Chapter 16.11
Wei Wuxian atmete tief ein, seine Brust hob sich an und der frische Sauerstoff flutete seine Lunge.
Er trug einen entspannten und zufriedenen Gesichtsausdruck im Schlaf. Er lag auf seinem Bauch, sein Gesicht zur Seite gedreht und auf seinen Schultern lag eine weiße Decke.
Seine Wimpern zuckten und seine Augenlieder bebten, als er im Traum plötzlich das Gefühl bekam, dass ihn jemand einen harten Tritt in die Seite gab.
Wei Wuxian brummte auf, als er erneut einen harten Ruck gegen die Seite bekam.
„Was...?" Nuschelte er noch total verschlafen und mit gedämpfter Stimme.
Seine schwarzen Haare standen wirr in alle Himmelsrichtungen ab und als er den Kopf anhob, spürte er ein Stechen und Zerren in seinem steifen Nacken.
Als er den Blick zur Seite richtete erblickte er plötzlich ein Gesicht. Doch dieses schien alles andere als erfreut über seinen Anblick zu sein.
Es war Sun Yan, der sich mit seinem Rücken ängstlich an das Kopfteil des Bettes presste und seine Beine schützend angezogen hatte. Mit großen Augen und einem verstörten Gesichtsausdruck blickte er Wei Wuxian fassungslos an.
Wei Wuxian zog die Stirn graus als er ein paar mal blinzelte.
„Ahh...! Du bist es! Guten Morgen..." Gähnte er, als er sich wieder an die vergangene Nacht erinnerte und sich am Hinterkopf kratzte.
Doch Sun Yan schien mit jeder weiteren Sekunde immer mehr das Grauen im Gesicht zu stehen. Er krallte sich mit den Fingern in die helle Bettdecke. Seine Stimme war verstört und atemlos.
„Du...! Was...ma...ma...machst du in meinem Bett?" Stotterte er.
„Hä?" Fragte Wei Wuxian irritiert und noch sichtlich müde, als er schon wieder einen herben Tritt von Sun Yan kassierte und dieser ihn aus dem Bett stieß.
Mit einem lauten Rumms landete Wei Wuxian rückwärts auf dem harten Fußboden. Seine Füße streckten sich noch nach oben, als er sich Wimmernd den Rücken streichelte.
„Autsch" Stöhnte er auf.
Langsam richtete Wei Wuxian sich wieder auf und kletterte mit dem Oberkörper wieder auf das Bett.
„Was fällt dir ein?" Mäckerte Wei Wuxian sichtlich verärgert.
Doch Sun Yan presste sich noch stärker mit seinem Rücken an das Kopfteil und streckte seinen linken Arm schützend nach vorne aus.
„Komm mir nicht näher, bl...bl...bleib wo du bist." Stotterte er.
Wei Wuxian zog eine Augenbraue nach oben.
„Was ist los mit dir? Geht man so etwa mit seinem Retter um?" Wei Wuxian setzte sich auf das Bett und klopfte ächzend seinen Rücken und seine Schultern ab.
Sun Yan verstand nicht und schaute ihn ungläubig mit großen Augen an.
„Wie...?" Fragte Sun Yan leise.
Wei Wuxian räusperte sich.
„Wie, wie? Und abgesehen davon, was heißt hier überhaupt DEIN Bett?
Du liegst mit deinem Hintern in MEINEM Bett!" Wei Wuxian zeigte vorwurfsvoll mit seinem Zeigefinger auf Sun Yan.
In diesem Moment hörten sie beide eine tiefe Stimme von hinten.
„Du meinst MEIN Bett!"
Wei Wuxian drehte sich ruckartig um, als sie beide plötzlich Lan Wangji im Türrahmen entdeckten, der gerade dabei war mit einem Tablett den Raum zu betreten.
Wei Wuxian zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Lan Wangji und warf dabei Sun Yan einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Genau, SEIN Bett. Noch schlimmer!"
Lachte er vergnügt.
Sun Yan starrte sprachlos zu Lan Wangji herüber, als ihm bei Wei Wuxians Worten ein kalter Schauer über den Rücken lief.
Unsicher blickte er sich im Raum um und in der Tat, er hatte keinerlei Ahnung in welchem Raum er war, in wessen Bett er lag und wessen Kleider er trug.
Lan Wangji stellte das Tablett auf dem Tisch ab und Wei Wuxian beäugte gierig das Frühstück, welches darauf angerichtete war.
Langsam schlenderte er zu Lan Wangji herüber.
„HanGuang-Jun...Kannst du es dir vorstellen? Nach allem was ich für ihn getan habe, hat er mich aus dem Bett getreten..."'Jammerte Wei Wuxian in einer dramatisch verstellten Stimme. Dabei tänzelte er um Lan Wangji herum und strich mit seiner Hand ablenkend über Lan Wangjis Schulter, während seine andere Hand sich heimlich nach dem Tablett ausstreckte.
Lan Wangji verzog keine Miene, doch mit einer schnellen Handbewegung klatschte er auf Wei Wuxians langen Finger.
„Das ist nicht für dich." Sagte er trocken.
Wei Wuxian stutzte und blickte Lan Wangji zu Tode beleidigt an, als er seine Hand zurückzog.
„Wie kaltherzig von dir.." Sagte Wei Wuxian schmollend.
Doch Lan Wangji seufzte nur auf.
„Du hast zwei gesunde Beine, du kannst selber pünktlich aufstehen und zum Essen erscheinen."
Wei Wuxians Augen wurden noch größer und fassungslos stand sein Mund offen.
„Wie grausam du bist, nur weil ein anderer Mann jetzt in deinem Bett liegt...Vorher hast du mir immer Essen geholt!" Jammerte Wei Wuxian, während er sein Gesicht zur Seite drehte und sich benahm als hätte er seinen Partner auf frischer Tat ertappt.
Lan Wangji seufzte erneut auf, als er begann die Deckel von den kleinen Schalen herunter zu nehmen. Der angenehme Geruch von Reis stieg in die Luft und Wei Wuxians Magen begann zu knurren.
Mit funkelnden Augen blickte er zu den anderen Schalen herüber und als er einen schnellen Blick in die eine hinein wagte, rümpfte er ruckartig seine Nase.
Der bittere und herbe Geruch von Kräutern lag in der Luft und der Inhalt der Schale sah nicht besonders einladend aus.
-Bäh, Gusu Lan Clan Fraß- Dachte sich Wei Wuxian.
Entteuscht verschränkte er seine Arme vor der Brust und hielt wacker seine Schmolllippe aufrecht. Unruhig tippte er mit seinem Zeigefinger auf seinem Arm hin und her.
Mit leiser und gedämpfter Stimme sagte er provozierend:
„Und ich dachte du lieb..."
Doch er kam nicht mehr dazu seinen Satz zu Ende auszusprechen, als Lan Wangji plötzlich den Deckel der dritten Schale anhob und der erfrischende Geruch von scharfem Gewürz in Wei Wuxians Nase stieg.
Wei Wuxians Augen weiteten sich, als seine Augen die rote Farbe des scharfen Gewürzes in der Schale sahen. Schlagartig lief ihm das Wasser im Mund zusammen und seine Augen begannen zu funkeln.
Wie ein kleines Kind polterte er plötzlich zum Tisch und stützte sein Kinn in seiner Hand auf. Mit einem aufreizenden Blick linste er unter seinen dunklen Haaren, die ihm im Gesicht hingen, hervor und lächelte verschmitzt Lan Wangji zu.
„HanGuang-Jun...Ich wusste doch, dass du nicht anders kannst."
Er streckte seine linke Hand aus und berührte Lan Wangjis Handgelenk. Langsam tauchten seine Fingerspitzen unter dem weißen Ärmel ab und er ließ seine Hand ein Stückchen Lan Wangjis Unterarm hinauf gleiten. Er streichelte über sein rotes Haarband, welches sich noch immer um Lan Wangjis Handgelenk befand.
„Du bist gut. Du bist der Beste. Du weißt genau was ich mag." Sagte er mit einem zweideutigen Unterton und grinste ihn breit an.
Lan Wangjis Mundwinkel zuckten leicht, doch sein Gesicht hielt seine kühle Miene aufrecht.
„Beim Essen wird nicht gesprochen. Iss jetzt."
Wei Wuxian lachte leise, als hätte er geahnt, das dieser Satz kommen würde.
„Sehr wohl." Sagte er schnell, als er die Essstäbchen vom Tablett nahm und begann genüßlich aus der Schale zu essen.
Sun Yans eine Augenbraue begann nervös zu zucken, als er sich das Schauspiel zwischen den beiden mit ansah. Sein Gesicht verzog sich zu einer spektakulären Grimasse und man sah ihm sichtlich an, wie irritiert er noch immer war.
Lan Wangji stand schließlich auf und brachte das Tablett ans Bett zu Sun Yan.
Doch dieser schüttelte mit seinem Kopf.
„Nein Danke, ich habe keinen Hunger."
„Du hast keinen Hunger?" Fragte Wei Wuxian mit vollem Mund, als er sich gerade wieder eine Ladung Reis in den Mund stopfte.
Sun Yan schaute abweisend aus dem Fenster und verzog keine Miene. Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und machte sehr deutlich, dass er in Ruhe gelassen wollte.
Plötzlich stand Wei Wuxian mit seiner Reisschale in der Hand auf. Er zeigte entrüstet mit den Essstäbchen auf Sun Yan, wobei ihm Reis aus der Schale fiel und auf den Boden klatschte.
Schnell würgte er den restlichen Reis in seinem Mund hinunter.
„So nicht mein Junger Freund!" Beschwerte er sich.
„Du solltest uns Dankbar sein für alles was wir bisher getan haben und wenn HanGuang-Jun schon über sich hinausgeht und dir Zuflucht und ein Bett gewährt und dir dann auch noch Essen bring,t dann hab wenigstens so viel Anstand es dankend anzunehmen!"
Leise warf er hinterher: „...Ob es nun schmeckt oder nicht...! Aber das ist eine andere Geschichte..."
Wei Wuxian räusperte sich, während er erneut die Esstäbchen in der Schale versenkte und sich einen weiteren Mund Reis gönnte.
Mit vollem Mund sprach er weiter:" Also setz dich da jetzt vernünftig hin und iss auf. Du bist immer noch Käseweiß im Gesicht, wie soll denn noch was aus dir werden?"
Lan Wangji und Sun Yan warfen beide Wei Wuxian einen kritischen Blick zu.
„Was?" Fragte Wei Wuxian irritiert.
Lan Wangji seufzte.
„Mit vollem Mund spricht man nicht. Entscheide dich, entweder essen oder sprechen."
„Tsss" Zischte Wei Wuxian und mürrisch setzte er sich wieder an den Tisch und stopfte nun noch schneller den Reis in sich hinein.
Sun Yan warf Wei Wuxian einen bemitleidenswerten Blick zu, als Lan Wangji die kleine Schale Reis vom Tablett nahm und sie Sun Yan mit ein paar Essstäbchen hinhielt.
„Iss." Sagte er mit ruhiger Stimme und nickte Sun Yan zu.
Widerwillig nahm er die Schale entgegen. Er blickte unzufrieden in die Schale und begann lustlos mit den Stäbchen in dem Reis herumzustochern.
Wei Wuxian hatte währenddessen den letzten Krümel Reis verschlungen und lautstark setzte er die Schale auf dem kleinen Tisch ab.
„Das war gut! Danke, Lan Zhan" Grinste er zufrieden.
„Aber nun sollten wir uns Gedanken machen wie es weitergeht..." Warf er in den Raum hinein und er blickte fragend zu Lan Wangji.
Doch Lan Wangji gab den fragenden Blick weiter und schaute zu Sun Yan herüber. Dieser zuckte zusammen, als er bemerkte wie ihn beide kritisch ansahen. Doch er sagte kein Wort. Ihm war nicht nach Reden, ihm war nicht nach Lösungen suchen und erst recht nicht, war ihm danach mit Lan Wangji und ausgerechnet mit Wei Wuxian über seine Probleme zu reden. Am liebsten würde er einfach nur hier und jetzt tot umfallen und alle Sorgen wären vorüber. Sein schlechtes Gewissen plagte ihn und sein Geist und seine Seele waren leer und er wusste nicht, wie es weiter gehen sollte.
Nachdem Sun Yan nichts antwortete räusperte sich Wei Wuxian kurz. Lan Wangji blickte zu Wei Wuxian herüber, sichtlich erleichtert darüber, dass offensichtlich Wei Wuxian das Reden in dieser Sache übernahm.
„Wir sollten reden!" Sagte er freundlich aber bestimmend.
Wieder blickten Wei Wuxian und Lan Wangji fragend zu Sun Yan herüber, doch dieser schwieg noch immer.
Er fühlte sich bedrängt und bei dem Gedanken darüber zu sprechen was geschehen war, begannen seine Lippen zu beben und sein Herz zu flattern.
Lan Wangjis Blick schweifte wieder zu Wei Wuxian herüber.
Dieser versuchte es noch einmal.
„Reden hilft." Grinste er Sun Yan überzeugt an.
Wieder wanderten ihre Blicke auf Sun Yan, der nun seinen Blick nach unten gerichtet hatte. Die Schale in seiner Hand begann zu zittern und seine Atmung wurde unruhig. Die Emotionen kamen in ihm hoch und fluteten seinen Körper. Angst und Verzweiflung machte sich breit und er wusste nicht wohin mit sich.
Lan Wangji wollte Wei Wuxian unterstützen und so gab er sich einen Ruck und sagte ruhig aber mit klarem Ton.
„Du kannst nicht ewig hier bleiben. Es wird irgendwann jemand davon erfahren."
Doch plötzlich begann Sun Yan am ganzen Körper zu zittern und eine erste Träne kullerte über seine Wange. Seine Augen wurden glasig und unaufhörlich rollten nun weitere Tränen über seine Wangen und benetzten die weiße Bettdecke. Er begann leise zu Wimmern und zu Schluchzen und Lan Wangji blickte ihn überrascht an.
„Na super!" Sagte Wei Wuxian vorwurfsvoll.
„Lan Zhan sieh nur, wegen dir weint er jetzt. Musstest du ihn so unter Druck setzen?" Wei Wuxian hatte einen nekischen Unterton drauf und er linste zu Lan Wangji vorwurfsvoll herüber.
Lan Wangjis Augen weiteten sich. Er kam einen fast ein wenig unbeholfen vor, als er sich schuldig fühlte, dass wegen seinem gut gemeinten Rat nun jemand neben ihm weinte. Seine Körpersprache wirkte unsicher und Wei Wuxian lachte belustigt in sich hinein, als er sich Lan Wangjis unbeholfenen Gesichtsausdruck tief in sein Gedächtnis einbrannte. Fast ein wenig bemitleidend ging er auf die beiden zu, um Lan Wangji endlich aus der Situation zu erlösen. Er scheuchte Lan Wangji ein wenig zur Seite und schob ihn behutsam an seinen Schultern von dem Bett weg.
„Lass mich mal machen." Sagte Wei Wuxian, während er Lan Wangji Augen zwinkernd noch einmal auf die Schulter klopfte und sich neben Sun Yan auf das Bett setzte.
Sun Yan wischte sich die Tränen aus dem Gesicht wobei er einen leichten Schmerz verspürte, wann immer das salzige Wasser oder seine Hände seine Kratzspuren im Gesicht berührten.
Wei Wuxian schnaufte durch seine Nase.
„Nicht weinen. Weinen löst keine Probleme. Wir helfen dir doch." Sagte Wei Wuxian mit verständnisvollem Ton und er nahm Sun Yan die Schale Reis aus der Hand und reichte sie ersmal an Lan Wangji weiter.
Sun Yan zog die Nase hoch, als seine Tränen endlich aufhörten und er blickte bekümmert und mit einem leeren Blick in den Augen aus dem Fenster. Seine Stimme war dünn und schrill als er endlich den Mund auf machte.
„Es gibt keine Probleme zu lösen. Er wird mich eh umbringen..." Hauchte er zittrig.
Wei Wuxians und Lan Wangjis Augen weiteten sich und sie warfen sich beide einen flüchtigen Blick zu.
„Das glaube ich nicht!" Sagte Wei Wuxian schnell und überzeugend in seinem Ton.
„Moment..." Stockte er plötzlich schnell, während er nachdenklich drein schaute und sich an sein Kinn fasste.
„Von wem genau sprechen wir überhaupt?"
Sun Yan starrte weiterhin aus dem Fenster. Seine Augen waren leicht geschwollen und seine Wangen nass von den Tränen.
„Jiang Cheng...Er wird es niemals vergessen können. Er wird mich umbringen." Sagte er leise und mit gebrochener Stimme.
„Oi!" Sagte Wei Wuxian und seine Augen wurden groß, als er den Namen hörte.
Er schloss seine Augen und strich sich nachdenklich über sein Kinn, als er unüberlegt los plapperte.
„Wenn wir über Jiang Cheng reden, wäre das durchaus eine Option."
Sun Yan drehte seinen Kopf ruckartig zu Wei Wuxian herüber. Als dieser wieder seine Augen öffnete, bemerkte er erst jetzt das Ausmaß von dem was er eben so salopp und unüberlegt von sich gegeben hatte.
Sun Yans Augen- und Mundwinkel kippten wieder nach unten und sein Gesicht verzog sich fürchterlich, als er erneut zu weinen begann. Die dicken Tränen kullerten im Schwall über seine Wangen und tropften in seinen Schoß.
Wei Wuxian wurde ganz steif in seiner Körperhaltung, als ihm bewusst wurde was er damit ausgelöst hatte.
Lan Wangji kippte seinen Kopf zur Seite und starrte Wei Wuxian vorwurfsvoll an.
„Jetzt warst du es aber." Sagte er ruhig.
Wei Wuxian lachte verlegen, während er sich am Hinterkopf kratzte.
„Schon gut, schon gut." Zischte er zu Lan Wangji leise herüber, während er mit seiner Hand abwinkend in der Luft hin und her fuchtelte.
Wei Wuxian rutschte ein Stückchen näher zu Sun Yan herüber und er streckte seine Hand aus und legte sie auf Sun Yans Hand.
„Sun Yan..." Begann er seinen Satz.
Doch dieser erstarrte wie eine Eissäule, als er Wei Wuxians warme Berührung an seiner kalten Hand spürte.
Sofort schlug er Wei Wuxians Hand zur Seite und starrte ihn böse und angewidert an.
„FASS MICH NICHT AN!" Keifte er unter Tränen.
Es klatschte laut, als Wei Wuxians Hand zur Seite geschlagen wurde.
Wei Wuxian starrte ihn erschrocken an, als ihre Blicke sich trafen.
Wie aus Reflex machte Wei Wuxian plötzlich einen Satz nach vorne. Er packte mit seiner linken Hand an Sun Yans Kehle und drückte ihn kraftvoll nach hinten auf das Bett.
Ihre Haare wehten durch den Windzug nach oben und Wei Wuxian sprang mit beiden Knien auf das Bett und lehnte sich über ihn. Dieser riss die Augen vor Schock weit auf und packte mit beiden Händen an Wei Wuxians Handgelenk um den starken Griff etwas zu lösen..
Lan Wangji zuckte zusammen, doch er blieb ruhig daneben stehen und entschied sich ersteinmal abzuwarten was Wei Wuxian genau vor hatte.
„JETZT IST ABER SCHLUSS, Sun Yan!" Donnerte Wei Wuxian los und sein Gesichtsausdruck ließ Sun Yan einen Schauer über den Rücken laufen.
„Jetzt reiß dich mal ein bisschen zusammen! Es gibt viele Probleme denen man im Leben gegenüber steht und nur für wenige gibt es tatsächlich keine Lösung!
Ich war es, der dich gefunden hat und dich hierher gebracht hat. Und Lan Zhan und ich haben uns aller größte Mühe gegeben deine Wunden zu versorgen und dich ersteinmal hier zu verstecken!
Ich bin nicht blind und auch wenn du uns nicht bis ins kleinste Detail erzählen magst was passiert ist, so reicht es doch aus um zu erahnen was vorgefallen ist."
Sun Yans Augen wurden immer größer und ein Zucken lief durch seinen Körper. Sein Herz setzte für einen Schlag aus und Ehrfurcht und Respekt überkam ihn wie eine Welle und flutete seinen Körper.
„Ich..." stotterte er leise los.
Wei Wuxian schüttelte den Kopf während seiner Ansprache und unterbrach ihn.
„Also hör auf dich wie ein kleines Kind zu benehmen. Du bist schließlich schon..." In diesem Moment fiel Wei Wuxian ein, dass er gar nicht so genau wusste, wie alt Sun Yan nun wirklich war.
Plötzlich lehnte sich von hinten jemand etwas näher heran und warf mit ruhiger Stimme ein: „22!"
„Richtig!" Sagte Wei Wuxian laut.
„22!" Nachdem er es automatisch nachgesprochen hatte drehte er sich plötzlich ruckartig um und schaute Lan Wangji irritiert an.
- Woher wusste Lan Zhan wie alt er war? - Fragte sich Wei Wuxian und sein Gesichtausdruck verrriet offensichtlich was er dachte, ohne das er es aussprechen musste.
Lan Wangji zuckte nur mit den Schultern.
Wei Wuxian wendete seinen Blick wieder zu Sun Yan und es ging weiter im Text.
„In deinem Alter solltest du gelernt haben wie man sich benimmt. Lan Wangji und ich haben weder deinen Spott noch deine Undankbarkeit verdient. Nach außenhin gibst du dich selbstbewusst und unantastbar aber innendrinnen bist du butterweich und verletzbar. Man merkt das du Jahrelang an Jiang Chengs Seite warst. Ihr beiden seid euch VERDAMMT noch mal ähnlich, ihr gebt eine super Kombi ab. Beide stur wie ein Esel!"
Schnaufte Wei Wuxian aufgebracht durch seine Nase, als er noch kopfschüttelnd hinterher hängte: „Und eine Heulsuse seid ihr beiden oben drein auch noch."
Lan Wangji nickte einvernehhmlich im Hintergrund.
Nachdem sich Wei Wuxian etwas Luft gemacht hatte und der erste Ärger raus war, beruhigte er sich auch schnell wieder. Sein fester Griff um Sun Yans Hals löste sich ein wenig und Wei Wuxians Gesichtsausdruck wurde wieder sanft und fröhlich.
„Also Kopf hoch, junger Mann. Auch Jiang Cheng ist nur ein Mensch. Ich denke nicht, dass er all die Jahre euer Verbundenheit nur wegen einem kleinen...oder eher größerem Ausrutscher wegschmeißt."
Wei Wuxian grinste Sun Yan breit an.
„Also jetzt keine Widerreden mehr. Sag jetzt schön Danke zu uns, iss deine Schale Reis auf und danach verbinden wir deine Wunden neu. Und wegen Jiang Cheng mach dir mal keine Sorgen. Du wirst schon heile aus der Nummer wieder herauskommen...Nagut...Vielleicht 1 oder sagen wir besser 2 gebrochene Beine aber du wirst es schon überleben...denke ich zumindestens." Wei Wuxian lachte vergnügt, als er von Sun Yan wieder herunter kletterte und sich auf die Bettkannte setzte.
Dieser lag noch immer mit aufgerissenen Augen auf dem Bett und starrte Wei Wuxian sprachlos ins Gesicht.
Er war so überrumpelt und noch so durcheinander, dass er tatsächlich keinerlei Widerworte mehr gab.
Vorsichtig richtete er sich wieder auf, als er sich räusperte und kurz mit der Hand über seinen Hals strich. Er schluckte einmal schwer.
Lan Wangji reichte Wei Wuxian erneut die Schale mit dem Reis und Wei Wuxian streckte sie gleich Sun Yan wieder entgegen.
Mit einem breiten und herzerwärmenden Lächeln lachte er ihn an.
„Einen Krieg hat noch niemand mit leerem Magen gewonnen!"
Sun Yan blickte die beiden an. Er wusste nicht wieso, aber irgendwie spürte er eine starke Verbundenheit zu den zwei Männern vor ihm. Sie hätten unterschiedlicher nicht sein können, aber jeder von ihnen hatte etwas liebenswürdiges an sich und er fühlte sich zum ersten mal in seinem Leben geborgen und ermutigt. Noch bis vor wenigen Minuten war Wei Wuxian eine Person für ihn gewesen, die er aus tiefstem Herzen verabscheute und viele Jahre trug er einen tiefsitzenden Zorn in sich. Doch jetzt in diesem Moment, wo sie sich so nah waren, bekam Sun Yan das Gefühl, dass eben dieser Wei Wuxian, wie er nun in Fleisch und Blut vor ihm stand, all seinen Zorn womöglich gar nicht verdient hatte und er keineswegs ein grausamer und gefürchteter Yiling Patriarch war.
Vorsichtig streckte Sun Yan seine Hände aus und nahm die Schale Reis entgegen. Noch etwas schüchtern blickte er nach unten, als ein leises und zaghaftes „Danke" über seine Lippen kam.
Wei Wuxians Augen weiteten sich.
„Hast du das gehört, Lan Zhan? Er hat Danke gesagt. Aus unserem Jungen hier wird doch noch was!" Lachte Wei Wuxian vergnügt, als Lan Wangji mit seiner flachen Hand über Wei Wuxians Kopf streichelte.
Sun Yan blickte die beiden skeptisch über den Rand seiner Reisschale an. Die Verbundenheit und körperliche Nähe zwischen Wei Wuxian und Lan Wangji gab ihm zu Denken.
Kommentarlos leerte er die Schale, als Wei Wuxian aufstand und vom Tisch noch die zweite Schale holte.
Mit voller Schadenfreue streckte er Sun Yan die zweite Schale mit den grünen Kräutern entgegen.
„Und diese hier noch als nächste."
Der bittere Geruch aus der Schale zog in Sun Yans Nase und er rümpfte sie angeekelt, während sich seine Lippen kraus zogen.
„Es ist gesund." Kommentierte Lan Wangji seinen unzufriedenen Gesichtsausdruck, als Wei Wuxian sich wieder auf die Bettkannte setze und ihm die Schale noch weiter entgegenstreckte.
Mit einem breiten Grinsen wiederholte er noch einmal Lan Wangjis Worte und stopfte die Essstäbchen aufrecht in die Schale.
„Gesund...! Lecker, lecker!"
Sun Yan schaute skeptisch in die Schale und er schluckte schwer, als der herbe Geruch noch einmal seine Lunge flutete.
"Ihr glaubt doch nicht echt, dass ich das jetzt esse..." Sagte er leise.
Doch als er sah wie Wei Wuxian und Lan Wangji ihn erwartungsvoll anblickten und Wei Wuxians Ansprache noch einmal in seinem Ohr wiederhallte, griff er kurz entschlossen nach der Schale.
„Gesund...ja!?" Sagte er nicht ganz von sich selbst überzeugt, als er begann sich die herben Kräuter in den Mund zu stopfen.
Wei Wuxians Gesicht verzog sich zu einer angeekelten Grimasse, als er vollkommen erstaunt darüber war, dass Sun Yan tatsächlich die gesamte Schale leerte. Und das ohne zu würgen.
„Wow, jetzt hast du meine Anerkennung!" Sagte Wei Wuxian verblüfft.
Sun Yan würgte den letzten Rest hinunter und er schluckte schwer, während er sich ein paar Mal auf die Brust klopfte, damit es besser hinunter rutschte.
Ein „Bähh!" kam am einmal aus seinem Mund, was er sich nicht verkneifen konnte.
„Schmeckt noch grässlicher als es aussieht!"
Wei Wuxian lachte, als er Sun Yan die Schale wieder abnahm und sie gleich weiter an Lan Wangji reichte.
„Ja, die Küche des Gusu Lan Clans ist schon eine erstaunliche Sache.
Aber da du nun endlich was gegessen hast, verbinden wir jetzt deine Wunden einmal neu. Lass mich mal sehen!"
Wei Wuxian lehnte sich nach vorne und packte mit seiner rechten Hand an den Rand der Bettdecke um sie wegzuziehen.
Sun Yan zuckte zusammen und er hielt sofort mit beiden Händen dagegen. Etwas überrumpelt und mit leicht nervösem Blick sagte er schnell:
„Stop, nicht!"
„Hm?" Wei Wuxian stutzte, während er eine Augenbraue nach oben zog.
„Nicht so schüchtern, nicht so schüchtern. Dort gibt es nichts, was wir nicht gestern schon gesehen hätten. Also hinlegen und lass mich mal machen."
Wei Wuxian griff geschickt mit seiner linken Hand unter die Bettdecke und fasste an Sun Yans linken Fuß. Mit einem kräftigen Ruck zog er daran und Sun Yan fiel nach hinten auf den Rücken und wurde ein Stück übers Bett gezogen, näher an Wei Wuxian heran.
„Ah!" Ein leiser Ausruf des Schocks kam über seine Lippen, als im selben Moment Wei Wuxian mit seiner rechten Hand die Bettdecke von ihm herunter riss. Sun Yans hastiger Griff nach der schützenden Decke ging ins Leere.
Lan Wangji drehte sich um und holte gerade einen grünen Kräutersud aus dem Regal und frischen, weißen Stoff zum verbinden.
Als er sich umdrehte, sah er wie Wei Wuxian schon beherzt nach Sun Yans breiten Gürtel in seiner Taille griff.
Die Augen von Sun Yan und Lan Wangji weiteten sich gleichzeitig und ein einvernehmliches: „Stop!" kam über ihre Lippen.
Alle drei stockten in ihrer Bewegung und sahen sich ratlos an.
Wei Wuxian zuckte fragend mit den Schultern.
„Was ist los mit euch?" Fragte er sichtlich irritiert, als er den Kopf hin- und herschüttelte.
Unbehelligt griff erneut an Sun Yans Gürtel, als er plötzlich eine kräftige Hand auf seiner Schulter spürte. Sun Yan und Wei Wuxian blickten beide zu Lan Wangji, der seine Hand fest auf Wei Wuxians Schulter presste. Seine Fingerspitzen gruben sich leicht in den Stoff und obwohl sein Gesicht keinerlei regung zeigte, spürte man doch eine gewisse Art der Schwingung die von ihm ausging.
Langsam öffneten sich Lan Wangjis Lippen und ein trockenes: „Lass mich das machen." Kam über seine Lippen.
Wei Wuxian zog interessiert eine Augenbraue nach oben, während Sun Yan begann unsicher den Kopf verneinend zu schütteln.
Wei Wuxian lachte leise.
„Du willst es lieber machen? Willst du es machen weil DU es machen willst oder willst du nur nicht das ICH es mache?" Fragte Wei Wuxian heimtückisch.
Lan Wangji schluckte schwer, als seine linke Augenbraue zu zucken begann.
In diesem Moment warf Sun Yan schnell ein:" Es muss niemand von euch machen. Ich kann das selber!"
Wei Wuxian und Lan Wangji blickten zu ihm herüber.
„Grandios!" Sagte Wei Wuxian schnell und er verschränkte seine Arme vor seiner Brust.
„Gut für dich Lan Zhan! Er zieht sich selber aus!" Sagte er näckisch, während er einen anspielenden Blick über seine Schulter nach hinten warf.
„Also dann der Herr, bitte einmal unten rum frei machen!"
Sun Yan lief ein kurzer Schauer über den Rücken. Obwohl sie nur Männer in dem Raum waren, kam er sich jetzt trotzdem etwas seltsam vor, wie die beiden ihn anstarrten und erwarteten, das er sich genau hier vor Ort und stelle vor ihnen auszog.
„Na los, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!" Sagte Wei Wuxian, während er ungeduldig mit seinem Zeigefinger auf seinem Arm hin- und hertippte.
Sun Yan schluckte, als seine Hände sich langsam zu seinem Gürtel ausstreckten. Schon fast zittrig versuchten seine Finger ungeschickt den Knoten zu lösen.
Wei Wuxian wurde immer ungeduldiger und diese seltsame Atmosphäre, welche sich gerade im Raum ausbreitet und einem das Gefühl gab, dass man gerade im Begriff war etwas sehr unanständiges zu verlangen, kratzte an seiner Beharrlichkeit.
Wei Wuxians Mundwinkel begann zu zucken, sein Finger tippte nervöser auf und ab, Sun Yans Hände bekamen den Knoten nicht auf und dann ganz plötzlich riss der Geduldsfaden.
„Ohhhh" Stöhnte Wei Wuxian auf und er griff mit beiden Händen an Sun Yans Gürtel, öffnete den Knoten und riss den Gürtel hinunter.
"Ah!" Sun Yan quikte leise auf und Lan Wangji zog angestrengt die Luft durch seine Nase, während seine Hände sich zu angestrengten Fäusten ballten.
Wei Wuxian legte den Gürtel zur Seite und klappte die eine Seite der Robe auf, damit sie einen guten Blick auf seinen Oberschenkel hatten.
Sun Yan trug nichts unter der Robe drunter und der dünne Stoff bedeckte gerade noch so seinen Schritt.
„Na endlich!" Sagte Wei Wuxian die Anspannung unterbrechend und er begann langsam den Verband an Sun Yans Oberschenkel abzuwickeln.
Der Verband war schon in ein tiefes Rot eingefärbt und die Wunde war noch immer frisch.
Sun Yans Blick wurde ganz bekümmert, als Wei Wuxian die Wunde frei gelegt hatte und sein Blick auf die genähte Einstichwunde fiel.
„Sieht schlimmer aus, als es ist." Sagte Wei Wuxian, der Sun Yans besorgten Geischtausdruck bemerkte. Er tupfte die Wund ab, während er sich von Lan Wangji den Kräutersud reichen ließ.
„Die Wunde ist zwar tief aber Jiang Cheng hat die Beinschlagader verfehlt. Gut für dich!" Grinste Wei Wuxian Sun Yan an, während er mit seiner Hand ein paar mal auf sein Knie klatschte.
„Hmm" Nickte Sun Yan, als er mit trauriger Miene seinen Blick zur Seite aus dem Fenster richtete. Er biss sich auf seine Backenzähne, als Wei Wuxian die Wunde mehrfach berührte und ein stechender Schmerz durch seinen Körper schoss.
Lan Wangji legte den alten Verband zur Seite und assistierte Wei Wuxian Schritt für Schritt. Sie reinigten die Wunde, strichen neuen Kräutersud auf die Wunde und verbanden sie wieder mit frischem Stoff.
„So fertig!" Sagte Wei Wuxian seine eigene Arbeit mit stolz betrachtend.
Plötzlich griff Lan Wangji an Wei Wuxian zügig vorbei, so als hätte er nur darauf gewartet und er legte schnell wieder die Robe über Sun Yans Bein. Er faltete den Stoff ordentlich wieder übereinander und band den Gürtel wieder ordnungsgemäß zusammen.
Wei Wuxian lachte leise, während er jede von Lan Wangjis Bewegungen genau beobachtete. Er schüttelte leicht den Kopf hin und her. „Ach Lan Zhan. Es ist nicht so als könntestdu es ungeschehen machen, nur weil du ihn schnell wieder zudeckst. Ich habe schließlich alles schon gesehen und ihn sogar angefasst. Oder möchtest du zur Sicherheit noch meine Hände und Augen reinigen, nur um sicher zu gehen?"
Lan Wangji stockte plötzlich in seiner Bewegung, als er scheinbar für einen Moment nachdachte. Dann bewegten sich nur seine Augen und ein eiskalter Blick fiel auf Wei Wuxian.
Wei Wuxian beschlich plötzlich ein ungutes Gefühl und er war sich auf einmal nicht mehr so sicher, ob sein Witz eine gute Idee gewesen war.
„Lan Zhan, das war ein Witz. Wenn du mich so ansiehst, bekomme ich noch wahrlich Angst vor dir."
Lan Wangji starrte Wei Wuxian mit seiner typischen unberührten Miene an. Doch dann, ganz sachte, war Wei Wuxian der Meinung ein leichtes Lächeln über seine Lippen Blitzen zu sehen. Er war sich nur nicht sicher, welche Absicht dahinter steckte.
Wei Wuxians Füße wurden schlagartig kalt und sein Herz schlug kräftig in seiner Brust, als ihn ihm wahrlich eine Art der Furcht aufstieg. Lan Wangjis Gesichtsausdruck war furchteinflößend und Wei Wuxian wollte lieber nicht wissen, was gerade in diesem Kopf vor sich ging.
„Nun gut, anderes Thema!" Sagte Wei Wuxian schnell, als er sich einmal kurz schüttelte.
„Wir müssen dein Gesicht noch versorgen. Sun Yan?"
Doch Sun Yan reagierte nicht. Wie in einer Trance lag er auf dem Rücken und blickte noch immer sprachlos aus dem Fenster. Seine Augen sahen traurig aus und sein Blick wirkte leer. Er schien in Gedanken versunken und er hatte Wei Wuxian gar nicht wahrgenommen.
Wei Wuxian rutschte auf der Bettkannte ein Stück weiter nach oben und stupste mit seinem Zeigefinger Sun Yans Nase an.
„Hallo, noch jemand da?"
Sun Yan zuckte zusammen und blinzelte Wei Wuxian ein paar mal an.
„Tschuldigung, ich habe gerade nicht zugehört."
„Dein Gesicht!" Sagte Wei Wuxian, während er erneut mit dem Abstreichlöffel in dem Kräutersud hin- und herrührte.
Sun Yan streckte seine linke Hand aus und berührte sich selbst im Gesicht. Vorsichtig tasteten seine schlanken Finger über die kaputte Haut.
„Alles gut, darum musst du dich nicht kümmern." Sagte er abweisend.
Doch Wei Wei Wuxian ließ sich nicht abschütteln und er nahm seine Krankenpflege sehr genau.
„Keine Widerrede. Oder möchtest du etwa für immer und ewig 3 rote Striemen im Gesicht haben? Es wäre schade drum, wenn so ein hübsches Gesicht derart entstellt würde."
Im Hintergrund hörten sie plötzlich einen Rumms und sahen im Augenwinkel wie Lan Wangji mit seinem Fuß vor den Tisch gelaufen war.
Wei Wuxians Mundwinkel bogen sich amüsiert nach oben, als er ohne sich nach hinten zu drehen, seine Augen kurz schloss und zufrieden weiter in dem Kräutersud hin- und herrührte.
Sun Yan seufzte einmal laut auf, als er seine Haare aus dem Gesicht strich und dann akzeptierend seine Augen schloss.
„So ists brav." Sagte Wei Wuxian ruhig.
Er tauchte seinen Finger in den Kräutersud und fuhr vorsichtig über die Kratzspuren in Sun Yans Gesicht. Einer ging über sein linkes Auge, der andere genau einmal quer über die Nase und der letzte hatte am meisten von der Stirn erwischt.
Sun Yan rümpfte die Nase.
„Das Zeugs stinkt." Sagte er und er verzog dabei sein Gesicht.
„Ich weiß..." Sagte Wei Wuxian ruhig, während er unbehelligt weiter den Kräutersud auftrug.
„Es stinkt, aber es hilft, wie vieles hier in der Cloud Recesses."
Lan Wangji räusperte sich ermahnend im Hintergrund.
„Was?" Sagte Wei Wuxian, während er sich zu Lan Wangji umdrehte.
„Es stimmt doch, oder nicht?! Die Cloud Recesses ist nun mal wie sie ist. Ein Ort der mir manchmal ziemlich stinkt, aber er hat auch eine heilende Wirkung."
Wei Wuxian schmunzelte, während er den letzten Strich mit seinem Finger zog.
Sun Yan öffnete seine Augen und blickte in Wei Wuxians vergnügtes Gesicht. Der Raum erfüllte sich mit einem herben Kräuterduft und er konnte den grünen Sud auf seiner Nase sehen.
Lan Wangji räumte das Tablett auf dem Tisch zusammen und ging langsam richtung Tür.
„Ich gehe jetzt! Bleibt lieber beide hier drinnen. Ich sehe was ich tun kann und komme bald wieder."
Sun Yan kam ruckartig mit seinem Oberkörper in die Aufrichtung.
„Bitte, verratet mich nicht! Und Jiang Cheng...Jiang Cheng..." Seine Stimme wurde mit jedem Wort leiser und unsicherer.
„HanGuang-Jun weiß schon was er tut. Vertrau ihm." Sagte Wei Wuxian, während er Lan Wangji einmal zublinzelte.
„Seinem Onkel wird er bestimmt nichts sagen, vor dem müssen wir uns schon ohne dich in acht nehmen.
Jetzt sind wir sogar schon zwei Vögel im Käfig. Wir lassen Lan Wangji das klären und werden brav hier warten.
Ok?" Wei Wuxian blickte Lan Wangji fragend an.
„Hm." Nickte Lan Wangji bestätigend.
Er hielt in einer Hand das Tablett, während er mit der anderen langsam die Tür aufschob.
Mit einem Knacken schloss sich die Tür wieder hinter ihm und Wei Wuxian und Sun Yan blieben alleine zurück.
Sun Yan wirkte leicht nervös und er drehte den Stoff seines Ärmels zwischen seinen Fingern hin und her.
„Wohin geht er jetzt? HanGuang-Jun meine ich."
„Hmmm...?" Sagte Wei Wuxian nachdenklich.
„Bestimmt zu seinem Bruder!"
Sun Yans Augen weiteten sich.
„Zu Lan Xichen? Dem Sect Leader der Cloud Recesses?"
„Keine Sorge." Beschwichtigte Wei Wuxian ihn schnell.
„Er geht zu ihm, weil er seinen Bruder aufsucht und nicht seinen Sect Leader. Die beiden haben eine starke Verbindung zueinander und da Lan Wangji nicht gerade der gesprächigste ist, wird er seine paar Worte weise wählen. Mach dir also keine Sorgen."
„Hmm" Brummte Sun Yan einwilligend.
Er schaute Wei Wuxian an, der mit einem freundlichen Lächeln auf seinem Lippen auf der Bettkante saß. Sun Yan musterte ihn eindringlich und er fuhr mit seinem Blick jeden Zentimeter von Wei Wuxians Gesicht ab. Sein Blick schwenkte weiter, über seine Haare, seinen hohen gebundenen Zopf und auch über seinen Körper, bis zu seinen Fingerspitzen. Dann blickte er in den Raum und sah sich einmal genauer um. Es brannte eine Frage auf seiner Zunge, die ganze Zeit schon. Jetzt wo die beiden alleine waren, wurde ihn ihm das Verlangen immer größer, sie endlich auszusprechen.
Er räusperte sich kurz und nahm seine geschlossene Faust vor den Mund. Sein Blick wanderte zur Seite und mit leiser Stimme fragte er: „Ähm, Wei Wuxian... Seid ihr...also du und Lan Wangji...seid ihr, seid ihr ein..."
Wei Wuxian stutzte und blickte ihn aufmerksam an.
„Ein was?" Fragte er neugierig.
Sun Yan spürte wie im schlagartig etwas warm im Gesicht wurde. Er räusperte sich erneut.
„Ach nichts, ach nichts. Vergiss es einfach wieder."
Wei Wuxian zuckte mit den Schultern.
„Na gut!" Sagte er gleichgültig und er stand auf und streckte sich.
„Uahhh, hab ich einen Hunger. Ich glaube ich gucke ob ich irgendwo was auftreiben kann!"
„Hä?" Fragte Sun Yan irritiert.
„Aber wir habe doch eben erst gegessen. Außerdem hat HanGuang-Jun gesagt wir sollen hier bleiben."
Wei Wuxian zwinkerte ihm zu.
„Richtig, DU bleibst hier! Für mich ist in dem "hier bleiben" ein ungesehenes Rausschleichen mit inbegriffen. Das zählt bei mir als "hier bleiben". Solange ich Lan Qiren nicht über die Leber laufe oder andersweitig Aufmerksamkeit auf mich ziehe, ist das schon inordnung.
Und was heißt überhaupt, eben erst was gegessen? Das ist schließlich schon wieder eine Weile her."
Wei Wuxian hatte seinen Zeigefinger nach oben in die Luft gestreckt, während er seine ganz eigene Theorie aufstellte. Mit einem verschmitzten Lächeln trippelte er zur Tür.
Vorsichtig öffnete er die Tür und schob sich durch einen Spalt nach draußen. Sein Kopf ragte noch einmal in den Raum hinein als er flüsterte:" Schön hier bleiben, junger Mann, ich bin gleich wieder da!"
Mit einem Knacken schloss sich wieder die Tür und Sun Yan schaute irritiert herüber.
Er schüttelte den Kopf als er laut aufzeufzte.
Doch plötzlich ging mit einem Rappeln die Tür wieder einen Spalt auf und Wei Wuxians Kopf streckte sich erneut herein.
Er grinste Sun Yan über beide Ohren breit an und fügte leise hinzu:
„Und wenn ich schon mal draußen bin, dann schaue ich auch mal nach Jiang Cheng, ok?"
Sun Yans Augen weiteten sich. Natürlich interessierte ihn nichts mehr außer was Jiang Cheng gerade tat.
-Wo war er? Wie ging es ihm? Und vor allem, war er sehr wütend?-
Sun Yan nickte schnell.
Wei Wuxian lachte leise.
„Ich wusste es."
So schnell wie der Kopf in der Tür aufgetaucht war, so schnell verschwand er auch wieder und plötzlich wurde es ganz still in dem eben noch so lebhaften Raum.
Sun Yan war wieder alleine und er blickte sehnsüchtig aus dem Fenster. Mit seiner Hand krallte er sich in den Kragen seiner Robe, als seine Lippen sich langsam öffneten.
„Jiang Cheng...!" Hauchte er leise und er schloss seine Augen, als er plötzlich bemerkte, dass er sich jetzt, wieder so ganz alleine, doch irgendwie ein wenig einsam fühlte und das er die bis eben noch sehr lebhafte Gesellschaft, doch irgendwie sehr genossen hatte.
Jiang Chengs Wimpern begannen zu zittern, seine geschlossenen Augenlieder zuckten. Er erwachte aus seinem Traum und seine Augen öffneten sich einen Spalt. Er blinzelte ein paar mal als die schwache Morgensonne seine Augen blendete.
Er gähnte laut, als er sich auf die andere Seite seines Bettes drehte. Plötzlich begann seine Nase zu kribbeln. Das Kribbeln stieg an, immer intensiver und intensiver. Schnell hielt er sich die Hand vor seinen Mund als sein Körper sich mit einem lauten Nießen entledigte.
Jiang Cheng zog die Nase hoch und nuschelte nachdenklich: „Hmm ob wohl gerade jemand an mich denkt?"
Er rieb mit seinem Zeigefinger ein paar mal unter seiner Nase hin und her, als er schließlich mit seinem Oberkörper in die Aufrichtung kam.
Er hatte eine unruhige Nacht hinter sich und die paar Stunden die er geschlafen hatte, konnte er an drei Fingern abzählen.
Er strich sich sein wirres und zerzaustes Haar aus dem Gesicht, während er danach mit seinen Fingern seine Schläfen massierte.
Er fühlte sich müde und ausgelaugt und sein Kopf fühlte sich schwer wie Blei an.
Sein Blick wanderte durch den Raum. Mitten auf dem Fußboden stand noch immer der Eimer Wasser vom Vorabend und seine Robe, welche er einfach nur von sich abgestriffen hatte, lag noch immer an Ort und Stelle, wo er sie fallen gelassen hatte.
Sein Blick fiel etwas weiter nach links, als er das restliche eingetrocknete Blut auf dem Fußboden sah. Jiang Cheng seufzte laut auf.
Er dachte an Sun Yan und den Vorfall und ob er es nun wollte oder nicht, so beschäftigte ihn die ganze Zeit doch nur eine einzige Frage:
-Wo ist Sun Yan?-
Doch Jiang Cheng, hitzköpfig und stur wie er war, würde er es sich niemals eingestehen, dass er sich dennoch um ihn sorgte und so verbannte er diesen Gedanken ganz weit nach hinten und vergrub ihn tief.
Er stellte seine Füße auf den Fußboden und stand langsam auf. Seine Glieder fühlten sich schwer und kraftlos an. Er ging zu einem Regal und nahm sich ein paar frische Kleider heraus.
Als er Richtung Tür ging blieb er noch einmal neben dem häßlichen Fleck auf dem Fußboden stehen.
Schweigend starrte er eine ganze Weile nach unten.
„...Ich muss zurück nach Lotus Pier..." Nuschelte er plötzlich leise in Gedanken versunken.
„...Ob mit ihm oder ohne ihn..."
Jiang Cheng atmete einmal tief ein. Mit einem leisen Knacken öffnete er die dunkle Tür und verschwand auf den stillen Flur, wo nur die Banner des Gusu Lan Clans leise im Wind mitschwangen.
