Chapter 18.5

Wei Wuxian zuckte zusammen, als der gleißende Schrei wie ein Echo durch den Wald hallte.
Gefolgt von dem lauten Schrei vernahmen sie ein Grollen und der Boden begann zu beben.

„Was?" Fragte Wei Wuxian erschrocken, als Lan Wangji ihn auch schon an den Schultern von sich wegdrückte und hastig sagte:
„Zieh dich an! Die Night Hunt hat begonnen!"

In diesem Moment sah Wei Wuxian plötzlich ein paar Männer panisch durch´s Dickicht rennen, die vor irgendetwas schleunigst davon zu laufen schienen. Wei Wuxian's Augen weiteten sich, als er splitterfasernackt auf Lan Wangji lag und der Horde Männer beim Vorbeirennen zusah.
„Lan Zhan...ich glaube...da kommt etwas auf uns zu...!" Sagte Wei Wuxian etwas unsicher, während er durch die Bäume spähte.
Doch in diesem Moment wurde er auch schon von Lan Wangji nach oben gestemmt und mit noch leicht wackeligen Beinen richtete er sich auf.

„Los, beeil dich!" Sagte Lan Wangji schnell, während er auch schon begann sich hastig wieder herzurichten.

Erneut bebte die Erde und durch die Baumkronen erklang der furchteinflößende Schrei eines wilden Tieres. Laute Fußstapfen waren zu hören und Kampfgeschrei tobte durch den Wald.

Hektisch und wie von einer Biene aufgescheucht hüpften die beiden umher, wuschen sich die Hände, säuberten noch schnell Lan Wangji's Robe und zogen sich hastig wieder an. Etwas zerzaust und noch mit dem ein oder anderen Blatt im Haar kleideten sich die beiden wieder an und standen schließlich fertig voreinander.

„Bereit?" Fragte Wei Wuxian Lan Wangji mit einem breiten Grinsen, der scheinbar gefallen an dieser absurden Situation gefunden hatte.

„Bereit!" Sagte Lan Wangji, doch in dem Moment als er sich umdrehen wollte, hielt Wei Wuxian ihn plötzlich am Ärmel fest.
„Stop, dein Kopfband ist verrutscht." Sagte er mit einem Schmunzeln auf den Lippen.
Wei Wuxian streckte seine Hand aus und berührte vorsichtig Lan Wangji's Kopfband und rückte es wieder gerade.
"Besser!" Grinste er.

Lan Wangji nickte dankend, als er erneut versuchte loszuschreiten, doch wieder hielt Wei Wuxian ihn fest.
„Stop, du hast da noch etwas Laub im Haar."
Wei Wuxian grinste belustigt übers ganze Gesicht, als er seine Hand erneut nach Lan Wangji ausstreckte und ein grünes Blatt aus seinem langen, dunklen Haar zog.
„So, jetzt siehst du aber wirklich wieder wie der adrette HanGuang-Jun aus. Nicht, das die Leute noch erraten was wir hier eben gemacht haben."

Lan Wangji schnaufte durch seine Nase und warf Wei Wuxian einen leicht schuldigen Blick zu, als dieser schließich an ihm vorbei schritt und voller Freude laut sagte:
„So wir können los, Night Hunt wir kommen..."

Doch plötzlich packte Lan Wangji an Wei Wuxian's Ärmel und zog ihn zurück. Wei Wuxian wurde mitten in seinem Satz unterbrochen, als er sich verwundert umdrehte.
„Was?" Fragte er Lan Wangji mit hoher Stimme.

„Du hast noch etwas vergessen." Sagte Lan Wangji mit tiefer Stimme, als er plötzlich ruckartig an Wei Wuxian's Arm zog und dieser direkt in seine Arme strauchelte. Lan Wangji griff an Wei Wuxian's Taille und hinter seinen Kopf und presste ihn fest an sich heran. Ihre Lippen trafen sich und Lan Wangji eröffnete einen leidenschaftlichen Kuss. Wei Wuxian's Augen waren weit aufgerissen und sichtlich überrumpelt hing er steif in Lan Wangji's Armen.

Im Hintergrund hörte man die lauten Schreie und die Erde bebte von dem Kampfgetümmel. Es mussten einige Cultivators sein, welche etwas Großes aufgeschreckt hatten und der Berg befand sich im Ausnahmezustand.

Dennoch nippte Lan Wangji in aller Seelenruhe noch einmal an Wei Wuxian's Unterlippe, als er schließlich ihre Lippen wieder voneinander trennte. Leise hauchte er:
„Pass auf dich auf und mach nichts unüberlegtes. Ich will heile mit dir zusammen diesen Berg wieder verlassen."

Erst wurden Wei Wuxian's Augen riesen groß, als er Lan Wangji's zarten Worte hörte. Doch dann formten sie sich zu kleinen Schlitzen. Ein glückliches Lächeln legte sich auf sein Gesicht, als er Lan Wangji auf die Stirn küsste.
„Dann lass mich nicht aus den Augen und pass gut auf mich auf, damit wir später dort weiter machen können wobei wir eben unterbrochen wurden..."

Lan Wangji blickte Wei Wuxian an und obwohl sich in seinem Gesicht keine Miene regte, wusste Wei Wuxian ganz genau was gerade in seinem Kopf vor sich ging.

„Komm!" Sagte Wei Wuxian entschlossen.
„Wollen wir mal das Spielfeld aufräumen oder?" Er grinste breit über sein ganzes Gesicht.

„Hmm." Brummte Lan Wangji und über sein starres Gesicht flog ein ganz zartes, sanftes Lächeln.

Die beiden lösten sich aus ihrer innigen Umarmung und schon lief Wei Wuxian leichtfüßig los und verschwand mit einem belustigten Kichern in den Wald hinein.

Lan Wangji setzte sofort zur Verfolgung an und so liefen die beiden zurück zum Weg und folgten wachsam den Schreien und Rufen aus der Ferne.

Es dauerte nicht lange und die beiden fanden bald eine Spur der Verwüstung vor sich. Der Weg war nun doppelt so breit wie vorher. Äste waren umgeknickt, ganze Bäume lagen zerstört am Rand und tiefe Furchen zogen sich durch den Waldboden.

Wei Wuxian's Augen weiteten sich und er kam ins Staunen.
„Wie groß ist dieser Drache bitte?" Fragte er sichtlich irritiert, während er den Blick nach oben richtete um zu schauen, ob schon eine Schneise bis zum Himmel durch die Baumkronen geschlagen wurde.

„Nicht so groß!" Sagte Lan Wangji ruhig, während er sich den Ort des Geschehens ansah.
„Wasserdrachen sind eher kleine Drachen. Dafür schlank und sehr wendig. Sie sind für ein Leben unter Wasser geschaffen, zu lange können sie nicht an Land überleben."

„Ahh!" Sagte Wei Wuxian laut, als er seinen Kopf in den Nacken streckte und beruhigt feststellte, dass die Spitzen der Baumkronen über seinem Kopf, noch da waren wo sie hingehörten.

„Komm schnell!" Sagte Lan Wangji.
„Er scheint sich weiter von uns zu entfernen!"

„Nix da!" Sagte Wei Wuxian schnell.
„Jetzt bin ich schon diesen mühseeligen Berg hochgeklettert wegen diesem doofen Wurm, jetzt will ich den auch zwischen die Finger bekommen bevor mir jemand zuvor kommt!" Mit diesem Satz lief Wei Wuxian auch schon los und sauste entschlossen der Spur der Verwüstung nach.

Lan Wangji lief ihm hinterher, leicht unsicher darüber ob es eine gute Idee war, dass ausgerechnet Wei Wuxian von den beiden vorne lief.

Nach nur einem kurzen Stück kam Wei Wuxian in´s Stocken und er blieb abrupt stehen, als er einen verletzten Cultivator an einem Baum lehnend fand.
„Lan Zhan! Hier liegt jemand!" Wei Wuxian lief sofort los und hockte sich vor den verletzten Mann.

Der Mann schien halb bewusstlos. Sein Kopf lehnte am Baum, seine Augen kaum geöffnete.
Schnell fasste Wei Wuxian an seine Halsschlagader und maß seinen Puls.

Lan Wangji blieb hinter ihm stehen und hockte sich ebenfalls hin.
„Ist er schwer verletzt?" Fragte er, während er den Körper des Mannes musterte.

„Nein." Sagte Wei Wuxian.
„Eher leicht verletzt aber er muss sich den Kopf stark gestoßen haben, er ist kaum ansprechbar."
Während Wei Wuxian noch den Mann ein wenig untersuchte fiel Lan Wangji's Blick auf die Robe des Mannes.
„Yunmeng..." Nuschelte er leise.

„Hm?" Stutzte Wei Wuxian, als er Lan Wangji anschaute.
„Was hast du gesagt?" Fragte er noch einmal nach.

Lan Wangji nickte ihm zu.
„Sieh dir die Kleider an. Es muss ein Cultivator des Yunmeng Clan's sein."

Und in der Tat, der verletzte Mann trug eine lilane Robe und auch in seinem Haar, welches zu einem strengen Dutt nach hinten gebunden war, hing ein lilanes Haarband.

Wei Wuxian's Augen weiteten sich.
„Ist Jiang Cheng hier?" Fragte er leise, eher in einem Selbstgespräch vertieft.

„Sun Yan dann wahrscheinlich auch." Erweiterte Lan Wangji die Feststellung.

Plötzlich regte sich der Mann ein wenig und seine Lippen begannen sich zu bewegen, während eine stotternde, leise Stimme aus seiner Kehle kam.
„D...D...Drache...der...Drache...schnell...flieht..."

Wei Wuxian blickte Lan Wangji mit großen Augen an.
„Der Drache. Sie haben ihn scheinbar tatsächlich gefunden. Wir sollten uns beeilen." Sagte er, während er mit seinem Ärmel ein wenig die Stirn des Mannes abtupfte.

Lan Wandji blickte besorgt in den Wald hinein.
„Lass uns den Mann hier in´s weiche Gras legen. Ich werde ihm etwas spirituelle Energie geben. Er ist nicht schwer verletzt. Er wird sich sicher bald erholen."
Lan Wangji kam aus seiner Hocke wieder in die Aufrichtung und Wei Wuxian half ihm den Mann behutsam und etwas geschützt ins Gras zu legen. Als Lan Wangji tatsächlich seinen Ärmel etwas nach hinten striff und mit lang ausgestrecktem Zeigefinge auf die Stirn des Mannes deutete, unterbrach ihn Wei Wuxian:
„Lan Zhan, bist du dir wirklich sicher, dass du dies tun willst? Du brauchst deine spirituelle Energie noch."

Doch Lan Wangji nickte ihm bestätigend und ruhig zu.
„Nur ein wenig. Es wird mir nicht schaden. Außerdem, stammt dieser Mann vom Yunmeng Clan, so sind seine überlebens Chancen größer."

Wei Wuxian staunte nicht schlecht und er machte einen Schritt zurück, als Lan Wangji begann dem bewusstlosen Mann ein wenig spirituelle Energie zu übertragen. Mit einer angenehmen Wärme entstand ein blaues Licht und die spirituelle Energie in Lan Wangji's Körper strömte fortlaufend in den Mann. Sofort entspannte sich sein verkrampftes Gesicht und er machte einen friedlichen Eindruck, wie er dort im Gras lag.

Nach einem kurzen Moment des Verweilens, wendeten sich die beiden schließlich von dem verletzten Cultivator wieder ab und setzten entschlossen ihren Weg fort.
Das Kampfgeschreie und Gegrolle im Hintergrung war immer noch deutlich zu hören.

Wei Wuxian und Lan Wangji liefen weiterhin dem Weg der Verwüstung hinterher und so näher sie ihrem Ziel kamen, umso übersähter war der Weg mit verletzten Cultivator's. Die meisten waren vom Yunmeng Clan und es war ein Bild der Zerstörung, welches sich ihnen bot.

Die meisten von ihnen waren nur verletzt, doch waren auch einige unter ihnen, die ihr Leben bei dieser Night Hunt gelassen hatten.
Als die Anzahl der Opfer kein Ende mehr nahm und es mehr danach aussah, als wäre die Night Hunt mit einem Sieg des Drachen schon vorüber, kamen die beiden schließlich zu einer größeren Lichtung.

Gerade als Wei Wuxian sich skeptisch umschaute, hörte er einen Schrei und ein lautes Knacken und Ächzen war durch den Wald zu hören, als plötzlich ein Mann durch die Baumkronen geschleudert wurde.
Wei Wuxian hielt gerade noch seine Arme schützend vor sich, als der Mann direkt neben ihm mit einem lauten Scheppern in einen Baum einschlug. Wei Wuxian's Augen weiteten sich, als er erkannte, dass es sich bei dem Cultivator, welcher gerade genau neben ihm auf den Boden schlug, um Sun Yan handelte.

„SUN YAN!" Rief Wei Wuxian erschrocken aus, als er auch schon los rannte.

Sun Yan blutete an der Stirn und er rutschte mit seinem Rücken kraftlos am Baum hinunter. Als er seinen Namen hörte, blinzelte er ein Paar mal, als er schließlich in Wei Wuxian's besorgtes Gesicht blickte.
„...Wei Wuxian...was machst du hier?" Fragte er noch sichtlich durcheinander von dem harten Aufprall.

Wei Wuxian stützte seinen Kopf und hob ihn leicht an.
„Was ich hier mache? Die Frage ist was du hier machst?"

Über Sun Yan's Lippen flog plötzlich ein leicht ironisches Lächeln.
„Siehst du doch...ich lasse mich gerade von einem wütenden Drachen fertig machen und sehe mir die Bäume von unten an...haha"
Sun Yan fing während seines Gekichers plötzlich an zu Husten und er spuckte ein wenig Blut aus.

Als Lan Wangji hinter den beiden auftauchte und Sun Yan in Wei Wuxian's Armen erblickte, schlugen plötzlich neben ihnen ein paar Bäume um, der laute Kampfschrei eines Drachen's war zu hören und Lan Wangji's Augen weiteten sich, als er plötzlich den Schwanz eines Drachen aus der Luft direkt auf sie zurasen sah.

„WEI YING!" Rief Lan Wangji laut, als er in diesem Moment auch schon lossprang um den Angriff abzuwehren.

Wei Wuxian drehte sich erschrocken um, als er in windeseile unter Sun Yan's Nacken und Kniekehlen griff, den Jungen anhob und mit ihm zur Seite sprang.

Der laute Ton von Metall war zu hören und ein blaues Licht sauste durch die Baumkronen, als Bichen den Angriff des Drachen abwehrte. Lan Wangji schmiss sich sofort ins Kampfgetümmel und stellte sich alleine dem Drachen gegenüber, welcher aus dem Dickicht des Waldes hervortrat.

Der Drache war von majestätischer und respekteinflößender Gestalt. Sein Schuppenkleid glänzte in einem hellen Blauton, seine Augen waren stechend und voller Zorn. Seine dünnen Beine und sein langer Schwanz waren perfekt für das Leben unter Wasser ausgerichtet und ermöglichten es ihm sich schnell und wendig zu bewegen. Hinter seinen Kieferknochen blitzten große Kiemen hervor und zwischen seinen Krallen befanden sich dünne Schwimmhäute. Jedoch war auch etwas seltsames an dem Drachen, denn es umgab ihn eine deutliche dunkle Energie, welche sich wie ein düsterer Schleier um seinen Körper wandt.

Lan Wangji stand kühn und furchtlos gegenüber von diesem respekteinflößendem Wesen, welches die beachtliche Höhe eines Hauses trug und eine geschichtliche Anzahl an Lebensjahren.

Wei Wuxian war dem Angriff gerade noch ausgewichen. Er setzte Sun Yan vor einem Baum ab und lehnte ihn behutsam mit dem Rücken an den Stamm.
„Hey, alles gut? Kannst du stehen?"

Sun Yan nickte hastig.
„Sicher, alles halb so wild. Mir ist nichts Schlimmer passiert. Der Aufprall eben war nur etwas hart." Versicherte Sun Yan, als er vorsichtig versuchte sich aufzurichten.

Wei Wuxian griff unter Sun Yan's Arme und half ihm vorsichtig auf. Etwas irritiert fragte er:
„Sun Yan, bist du etwa alleine hier...?"
Doch er konnte seinen Satz kaum zu Ende aussprechen, als er plötzlich etwas schweres auf seiner rechten Schulter spürte. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als er im Augenwinkel die blanke Klinge eines Schwertes sah und eine vertraute Stimme von hinten in seinem Ohr nachhaltte.

„Nein! Er ist nicht alleine hier!" Kam es forsch und eiskalt von hinten.

Wei Wuxian zuckte am ganzen Körper zusammen, als er wie versteinert in seiner Bewegung stehen blieb.

„Nimm die Finger weg und dann drehst du dich langsam um!" Befahl im die Stimme.

Wei Wuxian lies Sun Yan vorsichtig wieder los und dann zog er langsam seine Hände wieder zurück. Symbolisch hob er noch seine flachen Hände ein wenig in die Luft, um seine Unschuld zu beweisen.

Sun Yan's Augen weiteten sich, als er erschrocken an Wei Wuxian's Schulter vorbei sah und in ein vetrautes Gesicht blickte.

Wei Wuxian wusste ganz genau, wem diese Stimme, dieses Schwert und diese Aura gehörte. Ganz langsam drehte er sich um, als er schließlich Jiang Cheng genau gegenüber stand.

Jiang Cheng's Hand umklammerte entschlossen das Heft seines Schwertes und mit seinem stechenden Blick, lies er Wei Wuxian nicht eine Sekunde aus den Augen. Die Luft begann zu beben und Sun Yan fing hastig an zu sprechen:
„Sect Leader, nicht, er wollte mir helfen...!"

„SCHWEIG!" Keifte Jiang Cheng ihn zornig an.
„Sei still und bleib da stehen wo du bist. Er wollte nur helfen? Haha das ich nicht lache. Helfen...wohl wahr...er wollte schon immer nur helfen...und sieh dir an in welches Unglück er mal wieder alle gestürzt hat. Wo immer die Welt in Trümmern liegt ist WEI WUXIAN nicht weit!"

Wei Wuxian atmete einmal ruckartig ein und schloss für einen kurzen Moment seine Augen. Der wütende Klang in Jiang Cheng's Stimme und der hasserfüllte und abwertende Unterton bei der Aussprache seines Names schmerzte ihm in der Seele.

„Sect Leader..." Sagte Sun Yan vorsichtig, als er langsam seine Hand ausstreckte.

„Du sollst da stehen bleiben wo du bist, habe ich gesagt!" Schimpfte Jiang Cheng herüber.

Im Hintergrund verwüsteten Lan Wangji und der Drache derweil den Wald. Ein Grollen, ein Schrei des Drachen, ein gewaltiger Windstoß und die umkippenden Bäume verwüsteten das Gebiet und ließen ein häßliches Schlachtfeld zurück.

Wei Wuxian's besorgter Blick fiel zu Lan Wangji herüber, welcher sich tollkühn und ganz alleine dem Drachen gegenüber stellte.
Sein Körper zuckte besorgt auf, als er einen Schritt nach vorne machte. Es zog ihn zu Lan Wangji und er wollte sofort losziehen und ihm beistehen.

„Bleib stehn!" Zischte Jiang Cheng und er drückte sein Schwert seitwärts gegen Wei Wuxian's Hals.
„Hast du geglaubt ich lasse dich gehen? Ich weiß das du es bist. Ich weiß es ganz genau. Alleine das du mit Lan Wangji hier bist, ist der Beweis. Er rückt keine Minute von deiner Seite. Wei Wuxian, fliehe nicht vor mir, du kannst mir nicht entkommen!" Jiang Cheng's Nasenrücken und seine Stirn zogen sich kraus. Die Wut stieg in ihm auf und seine Hand begann leicht zu beben.

„Sect Leader...bitte..." Flehte Sun Yan abermals, der sich noch immer verletzt am Baum abstützte und voller Besorgnis immer wieder zu dem Drachen und Lan Wangji herüber blickte.

Doch Wei Wuxian hob seine Hand und unterbrach Sun Yan. Er nickte ihm akzeptierend und bestätigend zu, als er sich an Jiang Cheng wendete.
„Jiang Cheng!" Sagte er mit entschlossener und ruhiger Stimme.
„Ich denke, es ist ein denkbar schlechter Zeitpunkt, jetzt hier über die Vergangenheit zu sprechen. Wir befinden uns mitten in einer Night Hunt. Sun Yan ist schon verletzt und falls du es nicht mitbekommen hast, stehen wir gerade mitten vor einem wütenden Drachen, der um uns herrum gerade alles kurz und klein zerlegt. Also spar dir deinen Zorn für später, ich muss nun zu Lan Zhan, er braucht meine Hilfe!" Wei Wuxian wollte sich gerade aus der Situation los reißen, doch Jiang Cheng lies nicht locker und packte Wei Wuxian am Arm, während er sein Schwert bedrohlich vor Wei Wuxian's Kehle hielt.

Jiang Cheng fletschte die Zähne.
„Du gibst es also schamlos zu. Und hast mir jetzt nichts anderes zu sagen, außer, dass du zu Lan Wangji musst?"
Jiang Cheng riss ein paar Mal wütend an Wei Wuxian's Arm.

Sun Yan, der das Gefühl bekam das die Situation langsam außer Kontrolle geriet versuchte abermals die Situation zu schlichten.
„Sect Leader bitte...lasst ihn gehen...der Drache, wir sollten..."

Doch Jiang Cheng unterbrach ihn.
„Still sollst du sein, habe ich mich nicht klar ausgedrückt? Misch dich nicht ein, Sun Yan!"
Wetterte Jiang Cheng los, während er zornig das Schwert weiterhin an Wei Wuxian's Kehle drückte.

Wei Wuxian schnaufte durch seine Nase.
„Jiang Cheng, bei allem Respekt. JETZT ist nicht die Zeit hierfür. Lass mich los, nimm dein Schwert zurück und lass uns erst diese Situation regeln. Wie kannst du in diesem Moment nur so verbissen sein? Jetzt geht es gerade um was wichtigeres..."

Wei Wuxian wurde plötzlich mitten in seinem Satz von Lan Wangji's klarer Stimme unterbrochen:
„WEI YING!" Rief es erneut aus den Baumkronen, als die drei sich hektisch umdrehten und sahen wie der Drache plötzlich auf sie zuraste.

Lan Wangji holte in windeseile seine Guqin heraus und zupfte die Seiten kraftvoll an, doch er war zu spät. Die drei sprangen hastig auseinander, während der Drache mit weit aufgerissenem Maul direkt dort einschlug, wo sie eben noch gestanden hatten.
Die Erde bebte, ein paar weitere Bäume fielen krachend in sich zusammen und rissen alles mit. Staub und Erde wirbelte auf und Wei Wuxian fiel unsanft in's Gras.
Er schützte seinen Kopf mit seinen Armen, während er sich ein paar mal überschlug und dann zum Liegen kam. Als er die Augen öffnete und sich der aufgewirbelte Staub etwas lichtete, entdeckte er plötzlich Jiang Cheng genau neben sich im Gras liegen.

Ihre Blicke trafen sich und als Wei Wuxian wieder bei klarem Verstand war, wollte er fluchtartig aufspringen, doch Jiang Cheng war schneller und stand schon über ihm.
Wei Wuxia kroch rückwärts über den Boden um etwas Abstand zu gewinnen, doch schon schwang Jiang Cheng sein Schwert und rammte es direkt zwischen Wei Wuxian's Beine in die Erde. Die Schwertspitze durchbohrte Wei Wuxian's Robe und nagelte ihn auf den Boden fest.

Wei Wuxian zuckte zusammen, als er mit weit aufgerissenen Augen zwischen seine Beine blickte.
Im Hintergrung fegten blaue Blitze durch die Luft und kündigten an, dass Lan Wangji weiterhin dem Drachen alleine trotzte.

In Jiang Cheng kochte die Wut über.
„Was hast du eben gesagt? Es gibt was Wichtigeres? Was soll wichtiger sein als der Tot meiner Eltern, der Tod meiner Schwester, der Verlust meines einstigen Bruders und die Zerstörung die du zurück gelassen hast? Sag mir Wei Wuxian, für mich gab es die letzten Jahre nichts Wichtigeres als diese Wut und diesen Hass in mir, der mich stetig voran getrieben hat und mich nicht vergessen lies. Immer hast du nur an dich gedacht, immer hast du geglaubt dein Weg sei der Richtige, hast dich über alle anderen gestellt und dein Ziel engstirnig verfolgt. Die Opfer die du dafür gebracht hast waren dir egal. GANZ EGAL!"
Jiang Cheng's Stimme wurde schrill und lauter.

Wei Wuxian schüttelte mit Unverständnis den Kopf. Seine Stimme war tiefer als sonst und mit einem furchteinflößenden Unterton.
„JIANG CHENG! ES REICHT! Zwing mich nicht dir weh zu tun. Lass mich gehen. Ich habe gerade keine Zeit für deine Belange. Ich muss zu Lan Zhan oder wir gehen hier alle noch drauf. LASS MICH GEHN!"
Mit diesen Worten fasste Wei Wuxian an Jiang Cheng´s Schwert, zog es aus der Erde und warf es zur Seite, als er sich gerade aufrichten wollte, kochten Jiang Cheng's Emotionen über.
„DU GEHST NIRGENDSWO HIN!" Rief er laut aus, als plötzlich seine spirituelle Energie überquoll, lilane Blitze auftauchten und Zidian sich hoch in die Luft entrollte.
Jiang Cheng schwang das Erbe seiner Mutter kräftig an und die leuchtende Peitsche flackerte auf, als sie in der Luft schwung holte.

Jiang Cheng holte weit mit seinem Arm aus, als das grelle Licht sich in Wei Wuxian's Augen wiederspiegelte. Wei Wuxian schaffte es nur noch seine Arme schützend vor sich zu halten, als die Peitsche auch schon zischend nieder ging.
Doch in diesem Moment warf sich plötzlich Sun Yan davor, er schirmte Wei Wuxian ab und als Jiang Cheng's Augen sich vor Schock weiteten, war es schon zu spät und er konnte Zidian nicht mehr stoppen.

Mit einem zischenden Geräusch sauste die Peitsche nach unten und traf Sun Yan quer über den Rücken, als dieser durch den Aufprall auf Wei Wuxian fiel und beide zu Boden stürzten.
„Argh!" Keuchte Sun Yan vor Schmerz auf, als seine Robe auf dem Rücken einen großen Schlitz aufwies, wodurch man auf einen dicken roten Striemen quer über Sun Yan's Rücken blicken konnten.

„Sun Yan!...Ich..." Rief Jiang Cheng schnell aus, als augenblicklich das lilane Licht um Zidian verschwand und die Peitsche sich wieder in ihre Ursprungsform zurück formte.
Etwas überfordert und mit leicht schuldigem Blick, schaute Jiang Cheng auf die beiden Männer die am Boden lagen und das Chaos, welches er angerichtete hatte.

Mit schmerzerfülltem Gesicht richtete sich Sun Yan langsam auf und verharrte auf allen vieren hockend über Wei Wuxian, als er Jiang Cheng einen zornigen Blick zuwarf. Seine grünen Augen funkelten auf und seine Finger krallten sich tief in die Grasnarbe.
„Jiang Cheng...!" Sagte er etwas atemlos und am keuchen.
„Es reicht! Schluss damit! Ich kann es nicht mehr hören, ich kann es nicht mehr sehen. Durch euren Zorn und eure Wut seid ihr blind geworden. Blind für das Wesentliche, blind für das was wichtig im Leben ist und blind für die Wahrheit.
Wei Wuxian ist nicht die Person, für die ihr sie haltet. Ich habe ihn kennengelernt im Gusu Lan Clan. Ich bin mir sicher, niemals und zu keiner Zeit wollte er euch jemals Schaden. Ihr, der ihr ihm einst am nächsten standet. Müsstet ihr es nicht am besten wissen? Er ist nicht der gefürchtete und kaltherzige Yiling Patriarch von dem ihr mir immer erzählt habt. Ich sehe keinen Verrat ohne Grund, ich sehe keine beabsichtigte Boshaftigkeit in seinen Taten. Das Einzige was ich sehe ist, dass ihr versäumt habt miteinander zu sprechen. Ehrliche Worte der Aussprache, den anderen als Freund und Bruder an den eigenen ehrlichen Gefühlen teilhaben zu lassen. Ihr habt etwas sehr wichtiges vergessen. Etwas worüber ihr viel eher hätten sprechen sollen und das ist die Wahrheit!" Sun Yan's Stimme hatte einen verzweifelten Unterton. Obwohl seine Arme zitterten und er sich schwach über Wei Wuxian hielt, waren seine Worte voller Emotionen. Es musste nun raus, er musste es sagen, er wollte diese Zwietracht endlich beenden.
„Ich habe es satt, ich habe es leid! Euch beide zusammen zusehen macht mich krank. Eure Beziehung ist so mit Missverständnissen durchtränkt, dass jeder Außenstehende nur die Hände über den Kopf zusammenschlagen kann. Ihr seid zwei erwachsene Männer. Verhaltet euch endlich auch dementsprechend. Klärt eure eigenen Probleme und hört auf euer Umfeld immer in euren Streit mit reinzuziehen. Ich ertrage das nicht mehr. Ich weiß selbst nicht mehr wo ich eigendlich in dieser Geschichte stehe, welcher Platz eigendlich mir gehört und was ich euch bei dem ganzen Chaos bedeute!" Sun Yan warf Jiang Cheng einen vorwurfsvollen und traurigen Blick zugleich zu.
„Ich will es nicht mehr sehen, euren falschen Hass Wei Wuxian gegenüber und wie ihr immer und immer nur an ihn denken könnt...Es schmerzt mein Herz!
Ihr müsst endlich aufhören damit und über euren eigenen Schatten springen. Ist es denn so schwer, zu Verzeihen?
Lasst die Vergangenheit für einen kurzen Moment los, lasst ihn endlich zu Lan Wangji gehen, er braucht seine Hilfe. Und ich...werde auch mitgehen...Wei Wuxian hat recht...es gibt jetzt etwas Wichtigeres...als eure Belange...Sect Leader!"

Jiang Cheng atmete einmal tief ein. Seine rechte Hand ballte sich zu so einer angestrengten Faust, dass sich seine Fingernägel in seine Handinnenfläche bohrten. Ein Tropfen blut lief aus seiner Handinnenfläche, als sich seine Augen weiteten. Adern traten auf seinem Handrücken sichtbar hervor und durch seine Nase schnappte er angestrengt nach Luft.
Es musste in ihm brodeln. Emotionen vieler Jahre fluteten seinen Körper.
„Wenn du jetzt gehst..." Zischte Jiang Cheng durch seine Zähne.

Doch Sun Yan hockte schweigend vor ihm und sagte kein Wort mehr, er hatte sich entschieden.

Wei Wuxian schaute noch einen kurzen Moment zu Jiang Cheng, als er sich schließlich entschied langsam aufzustehen. Er hatte keine Zeit mehr zu verlieren. Vorsichtig stützte er Sun Yan ab und half ihm hoch.
„Komm Sun Yan." Sagte er, während er seinen Arm unter Sun Yan stützen wollte.

„Nein es geht schon!" Sagte Sun Yan schnell, als er sich von alleine gerade aufrichtete. Er klopfte ein paar mal über seine Robe und zog den Stoff wieder glatt. Seine Mundwinkel zuckten leicht, als er versuchte den brennenden Schmerz von Zidians Schlag zu unterdrücken, welcher bei jeder kleinsten Bewegung durch seinen Körper schoss.
Er strich sich seine Haare aus dem Gesicht, als er sich noch einmal zu Jiang Cheng drehte und ihn anblickte.

„Komm!" Sagte Wei Wuxian vorsichtig, als er Sun Yan am Arm packte und ihn langsam wegzog.

Sun Yan blickte Jiang Cheng schweigend an. Leicht zaghaft, leicht unsicher verharrte er noch einen Moment, vielleicht in der stillen Hoffnung, Jiang Cheng würde noch etwas zu ihm sagen. Doch das tat er nicht. Schweigend standen sie einen kurzen Moment, der gefühlt eine Ewigkeit andauerte, voreinander und blickten sich an. Keiner von beiden machte einen Schritt auf den anderen zu, sondern ließen die gesagten Worte in dem anderen ungeklärt zurück.

Jiang Cheng biss sich auf seine Backenzähne, seine Kieferknochen drückten sich markant auf seinen Wangen hervor, als er sah wie Sun Yan entteuscht seinen Blick zum Boden richtete und sich dann tatsächlich von ihm abwendete.

Wei Wuxian und Sun Yan drehten beide Jiang Cheng den Rücken zu, als sie schließlich losliefen, um Lan Wangji zu Hilfe zu eilen.

Jiang Cheng blieb regungslos zurück und schaute ihren zugekehrten Rücken hinterher, wie sie sich von ihm abwendeten und ihn schließlich alleine zurück ließen.
Das rote Blut tropfte aus seiner angestrengter Faust und befleckte das grüne Gras, als seine Hände zu zittern begannen.