Chapter 16.13

Sun Yan öffnete seine Augen. Es war pechschwarz vor seinem Sichtfeld und er konnte nur leichte, schattenhafte Konturen erkennen. Er lag auf dem Rücken und starrte hinauf an die hohe Zimmerdecke.
Neben sich hörte er leises Atmen, die Bettdecke raschelte und er vernahm Wei Wuxians leises Gewimmer im Schlaf, während seine schlanken Füße unruhig hin und herstriffen.

Sun Yan hatte kaum geschlafen. Immer wieder wurde er wach, die Nacht wurde zum Tag und umso länger er schlaflos eingefärcht in der Mitte dieses Bettes lag, umso länger hatte er Zeit über viele Dinge nachzudenken.

Er richtete sich langsam auf und strich seine wirren Haare einmal glatt nach hinten aus seiner Stirn. Er blickte einmal nach links und einmal nach rechts um sicher zu gehen, dass die beiden anderen auch wirklich fest schliefen. Er atmete einmal tief ein und rieb sich über seine Stirn, als es ihm unmöglich erschien, noch einmal wieder einzuschlafen.
Er blickte sich in dem dunklen Jingshi um und entdeckte nicht weit vom Bett entfernt, in einem Ständer an der Wand, sein Schwert.

Behutsam befreite sich Sun Yan aus der Bettdecke und kletterte langsam an das Fußende des Bettes.
Vorsichtig führte er jede seiner Bewegungen aus, bemüht die anderen beiden nicht zu wecken und um auf keinen Fall zu viel Druck auf seinen verletzten Oberschenkel auszuüben.

Seine Zehenspitzen streckten sich und berührten den kalten Fußboden, als er langsam aus dem Bett ausstieg.
Er stand auf beiden Füßen und als er den ersten Schritt nach vorne machte und sein verletztes Bein belastete, spürte er einen stechenden Schmerz in seinem Oberschenkel. Vorsichtig und so geräuschlos wie möglich, humpelte er herüber zu seinem Schwert und nahm es aus der Halterung heraus.

Einen kurzen Moment betrachtete er die Schwertscheide, als er es leise wieder abstellte und an die Wand anlehnte. Er griff in seine Unterrobe und zog ein langes, lialenes Haarband hervor.
Gekonnt kämmte er mit seinen schlanken Finger durch sein zerzaustes Haar und band sich seinen hohen Zopf. Die langen Haare fielen schwungvoll an seinem Rücken hinunter.

Vorsichtig drehte er sich noch einmal zum Bett um, nur um sicher zu gehen, dass ihn auch niemand sah, als er sein Schwert wieder in die Hand nahm und sich bei jedem zweiten Schritt bedacht darauf abstützte. Langsam humpelte er zur Tür, Schritt für Schritt durch den dunklen Raum.
Sein Bein schmerzte, aber es war erträglich für ihn und so setzte er seinen Weg fort und verließ leise den Pavillon.

Draußen war es kalt und ein frischer Wind bließ durch die Cloud Recesses. Regen lag in der Luft und der strahlende Mond wurde von dicken, dunklen Wolken verhängt.

Sun Yan setzte seinen Weg weiter fort und er humpelte über die Veranda, seinem Ziel weiter entgegen.

Er kam nur langsam und schleppend voran und so dauerte es seine Zeit, bis er den großen Pavillon erreicht hatte, indem die Schüler und Cultivators des Gusu Lan Clans ihre Kampfkünste übten.

Der Eingang in den Pavillon war architektonisch beeindruckend und gab einem das Gefühl, plötzlich vor seiner Herrschaftlichkeit zu schrumpfen. Ein großes Holzschild mit seiner Aufschrit thronte über dem Eingang und zwei große Drachenstatuen fanden jeweils links und rechts ihren Platz und ließen einen mit Ehrfurcht das Tor passieren.

Sun Yan humpelte die paar Stufen hinauf und öffnete vorsichtig die große Tür.

Ein starker Windzug bließ in die Halle hinein und er hörte die ersten Regentropfen, welche vom Himmel fielen und die Erde benetzten.
Er trat hinein und schloss hinter sich wieder die große Tür, welche sich mit einem lauten Knacken schloss. In diesem Teil der Cloud Recesses ist er erst einmal gewesen und es war helligter Tag.
Doch jetzt in der Nacht und unter den fahlen Schatten des Mondes, wirkte die Halle noch majestätischer und gebot einem Ehrfurcht und Respekt.

Sun Yan ging leise durch die Halle, weiter nach vorne, wo sich eine leichte Anhöhung befand. Das Einzige was zu hören war, war der Wind, der seichte Regen und das Klappern seines Schwertes, wenn er es bei jedem zweiten Schritt aufsetzte, um sich darauf abzustützen.
Vorne angenommen verneigte er sich respektvoll und er entzündete ein paar Kerzen und Räucherstäbchen.

Die Halle tauchte sich in ein magisches Licht und der Kerzenschein flackerte im Windzug hin und her. Es tanzten Schatten unruhig über die Wände und das Rauschen des Regens wurde langsam kräftiger.

Sun Yan trat in die mitte der Halle und schloss dann seine Augen.

Er hörte nichts, außer das Prasseln des Regens. Die kalte frische Luft zog um seine Nase und verursachte eine leichte Gänsehaut auf seinem Körper.
Er atmete tief ein, als er sein Schwert langsam nach vorne ausstreckte und es dann entschlossen aus seiner Schwertscheide herauszog.

Das blanke Metall gab einen hohen metallischen Ton von sich und die Klinge blitzte im Kerzenschein.
Er legte die Schwertscheide auf den kalten Boden und er betrachtete einen Moment die blanke Klinge, welche sich furchtlos vor seinen Augen in den Raum streckte.

Bedacht schwang er das Schwert an, eine elegante Handbewegung nach rechts. Sein Körper folgte, die Füße setzten sich grazil einem nach den anderen nach. Sein Blick war entschlossen, die grünen Augen stachen aus der Dunkelheit hervor und sein Körper folgte grazil seinen Bewegungen.

In seinem Kopf begann eine Melodie zu spielen. Sie wurde lauter und berührte sein Herz und er begann mit seinem Schwert zu tanzen.

Sun Yan war talentiert in Tanz und Musik und in Yunmeng war er gerne gesehen, wenn er den Schwerttanz aufführte. Es war eine Mischung aus herrschaftlichen Kampfbewegungen, gefolgt von anmutigen und technisch schwierigen Körperdrehungen und voller graziler Selbstbeherrschung. Man wurde dabei mit seinem Schwert eins, der Zuschauer wurde in seinen Bann gezogen und die Menschenmengen blickten still und gespannt auf den Schwertführer, stets neugierig, welche Bewegung als nächstes folgte.

Sun Yan war so in seinem Tanz vertieft, dass er gar nicht bemerkte, dass sich jemand heimlich mit in die Halle geschlichen hatte. Die große Tür öffnete sich einen Spalt und eine dunkle Gestalt huschte geräuschlos herein, auf der Suche nach Zuflucht vor dem plötzlich eingetretenen Niederschlag.

Es war niemand anderes al Jiang Cheng, der draußen ein wenig frische Luft geschnappt hatte und dann von dem plötzlichen Regen überrascht wurde.
Er hatte eine schlaflose Nacht gehabt und da er sich nicht anders zu Helfen wusste, schlenderte er ein wenig durch die Cloud Recesses und genoss die kühle Nachtluft.

Da der Pavillon der nächstgelegenste gewesen war, lenkten ihn seine Schritte schnell unter sein schützendes Dach. Erst als er die Tür einen Spalt öffnete entdeckte er, dass sich schon jemand im inneren der Halle befand. Ungesehen wie ein Schatten schlich er sich schnell herein und versteckte sich hinter einer großen Säule.
Er lehnte den Kopf in den Nacken und lehnte sich mit seinem Rücken an, als ein paar Regentropfen an seinem Gesicht hinunter liefen.

Bedenken, dass er entdeckt werden könnte und eine Abmahnung, selbst als Sect Leader bekäme, da er die Regeln des Gusu Lan Clans gebrochen hatte, hielt er sich gut hinter der Säule versteckt und atmete ruhig und langsam.

Jiang Cheng lauschte genau und neben dem Rauschen des Regens hörte er noch die leisen Schritte, welche sich in schneller aber bedachter Reihenfolge wiederholten.
Jiang Cheng runzelte die Stirn und es packte ihn die Neugier, was diese Person wohl mitten in der Nacht in diesem Pavillon zu schaffen hatte.

Vorsichtig lehnte er sich mit seinem Kopf an der Säule vorbei und erhaschte einen flüchtigen Blick.

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Er sah einen jungen Mann, gekleidet in einer weißen, schlichten Robe. Sein dunkles, langes Haar war gebunden zu einem hohen Zopf und in seiner rechten Hand schwang ein blankes Schwert.

Jiang Cheng staunte, als er erkannte, dass diese Person zu tanzen schien. Gefesselt von dieser anmutigen Gestalt, welche sich im fahlen Kerzenschein elegant hin und her bewegte, konnte er seinen Blick nicht mehr davon lösen und so blieb er still hinter der Säule stehen und verfolgte mit großen, wachen Augen, jede noch so kleine Bewegung.

Der Tanz war anmutig, kühn aber auch verletzlich. Jiang Cheng hatte schon viele Schwerttänze gesehen, doch dieser hier, schien ihm so vertraut und fesselte ihn in seinen Bann.

Sun Yan streckte sein Schwert schwungvoll nach oben, eine elegante Handbewegung folgte, die Füße setzten geschwind nach und er ließ die Klinge schnell durch die Lüfte gleiten. Er schloss seine Augen, genoss den Moment und er vergaß Raum und Zeit und gab sich nur seinen Gefühlen hin. Sein Tanz gewann an Ausdruck, die Bewegungen wurden dramatischer und ausladender.
Sicher führte er sein Schwert an seinem Körper vorbei, seine Robe schwang elegant bei jeder Bewegung mit, seine langen Haare wirbelten durch die Luft.
Es folgte eine rasche Drehung, sein Schwert folgte im tadellos und dann, als er sich genau in Jiang Chengs Richtung bewegte tauchte sein Gesicht sich plötzlich in das fahle Mondlicht.

Jiang Cheng zuckte zusammen und seine Augen weiteten sich, als er in ein hübsches, junges Gesicht blickte, in dem sich zwei ausdrucksstarke, grüne Augen befanden. Er erkannte dieses Gesicht, viele Jahre hatte er es tagtäglich gesehen und als er die Kratzspuren erkannte, welche markant hervorstachen, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Der Schock war kurz, aber intensiv und er spürte ein Kribbeln bis in seine Fingerspitzen, als sein Herz für einen Schlag aussetzte. Er hielt sich die Hand vor seinen Mund und ruckartig zog er seinen Kopf erst wieder zurück, aus Angst, Sun Yan hätte ihn vielleicht gesehen.

Doch Sun Yan war so auf seinen Tanz konzentriert, dass er nicht mitbekam, dass er schon längst nicht mehr alleine war.
Der Regen wurde stärker, das Prasseln auf den Dachpfannen wurde lauter und ebenso wurden seine Bewegungen schneller.

Die gleißende Klinge wirbelte hoch in die Luft, seine Hände bewegten sich grazil und als er das Schwert kraftvoll noch vorne stieß und dabei einen großen Ausfallschritt nach vorne machte, belastete er ausversehen zu stark sein verwundetets Bein.
Ein gleißender Schmerz schoss durch seinen Körper.

„Argh!" Ächzte er auf, als seine Beine nachgaben und er nach vorne auf den Boden stürzte. Mit einem lauten Scheppern fiel sein Schwert zu Boden und er fing sich mit seinen Händen gerade noch ab.
Seine Stirn zog sich kraus, seine Augen waren vor Schmerz fest zusammengekniffen und er zog die Luft zischend durch seine Zähne. Er hielt sich mit der rechten Hand seine Wunde am Bein, während er mit offenem Mund nach Luft schnappte.

Jiang Cheng, aufgeschreckt von dem lauten Scheppern linste hinter der Säule hervor und mit Schrecken erblickte er Sun Yan am Boden. Er schaute auf den Jungen, welcher schmerzerfüllt auf dem Boden kniete und sich sein Bein hielt, während er versuchte den Schmerz zu unterdrücken.

Ein paar mal atmete Sun Yan tief ein, als er kurz darauf wieder sein Schwert zur Hand nahm, sich darauf abstützte und langsam wieder aufrichtete. Er schloss für einen kurzen Moment seine Augen und richtete sich wieder gerade auf.
Er öffnete seine großen, grünen Augen, blickte für einen Moment nach oben unter die Decke des Pavillons und dann setzte er wieder seine Bein nach vorne.

Noch leicht wacklig und mit angestrengtem Gesicht setzte er seinen Tanz fort.

Jiang Chengs Augen wurden immer größer. Sun Yans Tanz war nun noch entschlossener, noch aggressiver aber zeitgleich auch noch emotionaler. Seine Bewegungen waren fließend schnell aber zeitgleich auch ausdrucksstark wie ein Schauspiel.

Doch Sun Yan übernahm sich und als er einen weitern Ausfallschritt nach vorne machte, schoss der selbe gleißende Schmerz wieder durch seinen Körper. Erneut stürzte er zu Boden, das Schwert fiel ihm ein zweites Mal aus der Hand und wieder lag er bemitleidenswert am Boden.

„Ah!" Stöhnte er unter Schmerzen auf, als er vorsichtig seinen Oberschenkel berührte.
Doch wieder gönnte er sich nur eine kurze Pause, als er erneut aufstand und begann seinen Schritten weiter nachzugehen.

Er rappelte sich wieder auf, biss sich auf die Backenzähne und begann gleich mit einer schnellen Umdrehung. Seine Robe flog durch den Windzug ihm nach und als er einen kleinen Sprung wagte und auf seinem Bein landete, brach er erneut zusammen.

Sein Schwert fiel wieder mit einem lauten Scheppern zu Boden.
„Argh!" Sein Schmerzensschrei hallte durch den Pavillon, er war schwach aber herzzerreißend.

Immer und immer wieder stand er auf und immer und immer wieder stürzte er zu Boden. Seine Kräfte verließen ihn, aber sein eiserner Wille war noch immer ungebrochen.
Er fiel immer öfter hin, sein Verband tränkte sich langsam in ein tiefes Rot. Die Wunde hatte sich wieder geöffnet und sein Bein pochte vor Schmerz.
Doch seine zittrige Hand streckte sich immer wieder nach seinem Schwert aus und jedes Mal auf ein Neues kam er wieder auf die Beine und versuchte seinen Tanz fortzuführen.

Jiang Cheng ertrug es irgendwann nicht mehr länger. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Säule, seinen Kopf presste er nach hinten an den glatten Stein. Er schloss seine Augen, als er den peitschenden Regen vor der Tür hörte, welcher von Sun Yans Stürzen und Schreien untermalt wurde.
Er atmete tief ein und seine Augen waren fest zusammengekniffen, als er ein Gefühl von Schuld und Mitleid in seinem Herzen spürte.

In der Ferne hörte man ein leichtes Grummeln. Ein Gewitter zog auf.
Der Regen ging in einen heftigen Niederschlag über und am Himmel war das erste Aufflackern eines Blitzes zu sehen.

Ein letztes Mal stemmte Sun Yan sich auf die Beine. Wackelig und mit zittrigen Knien stützte er sich auf seinem Schwert ab.
Das Blut lief schon an seinem Oberschenkel hinunter und als er einen Schritt nach vorne machtem versagte schließlich sein Körper und er stürzte ungebremst nach vorne auf den harten Fußboden.

Er schlug mit seinem Gesicht ungebremst auf die kalten Steine, sein Schwert stürzte scheppernd neben ihn.
Ein Blitz flackerte auf und es folgte ein lauter Donnerschlag.

Jiang Cheng zuckte zusammen und vorsichtig lehnte er sich an der Säule vorbei und seine Augen suchten die Halle nach Sun Yan ab.
Er fand ihn, ausgestreckt auf der Erde. Seine Augen waren vor Schmerz fest zusammengekniffen, die Finger verkrampften sich. Langsam kauerte er sich zusammen, seine Arme schlung er beschützend um sich. Sein Gesicht war auf den Boden gepresst und dann, fing er leise an zu weinen.

Die Halle wurde von einem hellen Blitz erleuchtet, die kühle und feuchte Luft des Regens blies in den Pavillon und die flackernden Kerzen verstummten auf einmal geräuschlos.
Es wurde dunkel in der Halle und Jiang Cheng spürte ein Stechen in seiner Brust, als er Sun Yans Gewimmer vernahm und auf den geschundenen Jungen am Boden sah.
Seine Hand zuckte und für einen Moment, streckte er sie helfend ein Stück nach vorne aus.

Ein erneuter Blitz flackerte auf und in seinem grellen Licht erkannte Jiang Cheng das viele Blut, welches schon auf dem Boden verschmiert unter Sun Yan einen Spiegel bildete.

Jiang Chengs Mund öffnete sich leicht und als ein Schock durch seinen Körper ging und er gerade sein Versteck aufgeben wollte und hinter der Säule hervorkommen wollte, hörte er plötzlich leise Worte.

Zwischen Sun Yans unerträglich gequältem Geschluchtze und Gewimmer waren zwei Worte klar und deutlich herauszuhören:
„...Jiang...Cheng...
...Jiang Cheng..."
Kam es zittrig und so verzweifelt über seine Lippen.

Jiang Cheng zog ruckartig seine Hand wieder zurück und schnell lehnte er sich wieder mit dem Rücken an die Säule.
Was war das nur für ein Gefühl, welches gerade seinen Körper flutete, seine Adern zogen sich zusammen, sein Puls pochte ihm bis zum Kopf und er bekam das Gefühl, dass sein Herz ihm bis zum Hals schlagen würde.

Jiang Cheng schluckte einmal schwer, als er seine Hand an seine Kehle hielt. Langsam sackte er in sich zusammen und rutschte an der Säule hinunter, bis er auf dem Fußboden zum Sitzen kam.
Er schloss seine Augen und still und schweigend verharrte er so lange in dieser Position, bis Sun Yans erbitterndes Gewimmer irgendwann von alleine verstummte.

Es war schon spät in der Nacht, der Regen ließ langsam nach und das Gewitter zog wieder vorbei. Auf allen vieren krabbelte Jiang Cheng vorsichtig an der Säule vorbei und linste in die Halle.

Sun Yan lag am Boden und rührte sich kein Stück mehr. Das Licht des Mondes spiegelte sich in dem roten Blut und reflektierte seine fahlen Lichtstrahlen.

Jiang Chengs Augen weiteten sich.
Sun Yans Schwert lag mit blanker Klinge nur ein paar Meter neben dem regunslosen Körper und das letzte Plätschern des Regens klang plötzlich in seinen Ohren wie eine tobende Flutwelle.

Vorsichtig und ganz leise richtete sich Jiang Cheng auf und er ging mit bedachten Schritten auf Sun Yan zu.
Mit jedem Schritt den er näher kam, stieg sein Puls an und sein Herz pochte immer lauter in seiner Brust.

Bum Bum Bum

Jiang Cheng öffnete seine Lippen und er zog die kalte und feuchte Luft tief in seine Lunge.
Er hob das blanke Schwert vom Boden auf und verstaute es an seiner Taille.
Erneut bückte er sich und leicht zögernd streckte er seine Hand nach nun Sun Yans Kopf aus.

Als seine Finger fast das schwarze Haar berührten, zuckte er kurz zusammen und seine ausgestreckten Finger rollten sich schnell wieder ein.
Er blickte sich ein paar mal in dem Pavillon um und versicherte sich noch einmal, dass sie beide auch wirklich alleine waren.

Nachdem er sich abgesichert hatte streckte er erneut seine Finger aus und vorsichtig wie der Hauch einer Feder berührte er Sun Yans feuchtes Haar.
Die Haare waren kalt und etwas nass und er ließ seine Hand weiter über Sun Yans blasse Wange gleiten.

Jiang Cheng stutzte, auch das Gesicht des Jungen war kalt und sein Atem war flach und in der Luft als feinen Nebel zu sehen.
Vorsichtig packte Jiang Cheng ihn an den Schultern und drehte ihn behutsam um. Sein Kopf fiel schwer nach hinten und als Jiang Cheng seinen Nacken stützte, blickte er in ein blasses und entkräftetes Gesicht.

Die vielen vergossenen Tränen benetzten noch immer seine Wangen und Jiang Cheng schluckte schwer, als er die drei deutlichen Kratzsspuren in dem Gesicht des Jungen sah.
Vorsichtig streckte er seinen Zeigefinger aus und berührte die zerschorfte Haut.
Es fühlte sich wellig und bucklig an, aber es war deutlich zu erkennen, dass die Wunde gut versorgt wurde und am abheilen war.

Jiang Cheng lehnte seinen Kopf leicht nach unten und horchte mit seinem Ohr an Sun Yans Mund. Sein Atem war flach und schwer und seine Lippen färbten sich schon langsam in ein dunkles Lila.
Jiang Cheng bemerkte erst jetzt, dass Sun Yan viel zu dünn angezogen war und nur seine feine Robe für die Nacht trug. Als sein Blick über den leblosen Körper in seinen Armen wanderte, blieben seine Augen plötzlich auf Sun Yans Oberschenkel stehen.

Die Robe und der Verband hatten sich tief rot gefärbt und Jiang Cheng streckte langsam seine Hand aus und nahm den Stoff der Robe zu Seite.
Der Verband sah akkurat gebunden aus und Jiang Cheng wusste, dass jemand Sun Yans Wunden versorgt haben musste und sich seiner angenommen hatte.

Plötzlich hörte Jiang Cheng ein leises Wimmern, welches über Sun Yans Lippen kam und er zuckte erschrocken zusammen, aus Angst Sun Yan würde jeden Moment seine Augen öffnen.

Doch das tat er nicht. Nur seine Augenlieder zuckten unruhig hin und her und zwischen seinem Gestammel und Gewimmer hörte Jiang Cheng ein paar Worte deutlich heraus:
„...Jiang...Cheng...verzeih...mir..."

Es war wie ein Schlag in seine Brust, als würde jemand einen blanken Dolch durch sein Herz bohren. Eine unbekannte Kälte strömte durch seinen Körper und es kribbelte ihm bis in die Fingerspitzen.
Jiang Cheng trug einen gequälten Gesichtsausdruck, als er seine Augen schloss und sich langsam nach unten lehnte.
Seine Lippen bebten, seine Atmung stockte, als er einen zaghaften Kuss auf Sun Yans Stirn platzierte und leise murmelte:
" Ich bin hier..."

Seine Berührung und sein Kuss waren so zart, als könnte er es nicht ertragen diesem Junge noch einmal Schmerzen zuzufügen.

Sofort hörte Sun Yans Gewimmer auf und seine rechte Hand krallte sich in den Ärmel von Jiang Chengs Robe. Noch einmal atmete Sun Yan tief ein, als Jiang Cheng unter seine Knie und seinen Nacken fasste und den bewusstlosen Jungen anhob.

Der dunkle Wolkenhimmel klärte langsam wieder auf und Jiang Cheng trug behutsam Sun Yan aus dem Pavillon hinaus. Mit glasigem Blick und einem Herzen so schwer wie aus Blei lenkten ihn seine Schritte durch die nachtschwarze Cloud Recesses und ließen ihn zum ersten Mal in seinem Leben über seinen eigenen Schatten springen.