Chapter 16.10

Wei Wuxian schlenderte gerade ganz lässig über die Veranda von Lan Wangjis Jingshi, als er plötzlich in der Ferne jemanden fluchtartig aus einem Gebäude stürzen sah.

Er blieb stehen und runzelte die Stirn. Die Person schien halb nackt zu sein, das offene, lange Haar wehte wirr im Wind hinterher und die Person schien sehr aufgebracht vor etwas wegzulaufen.

Die Haare waren dunkel und glatt und die Kleider waren aus einem dunkel-lilanen Stoff.

Wei Wuxian stand der Mund vor Staunen weit offen, als er erkannte, dass es sich um Jiang Cheng handelte.
„...Was zum...?" Nuschelte er fassungslos zu sich selbst.

Es packte ihn die Neugier was wohl geschehen war und so machte er sich geschwind auf den Weg zum Ort des Geschehens. Vorsichtig huschte er über die Veranda und näherte sich vorsichtig dem Gästehaus.

Als er vor dem Haupteingang angekommen war, schlich er sich seitwärts leise heran. Er blickte sich noch ein paar mal um ob ihn jemand gesehen hatte.
Er atmete kurz ein, als er die große Tür passierte und sich in den langen Flur begab.

Leise wie eine Katze schlich er auf Zehenspitzen den Flur hinunter. Er tastete sich vorsichtig die Wand entlang und horchte gespannt auf jedes noch so kleine Geräusch.

Als er den Flur weiter entlang schlich, hörte er plötzlich ein schluchzendes Geräusch.
Es klang so, als würde jemand weinen.

Wei Wuxians Augen weiteten sich.
Er trippelte nun schneller auf seinen Zehenspitzen und folgte dem Geräusch.

Schließlich war es nun unverkennbar, dass zermürbende Geräusch wenn jemand weinte. Das laute Schluchzen und Wimmern klang herzzerreisend.

Wei Wuxian kam nun zu Jiang Chengs Zimmertür und vorsichtig linste er durch den Türrahmen.
Seine Augen weiteten sich noch größer, als er das Chaos in dem Raum sah. Der vollkommen zerstörte Raumteiler, der umgefallene kleine Tisch und die vielen Äpfel, die überall verstreut auf dem Boden lagen.

Doch ihm stockte schließlich der Atem, als er zwischen dem ganzen Chaos, jemanden am Boden liegen sah.
Das Geschluchze schien von dieser Person auszugehen und erst jetzt entdeckte Wei Wuxian das viele Blut auf dem Fußboden.

Es war wie ein kurzer Schock, der durch Wei Wuxians Glieder schoss und ohne weiter darüber nachzudenken, rief er los um zu helfen.
„Hallo, Sie sind verletzt?" Rief er aus, als er auch schon in den Raum stürzte.

Sun Yan erschrak und zuckte zusammen. Er stützte sich mit seinen blutverschmierten Händen auf dem Fußboden ab und richtete sich leicht auf um sich umzusehen.
Als ihre Blicke sich trafen, erkannten sie sich und zeitgleich riefen sie vor Verwunderung ihre Namen aus.
„Wei Wuxian?"
„Sun Yan?"

Wei Wuxian stolperte zu ihm herüber und kniete sich vor ihm auf den Fußboden
„Oh Gott, was ist hier passiert?" Fragte Wei Wuxian erschrocken und gerade als er Sun Yan anfassen wollte um diesen zu stützen, schlug dieser seine Hand weg.

Wei Wuxian zuckte zusammen und erblickte Sun Yans gequälten Gesichtsausdruck.
-Was ist hier nur geschehen?- Fragte sich Wei Wuxian.

Er sah auf den nackten Jungen vor sich, seine Augen geschwollen von den vielen Tränen, eine rote Wange mit einem deutlichen Handabdruck, Kratzspuren quer über sein Gesicht und ein Messer, welches in seinem Oberschenkel steckte. Das viele Blut auf dem Fußboden war schon vollkommen verschmiert und klebte überall an Sun Yans heller Haut.

Wei Wuxian war fassungslos über das was er sah.
Als er erneut seine Hände nach Sun Yan ausstreckte um ihm zu helfen, warf dieser ihm einen zornigen Blick zu und streckte seine linke, blutige Hand nach vorne zur Abwehrung aus.
„Scher dich weg!" Zischte er.
„Ich brauche deine Hilfe nicht! VERSCHWINDE!"

Wei Wuxian zuckte zusammen. Sun Yan war vollkommen aufgelöst und brauchte ganz eindeutig seine Hilfe.
„Es ist alles gut. Ich tu dir nichts. Ich will dir nur helfen." Sagte Wei Wuxian ruhig.

Doch Sun Yan fixierte ihn noch immer mit einem hasserfüllten Blick und er versuchte sich von Wei Wuxian abzuwenden.
Er fuchtelte mit seiner Hand abweisend in der Luft herum und mit gebrochener und schwacher Stimme krächzte er:
„Ich brauche deine Hilfe nicht. Ich brauche die Hilfe von niemandem. Verschwinde einfach und lass mich alleine!"

Wei Wuxian war sprachlos. -Wie konnte dieser Junge sich in dieser Situation nur so wehren und davor sträuben Hilfe anzunehmen?-
„Nein, ich werde nicht verschwinden! Sieh dich nur an, noch ein bisschen und du wirst ohnmächtig zusammenbrechen. Sieh nur wie viel Blut du verloren hast!" Sagte Wei Wuxian besorgt.

„Das geht dich nichts an!" Zischte Sun Yan unter Schmerzen.

Wei Wuxian schüttelte mit Unverständnis den Kopf.
-Was für ein sturer Esel! Er wird noch verbluten!- Dachte er sich.
„Natürlich geht es mich etwas an, jetzt wo ich dich gefunden habe. Wie könnte ich wegsehen wenn jemand meine Hilfe braucht!" Erwiderte Wei Wuxian und er streckte erneut seine Hände nach Sun Yan aus. Er berührte ihn an den Schultern und als er ihn aufrecht hinsetzen wollte, zischte Sun Yan plötzlich laut vor Schmerz auf.

„Ah!" Stöhnte er auf und er rollte sein Gewicht schnell wieder von seinem Hintern auf die Seite.

Wei Wuxian stutzte. Sein Blick wanderte an Sun Yans nackter Brust hinunter bis zu seinem Schritt. Eine weiße Flüssigkeit lief an Sun Yans Innenschenkeln hinunter.

Wei Wuxian blinzelte ein paar Mal, so als könnte er nicht begreifen was er da sah. Er sah sich noch einmal in dem zerstörtem Zimmer um und dann blickte er noch einmal in Sun Yans Gesicht und musterte ihn eindringlich, als ihn plötzliche eine böse Vorahnung beschlich.
Für einen kurzen Moment stockte ihm vor Schock der Atem und seine Augen wurden plötzlich wütend und formten sich zu kleinen Schlitzen.
Mit tiefer, ruhiger Stimme fragte er:
„War das Jiang Cheng? Hat er dir dies alles angetan?"

Sun Yan zuckte zusammen. Ihm stieg die Schamesröte ins Gesicht und er wendete seinen Blick beschämt ab.

Wei Wuxians Handgriffe festigten sich an Sun Yans Schultern und seine Finger bohrte sich in sein Fleisch.
„War das Jiang Cheng habe ich gefragt! Antworte mir!" Sagte er mit lauter Stimme.

Doch über Sun Yans rote Wange lief nur erneut eine einzelne Träne und seine Lippen begannen zu beben.
„...Nein..." Sagte er leise.

(Wer möchte, der kann jetzt auf youtube gehen und das folgende Lied dazu hören: watch?v=VzwhOF7dV7c) - A Water Lily Jia Peng Fang 05:52

Wei Wuxian verstand es noch nicht und er schüttelte Sun Yan leicht an den Schultern.
„Wie kannst du sagen er war es nicht? Ich habe gesehen wie er aus diesem Pavillion lief. Wer soll es denn sonst gewesen sein?" Fragte Wei Wuxian aufgebracht.

Sun Yan kniff seine Augen fest zusammen und er schluckte schwer. Erneut liefen Tränen über seine Wangen und er sackte in sich zusammen.
„Fass mich nicht an, verschwinde...Lass mich alleine" Sagte er leise, als seine Stimme brach.

Wei Wuxian wurde langsam wütend.
-Was für ein störrisch Junge!- Dachte er sich.
„Sun Yan antworte mir jetzt! Wer ist das gewesen?" Polterte seine Stimme los.

Doch Sun Yan weinte leise und er begann am ganzen Körper zu zittern.
Seine Lippen öffneten sich und ein leises Gewimmer entsprang seinem Mund.
„...Ich..."

„Hm?" Wei Wuxian stutzte.
-Hatte er ihn etwa falsch verstanden?-

Doch Sun Yan zitterte in seinen Händen, die Lippen bebten und er wiederholte mit schriller Stimme seine Worte.
„...Ich...war es...Ich habe ihm das angetan...Es ist alles meine Schuld..."

Wei Wuxians Augen weiteten sich fassungslos, als er begann zu verstehen. Sein Adamsapfel rutschte einmal deutlich hoch und wieder hinunter, als er mehrfach schwer schluckte.
Wei Wuxian versuchte ganz ruhig zu bleiben und die passenden Worte zu finden. Aber nichts war in diesem Moment schwerer als das.
„Alles wird wieder gut. Aber jetzt erstmal, lass mich dir hel..."

Wei Wuxian schaffte es nicht mehr seinen Satz zu Ende auszusprechen, als Sun Yan plötzlich nach vorne kippte und in Wei Wuxians Arme fiel. Schnell fing er ihn auf, als Sun Yans Kopf bewusstlos gegen Wei Wuxians Brust stieß.

„Sun Yan?" Fragte Wei Wuxian hektisch.
„Sun Yan?"

Doch Sun Yan rührte sich nicht mehr und seine Atmung wurde flach.

„Scheiße!" Rief Wei Wuxian aus.
„Sun Yan, Sun Yan, bleib bei mir, hörst du?" Sagte er laut.

Hektisch legte er Sun Yans leblosen Arm über seine linke Schultern und dann stützte er ihn mit einer Hand am Rücken und mit der anderen Hand ging er unter seine Knien hindurch.
Vorsichtig hob er den Jungen an und schnellen Schrittes trug Wei Wuxian ihn aus dem Raum hinaus.

Wei Wuxian wurde langsam nervös und seine Füßen begannen sich wie von alleine zu bewegen und lenkten ihn in eine bestimmte Richtung.
Er wusste keinen anderen Ort wo er ihn in dieser Situation hinbringen konnte, außer in Lan Wangjis Jingshi.

Schnelle lief er ungesehen durch die Cloud Recesses und er trug Sun Yan behutsam vor sich her.
„Sun Yan, Sun Yan, du musst bei mir bleiben!" Wiederholte er immer und immer wieder.

Doch Sun Yans Kopf und Glieder hingen schlaff an am herunter und er wurde gefühlt mit jeder Minute schwerer.

Als Wei Wuxian endlich an Lan Wangjis Jingshi angekommen war, trat er mit dem Fuß die Tür auf.
Er polterte mit einem lauten Getöse herein und legte Sun Yan hastig auf dem großen Bett ab.

Schnell griff er nach der Bettdecke und riss ein Sück Stoff ab um die Blutung endlich zu stoppen.

Wei Wuxian hatten in seinem Leben schon viele Verletzungen gesehen und schon viele hatte er selbst versorgt. Er kannte sich damit aus einfache Stichwunden zu verarzten und auch über Heilkräuter und Heilprozesse hatte er schon viel gelernt.

Da es keine Option war zu Lan Xichen zu gehen oder den Heiler um Hilfe zu fragen, musste Wei Wuxian nun schleunigst selber zusehen, wie er ihm selber helfen konnte, um Sun Yans Geheimnis zu bewahren.

Wei Wuxian band sich geschwind seine Haare zu einem festen Knoten zusammen und gerade als er seine Ärmel nach hinten gebunden hatte, ging plötzlich die Tür auf und eine Person ganz in weiß trat in den Raum.

Wei Wuxian erschrak und drehte sich schnell um. Als seine Augen das gewohnte Antlitz erkannten fiel ihm ein Stein vom Herzen.
„Lan Zhan...!" Rief er überrascht aus.

Lan Wangji musterte die beiden eindringlich aber sein Gesicht blieb wie zu erwarten unverändert kühl. Nur seine linke Augenbraue zuckte leicht, als er die paar Bluttropfen auf dem Fußboden sah und eine nackte, verletzte Person inmitten seinens Bettes erblickte.
„Was ist geschehen?" Fragte er ruhig, als er auf die beiden zukam.

„Keine Zeit für Erklärungen, du musst mir helfen! Bitte! Er hat schon zu viel Blut verloren und ist bewusstlos." Erklärte Wei Wuxian eilig.

Lan Wangji stand am Bett und blickte in Sun Yans schwaches Gesicht. Seine Augen liefen jeden Zentimeter des nackten Körpers ab und als er die Situation erfasst hatte, nickte er bestätigend.
„Ich helfe dir."

Über Wei Wuxians Gesicht flog ein erleichtertes Lächeln.
„Ich wusste auf meinen Mann ist verlass!" Scherzte er und platzierte einen leichten Kuss auf Lan Wangjis Wange.

Die beiden machten sich sofort an die Arbeit und geschickt entfernten sie das Messer aus Sun Yans Oberschenkel. Sie stoppten die Blutung und nähten mit ein paar Stichen die Wunde wieder zu.
Das Bein wurde verbunden und über die Kratzspuren in seinem Gesicht strichen sie einen dicken Kräutersud.

Wei Wuxian gab sich allergrößte Mühe Sun Yan zu pflegen und noch lange saß er bei ihm und erneuerte den kalten Wickel an seiner Stirn und wischte ihm den Schweiß von der Haut. Sun Yan hatte ein leichtes Fieber und sein Schlaf war unruhig. Immer wieder griff seine Hand nach etwas und als Wei Wuxian vorsichtig seine Hand ausstreckte, umklammerten Sun Yans Finger die seine, als würde sein Leben daran hängen.

Es war bald schon tief in der Nacht und Lan Wangji war gerade wieder mit ein bisschen Essen zurück gekommen, als er den Jingshi betrat und Wei Wuxian an Sun Yans Seite eingeschlafen war.
Er lag mit seinem Oberkörper auf dem Bett, sein linker Arm lag unter seinem Kopf und seine Füße hingen auf dem Fußboden.

Sie sahen beide so friedlich und erschöpft aus und in dem Raum war eine andächtige Stille. Nur ihr leises Atmen war zu hören.

Lan Wangji stellte das Essen auf einem Tisch ab und holte dann eine Decke aus dem Regal.
Behutsam legte er sie über Wei Wuxians Schultern und strich ihm einmal mit der flachen Hand über den Kopf.
Dann setzte er sich auf eine Sitzmatte neben dem Tisch und schloss in Medidation seine Augen.

Es war das erste Mal, dass jemand anderes als Wei Wuxian eine Nacht in Lan Wangjis Jingshi verbracht hatte und die Wärme der drei Körper erfüllte den Raum.


Jiang Cheng stolperte kopflos und vollkommen aufgebracht aus seinem Zimmer.
Seine Beine waren zittrig und sein Herz schlug wild in seiner Brust.

Er wusste nicht wo er hin wollte aber seine Füße trugen ihn einfach und lenkten ihn in irgendeine Richtung.
Es gab nicht viele Möglichkeiten, wo er in seiner jetzigen Verfassung hätte hingehen können und so lief er die Stufen hinauf zur kalten Quelle. Er wollte einfach nur für den Moment alleine sein und sich von dem Schock und den Ergeignissen in seinem Zimmer erholen.

Vollkommen außer Atem und mit trockener Kehle kam er oben an.
Er sah das kühle Wasser und er schleppte sich mit nackten Füßen die letzten Meter bis an den Rand der Quelle.

Er ließ seine Arme locker nach unten hängen und seine lose Robe rutschte von seinen Schultern. Mit einem Plopp landete sie auf den kalten Steinen und Jiang Cheng streckte den ersten Zeh ins Wasser.

Es war kalt, sehr kalt aber er verspürte auch eine beruhigende Wirkung, als er seinen Fuß weiter in das Wasser tauchte.
Sein Mund öffnete sich leicht und er atmete ruckartig ein, als das kalte Wasser seine Wade berührte.

Er zog auch den zweiten Fuß nach und Stück für Stück tauchte sich sein Körper in das eisige Nass.
Es war wie eine Reinigung, wie eine Erdung die seinen Geist wieder beruhigte. Das eisige Wasser umströmte seine nackte Haut und spülte alles hinfort, was ihn belastete.

Seine Lippen begannen zu zittern und über sein Körper legte sich eine feine Gänsehaut, als das Wasser ihm schon bis zur Hüfte reichte.
Er ging noch tiefer ins Wasser hinein und seine offenen Haare berührten bald die Wasseroberfläche.
Er schloss seine Augen und atmete tief ein, als er sich plötzlich ruckartig hinsetzte.

„Ah!" Stöhnte er vor Schock auf, als das eiskalte Wasser sein Herz berührte. Er holte tief Luft und tauchte dann sogar komplett unter Wasser.
Das Einzige was man noch von ihm sah, waren ein paar Blubberblasen die an die Wasseroberfläche stiegen und seine schwarzen Haare, die wie Algen im Wasser umherschwammen.

Jiang Cheng blieb mit dem Kopf unter Wasser. Das kalte Wasser kühlte bald seinen Körper aus und er spürte seinen eigenen Pulsschlag im Kopf.
Seine Adern pumpten angestrengt sein Blut durch den Körper und sein Herzschlag wurde flacher.
Es war als wäre er in einer anderen Welt. Als würde sein Geist sich von seinem Körper trennen. Die Kälte kroch immer tiefer in seine Glieder, der Körper war durch die Kälte wie gelähmt, doch sein Geist wurde wach und frei.

Es vergang eine gefühlte Ewigkeit unter Wasser, bis ihm schließlich der Atem ausging und er ruckartig an die Wasseroberfläche kam.
Jiang Cheng riss seinen Mund weit auf und er schnappte nach Luft, als er hinter sich plötzlich einen erschrockenen Ausruf hörte.

Jiang Cheng zuckte zusammen.

„Ah!" Rief eine sanfte Männerstimme hinter ihm erschrocken auf.

Jiang Cheng drehte sich ruckartig um, als er plötzlich Lan Xichen erblickte.
Die beiden starrten sich mit großen Augen vor Verwunderung an.

Lan Xichen stand nur ein paar Meter hinter Jiang Cheng. Das Wasser reichte ihm bis zum Bauchnabel und sein Oberkörper war entblößt, während seine langen, dunklen Haare an seinem Rücken offen hinab hingen.
Um seine Stirn trug er noch sein weißes Kopfband, welches es für Jiang Cheng um einiges einfacher gemacht hatte, ihn ohne seine edlen Kleider und seine Aufmachung, zu erkennen.

Nur Lan Xichen musste zweimal hinsehen. Jiang Cheng mit seinen offenen, nassen Haaren und dann noch spät am Abend alleine in der Quelle, war kein gewöhnlicher Anblick.

Lan Xichen: „Jiang Cheng?"
Jiang Cheng: „Lan Xichen?"

Vor Verwunderung vergaßen sie beide jegliche Förmlichkeit.

Lan Xichen starrte sein gegenüber an. Niemals hätte er damit gerechnet ihn an diesem Ort und zu dieser Stunde hier anzutreffen.
Sein Blick wanderte an Jiang Chengs nackten Hals hinab, als er plötzlich auf seiner Brust zum stocken kam.
Viele rote Blutergüsse zierten Jiang Chengs Hals und Brust und in dem fahlen Mondschein zeichneten sie sich noch stärker ab und stachen einem provokant ins Auge.

„Verzeiht.." Sagte Lan Xichen schließlich, als er bemerkte wie unhöflich seine Blicke gewesen sein mussten.
„Ich wusste nicht, dass schon jemand hier ist. Ich wollte euch nicht stören."

Jiang Cheng bemerkte Lan Xichens prüfenden Blick auf seinem nackten Körper und als er seinen Blick nach unten richtete und die vielen roten Flecken auf seiner Haut entdeckte, drehte er sich hastig zur Seite. Beschämt blickte er ins Wasser und richtete seinen Blick nach unten. Etwas unsicher kratzte er sich am Kopf.
-Ob Lan Xichen in dem Licht wohl erkennen konnte um was für Flecken es sich handelte?- Fragte sich Jiang Cheng beunruhigt.
„Nein, nein alles gut, ich bin auch schon fertig. Ich wollte nur kurz hierher. Lasst euch nicht von mir stören." Sagte er schnell.

Plötzlich trat eine unangenehme Stille ein und beide ließen ihren Blick in die Ferne schweifen.

Jiang Cheng linste über seine Schulter und zu seiner Verwunderung trug Lan Xichen eine besorgte Miene. Er sah sogar müde und erschöpft aus und sein sonst so unbekümmertes, sanftes Lächeln war nirgendswo zu sehen.
Jiang Cheng wusste nicht genau warum aber die aktuellen Umstände ließen ihn irgendwie etwas redsamer werden und so machte er einen leichten Annäherungsversuch.
Er führte seine Faust zu seinem Mund und räusperte sich kurz. Dann fragte er vorsichtig.
„Ist etwas vorgefallen das ihr mitten in der Nacht zur Quelle kommt? Ihr seht bekümmert aus."

Lan Xichen blickte überrascht zu Jiang Cheng herüber.
„Äh nein, nicht direkt. Ich konnte nicht schlafen und wollte daher meine Seele hier etwas beruhigen..." Sagte er leise.

Jiang Cheng runzelte die Stirn.
„Nicht schlafen?" Fragte er misstraurisch nach.

Lan Xichen schnaufte leise durch seine Nase.
„Um ehrlich zu sein, kann ich schon seit ein paar Nächten nicht mehr durchschlafen. Mich plagen seltsame Träume..." Lan Xichens Blick schweifte etwas ab und er unterbrach ihren Blickkontakt.

Jiang Cheng stutzte vor Verwunderung und hob eine Augenbraue an.
„Das klingt ja nicht so gut..." Sagte er etwas irritiert und sich ernsthaft fragend, von was für Träumen Lan Xichen wohl sprach, dass er desswegen mitten in der Nacht an einem kalten Herbstabend, baden gehen musste. Aber da es ihn nichts anging und er nicht noch weiter in seine Privatangelegenheiten eindringen wollte, behielt er die Frage lieber für sich.
Jiang Cheng fasste an seine nassen Haare und drückte ein wenig das Wasser heraus, als Lan Xichen ihn fragend anblickte.
„Und warum seid ihr mitten in der Nacht hier? Verzeiht die Frage, aber ich war doch sehr überrascht euch hier anzutreffen."

Jiang Cheng zuckte zusammen.
„Nun ja..." Fing er eine Erklärung suchend an.
„Auch ich hatte gewisse Umstände die mich vom Schlafengehen abhielten. Sagen wir es so.
Aber jetzt bin ich auch fertig und werde wieder gehen."

Lan Xichen stutzte.
„Aber nein bitte, ihr könnt ruhig bleiben. Schließlich wart ihr zuerst hier." Bot Lan Xichen schnell an.

Doch Jiang Cheng wunk mit seiner Hand ab.
„Alles gut, ich habe mich wieder beruhigt und bevor ich hier noch erfriere werde ich wieder gehen.. Wenn ihr mich entschuldigt."
Jiang Cheng verneigte sich mit einer respektvollen Handgeste vor Lan Xichen und schritt durch das Wasser an ihm vorbei.

Lan Xichen erwiderte die Geste und mit einem flüchtigen Schulterblick, erhaschte er noch einmal einen Blick auf Jiang Chengs Brust, als er an ihm vorbeischritt.
Das Wasser plätscherte, als Jiang Cheng aus der Quelle heraustrat. Seine Lippen waren schon leicht blau angelaufen und er schmiss sich seine Robe über die Schultern.

Lan Xichen hörte das Patschen der nackten Füße auf den Steinen. Er drehte sich um und als er Jiang Cheng noch nachsah wie er in der Ferne wieder verschwand, bemerkte er, dass Jiang Cheng weder eine Hose, noch Schuhe bei sich trug.
Er runzelte die Stirn und blickte nachdenklich drein. Noch eine ganze Weile sah er ihm nach und in seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken, was es mit Jiang Chengs außergewöhnlichem Besuch an der Quelle wohl auf sich haben könnte, als seine Gedanken plötzlich ruckartig unterbrochen wurden.

„SO, ist das also!" Erklang plötzlich eine laute und vorwurfsvolle Stimme von hinten.

Lan Xichen flog zusammen und er drehte sich ruckartig um.
An einem großen Stein am Rand der Quelle stand Bao Tian und lehnte sich lässig mit seinem Rücken an. Seine Arme waren vor seiner Brust verschränkt und er zog eine Augenbraue nach oben.

„Tian...?!" Sagte Lan Xichen erschrocken und erleichtert zu gleich.
„Erschreck mich doch nicht so. Was machst du hier?"

Bao Tian drückte sich mit seinem Rücken von dem Stein ab und ging am Rand der Quelle entlang, auf Lan Xichen zu.
„Da werde ich mitten in der Nacht wach weil ich gehört habe, dass du dein Zimmer verlassen hast und besorgt um dich, wie ich nun mal bin, folge ich dir um dann festzustellen, dass du hier mitten in der Nacht eine nackte Badeparty mit Sect Leader Jiang Cheng abhälst.
Ich bin derjenige, der erschrocken ist über dein schamhaftes Verhalten, Huan."
Bao Tians Stimme protzte nur so vor Ironie und in seinem Gesicht stand ein belustigtes, dämliches Grinsen.

„Tsss" Schnallste Lan Xichen mit seiner Zunge, als sich seine Augenbrauen verärgert zusammenzogen.
„Red nicht so einen Unsinn." Wunk Lan Xichen ab.

„Unsinn?" Fragte Bao Tian mit traurig gestellter Stimme und er schaute bekümmert drein.
„Soll das heißen, dass ich dir etwa glauben soll, dass es reiner Zufall war, dass ihr beiden euch mitten in der Nacht hier oben getroffen habt? Was für ein Skandal. Die zwei Sect Leader der mit bekanntesten und größten Cultivation Clans..."
Bao Tian stellte sich genau an den Rand der Quelle und blickte belustigt und dramatisch gestikulierend zu Lan Xichen.

Lan Xichens Stirn dagegen legte sich in angestrengte Falten.
„Schluss jetzt mit den Späßen, Tian. Da du mir gefolgt bist und scheinbar alles von Anfang an mitbekommen hast, weißt du ja ,dass es ein Zufall war."
Lan Xichen schritt durchs Wasser und kam auf Bao Tian zu. Er wusste das Bao Tian nur Witze machte, aber er wollte es dennoch nicht so einfach auf sich beruhen lassen.
Er blieb am Rand stehen und er streckte den Kopf in den Nacken und blickte nach oben zu Bao Tian.

Dieser stand groß aufgebäumt vor ihm und in dem fahlen Mondschein wurde seine Silhouette von hinten angestrahlt, was ihn noch größer und herrschaftlicher erschienen lies. Sein dunkles Haar wehte seicht im Wind und die Enden seines Kopfbandes, welche um seinen Zopf gebunden waren, tanzten im Wind hin und her.

Bao Tian bückte sich und lehnte sich nach unten zu Lan Xichen.
Er streckte seine Hand aus, berührte Lan Xichens Kinn und streckte dessen Kopf noch etwas weiter nach oben. Dann rutschte er näher heran und ihre Gesichter blieben nur ein paar Zentimeter voreinander stehen.
„Hast du seine Brust gesehen? Ich hoffe diese Male stammen auch nicht von dir...?"

Lan Xichens Augen weiteten sich.
„Natürlich nicht!" Sagte er hastig und er wollte seinen Kopf wegdrehen, doch Bao Tian hielt sein Kinn in seiner Bewegung fest.

„Gut" Brummte Bao Tian mit tiefer Stimme.
„Und da ich dich gerade hier habe. Möchtest du mir vielleicht noch erklären warum du mir seit geraumer Zeit aus dem Weg gehst und jede Nacht schlaflos durch dein Zimmer schleichst?"

Lan Xichen zuckte zusammen. Seine Augen wurden noch größer und er spürte eine leichte Hitze, die ihm ins Gesicht stieg. Er legte seine rechte Hand auf Bao Tians Unterarm um ihn wegzudrücken, doch Bao Tian umklammerte sein Kinn fest und ließ ihn nicht weg.

„Ich.." Stammelte Lan Xichen und er wendete unsicher seinen Blick ab.
„Es ist nichts.." Sagte er schließlich leise.

Boa Tian zog die Augenbrauen verblüfft nach oben.
„Es ist nichts? Sagt der Mann vor mir, der mir nicht mal in die Augen sehen kann dabei?"
Bao Tians Blick wurde stechend und er starrte Lan Xichen auf eine Antwort wartend an.

Doch Lan Xichen sagte kein Wort. Ein paar Tropfen perlten an seinem Hals hinunter über sein Schlüsselbein und bahnten sich dann einen Weg seinen Bauch hinunter. Es war still und Lan Xichen trug einen gequälten Gesichtsausdruck. Seine Lippen zitterten leicht und Bao Tian drückte sein Kinn noch weiter nach oben.
Er fixierte die schmalen Lippen, welche durch die Kälte schon leicht blau angelaufen waren und strich mit seinem Daumen über die schmale Unterlippe.
„Du solltest schneller Antworten, deine Lippen werden schon blau." Hauchte er bestimmend.

Doch Lan Xichen schloss nur seine Augen, die Lippen fest aufeinander gepresst und jetzt, wo er in Stille verharrte, spürte er noch mehr die eisige Kälte des Wassers, die durch seinen Körper strömte.

Bao Tian entließ ihn schließlich wieder aus seinem Verhör und er zog seine Hand zurück. Lan Xichen öffnete daraufhin wieder seine Augen und wendete seinen Blick nach unten. Es fröstelte ihm und eine Gänsehaut zog sich über seinen nackten Körper.

Bao Tian schnaufte akzeptierend durch seine Nase, als er sich wieder aufrichtete.
Er streckte erneut seine Hand zu Lan Xichen nach unten.
„Komm, ich helfe dir heraus. Dir muss kalt sein."

Lan Xichen blickte nach oben und er sah Bao Tians einladende Hand. Sein Körper zuckte wie aus Reflex, als er seine Hand austrecken wollte.
Doch dann zog er sie plötzlich wieder zurück und schaute zur Seite.

„Was ist?" Fragte Bao Tian.

Lan Xichen schwieg für einen Moment. Dann antwortet er leise und kaum hörbar.
„...Ich habe nichts an..."

Bao Tians Stirn legte sich kraus, als er seine Augenbrauen hoch zog. Erst dachte er, er hätte sich verhört, doch dann musste er leise Lachen.
Mit einem breiten Grinsen im Gesicht lächelte er Lan Xichen an und streckte seine Hand noch weiter aus.
„Da unten gibt es nichts, was ich nicht schon gesehen hätte. Komm!" Lachte er ihn mit einem herzerwämenden Lachen an.

Lan Xichens Wangen tauchten sich in ein leichtes Rosé und etwas verlegen streckte er seinen Arm aus und griff nach Bao Tians Hand.

Als ihre Finger sich fest umschlossen zog Bao Tian kräftig und mit einem Ruck kam Lan Xichen aus dem Wasser.
Kaltes Wasser spritzte umher und als Lan Xichen mit beiden Füßen am Ufer war, zog Bao Tian plötzlich mit einem erneuten Ruck noch einmal kräftig an seiner Hand.

„Ah!" Rief Lan Xichen kurz vor Verwunderung auf, als er schon nach vorne stürzte und direkt in Bao Tians komfortable Arme fiel.

Bao Tian umschloss ihn in einer innigen Umarmung. Sein rechter Arm griff um Lan Xichens Taille und drückte ihre Körper fest aneinander, während seine linke Hand Lan Xichens Hinterkopf berührte und ihn an seine Brust drückte.

„Was..?" Sagte Lan Xichen überrumpelt, als er schon Bao Tians kräftige Umarmung spürte, welche ihn so fest umschloss, das es keinen Milimeter Luft mehr zwischen ihren Körpern gab.

Bao Tians Kleider wurden allmählich nass und er spürte die eisige Kälte, die von Lan Xichens Körper ausging und ihn einmal tief einatmen ließ.
Lan Xichen dagegen spürte Bao Tians warme Körperwärme und er spürte seinen warmen Atem in seinem Nacken, als Bao Tian leise in sein Ohr flüsterte.
„Wenn du mir nicht sagen möchtest, was dich seit jener Nacht bewegt, dann werde ich auch nicht mehr weiter nachfragen.
Versprich mir nur, dass ich weiter an deiner Seite bleiben darf und ich nichts falsch gemacht habe."

Lan Xichens Augen weiteten sich bei diesen Worten und er spürte sein Herz, welches kräftig in seiner Brust zu schlagen begann. Er wurde nervös, als er bemerkte, das sein Herzschlag so stark anstieg, dass selbst Bao Tian es bei ihrer Körpernähe spüren musste.
Er versuchte sich aus ihrer Umarmung zu lösen um ihren Körperkontakt etwas zu unterbinden, doch als Bao Tian bemerkte, dass er sich aus der Umarmung lösen wollte, drückte er ihn noch fester an sich heran.
Sein Atem war unruhig und seine Stimme klang besorgt.
„Versprich es, Huan!" Hauchte er auffordernd in sein Ohr.

Lan Xichens Herz schlug nun so wild, dass er glaubte es würde gleich jede Sekunde seine Brust zerbersten.
Ihm wurde langsam warm, sehr warm und Bao Tians Umarmung war wie eine Flut von einem hellen und heilendem Licht, welches durch seinen Körper strömte.
Er schloss seine Augen, als er seine Arme langsam um Bao Tians Taille legte und dann mit seinen Fingern sich fest in den Stoff auf Bao Tians kräftigen Rücken krallte.
Er atmete einmal tief ein und als er sein Gesicht tief in Bao Tians Brust vergrub, roch er den vertrauten Geruch, von einem geliebten Menschen, der schon seit vielen Jahren nicht von seiner Seite wich.
„Ich verspreche es!" Nuschelte Lan Xichen leise und seine Stimme war durch die Kleider gedämpft.

Bao Tian streichelte über Lan Xichens Kopf und küsste auf sein nasses Haar.
Er spürte Lan Xichens wilden Herzschlag gegen seine Brust und sein rechter Arm streichelte über den kalten und nassen Rücken hin und her.

Für einen Moment blieben sie in dieser innigen Umarmung stehen, bis plötzlich aus Unachtsamkeit Bao Tians Hand über Lan Xichens nackte Hüfte striff und seine Pobacke berührte.

Lan Xichen zuckte in seinem Arm zusammen, als Bao Tian in diesem Moment wieder einfiel, dass Lan Xichen überhaupt nichts an hatte und mitten in einer kalten Herbstnacht, nass und nackt in seinen Armen ruhte..
„Verzeih." Brummte Bao Tian mit tiefer Stimme.
„Dir muss kalt sein, wir sollten gehen."
Bao Tian griff an Lan Xichens Schultern und als er ihn von sich wegdrückte, trafen sich ihre Blicke.
Bao Tian stutzte, als er in ein krebsrotes Gesicht starrte, welches ganz und gar nicht nach frieren aussah, sondern eher als würde es gleich vor Hitze explodieren.

Lan Xichen blickte beschämt zur Seite und vermied ihren Blickkontakt. Doch es half alles nichts. Die beiden waren sich so nah, dass Bao Tian es gar nicht übersehen konnte.

Bao Tian musste schmunzeln.
„Oh...Oder...vielleicht ist dir auch nicht kalt!" Lachte er belustigt.

Lan Xichen gab ihm einen kräftigen Ruck an die Schulter.
„Sei still." Zischte er peinlich berührt und er versuchte sein Gesicht hinter seiner Hand zu verstecken.

Bao Tian war mehr als zufrieden und vergnügt griff er nach Lan Xichens Robe und legte sie seinem Besitzer über die Schultern.
Er fasste an Lan Xichens langes, nasses Haar und zog es aus dem Kragen heraus und legte es über seine Schultern.
Dabei lehnte er sich dicht an Lan Xichens Ohr und flüsterte leis:
„Kommt mein Herr, bevor in dieser Nacht euer Herz noch wilder schlägt für mich, bringe ich euch lieber schnell wieder zurück."

Lan Xichen zuckte zusammen und seine Augen weiteten sich.
Vor Empörung stand sein Mund leicht offen, doch er konnte nicht mehr zur Verteidigung ansetzen. Denn in diesem Moment griff Bao Tian schon mit einem Arm unter seine Knie und mit dem anderen unter seine Arme.

„Was zum?" Sagte Lan Xichen überrascht.

Doch Bao Tian hob ihn schon an und trug ihn den Berg hinunter.

Lan Xichen strampelte in seinem Arm hin und her, sein Gesicht leuchtete strahlend rot im Dunkeln und aus seinem Mund kamen unzählige Flüche, die aber alle null und nichtig waren, denn die wahren Gefühle dieser Nacht, kannte nur sein wild schlagendes Herz ganz allein.


Jiang Cheng stand in dem Eingang des Gästepavillons und blickte den langen Flur hinunter. Das kalte Wasser aus seinen langen, offenen Haare tropfte aus den Haarspitzen und benässte den Fußboden.
Die Banner des Gusu Lan Clans, die von der Decke hingen, wirkten wie weiße Wolken. die sich von der Dunkelheit der Nacht absetzten.

Gespannt blickte er auf seine Zimmertür und begann auf leisen Füßen den Flur hinunter zu gehen.
Sein Puls stieg langsam an, als er sich der Tür immer weiter näherte.
- Welches grausame Schauspiel wird sich ihm wohl offenbaren, wenn er einen Blick in den Raum warf? Wird Sun Yan noch immer dort am Boden liegen?- In Jiang Chengs Kopf überschlugen sich die Gedanken und als er der Tür näher kam, sah er, dass diese weit offen stand.

Jiang Cheng schluckte schwer, als er nur noch einen Schritt von der offenen Tür entfernt war.
Er atmete einmal tief ein, als er nur mit seinem Kopf um die Ecke des Türrahmens blickte.
Er sah in den Raum, doch dieser war leer.

Jiang Cheng runzelte die Stirn, als er komplett hinter dem Türrahmen hervortrat und einen Schritt in den Raum wagte.
Alles sah so aus wie er es verlassen hatte. Der zerbrochene Raumteiler lag mitten im Raum, Holzsplitter lagen umher, der kleine umgestürzte Tisch, die vielen Äpfel weit verstreut auf dem Fußboden.

Jiang Cheng schloss für einen Moment seine Augen und er zog die Luft angestrengt durch seine Nase, als der Anblick des Ortes des Geschehens die Erinnerungen in ihm wieder hochkommen ließ.

Er trat weiter in den Raum hinein und blieb schließlich in der Mitte stehen. Er sah die rote Blutlache auf dem Fußboden, aber von Sun Yan fehlte jede Spur.
Fast etwas erleichtert seufzte Jiang Cheng einmal auf.
„Was für ein Chaos..." Nuschelte er leise zu sich selbst, als er sich noch einmal im Raum umsah.

Jiang Cheng verschwand wieder für einen kurzen Moment aus dem Raum und kam mit einem hölzernern Eimer, gefüllt mit etwas Wasser wieder.
Er schloss hinter sich die Tür und stellte den Eimer neben der Blutlache ab. Er blickte sich im Raum noch ein paar Mal suchend um, als er nach Zidian ausschau hielt.

In der hintersten Raumecke, kurz vor der Wand funkelte etwas metallisches auf und Jiang Cheng stürzte los und griff danach.
Er hob den kleinen Gegenstand auf und hielt ihn hoch in die Luft und tatsächlich, es handelte sich um Zidian.

Erleichtert seufzte Jiang Cheng auf, als er sich den Ring wieder auf seinen Finger steckte. Behutsam und in Gedanken versunken streichelte er ein paar mal mit seinem Finger über das kalte Metall, als er ihn schließlich zu seinen Lippen führte und einen leichten Kuss darauf platzierte.

Jiang Cheng begann in dem Raum das Chaos zu beseitigen und er stapelte den zerstörten Raumteiler am Rand des Zimmers. Er sammelte die Äpfel alle wieder ein und richtete den kleinen Tisch in der Mitte wieder her.

Als er de Obstschale wieder auf den Tisch gestellt hatte, schweifte sein Blick auf dem Fußboden umher. Er konnte das Messer, welches er Sun Yan in den Oberschenkel gerammt hatte, nirgends finden.
Stattdessen fiel sein Blick auf die Schriftrolle von Madame Mao, welche unter das Fenster gerollt war.

Er drehte sich um und ging auf die Schriftrolle zu. Behutsam hob er sie auf und rollte sie noch einmal auseinander, um einen flüchtigen Blick auf das Portrait zu erhaschen.
Als er es ganz auseinander gerollt hatte, weiteten sich noch einmal seine Augen. Es war wie Magie, die nie ihren Zauber verlor und über Jiang Chengs Lippen flog ein sanftes Lächeln.

Noch einen intensiven Moment betrachete er das Bild und als er genau in das Gesicht der Frau blickte, sah er plötzlich stattdessen vor seinem inneren Auge das Gesicht von Sun Yan.

Jiang Cheng erschrak und zuckte zusammen. Dabei ließ er aus Schock die Schriftrolle fallen und das Bild fiel zu Boden. Erschrocken über sich selbst schüttelte er den Kopf und rieb sich über seine Schläfen.
„Ich werde langsam verrückt..." Nuschelte er zu sich selbst.
„Ich sollte schlafen gehen.."
Er bückte sich und hob die Schriftrolle wieder an und versteckte sie schnell in einer Ritze seines Bettes.

Dann nahm er sich den Wassereimer und wusch das Blut vom Fußboden auf, so gut er konnte.
Doch es war schon engetrocknet und färbte den Fußboden in ein dunkles Rot. Er stellte sich nicht sonderlich geschickt an, aber fürs Erste, war er mit seiner Arbeit zufrieden.

Jiang Cheng seufzte laut auf, als er den Wassereimer wieder zur Seite stellte und auf seine blutverschmierten Hände starrte. Das Blut war verdünnt mit Wasser und war heller als gewöhnlich. Es tropfte von seinen Fingern und befleckte wieder den Fußboden.

Jiang Cheng musste an Sun Yan denken.
-Wo ist er jetzt wohl?-
-Wie geht es ihm?-
-Warum ist das alles nur passiert?-
Als Jiang Cheng seine eigenen Gedanken der Besorgnis bemerkte, schüttelte er hastig den Kopf, so als wolle er diese emotionalen Gedanken los werden.
„Ist mir doch egal!" Zischte er zu sich selbst, als er ruckartig seine Hände an seiner Robe abputzte.
„Was habe ich damit zu tun...Soll er irgendwo draußen jämmerlich verbluten...Das ist es, was er verdient!" Redete er sich selbst ein, als er die Robe grob von seinen Schultern riss und sie auf den Boden fallen ließ.

Mit nackten Füßen stieg er über sie hinweg, in der Hoffnung die quälenden Erinnerungen an Sun Yan abgestriffen zu haben.
Er nahm sich eine frische Robe für die Nacht und kleidete sich wieder ein. Dann legte er sich in sein Bett, schmiss sich auf die Seite und zog die Bettdecke weit über seinen Kopf.
Eine ganze Weile blieb er so liegen, in der Hoffnung schnell einzuschlafen, doch nichts passierte. Er lag hellwach mit weit geöffneten Augen in seinem Bett.

Ihm war kalt und er fühlte sich ganz dünn und ausgemergelt, fast wie eine leere Hülle und ihm fröstelte es ein wenig. Es war das Gefühl des Verrats und bitterer Entteuschung und ein wenig, auch der Einsamkeit.

Jiang Cheng kauerte sich zusammen und legte seine eigenen Arme zur Umarmung um sich herum und zog sich wie eine Schnecke ein.

Er schloss seine Augen als er einmal tief einatmete.
„...Wie konnte er es nur wagen..." Nuschelte er leise und die endlose Dunkelheit dieser Nacht, kam ihm wie eine nie endende Ewigkeit vor.