Chapter 18.2
Wei Wuxian schlenderte leichtfüßig durch die Cloud Recesses. Seine Arme hatte er hinter seinem Kopf verschränkt und aus seinem Mundwinkel hing ein langer Grashalm heraus.
Als er um eines der Gebäude schlenderte, entdeckte er plötzlich Lan Wangji, der auf einer der Veranda´s entlangschritt.
Sofort wedelte er mit seiner Hand wild in der Luft umher und rief mehrmals seinen Namen.
„Lan Zhan, Lan Zhan...Warte!"
Lan Wangji drehte sich langsam um und als er Wei Wuxian in seinen Blick fasste kam dieser so gleich freudestrahlend auf ihn zugelaufen.
Wei Wuxian lächelte übers ganze Gesicht und stuppste Lan Wangji am Ärmel an.
„Lan Zhan, wo gehst du hin? Ich habe schon überall nach dir gesucht."
„Zu meinem Bruder, du kannst mitkommen." Sagte Lan Wangji ruhig und er nickte bestätigend, als er seinen Weg fortsetzte.
Sofort machte Wei Wuxian einen kleinen Hüpfer nach vorne und ging neben Lan Wangji her.
„Worum gehts heute, dass du Lan Xichen aufsuchst und ich auch mitkommen darf?" Fragte er neugierig.
„Um eine Night Hunt." Sagte Lan Wangji, als sie gerade um eine Hausecke bogen und auf Lan Xichen's Pavillon zuschritten.
Wei Wuxian's Augen weiteten sich.
„Eine Night Hunt?" Bebte seine Stimme vor Aufregung.
„Lan Zhan du Schlitzohr, warum sagst du das nicht eher? Dann wäre ich von vorneherein mit dir mitgekommen." Grinste Wei Wuxian, während er beim Gehen die ganze Zeit aufmerksamkeitssuchend an Lan Wangji's langem Ärmel zupfte.
Als sie vor der großen Tür des Pavillon's angekommen waren, klopfte Lan Wangji leise an die Tür und kündigte ihre Ankunft an.
Es dauerte nicht lange und Lan Xichen schob schließlich die Tür auf. Ein sanftes Lächeln trug er auf seinen Lippen, als er die beiden Begrüßte und herein bat.
Im Zimmer stand ein kleiner gedeckter Tisch in dessen Ecke auch Bao Tian saß. Sie begrüßten sich alle freundlich und Lan Xichen forderte die beiden auf mit am Tisch platz zu nehmen.
Als Wei Wuxian sich neben Bao Tian in den Lotussitz fallen lies, warf dieser ihm einen nekischen Blick herüber und zog provozierend eine Augenbraue nach oben.
Doch die Stachellei blieb nicht ungesehen und sofort setzte sich Lan Xichen neben Bao Tian und kam dabei ihm so nahe, dass Bao Tian das Gefühl beschlich, unter strenger Kontrolle zu stehen.
Über Wei Wuxian's Gesicht flog ein hämisches Grinsen und als er ein paar mal belustigt seine Augenbrauen nach oben zog, sah er plötzlich im Augenwinkel Lan Wangji's starren und prüfenden Blick auf ihm ruhen.
Vorsichtig drehte Wei Wuxian seinen Kopf seitlich zu Lan Wangji und ertappt und mit einem beschwichtigen Lächeln blickte er ihn entschuldigend an.
Lan Xichen räusperte sich.
„Wangji, warum ich dich hergerufen habe weißt du schon. Aber lasst mich euch die Hintergründe dazu erläutern."
„Hm" Brummte Lan Wangji bestätigend und er nickte seinem Bruder zu.
Lan Xichen fuhr fort.
„Es geht um die offene Night Hunt in Changnan. Der Tai Yan Clan, welcher nah an dem großen Berg in Changnan lebt ist an die einzelnen Clan's herangetreten und hat uns zu einer offenen Night Hunt eingeladen."
Wei Wuxian unterbrach ihn interessiert:
„Lan Xichen, was ist eine offene Night Hunt?" Fragte er neugierig.
Lan Xichen lächelte ihn an, Wei Wuxian's Neugier respektierend.
„Eine offene Night Hunt bedeutet, dass man anreisen kann wann man will und mit wie vielen Cultivator's man möchte. Jeder kann quasi kommen und es gibt keine Regeln zum Ablauf. Was man erlegt und auch die Beute gehört jedem selbst. Es wird danach auch keine große Versammlung oder Banquet geben. Es ist quasi alles sehr offen gehalten."
Lan Wangji runzelte die Stirn.
„Warum lädt der Tai Yan Clan zu solch einer Night Hunt ein? Haben sie es eilig oder gar ein Problem, das sie selbst nicht lösen können?"
Lan Xichen nickte bestätigend.
„In der Tat. Durch den Tai Yan Sect Leader ist mir zu Ohren gekommen, dass sie in den letzten Wochen vermehrt Probleme mit einem Wasserdrachen dort haben. Er scheint die umliegenden Dörfer anzugreifen und da der Berg in Changnan mehrere natürliche Thermalquellen beherbergt von dessem Toursismus die Leute dort Leben, sind sie in ihrer Existenz bedroht."
Bao Tian lachte.
„Auch ohne ihren zerstörten Tourismus sind die Leute dort wahrscheinlich in ihrer Existenz bedroht. Ich glaube nicht, dass der Wasserdrache die Dörfer angreift um mit den Bewohnern dort gemütlich einen Tee zu trinken."
Wei Wuxian strich sich nachdenklich über seine Nase.
„Aber wieso ein Wasserdrache? Diese Wesen sind doch schon uralt, es gibt nur noch wenige und noch nie zuvor habe ich gehört das sie Menschen angreifen. Sind sie nicht eher friedliche, ängstliche Wesen?"
Lan Xichen nickte Wei Wuxian bestätigend zu.
„Hm, in der Tat. Diese Wesen bekommt man äußerst selten zu Gesicht und im Regelfall kommen sie den Dörfern der Menschen nicht zu nahe. Ich denke es wird einen anderen Grund geben, warum dieser Drache plötzlich wider seiner Natur handelt."
Bao Tian lehnte sich plötzlich nach hinten und stützte sich auf seinen Händen auf dem Fußboden ab. Mit einem zufriedenen Lächeln schaute er in die Runde.
„Das klingt nach Spaß. Ich kann es schon kaum abwarten. Wann reisen wir ab?"
Lan Xichen drehte seinen Kopf zu Bao Tian, als er plötzlich ein unheilvolles Lächeln auf die Lippen legte.
„Wir, erstmal gar nicht. Du bleibst bei mir. Ich brauche dich erst noch für was anderes. Diese Aufgabe geht an Wangji und natürlich an Wei Wuxian, wenn er ihn denn begleiten möchte."
Wei Wuxian zuckte sofort auf und hob seine rechte Hand in die Luft.
„Ich will!" Sagte er klar und deutlich mit einem euphorischen Ton in der Stimme.
Bao Tian fiel alles aus dem Gesicht.
„Haaaaaaaa? Das ist nicht fair. Warum können die beiden immer raus auf den Spielplatz und ich muss dich bei irgendwelchen eingestaubten und komplizierten Aufgaben begleiten?" Bao Tian seufzte laut auf, als seine Körperspannung verloren ging und er mürrisch in sich zusammen sackte.
Lan Xichen warf ihm einen empörten Blick zu.
„Was heißt hier bitte eingestaubt? Wenn du dich beschweren willst, da vorne ist die Tür!" Lan Xichen schloss kurz seine Augen und zeigte provokant auf die große Tür.
Lan Wangji und Wei Wuxian machten große Augen über Lan Xichen's klare und neckischen Worte. Die meiste Zeit über waren Lan Xichen's bedachten Worte immer freundlich, friedfertig und zuvorkommend. Aber in Bao Tian's Nähe, blüte Lan Xichen immer von einer ganz anderen Seite auf und vergaß sich schon einmal selbst in den Sticheleien zwischen ihm und seinem Freund.
Bao Tian zog die Augenbrauen kraus.
„Tsss" Schnallste er mit seiner Zunge, als er mürisch aus dem Fenster blickte.
„Ich hab schon verstanden. Ich werde brav hier bleiben und mir später von Wangji und seiner kleinen "Lady" berichten lassen wie aufregend alles war."
Wei Wuxian zuckte zusammen und sein Kopf kippte leicht schräg zur Seite, als er eine seltsame Grimasse zog.
- Kleine Lady?- Dachte er sich als ihn das bedrückende Gefühl beschlich, dass er damit gemeint war.
„Tian!" Sagte Lan Xichen ermahnend.
„Es ist nicht so, dass ich gesagt habe das wir gar nicht hingehen. Aber ERST machen wir etwas anderes. Danach kann ich dich zum spielen dort absetzen." Kam die kleine Stiechelei mit einem ironischen Unterton über seine Lippen.
Bao Tian drückte sich plötzlich vom Boden ab und kippte hastig mit seinem Oberkörper nach vorne.
„Das wollte ich hören!" Lachte er vergnügt, während er ein breites, zufriedenes Grinsen auf dem Gesicht trug.
Wei Wuxian zog derweil eine Augenbraue nach oben und verschränkte seine Arme vor seiner Brust.
„Sieh zu, dass du nicht zu spät kommst! Sonst haben Lan Zhan und ich schon ohne dich das Schachfeld aufgeräumt."
Bao Tian drehte seinen Kopf ruckartig zur Seite.
„Ist das eine Herausforderung?" Fragte er auf die Provokation eingehend und nun wieder völlig in seinem Element des „verbalen Duells" angekommen.
„Schluss jetzt!" Sagte Lan Xichen ruhig aber bestimmend.
„Das hier ist kein Klassenausflug sondern eine ernst zunehmende Sache. Wangji und Wei Wuxian werden zu erst gehen und der Schutz der Dorfbewohner steht an erster Stelle.
Tian und ich werden dann später nachkommen. Ob es dann schon zu spät oder genau richtig ist, werden wir sehen."
Alle nickten schließlich einvernehmlich, während Bao Tian noch ein leises, mürrisches Grummeln von sich gab.
Alle vieren standen auf und verneigten sich freundlich voreinander, als Lan Xichen sich noch einmal seinem Bruder näherte.
„Wangji.." Sagt er mit ruhiger Stimme.
„Passt bitte auf euch auf. Es muss eine Ursache für das außergewöhnliche Verhalten des Wasserdrachen geben. Bitte riskiert nichts und im Zweifelsfalle warte bis ich und Tian mit eingetroffen sind."
Lan Wangji nickt bestätigend.
„Ist gut Bruder!" Sagte er mit tiefer, ruhiger Stimme.
„Wir brechen morgen früh auf!"
„Gut!" Sagte Lan Xichen und er geleitete seinen Bruder und Wei Wuxian noch bis zur Tür, als diese plötzliche Ruckartig auf ging und Lan Qiren mit einem mürrischen Gesicht mitten in der Tür stand.
„Onkel...!" Sagten Lan Wangji und Lan Xichen synchron und verneigte sich sofort respektvoll.
Bao Tian und Wei Wuxian die schon fast ertappt zusammenzuckten setzten etwas zeitverzögert zur Begrüßung an und verneigten sich ebenfalls.
Lan Qiren starrte mürrisch in die Runde, als sein Blick zuletzt auf Wei Wuxian verharrte. Nachdenklich strich er sich über seinen Bart.
„Du lässt ihn mitgehen, Xichen? Mit einem Wasserdachen zu Verhandeln ist kein Unterfangen für Scherereien!" Sagte er schließlich mürrisch.
Sofort legte Lan Xichen ein freundliches Lächeln auf seine Lippen und wendete sich zu seinem Onkel.
„Ich denke, Wangji befindet sich in bester Gesellschaft wenn er ihn begleitet und außerdem, ist es nur schwer sie voneinader zu trennen, selbst wenn ich Wei Wuxian nicht gestattet hätte mitzugehen."
Bao Tian zog im Hintergrund eine Augenbraue nach oben bei der Schlagfertigkeit seines Herren. Wei Wuxian dagegen schaute etwas ertappt in der Gegend herum und Lan Wangji erntete einen langen und prüfenden Blick seines Onkels.
Schließlich atmete Lan Qiren einmal tief ein, als er die Angelegenheit schwermütig beiseite tat.
„Nun gut!" Sagte er schließlich ruhig.
„Xichen, wenn ihr wieder zurück seid, dann müssen wir miteinander sprechen. Ich habe dir etwas wichtiges zu sagen. Das kann aber noch bis zu eurer Rückkehr warten."
„Ist gut, Onkel. Ich werde dich aufsuchen sobald wir wieder zurück sind." Verneigte sich Lan Xichen freundlich vor seinem Onkel, als dieser schließlich mit einem letzten verwarnenden Blick zu Lan Wangji und Wei Wuxian herüber wieder den Rückzug antrat.
Lan Qiren schritt die Stufen der Veranda wieder herunter und verschwand in der Ferne, während die vier ihm noch nachschauten.
Bao Tian verschränkte seine Arme vor seiner Brust und lehnte sich locker an ein Bücherregal.
„Der alte Lan hat aber auch überall seine Augen und Ohren..." Sagte er leise.
Lan Xichen drehte seinen Kopf in seine Richtung und warf ihm einen ermahnenden Blick zu.
„Gut wenn wenigstens einer überall seine Augen und Ohren hat, Tian. Dann muss ich das nicht haben." Kommentiere er Bao Tian's Einwand.
„Und abgesehen davon, wird auch unser Onkel heute dennoch einen Grund zur Freude haben."
„Hm?" Bao Tian horchte auf und auch Lan Wangji und Wei Wuxian schauten Lan Xichen interessiert an.
Lan Xichen lächelte in die Runde als er sagte:
„Wir haben Nachrichten von Madame Mao erhalten. Sie hat für jeden von uns einen Brief dazu gelegt. Ich werde sie euch später vorbei bringen."
Ein allgemeines Staunen ging durch die Runde, wobei sich Bao Tian an die Stirn fasste und unter lautem Seufzem leise zu sich selbst nuschelte:
„Ich habe Angst...Post von dieser Frau bedeutet meistens nichts Gutes..."
Es war der nächste Morgen und nachdem Lan Wangji schon alles für ihre Abreise gepackt hatte wartete er nur noch auf Wei Wuxian, der wie immer, viel zu spät aufgestanden war und noch die Zeit vertrödelte.
Ihre Reise sollte sie nach Changnan führen und auf direktem Weg wollten sie sich der Night Hunt im großen Berg anschließen. Lan Wangji hatte schon früh am Morgen mit Lan Xichen und Bao Tian noch einmal ihr genaues Vorgehen besprochen und nachdem Wei Wuxian sich endlich auch sein Frühstück zu Gemüte geführt hatte, brachen die beide zusammen in ein neues Abenteuer auf.
Wei Wuxian war guter Dinge und besonders gut gelaunt als sie den Weg der Cloud Recesses hinunter schritten. Ein breites Grinsen lag in seinem Gesicht und leichtfüßig Hüpfte er neben Lan Wangji hin und her, während er ihm von allem möglichen unwichtigen Belangen erzählte und dabei den ein oder anderen Witz fallen lies.
Es war schon länger her, dass die beiden so zusammen auf Reisen waren und während Lan Wangji konzentriert den Weg entlang schaute und Wei Wuxian's morgendliche Redelaune wie eine Flut auf ihn einprasselte, konnte er es nicht verleugnen, dass er innerlich ein angenehmes Glücksgefühl verspürte als die beiden gemeinsam ihren Weg fortsetzten.
Seid Wei Wuxian's Wiederkehr waren sie unzertrennbar Seite an Seite gegangen und weder Lan Wangji noch Wei Wuxian schienen etwas daran ändern zu wollen.
Sie waren beide glücklich, solange der andere an ihrer Seite war und gemeinsam könnten sie bis ans Ende der Welt Reisen und alles hinter sich lassen und sie wären immer noch glücklich, nur diese eine Person an ihrer Seite zu haben.
(Wer möchte der kann jetzt auf youtube gehen und das folgende Lied dazu hören: watch?v=4yeTJQa7ZMM) Liu Qin Niang 04:19
Der nächste Morgen, die ersten schwachen Sonnenstrahlen schienen durch die Baumkronen und vereinzelt sangen ein Paar Vögel ihr Lied.
Lan Xichen schritt durch die Cloud Recesses auf der Suche nach einer ganz bestimmten Person, als er plötzlich in der Ferne die leisen Klänge einer Liuqin vernahm.
Lan Xichen lauschte auf und sofort führten ihn seine Schritte weiter, immer der Melodie nach.
Als er sich langsam näherte und die Töne nun lauter und kräftiger wurden, erkannte er schließlich eine Gestalt die auf einem Stein nahe eines kleinen See's hockte. Er kannte diese Silhouette und er kannte diese warmen Klänge.
Es war Bao Tian der in meditierender Stille mit seiner Liuqin etwas musizierte und dabei hinaus auf den See starte.
Es war ein emotionales Lied aber von einem warmen Gefühl begleitet, welches sofort das Herz berührte, wenn man es nur vernahm.
Lan Xichen ging langsam und leisen Fußes auf Bao Tian zu, als er mit geringer Entferung schließlich wieder stehen blieb und noch ein wenig den schönen Klängen lauschte. Er hatte Bao Tian schon lange nicht mehr alleine spielen hören und er schloss seine Augen, als er den zarten Tönen lauschte.
Bao Tian und Lan Xichen hatten so viele Jahre schon gemeinsam Seite an Seite verbracht, dass Lan Xichen nicht lage überlegen musste, um zu erkennen, dass irgendetwas Bao Tian zu bedrücken Schien.
Unsicher darüber ob er nun zu ihm herüber gehen sollte oder nicht, verharrte er noch einen Moment und schaute mit betrübten Blick dem Spieler zu.
Plötzlich verstummte die Melodie und ohne das Bao Tian sich umdrehte erklang plötzlich seine tiefe, vertraute Stimme.
„Huan?"
Lan Xichen zuckte zusammen, als er seinen Namen vernahm. Er starrte auf Bao Tian's kräftigen Rücken als ein leichtes Lächeln über seine Lippen huschte.
„Du wusstest das ich hier bin?" Fragte er mit sanfter Stimme.
„Ich habe es gespürt." Sagte Bao Tian und erst in diesem Moment drehte er langsam den Kopf zur Seite und schaute Lan Xichen an.
Es war ein Blick voller Trauer, voller Sehnsucht und voller Liebe zugleich. Lan Xichen lief ein Schauer durch den Körper, als er in Bao Tian's große dunklen Augen sah und sein Körper erstarrte für einen Moment.
Doch Bao Tian streckte langsam seine recht Hand aus und mit einladender Stimme sagte er:
„Komm...!"
Lan Xichen atmete einmal tief ein, als er sich aus seiner Starre wieder befreite. Mit einem sanften Lächeln ging er auf Bao Tian zu, als dieser ein Stück zur Seite rutschte und ihm Platz machte.
„Setz dich" Sagte Bao Tian und er nickte Lan Xichen einmal bestätigend zu, als er mit seiner Hand symbolisch auf den Stein klopfte.
Lan Xichen schaute auf den grauen Stein, der alles andere als bequem aussah, als er sich schließlich umdrehte, seine Robe noch einmal glatt strich und sich dann neben Bao Tian dazu setzte.
Eine ganze Weile saßen sie Schweigend nebeneinander und nur Bao Tian zupfte ein paar leise Töne auf seiner Liuqin.
Erst als Bao Tian kurz eine Pause einlegte, ergriff er schließlich das Wort.
„Du wolltest etwas von mir?" Fragte er Lan Xichen.
Dieser nickte, doch warf er Bao Tian einen unsicheren Blick zu.
„Ich wolte dir Bescheid geben, dass wir aufbrechen können. Aber jetzt bin ich mir unsicher, ob es der richtige Zeitpunkt ist, weil dich etwas zu bedrücken scheint."
Bao Tian seufzte einmal laut auf, als er dann seinen Kopf zu Lan Xichen drehte und ein gequältes Lächeln über seine Lippen kam.
„Ich kann tun was ich will, aber vor dir kann ich wohl nichts verheimlichen."
Lan Xichen schaute in Bao Tian's große traurige Augen.
„Du musst es mir nicht sagen, wenn du nicht möchtest."
„Das ist es nicht." Sagte Bao Tian ruhig, als er einmal tief einatmete.
„Es sind alte Wunden und eigentlich sollte ich ihnen nicht mehr so viel Bedeutung zukommen lassen." Er lies seine Finger einmal über die Seiten seiner Liuqin streifen und ein paar angenehme Töne erklangen.
„Heute ist ihr Todestag. Meiner Familie. Meiner Frau und meiner Kinder. So viele Jahre sind mittlerweile vergangen und trotzdem wache ich jedes Jahr an diesem Tag mit einem stechen im Herzen morgens auf. Dazu kommt, dass Changnan nicht weit entfernt von meinem alten Dorf ist. Es ist wie eine kleine Reise in die Vergangenheit, die mir etwas schwer fällt." Bao Tian senkte seinen Blick und seine Fingerspitzen zupften ein paar einzelne Seiten an.
Lan Xichen saß schweigend neben ihm, seinen Blick gesenkt. Eigentlich wollte er Bao Tian holen um mit ihm abzureisen, vollkommen unbefangen und mit einem fröhlichen Gemüt wollte er mit ihm losziehen. In seinem Ausschnitt steckte der Brief von Madame Mao, welcher an Bao Tian gerichtete war und er wollte ihn ihm überreichen. Doch jetzt saß er da und wusste nicht wie er reagieren sollte. Es war ein denkbar schlechter Zeitpunkt und vielleicht auch ein schlechter Tag für unbefangene Reisen in die Ferne.
Nach einem kurzen Moment des Überlegens entschied sich Lan Xichen, dass es das Beste sei Bao Tian für einen Moment mit seinen Gedanken alleine zu lassen. Vollkommen sicher darüber, dass er gerade fehl am Platze war atmete er einmal tief ein, als er aufstand.
Mit gesenkter Stimme sprach er leise Worte.
„Es tur mir Leid Tian, für deine Familie. Von Herzen wünschte ich, ich wäre damals eher dort gewesen. Aber gegen das Schicksal sind uns alle die Hände gebunden."
Lan Xichen legte seine Hand auf Bao Tian's Schulter und streichelte sie einmal behutsam. Als er sich langsam abwendete sagte er:
" Ich lasse dich ein wenig alleine. Meine Belange können warten."
Doch in diesem Moment schaute Bao Tian nach oben und als er Lan Xichen's Gesicht sah, welches sich von ihm abwendete schnellte seine Hand plötzlich wie aus Reflex nach vorne und er packte Lan Xichen am Arm und hielt ihn fest.
„Geh nicht!" Sagte er hastig aber bestimmt.
Lan Xichen's Augen weiteten sich, als er den Ruck an seinem Arm verspürte. Leise hörte er von hinten:
"Bleib bei mir, lass mich nicht allein..."
Lan Xichen's Herz machte einen kleinen Sprung und als er ein warmes Gefühl verspürte, welches sich von seinem Herzen aus ausbreitete, drehte er sich langsam um.
Bao Tian saß auf dem Stein, seine Liuqin in seiner linken Hand. Sein Blick war flehend, bittent aber auch von einer unglaublich ehrlichen Tiefe begleitet, während er Lan Xichen's Arm fest in seinem Griff hielt.
„Geh nicht..." Sagte Bao Tian noch einmal, während die beiden sich direkt in die Augen sahen.
Diese geringen Worte, mögen sie noch so kurz gewesen sein, hatten aber eine weitreichende Wirkung und Lan Xichen schaute ihn mit großen Augen an, während sein Körper zu Kribbeln begann und sein Herz in seiner Brust laut schlug.
Der Wind wehte durch die Baumkronen, Lan Xichen's weiße Robe und sein langes dunkles Haar wirbelten auf und während das Rascheln des Laubs wie ein Glockenspiel erklang tanzte der Wind um sie im Kreis und sang sein rauschendes Lied.
Lan Xichen war für einen Moment wie erstarrt, so hilfesuchend und dominant zugleich waren Bao Tian's Worte.
Wann immer dieser Mann sein Herz öffnete und Zeichen der Schwäche zeigte, breitete sich ein warmes Gefühl in Lan Xichen's Brust aus, während seine Füße erschreckend Kalt wurden und seine Finger zu zittern begannen.
Langsam drehte er sich wieder um und setzte sich wieder schweigend auf den Stein neben Bao Tian. Keiner von beiden sprach ein Wort und Bao Tian's Hand lag noch immer fest um den Arm seines Sect Leader's.
In stiller Zweisamkeit saßen sie eine ganze Weile nebeneinander und Lan Xichen spürte die Körperwärme an seinem Arm, die von Bao Tian's Hand ausging. Es war eine Wärme welche sich einen unaufhörlichen Weg durch seinen Körper bahnte. Ohne Unterlass kroch sie immer tiefer und stieß jede Tür seines Körpers auf, sie flutete seine Glieder und nahm jeden Zentimeter seines Körpers ein.
Nachdem Lan Xichen's ganzer Körper von Bao Tian's Wärme durchtränkt war zog dieser schließlich seine Hand wieder zurück. Dennoch blieb das Warme Gefühl in Lan Xichen's Körper erhalten und es schwächte sich für lange Zeit nicht ab.
Bao Tian spielte wieder ein Stück an und eine ganze Weile saßen sie noch schweigend beisammen und lauschten nur den feinen Klängen.
Es war ein ruhiger und friedlicher Moment und Lan Xichen schloss seine Augen und lies sich von der sanften Melodie davon tragen.
Das Stück endete leise und mit einem tiefen Ton, als Bao Tian einmal schwer aufatmete und dann seine Liuqin zur Seite legte.
Er drehte seinen Kopf und schaute Lan Xichen mit einem sanften Lächeln auf den Lippen an.
„Du bist hergekommen, weil du mir etwas sagen wolltest...was wolltest du mir sagen?" Fragte er mit ruhiger und tiefer Stimme.
Lan Xichen öffnete seine Augen und er erwiderte Bao Tian's Lächeln und schließlich griff er doch mit seiner rechten Hand in seinen Ausschnitt. Er zog eine Schriftrolle hervor, die etwas dicker und mit ein paar dünnen Stricken zusammengebunden war.
„Ich bin eigentlich nur gekommen um dir zu sagen, dass wir abreisen können und ich habe dir dieses hier mitgebracht."
Lan Xichen streckte seine Hand aus und hielt Bao Tian die Schriftrolle entgegen.
Bao Tian runzelte kurz die Stirn.
„Von wem ist die?"
Lan Xichen lächelte sanft.
„Von Madame Mao. Dieser Brief ist für dich. Den anderen habe ich ihre schon gegeben."
Bao Tian streckte zögerlich seine Hand aus. Mit einem leicht ironischen Unterton flüsterte er leise.
„Wenn's von Madame Mao ist, dann bekomme ich jetzt Angst..."
Lan Xichen schnaufte leise durch seine Nase.
„Madame Mao ist eine ehrenvolle Dame. Welchen Grund hast du ihren Briefen mit Skepsis entgegenzunehmen?"
Bao Tian lachte kurz mit einem schrillen Ton auf.
„Madame Mao ist eine durchtriebene Dame und genau desswegen sollte man vorsichtig sein wenn sie einem etwas in die Hand drückt."
Er nahm die Schriftrolle entgegen und drehte sie ein paar mal in der Hand hin und her.
Lan Xichen stand schließlich auf.
„Lies ihn ruhig wenn du möchtest. Ich gehe schon einmal vor und warte auf dich, bis du so weit bist. Ich werde noch kurz bei meinem Onkel vorbei sehen."
„Ist gut..." Sagt Bao Tian nachdenklich, während er Madame Mao's Brief von außen mit großem Interesse begutachtete.
Über Lan Xichen's Lippen huschte ein zartes Lächeln, als er Bao Tian betrachtete, der wie ein kleines Kind auf einem Stein hockte und mit großen Kullerauge einen Brief in den Händen hin und her drehte.
Lan Xichen wusste ganz genau, wie gespannt Bao Tian war den Brief zu öffnen und das er sich in Wahrheit, sehr über die Post gefreut hatte.
Mit diesen Gedanken drehte er sich schließlich um und wand Bao Tian den Rücken zu. Mit bedachten Schritten entfernte er sich und seine weiße Robe wehte im Wind prunkvoll hinterher.
Bao Tian blickte ihm noch einen kurzenMoment hinterher bis er schließlich sich erneut Madame Mao's Brief widmete. Geschwind knotete er das dünne Seil auf und rollte das Stück Papier aus. Dabei fiel plötzlich ein kleines Stoffsäckchen aus der Schriftrolle und Bao Tian fing es schnell noch auf, bevor es auf den Boden fiel.
Er stutzte für einen Moment und runzelte die Stirn, als er das kleine Stoffsäckchen in seiner Hand hin und her drehte. Sofort vernahm er einen feinen, süßlichen Duft der von dem Säckchen zu kommen schien.
Neugierig rollte er Madame Mao's Brief ganz bis zum Ende aus und begann ihrer schwungvollen und präzisen Handschrift zu folgen.
Es dauerte nicht lange bis ein Lächeln über seine Lippen flog, während er Satz für Satz von ihrem Brief las. Es waren nette Worte, zuvorkommende und wie immer ein Paar Lehren für's Leben dabei. Bao Tian schüttelte schmunzelnd seinen Kopf, als er sich beim Lesen bildlich vorstellen konnte wie Madame Mao genau diese Sätze gesagt hätte.
Als er unten am Brief angekommen war fand er noch ein paar kurze Zeilen:
„Ich habe dir noch ein kleines Geschenk dabei gelegt. Du musst mir dafür nicht Danken. Es ist mir erst vor ein Paar Tagen unter die Finger gekommen aber ich wusste sofort, das ich es dir zeigen musste. Der Inhalt ist, sagen wir, etwas speziell. Aber ich bin mir sicher, dass du in einsamen Stunden die richtige Verwendung dafür finden wirst. Aber nimm nicht zu viel und dosiere es mit bedacht. Eine Fingerspitze reicht vollkommen.
In Liebe
Madame Mao"
Mit jedem Wort das Bao Tian las zog sich seine Stirn immer krauser und seine Augen kniffen sich zu kleinen Schlitzen zusammen.
-Sie hat was Neues entdeckt, muss es mir unbedingt zeigen...für einsame Stunden...mit bedacht dosieren...?- Ging Bao Tian die einzelnen Sätze noch einmal in seinem Geiste durch, während er schon anfing darüber nachzugrübeln was dies wohl bedeuten könnte.
Er schüttelte schließlich den Kopf, als er das kleine Säckchen zur Hand nahm und vorsichtig öffnete. Innen drinnen war ein feines, helles Pulver, welches einen süßen Duft verströmte. Vorsichtig roch Bao Tian einmal daran, während er leise flüsterte:
„Ich traue dieser Frau nicht. Dieses Zeugs kann nichts Gutes bedeuten."
Bao Tian zog eine Augenbraue nach oben, während er an Madame Mao denken musste und dabei vergnügt begann zu lachen.
Er nahm den Brief und das Säckchen und verstaute es in seinem Ausschnitt als er aufstand, sich einmal streckte und die dunklen, welligen Haare aus seinem Gesicht striff. Dabei atmete er einmal tief ein und hob dann seine Liuqin an und schwang sie über seinen Rücken. Mit einem leisen Summen auf den Lippen wendete er sich schließlich ab und Schritt nun mit einem fröhlicheren und entspannterem Gemüt hinter seinem Herrn hinter her. In Gedanken an Madame Mao und dem mysterischen kleinen Säckchen flog ein vergnügtes Lächeln über seine Lippen und die Bäume rauschten noch im Wind, während sein kleiner Zopf auf seiner Schulter, mit dem weißen Gusu-Lan-Clan-Band im Wind aufgeregt aufflatterte.
Im Yunmeng Clan gab es einen Mann, der sich den Respekt Jiang Cheng´s und aller anderen Cultivator´s und Schüler mit großen Taten und einem selbstbewussten Auftreten verdient hatte. Er war ein Hauptmann unter Jiang Cheng's Führung und er war von großer kräftiger Gestalt und trug einen kühnen Blick in seinen Augen. Sein Name war Zhuang Xi und er war ein talentierter Cultivator, Schwertkämpfer und in vielerlei Hinsicht begabt. Er war etwas älter Jiang Cheng und sein dunkles, langes Deckhaar hatte er zu einem hohen Zopf gebunden und an seinem Kinn trug er einen kleinen Bart. Ein paar dunkle, kürzere Haarsträhnen hingen ihm im Gesicht und seine dunklen Augen stachen in einem markanten Gesicht hervor. Er war durchaus das Sinnbild eines Mannes und hatte zudem ein attraktives Gesicht. Viele im Yunmeng Clan wussten ihn zu schätzen und begegeten ihm stet's mit hohem Respekt.
Obwohl er nicht der große Redner war, hatte er zu allem eine gesunde Meinung, welche er oft besonders präzise und etwas forsch ausdrückte. Seine Stimme war klar, hatte aber auch eine gewisse Tiefe und wenn er sprach lauschten ihm alle in andächtiger Stille.
Obwohl er in engem Kontakt zu Jiang Cheng stand und er in ganz Lotus Pier bekannt war, gab es jedoch einen jungen Mann unter den Reihen des Clan's der ihm stet's mit Vorsicht und Unbehagen begegnete. Und dieser Mann war niemand geringeres als Sun Yan.
Seid seinem ersten Tag im Yunmeng Clan hielt Sun Yan ein waches Auge über Zhuang Xi. Es ist nicht so als hätte dieser ihm jemals einen beweisbaren Grund liefern können, der sein Misstrauen ihm gegenüber rechtfertigen würde. Aber Sun Yan vertraute dabei ganz seinem Bauchgefühl und das sagte ihm stet's , dass in Zhuang Xi´s Augen sich etwas verbarg, was ihm missfiel.
Zudem dauerte es nicht lange bis Sun Yan ebenfalls das Gefühl beschlich, dass auch Zhuang Xi stet's ein waches Auge über ihn hielt. Der Fakt das Sun Yan schon mit jungen Jahren zu Jiang Cheng's engstem Vertrautem und zu seiner rechten Hand wurde war Zhuang Xi stet's ein Dorn im Auge gewesen. Doch behielt er Stillschweigen über die Sache und außer seinem stillen, prüfenden Blick der stet's über Sun Yan wachte, lies er sich nichts anmerken, sondern schien geduldig im Hintergrund auf seine Zeit zu warten.
Sun Yan vermied so gut es ging den Kontakt zu Zhuang Xi und niemals würde man die beiden alleine antreffen. Jiang Cheng war dieser Missstand schon lange aufgefallen, doch Sun Yan verweigerte stet's die Aussage woher sein Misstrauen kam. Ganz zur Verwunderung Jiang Cheng's denn Zhuang Xi war ihm ein treuer Untergebener und niemals hat er Sun Yan Unrecht getan.
Doch der Junge blieb vehement bei seiner Meinung und wann immer Zhuang Xi und Jiang Cheng miteinander sprachen, wachte Sun Yan im Hintergrund und sog jedes Detail auf was dieser Mann über sich verriet.
Zhuang Xi wusste über Sun Yan's Misstrauen ebenso bescheid und so provozierte er den Jungen manchmal absichtlich in dem er ihm regelmäßig einen tiefen, prüfenden Blick zuwarf. Sun Yan lief stet's ein Schauer über den Rücken wann immer sich ihre Blicke trafen und das unangenehme Gefühl in seiner Brust wurde stet's größer umso mehr Zeit verstrich.
Es war spät am Abend und Sun Yan verließ die große Empfangshalle. Etwas müde und erschöpft vom Tag schritt er die Stufen hinunter während er mit seinen grünen Augen in die Dunkelheit spähte. Jiang Cheng hatte zur Versammlung gerufen und die offene Night Hunt in Changnan besprochen. Auch zu ihm waren die Neuigkeiten über den Wasserdrachen gedrungen und so plante er die zeitige Abreise mit einer Hand voll Cultivator's.
Es war ein großes Ereignis und keiner der Clan's der etwas auf sich hielt, würde sich diese Chance entgehen lassen.
Sun Yan wurde leicht nervös bei dem Gedanken mit Jiang Cheng wieder auf Reisen zu gehen. Denn auf Reisen zu gehen, bedeutete nämlich auch immer eine intimere Atmosphäre, man verbrächte noch mehr Zeit miteinander und in der Nacht wurde oft räumlich nah beieinander geschlafen, wenn nicht sogar in misslichen Lagen, ein Raum geteilt.
Mit diesen Gedanken schritt Sun Yan nervös durch Lotus Pier, als er sich entschied ein beruhigendes Bad zu nehmen und danach direkt zu Bett zu gehen.
Es war dunkel Draußen und vereinzelt brannten ein paar Fackeln auf den Veranda´s und deuteten einem den Weg.
Die Luft zog an, es wurde kühl und die Feuchtigkeit der Luft legte sich langsam auf den Lotusblättern ab. Ein leichter Dunst stieg vom Wasser hinauf und hüllte die Wasseroberfläche in einen leichten Nebel.
Sun Yan gelangte vor die Tür des Badehauses als er die Tür vorsichtig einen Spalt aufschob. Er linste durch die kleine Öffnung und starrte in einen dunklen Raum. Niemand war zu sehen und zu seiner Freude schien er das Bad ganz für sich alleine zu haben.
Er trat über die Türschwelle, entzündete ein paar Kerzen und heizte den Ofen für das warme Wasser ein.
Die Badehäuser in den größeren Clan's waren alle mit sehr viele liebe zum Detail eingerichtet und von besonders schöner Architektur. Das Waschen war nicht nur ein schneller Akt der Reinigung, sondern diente eher der Entspannung und Meditation. Sauberkeit und Reinheit wurden groß geschrieben und ein reiner Geist und ein ausgeglichenes Gemüt waren Grundvorraussetzung für einen Cultivator und der Kunst seinen goldenen Core und die spirituelle Energie geschickt einzusetzen.
Sun Yan wendete sich nach rechts und stellte sich hinter den großen Raumteiler, während er begann sich zu entkleiden. Fein säuberlich legte er seine Kleider zusammen und öffnete sein langes Haar und entwirrte dieses ein paar Mal mit seinen schlanken Fingern.
Schließlich nahm er ein weißes Handtuch zur Hand und band sich dieses um seine Hüften, während er sich einen kleinen Holzeimer und ein Stück Seife zur Hand nahm und dann herüber zum großen Wassertuppen schritt.
Er seufzte in Gedanken versunken einmal laut auf, während er sich auf einen kleinen Hocker setzte und begann seinen nackten Körper mit dem warmen Wasser zu benetzen. Geschwind schäumte er sich mit dem Stück Seife ein und er wusch sein langes Haar mit äußerster Hingabe und Genauigkeit.
Während er etwas breitbeinig auf dem Hocker saß, das durchtränkte weiße Handtuch in seinem Schoß, fiel sein Blick plötzlich auf seinen Oberschenkel welcher von einer dominanten Narbe gekennzeichnet war.
Vorsichtig streckte er seine Hand aus und striff mit seinen Fingerkuppen über die buckelige Haut. Einen Moment hielt er schweigend Inne und fühlte die Konturen seiner Haut, bis er schließlich tief einatmete und dann begann sich den Wassereimer über den Kopf zu gießen und die Seife wieder aus seinen Haaren zu waschen.
Als er sich fertig gewaschen hatte, stellte er den Eimer und die Seife wieder zur Seite und stieg schließlich in den großen Wassertuppen ein. Das Wasser hatte mittlerweile eine ziemliche Temperatur erreicht und der warme Wasserdampf stieg unaufhörlich auf und tauchte das Badehaus in einen dicken Nebel.
Sun Yan lehnte sich entspannt mit seinem Kopf an den Rand an und schloss seine Augen, während er mit seinen Händen spielerisch über die Wasseroberfläche fuhr. Das Wasser begann laut zu Platschen und dazu fing er leise an eine Melodie zu Summen.
Sun Yan war so entspannt und mit sich selbst beschäftigt, dass er gar nicht bemerkte wie die Tür zum Badehaus sich plötzlich einen Spalt öffnete. Eine Person trat aus der Dunkelheit der Nacht leise über die Türschwelle und ein kalter Windzug strömte herein, als die Tür sich schnell wieder schloss und mit einem leisen Klack ins Schloss fiel.
