Chapter 16.3
Sie lagen dicht beieinander. Schulter berührte Schulter und außer dem Vogelgezwitscher, war nur ihr flacher Atem zu hören. Ihre Augen starrten gespannt in eine Richtung, während sich kleine Stöcker und spitze Steine in ihre Körper bohrten.
Wei Wuxian lag auf dem Bauch im Unterholz und spähte durch einen Busch hindurch. Neben ihm lagen sechs weitere Schüler des Gusu Lan Clans und alle warteten gespannt auf Jiang Chengs Anreise in der Cloud Recesses.
Lan Qiren, Lan Wangji, Lan Xichen, Bao Tian und noch ein paar weitere angesehene Personen des Clans standen wieder einvernehmlich an der großen Treppe und erwarteten ihren Gast.
Am Abend zuvor hatte Wei Wuxian noch einmal Lan Wangji hoch und heilig versprochen sich für die Zeit zurück zu nehmen, keinen Ärger zu machen und sich so wenig wie möglich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Und vor allem, unter gar keinen Umständen irgendwo alleine auf Jiang Cheng zu stoßen.
Anfänglich fand Wei Wuxian Lan Wangjis Besorgnis erst etwas überzogen, aber bald konnte er darüber schmunzeln und es machte Lan Wangji doch in seinem ganz eigenen Charme irgendwie attraktiv.
Zusätzlich bekamen natürlich alle die eingeweiht waren noch die Ansage, Wei Wuxian in der Zeit nur noch und ausschließlich mit Mo XuanYu anzureden.
Da Wei Wuxian sein Versprechen nicht brach indem er heimlich in irgendwelchen Büschen umherkroch, entschied er sich gleich am nächsten Morgen sich Jiang Chengs Anreise aus der Nähe anzusehen. Natürlich fand er auf seinem Weg auch gleich ein paar Schüler die, die selbe Neugierde heran trieb und die mutig genug waren Wei Wuxian zu folgen.
Es dauerte nicht lange bis sie Hufgetrappel vernahmen und eine kleine Gruppe Cultivators, ganz in lila-violett gekleidet vor der Treppe erschienen.
Wei Wuxians Augen suchten jeden Reiter ab, auf der Suche nach Jiang Cheng. Als er sein Gesicht zwischen den anderen erkannte spürte er seinen kräftigen Herzschlag in seiner Brust und ein Gefühlschaos brach in seinem Herzen aus. Wei Wuxian wurde leicht unruhig und es begannen in seinem Kopf die vielen Erinnerungen und Gedankengänge sich hin und her zu winden.
Was ihn aber am meisten beunruhigte war die Tatsache, dass nur ein einziger Blick zu Jiang Cheng ausreichte, um sein Herz ins Wanken zu bringen.
Wei Wuxian atmete einmal tief ein, während seine Augen auf seinen Bruder gerichtet waren und er jede seiner Bewegungen genaustens verfolgte.
Die Schüler neben ihm schnatterten und tuschelten leise, sodass er nicht verstehen konnte, welche Worte untereinander gewechselt wurden.
Es dauerte nicht lange bis Wei Wuxians Blick auf einen weiteren jungen Mann an Jiang Chengs Seite fiel.
Dieser trug die typische violette Yenmeng Robe und er hatte eine jugendliche Ausstrahlung.
Er war groß und schlank, hatte aber dennoch einen männlich, attraktiv gebauten Körper. Sein Gesicht konnte man als überaus hübsch bezeichnen und obwohl er eine kühne Ausstrahlung in seinen grünen Augen trug, umgab ihn ein gewisser femininer Charme. Seine langen, seidigen Haare waren zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden, welcher ihm bis über seine Schulterblätter reichte. Bei genauerem Hinsehen entdeckte Wei Wuxian sogar auf jeder Seite seines Kopfes zwei dünne geflochtene Zöpfe, welche mit in den hohen Zopf hineingebunden waren.
Als der junge Mann direkt neben Jiang Cheng stand, erkannte Wei Wuxian, das es die selben kleinen Zöpfe waren, welche auch Jiang Cheng nach dem Tod seines Vater Jiang FengMian mit Stolz trug.
Gerade als Jiang Cheng seinen Begleiter vorstellen wollte, legte Wei Wuxian schnell seinen Zeigefinger versiegelnt auf seine Lippen.
"Psssst..." Zischte er die Schüler an und er strengte sich an um den jungen Mann zu verstehen.
Sun Yan war sein Name.
Wei Wuxian hatte ihn klar und deutlich gehört.
Sun Yan hatte eine klare und angenehme Stimme und obwohl seine gesamte Erscheinung als sehr attraktiv bezeichnet werden konnte, so war doch irgendetwas in seinem Blick, was Wei Wuxian ganz und gar nicht gefiel und ihn zum Grübeln brachte.
- Wer war dieser Sun Yan? Wo kam er her? Seit wann war er an Jiangs Chengs Seite? Und vor allem, warum schien er mit seiner gesamten Körpersprache ihm igendwie vertraut vorzukommen? An wen erinnert ihn dieser Mann?-
Wei Wuxian erwischte sich selbst wie ihm die blanke Tatsache, dass jemand anderes so vertraut an Jiang Chengs Seite stand unbehagen auslöste.
- Was genau ist das für ein Gefühl in meiner Brust?- Dachte sich Wei Wuxian.
Es fühlte sich irgendwie unangenehm an, aber man konnte es nicht als Trauer bezeichnen. Ebenso hatte es eine leicht aufbrausende Wirkung und er spürte Unzufriedenheit und seine Seele wirkte rastlos.
-Oder war es vielleicht schlichte Eifersucht?
Eifersucht über die Tatsache, dass jemand anderes an Jiang Chengs Seite stand und Wei Wuxians Platz einnahm und ihn schmerzhaft daran erinnerte, wo er eigentlich hätte stehen sollen und was er einst versprochen hatte?-
Wei Wuxian wollte seinen Blick abwenden, denn irgendwie war ihm der Spaß kurzzeitig vergangen.
Doch genauso war es wie ein innerer Drang der ihn lenkte und er konnte seinen Blick nicht abwenden. Seine Augen waren fest auf Jiang Cheng und Sun Yan geheftet und jedes Wort und jede Geste die zwischen ihnen ausgetauscht wurde, saugte Wei Wuxian wie ein Schwamm förmlich in sich auf.
Die Schüler neben ihm im Busch tuschelten derweil unaufhörlich über das was sie sahen und es wurden die wildesten Vermutungen und Spekulationen angestellt.
Als Jiang Cheng auf Lan Wangji zuging und sie sich begrüßten merkte Wei Wuxian eine deutliche Schwingung die in der Luft lag. Man konnte es förmlich sehen und greifen wie die Luft langsam dick wurde und die beiden eine gute Miene zum bösem Spiel machten.
Wei Wuxian seufzte einmal leise auf und rieb sich über die Schläfen.
-Was sollten das nur für ein paar Tage werden?- Dachte er sich besorgt, als plötzlich einer der Schüler an seinem Ärmel zog.
"Meister Mo, sie sind schon weiter gezogen. Kommt ihr mit?"
"Hm?" Wei Wuxian erwachte aus seinen Gedanken und blickte sich überrascht um. Er hatte gar nicht bemerkt, dass alle schon fort waren und so sprang er schnell auf und klopfte sich die Kleider ab.
"Ja, aber sicher, ich komme."
"Darf ich?" Fragte der Schüler ihn höflich und deutete plötzlich auf Wei Wuxians Kopf.
Noch ohne seine Antwort abzuwarten zog er ein Blatt aus seinen dunklen Haaren.
"Huch, gar nicht bemerkt. Danke." Bedankte sich Wei Wuxian und die beiden schlossen schnell auf die anderen wieder auf und huschten ungesehen hinter der Truppe her.
Lan Xichen führte die Gruppe durch die Cloud Recesses bis sie zu einem Pavillon kamen und er sie dort alle zu Tisch bat. Es wurde Tee aufgegossen und etwas zu Essen gereicht.
Jeder bekam einen eigenen Tisch zugewiesen und Jiang Cheng und Sun Yan bekamen ihren Platz gegenüber vom großen Fenster, sodass sie den Blick nach draußen genießen konnten. Lan Qiren, Lan Xichen und Lan Wangji setzten sich an die gegenüberliegenden Tische und Bao Tian bezog einen Tisch etwas abseits, was seinen niederen Status als den der Lan Familie symbolisierte. Die restlichen Anwesenden verteilten sich an den übrig gebliebenen Tischen.
Wei Wuxian hatte sich wärenddessen von der Gruppe Schülern wieder getrennt und war auf dem Weg zurück zu Lan Wangjis Jingshi. Er hatte fürs Erste genug gesehen und da er ja nun versprochen hatte, sich zurück zu nehmen, wollte er nicht gleich am ersten Tag die Lage schon überspitzen.
Er bog gerade um eine Hausecke als er plötzlich auf Madame Mao stieß. Sie schien jemanden zu suchen und trug über ihrem Arm eine wunderschöne Damenrobe aus einem edlen Stoff in Orange-Goldtönen.
"Ah, Wei...Äh.. Meister Mo!" Rief sie ihm entgegen und lächelte in an.
"Madame Mao, wohin des Weges? Ihr scheint jemanden zu suchen, vielleicht kann ich ja behilflich sein?" Fragte Wei Wuxian zuvorkommend.
"Das ist lieb von dir! Aber sag, hast du eine von meinen beiden Mädchen gesehen? Ich wollte diese Robe anprobieren und ich kann sie einfach beide nicht finden."
Madame Mao hob den Stoff an um ihn Wei Wuxian zu zeigen und sie schaute sichtlich unzufrieden drein.
"Zhao Ran und Gao Lee?
Tut mir Leid, die habe ich beide leider nicht gesehen. Ich war aber auch bis eben... etwas...beschäftigt." Wei Wuxian strich noch einmal sein zerzaustes Haar glatt und kratzte sich dann verlegen am Hinterkopf.
"Hmpf...Was mache ich denn jetzt? Die Robe sollte doch fertig werden. Die Jugend von heute...wer weiß wo die sich rumtreiben?" Schmollte Madame Mao.
Wei Wuxian legte den Kopf leicht schief und versuchte ein paar aufbauende Worte.
"Wir finden sie schon noch. Und wenn nicht, findet sich vielleicht eine andere holde Maid, die für euch die Robe kurz anprobieren kann, Na?" Wei Wuxian lächelte Madame Mao an und lehnte sich leicht nach vorne. Dabei legte er seine Hand sanft auf ihre Schulter.
Madame Mao schaute nach oben und ihre Blicke trafen sich.
Sie blickte in Wei Wuxians lächelndes Gesicht und plötzlich, ganz langsam, weiteten sich ihre Augen als ihr eine Idee kam.
Man könnte förmlich davon sprechen, dass ihre Augen begannen zu funkeln und eine ungezügelte Aufregung breitete sich in ihrem Gesicht aus.
Wei Wuxian stutzte für einen Moment und er war sich sehr unsicher, was gerade in ihr vorging.
Doch Madame Mao starrte ihn weiter mit gierigen Augen an.
"...Eine andere holde Maid die es einmal für mich anprobiert...? Sagtest du?" Madame Maos Stimme war leise und bebte leicht vor Aufregung.
Plötzlich lief Wei Wuxian ein Schauer über den Rücken und als ihm sein Instinkt verriet sich möglichst schleunigst von dieser Dame zu entfernen, wenn er nicht gleich zu ihrem Opfer werden wollte. Also zog er schnell seine Hand von ihrer Schulter wieder zurück und machte einen großen Schritt nach hinten.
Doch Madame Mao packte an den breiten Gürtel in seiner Taille und zog ihn wieder nah an sich heran.
"Wo willst du hin?" Flüsterte sie mit unheilvoller Stimme.
Wei Wuxians Nackenhaare begannen sich aufzustellen und Madame Maos unheilvoller Blick war so eindringend, dasd er es fast ein wenig mit der Angst zu tun bekam.
Er schüttelte schnell den Kopf.
"Madame Mao, Nein. Das ist keine gute Idee. Denkt bitte nicht mal dran!" Sagte er schnell, als er ahnte was diese Frau mit ihm vor hatte.
Madame Maos linker Mundwinkel bog sich unaufhörlich nach oben, während die linke Augenbraue zu zucken begann.
"Stell dich nicht so an, es tut doch nicht weh. Ich bin ganz schnell, du wirst es kaum merken. Du kennst mich doch, vertrau mir..." Madame Mao legte einen verführerischen Gesichtsausdruck drauf, während sie Wei Wuxian immer näher an sich heran zog. Sie streckte ihren Kopf nach vorne und flüsterte so nah in Wei Wuxians Ohr, dass er ihren Atem auf seiner Haut spüren konnte.
Wei Wuxian bekam eine feine Gänsehaut und sein Körper verkrampfte sich vor Anspannung. Unsicher legte er beide Hände auf Madame Maos Schultern und versuchte sie sachte, aber bestimmt von sich wegzudrücken.
"Auf keinen Fall." Zischte er. "Ich habe versprochen nichts anzustellen."
Doch Madame Mao zog immer weiter.
"Es wird niemand etwas davon mitbekommen, es geht ganz schnell.
Los, runter mit den Kleidern!" Madame Mao zog mit einem kräftigen Ruck an dem Gürtel in ihrer Hand.
Wei Wuxian entfleuchte ein erschrockenes "Stop!" über seine Lippen, als der Gürtel schon nachgab und sich löste.
Madame Mao grinste zufrieden als sie Wei Wuxians Gürtel in den Händen hielt. Seine Robe öffnete sich und seine nackte Brust kam zum Vorschein.
"Madame Mao!" Zischte Wei Wuxian empört und er machte einen Satz zurück und hielt sich peinlich berührt den Kragen seiner Robe zu.
Doch Madame Mao kam mit ausgestreckten Händen auf ihn zu. Lachend sagte sie:" Keine Angst, keine Angst. Nur nicht so schüchtern. Ich habe doch noch etwas gut bei dir. Denk an das Lied welches ich dir gezeigt habe!" Madame Mao schaute ihn auffordernd an.
Wei Wuxian starrte sprachlos drein, während er seinen Körper leicht von ihr abgewendet lies und sich wie eine holde Maid, die Angst hatte ihre Unschuld zu verlieren, an seinen Kragen festkrallte.
Zwar hatte Madame Mao recht und für einen Moment war sich Wei Wuxian unsicher, was er jetzt tun sollte, aber dann musste er plötzlich an Lan Zhan und Jiang Cheng denken und die Vernunft holte ihn wieder zurück.
Doch gerade als er fertig war seine Gedanken neu zu sortieren, fasste Madame Mao erneut an seine Robe und versuchte sie ihm von den Schultern zu zerren.
"Aber doch nicht hier, Madame Mao!" Fluchte Wei Wuxian und schon befand er sich in einem Kampf mit einer älteren Dame und versuchte seine Robe zu beschützen.
Madame Mao kicherte zufrieden und sie hatte sichtlich Spaß bei der Sache, während Wei Wuxian aufgebracht versuchte ihre schnellen Hände abzuwehren.
Als seine Robe schon nur noch auf seinen Unterarmen hing, entschied er sich schließlich zur schnellen Flucht.
Er ließ seine Robe kurz los und griff schnell an Madame Maos Handgelenke.
Ein schnelles "Tschuldigung!" kam über seine Lippen, als er sie schon kraftvoll in einer Wendung umdrehte und ihr dann einen sanften Schubser an den Rücken gab, sodass sie drei Schritte nach vorne strauchelte. Diesen Moment nutzte Wei Wuxian aus und ergriff die Flucht.
Überrascht über Wei Wuxians schnelles Handeln blieb Madame Mao erst einen Moment stehen um sich neu zu sortieren. Doch dann machte sie sofort auf dem Absatz kehrt als sie zur Verfolgung ansetzte.
"Wei...Ähhh Meister Mo!" Rief sie ihm nach.
"So leicht kommst du mir nicht davon!"
Madame Mao lief ihm hinterher und Wei Wuxian spürte ein Kribbeln in seinem Bauch als er sich umdrehte und Madame Maos entschlossenes Gesicht sah, welches zur Verfolgung ansetzte.
Wei Wuxian strauchelte Lachend durch die Cloud Recesses, während er versuchte seine Robe noch festzuhalten und ein sicheres Versteck zu finden.
Er rannte wie ein aufgeschrecktes Huhn durch die Gegend und bald wurden die ersten Schüler auf den lauten Tumult aufmerksam.
Wissend, dass es wieder Meister Mo war, der für Aufregung sorgte, lockte die Schüler wie Ameisen aus jeder Ritze hervor und sie wägten sich in Sicherheit, dass es nicht sie sein würden, die für das Brechen einiger Regeln bestraft werden würden, sondern Meister Mo.
Unter lautem Gelächter und feurigem Anfeuern heizten sie die Verfolgung noch zusätzlich an und Wei Wuxians und Madame Mao Auftritt heiterte ordentlich die triste Stimmung auf.
Wei Wuxian lief währenddessen mit wedelden Armen und halbnackt um die Häuser und überlegte sich manch einen Trick um Madame Mao abzuschütteln.
Doch die Schüler stellten sich auf Madame Maos Seite und unterstützen sie, indem sie ihr Abkürzungen zuriefen.
Schließlich kam es nicht jeden Tag in der Cloud Recesses vor, dass ein halbnackter Mann vor einer Frau die Flucht ergriff. Daher nahmen die Schüler die gelungene Abwechslung gerne an.
Es war total kindisch und es war natürlich albern und eigentlich sollten sie dies jetzt nicht tun, aber manchmal musste man im Leben einfach vergessen wer man ist und wo man gerade war und einfach nach herzenslust den Moment genießen.
Jiang Cheng schaute nachdenklich drein und sein Blick schien seit ihrer Ankuft rastlos und unentwegt etwas zu suchen.
Sun Yan, der an dem Tisch neben ihm saß, beobachtete ganz genau alles was sich in der Cloud Recesses tat und sein waches Auge lies Lan Wangji nicht für eine Sekunde aus seinem prüfenden Blick.
Es fiel auf, dass die beiden etwas zu wissen schienen oder zumindestens der Meinung waren, etwas zu wissen.
Lan Xichen, dem natürlich die mentale Abwesendheit seiner Gäste auffiehl, entschied sich daher für den Schritt nach vorne.
"Sect Leader Jiang Cheng. Ist etwas zu eurer Unzufriedenheit? Ihr scheint rastlos zu sein. Vielleicht kann ich helfen?" Sagte er freundlich mit einem sanften Lächeln auf den Lippen.
Jiang Chengs scharfer Blick wanderte zu ihm herüber.
"Nein, es ist alles gut. Wie kommt ihr darauf, das etwas nicht inordnung sei?"
Lan Xichen lächelte.
"Ich hatte nur das Gefühl, ihr würdet jemanden suchen. Aber vielleicht irre ich mich auch." Antwortete er ruhig.
"Nichts dergleichen."
Jiang Cheng setzte seine Teeschale an seine Lippen und nahm einen kleinen Schluck. Als er mit seinen Augen über den Rand sah, bemerkte er Lan Wangjis heftenden Blick.
Jiang Cheng setzte die Schale wieder ab und erwiderte Lan Wangjis Blickkontakt. Er räusperte sich, als er eine Augenbraue nach oben zog und mit einem spottenden Ton sprach.
"Second Master Lan Wangji. Seit unserem letzten Treffen in Zhou Yong ist einige Zeit vergangen.
Wie ist es euch in der Zeit so ergangen? Und was ist aus eurem Gast geworden, den ihr damals von Dafan Mountain mitgenommen habt? Ist er noch hier?"
Plötzlich begann die Luft im Raum sich zu verändern und eine gewisse Anspannung stieg an. Alle Augen waren nervös auf Jiang Cheng gerichtet und schauten dann, nach einem Moment des Verweilens, gespannt zu Lan Wangji herüber.
Doch dieser schwieg erst und sprach kein Wort. Sein Gesicht blieb wie immer regungslos kühl.
Gerade als Lan Xichen sich bereit machte um einzuspringen, um die Stimmung wieder zu kippen, öffnete Lan Wangji plötzlich seine Lippen.
"Mein Gast, Mo XuanYu befindet sich noch in der Cloud Recesses. Ihm wurde freigestellt so lange zu verweilen wie es ihm beliebt."
Lan Wangji warf Jiang Cheng einen verwarnenden Blick zu, als er bemerkte, wie sich Jiang Chengs und Sun Yans Augen bei dem Namen Mo XuanYu weiteten.
Die Anspannung stieg jedoch weiter im Raum an und dann entschied Lan Xichen sich doch, das Reden zu übernehmen.
"Sect Leader Jiang ihr braucht euch aber keine Sorgen machen. Ihr werdet von seiner Anwesendheit nichts bemerken. Die Ruhe und der Frieden des Gusu Lan Clans bleibt davon unberührt und der Alltag geht unverändert in der Cloud Recesses weiter..."
Lan Xichen hatte den Satz noch nicht ganz zu Ende ausgesprochen, als man plötzlich aus der Ferne lautes Gelächter und Rufe vernahm.
Alle Anwesenden im Raum stutzten und spitzten ihre Ohren, als schnelle Schritte gefolgt von einem riesen Spektakel sich dem Pavillon näherten.
Madame Maos laute Stimme erschallte:
"Bleib stehen Wei...Äh Meister Mo! Nun stellt euch nicht so an. Es geht doch ganz schnell!" Ihre Stimme war deutlich schrill und sie jappste nach Luft.
"Auf keinen Fall! Fasst mich nicht an!" Rief Wei Wuxian mit einem amüsierten Unterton.
Die Teeschalen auf den Tischen begannen zu klirren als Wei Wuxian plötzlich wie ein Sturm über die Veranda des Pavillons gefegt kam.
Lan Qiren lief abwechselnd grün und blau im Gesicht an, während Lan Xichen mit aufgerissenen Augen vor Jiang Cheng und Sun Yan saß und sie regunslos anstarrte. Lan Wangji wurde ganz steif und sein Gesicht zeigte keine Regung, als das laute Affentheater hinter ihm über die Veranda brauste.
Bao Tian hielt sich die Hand vor seinen Mund und versuchte sein Gelächter so gut es ging zu unterdrücken, während Jiang Cheng und Sun Yan mit aufgerissenen Augen aus dem großen Fenster starrten, als Wei Wuxian halbnackt und mit wedelnden Armen an dem Fenster vorbei lief.
Seine schwarzen Haare mit dem roten Haarband flogen wild im Wind und seine Robe die hinter ihm herflatterte und durch sein unkontrolliertes Rennen vor jede Hauswand klatschte, zog so einen Windzug mit sich, dass die leichten Wände an der Außenwand zu beben begannen.
Jiang Chengs Gesicht bekam einen irren Ausdruck als seine Augen Wei Wuxians Gestalt erkannten und es packte ihn eine wilde und ungebändigte Aufregung, als seine Augenbrauen begannen nervös zu zucken.
Nur wenige Sekunden später donnerte Madame Mao aufgebracht an dem Fenster vorbei und erneut klapperten die Teeschalen auf den Tischen.
Madame Maos und Wei Wuxians Gelächter verhallte langsam in der Ferne und gerade als sie dachten der Sturm sei vorbei, donnerte eine handvoll Schüler aufgebracht über die Veranda und feuerten aus der Ferne die Jagd an.
Es war ein Bild für die Götter, wie alle stocksteif, mit fassungsloser Miene und angespannten Gesichtern in dem Raum an ihren Tischen saßen, während der Putz von den Wänden bröckelte und eine Horde ausgelassener Menschen, über die Veranda tobte.
Nachdem es wieder still wurde und die Teeschalen wieder zum stehen kamen, bogen sich Jiang Chengs Mundwinkel unheilvoll nach oben. Seine Augen funkelten und er hatte einen spottenden Unterton in seiner Stimme.
"...Die Ruhe und der Frieden bleibt davon unberührt, hieß es, nicht wahr, Sect Leader Lan Xichen? Das ist also, der Alltag in der Cloud Recesses? Ich hatte ihn irgendwie anders in Erinnerung!"
Jiang Cheng blickte zu Lan Xichen, als er seine eigenen Worte wiederholte, die eben noch seine Lippen verlassen hatten.
Lan Xichen versuchte ganz ruhig zu bleiben und legte ein freundliches Lächeln auf.
"Bitte Verzeiht. Es scheint, das einige unserer Gäste mit unseren Regeln noch nicht ganz so vertraut sind."
Jiang Cheng lachte.
"Nach mehrmaligen abschreiben sollte manchen Gästen die ein oder andere Regel geläufig sein, selbst wenn es einige Jahre her ist, meint ihr nicht?" Spielte Jiang Cheng auf Wei Wuxians Strafarbeiten aus der Vergangenheit an, während sein scharfer Blick zu Lan Wangji herüber schweifte. Ihre Blicke trafen sich und erneut begann die Luft zu schwingen und die beiden fochten einen inneren Kampf aus.
Lan Qirens Gesicht war kurz vorm platzen und er strich sich unheilvoll über seinen Bart. Sein Kopf wurde vor Zorn so hochrot, dass man der Meinung war sein Blut würde jede Sekunde überkochen.
Bao Tian dagegen saß an seinem Tisch und versuchte inständig sein Gelächter zurück zu halten, während er sich immer wieder ins Gedächnis rief, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt war, um sich darüber Gedanken zu machen, warum eigentlich Wei Wuxian halbnackt vor Madame Mao weglief? Und welche Frage noch viel wichtiger war: Ob er es denn nun erfolgreich geschafft hatte ihr zu entkommen oder nicht?
Plötzlich stand Lan Wangji auf und richtete sich zu seinem Bruder.
"Ich werde mich darum kümmern!" Sagte er mit ruhiger und tiefer Stimme.
Dann machte er, wie es sich gehörte, eine freundliche Handgeste zur Verabschiedung zu Jiang Cheng und Sun Yan und verließ den Raum. Etwas überrascht schauten sie ihm alle nach, als die Tür sich mit einem Klicken schloss.
Lan Xichen saß stocksteif auf seinem Platz aber, war wie immer nie darum verlegen ein sanftes Lächeln auf seinen Lippen zu tragen. Freundlich hob er seine Teeschale zum Gruße an.
"Nun denn, wo waren wir nochmal stehen geblieben, Sect Leader Jiang?"
Wei Wuxian lief über den Rasen und steuerte genau auf den großen Pavillon zu, indem der Gusu Lan Clan immer gemeinschaftlich zu Tische aß. Er passierte die Veranda und huschte schnell durch die große Tür. Er lief an allen Tischen vorbei und verschwand hinten in einem langen Gang.
In diesem Bereich des Pavillons ist er noch nie gewesen und er blieb kurz stehen um sich zu orientieren. Der Gang war recht schmal aber genauso anmutig gestaltet wie der Rest des Gebäudes. Von der Decke hing ein großer Banner des Gusu Lan Clans und viele Türen gingen von dem Flur ab. Er lief bis zum Ende des Ganges und blieb kurz stehen um zu verschnaufen. Er stützte sich mit seinem rechten Arm an der Wand ab und rang nach Atem.
Aus der Ferne hörte er Madame Maos ebenso atemlose Stimme.
"Hast du etwa geglaubt, du könntest mir hier entwischen? Wo versteckst du dich Wei...Äh...Meister Mo?"
Wei Wuxian musste leise lachen.
- Was war das nur für eine Frau? Ersteinmal kann sie sich nicht mal für eine Minute seine Anrede merken und zweitens was hat sie nur für eine Ausdauer? Das kann nie und nimmer eine normale Schneiderin sein! Abgesehn davon, wie konnte sie mit diesen Kleidern und mit ihrem Alter nur so schnell laufen? Die Schüler mussten ihr doch irgendwie geholfen haben?- Dachte sich Wei Wuxian, während er jappsend an der Wand kauerte.
Er hörte Madame Maos hallende Schritte und er ging noch ein paar Schritte weiter und bog dann um die Flurecke. Dort lehnte er sich für einen Moment mit dem Rücken an eine Wand an, streckte den Kopf in den Nacken und öffnete seinen Mund, während er nach Luft hechelte. Er war schon leicht verschwitzt und seine Robe hing gerade noch so in seinen Ellenbogen und die Ärmel berührten schon den Boden.
Er atmete einmal tief ein und gerade als er sich von der Wand abdrücken wollte, öffnete sich plötzlich hinter ihm eine Tür. Eine helle Hand schnellte heraus und griff auf seinen Mund, um seinen aufgeschreckten Schrei abzudämpfen, während eine andere Hand sich schon um seine Taille legte und ihn kraftvoll in einen Raum zog.
Die Tür ging mit einem leisen Klicken wieder zu und es war plötzlich stockdunkel vor Wei Wuxians Augen. Er spürte die kräftigen Hände an seinem Körper, welche weder auch nur einen Schrei aus seiner Kiele zuließen noch eine Bewegung in sonst irgendeine Richtung.
Wei Wuxian spürte seinen schnellen und aufgeregten Herzschlag. Seine Finger kribbelten, als die kräftigen Hände ihn mit seinem Rücken an eine starke Männerbrust herandrückten.
