Chapter 16

Bao Tian hatte eine angenehme Nacht.
Seit Tagen hatte er nicht mehr richtig durchgeschlafen und sein Schlaf war so erholend wie schon lange nicht mehr.
Er vernahm ein leises Rascheln als er langsam seine Augen öffnete.

Er lag auf der Seite und blinzelte in den Raum hinein.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen und der graue Nebel des Morgens lag noch auf der Welt.
Er spürte die angenehme Wärme und Weiche des Bettes und er atmete zufrieden einmal tief ein, als er plötzlich eine Gestalt im Raum entdeckte.
Er rieb sich einmal über seine Augen als er Lan Xichen erblickte.

Er stand mit dem Rücken zu ihm, nicht weit vom Bett entfernt.
Seine dunklen Haare waren nass und hingen schwer an seinem Rücken hinunter.
Wenn Lan Xichen schon wach und gebadet war, musste es kurz nach 5 Uhr morgens sein.

Bao Tian war noch ganz Müde und sein schwerer Körper war noch nicht fähig sich zu bewegen.
Aber dennoch, konnte er die Augen nicht schließen, sondern blickte Lan Xichen schweigend an und beobachete jede seiner feinen Bewegungen.

Lan Xichen trug noch seine weiße Unterrobe von der Nacht, welche an einigen Stellen durch das Wasser schon ganz durchnässt war und an seiner hellen Haut klebte. Die Konturen seiner Silhouette malten sich deutlich unter dem Stoff ab und seine Gestalt war männlich und kräftig.
Er griff in den Kragen und striff die Robe von seinen Schultern. Langsam rutschte sie an seinem Rücken hinunter, bis sie mit einem Plopp auf den Boden fiel.

Seine entblößte Rückansicht kam zum Vorschein und er griff nach einem Handtuch und ließ es vorsichtig über seine nassen Haare wandern.
Dabei drehte sich Lan Xichen ein Stück und Bao Tian bekam seine Seitenansicht zu sehen.
Es war noch recht dunkel aber Lan Xichens reine weiße Haut und der anmutige Verlauf seiner Muskeln war in dem schummrigen Licht deutlich zu erkennen.

Bao Tians Augen fuhren jeden Zentimeter von Lan Xichens nacktem Körper ab und er spürte wie sein Herzzschlag unruhig wurde, als der Anblick die Erinnerung einer bestimmten Nacht in ihm wieder neu aufwühlte.

Lan Xichens Bewegungen waren langsam und präzise und es war ein Anblick der die Fantasie anregte, wie er sich dort wie in einer Meditation abtrocknete und mit seinen Händen über seinen Körper strich.

Neben ihm, auf einem Tisch lag ein stapel frischer Kleider und er begann Stoff für Stoff sich langsam wieder anzukleiden.
Es war wie ein Ritual, welches er folgte und jeder seiner Handgriff hatte seine feste Reihenfolge und bestand aus einer Handgeste voller Schönheit und Klarheit.

Bao Tian lag still in seinem Bett und rührte sich nicht. Es war als würde er von diesem Anblick gefesselt werden und er vergaß Raum und Zeit, wärend er Lan Xichen zusah, wie mit jedem weiteren Stück Stoff welches seine Haut bedeckte, aus ihm wieder ein ansehnlicher Clan Anführer wurde.
Lan Xichen band den letzten Knoten seiner Robe zu, als er eine Bürste von dem Tisch nahm und begann seine nassen Haare zu kämmen.
Geschickt band er sich seinen Haarknoten und bändigte das noch nasse Haar.

Seine Hand griff nach einem langen, weißen Kopfband welches mit kleinen Wolken bestickt war. Es war das berühmte Band des Gusu Lan Clans, welches fein durch die Luft flatterte.
Liebevoll wendete er es in seinen Händen, bevor er es zu seiner Stirn führte und dann mit stolzer Miene um seinen Kopf legte und einen Knoten band. Die langen Enden strich er einmal glatt nach hinten, als er seine Augen kurz schloss und die kalte Morgenluft tief einatmete.

Bao Tians Blick ruhte nachdenklich auf Lan Xichens anmutigem Gesicht. Ein paar Wassertropfen perlten aus seinen Haarspitzen und befeuchteten den kalten Fußboden.
Er sah wie ein unnahbares Wesen aus, nicht von dieser Welt und Bao Tian gefror das Blut in den Adern, bei der Vorstellung, dass er es gewagt hatte, diese unantastbare Schönheit und Reinheit zu beflecken.
Er ging ein paar Schritte bis zur Wand und nahm aus einer Halterung sein Schwert heraus. Er legte es an seine Hüfte und befestigte es an seinem Gürten.
Er strich noch einmal seine Robe glatt als er sich zum Bett wendete.

Bao Tian war so gefesselt von Lan Xichens Anblick, dass er seine Augen noch immer weit aufgerissen hatte.
Schweigend lag er im Bett und nur zwei funkelnde Augen leuchteten in der Dunkelheit.

Lan Xichen zuckte leicht zusammen als ihre Blicke sich trafen.
"Oh, du bist wach, Tian.
Du hast gar nichts gesagt.
Habe ich dich geweckt?" sprach Lan Xichen gleich schon am frühen Morgen mit seiner freundlichen und feinen Stimme.

Bao Tian schüttelte den Kopf.
"Nein, ich bin eh wach geworden."
Langsam kam er mit seinem Oberkörper in die Aufrichtung und setzte sich auf das Bett.

Lan Xichen ging ein paar Schritte zu einem Tisch und streckte seine Hand aus.
Er hob ein weißes Stück Papier an und zeigte seine Hand zu Bao Tian.
"Es wird in den nächsten Tagen stimmungsreich in der Cloud Recesses werden!"

Bao Tian erkannte den kleinen, weißen Papiervogel von Madame Mao in Lan Xichens Hand.
"Stimmungsreich?" wiederholte Bao Tian noch leicht müde.

Lan Xichen lächelte.
"Madame Mao wird uns mit zwei weiteren Damen besuchen kommen. Sie bat um Erlaubnis!"

"Madame Mao kommt hier hin?" fragte Bao Tian noch einmal nach und er spürte, dass diese Worte etwas Aufregendes ganz nach seinem Geschmack zu versprechen schienen.

"Ja. Sie hat wieder ein paar Stoffe und Roben dabei und sie bestand darauf uns alle mal wieder hier zu besuchen.
Und außerdem, hat sich zeitgleich noch ein Besucher angemeldet." Lan Xichens Stirn legte sich leicht kraus und er schien von dem zweiten Besucher weniger erfreut zu sein.

"Wer?" Frage Bao Tian stumpf.

"Jiang Cheng, von Yunmeng Jiang Clan.
Er sei in der Nähe und um die Beziehungen zwischen unserer beider Clans wieder etwas zu festigten, kündigte er seinen Besuch an.
Ein eher seltener Ersuch." sprach Lan Xichen leicht besorgt.

Bao Tian blickte irritiert drein.
"Um die Beziehungen zu festigen?
Seit wann legt er Wert darauf die Beziehungen zum Gusu Lan Clan zu festigen?
Wenn es nach ihm ginge, braucht er überhaupt keine Beziehungen zu nichts und niemandem.
Das ist doch nur eine vorgeschobene Ausrede."

Lan Xichen hob beschwichtigend seine Hand.
"Tian...
Spekulieren können wir viel. Doch immerhin ist er der Clan Führer eines großen Clans mit dem wir in der Vergangenheit unter Jiang Fengmian viel zu tun hatten.
Ich kann ihm seine Bitte nicht abschlagen. Ich werde Wangji und Wei Wuxian bescheid geben. Es wird schon alles gut werden."

Bao Tian zog eine Augenbraue hoch.
"Ob es gut wird, da bin ich mir nicht sicher.
Aber spektakulär, das auf jedenfall!"

Lan Xichen warf Bao Tian einen zügelnden Blick zu.
"Wir sehen uns dann beim Frühstück.
Dort können wir noch weiteres besprechen. Lan Qiren wird auch dabei sein, er weiß schon bescheid.
Bis später dann."

"Ist gut." Bao Tian nickte Lan Xichen bestätigend zu, als dieser zur Tür schritt und die große Tür öffnete. Leise huschte er über die Türschwelle und die Tür schloss sich mit einem leisen Knacken wieder.

Bao Tian saß noch einem Moment schweigend auf dem Bett, als er in seinen Gedanken schon einmal den Verlauf der anstehenden Tage durchging.
Er schüttelte mit einem besorgten Grinsen den Kopf und fuhr sich mit seiner Hand durch seine Haare.
"Das wird definitiv Stimmungsreich werden." seufzte er auf.

Er atmete einmal tief ein und als er sich gerade entschloss aufzustehen stutzte er plötzlich.
- Moment mal. Wo bin ich überhaupt?- Fragte er sich, als er sich im Raum umsah.

Dies war nicht sein Zimmer!
Sondern Lan Xichens Raum.

Und dies war auch nicht sein Bett, in dem er gerade saß.

Bao Tians Augen weiteten sich und ein ungutes Gefühl beschlich ihn.
Hastig blickte er sich um und als sein Blick auf das Bett fiel, griff er mit seiner Hand an die Bettdecke und schlug sie zur Seite.

Er trug seine weiße Unterrobe. Alles war genau dort wo es hingehörte.
Er schnaufte einmal erleichtert auf als er auf das Kopfkissen neben sich blickte. Er fasste mit seiner flachen Hand auf die Bettseite neben ihm.
Sie war noch leicht warm. Also musste Lan Xichen neben ihm geschlafen haben.

Bao Tian wurde es leicht warm in seiner Brust und ein nervöses Gefühl kroch durch seinen Körper, als er versuchte die Erinnerungen der letzten Nacht wieder in richtiger Reihenfolge herzustellen.

Er legte seine Hand nachdenklich an sein Kinn und er schloss seine Augen.
Er konnte sich an keine außerplanmäßigen Ereignisse erinnern und außer, an ihr emotionales Gespräch am Abend davor, schien nichts bedeutendes mehr vorgefallen zu sein.

Er erinnerte sich daran, dass ihn irgendwann die Müdigkeit übermannte und er sich auf Lan Xichens Bett gesetzt hatte. Wahrscheinlich war er einfach irgendwann eingeschlafen und Lan Xichen nahm sein Eindringen in sein Bett einfach hin und legte sich daneben.

Bao Tian seufzte erleichtert auf.
Er raufte sich die Haare und klatschte dann seine flachen Handinnenflächen auf seine Wangen.
"Nicht nervös werden, Bao Tian.
Es ist alles gut, nichts passiert und ihr habt einfach nur in einem Bett geschlafen." beruhigte er sich selbst und sprach sich gut zu.
"Also keinen Grund zur Panik, du wirst nicht schwul und du vergehst dich auch nicht unbewusst an deinem Herrn."

Nachdem Bao Tian diese Worte laut ausgesprochen hatte lief es ihm kalt den Rücken hinunter. Er schüttelte sich als er aus dem Bett sprang und es sich ihm über seine eigenen Worte schauderte.
"Ich glaube ich werde langsam verrückt." nuschelte er zu sich selbst als er seine Sachen packte und Lan Xichens Raum verließ.

Es war kurz vor 6 Uhr morgens als Bao Tian mutig einem neuen Tag an Lan Xichens Seite, voller großer Emotionen, ereignisreichen Geschichten und neuen Erkenntnissen entgegenschritt.


Lan Wangji blickte rastlos unter die hohe Zimmerdecke.
Es war kurz vor 6 uhr morgens und in seinem linken Arm lag Wei Wuxian. Sie lagen dicht beieinander. Ihre nackten Körper wärmten sich und er strich mit seiner Hand über Wei Wuxians Arm sachte hin und her.

Wei Wuxian war tief und fest am Schlafen und er rührte sich kein Stück.
Nur sein leises Atmen war zu hören und er trug einen leichten und unbefangenen Gesichtsausdruck.

Seit 5 Uhr morgens lag Lan Wangji nun wach im Bett und traute sich nicht, sich auch nur einen Zentimeter zu rühren um seinen geliebten Wei Ying in seinen Armen nicht zu wecken.
Doch langsam wurde Lan Wangji nervös und rastlos, denn jeden Morgen um 6 Uhr kamen der Heiler und sein Bruder Lan Xichen, um nach ihm zu sehen.

"Wei Ying?" flüsterte Lan Wangji leise in Wei Wuxians Ohr.

Doch Wei Wuxian schlief wie ein Stein und es rührte sich absolut gar nichts.
Lan Wangji versuche es erneut. Dieses mal etwas lauter und kräftiger.

"Wei Ying?"

Wei Wuxian atmete einmal tief ein. Er brummte leicht im Schlaf und rutschte in Lan Wangjis Arm hin und her.
Lan Wangji blickte ihn gespannt an.
Doch dann wurde es wieder still und Wei Wuxian schwebte weiter im Reich der Träume.

Lan Wangji runzelte die Stirn.
"Hm, Wei Ying. Du musst aufstehen. Es kommt gleich jemand." versuchte es Lan Wangji erneut und er rüttelte leicht an Wei Wuxians Arm.

Wei Wuxian brummte erneut und zog seinen Arm weg.
"...Lass...mich..." nuschelte Wei Wuxian.

Lan Wangji blickte entrüstet zu Wei Wuxian.
-Wie kann er nur so fest schlafen?- Dachte sich Lan Wangji als er immer unruhiger wurde.
"Wei Ying! Wirklich jetzt, du musst aufstehen. Es kommt gleich jemand." sagte Lan Wangji etwas hastig und seine Stimme klang leicht angespannt.

Wei Wuxian züpfelte an der Bettdecke und zog sie sich über den Kopf.
"Lass mich..." brummte er erneut.
"Du bist schon groß genug, du kannst auch ohne mich aufstehen."

Lan Wangjis eine Augenbraue begann nervös zu zucken.
Plötzlich lehnte er sich näher heran, packte an die Bettdecke und klappte sie mit einem Ruck auf.
Wei Wuxian dem durch die kalte Luft ein Schauer über die nackte Haut lief rollte sich wie eine Schnecke zusammen und zog die Stirn kraus.
"So ein Tyrann" nuschelte er.

Lan Wangji lehnte sich über ihn, strich seine schwarzen Haare zur Seite und biss dann beherzt in Wei Wuxians zartes Ohr.
Wei Wuxian gefror das Blut in den Adern und er riss die Augen weit auf. Wenn er eine Sache fürchtete, dann war es grollendes Hundegebell und schmerzhafte Bisse.

Er schrie leise vor Schmerz auf und als Lan Wangji sein Ohr wieder los ließ, packte er sich schmerzerfüllt an sein Ohr.
"Lan Zhan! Das tat weh!" jammerte er.
"Erst ziehst du mir die Bettdecke weg und dann beißt du mich auch noch! Wie soll man da in Ruhe schlafen?"

"Du sollst auch nicht mehr schlafen!" antwortete Lan Wangji bestimmerisch.
"Los, du musst aufstehen. Es ist gleich 6 Uhr."

Wei Wuxian starrte ihn entrüstet und mit müder Miene an.
"Siehst du, und genau da ist das Problem!
Wieso sollte ich um 6 Uhr morgens aufstehen?" erwiderte Wei Wuxian zornig und fing an rumzujammern.

Lan Wangji blickte ihn mit Unverständnis an als er plötzlich außer Wei Wuxians Gejammer, laute Schritte auf der Veranda hörte. Die Schritte und die leisen Stimmen einer Unterhaltung kamen immer näher.
Lan Wangjis Puls begann zu rasen und er blickte panisch Wei Wuxian an, der immer noch jammernd neben ihm im Bett lag und ihm die vielen sinnlosen Gründe aufzählte, warum es absolut keinen Sinn machte jetzt aufzustehen.

Lan Wangji spürte sein eigenes Herz in der Brust schlagen.

Bum Bum Bum

Er hörte die Schritte die näher kamen, er sah einen nackten Wei Wuxian jammernd neben sich im Bett liegen und als vor Panik sich seine Gedanken überschlugen reagierte sein Körper plötzlich wie von alleine und er stieß mit beiden Händen Wei Wuxian kraftvoll aus dem Bett.
"Verzeih mir!" sagte Lan Wangji hastig als er seine Augen fest zusammen kniff, da er sich das Elend nicht mit ansehen konnte.

Wei Wuxian wurde mitten in seinem Gejammer unterbrochen als er einen kraftvollen Stoß spürte und er mit einem lauten Rumms aus dem Bett fiel und auf den harte Fußboden schlug.
Sein Mund stand vor Empörung offen und er konnte noch gar nicht glauben, was Lan Wangji gerade getan hatte, als es schon an der Tür klopfte.

"Wangji, wir kommen rein!" erklang Lan Xichens Stimme.

Wei Wuxian zuckte zusammen als er in windeseile nach seiner Robe griff und sich mit ihr zusammen unters Bett rollte. Er lag nackt unter dem kalten Bett und hielt sich seine Hand vor den Mund, als sich ihm das starke Gefühl aufdrängte, diese Situation schon einmal erlebt zu haben.

Lan Wangji schmiss sich schnell wieder auf seinen Rücken und deckte sich adrett zu, als auch schon die Tür aufging und Lan Xichen und der Heiler den Raum betraten.
"Guten Morgen, Wangji." lächelte Lan Xichen ihn freudestrahlend an.

"Guten Morgen!" erwiderte Lan Wangji und er begrüßte den Heiler und seinen Bruder mit einer höflichen Handgeste.
Lan Wangji hatte seinen Oberkörper aufgerichtet und die beiden kamen zu ihm ans Bett.

Doch plötzlich stutzte Lan Xichen für einen Moment und schaute sich misstrauisch um. Lan Wangji blickte seinem Bruder prüfend ins Gesicht und nahm jede Veränderung seiner Gesichtsmimik wahr.
Lan Xichen Blick fuhr durch den Raum als er plötzlich Lan Wangjis fesselnden Blick vernahm. Die beiden Brüder schauten sich an und obwohl es nur ein Hauch einer Sekunde war, beschlich Lan Wangji das Gefühl, dass Lan Xichen etwas gewittert haben könnte.

Doch Lan Xichen legte seinen Kopf leicht schief und lächelte Lan Wangji an.
"Wangji, wie geht es dir?" fragte er höflich.

Der Heiler begann schon Lan Wangjis Robe zu öffnen und untersuchte seine Wunden, während sich Lan Xichen auf der anderen Seite des Bettes auf die Bettkante zu Lan Wangji setzte.

"Mir geht es gut!" antwortete Lan Wangji ruhig.

Lan Xichen schnaubte leise durch seine Nase.
"Eine andere Antwort hatte ich auch nicht erwartete, zugegeben!"

Der Heiler runzelte die Stirn und sprach dann mit tiefer Stimme.
"Gut, kann es ihm mit diesen Wunden nicht gehen.
Aber von mir aus kann er später das Bett wieder verlassen.
Aber ich erwarte ihn jeden Morgen und jeden Abend zu sehen und das er sich weiterhin schont. Mit so welchen Verletzungen ist nicht zu spaßen und wir wolle keinen Infekt riskieren!"

Wei Wuxian starrte unter dem Bett hervor und sah die zwei weißen Paar Schuhe, die sich nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt hin und her bewegten.
Er atmete ruhig und flach und der kalte Fußboden kühlte seine Haut aus. Ihm war kalt und ihm lief ein Schauer über den Rücken wärend seine Haut eine feine Gänsephaut zierte.

Lan Xichen lächelte Lan Wangji an.
"Schön, Wangji, dass du das Bett wieder verlassen kannst. Aber schone dich dieses mal wirklich. Es gibt nichts, dass dir jetzt wegläuft.
Also bereite mir bitte keine Sorgen."

Lan Wangji nickte seinem Bruder bestätigend zu.
"Ist gut." antwortete er ruhig.

Der Heiler nahm eine Keramikschale zur Hand und began einen Krautersud umzurühren. Ein paar mal strich er den Löffel am Rand ab, ehe er die kalte Tinktur auf Lan Wangjis Wunden strich.
"So..." sagte der Heiler.
"Lass es noch einen Moment einwirken, dann kannst du dich wieder anziehen"

"Hm" brummte Lan Wangji.

Der Heiler verneigte sich vor Lan Xichen und seinem Bruder und sofort stand Lan Xichen von dem Bett auf und erwiderte respektvoll die freundliche Geste.
Die beiden Brüder bedankten sich bei dem Heiler und der weise Mann verließ wieder den Raum.
Lan Xichen blickte ihm noch nach bis sich die Tür wieder leise hinter ihm schloss.
Dann drehte er sich um und strahlte Lan Wangji mit einem herzerwärmenden Lächeln an.
"Wangji, ich freue mich sehr, dass du auf dem Weg der Besserung bist.
Also bitte, halte dich an die Anweisungen des Heilers und gib dir die Zeit die du brauchst." Lan Xichens Stimme war freundlich aber trug auch einen leicht besorgten Unterton.
"Und lass dich nicht zu irgendwelchen gewagten "Dingen" hinreißen."

Lan Wangji blickte seinen Bruder fragend an.
"Ich weiß nicht wovon du sprichst." sagte Lan Wangji ruhig.

Wei Wuxian zog eine Augenbraue unter dem Bett hoch.
- Ob Lan Xichen mich wohl damit meinte?- Fragte sich Wei Wuxian während er still unter dem Bett verharrte.

Lan Xichen drehte sich langsam Richtung Tür.
"Ach und Wangji. Ich wollte dir eigentlich noch etwas sagen.
Aber vielleicht machen wir das besser wenn du alleine bist, unter vier Augen.
Ich komme später noch einmal auf dich zu!" Lächelte Lan Xichen und es schien fast so, als hätte er Lan Wangji zugeblinzelt.

"Ist gut!" antwortete Lan Wangji schnell ohne die List in der Frage zu erkennen.

Wei Wuxian klatschte sich mit der flachen Hand vor die Stirn und schüttelte den Kopf.

Lan Xichen seufzte zufrieden als er sich verabschiedete und aus der Tür ging.
Die Tür schloss sich leise und noch einen Moment lang verhallten seine ruhigen Schritte auf der Veranda.

"Du kannst jetzt rauskommen." sagte Lan Wangji.

Wei Wuxian räusperte sich.
"Jetzt? Ich hätte eben schon rauskommen können. Außer die Tatsache das ich nackt bin, hätte es keinen so großen Unterschied mehr gemacht!
Dein Bruder macht mir manchmal Angst!"
Unter Ächzten und Stöhnen schob sich Wei Wuxian unter dem Bett hervor. Gerade als sein Kopf unter der Bettkannte auftauchte, drehte er sich um und warf Lan Wangji einen finsteren Blick zu.

Lan Wangji blickte ihn fragend an.

Wei Wuxians Stirn legte sich in Falten und sein Mund kräuselte sich. Seine Stimme klang dramatisiert.
"Was fällt dir eigentlich ein, mich einfach so herzlos aus dem Bett zu stoßen? Hanguang-Jun, von dir hätte ich etwas mehr Einfühlungsvermögen erwartet.
Was wäre wenn ich mich verletzt hätte?
Nicht anzumalen wie du es hättest dem Heiler und Lan Xichen erklären müssen, wenn ich mit gebrochenem Fuß meinen blanken Hintern den beiden entgegengestreckt hätte."
Wei Wuxian schüttelte den Kopf und kam unter dem Bett hervor.

Lan Wangji blickte ihn etwas schuldig an und das schlechte Gewissen nagte an ihm.
"Hast du du dich verletzt?" Fragte er leicht besorgt.

Wei Wuxian schmiss sich seine Robe über seine Schultern und verschränkte seine Arme vor seiner Brust. Er tat als wäre er endlos gekränkt und beleidigt und er hob mit geschlossenen Augen seine Nase gen himmel.

Lan Wangjis Augenbrauen zogen sich angestrengt zusammen.
"Verzeihst du mir?" fragte er ruhig.

Wei Wuxian öffnete ein Auge und blinzelte Lan Wangji an.
Er sah bemitleidenswert aus wie er da verwundet in seinem Bett saß und eine wirklich besorgte Miene trug.
"Vielleicht..." schmollte Wei Wuxian.

Lan Wangji streckte seine Hand nach ihm aus, zur Aufforderung er solle näher kommen.

"Hmpf" schnaufte Wei Wuxian und er drehte sich leicht zur Seite, unwillig Lan Wangjis Bitte nachzukommen.

Lan Wangji blickte Wei Wuxian mit großen, traurigen Augen an und streckte seine Hand noch etwas weiter nach ihm aus.

Wei Wuxian verharrte noch einen Moment in seiner trotzigen Haltung, doch dann konnte er Lan Wangjis großen bittenden Augen nicht mehr widerstehen.
Er legte seine Hand in Lan Wangjis und mit einem Ruck zog Lan Wangji ihn zu sich ans Bett.
Lan Wangji legte seine flachen Handinnenflächen auf Wei Wuxians Wangen und zog sein Gesicht so nah an sich heran, sodass ihre Nasenspitzen sich fast berührten.
Wei Wuxian war leicht überrumpelt von Lan Wangjis kräftigen Zug und er riss seine Augen weit auf.
Über Lan Wangjis Gesicht huschte ein zaghaftes Lächeln welches so sanft war, das es den kalten Winterschnee hätte zum schmelzen bringen können.
Er schaute Wei Wuxian tief in die Augen, als er seine Lippen öffnete und leise sagte:
"Manchmal hören diese schmalen Lippen einfach nicht auf wie ein junger Vögel zu singen und die unaufhörliche Flut an frechen Worten entspringt schamlos dieser Kehle.
Verzeih meiner groben Hilflosigkeit."

Wei Wuxian stieg die Wärme im Gesicht hinauf und seine Wangen tauchten sich in ein leichtes Rot, als er seine Lippen öffnen wollte um Lan Wangji zu widersprechen.
Doch dieser drückte federleicht seine zarten Lippen auf Wei Wuxians. Ihr Atem kitzelte auf ihrer Haut und Wei Wuxian vergaß schnell wieder die Worte des Widerspruchs, die schon auf seinen Lippen lagen, aber nun durch die zarte Berührung Lan Wangjis, schnell wieder vergessen waren.


Es war früher Abend geworden und Lan Xichen und Bao Tian schritten durch die Cloud Recesses und waren gerade auf dem Weg zum gemeinsamen Abendessen im Großen Pavillon, als Lan Xichen plötzlich Lan Wangji enrblickte.
Ihre Blicke trafen sich und Lan Xichen lud seinen jüngeren Bruder mit einer freundlichen Handgeste ein zu sich zu kommen.

Lan Wangji kam zu ihnen herüber und begrüßte sie freundlich.

Bao Tian trug ein verschmitztes Lächeln und er musterte Lan Wangji einmal von der Zehenspitze bis zum Kopf.
"Du siehst gut aus, Wangji.
So erfrischt!" witzelte er.

Lan Wangji trug seine kühle regungslose Miene und blickte stumpf seinen Bruder an, ohne Bao Tian eines Blickes zu würdigen.
Bao Tian klopfte ihm einmal mit seiner flachen Hand an die Schulter.
"Hey Großer, nicht so mürrisch. Nach einer guten Nacht folgt ein guter Morgen. Warum bis zum Abend schon wieder so ein saures Gesicht ziehen?" Bao Tian zog eine Augenbraue nach oben und verschränkte seine Arme vor der Brust.

Lan Wangji warf ihm nur einen scharfen Blick herüber.
"Ich weiß nicht auf was du hinaus willst!" sagte er kurz und trocken.

Bao Tian lachte.
"Weißt du nicht?"
Er lehnte sich zu Lan Xichen herüber und legte seine flache Hand auf seine Schulter. Dabei kam er Lan Xichens Ohr ein wenig näher und warf dabei Lan Wangji einen eindringenden Blick zu.
"Dein Bruder weiß...wovon ich spreche..." hauchte er anspielend.

Lan Xichen zog seine Schulter weg und fuhr seinen Ellenbogen aus genau in Bao Tians Rippen.
Bao Tian wimmerte auf und er hielt sich mit einem überzogenen, schmerzerfülltem Gesicht die Rippen.
"Ahh, wie gemein. Die zwei Jade Brüder haben sich gegen mich verschworen.
Huan, wie kannst du nur Wangjis Partei ergreifen, nach allem was ich für dich geta..."

Lan Xichen fiel Bao Tians ihns Wort und strafte ihn einfach mit Nichtbeachtung.
Er wendete sich einfach Lan Wangji zu. Ein freundliches Lächeln mit einem gewissen Hang zur ausgelassenen Ironie lag auf seinen Lippen.
"Wangji, beachte ihn einfach gar nicht.
Ich wollte dir nur kurz noch etwas berichten."

"Hm, ist gut!" antwortete Lan Wangji und schon waren die beiden in ihrem Gespräch vertieft und Bao Tian wurde gekonnt ignoriert.
Fassungslos stand er daneben und und lehnte sich schmollend an einen Baum an.
-Hmpf- Dachte er sich.
-Ignoriert mich ruhig und tut weiter so unschuldig und Keusch. Dabei wissen wir alle drei ganz genau was hier Nachts in der Cloud Recesses so alles abgeht!-
Über Bao Tians Lippen flog ein amüsiertes Lächeln, während er weiter seinen Gedanken nachging.

Lan Xichen sprach mit ruhiger, gedämpfter Stimme und berichtete seinem jüngeren Bruder von der Anreise Madame Maos und Jiang Chengs von Yunmeng Jiang Clan.

Lan Wangjis Augen weiteten sich bei dem Klang dieser Namen.
Wobei ihm die Anwesenheit Jiang Chengs mehr Sorgen bereitete, als der Besuch Madame Maos.

"Madame Mao wird morgen anreisen.
Sie bringt zwei junge Damen mit, die sie begleiten werden.
Die drei werden bei den Damen im Gästehaus untergebracht werden. Sie bringt außerdem ein paar neue Roben für uns mit.
Ich bin schon gespannt auf ihren Besuch und den frischen Wind den sie mitbringen wird." lächelte Lan Xichen.

"..." Lan Wangji.

"Wie ich sehe, freust du dich auch schon." lachte Lan Xichen und Bao Tian warf den beiden einen amüsierten Blick zu.

"Warum kommt Jiang Cheng hierher?" fragte Lan Wangji plötzlich mit bestimmter und klarer Stimme.

Bao Tian bückte sich, griff nach einem langen Grashalm und steckte sich diesen locker in seinen Mundwinkel.
"Gute Frage, Wangji! Genau DAS habe ich mich auch gefragt?!"

Lan Xichen seufzte einmal leise auf.
"Er sagte, er sei in der Nähe und es wäre der richtige Moment um die Beziehungen zwischen dem Gusu Lan Clan und dem Yunmeng Jinag Clan wieder zu stärken und zu festigen!"

Plötzlich lachte Bao Tian laut auf und er hielt den Grashalm in seiner Hand fest.
"Als wären DAS die Worte aus seinem Mund gewesen.
Um die Beziehung beider Clans zu stärken?
Von wegen... dieser Unruhestifter der nichts besseres zu tun hat als sich ein Ventil für seine aufgestaute Wut zu suchen, kommt doch nur wegen Wei Wuxian hierher.
Beziehungen...von wegen...
Schnüffeln will er hier und seine Nase in die Angelegenheiten anderer stecken!"

Lan Xichen hob seine Hand und warf Bao Tian einen verwahrnenden Blick zu, um ihn etwas auszubremsen.

Bao Tian lehnte sich unzufrieden wieder an den Baum an, verschränkte seine Arme und steckte sich den Grashalm wieder in seinen Mundwinkel.
"Ist doch wahr!"
Huan, du denkst genauso!
Und Wangji auch! Hält uns dieses Blag etwa für dumm?"

"Tian, schluss jetzt! Achte ein wenig auf deine Wortwahl!"
Wies ihn Lan Xichen zurecht.

Lan Wangji derweilen trug einen besorgten Gesichtsausdruck und er schaute in Gedanken versunken in die Ferne.

"Also, wie ist der Plan?" fragte Bao Tian schließlich und schaute dabei Lan Xichen erwartungsvoll an.

Lan Xichen legte wie immer ein sanftes Lächeln auf die Lippen.
"Wir werden ihn natürlich freundlich in der Cloud Recesses willkommen heißen. Er ist der Anführer eines großen Clans und er wird mein Ehrengast sein und so lange bleiben dürfen wie er will."

"Hmpf" schnaufte Bao Tian unzufrieden.

"Wangji." Lan Xichen schaute seinen Bruder an und legte seine Hand behutsam auf Lan Wangjis Schulter.
"Ich denke es ist für alle besser, dafür zu Sorgen, dass die beiden sich so wenig wie möglich begegnen.
Verstecke ihn gut und halte ihn geheim."

"Ja, Bruder!" Lan Wangji nickte ihm zu und es schien als hätten Lan Xichens Worte ein wenig den dunklen Schleier von seinem Gesicht genommen.

Bao Tian warf mit ein: "Und wenn etwas schief geht, wir sind hier, Wangji!
Wir werden schon dafür sorgen, ddas er unserer kleinen Prinzessin kein Haar krümmt!" grinste Bao Tian vergnügt als er mit offenem Mund auf seinem Grashalm herum kaute.

Lan Xichen streckte geschwind seine Hand aus und zog den Grashalm aus Bao Tians Mund. Dabei warf er ihm erneut einen ermahnenden Blick zu.
Danach drehte er sich sofort wieder lächelnd zu Lan Wangji.
"Tian hat aber recht. Es wird schon alles klappen." sagte er bestätigend.

Bao Tian schaute schmollend zu seinem verloren gegangenen Grashalm in Lan Xichens Hand, als sein Blick wieder in die Ferne schweifte und das Gespräch der beiden Brüder sich ohne ihn fortsetzte. Ein leises Murmeln von den zwei angenehmen Stimmen war zu hören, als Bao Tian für einen Moment seinen Kopf an den Baum lehnte und die Augen schloss.
Er atmete einmal tief ein und zog die kalte Luft durch seine Nase.
Als er seine Augen wieder öffnete sah er plötzlich in der Ferne eine Gestalt. Er strengte seine Augen an und sah wie die Person etwas schweres zu schleppen schien und sich heimlich zu Lan Wangjis Jingshi schlich.

Es war Wei Wuxian der versuchte 5 Krüge "Emperor's Smile" gleichzeitig und auch noch unauffällig zu Lan Wangjis Jingshi zu bringen.

"Pffft" Bao Tian musste leise lachen als er mit ansehen musste, wie Wei Wuxian sich relativ ungeschickt bei dem Unterfangen anstellte und mehrfach einen Krug auf seinem Weg verlor, um dann vor lauter Jammern und Fluchen den Krug erneut aufhob um dann wieder den nächsten zu verlieren.
"Das werden wahrlich spektakuläre Tage werden.." flüsterte Bao Tian vergnügt zu sich selbst als er mit seiner Zunge den Grashalm in seinem Mundwinkel suchte.

"Komm Wangji, wir gehen zum Abendessen." Hörte Bao Tian noch Lan Xichens freundliche Stimme, als plötzlich wie aus dem Nichts eine Hand neben seinem Gesicht aufploppte und kommentarlos den Grashalm wieder in seinen Mundwinkel zurück steckte.
"Du auch, Tian!" lachte Lan Xichen.