming fing an laut zu lachen und ihre Augen weiteten sich bei dem Anblick und der Wahnsinn stand ihr im Gesicht geschrieben.
"Wie du es dir gewünscht hast, ich fasse ihn nicht an!"
"Wei Ying...!" Zitterte Lan Wangjis Stimme als seine glasigen Augen plötzlich das Messer vor ihren Füßen, auf dem Boden entdeckten.
Lan Wangji blickte auf die schimmernde Klinge und schaute dann hoch in Wei Wuxians Gesicht, welcher noch immer versuchte sich aus der Würgung zu befreien.
"Wei Ying! Schnell! Nimm das Messer! Schneit sie ab!" rief Lan Wangji und er schaute mit gequältem Gesicht zu Wei Wuxian.
Wei Wuxian keuchte und er sah auf das Messer das genau vor ihm lag.
"...aber...deine...Haare..." keuchte Wei Wuxian.
"Tu es!
Bitte, Wei Ying!
Schneit sie ab!
WEI YING!" rief Lan Wangji verzweifelt und er hatte das Gefühl vor Erschöpfung jede Sekunde ohnmächtig zu werden.
Bao Meiming beobachtete jede ihrer Bewegungen mit gierigem Blick und sie schien sich an ihrem Leid und Kummer zu ergötzen und saugte die Emotionen förmlich in sich auf.
Mit letzter Kraft griff Wei Wuxian mit seiner rechten Hand nach dem Messer und er schloss seine Augen, als ihm die Luft wegblieb und er mit letzter Kraft ausholte und Lan Wangjis langen, schwarzen Haare direkt vor seinen Augen durchschnitt.
Lan Wangjis panischen Augen waren weit aufgerissen, als seine Haare durch die scharfe Klinge durchtrennt wurden.
Das Messer fiel scheppernd zu Boden und Wei Wuxian fiel mit geschlossenen Augen nach hinten auf den harten Boden. Der Würgegriff lockerte sich um seinen Hals und Lan Wangjis dicke, kurze Haarsträhne fiel ihm bis zu seiner Schulter runter in sein Gesicht.
Wei Wuxian lag auf dem Rücken und er holte einmal tief Luft, bevor er zu würgen und zu husten begann und nach Luft rang.
"Wei Ying, alles ok?" rief Lan Wangji und sein Herz raste vor Panik und seine Kehle schnürte sich zu.
Wei Wuxian spuckte noch ein paar mal bis er wieder erneut tief Luft holte und er sich auf die Seite rollte. Vorsichtig stützte er sich ab und hob seinen Oberkörper an.
"Nichts...passiert..." keuchte er atemlos und die Haut an seinem schlanken Hals zeigte blau-rote Abdrücke.
"Tsss tsss tsss" Schnallste Bao Meiming mit ihrer Zunge als sie einen Schritt auf Lan Wangji zu machte. Mit ihrem Fuß trat sie das Messer zur Seite und dann bückte sie sich langsam zu Lan Wangji herunter.
Sie streckte ihre rechte Hand aus und berührte die kurze Haarsträhne in Lan Wangjis Gesicht.
"Das schöne Haar!
Das schöne perfekte Aussehen von...Meister...Lan...Wangji...
Was sollen jetzt nur die anderen im Gusu Lan Clan denken, wenn von nun an das perfekte und lupenrein Aussehen so verschandelt wurde?
Und das alles nur um das Leben dieser nervigen kleinen Ratte zu retten!
Was wird wohl nur Lan Xichen dazu sagen?"
Bao Meiming lies die kurze Haarsträhne durch ihre Finger gleiten und warf Lan Wangji einen bemitleidenswerten Blick zu.
Lan Wangji biss seine Zähne fest aufeinander. Sein Gesicht spannte sich an, seine Augenbrauen kräuselten sich, die Adern an seiner Stirn traten vor Anstrengung hervor und seine Augen funkelten mit einem stechendem Blick sein Gegenüber an. Die Luft begann zu schwingen und der Boden bebte.
Noch nie zuvor hatte Lan Wangji solch starke Emotionen in seinem Gesicht gezeigt.
